Quelle: Blätter 1981 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       INTERVIEW MIT GENERALMAJOR A.D. GÜNTER VOLLMER IN "PANORAMA"
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       VOM 29. SEPTEMBER 1981
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       (Wortlaut)
       
       Günter Vollmer,  Generalmajor a.D.  der Bundeswehr,  hat in einem
       Gespräch mit  Stefan Aust,  ausgestrahlt am 29. September 1981 in
       "Panorama", tiefe  Sorge über die gegenwärtige verteidigungspoli-
       tische Konzeption der Bundesrepublik geäußert. Nachstehend veröf-
       fentlichen wir  mit freundlicher  Genehmigung von General Vollmer
       den vollständigen, für den Abdruck in den "Blättern" korrigierten
       Text des Gesprächs.
       Günter Vollmer  war am  Ende des  Zweiten Weltkrieges  Hauptmann,
       Ritterkreuzträger und  führte zuletzt  ein Bataillon. Er war vier
       Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, trat 1956 in die Bun-
       deswehr ein,  war im  Truppendienst, im Generalstabsdienst und im
       Ministerium tätig.  Seine Überlegungen hat er zuerst - allerdings
       ohne Resonanz - dem Verteidigungsministerium vorgelegt. D. Red.
       
       Stefan Aust:  Herr Vollmer,  Sie haben vor fünf Wochen an Bundes-
       verteidigungsminister Apel  geschrieben und  ihm Ihre  Sorge über
       die verteidigungspolitische Konzeption der Bundeswehr mitgeteilt.
       Was waren Ihre Motive dafür?
       Günter Vollmer:  Herr Aust, ich habe ihm geschrieben, daß bereits
       einmal einer  deutschen Generalität mit Recht der Vorwurf gemacht
       worden sei,  daß sie geschwiegen habe, obwohl sie wußte, was her-
       aufzog. Ich  möchte, da  ich heute eine neue große Gefahr herauf-
       ziehen sehe, nicht schweigen und warnen.
       Stefan Aust: Worin sehen Sie die Hauptgefahren?
       Günter Vollmer. Zwei Punkte sehe ich. Das eine ist, daß im Rahmen
       der Verteidigung  Westeuropas immer  mehr in die Verteidigung die
       Nuklearwaffen einbezogen  werden. Ich halte das für undenkbar, da
       Europa ein  so dicht besiedeltes Gebiet ist, daß hier Nuklearwaf-
       fen den Tod für viele Millionen Menschen bedeuten würde.
       Zum Zweiten, glaube ich, daß wir nicht mehr in der Lage sein wer-
       den, wir  alle die  westeuropäischen Nationen,  nicht mehr in der
       Lage sein werden, die Kosten für neue Waffen und neue Folgewaffen
       weiter bezahlen zu können.
       Stefan Aust:  Bedeutet das,  daß die  Verteidigungskonzeption der
       NATO, Ihrer Ansicht nach, generell verfehlt ist?
       Günter Vollmer:  Die Verteidigungskonzeption  der NATO  beruht ja
       auf der sogenannten "Triade"-Lösung. Ich darf kurz aufzählen, was
       man sich  darunter vorstellt. Man rechnet mit dreierlei militäri-
       schen Reaktionen, wenn aus dem Osten ein Angriff erfolgen sollte.
       Die erste  Reaktion ist  die sogenannte  "Direktverteidigung" mit
       konventionellen Kräften.  Hierbei wird  der Einsatz von nuklearen
       Waffen nicht  ausgeschlossen. Die  zweite Reaktion wäre die soge-
       nannte "vorbedachte  Eskalation". Hiermit  soll  einem  Angreifer
       durch einen politisch-kontrollierten selektiven Einsatz nuklearer
       Waffen deutlich  gemacht werden, daß Erfolgschance und Risiko für
       ihn in  einem nicht mehr tragbaren Verhältnis stehen. Und die Re-
       aktion drei  wäre dann  die allgemeine nukleare Reaktion. Sie be-
       deutet den  Einsatz der  nuklear-strategischen Waffen und richtet
       sich vor  allem gegen  das strategische  Potential  des  Gegners.
