Quelle: Blätter 1982 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DAS GEHEIME PENTAGON-PROGRAMM ("LEITLINIEN-DOKUMENT")
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       ZUR UMFASSENDEN KRIEGSVORBEREITUNG 1984-1988
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       (Wortlaut des "New York Times"-Berichtes vom 31. Mai 1982)
       
       Die atomare  "Enthauptung" ("decapitation")  der Sowjetunion  und
       die Fähigkeit,  "die gesamte sowjetische (und mit der Sowjetunion
       verbündete) militärische und politische Machtstruktur auszuschal-
       ten", sollen  einem neuen  "Leitlinien-Dokument" des Pentagon zu-
       folge  künftig   offiziell  "Grundlage  der  Atomkriegsstrategie"
       Washingtons sein!  Dies enthüllte die "New York Times" am 30. Mai
       1982 mit  der Veröffentlichung  von Auszügen aus dem neuen Penta-
       gon-Dokument, dessen 125 Seiten langer Wortlaut bisher geheim ge-
       halten wird.  Weinbergers Strategen gehen damit noch über die be-
       rüchtigte -  im Wortlaut  bis heute geheime - "Direktive 59" hin-
       aus, in  der Präsident  Carter 1980  erstmals atomare "Erst"- und
       "Entwaffnungs"schläge  als   amtliche   US-Nuklearkriegsstrategie
       sanktionierte. Jetzt  hat  sich  offensichtlich  die  aberwitzige
       "Sieg-im-Atomkrieg"-Konzeption von  Colin  S.  Gray  im  Pentagon
       durchgesetzt, die  1980, als  die "Blätter" sie erstmals in deut-
       scher Sprache  bekanntmachten (Heft  12/1980), offiziell noch als
       Hirngespinst eines  strategischen Außenseiters abgetan wurde. Das
       neue "Leitlinien-Dokument",  in der  Bundesrepublik  bisher  noch
       kaum zur  Kenntnis genommen,  verdient intensivste Aufmerksamkeit
       gerade der deutschen Öffentlichkeit, deren schlimmste Befürchtun-
       gen hinsichtlich  der wahren  Funktion der  "Nachrüstung" mit der
       hier dokumentierten  Proklamation einer  "Enthauptungs"-Strategie
       gegen die  Sowjetunion bestätigt werden. (Vgl. dazu auch den Bei-
       trag von Karl D. Bredthauer im vorliegenden Heft, vor allem Kapi-
       tel II). Die "Blätter" dokumentieren den bekanntgewordenen Inhalt
       des neuen  Pentagon-Papiers, also den vollständigen Text der "New
       York Times"-Enthüllung  vom 30.  Mai d.J.,  erstmals in deutscher
       Sprache. D. Red.
       
       In einem  neuen sicherheitspolitischen  Fünfjahresplan haben  die
       Planer des Verteidigungsministeriums die Prämisse angenommen, daß
       sich ein  atomarer Konflikt mit der Sowjetunion in die Länge zie-
       hen könnte, und sie haben erstmals eine Strategie für die Führung
       eines solchen Krieges entworfen.
       In dem  Entwurf, den  Vertreter des Pentagon als die "erste voll-
       ständige sicherheitspolitische  Leitlinie dieser  Regierung"  be-
       zeichnen und  der von  Verteidigungsminister Caspar W. Weinberger
       unterzeichnet werden  soll, erhalten  die Streikräfte den Befehl,
       sich auf  gegen die Sowjetunion gerichtete nukleare Gegenangriffe
       vorzubereiten, "die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken"
       ("Counterattacks").
       Das Leitlinien-Dokument, das im Pentagon entworfen wurde und des-
       sen Auffassungen widerspiegelt, wird die Grundlage bilden für die
       Budgetforderungen des Verteidigungsministeriums während der näch-
       sten fünf  Haushaltsjahre. Außerdem war das Dokument, wie Vertre-
       ter des  Verteidigungsministeriums mitteilten,  die Grundlage für
       eine strategische  Studie, die  der Nationale  Sicherheitsrat vor
       kurzem erstellt hat. Diese Studie ist das Fundament der umfassen-
       den strategischen Position der Regierung.
