Quelle: Blätter 1982 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       MAINAUER FRIEDENSMANIFEST DER NOBELPREISTRÄGER
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       (Wortlaut)
       
       Während einer  Tagung der Nobelpreisträger auf der Bodensee-Insel
       Mainau haben  die unten genannten acht Nobelpreisträger ein Mani-
       fest unterzeichnet,  das der  schwedische Physiker  Hannes Alfvén
       verfaßt hatte. Nachstehend der Wortlaut des Dokuments. D. Red.
       
       In dem  Bewußtsein, daß die Wissenschaften dem Wohle der Menschen
       dienen sollen  und nicht der Zerstörung unserer Existenz, glauben
       wir, nicht  länger zum  weltweiten Rüstungswettlauf  schweigen zu
       können. Wir  haben viele  Jahre unseres Lebens der Forschung oder
       dem Studium  gewidmet, getrieben  von dem Wunsch, mit unseren Er-
       kenntnissen den  Menschen ein glücklicheres Leben zu ermöglichen.
       Mit Entsetzen müssen wir aber feststellen, daß in zunehmendem Maß
       wissenschaftliche Erkenntnisse  zu militärischen Zwecken verwandt
       werden.
       Wir sind besorgt über die weltweite Entwicklung und Erprobung nu-
       klearer Waffen  und bestürzt über die zunehmende Bereitschaft von
       Politikern und  Militärs, die  Möglichkeit eines begrenzten Atom-
       krieges in  Erwägung zu  ziehen. Wir  haben die  Möglichkeit, die
       Folgen eines  auch "nur"  begrenzten nuklearen  Krieges zu  über-
       schauen. Wir stehen in der Verantwortung, die Menschen aller Völ-
       ker darüber  aufzuklären, daß sie erkennen, daß ein solcher Krieg
       Millionen, wenn  nicht Hunderte  von Millionen Tote fordern wird,
       daß die  Spätfolgen diejenigen  der Opfer  von Hiroshima  und Na-
       gasaki bei weitem übertreffen werden.
       Wir wissen,  daß jede  weitere Aufrüstung und immer komplizierter
       werdende Waffensysteme  die Wahrscheinlichkeit  für  menschliches
       und technisches  Versagen vergrößern.  Wir wissen  auch, daß  ein
       Atomkrieg nicht  nur als Unglück über uns kommen kann: Viele Wis-
       senschaftler in Ost und West sind heute im Teufelskreis der Eska-
       lation eines  Konflikts gefangen,  in den  ihre Länder verwickelt
       werden könnten. Ungeheure menschliche, wissenschaftliche, techni-
       sche und  natürliche  Ressourcen,  die  zur  Lösung  der  Mensch-
       heitsprobleme genutzt  werden könnten,  werden  so  sinnlos  ver-
       schwendet.
       Wir bitten deshalb alle Menschen, zusammen mit uns auf die Regie-
       rungen  ihrer  Länder  dahingehend  einzuwirken,  daß  ernsthafte
       Schritte zur  Beendigung des  Wettrüstens und  zur Sicherung  des
       Friedens unternommen werden. Wir stehen mit unserem Friedensmani-
       fest in  der guten  Tradition des Mainauer Appells von 1955 eines
       Max Born, Adolf Butenandt, Arthur Compton, Otto Hahn, Werner Hei-
       senberg, Frederick  Soddy, Hideki Yukawa und anderer, die sich in
       ihrer Verantwortung  als Wissenschaftler  leidenschaftlich  gegen
       den Krieg und für die Abrüstung eingesetzt haben.
       Wir fordern  deshalb die  Regierungen in Ost und West auf, ernst-
       hafte Verhandlungen  mit dem  Ziel einer  wirklichen Abrüstung zu
       führen. Um  einen Erfolg  dieser Verhandlungen nicht durch Schaf-
       fung vollendeter  Tatsachen zu  gefährden, fordern wir, daß keine
       weiteren nuklearen,  chemischen oder  biologischen Waffen statio-
       niert oder produziert werden, insbesondere nicht, während verhan-
       delt wird.  Als erste  vertrauensbildende Maßnahme  sollten  alle
       Kernwaffenstaaten öffentlich auf den Ersteinsatz nuklearer Waffen
       verzichten.
       Wir halten es daher für sinnvoll, ein internationales Komitee aus
       namhaften Wissenschaftlern verschiedener Länder einzurichten, das
       die Lebensnotwendigkeit der Verhütung einer nuklearen Katastrophe
       aufzeigt. Denn wir wollen eine Welt, in der die Völker ohne Angst
       vor Krieg  in friedlichem Nebeneinander leben können, und daß die
       Ergebnisse und Denkmethoden der Wissenschaften ausschließlich zum
       Nutzen der Menschheit eingesetzt werden.
       
       Erstunterzeichner:  Hannes  Alfvén  (Stockholm),  Alfred  Kastler
       (Paris), Peter Kapitza (Moskau), Kai Siegbahn (Uppsala), Tjalling
       Koopmans (Cambridge),  Leo Esaki  (Yorktown Heights)  und  Samuel
       Ting (USA, jetzt Hamburg).
       

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