Quelle: Blätter 1982 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "KERNWAFFEN UND DAS ATLANTISCHE BÜNDNIS"
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       Auszüge aus dem gemeinsamen Artikel von McGeorge Bundy,
       George F. Kennan, Robert S. McNamara und Gerard Smith
       
       Der vorliegende  Beitrag bekannter  amerikanischer Politiker, den
       wir in  wesentlichen Auszügen  dokumentieren, hat in der interna-
       tionalen Presse und in der bundesdeutschen Öffentlichkeit einiges
       Aufsehen erregt,  da er die herrschende westliche Nuklear-Doktrin
       infragestellt und  den von  USA und  NATO bisher abgelehnten Ver-
       zicht auf den Ersteinsatz von Atomwaffen befürwortet. In den Bun-
       destagsparteien und  in der  Bundesregierung war die Resonanz auf
       das Ansinnen amerikanischer Politiker, gängige Tabus einer erneu-
       ten Reflexion  zu unterziehen, überwiegend betretenes Unverständ-
       nis. Im  vorliegenden Heft der "Blätter" äußert sich Generalmajor
       a.D. Günter  Vollmer zu  diesem Thema (siehe: "Kommentare und Be-
       richte").
       Die Verfasser  des Beitrags,  der gleichzeitig  in  "Foreign  Af-
       fairs", Spring  1982, und  im "Europa  Archiv", 7/1982, erschien,
       sind: McGeorge  Bundy, Professor  für Geschichte  an der New York
       University, 1961-1966  Sonderberater des amerikanischen Präsiden-
       ten für  nationale Sicherheit; George F. Kennan, Professor Emeri-
       tus der  Universität Princeton,  ehemaliger  amerikanischer  Bot-
       schafter in  der Sowjetunion  (1952) und  in  Jugoslawien  (1961-
       1963); Robert  S. McNamara,  1961-1968  amerikanischer  Verteidi-
       gungsminister, 1968-1981  Präsident der  Weltbank; Gerard  Smith,
       1969-1972 Leiter  der amerikanischen Delegation bei den SALT-Ver-
       handlungen, 1977-1980  Sonderbeauftragter  und  Sonderbotschafter
       des US-Präsidenten für Angelegenheiten der Nichtweiterverbreitung
       von Kernwaffen. D. Red.
       
       Wir sind  vier Amerikaner,  die viele  Jahr lang intensiv mit der
       Relation zwischen  den Kernwaffen,  dem Frieden  und der Freiheit
       der Mitglieder des Atlantischen Bündnisses zu tun hatten. Nachdem
       wir voneinander  gehört hatten,  daß jeder  von uns  für sich  zu
       neuen Ansichten in dieser schwierigen, aber lebenswichtigen Frage
       gekommen ist, haben wir zusammen geprüft, wieweit unsere Gedanken
       und die Schlußfolgerungen aus unseren diversen Erfahrungen zusam-
       mengeführt werden  können; der folgende Beitrag ist das Ergebnis.
       In ihm  wird die  Ansicht vertreten, daß eine neue Politik großen
       Nutzen bringen  könnte, doch  sein Zweck ist, den Anstoß zu einer
       Diskussion zu  geben, nicht  aber schon ein abschließendes Urteil
       zu fällen.
       ...Ein wichtiges Element jeder dieser Doktrinen war, daß die Ver-
       einigten Staaten  ihre Bereitschaft  erklärten, zur  Abwehr einer
       Aggression in  Europa als erste Kernwaffen einzusetzen - und auch
       wirklich Pläne ausarbeiteten, sie notfalls als erste einzusetzen.
       Dieses Element  verlangt heute  nach einer Revision. Sowohl seine
       Nachteile für  den Zusammenhalt des Bündnisses als auch seine Be-
       drohlichkeit für die Sicherheit der Welt nehmen zu, während seine
       Glaubwürdigkeit als Abschreckung nachläßt.
