Quelle: Blätter 1982 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       REDE VON EGON BAHR AUS ANLASS DES 90. GEBURTSTAGS VON MARTIN
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       NIEMÖLLER IN DER FRANKFURTER PAULSKIRCHE AM 16. JANUAR 1982
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       (Wortlaut)
       
       Die nachstehende  Festrede (vgl.  auch S.  140 ff. dieses Heftes)
       der sozialdemokratischen  Abrüstungsexperten enthält  eine  Reihe
       von Erkenntnissen  und Postulaten  - wie das von der nur noch ge-
       meinsam, nicht mehr gegeneinander zu organisierenden Sicherheit -
       deren konsequente  Anwendung in  der sozialdemokratischen  Regie-
       rungspraxis zweifellos die Zukunftsaussichten der Bundesrepublik,
       und auch der SPD, verbessern würde. D. Red.
       
       Verehrte Anwesende, sehr verehrter Pastor Niemöller!
       Als ich  gefragt wurde,  ob ich aus dem Grund, der uns heute hier
       zusammengeführt hat,  sprechen wollte, war meine erste Überlegung
       negativ. Über  Martin Niemöller,  so dachte  ich, ist nichts mehr
       Neues zu  sagen. Alles ist bekannt über diesen unbequemen und an-
       stößigen Mann,  anstößig in  dem doppelten  Sinn: er stößt Denken
       und Menschen  an. Aber gerade deshalb habe ich zugesagt, als Zei-
       chen meines Respekts für einen, der es auch sich selbst nicht be-
       quem gemacht hat, der zu den nicht so Zahlreichen gehört, die mit
       dem Mut,  die eigene  Überzeugung auch gegen den Strom zu halten,
       noch den  Mut verbinden,  auch irren  zu können. Außerdem hat man
       mir, als  ich den  Theodor-Heuss-Preis erhielt,  Zivilcourage be-
       scheinigt. Das ist zwar ein Fremdwort, aber dennoch geeignet, Ge-
       fühle verwandtschaftlicher Haltung zu wecken.
       Im "stern"  habe ich  einen Ausspruch  Martin Niemöllers gelesen,
       als Zitat  gekennzeichnet, aber selbst dann falsch, wenn es rich-
       tig sein  sollte. "Für  Politiker", heißt es dort, "ist die Wahr-
       heit ein  Instrument, das  man nur  gebraucht, solange es nützt."
       Wenn das  so wäre,  dann wurden  alle Politiker zu Verkündern von
       Opportunitäten, und das ist ungerecht. Denn ich glaube, daß jener
       recht hatte, der in der Politik das Spiegelbild eines Volkes sah,
       auch in  den Gewählten,  die eben  nicht eine Elite sind, sondern
       Schwächen und  Stärken, Talente und Mängel in sich vereinen, also
       Menschen sind.  Und vor  solchen, die den Anspruch stellen, Über-
       mensch zu sein, ist Vorsicht auch weiterhin geboten. Außerdem ist
       die menschliche  Erkenntnisfähigkeit für  Wahrheit begrenzt,  das
       gilt auch  für die Politiker und ihre Kritiker, es gilt sogar für
       diejenigen, die  über die modernsten und umfassendsten Informati-
       onsinstrumente verfügen.  Und dann ist es - ich spreche aus eige-
       ner Lebenserfahrung  - leichter, das Richtige zu fordern, als das
       Richtige zu tun. Denn der es fordert, sieht nur seine Erkenntnis,
       und der  es tun  muß, sieht  sich anderen Menschen gegenüber, die
       auch das  tun wollen,  was ihnen  als richtig, nötig, verzichtbar
       erscheint.
