Quelle: Blätter 1981 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERLÄUTERUNGEN VON VERTEIDIGUNGSMINISTER USTINOW ZUM
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       SOWJETISCHEN MORATORIUMS-VORSCHLAG IN DER "PRAWDA"
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       VOM 25. JULI 1981
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       (Wortlaut)
       
       Am 25.  Juli 1981  erschien  in  der  sowjetischen  Parteizeitung
       "Prawda" unter  dem Titel" Gegen Wettrüsten und Kriegsgefahr" ein
       umfangreicher Artikel von Verteidigungsminister Ustinow. Nachste-
       hend dokumentieren  wir die  darin enthaltenen  Erläuterungen zum
       sowjetischen Moratoriums-Vorschlag im Wortlaut. D. Red.
       
       Ein großer  Beweis des guten Willens der Sowjetunion ist der Vor-
       schlag, ein  Moratorium für  die Stationierung neuer Raketenkern-
       waffen mittlerer  Reichweite durch  die NATO-Länder und die UdSSR
       in Europa zu vereinbaren. Der konstruktive Charakter unseres Vor-
       schlags liegt  auf der Hand: Dem Wettrüsten wird Einhalt geboten.
       Beiden Seiten  wird untersagt,  neue Kernwaffen  zu  stationieren
       oder bereits  vorhandene durch  neue zu  ersetzen. Das  dient der
       Stabilisierung der Lage in Europa. Es werden günstige Bedingungen
       für Verhandlungen geschaffen.
       Der Vorschlag  eines  Moratoriums  basiert  auf  dem  annähernden
       Gleichgewicht an  Kernwaffen mittlerer  Reichweite auf seiten der
       NATO und  der UdSSR,  das in Europa einige Jahre lang besteht. Es
       liegt bei  ungefähr 1000 Trägereinheiten auf jeder Seite. Bei der
       NATO handelt  es sich  um amerikanische amerikanische kernwaffen-
       tragende Flugzeuge  F-111 und F-4, die auf Luftwaffenbasen in ei-
       ner Reihe  westeuropäischer Länder  stationiert sind,  ferner  um
       Mittelstreckenbomber  vom  Typ  FB-111  sowie  kernwaffentragende
       Flugzeuge A-6  und A-7 an Bord amerikanischer Flugzeugträger, was
       insgesamt 700 Einheiten ausmacht, weiterhin um landgestützte bal-
       listische Raketen  mittlerer Reichweite, Raketen-U-Boote und Bom-
       benflugzeuge der Verbündeten der USA in einer Gesamtzahl von etwa
       300 Einheiten. Alle diese Waffen haben eine Reichweite, einen Ak-
       tionsradius zwischen  1000 und  4500 Kilometern  und stellen eine
       reale Gefahr  für das  Territorium der  UdSSR dar.  Die genannten
       Waffen der  NATO wurden  ständig modernisiert  und werden  weiter
       vervollkommnet. (In England werden auf U-Booten neue "Polaris A-3
       TK"-Raketen eingeführt.  Vorgesehen sind dafür auch "Trident"-Ra-
       keten. In  Frankreich werden  land- und  seegestützte Raketen mit
       einem Sprengkopf  durch Raketen mit sieben Sprengköpfen ersetzt.)
       Erneuert werden  auch die Ausrüstungen der vorgeschobenen USA-Ba-
       sen.
       Ein Modernisierungsprozeß  findet auch in der UdSSR statt. Jedoch
       während der  Erneuerung haben  wir zehn Jahre lang die Anzahl der
       sowjetischen Trägerraketen  mittlerer  Reichweite  in  Europa  um
       keine einzige  erhöht. Die  Anzahl der Raketenstartrampen verrin-
       gert sich sogar, weil mit der Stationierung jeder neuen Rakete in
       der UdSSR  gleichzeitig eine - bisweilen zwei - der alten abgezo-
       gen werden.  Diese Raketen werden demontiert und nicht in anderen
       Regionen stationiert.  Es verringert  sich ebenfalls  die Gesamt-
       stärke der  Kernsprengladungen der sowjetischen Raketen. Indessen
       muß man  konstatieren, daß gegenwärtig die NATO-Raketen mittlerer
       Reichweite bei  einem einzigen Start (Abschuß) anderthalbmal mehr
       Kernsprengladungen tragen  können als  die entsprechenden  Mittel
       der UdSSR.
       Im Falle  der Stationierung  von weiteren etwa 600 amerikanischen
       Raketenkernwaffen mittlerer  Reichweite in Europa erhält die NATO
       ein mehr  als anderthalbfaches Übergewicht bei Trägermitteln. Bei
