Quelle: Blätter 1981 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ZIELEN AMERIKANISCHE ATOMWAFFEN AUF DEUTSCHE STÄDTE?
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       Dokumentation eines  "stern"-Artikels von  1970 und  eine Anfrage
       der "Blätter" an die Bundesregierung
       
       In der  gegenwärtigen Diskussion  um die  Stationierung neuer US-
       Atomraketen in  Mitteleuropa wird  von führenden  Regierungs- und
       Parteienvertretern vorzugsweise auf die Bedrohung der Bundesrepu-
       blik durch  sowjetische SS-20-Mittelstreckenraketen  hingewiesen.
       Die von  den ca. 10.000 in der Bundesrepublik gelagerten US-Atom-
       sprengköpfen (SIPRI)  ausgehende  Gefährdung  wird  dagegen  ver-
       schwiegen.
       In diesem  Zusammenhang scheint  es geboten,  eine schon  längere
       Zeit zurückliegende Enthüllung des "stern" von 1970 über die ame-
       rikanischen Zielplanungen  in Europa ins Gedächtnis zu rufen. Aus
       amerikanischen Geheimdokumenten  konnte der  "stern" belegen, daß
       auch Städte der Bundesrepublik in den Zielkatalogen für den Atom-
       waffeneinsatz der  US-Luftwaffe sind.  Im Falle  eines  Einsatzes
       dieser Waffen  würde sich  die Bundesrepublik  atomar verseuchtes
       Schlachtfeld verwandeln.
       Die Zahl  der in  diesem Land  gelagterten Atomwaffen  ist in der
       Zwischenzeit noch angestiegen. Gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt
       der intensiven  öffentlichen Debatte um die "Nachrüstung" ist die
       Bundesregierung angehalten, ihr sicherheitspolitisches Konzept zu
       legimitieren. Die Redaktion der "Blätter" wendet sich an den Bun-
       deskanzler und  den Bundesverteidigungminister  und  fordert  sie
       auf, öffentliche  Klarheit über  Funktion und  Einsatzplanung der
       auf  westdeutschem   Boden  stationierten  US-Atomsprengköpfe  zu
       schaffen. D. Red.
       
       Geheimdokumente
       
       Atombomben auf Kiel
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       Der "STERN"  berichtet über  Amerikas "streng geheime" Atom-Ziel-
       planung
       
