Quelle: Blätter 1982 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "ES GIBT KEINEN ATOMKRIEG" -
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       EIN ARTIKEL VON KARDINAL DR. FRANZ KÖNIG, ERZBISCHOF VON WIEN
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       (Wortlaut)
       
       Den nachstehenden Beitrag, der - ohne sie ausdrücklich beim Namen
       zu  nennen  -  den  von  der  NATO-Strategie  ins  Auge  gefaßten
       "Ersteinsatz" von  Atomwaffen als  "Verbrechen an der Menschheit"
       verurteilt, veröffentlichte  der maßgebliche Vertreter der katho-
       lischen Kirche  am 3.  März 1982  in der "Frankfurter Allgemeinen
       Zeitung". Wir  dokumentieren den  aufrüttelnden Beitrag  im Wort-
       laut. D. Red.
       
       Das Langsamste  auf dieser Welt ist die Entwicklung des menschli-
       chen Denkens.  Unsere Technik  ist uns  um große Schritte voraus.
       Unsere Phantasie,  unsere Vorstellungen, unser Vorstellungsvermö-
       gen ist zurückgeblieben. Unser Denken verläuft in den Bahnen ver-
       gangener Zeiten.  Wir reden  von Dingen,  die es nicht mehr gibt.
       Wir legen  Denkmuster an  Vorgänge, die  ohne Vorgang  sind.  Die
       Wirklichkeit ist stärker als unsere Vorstellungskraft.
       Wir reden vom Frieden. Haben wir nicht immer vom Frieden geredet?
       "Die Waffen nieder!" rief Bertha von Suttner. "Nie wieder Krieg",
       schrien die  Menschen nach  dem Ersten  Weltkrieg. Was  ist davon
       geblieben? Die Skepsis, daß alles schon einmal dagewesen ist? Das
       müde Lächeln  der alten  Menschen, wenn  ihre Enkel  und  Urenkel
       heute sagen,  sie würden  ganz einfach nicht hingehen, sie würden
       den Krieg allein lassen? Welchen Krieg?
       Wir reden  vom Krieg,  wie die  Menschen seit  Jahrhunderten  vom
       Krieg geredet  haben. Wir  reden vom Krieg, weil wir kein anderes
       Wort haben.  Aber ist  das, was uns heute droht, in aller Furcht-
       barkeit droht,  nur ein  Krieg? Kann  man das  noch als Krieg be-
       zeichnen? Im  Krieg hat  es immer Vernichtung gegeben. Aber immer
       ist noch  jemand dagewesen,  um nachher zu weinen, zu klagen, die
       Toten zu  bestatten und  wieder  neu  anzufangen  über  Trümmern,
       Schutt und  Rauch. Doch nach der totalen Vernichtung wird es nie-
       manden mehr  geben, der  klagen kann und neu beginnen. Der Mensch
       kann sich  das nicht  vorstellen. Es  fällt ihm auch schwer, sich
       die totale  Vernichtung vorzustellen.  Darum nennt  er noch immer
       Krieg, was nicht Krieg ist.
       Krieg und "Atomkrieg" können und dürfen nicht miteinander in Ver-
       bindung gebracht werden. Mit Atombomben und Atomstrahlen kann man
       keinen Krieg  führen, damit  kann man  nur die gesamte Menschheit
       ausrotten. Kriegführen  und der Einsatz von Atomwaffen widerspre-
       chen einander  von Grund  auf. Nicht  nur deswegen, weil die Zahl
       der Toten  alle bisherigen  Vorstellungen übersteigen würde, son-
       dern weil gleichzeitig alle Gebäude, alle Transportmittel und die
       gesamte gesellschaftliche Struktur zerstört würden. Es gäbe weder
       eine medizinische  noch eine dem Lebensunterhalt dienende Versor-
       gung. Die Verbreitung radioaktiven Materials würde auf weiten Ge-
       bieten, auf  ganzen Kontinenten nicht nur fast alle Lebewesen tö-
       ten, sondern  außerdem  alle  Arten  von  Krankheiten,  besonders
       Krebs, bei  den wenigen noch Lebenden verursachen. Der Chef eines
       internationalen Unternehmens zur friedlichen Auswertung der Atom-
       kraft sagte  mir kürzlich  folgendes: "Es steht fest, daß das ge-
       samte  international  einsatzbereite  Atommaterial,  in  normalen
       Sprengstoff umgerechnet,  so viel  ergibt, daß für jeden Menschen
       auf der  Welt 3000 Kilogramm Sprengstoff zur Verfügung stehen, um
       ihn zu töten."
       Wenn wir  erkennen, daß die große Vernichtung nicht als Krieg be-
       zeichnet werden  kann, dann  fällt auch  alles weg,  was Menschen
       sich  ausgedacht   haben,   um   Kriege   zu   "regulieren",   zu
       "moralisieren", zu "domestizieren". Es fällt weg der so lang ver-
       wendete und  so oft  mißbrauchte Begriff vom gerechten Krieg. Was
       heißt hier noch gerechter Krieg? Auch das Wort vom Verteidigungs-
       krieg ist in diesem Zusammenhang ein sinnloses Wort geworden. Was
       soll und von wem verteidigt werden?