       Diese Theorie  unterstellt, daß  ein begrenzter Atomkrieg möglich
       ist.
       Stefan Aust: Und da sind Sie anderer Meinung.
       Günter Vollmer.  Hier bin  ich anderer Meinung, und zwar aus fol-
       gendem Grund. Schon Clausewitz hat gesagt: der Angreifer will er-
       obern, der  Verteidiger will erhalten. Wenn hier ein Nuklearkrieg
       stattfinden würde, würde nichts mehr erhalten bleiben.
       Stefan Aust:  Das wäre  also eine  Verteidigung durch kollektiven
       Selbstmord?
       Günter Vollmer: So könnte man es durchaus benennen.
       Stefan Aust:  Wäre die  Bundeswehr, so  wie sie strukturiert ist,
       denn überhaupt  in der  Lage, einen  konventionellen Angriff auch
       konventionell zu erwidern?
       Günter Vollmer:  Die Landstreitkräfte hier, die die Hauptlast des
       Kampfes tragen  müßten, sind heute - die deutschen muß ich sagen,
       aber die  Streitkräfte der Alliierten, die auf dem Boden der Bun-
       desrepublik stationiert  sind, sind  fast  genau  ausgestattet  -
       diese Landstreitkräfte  sind fast ausschließlich Panzer- und Pan-
       zergrenadierstreitkräfte, das heißt, Streitkräfte, die vom Panzer
       und vom  gepanzerten Fahrzeug,  dem Schützenpanzer,  aus  kämpfen
       sollen. Da wir im Rahmen der sogenannten "Vorne-Verteidigung" all
       diese Verbände  an der Grenze zum Osten hin aufmarschieren lassen
       müßten, würde  es bedeuten,  daß ich diese Verbände, die zu einer
       stark beweglichen  Kampfführung bestimmt  sind, in  einen Abwehr-
       kampf stellen  müßte, zu dem sie an sich nicht geeignet sind. Ich
       würde einen  beweglich kämpfen  sollenden Soldaten  festbinden an
       der Grenze.  Das Schlimme  ist, dahinter  habe ich keine weiteren
       Kräfte, das  heißt, wenn  diese Verbände  durch den  gegnerischen
       Druck zum  Rückwärtsgehen gezwungen  sind, werden  sie nicht mehr
       aufgehalten werden  können oder angefangen werden können. Und wir
       wissen, daß  das nur  möglich ist,  wenn  ein  Verband  rückwärts
       rollt, wenn hinten neue Linien die Aufnahme vorbereiten haben.
       Stefan Aust:  Wie sieht das mit der Rolle der Luftwaffe in dieser
       Konzeption aus?
       Günter Vollmer.  Die Rolle der Luftwaffe in dieser Konzeption ist
       ähnlich zu bezeichnen. Wir haben hervorragende Flugzeuge. Die Na-
       men sind Ihnen alle bekannt. Diese Flugzeuge sind zu einem großen
       Teil in  der Lage,  Atomwaffen transportieren zu können. Nur, dem
       vorne kämpfenden  Soldaten direkte  Unterstützung zu  geben, dazu
       sind sie wenig in der Lage und meines Erachtens auch zu teuer.
       Stefan Aust:  Bedeutet das,  daß die  jetzige Struktur und Ausrü-
       stung der Bundeswehr demnach weniger die einer Verteidigungsarmee
       als eigentlich  die einer  Angriffsarmee ist, wozu die Bundeswehr
       ja nach dem Verfassungsauftrag nicht gedacht ist?
       Günter Vollmer: Ich würde es nicht ganz so hart sagen. Jedoch äh-
       nelt diese  Bundeswehr in ihrem Aufbau und ihrer Ausrüstung einer
       Art Expeditionsarmee,  die in  der Lage  ist, weit von der Heimat
       entfernt eingesetzt  werden zu können. Das gilt für die Waffensy-
       steme. Das  gilt für  die Panzer und Ausrüstungen mit Fahrzeugen.
       Das gilt  für die  Flugzeuge. Das gilt für die Logistik. Letztere
       zum Beispiel  haben wir aufgebaut fast wie die Amerikaner, obwohl
       wir unsere  Truppen nach  dem Verfassungsgebot ausschließlich zur
       Verteidigung auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland einset-
       zen wurden.