       Diese Politik  wurde zu  einer Zeit  eingeführt, da  die nukleare
       Überlegenheit der  Vereinigten Staaten  überwältigend  war;  aber
       diese Überlegenheit ist längst vorbei und kann nicht zurückgewon-
       nen werden.  Schon in  den fünfziger Jahren erkannten sowohl Pre-
       mierminister Churchill  als auch Präsident Eisenhower an, daß die
       nukleare Schlagkraft  beider Seiten so groß geworden war, daß ein
       Atomkrieg eine  gräßliche Katastrophe  für alle wäre, die von ihm
       betroffen würden.  Die Entwicklung  der folgenden  Jahrzehnte hat
       diese Tatsache  nur bestätigt und bekräftigt. Die Zeit ist gekom-
       men, sorgsam die Mittel und Wege des Übergangs zu einer neuen Po-
       litik und  Doktrin des  Bündnisses zu  überlegen:  Kernwaffen  so
       lange nicht  anzuwenden, wie  ein Aggressor  sie nicht als erster
       anwendet.
       
       Unglaubwürdigkeit der Eskalationskontrolle
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       Die Verwirrung,  die derzeit  in der nuklearen Politik und Praxis
       des Bündnisses  herrscht, ist  offenkundig. Die  Regierungen  und
       ihre Vertreter  halten nach außen hin die Einheit aufrecht, indem
       sie an  der Unterstützung des Doppelbeschlusses vom Dezember 1979
       festhalten, demzufolge  572 neue  amerikanische Raketen mittlerer
       Reichweite in  Europa aufgestellt  werden sollen,  wenn in den im
       November 1981  aufgenommenen Verhandlungen zwischen den Vereinig-
       ten Staaten  und der Sowjetunion keine befriedigende Übereinkunft
       über die  Begrenzung solcher  Waffen erreicht  werden kann.  Aber
       hinter dieser  Fassade der  Einigkeit finden zwietrachtsäende De-
       batten statt,  besonders in  Ländern, in  denen die  neuen Waffen
       stationiert werden sollen.
       Die Argumente  der Befürworter  dieser Nachrüstung varriieren auf
       beunruhigende Weise. Das einfachste und gefühlsmäßig überzeugend-
       ste Argument  lautet, diese  neuen Waffen würden als Gegengewicht
       gegen die neuen sowjetischen SS-20-Raketen benötigt; es mag sein,
       daß eine Anerkennung der oberflächlichen Attraktivität dieser Po-
       sition Präsident Reagans eindrucksvoll aber vermutlich nicht ver-
       handlungsfähigem -  Vorschlag zugrundeliegt, die geplanten Dislo-
       zierungen aufzugeben,  wenn alle  SS-20 demontiert werden. Andere
       offizielle Vertreter  bringen ein  ganz anderes Argument vor: daß
       ohne neue  und überlebensfähige amerikanische Waffen, die Rußland
       von Westeuropa  aus erreichen  können, keine Gewähr dafür gegeben
       sei, daß  die strategischen  Streitkräfte der Vereinigten Staaten
       auf die  Verteidigung Westeuropas verpflichtet bleiben; nach die-
       sem Argument werden die neue Raketen benötigt, um die Wahrschein-
       lichkeit zu  vergrößern, daß  jeder Krieg  in Europa nukleare Ge-
       schosse auf  die Sowjetunion  ziehen würde,  und um somit den Ag-
       gressor von  vornherein abzuschrecken. Dieses Argument ist in der
       Logik unterschieden  von jeder  Sorge vor  der SS-20, und das er-
       klärt vermutlich  die kaum verhüllte Hoffnung einiger Planer, daß
       der Reagan-Vorschlag  zurückgewiesen werde.  So  unterschiedliche
       Begründungen wecken  beträchtliche Zweifel am wirklichen Sinn der
       vorgeschlagenen Nachrüstung.
       ...Es ist  Zeit zu  erkennen, daß  es niemandem  je gelungen ist,
       einen überzeugenden Grund für die Annahme anzubieten, daß irgend-
       ein Einsatz von Kernwaffen und sei es kleinsten Ausmaßes, mit ei-
       niger Sicherheit  begrenzt gehalten  werden könnte.  Jede seriöse
       Analyse und jede militärische Übung im Laufe von mehr als 25 Jah-
       ren haben  demonstriert, daß selbst der behutsamste Gefechtsfeld-
       Einsatz zu enormer Vernichtung von Leben und Eigentum von Zivili-
       sten führen  würde. Es  gibt für  niemanden Anlaß, sich irgendwie
       darauf zu verlassen, daß ein solcher Nukleareinsatz nicht zu wei-
       terem und  noch vernichtenderem Schlagaustausch führen wurde. Je-
       der Einsatz  von Kernwaffen  in Europa,  sei es durch das Bündnis
       oder gegen  es, schafft  ein hohes  und unentrinnbares Risiko der
       Eskalation in  den allgemeinen  Atomkrieg, der allen den Ruin und
       keinem den Sieg bringen würde.
