Quelle: Blätter 1982 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DER KREFELDER INITIATIVE *) VOM 29. JULI 1982
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       (Wortlaut)
       
       Die  Legende,   Aufrüstung  und  Kriegsvorbereitung  dienten  der
       Kriegsverhütung, wurde  durch den  Falklandkrieg, die israelische
       Aggression gegen  den Libanon  und den  irakisch-iranischen Krieg
       wiederum ad  absurdum geführt.  Waffen sind Kriegsführungsinstru-
       mente; sie werden eingesetzt, wenn es das vermeintliche nationale
       Interesse zu  erfordern scheint.  Das sind  die Lehren, die diese
       verniedlichend als "regional" bezeichneten Kriege vermitteln, die
       alle die  Gefahr der Ausweitung zu einer weltweiten nuklearen Ka-
       tastrophe in sich bergen.
       Die richtige  Schlußfolgerung aus der Tatsache zu ziehen, daß mit
       Aufrüstung kein  Konflikt zu lösen ist, gilt insbesondere für uns
       Deutsche. Denn  in der Bundesrepublik sollen ab 1983 Pershing II-
       Raketen und  Marschflugkörper stationiert  werden, mit  denen der
       Atomkrieg -  so wird  behauptet -  geführt, begrenzt und gewonnen
       werden kann. Die Stationierung dieser neuartigen Erstschlagwaffen
       und die  damit verbundene Kriegsführungsstrategie sind der Weg in
       die atomare Selbstvernichtung.
       Die Bundesregierung  gibt vor, die weitere Nuklearrüstung auf un-
       serem Boden  diene dem Überlebensinteresse; Sicherheit sei nur im
       Bunde mit  den USA  möglich, nur auf diese Weise sei Abrüstung zu
       erreichen. Ist  die Vorstellung, aufzurüsten, um abrüsten zu kön-
       nen, schon  ein Widersinn in sich, so zeigt sich unter den gegen-
       wärtigen Umständen, daß die Hoffnung auf positive Verhandlungser-
       gebnisse einem  Selbstbetrug gleichkommt. Zwar finden Verhandlun-
       gen statt,  aber nichts  deutet darauf hin, daß die USA von ihren
       auf militärische  Überlegenheit abzielenden Verhandlungsvorschlä-
       gen abzurücken  bereit sind. Wandte sich die Außenpolitik des US-
       Präsidenten Reagan  zunächst überhaupt  gegen  Verhandlungen  und
       mußten die  USA erst  durch die  Friedensbewegung an den Verhand-
       lungstisch gebracht  werden, so richtet sich ihre Aktivität heute
       im wesentlichen  darauf, in der Öffentlichkeit die Schuld für den
       bereits vorprogrammierten Mißerfolg anderen zuzuschieben.
       Die Abträglichkeit  der US-Politik für die legitimen europäischen
       Interessen zeigt  sich insbesondere auch in der Tatsache, daß die
       USA ohne  Konsultation der Verbündeten und ohne Rücksicht auf so-
       ziale Folgen ihre Wirtschaftssanktionen gegen den Osten verschär-
       fen. Der  anhaltende Versuch,  das europäische  Erdgas-Röhren-Ge-
       schäft zu  torpedieren, zielt  zugleich gegen  die Ergebnisse der
       Entspannungspolitik.
       Diese Haltung muß den verstärkten Widerstand der Europäer, insbe-
       sondere gegen  die Raketenstationierung,  hervorrufen.  Wirkliche
       Fortschritte bei  den Verhandlungen hängen heute mehr denn je vom
       Einfluß der  Friedensbewegung ab.  Sie zu  stärken, ist das immer
       dringlicher werdende Gebot der Stunde.
       Ein Jahr vor der beabsichtigten Stationierung gilt es, jeden Bür-
       ger auf die damit verbundenen Gefahren aufmerksam zu machen, weil
       durch die Stationierung die europäische Szene entscheidend verän-
       dert und  unsere nationale  Sicherheit völlig  in Frage  gestellt
       werden würde. Es kommt darauf an, den Krefelder Appell durch wei-
       tere millionenfache Unterstützung zu stärken, neue Kreise der Be-
       völkerung anzusprechen,  um die  wachsende Betroffenheit sichtbar
       zu machen.  Wir begrüßen  deshalb die  Initiative von zahlreichen
       in-  und   ausländischen  Künstlern,  die  zu  der  Veranstaltung
       "Künstler für den Frieden" am 11. September 1982 in Bochum aufge-
       rufen haben und mit der sie dem Krefelder Appell zu noch größerer
       Beachtung verhelfen  wollen. Wir  begrüßen die Absicht von Natur-
       wissenschaftlern, Medizinern,  Pädagogen, Sportlern  und anderen,
       diese Gelegenheit zu nutzen, um am 12. September 1982 in Dortmund
       einen eigenen  Beitrag zur Verhinderung des Raketenbeschlusses zu
       beraten. Wir sind überzeugt, daß diese Veranstaltungen in der Be-
       völkerung den verdienten Widerhall finden und dazu beitragen wer-
       den, den  Krefelder Appell  zu einer  Volksabstimmung  gegen  den
       Atomtod zu machen.
       
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       *) Die "Krefelder  Initiative" wird  getragen von den Initiatoren
       des "Krefelder  Appells": Gert  Bastian, Petra  K. Kelly,  Martin
       Niemöller, Helmut  Ridder, Christoph  Strasser, Gösta von Uexküll
       und Josef  Weber. Karl  Bechert, ebenfalls Mitinitiator des "Kre-
       felder Appells", ist 1981 verstorben. D. Red
       

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