       Ein anderer  Gesichtspunkt fällt heute besonders ins Gewicht. Die
       Möglichkeit eines Atomkrieges nimmt nicht ab, sondern wächst. Ja,
       nicht nur die sogenannten Supermächte sind im Besitz von Atomwaf-
       fen, sondern auch kleinere Staaten haben heute bereits Atomwaffen
       oder können  sie herstellen. Die Möglichkeit, daß etwas passiert,
       wächst ständig.  Terroristen und Narren sind überall und immer zu
       allem fähig.  Dazu kommt  noch eine weitere Gefahr: Es wird davon
       gesprochen, daß man die Möglichkeit vom "begrenzten" Atomkrieg in
       Rechnung stellen  müsse. Das  heißt, daß taktische Kernwaffen bei
       militärischen Aktionen  zum Einsatz  kommen können. Abgesehen vom
       direkten Effekt  eines solchen  Einsatzes, abgesehen  von der da-
       durch ausgelösten  Radioaktivität, ist  zu bedenken, daß ein sol-
       cher Einsatz fast naturnotwendig sich ausweitet und aus einer be-
       grenzten militärischen Aktion ein allgemeiner vernichtender Atom-
       schlag würde
       Die öffentliche  Meinung ist sich dieser großen Gefahr noch immer
       zu wenig  bewußt. Die  mögliche Gefahr,  die von  Kernkraftwerken
       ausgehen kann,  wird anscheinend  viel ernster  genommen als  die
       Möglichkeit eines  sogenannten Atomkrieges. Dabei handelt es sich
       hier um nicht vergleichbare Größen.
       Bei Diskussionen in diesem Zusammenhang muß künftig folgendes be-
       achtet werden:
       a) Kernwaffen dürfen  niemals als Kriegswaffen bezeichnet werden.
       Das, was  man bisher als Möglichkeit eines Atomkrieges bezeichnet
       hat, würde mit größter Wahrscheinlichkeit zur Vernichtung der ge-
       samten Menschheit führen.
       b) Den Einsatz  von Kernwaffen  jeder Art durch irgendeinen Staat
       bei irgendeinem  künftigen Konflikt  müßte man wegen der irrepar-
       ablen Folgen als "Verbrechen gegen die Menschheit" bezeichnen.
       c) Regierungen in  Ost und West müßten mit größtem Nachdruck ver-
       anlaßt werden,  die Zahl  der Atomwaffen  zu reduzieren. Zur Zeit
       sind mehr als 50 000 Atombomben einsatzbereit.
       d) Die dringendste Aufgabe ist es, in den Abrüstungsverhandlungen
       die Zahl aller Arten von Atomwaffen zu reduzieren und diese Abrü-
       stung zu  kontrollieren. Je  größer die  Spannungen in  der  Welt
       sind, desto dringender ist dieses Vorhaben.
       Die größte Gefahr, mit der sich die Menschheit heute auseinander-
       setzen muß,  ist noch lange nicht das Hauptanliegen der öffentli-
       chen Meinung  geworden. Daran ändern auch Friedensdemonstrationen
       nichts. Die  öffentliche Meinung  muß einen immer stärkeren Druck
       auf Politiker  und Regierungen  ausüben, im  Westen ebenso wie im
       Osten, um  militärische Überlegungen  zu revidieren,  das Freund-
       Feind-Verhältnis  neu  zu  überprüfen,  die  Möglichkeiten  eines
       "begrenzten" Atomkrieges als vollkommen irreal auszuschließen und
       die Rüstungsindustrie auf Friedensproduktion umzurüsten.
       Wir sitzen auf einem Pulverfaß. Jeder Narr, jeder Verbrecher kann
       zünden. Was  tun wir?  Wir haben  Angst, aber wir schaufeln immer
       noch mehr  Pulver in  dieses Faß.  Wir haben Angst und wollen mit
       noch mehr  Rüstung unsere  Angst vertreiben.  Aber Angst kann man
       nicht wegrüsten.  Wir reden  von Sicherheit  und schaufeln  immer
       noch mehr Pulver in das Faß. Aber Sicherheit kann man nicht errü-
       sten. Wir  reden von Sicherheit und meinen unsere Sicherheit. Wir
       reden von  Abrüstung und  meinen die  Abrüstung der anderen. Aber
       die Sicherheit  ist immer auch die Sicherheit des anderen und die
       Abrüstung auch  immer unsere  eigene. Es geht hier nicht um Theo-
       rien und  um Strategien,  nicht um  Ausgewogenheit und  Gleichge-
       wicht, es  geht ums  Leben, um  unser aller Leben. Es gibt keinen
       Atomkrieg, es gäbe nur die allgemeine Vernichtung.
       Seit dem  Friedensgesang der  Engel auf  den Feldern um Bethlehem
       ist das  Bemühen jedes  Christen um  die "pax christiana" Auftrag
       und Verpflichtung.  Dies haben  etwa die Bischöfe Österreichs auf
       ihrer Herbsttagung  dieses Jahres  ausdrücklich betont: "Der Ein-
       satz für  den Frieden hat seine Wurzel im Evangelium Christi, der
       seinen Jüngern  den Auftrag  zur Brüderlichkeit gegeben und diese
       durch seine Menschwerdung neu begründet hat."
       

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