       
       Diskussion um den Atomkrieg
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       Der Charakter  eines atomaren Krieges ist Gegenstand einer inten-
       siven Diskussion,  an der führende Politiker, Militärexperten und
       Offiziere beteiligt  sind. Einige vertreten die Meinung, es werde
       lediglich einen  einzigen totalen Schlagabtausch geben, der beide
       Seiten vernichtet. Andere argumentieren, ein atomarer Krieg könne
       mit vielen Schlagwechseln tage- und wochenlang geführt werden.
       Das Ergebnis der Diskussion wird die Waffen, Kommunikationsmittel
       und die  Strategie der atomaren Streitkräfte bestimmen. Die zivi-
       len und  militärischen Planer,  die sich  für die Auffassung ent-
       schieden haben, daß ein länger andauernder Krieg möglich ist, sa-
       gen, die  amerikanischen Atomstreitkräfte  müßten "die Überlegen-
       heit besitzen  und in  der Lage sein, die Sowjetunion zu zwingen,
       die frühestmögliche  Beendigung der Feindseligkeiten unter Bedin-
       gungen anzustreben,  die  für  die  Vereinigten  Staaten  günstig
       sind". Für  das Pentagon  ist ein "verlängerter" Krieg alles, was
       über einen  einzigen Schlagabtausch  mit atomaren  Waffen hinaus-
       geht.
       Diese Ansichten zum Atomkrieg werden in einem 125-seitigen unver-
       öffentlichen Dokument zum Ausdruck gebracht, das die militärische
       Strategie des  Pentagon detailliert  für die  nächsten fünf Jahre
       und allgemein  für das  nächste Jahrzehnt skizziert. Das Dokument
       liefert den  zur Zeit  maßgeblichen Einblick  in das militärische
       Denken der führenden Verteidigungsstrategen der Reagan-Regierung:
       Es weist  die Streitkräfte  an, Pläne mit dem Ziel zu entwickeln,
       die Sowjetunion auf jedem Konfliktniveau - von Aufständen bis hin
       zum Atomkrieg - zu besiegen.
       
       Weitere Hauptpunkte
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       Das Dokument  offenbart eine  Strategie, der  zufolge die Streit-
       kräfte bereit  sein würden,  im Falle  eines langen  k o n v e n-
       t i o n e l l e n   (Hervorh. v. d. Red.) Krieges mit der Sowjet-
       union Schläge  gegen das  sowjetische Mutterland und gegen sowje-
       tische Verbündete wie Kuba, Vietnam und Nordkorea zu führen.
       Weiterhin enthält  das Leitlinien-Dokument  die folgenden  Haupt-
       punkte:
       - Grundlage der  Atomkriegsstrategie wäre die sogenannte Enthaup-
       tung ("decapitation"),  d.h. Schläge gegen die politische und mi-
       litärische  Führung  und  gegen  die  Verbindungslinien  der  So-
       wjetunion.
       - Die Strategie des konventionellen Krieges würde einer Verteidi-
       gung des amerikanischen Territoriums die Priorität einräumen, ge-
       folgt von  Westeuropa und  den Erdölquellen des Persischen Golfs.
       Die Verteidigung Asiens ist niedriger eingestuft, und im Bedarfs-
       fall können  Streitkräfte aus  dem Westpazifik  in andere Gebiete
       verlegt werden.
       - In Friedenszeiten würde die Handelspolitik des Westens im Wett-
       bewerb mit  der Sowjetunion so viel Druck wie möglich auf die so-
       wjetische Wirtschaft  ausüben, die bereits die Bürde der Ausgaben
       für militärische Zwecke zu tragen hat.
