Quelle: Blätter 1982 Heft 06 (Juni)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "ZERSTÖRUNG DER DEMOKRATIE - MACHTERGREIFUNG UND
       ================================================
       WIDERSTAND 1933." BERLINER KULTURRAT KOORDINIERT:
       =================================================
       GROSSES VERANSTALTUNGSPROGRAMM VON UNTEN ZUM
       ============================================
       30. JANUAR 1983
       ===============
       
       (Wortlaut)
       
       Am 30. Januar 1983 jährt sich die "Machtergreifung" des Hitlerfa-
       schismus zum  50. Mal. Der Berliner Kulturrat hat zu diesem Anlaß
       die Initiative  zu einem  "Veranstaltungsprogramm von  unten" er-
       griffen, das von zahlreichen kulturellen Gruppen und Organisatio-
       nen der  Stadt unterstützt  wird. Der  Versuch ist bemerkenswert,
       den Jahrestag nicht im Stil von offiziellen Mahn- und Gedenkstun-
       den abzufeiern, sondern das Datum zu einer intensiven Information
       und Diskussion  in der breiten Öffentlichkeit zu nutzen. Das Ver-
       anstaltungskonzept kommt  dem entgegen:  Der Hitlerfaschismus und
       der antifaschistische Widerstand sollen in einer Form präsentiert
       werden, die Erfahrungen vermitteln und politische Einsichten för-
       dern kann.  Dies scheint  gegenwärtig besonders  aktuell, da sich
       neofaschistische Kräfte  - nicht  ohne Erfolg - verbreiteter Res-
       sentiments (gegenüber  Ausländern beispielsweise)  bedienen.  Die
       Initiative verdient  über Berlin  hinaus Aufmerksamkeit  bei  der
       Vorbereitung auf den 30. Januar 1983. D. Red.
       