       Martin Niemöller lebt in der Gnade des Glaubens, in der unbeding-
       ten Sicherheit  dessen, was er die Nachfolge nennt. Insofern ähn-
       lich der  Haltung eines anderen unbequemen Christen, Heinrich Al-
       bertz, der  sich auch  in seinem  Herrn Jesus  sicher fühlt.  Die
       nicht in dieser Gnade leben, müssen ihrem Gewissen folgen und den
       Mut haben zu sprechen, wie es ihnen das Gewissen aufträgt. Natür-
       lich verbunden  mit dem  Bekenntnis, daß auch tiefste Überzeugung
       Irrtum nicht  ausschließt. In  diesem Geist  ist mein Beitrag zur
       Ehrung Martin  Niemöllers der  nachfolgende Versuch, eine Haltung
       zu formulieren,  die den  Nichtpazifisten und den Pazifisten, die
       Ost und West, Demokraten und Nicht-Demokraten verbinden könnte.
       Wir leben in einer Zeit, in der zwei Supermächte, zwei Bündnisse,
       NATO und Warschauer Vertrag, gegeneinander gerichtet sind und die
       Fähigkeit haben, sich gegenseitig zu vernichten. Wir erleben, daß
       die Entwicklung  neuer Waffensysteme schneller ist als die Fähig-
       keit, vorhandene  zu begrenzen  und zu  beherrschen. Neue Systeme
       schaffen nicht  mehr Sicherheit,  sondern destabilisieren  sogar,
       zumal sie  auf beiden  Seiten asymmetrisch  erfolgen, wie  es die
       elementar unveränderbare  Gegebenheit der  Geographie nun  einmal
       bedingt: Mit  dem 3bergewicht see- und luftgestützter Systeme auf
       der einen und landgestützter Systeme auf der anderen Seite.
       Verschärft werden  die Gegensätze durch ideologische Unterschiede
       zwischen beiden Lagern. Sie wurzeln in Weltanschauungen und Über-
       zeugungen, die nicht auf einen Nenner zu bringen sind und für die
       keine Konvergenz zu erwarten ist. Dies muß gesagt werden, auch in
       Tagen, in  denen wir mit tiefer Anteilnahme verfolgen, was in Po-
       len geschieht.  Daß diese  ideologischen Unterschiede auch weiter
       bestehen bleiben,  ist eine  realistische Erwartung. Es ist meine
       tiefe Überzeugung,  daß es  keinen  verantwortbaren  Grund  gibt,
       diese Gegensätze  mit Gewalt oder durch Androhung von Gewalt aus-
       zutragen. Es  darf keine  Glaubenskriege mehr  geben. In  der Ge-
       schichte der Menschheit sind viele Glaubenskriege geführt worden,
       die mit  Sieg oder  Arrangement geendet  haben. Im  Zeitalter der
       Atomwaffen verbietet  sich dieser  Weg; er wäre tödlich für alle.
       Das bedeutet: Die Erhaltung des Weltfriedens hat höhere Priorität
       als die  Durchsetzung der jeweiligen Ideologie. Das bedeutet: Das
       gemeinsame Überleben  ist nicht nur wichtiger als das Risiko oder
       die Gewißheit  des gemeinsamen Untergangs, sondern das gemeinsame
       Überleben ist  auch der  oberste politisch-moralische  Imperativ.
       Das bedeutet: Selbst die gegeneinander gerichteten Ideologien und
       Bedürfnisse teilen das übergeordnete Interesse und die übergeord-
       nete Pflicht, gemeinsam zu Überleben.
       Gemeinsames Überleben verlangt die Einsicht, daß es nur gemeinsam
       Sicherheit gibt.
       In Sicherheit  zu leben,  ist ein  elementarer Wunsch der Mensch-
       heit. Um  Sicherheit zu erreichen, wurde gerüstet, wurden Verbün-
       dete geworben.  Man glaubte sicher zu sein, wenn man stärker war.
       Man glaubte  am sichersten zu sein, wenn man den Gegner besiegte.