       - China würde sorgfältig abgewogene Militärhilfe erhalten, um auf
       diese Weise die entlang der chinesischen Grenze stationierten so-
       wjetischen Truppen dort auch weiterhin zu binden.
       - Sonderoperationen, womit  Untergrundkampf, Sabotage und psycho-
       logische Kriegsführung  gemeint sind,  müßten verbessert  werden.
       Der Weltraum  müßte für  die militärischen  Bedürfnisse  der  USA
       nutzbar gemacht werden.
       - Der Bereitschaft  der vorhandenen Truppen und dem Bau von Muni-
       tions- und  sonstigen Lagern  zur Versorgung  dieser  Truppen  im
       Kampf würde  gegenüber der Anschaffung neuer Waffen und neuen Ma-
       terials die  Priorität eingeräumt.  Die  amerikanische  Verteidi-
       gungsindustrie müßte modernisiert werden.
       - Fehlende  Haushaltsmittel werden  wahrscheinlich bedeuten,  daß
       das Fünfjahresziel  nicht erreicht  wird, daher  müßten Strategie
       und Streitkräfte so flexibel wie möglich bleiben, um einem weiten
       Spektrum von Gefahren begegnen zu können.
       
       Pläne für simultane Operationen
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       In  einem  konventionellen  Krieg,  heißt  es  in  dem  Dokument,
       "könnten Streitkräfte  der USA gleichzeitig auf geographisch von-
       einander getrennten  Kriegsschauplätzen benötigt  werden", so zum
       Beispiel in  Europa, Südwestasien und Korea. Insbesondere ist es,
       besagt das  Dokument weiter, "essentiell, daß die Sowjetunion mit
       der Aussicht  auf einen  umfassenden Konflikt  konfrontiert wird,
       wenn sie  versuchen sollte, die Ölquellen des Persischen Golfs zu
       erreichen."
       Das Dokument  legt der  Drohung mit  simultaner Kriegsführung  in
       verschiedenen Teilen  der Welt besonderes Gewicht bei. William P.
       Clark, Präsident Reagans Berater in Fragen der nationalen Sicher-
       heit, erklärte in der vergangenen Woche, hochmobile amerikanische
       Streitkräfte würden nicht überall zugleich zuschlagen, sondern in
       einem Zielgebiet nach dem anderen.
       Als Ergänzung der Militärstrategie in Friedenszeiten sollten, wie
       in dem  Leitlinien-Dokument festgestellt  wird,  die  Vereinigten
       Staaten und ihre Verbündeten faktisch der Sowjetunion wirtschaft-
       lich und technisch den Krieg erklären.
       Die Vereinigten  Staaten, heißt  es dort,  sollten Waffen entwic-
       keln, auf  die die  Sowjetunion nur  schwer eine  Antwort  finden
       kann, die  ihr unverhältnismäßig hohe Kosten auferlegen, neue Ge-
       biete einer  umfassenden militärischen  Konkurrenz  eröffnen  und
       frühere sowjetische Investitionen obsolet machen".
       
       Ein detaillierter Plan
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       Trotz seiner streckenweise geheimnisvollen Sprache ermöglicht das
       Dokument mit dem Titel "Leitlinien der Verteidigung für die Haus-
       haltsjahre 1984-1988"  ein besseres  Verständnis, was  das Denken
       der militärischen Planer in der Reagan-Administration anbetrifft,
       als das  bei früheren  Dokumenten der  Fall war, die entweder aus
       routinemäßigen öffentlichen  Verlautbarungen oder  aus Revisionen
       der von der Regierung Carter vertretenen Strategie bestanden.
       In vielen  Teilen dieses Dokuments haben die militärischen Planer
       Reagans mit  einem weißen  Blatt Papier  begonnen. Ihre Ansichten
       von der  Möglichkeit eines verlängerten Atomkrieges unterscheiden
       sich von  denen der  Militärtheoretiker der Carter-Administration
       ebenso wie  ihre Auffassungen  von einem globalen konventionellen
       Krieg und  vor allem ihre Absicht, die Sowjetunion wirtschaftlich
       unter Druck zu setzen.