       Major John  Doe, Kommandant  und Pilot  eines amerikanischen Bom-
       bers, erhält  eines Tages  den Einsatzbefehl,  das Ziel 0726M an-
       zugreifen. Bevor  er startet,  entnimmt er  dem Handbuch "Nuclear
       Yield Requirements"  die genauen  "Kernsprengkraft-Erfordernisse"
       für die Vernichtung des Ziels. Die Kilotonnenstärke der mitzuneh-
       menden Atombombe  und die  exakte Höhe, auf die ihr Zünder einzu-
       stellen ist.  Das Ziel  0726M liegt  in GW, in der Bundesrepublik
       ("Germany, West");  das Handbuch gibt dafür die exakten geografi-
       schen Koordinaten  an, der  Buchstabe M bedeutet, daß es an einer
       Wasserstraße liegt  und entweder eine Schleuse oder ein Damm ist.
       Dafür ist Aufschlagzündung ("Contact Burst") vorgeschrieben.
       Nach dem  Einsatz von  Major John  Doe wären  viele Einwohner der
       schleswigholsteinischen Landeshauptstadt  Kiel und ihrer Umgebung
       sofort tot.  Viele andere würden in der Folgezeit qualvoll dahin-
       siechen und  sterben - und zwar durch die "radiologischen Wirkun-
       gen", die  der Aufschlag  einer Atombombe auf die Nord-Ostsee-Ka-
       nal-Schleusen bei  Kiel-Holtenau erzeugen wurde. Dieses Ziel näm-
       lich verbirgt sich hinter der sogenannten SACEUR-Nummer 0726M.
       In der vierstelligen Zahl von Atomangriffszielen bis hin nach Te-
       heran, die  SACEUR, der  seit jeher von Amerika gestellte Oberste
       Befehlshaber der  NATO in  Europa, ausgewählt  hat,  sind  manche
       Städte Mehrfach-Ziele so auch Kiel. Unter der SACEUR-Nummer 0737E
       würde es  auch wegen  seiner  militärischen  "Befehlsstellen  und
       Truppenunterkünfte" (das  bedeutet der  Buchstabe E) atomar ange-
       griffen werden,  um den  Sowjets deren  Benutzung zu  verwehren -
       ebenso wie  die umliegenden  Städte Schleswig (0736E), Neumünster
       (0738E), Itzehoe  (0739E), Flensburg  (0740E) und Lübeck (0741E).
       Die Orte  Rendsburg, Grünental, Brunsbüttelkoog, Kappeln und Lau-
       enburg müßten wegen ihrer Brücken und Schleusen daran glauben.
       Und dies sind nur zwölf Ziele im kleinen westdeutschen Bundesland
       Schleswig-Holstein, die  auf den  Seiten 21 und 22 von Band I des
       zweibändigen Zielplanungs-Handbuchs  "Nuclear Yield Requirements"
       stehen.
       Auf jeder Seite der voluminösen US-Zielliste stehen vierzig Ziele
       - insgesamt  eine vierstellige Zahl. Es sind Flugplätze, Brücken,
       Bahnanlagen, militärische Hauptquartiere und Truppenkonzentratio-
       nen, Munitions-  und Waffendepots,  Schleusen, Dämme  und Häfen -
       und das nicht nur in sämtlichen Warschauer-Pakt-Staaten.
       DDR-Ziele sind  zum Beispiel Rostock, Wismar, Stralsund, Neustre-
       litz, Wittenberge,  Schwedt, Frankfurt/Oder,  Halle, Halberstadt,
       Eisenach, Gotha,  Suhl. In  Polen u.a.  Danzig, Kolberg, Breslau,
       Hela, Ratibor,  Grünberg, Glogau.  In der  Tschechoslowakei Preß-
       burg, Leitmeritz, Pardubitz, Ostram, Budweis. In Ungarn Pécs, Ko-
       márom, Kecskemét,  Gyor. In  Rumänien Ploesti,  Bukarest, Galati,
       Braila. In  Bulgarien Plovdiv,  Dimitrovgrad, Marica.  Und in der
       Sowjetunion unter  anderem Leningrad,  Tallinn,  Riga,  Murmansk,
       Leninakan, Rostow, Sewastopol, Taganrog, Tiflis, Eriwan.
       Aber auch  US-Verbündete von  der Bundesrepublik bis nach Persien
       (Teheran, Abadan,  Hamadan, Kerman in der Zielliste ebenso unter-
       schiedslos mit  Atombomben bedacht  wie neutrale  und  blockfreie
       Staaten: Österreich  zum Beispiel ist in der Liste u.a. mit Wien,
       Sankt Pölten,  Linz, Mauthausen,  Klagenfurt, Innsbruck  und Graz
       vertreten. Finnland  mit Helsinki, Tampere, Rovademi und Lappeen-
       ranta. Jugoslawien mit Belgrad, Novi Sad, Maribor, Zagreb und Ri-
       jeka. Im  Nahen Osten stellen Irak, Syrien und Ägypten zahlreiche
       Ziele.
       
       Was Deutsche  nicht wissen  sollten: Allein Seite 22 des US-Atom-
       bomber-Handbuchs führt  40 Ziele  in GW  (Bundesrepublik) und  GE
       (DDR) auf.  Nr. 1070BD  ist die  Bahn/Straßen-Brücke bei  Witten-
       berge/Elbe, Länge  2540, Breite  35 Fuß.  Über dem  Geheimvermerk
       "Top Secret"  steht: "Die  Informationen dieses  Dokuments dürfen
       Ausländern nicht mitgeteilt werden." Bei Helmstedt irrten die US-
       Zielplaner: Sie verlegten es in die DDR
       