       Stefan Aust:  Wie würde  denn Ihrer Meinung nach eine Konzeption,
       wobei die Bundeswehr in ihrer Ausrüstung auch diesem Verfassungs-
       auftrag der Verteidigungsarmee entspricht- wie könnte eine solche
       Konzeption aussehen?
       Günter Vollmer:  Ein konventioneller  Angriff aus  dem Osten, den
       wir ja aufgrund der gewaltigen Stärke des Ostens immer wieder be-
       fürchten müssen,  würde mit  riesigen Menschemnassen und riesigen
       Panzermassen erfolgen.  Wie ich  vorher schon  sagte, sind  diese
       Streitkräfte, die wir haben, dazu nicht in der Lage, ihn wirklich
       aufhalten zu können. Zur Verteidigung braucht man starke infante-
       ristische Kräfte, die mit zahlreichen Panzerabwehrwaffen ausgerü-
       stet werden  können. Solche  Waffen sind vorhanden. Sie sind viel
       billiger als  ein Panzer  oder ein  Schützenpanzer. Es  wäre also
       möglich, alle  Menschen, möchte  ich sagen,  die wehrfähig  sind,
       daran auszubilden  und die  Ausstattung bereitzuhalten.  Ich  bin
       überzeugt, daß  ein Angriff  gegen solch  eine Truppe,  die jeden
       Ort, jede  Stadt, jedes  Waldstück verteidigen würde, zum Stoppen
       zu bringen  ist. Dabei werde im Sinne Clausewitz' das Land erhal-
       ten bleiben.
       Stefan Aust: Glauben Sie, daß es Zeit ist, eine solche Wende her-
       beizuführen, daß es dann auch noch möglich ist?
       Günter Vollmer:  Ich glaube,  daß das  möglich ist. Die Abschrec-
       kung, die die USA den europäischen Staaten sicherstellt, funktio-
       niert. Sie  funktioniert seit  35 Jahren.  Und ich bin überzeugt,
       daß sie  auch weiter  funktionieren wird.  Wir hätten  also Zeit,
       diese Umorganisation,  diese Umstrukturierung  vorzunehmen, unter
       dem Schutz dieser Abschreckung durch die Amerikaner.
       Stefan Aust: Haben Sie Verständnis dafür, daß heute so viele Men-
       schen immer mehr Angst vor einem Atomkrieg bekommen?
       Günter Vollmer:  Ja. Ich  habe das auch dem Minister geschrieben.
       Ich bin  der Meinung, daß die derzeitige Behandlung der Deutschen
       in der  Frage ihrer militärischen Verteidigung ein wenig an Schi-
       zophrenie erinnert.  Wir sagen,  die NATO wird die Bundesrepublik
       verteidigen, da  konventionelle Kräfte dazu unzureichend erschei-
       nen und  die NATO die Verteidigung mit Hilfe atomarer Waffen vor-
       nähme. Dieses  käme, besonders  wenn wir annehmen, daß der Gegner
       entsprechend antworten  würde, der  Vernichtung einer großen Zahl
       von Menschen  in unserem Lande gleich. Stillschweigend wird ange-
       nommen, daß  die Masse der Deutschen damit einverstanden ist. Man
       scheut sich  zu sagen, daß diese Opfer bedeutend größer sein wür-
       den, als  die bei  einer Verteidigung unseres Landes, wie ich sie
       vorher gerade  geschildert habe. Und noch eins habe ich geschrie-
       ben: Die  angebliche Alternative,  lieber rot  als tot,  gibt  es
       nicht. In  einer entscheidenden  Hinsicht haben  wir Deutschen in
       der Bundesrepublik  nämlich keine  Entscheidungsfreiheit,  unsere
       westlichen Bündnispartner  wurden unser  Land niemals den Sowjets
       überlassen. Somit  heißt die  Alternative  für  uns,  lieber  uns
       wehren, als  von unseren  Freunden atomar  befreit zu werden, und
       vom Gegner wahrscheinlich nochmals atomar gegenbefreit zu werden.
       

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