Quelle: Blätter 1981 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUFRUF ZUM ZWEITEN FORUM DER KREFELDER INITIATIVE
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       "DER ATOMTOD BEDROHT UNS ALLE - KEINE ATOMRAKETEN IN EUROPA"
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       AM 21. NOVEMBER 1981 IN DORTMUND
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       (Wortlaut)
       
       Die Initiatoren  des "Krefelder  Appells" gaben am 22. August die
       nachstehend dokumentierte Erklärung ab. Bis August 1981 haben be-
       reits 1,2  Millionen Bürger den "Krefelder Appell" an die Bundes-
       regierung, ihre Zustimmung zur Stationierung neuer amerikanischer
       Atomraketen auf  deutschem Boden zurückzuziehen, mit ihrer Unter-
       schrift unterstützt. D. Red.
       
       Am 1.  September 1939  begann Deutschland  den Zweiten Weltkrieg.
       Sechs Jahre später endete dieser Krieg mit dem atomaren Holocaust
       der kaltblütig  zur  Demonstration  des  Schreckens  ausgewählten
       Städte Hiroshima und Nagasaki. Eine Zeit entsetzlicher Leiden und
       Schandtaten, an  denen wir  Deutsche als  Leidende wie  als Täter
       nicht geringen  Anteil hatten,  schien  endgültig  überwunden  zu
       sein.
       Doch 36 Jahre haben genügt, die mahnende Erinnerung zu tilgen und
       eine selbstzerstörerische  Militarisierung der  Politik, eine er-
       neute Vergötzung  immer wirksamerer Vernichtungspotentiale wieder
       möglich zu  machen. Das aber darf und muß nicht sein! Wir fordern
       deshalb von  der Bundesregierung  als deutschen Beitrag zur Redu-
       zierung des  Kriegsrisikos die  Aufkündigung der  am 12. Dezember
       1979 erteilten  Genehmigung zur Stationierung einer neuen Genera-
       tion nuklearer Mittelstreckenwaffen der USA in Europa, vorwiegend
       auf unserem Boden.
       Diese Forderung  ist heute dringlicher und notwendiger als je zu-
       vor. Hat  sich doch seit der Verabschiedung des Krefelder Appells
       vom 16.  November 1980  in bedruckender  Weise bestätigt, wie be-
       gründet unsere  Warnung vor  diesem Rüstungsschritt  ist. Was der
       deutschen Öffentlichkeit  unter Verzerrung  der  Tatsachen  immer
       noch als  "Nachrüstung" und  als Teil  eines  "Doppelbeschlusses"
       dargestellt wird, der vor allem Verhandlungen zur Rüstungsbegren-
       zung möglich  machen soll,  entlarvt sich  jeden Tag mehr als das
       Ergebnis einer  Veränderung des  nuklearen  Kriegsführungsdenkens
       der westlichen  Supermacht. Eines  Denkens, das  wegführt von der
       jahrzehntelang gültigen  Vorstellung, einen  Nuklearkrieg mit nur
       zur Abschreckung  tauglichen Nuklearwaffen weltweit verhindern zu
       können, und hinfährt zur Absicht, einen künftigen Krieg mit dafür
       entwickelten Nuklearwaffen  auf Europa  zu beschränken,  hier  zu
       führen und zu gewinnen.
       Wie weit  diese Entwicklung vorangeschritten ist, haben eben erst
       zwei Ereignisse deutlich gemacht. Einmal die Erklärung des ameri-
       kanischen Abrüstungsbeauftragten,  Eugene Rostow,  der dem Gerede
       vom "Doppelbeschluß"  endgültig den Boden entzog, indem er darauf
       hinwies, daß die Stationierung von Pershing-II-Raketen in unserem
       Lande "beschlossen"  und "nicht mehr verhandelbar" sei. Zum ande-
       ren die  vom amerikanischen  Präsidenten verfügte  Produktion der
       für Europa bestimmten Neutronenwaffen, deren Bereitstellung frei-
       lich in der Logik der oben erwähnten Veränderung liegt. Sind doch
       Neutronenwaffen in  besonderem Maß  geeignet, die Grenze zwischen
       konventionellen und  nuklearen  Waffeneinsätzen  in  gefährlicher
       Weise zu verwischen.