       Die einzige klar definierbare Abschottung gegen die weltweite Ka-
       tastrophe eines  allgemeinen Atomkrieges  ist diejenige, die zwi-
       schen allen anderen Arten von Konflikt und jedweder Anwendung von
       Kernwaffen besteht.  Dieses Schott  breit und  stark  zu  halten,
       liegt zutiefst  im Interesse  der ganzen Menschheit. In der Rück-
       schau ist  es wirklich  erstaunlich. daß  die Vereinigten Staaten
       nicht schon früher auf diese Realität eingegangen sind...
       In diesen  Überlegungen muß die Rolle der Bundesrepublik Deutsch-
       land im  Mittelpunkt stehen.  Amerikaner vergessen  allzu leicht,
       was die  Menschen in der Bundesrepublik niemals vergessen können:
       daß sie  nämlich in  einer dreifach  exponierten Situation leben,
       die einmalig  unter den  großen  demokratischen  Industriestaaten
       ist. Sie  haben keine Atomwaffen; sie haben eine lange Grenze ge-
       meinsam mit  dem Sowjetimperium;  ihr Land wäre in jedem Konflikt
       im zentralen  Frontabschnitt das erste Schlachtfeld. Keine dieser
       Bedingungen läßt sich ändern, und zusammen bilden sie eine enorme
       Belastung.
       ...Der ganz besondere Charakter der Nuklearbeziehung zwischen der
       Bundesrepublik und  den Vereinigten  Staaten ist  ein äußerst ge-
       wichtiger Grund  dafür, dieses Verhältnis mit größter Sorgfalt zu
       definieren. Es kommt selten vor, daß eine größere Nation in bezug
       auf eine  für ihr  Überleben notwendige Stärke gänzlich von einer
       anderen Nation  abhängt. Es  ist ohne  Beispiel, daß eine Nation,
       und sei  sie noch so mächtig, sich zur Verteidigung einer anderen
       Nation zu  einer Handlungsweise verpflichtet, die ihre eigene nu-
       kleare Verwüstung  nach sich ziehen könnte. Eine Politik des Ver-
       zichts auf  Ersteinsatz von  Kernwaffen würde  nicht  und  sollte
       nicht den  Widerruf dieser  außergewöhnlichen Garantie  bedeuten,
       sondern nur  ihre Neudefiniton.  Sie würde auch weiterhin die Be-
       reitschaft verlangen, jeden nuklearen Angriff auf die Bundesrepu-
       blik mit amerikanischen Kernwaffen zu beantworten, und diese Ver-
       pflichtung allein  wäre schon  anspruchsvoll genug, um nachdrück-
       lich zu  demonstrieren, daß  eine Politik  des Verzichts  auf Er-
       steinsatz keineswegs  einer Preisgabe  der deutschen  Verbündeten
       gleichkäme.
       Das Recht  der Deutschen  auf Mitsprache  in dieser Angelegenheit
       beruht nicht  allein auf  ihrer geographischen  Lage, auch  nicht
       einfach auf  ihrer Abhängigkeit  von der  amerikanischen Nuklear-
       strategie. Die Menschen in der Bundesrepublik haben ihr standhaf-
       tes Engagement  für den  Frieden, für kollektive Verteidigung und
       für innerpolitische  Mäßigung unter  Beweis gestellt. Die Überle-
       gungen, die  wir hier  anregen  sollten  ihren  Grundbedürfnissen
       Rechnung tragen.  Es ist  anzunehmen, daß die Deutschen - wie wir
       alle - vor allem den Wunsch haben, daß es keinen Krieg irgendwel-
       cher Art  geben möge,  aber auch  das Bedürfnis,  den Frieden mit
       Hilfe von  Streitkräften zu  verteidigen, die ihnen nicht nur die
       fürchterliche Option der nuklearen Eskalation lassen.