       Weitere Listen des Handbuchs legen je nach Art des Ziels Bodenex-
       plosion mit  Aufschlagzündung oder  Detonation der  Bombe in  der
       Luft fest.  Und eine besondere Tabelle gibt die richtige Explosi-
       onshöhe für  Bombenkaliber zwischen  2,5 Kilotonnen  (2500 Tonnen
       herkömmlichen Sprengstoffs)  und 1,4  Megatonnen  (1,4  Millionen
       Tonnen) Sprengkraft  an. Eine  Bombe von  1,4 Megatonnen  hat die
       siebzigfache Sprengkraft der Bombe von Hiroshima!
       Die NATO-amerikanische Zielplanung ist nicht mehr geheim: Umfang-
       reiche Teile  des Atombomber-Handbuchs  "Nuclear  Yield  Require-
       ments" befinden  sich seit  Beginn des  Jahres 1970 im Besitz des
       STERN. Hohe  US-Dienststellen bestätigen  dem STERN ihre absolute
       Echtheit. Und  Geheimdienstgewährsleuten zufolge ist die vor Ame-
       rikas   Verbündeten peinlich geheimgehaltene Zielplanung den Rus-
       sen längst bekannt:
       Denn die  Zielplanungsdokumente wurden  zusammen mit einem ganzen
       Packen anderer  US-Geheimpläne von  dem US-Army-Sergeanten Robert
       Lee Johnson  an die  Sowjets verraten. Johnson hatte von 1959 bis
       1964 als  Kurier amerikanischer  Dienststellen in  Frankreich und
       danach bis zu seiner Verhaftung im April 1965 als Kurier des Pen-
       tagon Zugang  zu  geheimsten  Dokumenten.  Seitdem  er  in  einem
       nichtöffentlichen Gerichtsverfahren  das volle Ausmaß seines Ver-
       rats gestand,  verbüßt er  eine 25jährige Zuchthausstrafe. Verra-
       tenes aber  kann nicht  mehr verraten  werden. Der  STERN erfüllt
       deshalb nur seine Informationspflicht, wenn er die Öffentlichkeit
       mit Tatsachen  bekanntmacht, die  bisher wohl  vermutet wurden  -
       weshalb auch  Bundeswehr-Generale anfingen,  über die Grenzen der
       Bündnistreue nachzudenken  (STERN Nr.  4/1970: "Im Ernstfall meu-
       tern?") -,  die aber  nicht einmal  Bonner  Verteidigungsminister
       konkret erfahren durften.
       Denn dem hochbrisanten Handbuch "Nuclear Yield Requirements", das
       der Stellvertretende  Chef des  Stabes  für  Feindaufklärung  des
       Hauptquartiers der US-Luftwaffe in Europa (USAFE) zusammenstellen
       ließ, wurde  außer der  Geheimhaltungsstufe "Top Secret" - streng
       geheim - noch der Sondervermerk aufgedruckt: "Die in diesem Doku-
       ment enthaltenen Informationen dürfen ausländischen Staatsanaehö-
       rigen oder deren Vertretern nicht mitgeteilt werden.
       So wurden denn auch die Bundesrepublik und andere NATO-Mitglieder
       über die  Detailergebnisse der  US-Zielplanung nie  unterrichtet.
       Noch nach dem Verrat des Sergeanten Johnson verschwieg man ihnen,
       was die Russen schon wußten.
       Die Planung  liegt nach  wie vor  in US-Händen: Der amerikanische
       NATO-Oberkommandierende in Europa (SACEUR) gibt alljährlich seine
       "Wunschliste" für Atomwaffenziele an das Strategische Luftwaffen-
       kommando  (SAC)  der  USA  in  Omaha,  Nebraska.  Dort  wird  die
       "Abdeckung" der  Ziele durch verschiedene Atomwaffenträger ausge-
       arbeitet. Ein  Resultat war  so zum  Beispiel für den Bereich der
       US-Luftwaffe in  Europa  das  nun  nicht  mehr  geheime  Handbuch
       "Nuclear Yield Requirements". Nach Meinung von Fachleuten dürften
       die US-Spitzenmilitärs  in der  NATO es  sogar als höchst geheime
       "Cosmic"-Sache ihren Alliierten vorenthalten haben.