       Das Leitlinienpapier  gibt  die  grundlegenden  Ansichten  Caspar
       Weinbergers und die seines Stellvertreters Frank C. Carlucci wie-
       der, sowie die Auffassungen der Vereinigten Stabchefs, hoher kom-
       mandierender Staboffiziere, ziviler Planer im Bereich der Politik
       und technischer Experten.
       Das Dokument  diente als Hauptunterlage für die strategische Stu-
       die, die  der Nationale  Sicherheitsrat vor  kurzem erstellt hat,
       wie Vertreter  des Verteidigungsministeriums erklärt haben. Diese
       Studie wiederum  war die Grundlage für die von der Regierung ver-
       tretenen Gesamtstrategie,  wie sie in einer Rede des Sicherheits-
       beraters Clark  am 21. Mai beschrieben wurde. Der Ton seiner Rede
       war allerdings zurückhaltender als das Leitlinien-Dokument
       
       Was mit dem Papier weiter geschieht
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       Im Verteidigungsministerium wird das Dokument die Gesamtstrategie
       der für  den Militärhaushalt vorgeschlagenen Programme bestimmen,
       wie zum  Beispiel die  Einführung von Waffensystemen sowie Opera-
       tionen, Unterhaltung  und Größe  der bewaffneten Streitkräfte für
       die Dauer von fünf Jahren, beginnend mit dem 1. Oktober 1984.
       Diese Programme  werden vom Amt für Verwaltungs- und Haushaltsan-
       gelegenheiten und  danach vom Präsidenten noch geprüft, bevor sie
       dem Kongreß  zur Beratung und Bewilligung der entsprechenden Mit-
       tel zugeleitet  werden. Der Präsident könnte natürlich jedes die-
       ser Programme  reduzieren, wenn  die Vereinigten  Staaten mit der
       Sowjetunion ein Abkommen über einen Rüstungsabbau aushandeln wür-
       den.
       In dem  Dokument, das  einen weiten  Themenbereich umfaßt, werden
       die Streitkräfte angewiesen, neue Bereiche für ihre Bewaffnung zu
       erschließen, insbesondere im Weltraum, wozu der Vorschlag gemacht
       wird, "Prototypen  von Waffensystemen zu entwickeln, die im Welt-
       raum stationiert  sind", unter  anderem Waffen zur Zerstörung so-
       wjetischer Satelliten.
       Am anderen  Ende der  Liste besagt der Plan, daß "wir unsere Spe-
       zialeinheiten neu beleben und verstärken müssen, um die Macht der
       Vereinigten Staaten dort wirksam werden zu lassen, wo der Einsatz
       konventioneller Truppen  verfrüht, unpassend  oder undurchführbar
       wäre", insbesondere  in Osteuropa.  "Spezialeinheiten" ist  dabei
       ein Euphemismus  für Guerillas,  Saboteure,  Kommandotruppen  und
       ähnliche unkonventionelle Streitkräfte.
       
       Prioritäten des Dokuments
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       In dem  Papier wird  festgestellt, daß die amerikanischen Truppen
       bessere Nachrichtenverbindungen und nachrichtendienstliche Infor-
       mationen benötigen. Damit werden Forderungen von Verteidigungsmi-
       nister Weinberger nach einer Vielzahl neuer Kommunikationssysteme
       vorbereitet, und  es heißt weiter: "Die einzelnen Waffengattungen
       sollten Mittel für Programme einsetzen, die eine angemessene Ver-
       sorgung mit nachrichtendienstlichen Informationen gewährleisten."