       
       Die konventionelle Alternative zum Ersteinsatz von Kernwaffen
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       Wenn wir  glauben, eine  sorgfältige Analyse  werde zu der klaren
       Schlußfolgerung führen, daß es Zeit ist, entschieden auf eine Po-
       litik des  Verzichts auf Ersteinsatz von Kernwaffen hinzusteuern,
       so liegt  es andererseits  auf der  Hand, daß eine solche Politik
       sich stützen  muß auf ein stärkeres Vertrauen in die Leistungsfä-
       higkeit der konventionellen Streitkräfte des Bündnisses; das gilt
       vor allem für die im zentralen Frontabschnitt stationierten sowie
       die zur  raschen Verstärkung  verfügbaren  Streitkräfte.  Es  er-
       scheint sicher,  daß die Nationen des Bündnisses gemeinsam durch-
       aus in  der Lage sind, Streitkräfte im erforderlichen Umfang auf-
       zustellen, und  zwar im  Rahmen realistischer Budgetansätze, aber
       es ist  eine ganz  andere Frage,  ob sie den dazu nötigen politi-
       schen Willen  aufbringen. Die  Erfahrungen aus der Geschichte des
       Bündnisses sind unterschiedlich...
       Eine besondere  Auswirkung, die  der Verzicht  des Bündnisses auf
       den Ersteinsatz von Kernwaffen haben würde, läßt sich schon jetzt
       absehen: Er  würde der Beibehaltung und Verbesserung des speziell
       amerikanischen Beitrags  zu den  konventionellen Streitkräften in
       Europa neue  Aktualität verleihen.  Das hauptsächliche politische
       Problem einer  Politik des Verzichts auf Ersteinsatz liegt darin,
       daß sie in Europa und besonders in der Bundesrepublik als Zeichen
       für ein geringeres Interesse der Amerikaner am Bündnis und an ei-
       ner wirksamen  umfassenden Abschreckung  aufgefaßt werden könnte.
       Wir behaupten das genaue Gegenteil: daß eine solche Politik unter
       allen verfügbaren  Optionen am  besten geeignet  ist, das Bündnis
       geschlossen und wirksam zu erhalten. Gleichwohl ist die psycholo-
       gische Realität im Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und den
       Vereinigten Staaten doch so beschaffen, daß bei einem prinzipiel-
       len Verzicht  auf Ersteinsatz  einem zersetzenden  Mißtrauen  der
       Deutschen gegenüber  den amerikanischen  Intentionen nur begegnet
       werden kann,  wenn die  Amerikaner ihrererseits  akzeptieren, daß
       sie zu  der konventionellen  Rüstungsanstrengung. die dann erfor-
       derlich sein kann, einen angemessenen Beitrag leisten müssen.
       Es wäre  aber falsch,  voreilig anzunehmen,  daß diese  neuen Rü-
       stungsanstrengungen ungeheuer  aufwendig sein müßten. Das Problem
       hat viele Seiten, und es wird zusätzlich dadurch kompliziert, daß
       Technologie und  Politik in  ständigem Wandel begriffen sind. Die
       Entwicklung  von  Präzisionslenkwaffen  auf  der  technologischen
       Seite und  die sichtbare Schwächung der militärischen Solidarität
       des Warschauer  Paktes auf  der politischen  Seite sind  nur zwei
       Beispiele für Veränderungen, die zum Vorteil des westlichen Bünd-
       nisses wirken. Im übrigen besteht seit vielen Jahren eine Tendenz
       die relative  konventionelle Stärke der Sowjetunion zu überschät-
       zen und  die Tatsache  zu unterschätzen, daß die Sowjets sich der
       enormen Kosten  und Risiken  jeder Art  von Aggression  gegen die
       NATO sehr wohl bewußt sind.
       
       Verfeinerung der Nuklearen Optionen?
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       Die Konzeption eines Verzichts auf jeden Ersteinsatz von Kernwaf-
       fen sollte  auch sorgfältig  im Hinblick  darauf geprüft  werden,
       welchen Wert  die in  der NATO  gegenwärtig bestehenden Pläne für
       den selektiven und begrenzten Kernwaffeneinsatz eigentlich haben.