       Der STERN jedoch kam in den Besitz der ultra-geheimen Informatio-
       nen. Ein  "großer Unbekannter"  lieferte Filmnegative, und in der
       Dunkelkammer wurden  Teile des  Atombomber-Handbuchs und weiterer
       US-Geheimdokumente sichtbar.  Derselbe Anonymus  hatte im  Sommer
       1969 mit  Briefen, die in Rom zur Post gegeben waren schon einmal
       einen US-Operationsplan  publik gemacht,  den die  Amerikaner vor
       ihren Verbündeten  geheimgehalten hatten: den Plan 10-1 für einen
       nach einen  nach einer NATO-Niederlage im Felde überall in Europa
       zu entfesselnden  Partisanenkrieg mit  atomaren, biologischen und
       chemischen Waffen.
       Der STERN  berichtete über  den giftschwangeren Partisanenkriegs-
       Plan 10-1  in Nr.  35/1969 ("Verrat  per Post")  und Nr.  37/1969
       ("Partisanenkrieg auf  deutschem Boden") Amerikanische Militärin-
       stanzen mußten damals wie heute die Echtheit der Dokumente bestä-
       tigen.
       Nach Veröffentlichung  des  amerikanischen  Partisanenkriegspläne
       wurde von  Geheimdienstsprechern erklärt,  Quelle der  US-Geheim-
       pläne sei  der Sowjet-Geheimdienst KGB und speziell dessen Abtei-
       lung D ("Desinformation") gewesen. Dasselbe wird auch diesmal be-
       hauptet.
       Die Zielplanungsdokumente haben ihre Ursprung in der Zeit, in der
       Kernwaffen zu  Tausenden in die Hände der US-Atomstrategen kamen,
       so daß  für fast  jede Brücke  und Straßenkreuzung in Europa eine
       Atombombe  eingeplant   wurde.  Damals   meinte  der  CDU-Kanzler
       Adenauer naiv,  die Atomwaffen  seien nur "eine Weiterentwicklung
       der Artillerie".
       Wahrscheinlich ist  die in den Dokumenten festgelegte Zielplanung
       nicht mehr  in allen  Einzelheiten gültig,  da die Zielliste all-
       jährlich  revidiert   wird.  So   werden,  seit  es  Raketen  und
       "Atomminen" gibt, die Ziele nicht mehr ausschließlich von Bomben-
       flugzeugen "abgedeckt".  Doch eine  wesentliche Änderung ist nach
       dem Urteil  hoher US-Militärs  schon dadurch  ausgeschlossen, daß
       strategische Ziele  wie Brücken, Verkehrszentren, Häfen usw. ihre
       Position nicht  verändern. Und  die Tatsache,  daß in NATO-Europa
       auch heute  noch mehr  als 7000 amerikanische Atomsprengsätze la-
       gern, spricht nicht dafür, daß die vierstellige Zielliste kleiner
       geworden ist.
       Eines ist  sicher: Die  den Deutschen  und anderen US-Verbündeten
       verheimlichten Dokumente  sind den  Russen längst bekannt. Moskau
       hat sich  auf Washingtons Atomplanung einrichten können. Die Bon-
       ner Politiker  und Militärs  keineswegs, und  schon gar nicht die
       deutsche Bevölkerung.
       "Der Respekt  vor dem mündigen Staatsbürger verlangt, daß man ihm
       Schwierigkeiten nicht  vorenthält" erklärte  Bundeskanzler Brandt
       in seinem  Bericht "zur  Lage der Nation" am 14. Januar 1970. Die
       vorliegenden "Schwierigkeiten" betreffen eine Strategie, die Ver-
       bündete auslöscht, die sie zu verteidigen vorgibt.
       Als die Filmnegative alle entwickelt waren, kamen auch amerikani-
       sche Befehle für die Landkriegführung und den Einsatz des US-Hee-
       res-Atomwaffen in  "befreundeten und  neutralen Ländern" zum Vor-
       schein. Sie  laufen auf  eine Strategie der verbrannten Erde hin-
       aus. Der STERN wird auch darüber berichten.
       
