Quelle: Blätter 1982 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "KEHRT UM - ENTRÜSTET EUCH" AUFRUF ZUR DEMONSTRATION
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       ANLÄSSLICH DES KATHOLIKENTAGES AM 4. SEPTEMBER 1982 IN DÜSSELDORF
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       (Wortlaut)
       
       Der Wille zum Frieden ergreift immer mehr Menschen in vielen Län-
       dern der  Welt und  in allen gesellschaftlichen Gruppen. Sie ver-
       trauen nicht  länger darauf,  daß ein Dritter Weltkrieg durch Ab-
       schreckung und Aufrüstung in Ost und West verhindert werden kann.
       Eine Friedensbewegung  hat sich formiert. Christliche Gruppen und
       Gemeinden tragen sie mit.
       Wir Christen  glauben an den Gott Jesu Christi, der auf der Seite
       der Armen, Unterdrückten und Machtlosen steht und uns zur Umkehr,
       d.h. zur  Parteinahme für  diese Menschen ruft. Diese Parteilich-
       keit des  Evangeliums macht  uns fähig,  alle  gesellschaftlichen
       Verhältnisse von  ihren Opfern  her zu  betrachten und  an  deren
       Seite zu  treten,  auf  Feindbilder  zu  verzichten  und  Sicher-
       heitsängste abzubauen. Im Zusammenhang der Friedensbewegung heißt
       dies vor allem, Rüstung und Militarismus zu bekämpfen
       - weil sie  die Vernichtung  der gesamten  Menschheit immer wahr-
       scheinlicher machen
       - weil sie  durch die hohen Kosten Millionen von Menschen verhun-
       gern lassen
       - weil sie die bestehenden Unrechtsstrukturen zementieren.
       Durch die militärische Abschreckung herrsche seit 1945 Frieden in
       Europa, sagen manche. Aber unser "bewaffneter Friede" tötet schon
       jetzt millionenfach  durch Hunger und verhindert für die Mehrheit
       der Weltbevölkerung  ein menschenwürdiges Leben. Für die Mehrheit
       der Bürger der Bundesrepublik Deutschland bedeutet dies u.a. kon-
       kret Abbau  von Sozialleistungen  und Reduzierung von Löhnen. Die
       Rüstung der  Großmächte und anderer Staaten verschlingt das Geld,
       das die  Menschen zum Leben nötig hätten. Weltweit wurden in die-
       sen 37  Jahren 127  Kriege geführt, an denen 88 Staaten beteiligt
       waren. In diesen Kriegen wurden 32 Millionen Menschen umgebracht.
       Gerechtigkeit und  Frieden sind untrennbar. Trotz des Leidens und
       Sterbens unzähliger  Menschen lebt  die Hoffnung auf Frieden, auf
       Gerechtigkeit und  Selbstbestimmung für  alle Völker. Diese Hoff-
       nung verbindet  Befreiungsbewegungen in  der Dritten Welt mit der
       Ökologischen und  Friedensbewegung in den Industrieländern. Ob es
       beispielsweise um  die Befreiung  El Salvadors, die Umweltzerstö-
       rung durch  Rüstung und  Industrie oder die neuen Mittelstrecken-
       waffen geht - überall dort stellen sich Menschen Unrechtsstruktu-
       ren entgegen.  Immer mehr  Menschen entdecken diesen Zusammenhang
       und kämpfen gegen den alltäglichen Dritten Weltkrieg.
       Unsere eigene Aufgabe liegt dort, wo wir wohnen. Wir leben in der
       Bundesrepublik Deutschland  und müssen deshalb hier anfangen. Eu-
       ropa ist vom Rüstungswettlauf zwischen den Supermächten besonders
       betroffen und  aktiv daran beteiligt. Abrüstung ist ein notwendi-
       ger Schritt für das Überleben der Menschheit.
       Nach dem  Beschluß der NATO sollen ab 1983 in Westeuropa, vor al-
       lem auf  dem Boden  der Bundesrepublik, neue Mittelstreckenwaffen
       (Cruise Missiles,  Pershing II)  stationiert werden. Diese sind -
       ebenso wie  die Neutronenbombe  - Waffen für einen Atomkrieg, der
       nach Ansicht  führender Militärs  begrenzt  und  gewonnen  werden
       kann. Damit wird die Gefahr eines Atomkrieges drastisch erhöht.
       Wir begrüßen  es grundsätzlich,  wenn die  politischen Führer der
       Supermächte miteinander  ins Gespräch gehen. Allerdings ist deut-
       lich, daß  die Genfer Verhandlungen nicht wirklich die Stationie-
       rung von  neuen Mittelstreckenwaffen  verhindern werden,  sondern
       viel eher  ein angebliches  "eurostrategisches Gleichgewicht"  an
       Atomraketen festschreiben  werden. Deshalb  werden wir den Wider-
       stand gegen  die Einführung und Stationierung dieser neuen Waffen
       in der Bundesrepublik und in Westeuropa noch verstärken.
       Wir solidarisieren uns mit der wachsenden Friedensbewegung in der
       DDR, die  unter dem  Prophetenwort "Schwerter zu Pflugscharen" in
       ihrem Bündnis für Abrüstung eintritt.
       Wir fordern  in unserem  Bündnis die  Regierungen, besonders  die
       Bundesregierung auf,  ihre Zustimmung  zum Beschluß über die Sta-
       tionierung neuer Mittelstreckenraketen zurückzuziehen. Damit soll
       der Weg  für die  Verringerung der Atomwaffen in West- und Osteu-
       ropa geöffnet  werden mit dem Ziel, einen wechselseitigen, umfas-
       senden Abrüstungsprozeß in Gang zu setzen.
       Wir fordern  ein atomwaffenfreies Europa, in dem Atomwaffen weder
       hergestellt, noch gelagert, noch verwendet werden.
       Wir treten  ein für die Ächtung aller atomaren, bakteriologischen
       und chemischen Waffen.
       Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn daneben ein Prozeß der
       politischen und  militärischen Entflechtung  der Blöcke in Europa
       stattfindet.
       Frieden in Europa drückt sich durch drei Fähigkeiten aus:
       - niedriges Niveau der Bewaffnung
       - Verwirklichung der Menschenrechte
       - Selbstbestimmung der Völker
       Eine zukünftige  Friedensordnung in Europa muß von uns allen mög-
       lich gemacht  werden. Deshalb  rufen wir dazu auf, die Demonstra-
       tion für  Frieden, Abrüstung  und Gerechtigkeit  am 4.  September
       1982 anläßlich  des Katholikentages in Düsseldorf zu unterstützen
       und daran teilzunehmen.
       
       Träger: Initiative  Kirche von  unten - Aktion Sühnezeichen/Frie-
       densdienste - Interkirchlicher Friedensrat der Niederlande.
       Ablauf: 13.00  Uhr: Vorkundgebungen/Sammelplätze: Beckbuschstraße
       (Messegelände), Hans Böckler Straße, Reitallee (Hofgarten); 14.00
       Uhr:  Demonstration;  16.00  Uhr:  Schlußkundgebung  Oberkasseler
       Rheinwiesen.
       

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