       Viele Szenarios für die nukleare Kriegführung sind unsinnig; doch
       muß anerkannt  werden, daß  vorsichtig und nüchtern denkende hohe
       Offiziere es  für angebracht  hielten, sich zu fragen, welche Al-
       ternativen zur  Kapitulation sie  ihren zivilen Vorgesetzten vor-
       schlagen könnten,  falls ein  massiver sowjetischer  Angriff  mit
       konventionellen Kräften  kurz vor  dem entscheidenden  Durchbruch
       stehen sollte.  Aus dieser  Frage entstanden Notfallplanungen für
       den Einsatz  einer geringen Zahl von Kernwaffen auf dem Gefechts-
       feld, mit  dem eine  Katastrophe dieser speziellen Art möglicher-
       weise zu  verhindern wäre.  Es ist kaum zu sehen, wie eine solche
       Aktion unternommen werden könnte, ohne zugleich das enorme Risiko
       der raschen und katastrophalen Eskalation einzugehen; aber es ist
       andererseits eine faire Forderung, daß eine Politik des Verzichts
       auf Ersteinsatz  sich auf so starke konventionelle Kräfte stützen
       muß, daß Planungen dieser Art überflüssig werden.
       Im Hinblick  auf dieses Problem wäre es nützlich, genauer darüber
       nachzudenken, ob es eine annehmbare Zwischenstufe vor der Politik
       des Verzichts  auf Ersteinsatz  gibt. Eine  denkbare  Alternative
       wäre als  "Verzicht auf  f r ü h z e i t i g e n  Ersteinsatz" zu
       umschreiben; eine solche Politik könnte die Option einer begrenz-
       ten nuklearen  Aktion zur  Verhinderung einer  endgültigen,  ver-
       nichtenden konventionellen Niederlage offenlassen, und man könnte
       annehmen, daß  sie, indem  sie jedem  sofortigen Ersteinsatz  ab-
       schwört und  stattdessen mehr Nachdruck auf konventionelle Fähig-
       keiten legt, ein wenig zur Milderung der gegenwärtig herrschenden
       Ängste beitragen würde.
       Andererseits wäre  gerade der Wert einer klaren und einfachen Po-
       sition besonders  hoch, und  zwar vor  allem im Hinblick auf ihre
       Wirkung bei uns selbst und bei unseren Verbündeten. Das Problema-
       tische an  Ausnahmen ist,  daß sie  leicht zu  Regeln werden.  Es
       scheint viel besser zu sein, auch die zurückhaltendste Option für
       den begrenztesten  Nuklearschlag zur  Verhinderung einer  noch so
       unmittelbar drohenden  konventionellen Niederlage  außerhalb  der
       autorisierten Politik  zu belassen. Was das Bündnis heute am mei-
       sten braucht, ist nicht eine Verfeinerung seiner nuklearen Optio-
       nen, sondern  eine klare Entscheidung, solche Optionen solange zu
       meiden, wie sie auch von anderen gemieden werden. ...
       
       Militärische Gründe für den Verzicht
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       Der erste  mögliche Vorteil  einer Politik  des Verzichts auf Er-
       steinsatz liegt  im Unterhalt  der nuklearen Abschreckungskräfte,
       die dann noch immer benötigt würden. Wenn die Vereinigten Staaten
       erst einmal  von der  Notwendigkeit befreit werden, Planungen für
       einen glaubwürdigen  Ersteinsatz zu  erstellen, entgehen sie auch
       vielen der  komplizierten Überlegungen,  die zu  Behauptungen ge-
       führt haben, daß alle möglichen neuen Nuklearpotentiale gebraucht
       würden, um  die  Fähigkeit  zur  sogenannten  "Eskalationsbeherr-
       schung" zu schaffen oder wiederherzustellen eine Fähigkeit, einen
       Nuklearkrieg auf jeder Ebene zu führen und zu "gewinnen". Was bei
       einem Verzicht auf Ersteinsatz benötigt würde, ist eine Reihe von
       Potentialen, welche  die Vereinigten  Staaten bereits im Überfluß
       besitzen: Potentiale für eine angemessene Vergeltung jede Art von
       sowjetischem Nuklearangriff,  welche  die  Sowjetunion  nicht  im
       Zweifel darüber  lassen,  daß  sie  ebenfalls  eine  Politik  des
       Verzichts auf Ersteinsatz befolgen muß. Die sowjetische Regierung
       ist  sich   der  jeder   Anwendung  dieser  Waffen  innewohnenden
       ungeheuren Gefahr  schon bewußt,  und es gibt weder jetzt noch in
       absehbarer Zukunft  eine sowjetische  "Überlegenheit", die irgend
       jemanden in  Moskau zu  nuklearem Abenteuertum  verleiten könnte.