       Der Gegner  glaubte das auch. Das Ergebnis war die Geschichte der
       Kriege. Das  2eitalter der  gesicherten gegenseitigem Vernichtung
       hat den Sieg und die Hoffnung auf Sieg ausgelöscht. Abstrakt weiß
       man das;  das wirkliche  Verhalten entspricht aber immer noch dem
       traditionellen Verhalten:  Diskussion über  einen ersten  Schlag,
       einen Überraschungsangriff,  den Vorteil des ersten Gebrauchs von
       Atomwaffen; die  Begrenzbarkeit oder  die Führbarkeit von Kriegen
       haben den  Hintersinn, einen  Krieg auch  gewinnen zu können. Die
       Hoffnung, Krieg  zu verhindern,  sucht zu  ihrer Rückversicherung
       seine Vorbereitung  und die Fähigkeit, ihn führen und gewinnen zu
       können. Dieser verhängnisvolle Kreislauf muß durchbrochen werden.
       In dem  Prozeß zur  Begrenzung  strategischer  interkontinentaler
       Waffen haben  die beiden Supermächte einen Ansatz gefunden, diese
       für sie  tödlichen Mittel  zu neutralisieren,  indem man  sie ins
       Gleichgewicht bringt  und Sicherheit  durch Abschreckung gewinnt.
       Für Europa  gibt es  solche Absprachen  nicht oder noch nicht. Es
       ist im  Gegenteil festzustellen, daß gleichzeitig und parallel zu
       interkontinentalen Absprachen  in Europa  neue,  verbesserte  und
       zielgenauere Systeme begrenzter Wirksamkeit und unterschiedlicher
       Reichweite produziert  oder eingeführt  werden sollen,  die nicht
       nur die Zerstörungskraft der großen strategischen Waffen, sondern
       auch den  Schrecken vor  ihnen verkleinern.  Die Miniaturisierung
       von nuklearen  Waffen birgt  die Gefahr  der Miniaturisierung der
       Abschreckung. Die  Senkung der  Atomschwelle könnte technisch und
       politisch die  Neigung verstärken, auf ihre Benutzbarkeit zu hof-
       fen, ohne die große Katastrophe befürchten zu müssen.
       Abschreckung enthält  beide Elemente:  solche der gemeinsamen Si-
       cherheit und  solche der  herkömmlichen Versuche, Vorteile gegen-
       über dem  möglichen Gegner zu erringen. Die Idee der Abschreckung
       ist eine  Übergangstheorie. Sie  will Kriegsverhinderung  mit der
       Führbarkeit von  Kriegen verbinden,  falls Krieg nicht zu verhin-
       dern wäre.  In diesem  inneren Widerspruch der Abschreckung liegt
       auch die  Gefahr, man könnte überspitzt sagen: Nicht die Idee der
       Abschreckung, sondern  der Schrecken  der Waffen  selbst hat  den
       Krieg verhindert. Wenn die Waffen durch Begrenzbarkeit ihrer Zer-
       störungskraft den Schrecken vor sich mindern, wird auch die Wirk-
       samkeit der Abschreckung gemindert werden.
       Im Zeitalter der gegenseitigem gesicherten Zerstörung muß die Ab-
       schreckung ersetzt  werden durch  die Doktrin der gemeinsamen Si-
       cherheit. In  unserem Zeitalter ist Sicherheit nicht mehr vor dem
       Gegner, sondern  nur noch  mit ihm zu erreichen. Die Gegner wären
       im Untergang  vereint; sie  können nur  gemeinsam Überleben. Dies
       ist das oberste Gesetz des nuklearen Zeitalters.
       Gemeinsame Sicherheit verlangt das Umdenken, den Gegner als Part-
       ner zu  akzeptieren, weil  er durch Gewaltanwendung nicht mehr zu
       besiegen ist.  Fast alle bisherigen Rüstungskontrollverhandlungen
       und -vereinbarungen  haben darunter  gelitten, daß  beide  Seiten
       sich dabei Vorteile zu verschaffen suchten, indem sie sich Lücken
       ließen, um  ihre Stärken weiter zu entwickeln oder ihre Schwächen
       auszugleichen. Aber  da es  keine Vorteile mehr gibt, die das Ri-
       siko eines Krieges tragbar machen, wird die Doktrin der gemeinsa-
       men Sicherheit zum natürlichen Vorteil beider Seiten.