       Deutsche und Europäer sind aufgerufen, sich dieser Entwicklung im
       ureigensten Interesse,  aber auch zum Wohle der Welt, entschieden
       zu widersetzen  und von  ihren Regierungen die Aufkündigung jeder
       Unterstützung oder  auch nur  Duldung dieser verhängnisvollen Rü-
       stungsschritte  zu   verlangen.  Sie   handeln  damit  keineswegs
       "antiamerikanisch", weil  es auch  in den  USA eine  starke, hier
       meist verschwiegene  Opposition gegen  die nukleare Rüstung gibt,
       als deren  Wortführer Wissenschaftler,  Politiker und Militärs an
       die Öffentlichkeit treten und uns Europäer zum gemeinsamen Wider-
       stand auffordern.  Ebensowenig  handeln  sie  "prokommunistisch",
       weil wohl  oder übel  zur Kenntnis  genommen werden muß, daß auch
       Kommunisten den  Wunsch haben,  zu überleben  und nicht  in einem
       atomaren Inferno  zugrunde zu  gehen. Wenn  Kommunisten daher In-
       itiativen gegen  die Rüstungseskalation wie zum Beispiel den Kre-
       felder Appell  begrüßen und  unterstützen, so ist dies kein Argu-
       ment gegen  diesen Appell  und die  Personen, die  ihn tragen; es
       spricht vielmehr  für das überragende, alle ideologischen Grenzen
       überschreitende Interesse  auch von  Kommunisten an der Erhaltung
       des Friedens  und der Verhinderung eines Krieges, der sowohl kom-
       munistische wie nichtkommunistische Länder in atomare Wüsten ver-
       wandeln wurde.
       Wer  den   Krefelder  Appell   unterstützt,  handelt  auch  nicht
       "einseitig", wie  es die  oft geäußerte, alle Tatsachen leugnende
       und darum  törichte Behauptung  glauben machen möchte, "Wer Pers-
       hing sagt,  der muß auch SS-20 sagen". Wer so argumentiert, über-
       sieht geflissentlich, daß man mit mehr Berechtigung fordern kann,
       "Wer SS-20  sagt, der  muß auch  Poseidon und Polaris sagen", was
       NATO und Bundesregierung allerdings nicht tun, um die Version von
       einer zur  "Nachrüstung" des  Westens  nötigen  "Vorrüstung"  des
       Ostens aufrechterhalten zu können. Denn Poseidon- und Polaris-Ra-
       keten der  NATO "in  und für Europa" sind in ihrer Gefährlichkeit
       und Unnötigkeit den sowjetischen SS-20-Raketen ebenbürtig und ge-
       währleisten ein Gleichgewicht des Schreckens.
       Doch Pershing-II-Raketen, Marschflugkörper und jetzt auch Neutro-
       nenwaffen setzen dies Gleichgewicht außer Kraft und erhöhen damit
       die Kriegsgefahr in Europa. Entschieden wenden wir uns daher wei-
       terhin gegen  diese einseitigen  und mit  der sowjetischen SS-20-
       Aufstellung nicht zu begründenden Rüstungsschritte. Wir wiederho-
       len  unseren  Appell  an  die  Bundesregierung,  die  sogenannten
       Nachrüstungswaffen in  Europa nicht  zuzulassen, und ergänzen ihn
       mit der Forderung, auch einer Ausrüstung der NATO-Streitkräfte in
       Europa mit Neutronenwaffen rechtzeitig zu widersprechen.
       Helfen auch Sie uns mit Ihrer Unterschrift, diesem Appell millio-
       nenfachen Nachdruck zu verleihen. Nur so kann die Bundesregierung
       gezwungen werden, ihre Politik zu ändern.
       Kommen Sie  am 21.  November 1981 nach Dortmund in die Westfalen-
       halle zum Zweiten Forum der Krefelder Initiative "Der Atomtod be-
       droht uns  alle -  Keine Atomraketen  in Europa", bei dem wir die
       Gemeinsamkeit aller  Rüstungsgegner in  dieser Existenzfrage  zum
       Ausdruck bringen wollen.
       
       Frankfurt/M., 22. August 1981
       Die Initiatoren  des Krefelder  Appells: Gert  Bastian, Petra  K.
       Kelly, Martin Niemöller, Helmut Ridder, Christoph Strässer, Gösta
       v. Uexküll, Josef Weber
       

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