       (Wir sind  alle vier  ganz und gar nicht überzeugt von dem in den
       letzten  Jahren   vorgebrachten  Argument,  daß  die  Sowjetunion
       irgendwann die rationale Erwartung hegen könnte, Gewinn aus einem
       so verrückten Unternehmen wie einem massiven Erstschlag gegen die
       amerikanischen landgestützten  strategischen  Raketen  ziehen  zu
       können.)
       Wenn es  einmal feststeht,  daß das Bündnis auf dem nuklearen Ge-
       biet ausschließlich  angemessen überlebensfähige  und  diversifi-
       zierte   Z w e i t s c h l a g s - Streitkräfte  benötigt, fallen
       die Erfordernisse für die Modernisierung der wichtigsten Kernwaf-
       fensysteme bescheidener  aus als  angenommen. Insbesondere können
       wir von  der Vorstellung  wegkommen, daß wir allem, was die Rake-
       ten-Befehlshaber in  der Sowjetunion  ihrer Regierung abgewinnen,
       etwas gleichwertiges  gegenüberstellen müßten.  Es erscheint auch
       zweifelhaft, ob  es bei einer solchen Politik noch notwendig oder
       wünschbar wäre,  Neutronenwaffen einzuführen.  Die durch beschei-
       denere Nuklearprogramme  erzielten Ersparnisse  könnten  mit  zur
       Deckung der  finanziellen Kosten  unseres Beitrags zu den konven-
       tionellen Streitkräften verwendet werden.
       Es ist wichtig, hier Mißverständnisse zu vermeiden. Unter den Be-
       dingungen der achtziger Jahre und ohne ein beiderseitiges Einver-
       nehmen über eine sehr weitgehende Verringerung der Nuklearstreit-
       kräfte ist  es sicher,  daß für  die nukleare  Abschreckung immer
       noch große, verschiedenartige und überlebensfähige Nuklearstreit-
       kräfte benötigt  werden. Es geht nicht darum, daß die Vereinigten
       Staaten einseitig  zu einer  "Minimal"-Streitmacht von  ein  paar
       dutzend oder auch ein paar hundert Flugkörpern übergehen sollten,
       sondern vielmehr  darum, daß  sie, wenn sie erst einmal dem Druck
       entrinnen, als  bereit und  fähig zum  Ersteinsatz erscheinen  zu
       müssen, herausfinden  werden, daß  die Erfordernisse viel weniger
       hoch sind, als jetzt weit und breit angenommen wird.
       Eine Haltung  des Verzichts  auf Ersteinsatz dürfte auch den ver-
       ständlichen Ängsten  weit entgegenkommen, die hinter einem großen
       Teil des neu erwachten Interesses an der nuklearen Abrüstung ste-
       hen, sowohl  in Europa wie auch in der Vereinigten Staaten. Eini-
       gen der Vorschläge, die aus diesem neuerwachten Interesse hervor-
       gegangen sind,  mag für  den Augenblick die Durchführbarkeit feh-
       len. So  etwa tragen  die Vorschläge,  "ganz" Europa von Portugal
       bis Polen  - zu  einer kernwaffenfreien Zone zu machen, allem An-
       schein nach  der Tatsache  nicht voll  Rechnung, daß Tausende von
       Langstreckenwaffen aus der Tiefe der Sowjetunion immer noch West-
       europa erreichen  können. Eine Politik des Verzichts auf Erstein-
       satz jedoch könnte, mit der damit einhergehenden Verringerung der
       Erfordernisse für neue Kernwaffensysteme des Bündnisses, eine be-
       trächtliche Verminderung von Ängsten aller Art ermöglichen. Gewiß
       würde solch  eine neue  Politik die  gegenwärtig in Europa vorge-
       brachte, höchst brisante Behauptung neutralisieren, daß die Pläne
       für eine  Modernisierung der Kernwaffen mittlerer Reichweite eine
       Hoffnung der  Amerikaner wider  spiegelten, einen  auf Europa be-
       grenzten Nuklearkrieg  zu führen.  Eine solche Modernisierung mag
       unter einer Politik des Verzichts auf Ersteinsatz nötig sein oder
       auch nicht; diese Frage wäre in Anbetracht der Größe und Vielsei-
       tigkeit der  sonstigen vorhandenen  und zu erwartenden amerikani-
       schen Streitkräfte  vor allem  in Europa  zu entscheiden  (so wie
       heute auch).
       Eine effektive  Politik des  Verzichts auf  Ersteinsatz wird auch
       die Gefahr  eines konventionellen Angriffs auf Europa vermindern.