       Wenn Ost  und West darangehen, gemeinsam ihre Sicherheit zu orga-
       nisieren, dann  wird sich das gemeinsame Interesse ergeben, keine
       neuen Waffensysteme  einzufahren, also  die explosive Entwicklung
       wissenschaftlicher Erkenntnis  nicht mehr militärisch anzuwenden,
       also die  Hoffnung auf  einen qualitativen technischen Durchbruch
       gemeinsam aufzugeben,  der doch nur zeitlich begrenzt denkbar ist
       und einen  gefährlichen  Rückfall  in  die  Vorstellung  bedeuten
       würde, zuletzt  vielleicht doch  noch siegen zu können. Die erste
       Stufe gemeinsamer Sicherheit gestattet qualitativ und quantitativ
       Rüstungsstopp.
       Wer die  gemeinsame Sicherheit  organisiert, wird finden, daß sie
       billiger ist  als der heutige Zustand, der Sicherheit voreinander
       aufzubauen sucht.  Gemeinsame Sicherheit  eröffnet in der zweiten
       Stufe die Perspektive echter Abrüstung.
       Gemeinsame Sicherheit  gestattet Absprache, gemeinsames Verhalten
       in anderen  Weltregionen, damit  die  weiter  bestehenden  unter-
       schiedlichen Ideologien und ihre Auswirkungen nicht den Weltfrie-
       den gefährden.
       Gemeinsame Sicherheit  ist geeignet, finanziell und materiell die
       Mittel zu schaffen, die erforderlich sind, um die großen Aufgaben
       der Menschheit  anzupacken, Hunger  und Unterentwicklung  und das
       ökologische Gleichgewicht  unseres gemeinsamen  Lebensraums,  der
       Erde.
       Daß der  Bundeskanzler in  seinen Gesprächen  mit  Breschnew  und
       Honecker davon  sprach, daß  wir Partner der Sicherheit sind, hat
       ihm Mißtrauen  eingetragen bei unseren Freunden. Dieses Mißtrauen
       zeigt nur,  wie weit  wir noch  entfernt sind von der Erkenntnis,
       daß wir  die Gemeinsamkeit der Sicherheit auch mit denen zu orga-
       nisieren haben,  von denen  uns ideologisch oder in unserer Über-
       zeugung von  der Organisation  der  Gesellschaft  Grundsätzliches
       trennt. Trotz  aller bestehenden Unterschiede gibt es nur gemein-
       sam Sicherheit.  Oder anders  gesagt, erst wenn wir gemeinsam si-
       cher sind,  können wir in friedlichem Wettbewerb unsere ideologi-
       schen Unterschiede  austragen, ohne  die Gefahr, auf dem atomaren
       Friedhof vereint  zu werden.  Das gilt für die Bundesrepublik und
       die DDR  ebenso wie für Frankreich und Polen, die USA und die So-
       wjetunion. Ich  kenne grundlegende Unterschiede zwischen Washing-
       ton und  Moskau in  der Vorstellung  ihrer Werte, die da und dort
       vertreten werden.  Ich kenne  keine grundlegenden Unterschiede in
       dem Mangel  in Washington und Moskau, die Gesetze der gemeinsamen
       Sicherheit zu  akzeptieren. Ich sehe die Unterschiede als ein De-
       mokrat, für  den individuelle  Freiheit und das Recht, seine Mei-
       nung öffentlich  zu sagen, lebensnotwendig erscheint. Ich erkenne
       keine Unterschiede zwischen Ost und West in der Wirksamkeit einer
       Megatonne. Es gibt keine.
       Und deshalb  ist gemeinsame Sicherheit die Grundlage der Grundla-
       gen, in  meinen Augen,  die Abschreckung ersetzen sollte und eine
       Perspektive für alles andere erst eröffnet.
       Ich wünsche Ihnen, Martin Niemöller, noch lange die Fähigkeit zur
       Neugier, die  das Geheimnis  geistiger Jugend ist, und die Kraft,
       in der geistigen Sicherheit der Gnade unbequem zu sein.
       

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