       Am 30.  Januar 1933  jährt sich zum 50. Mal der Tag der "Machter-
       greifung". Auf  Initiative des  Berliner Kulturrates  haben  sich
       Organisationen und  Gruppen aus  allen  künstlerischen  Bereichen
       zusammengefunden, die 1983 ein gemeinsames Veranstaltungsprogramm
       unter dem  Titel "Zerstörung der Demokratie - Machtergreifung und
       Widerstand 1933" realisieren wollen.
       Das Besondere  des Veranstaltungsprogramms ist die Verbindung von
       zentralen und  dezentralen Aktivitäten  zu einem Projektpaket. So
       beteiligen sich  große Ausstellungsinstitutionen wie die Neue Ge-
       sellschaft für  Bildende Kunst  ebenso wie freie Theater- und Mu-
       sikgruppen und  Stadtteilvereine. In  den Stadtteilprojekten soll
       vor Ort  eine Spurensicherung  hinsichtlich Faschismus und Wider-
       stand vorgenommen  werden. Die  übergeordneten Bezüge werden z.B.
       in der  Ausstellung in  der Staatlichen  Kunsthalle  dargestellt.
       Diese neuen  Kooperationen zwischen  unterschiedlichen  Projekten
       ermöglichen einen Diskussionsprozeß, der in Berlin eine neue Qua-
       lität von Kulturarbeit schaffen wird.
       Es besteht ein Defizit an Kenntnissen über Ursachen und Wirkungen
       des Nationalsozialismus.  Das wollen  wir angehen:  in Gesprächen
       zwischen jungen  und alten  Menschen, durch  Mitmachtheater, Aus-
       stellungen, Konzerte,  kulturpädagogische Programme,  Theaterauf-
       führungen, Stadtrundfahrten  und Lesungen.  Das Projekt soll auch
       denjenigen, die die Zeit des Nationalsozialismus nicht erlebt ha-
       ben, die Möglichkeit geben, Geschichte als etwas, das sie angeht,
       zu erfahren  und daraus  für die Gegenwart zu lernen. So wird das
       Thema Jugendopposition  unter dem  Nationalsozialismus in  Berlin
       aufgearbeitet und die Frage von Rassismus und Ausländerfeindlich-
       keit thematisiert. Die Wirkungsweisen kultureller Ausdrucksformen
       des Nationalsozialismus  sind bisher  kaum beachtet  worden.  Sie
       werden dargestellt in Konzerten über Alltagsmusik des Nationalso-
       zialismus, in den Bereichen Film und Pressefotografie. Wie Insti-
       tutionen und Organisationen von den Nationalsozialisten gleichge-
       schaltet wurden,  ist weitgehend  unbekannt. Deshalb  wollen kul-
       turelle Verbände  ihre eigene Geschichte aufarbeiten. Veränderun-
       gen in  einem wichtigen Bereich des Alltags läßt eine Ausstellung
       über die  Berliner Schule  nacherleben. Persönliche Betroffenheit
       wollen die  sieben beteiligten Theatergruppen durch ihre Möglich-
       keiten herstellen.
       Zum ersten  Mal in Berlin kommt ein Vorschlag für ein großes Ver-
       anstaltungsprogramm von  unten. In einem demokratischen Verfahren
       haben alle  Beteiligten ihre  Vorschläge eingebracht  und stimmen
       sie in gemeinsamen Diskussionen aufeinander ab. Daraus entwickelt
       sich eine Vernetzung der einzelnen Teile, die auch zu gemeinsamen
       Veranstaltungen führt.  Viele der  Beteiligten  arbeiten  bereits
       seit langem  über Nationalsozialismus  und Widerstand. Sie werden
       deshalb ihre  Arbeit auch nicht mit einem Auslaufen der Finanzie-
       rung einstellen.
       Der Berliner  Senat hat  es versäumt, rechtzeitig eine Initiative
       zu ergreifen.  Deshalb hat  der Berliner Kulturrat im Auftrag der
       Beteiligten ein  Projektpaket beim Senat eingereicht. Er erwartet
       vom Senat und vom Abgeordnetenhaus, daß sie das Vorhaben als Gan-
       zes und  finanziell in  voller Höhe unterstützen. In europäischen
       Nachbarländern sind  Erwartungen geäußert  worden, daß gerade wir
       in Berlin uns zum 50. Jahrestag der "Machtergreifung" der Ausein-
       andersetzung stellen.  Beim Berliner  Senat ist  ein finanzieller
       Zuschuß in Höhe von 2,4 Mill. DM beantragt worden. Die Hälfte der
       Summe sind reine Sachmittel. Der größte Teil der inhaltlichen Ar-
       beit und  auch organisatorische und technische Tätigkeiten werden
       unentgeltlich geleistet.
       Wenn in  Berlin 80 Mill. DM für den Wiederaufbau der Kongreßhalle
       zur Verfügung stehen, dann müssen auch 2,4 Mill. für eine Ausein-
       andersetzung mit  dem Nationalsozialismus da sein. Das ist gerade
       halb so  viel wie  der Werbeetat der Preußenausstellung. Das Pro-
       gramm ist  eigenverantwortlich organisiert  worden; deshalb  soll
       der Berliner  Kulturrat finanzieller Träger und Koordinator blei-
       ben. lm  Sportbereich ist  diese Form  der Selbstverwaltung schon
       lange üblich.  Selbstverwaltung ist vor allem wichtig, weil viele
       kleine Gruppen  beteiligt sind,  die Beratung  und  Unterstützung
       brauchen. Das Programm darf nicht in viele kleine Einzelaktivitä-
       ten zerfallen.  Deshalb ist im Finanzantrag auch Geld für ein ge-
       meinsames Programmbuch, Plakat und Werbung vorgesehen.
       In den  politischen Parteien  und Regierungen wird viel über Bür-
       gernähe und  "Dialog mit  dem Bürger"  geredet. Wir erwarten, daß
       man uns zu Wort kommen läßt.
       Wenn der  Berliner Senat am 18. Mai. 82 über das Projektpaket be-
       schließt, hat  er die  Möglichkeit zu zeigen, was er von demokra-
       tisch gewachsener,  neue Kooperationsformen  erschließender, sich
       der Auseinandersetzung  mit  dem  Nationalsozialismus  stellender
       Kulturarbeit hält.
       Der Vorstand des Berliner Kulturrats.
       An dem  Antrag an  den Berliner Senat sind beteiligt: Gruppe Neue
       Musik Berlin  - Neuköllner Oper - Theater Karawane- Berliner Kul-
       turrat, Sektion  Musik -  Musikfrauen Berlin - Arbeitsgruppe Päd-
       agogisches Museum  - Neue  Gesellschaft für  Bildende  Kunst  und
       Staatliche Kunsthalle  Berlin -  Verein zur  Erforschung und Dar-
       stellung der  Geschichte Kreuzbergs und Kulturverein in der Gale-
       rie am  Chamissoplatz -  Neuköllner Kulturverein  - Projektgruppe
       Kirchlicher Widerstand  im 3.  Reich -  Lunapark, Kulturhaus Wil-
       mersdorf - Berliner Geschichtswerkstatt - Elefanten Press Galerie
       - Neue  Gesellschaft für  Literatur - Berliner Mietergemeinschaft
       Arbeitsgruppe AEG  - Verein zur Förderung der kulturellen Jugend-
       arbeit in  SO 36 - Landesjugendring Berlin - Niederländische Öku-
       menische Gemeinde - Werkbund Archiv - Bildungswerk des Berufsver-
       bands Bildender  Künstler Berlins  - Galerie  70 - Bund Deutscher
       Kunsterzieher - Freie Theateranstalt - Theater-Manufaktur - Thea-
       ter Zentrifuge - TIK Theater in Kreuzberg - Zan Pollo Theater.
       An dem  gesamten Programm  sind zahlreiche weitere Organisationen
       und Institutionen beteiligt, die Veranstaltungen selbst finanzie-
       ren können, Konzepte noch diskutieren oder inhaltliche, organisa-
       torische und technische Unterstützung geben.
       

       zurück