       Weiter wird  in dem  Dokument erklärt, daß "ein Erreichen unseres
       Planungsziels während  dieses Zeitraums  von  fünf  Jahren  wahr-
       scheinlich nicht  möglich sein  wird", und zwar wegen der umfang-
       reichen Haushaltsbelastungen,  der langen  Zeit, die für die Waf-
       fenproduktion erforderlich  ist und der dringenden Notwendigkeit,
       die Einsatzbereitschaft  der gegenwärtig  vorhandenen Truppen  zu
       erhöhen.
       Aus diesem Grunde setzt das Papier Prioritäten fest für Rekrutie-
       rung und  Ausbildung, für die Beschaffung von Waffen für die exi-
       stierenden Streitkräfte  und für  den Bau von Lagern für Munition
       und sonstige  Verbrauchsgüter, so  daß eine Versorgung für minde-
       stens 60 Tage gewährleistet ist. Heute reicht bei vielen Artikeln
       der Vorrat nicht einmal für 20 Tage aus.
       Außer den  allgemeinen Konzeptionen  ist das  Dokument durchsetzt
       von neuen Richtlinien für spezifische Einzelprobleme:
       - Die Einführung  der weiterentwickelten  Rakete Trident  II oder
       D 5, die  von Unterseebooten abgeschossen wird, soll um ein Jahr,
       das heißt  auf 1988 verschoben werden. Das könnte die Entwicklung
       der MX-Rakete  in Frage  stellen, da sie im günstigsten Fall erst
       zwei Jahre früher zur Verfügung stehen würde.
       - Die Schnelle  Eingreiftruppe, deren Auftrag in der Verteidigung
       der amerikanischen  Ölquellen um  den  Persischen  Golf  bestehen
       würde, soll  aus bis zu fünf Armeedivisionen bestehen, zwei Divi-
       sionen und Flugzeuggeschwader der Marineinfanterie, 10 Geschwader
       der Luftwaffe  mit taktischen Kampfflugzeugen und zwei Geschwader
       mit B-52-Bombern, und ist damit eine erheblich größere Truppe als
       ursprünglich geplant war.
       - Die Streitkräfte  der Vereinigten  Staaten sollen ihre Möglich-
       keiten ausbauen,  "befreundeten erdölproduzierenden  Ländern  bei
       der Reparatur, der Wiederinbetriebnahme oder der Verteidigung ih-
       rer Erdölfelder und Fördereinrichtungen zu helfen".
       - Marine und  Luftwaffe sollen im Rahmen neuer Operationen zusam-
       menarbeiten,  um  die  Seewege  zu  verteidigen  und  sowjetische
       Schiffe zu  bekämpfen, wobei  die Luftwaffe  die von Awacs-Radar-
       flugzeugen gelieferten  Informationen zur  Verfügung  stellt  und
       Bomber einsetzt, die mit Antischiffsraketen ausgerüstet sind.
       - Das Marinekorps  soll durch  Versuche klären,  ob die Flugzeuge
       vom Typ  "Harrier" -  die Hauptstütze der britischen Luftwaffe in
       der Umgebung der Falkland-Inseln - mit Atomwaffen bestückt werden
       können.
       - Neues Gewicht soll der Militärhilfe für befreundete Länder bei-
       gemessen werden.  Ein spezieller  Beschaffungsfonds für Verteidi-
       gungszwecke soll  eingerichtet werden,  so daß  Waffen, Flugzeuge
       inbegriffen, bestellt  und gelagert  werden könnten,  die dann an
       bedrängte Verbündete  oder sonstige  in Schwierigkeiten  geratene
       Länder ausgeliefert würden.
       
       Ein langer Atomkrieg
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       Bei der Ausarbeitung einer Strategie zur Führung eines verlänger-
       ten Atomkrieges  sind die politischen Planer von Verteidigungsmi-
       nister Weinberger  über die Direktive 59 hinausgegangen, die Prä-
       sident Carter  seinerzeit erlassen  hatte und die den Schwerpunkt
       der amerikanischen  Atomstrategie auf  Angriffe gegen spezifische
       militärische und politische Ziele verlegt hatte.