       
       Geheimdokumente Il
       
       Rhein und Main in Flammen
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       US-Generale planten verbrannte Erde in der Bundesrepublik
       
       Wenn die  Russen je gekommen wären, hätte die amerikanische Armee
       in der Bundesrepublik zur Deckung ihres Rückzugs sogar die Flüsse
       angezündet. In  einem  Befehl  des  V.  US-Korps  (Hauptquartier:
       Frankfurt am  Main) an seine Pioniereinheiten heißt es: "So könn-
       ten Vorräte  von Petroleumprodukten,  die an  Binnenwasserstraßen
       gelagert sind, zu gegebener Zeit in diese abgelassen und in Brand
       gesetzt werden, um Flammenbarrieren zu schaffen."
       Der "Sperr-  und Verwehrungsplan" ("Barrier and Denial Plan") be-
       fiehlt den  US-Pionieren, "zur  Verstärkung  natürlicher  Hinder-
       nisse" auf  alle verfügbaren  örtlichen Hilfsmittel zurückzugrei-
       fen. Der Bereich des V. Korps, gleichzeitig sein Rückzugskorridor
       von der  Fulda bis  zum Rhein,  wird im  Norden von  der Lahn, im
       Süden vom Main begrenzt.
       Teile dieses  brenzligen "Sperr-  und Verwehrungsplans" und Teile
       eines Plans  für nukleare  Unterstützungsmaßnahmen ("Nuclear Sup-
       port Plan") gelangten Anfang Januar per Post in die Redaktion des
       STERN -  zusammen mit  ebenso "streng  geheimen" Unterlagen  über
       Amerikas Atomziele von Flensburg bis Teheran.
       Über diese  Zielpläne berichtete  der STERN  in der letzten Woche
       (Nr. 6/1970:  "Atombomben auf  Kiel"), nachdem hohe US-Militärin-
       stanzen die  Echtheit aller dieser Geheimdokumente bestätigt hat-
       ten. Geheimdienst-Gewährsleute  wiesen auf  die Tatsache hin, daß
       den Sowjets alle diese "Geheimnisse" durch den Verrat des US-Ser-
       geanten Robert Lee Johnson längst bekannt sind.
       Was die  Russen also  wissen, die Westdeutschen aber bisher nicht
       erfuhren, ist dies: Seinen Rückzug zum Rhein will das V. US-Korps
       im Ernstfall  nicht nur durch brennende Flüsse, sondern vor allem
       atomar decken.  So  wurde  die  "bewußte  Integrierung"  der  als
       "Atomminen"  bekannten  "atomic  demolotion  munitions"  in  alle
       Sperrvorbereitungen befohlen. Schluchten, Brücken und Tunnels auf
       den Einfallswegen des Gegners sollen atomar blockiert werden, der
       via Fulda und Marburg mit dem Ziel Frankfurt erwartet wird.
       Auf dem  Rückzug hofft das Korps zwar den nachdrängenden Feind in
       atomare "Vernichtungsräume" ("killing grounds") locken zu können,
       will ihm - und der überlebenden Bevölkerung - aber auf jeden Fall
       den Gebrauch  von Verkehrsanlagen, Transportmitteln, Vorräten und
       Fernmeldesystemen durch  "Zerstörung, Neutralisierung  oder  Weg-
       schaffung" unmöglich  machen. Schließlich sollen alle Brücken ge-
       sprengt werden,  damit der Gegner nicht nachrückt, wenn das Korps
       über den Rhein retiriert.
       Diese Pläne für eine Strategie der brennenden Flüsse und der ato-
       mar verbrannten  Erde -  Anlagen zum  Kriegsplan EDP  1-62 des V.
       Korps -  hat der  US-Generalleutnant John Hersey Michaelis unter-
       zeichnet. Er  kommandierte das V. Korps vom 15. Mai 1962 bis Juli
       1963.
       Die Daten  sind wichtig,  denn das Bundesverteidigungsministerium
       versuchte die  vom STERN  veröffentlichten atomaren Zielpläne mit
       dem Argument zu bagatellisieren, daß seit der Athener NATO-Konfe-
       renz vom 4. bis 6. Mai 1962 der Einsatz nuklearer Waffen nur nach
       Konsultation unter den Alliierten erfolgen dürfe.
       Zeitlich nach  den sogenannten  "Athener Richtlinien" liegt eben-
       falls ein  "Top-Secret"-Befehl, den der US-Heeresoberbefehlshaber
       Europa (CINCUSAREUR), General Paul L. Freemann (Mai 1962 bis März
       1965), unterzeichnete und dessen Anhang L die "chemische und bio-
       logische Kriegführung" betrifft.
       Was die  nuklearen Waffen angeht, so kommt es nach einem weiteren
       "Top-Secret"-Befehl lediglich auf die "R-Stunde" ("release hour")
       für die  Freigabe des  Atomfeuers an: Danach brauchten amerikani-
       sche Truppenkommandeure  "in befreundeten  und neutralen Ländern"
       nur dann die Genehmigung ihres Oberbefehlshabers einzuholen, wenn
       sie Atomwaffen  mit mehr  als zehn  Kilotonnen Sprengkraft  - die
       halbe Stärke  der Hiroshima-Bombe - einsetzen wollen. Der Einsatz
       kleinerer Atomwaffen  ist bei  simpler "militärischer  Notwendig-
       keit" von der "R-Stunde" an pauschal freigegeben - "in befreunde-
       ten und neutralen Ländern".
       

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