       den Kernsprengladungen pro Start (Abschuß) wächst der Vorteil der
       NATO noch  mehr. Das Ergebnis ist, daß das emde Gleichgewicht der
       Kernwaffen beider  Seiten in Europa zugunsten der NATO gravierend
       verletzt wird.
       Es gibt  noch einen  nicht weniger  wichtigen Aspekt  dieses Pro-
       blems. Die neuen amerikanischen Raketen mittlerer Reichweite sind
       in bezug  auf die  Sowjetunion strategische  Waffen. Auch das ist
       den Vereinigten  Staaten gut  bekannt. Geleitet von eigennützigen
       Interessen sagen jedoch die USA ihren europäischen NATO-Verbünde-
       ten nichts  über die wirklichen Pläne zur Anwendung ihrer Raketen
       mittlerer Reichweite,  die zur Stationierung in Europa vorgesehen
       sind. Offiziell  wird erklärt, die neuen Raketen dienten der Ver-
       teidigung  der   westeuropäischen  Länder.  In  Wirklichkeit  hat
       Washington sie für "Präventiv"-Schläge gegen die sowjetischen in-
       terkontinentalen ballistischen  Raketen und  gegen andere lebens-
       wichtige Objekte  vorgesehen, die sich in den westlichen Regionen
       der UdSSR  befinden. Die Pershing-II-Raketen, die eine Reichweite
       von 2500  Kilometern und  eine hohe Treffsicherheit haben, können
       die sowjetischen  Objekte, auf die sie gerichtet sind, schon fünf
       bis sechs  Minuten nach  ihrem Start  treffen. Das aber würde die
       strategische Situation  wesentlich verändern.  Hauptanliegen  der
       USA ist  der Versuch,  einen Gegenschlag  auf das Territorium der
       USA bei einer Aggression gegen die UdSSR abzuschwächen, und nicht
       die Sorge, um die Sicherheit Europas.
       Selbstverständlich wird  auf all  das, wenn es sich als notwendig
       erweist, eine  entsprechende Antwort  gegeben werden.  Wir  haben
       Möglichkeiten, eine  militärische Überlegenheit der USA nicht zu-
       zulassen. Dadurch wird das Gleichgewicht erhalten, allerdings auf
       höherem Niveau. Dabei nimmt die Sicherheit Westeuropas aber nicht
       zu, sondern  sie wird  verringert und die westeuropäischen Länder
       selbst geraten  in noch  größere Abhängigkeit von der Kernwaffen-
       strategie des Pentagon.
       Der Sinn eines Moratoriums, wie wir ihn verstehen, besteht darin,
       daß beide  Seiten die  weitere Forcierung  der in  Europa bereits
       vorhandenen Raketenkernwaffen  mittlerer  Reichweite  einstellen.
       Genosse L.  I. Breschnew  erklärte bei  dem  Essen  zu  Ehren  W.
       Brandts: "Die  UdSSR ist  bereit, die  Stationierung der  Mittel-
       streckenraketen im  europäischen Teil  des Landes  an dem  Tag zu
       stoppen, an  dem Verhandlungen über das Wesen der Sache beginnen.
       Das freilich  nur dann,  wenn die  USA uns sagen, daß sie während
       der Verhandlungen  gleichfalls von einer Anhäufung ihrer Kernwaf-
       fen mittlerer Reichweite in Europa absehen."
       Wenn die NATO-Länder auf dem Territorium Europas nicht zusätzlich
       amerikanische Raketenkernwaffen mittlerer Reichweite stationieren
       werden, dann  ist die UdSSR bereit, die Zahl der in ihren westli-
       chen Gebieten  stationierten Kernwaffen  mittlerer Reichweite  im
       Vergleich zum gegenwärtigen Stand zu verringern. Wir sind bereit,
       uns schon  morgen an  den Verhandlungstisch  zu setzen  und unter
       Einhaltung des  Prinzips der  Gleichheit und  gleichen Sicherheit
       über eine Begrenzung, noch besser über eine Reduzierung, und zwar
       eine beträchtliche  Reduzierung, der  Kernwaffen mittlerer Reich-
       weite in Europa übereinzukommen.
       Das Moratorium ist keine Vorbedingung für den Beginn von Verhand-
       lungen. Wenn es aber von den Seiten akzeptiert wurde, gäbe es zu-
       verlässigere Voraussetzungen für die Einstellung des gefährlichen
       Prozesses der Anhäufung von Kernwaffen auf europäischen Boden.
       

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