       Die neue atomare Strategie fordert von den amerikanischen Streit-
       kräften die  Fähigkeit, "die gesamte sowjetische (und mit der So-
       wjetunion verbündete)  militärische und  politische Machtstruktur
       auszuschalten", fordert  darüber hinaus  jedoch die  sichere Ver-
       nichtung "der atomar und konventionell ausgerüsteten Streitkräfte
       und der  Industrien, die für die militärische Macht von entschei-
       dender Bedeutung  sind". Die  amerikanischen Streitkräfte  müssen
       dementsprechend in  der Lage  sein, "während  einer  verlängerten
       Konfliktperiode und  danach über die Mittel zu verfügen", der so-
       wjetischen Industrie "in sehr hohem Maße Schaden zuzufügen".
       In der  atomaren Strategie wird die Bedeutung der Nachrichtenver-
       bindungen besonders  betont, durch  die der  Präsident und  seine
       höchsten Militärberater in die Lage versetzt werden sollen, einen
       atomaren Schlagabtausch  zu kontrollieren und nicht nur auf einen
       umfassenden Gegenschlag auf einen sowjetischen Angriff beschränkt
       zu sein.
       Die Nachrichtensysteme  müssen es  ermöglichen, "Ad-hoc-Pläne  zu
       verwirklichen, auch  dann, wenn  bereits mehrere Angriffe hinter-
       einander  erfolgt   sind",  heißt   es  dazu   in  dem  Dokument.
       "Insbesondere sollten  diese Systeme  die Neuformierung  und  den
       Einsatz strategischer  Reservestreitkräfte ermöglichen, insbeson-
       dere die  uneingeschränkte Nachrichtenverbindung zu unseren stra-
       tegischen Unterseebooten".  Die Verbindung zu Unterseebooten gilt
       heute noch als langsam und umständlich.
       
       Probleme einer Seekriegsführung
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       Der Richtlinienplan  beinhaltet auch eine Verfeinerung der atoma-
       ren Doktrin.  So heißt es darin, die für strategische Schläge ge-
       gen das sowjetische Kernland vorgesehenen Atomwaffen könnten auch
       für einen  Angriff auf Ziele wie zum Beispiel Militärbasen in Ge-
       bieten wie  etwa Osteuropa  eingesetzt werden. Hierbei scheint es
       sich um  eine Anspielung auf Marschflugkörper zu handeln, die von
       Unterseebooten gestartet werden.
       Ferner heißt  es in  dem Dokument,  daß die  Sowjetunion versucht
       sein könnte, die Marine der Vereinigten Staaten mit Atomwaffen in
       der Annahme  anzugreifen, der  Konflikt lasse sich auf das Seege-
       biet begrenzen.  "Daher wird",  heißt es weiter, "die Politik der
       Vereinigten Staaten  darin bestehen,  daß ein  Atomkrieg, der mit
       sowjetischen Angriffen  auf See  beginnt, nicht notwendig auf das
       Seegebiet beschränkt bleibt".
       Der militärische  Plan besagt  weiterhin, daß die Entwicklung von
       Raketensystemen beschleunigt werden soll, deren Aufgabe darin be-
       steht, die  Vereinigten Staaten gegen einen sowjetischen atomaren
       Angriff zu  verteidigen. Weiter heißt es, die Vereinigten Staaten
       könnten eine  Revision des  ABM-Vertrages über  Abwehrraketen an-
       streben, falls  die Einführung der Interkontinentalrakete vom Typ
       MX das erfordern sollte.
       Zur konventionellen  Rüstung stellt  das Dokument  fest, daß "die
       konventionellen Streitkräfte  der Vereinigten  Staaten in Verbin-
       dung mit  denen unserer  Verbündeten in der Lage sein sollten, es
       für die Sowjetunion riskant zu machen, ihre Interessen zu verfol-
       gen, und zwar auch innerhalb des sowjetischen Kernlandes".