       Diese Gefahr  war niemals so groß, wie es Untergangspropheten be-
       hauptet haben,  und lag  immer hauptsächlich  in der Möglichkeit,
       daß die  Sowjetführer annehmen könnten, sie könnten einen schnel-
       len und  begrenzten Gewinn  erzielen, der hingenommen würde, weil
       eine gemeinsame Verteidigung oder Antwort nicht zustande zu brin-
       gen wäre.  Diese Versuchung  ist durch den in den letzten zwanzig
       Jahren erzielten Aufbau der konventionellen Kräfte des Bündnisses
       sehr viel  kleiner geworden  und sie würde noch weiter verringert
       durch die zusätzliche Verlagerung des Verhältnisses der Rüstungs-
       anstrengungen des  Bündnisses, die  durch eine  Politik des  Ver-
       zichts auf Ersteinsatz sowohl möglich als auch erforderlich wird.
       Die Gefahr, daß ein zum Abenteuerertum neigender Sowjetführer das
       schreckliche Wagnis  konventioneller Aggression  eingehen könnte,
       war in  der Vergangenheit  größer als heute und ist heute größer,
       als sie  bei einer durch wirksame konventionelle Verteidigung un-
       termauerten Politik des Verzichts auf Ersteinsatz wäre...
       Eine Position  und Politik  des Verzichts  auf Ersteinsatz könnte
       auch mithelfen, den Weg in Richtung auf eine ernsthafte Verminde-
       rung der  Kernwaffen auf  beiden Seiten  freizumachen. Die  Jahr-
       zehnte des Atomzeitalters haben gezeigt, wie schwierig es ist, zu
       Vereinbarungen zu  gelangen, die  diese Waffen wirklich beschrän-
       ken, und  niemand kann  mit Sicherheit behaupten, daß dieser oder
       jener Schritt  einen entscheidenden Unterschied bewirke. Aber ge-
       nau wie  eine Politik  des Verzichts  auf Ersteinsatz auf unserer
       Seite die Zwänge in Richtung auf massive neue Nuklearstreitkräfte
       vermindern sollte,  so dürfte sie auch zur Verstärkung des inter-
       nationalen Ansporns  für die  Sowjetunion beitragen, selbst eben-
       falls etwas  Zurückhaltung zu  üben. Hier  darf nicht übertrieben
       werden, und  mit Sicherheit ist die sowjetische Beschaffungspoli-
       tik nicht  einfach ein zeitlich versetztes Spiegelbild der ameri-
       kanischen. Nichtsdestoweniger  gibt es  selbst in der Sowjetunion
       Verbindungen zwischen  dem, was  gesagt wird,  und dem, was getan
       wird, und  es gibt  selbst dort auf Mäßigung wirkende Kräfte, die
       durch eine gemeinsame erklärte Politik des Verzichts auf Erstein-
       satz gestärkt  werden könnten. Zumindest würde eine solche Erklä-
       rung beiden  Seiten einen  zusätzlichen Grund  für die Suche nach
       Vereinbarungen geben,  die einen  ungeheuer kostspieligen und po-
       tentiell destabilisierenden  Wettlauf nach  irgendeinem strategi-
       schen Vorteil im Weltraum verhindern würden.
       ...Was wir zu erhoffen wagen, ist für die hier skizzierte Politik
       jene Art  frischer und breiter Erörterung, wie sie jeweils mitge-
       holfen hat  uns vor fünfzehn Jahren auf den Weg zu SALT I, vor 25
       Jahren zu  dem Abkommen  über den partiellen Teststopp und vor 35
       Jahren zum  Bündnis selbst zu bringen. Eine Erörterung dieser Art
       kann um  so ernsthafter  und vielversprechender  geführt  werden,
       wenn man sich eine einfache und oft übersehene Tatsache vor Augen
       hält: Nach 1945 hat es keinen Ersteinsatz von Kernwaffen gegeben,
       und in  keinem Land  bedauert jemand diese Tatsache. Der richtige
       Weg zur  Reinhaltung dieses Registers ist die Einsicht, daß es im
       Zeitalter des massiven thermonuklearen Overkills keinen Sinn mehr
       hat -  wenn es  denn je  welchen hatte -, diese Waffen für irgend
       einen anderen Zweck bereitzuhalten als für die Verhinderung ihres
       Einsatzes.
       

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