       Die Streitkräfte  werden angewiesen,  besondere Strategien  gegen
       die sowjetische Aggression vorzubereiten. In Westeuropa, heißt es
       in diese  Zusammenhang, "wird es von höchster Priorität sein, den
       ersten Vorstoß  des Warschauer  Paktes unter minimalem Verlust an
       Territorium zum  Stehen zu  bringen". Das  bedeutet die Ablehnung
       einer Strategie,  nach der  man Raumzugeständnisse  macht, um da-
       durch die  Zeit zu  gewinnen, die es den alliierten Streitkräften
       erlaubt, sich zum Gegenangriff zu formieren.
       In dem  Papier werden Transportmöglichkeiten auf dem See- und dem
       Luftwege verlangt,  mit denen  sechs Armeedivisionen,  die Hälfte
       einer Division  Marineinfanterie mit  Begleitflugzeugen, sowie 60
       Staffeln mit  taktischen Kampfflugzeugen  der Luftwaffe innerhalb
       von 10 Tagen nach Europa verlegt werden können. Bei den gegenwär-
       tigen Transportmöglichkeiten wäre das nicht möglich.
       Wie es  in dem  Dokument weiter  heißt, "werden Offensivmaßnahmen
       gegen die  Flanken des  Warschauer Paktes besondere Bedeutung er-
       halten, um  einen Abzug  von Verbänden des Pakts von der Zentral-
       front zu erzwingen." Die Nordflanke stützt sich auf Norwegen, die
       südliche Flanke auf die Türkei.
       Ferner werden  "um politische,  wirtschaftliche und  militärische
       Schwächen innerhalb  des Warschauer Paktes auszunutzen und Opera-
       tionen im feindlichen Hinterland zu zerschlagen, Spezialeinheiten
       Operationen in  Osteuropa sowie im nördlichen und südlichen NATO-
       Gebiet durchführen",  heißt es  in dem  Dokument. Mit  besonderer
       Aufmerksamkeit soll  dabei das  Ziel verfolgt  werden, die Unter-
       stützung zu untergraben, die der Sowjetunion in ihrem osteuropäi-
       schen Einflußbereich zuteil wird.
       
       Die Strategie am Persischen Golf
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       Die Strategie  für Südwestasien  unter Einschluß  des  Persischen
       Golfs, wie  sie in  dem Papier  dargestellt wird, fordert von den
       amerikanischen Streitkräften die Bereitschaft, sich, falls erfor-
       derlich, mit  Gewalt Zugang zu verschaffen und nicht erst auf die
       Einladung durch eine befreundete Regierung zu warten, was bislang
       die öffentlich erklärte Politik war.
       Es zeigt  sich auch,  daß das  Hauptziel des amerikanischen Mili-
       täreinsatzes in diesem Gebiet darin bestehen würde, eine sowjeti-
       sche Infiltration  oder Invasion  zu stoppen  und nicht notwendig
       darin, die Invasion eines Landes durch ein anderes innerhalb die-
       ser Region abzuwehren, wie gelegentlich offiziell erklärt wurde.
       Seit langem  gehört es  zu den  am nachdrücklichsten  vertretenen
       Zielen von  Verteidigungsminister Weinberger,  den Zugang der So-
       wjetunion zur  Technologie der  USA und  anderer nichtkommunisti-
       scher Länder  zu reduzieren,  und der Pentagon-Plan spiegelt dies
       wider. Ebenso  kommt in ihm das Bestreben zum Ausdruck eine tech-
       nische Strategie  durchzusetzen, die  darauf abzielt,  die  wirt-
       schaftliche Stärke der Sowjetunion zu unterminieren.
       Diese Strategie,  so heißt  es in dem Plan, "sollte Investitionen
       auf Waffensysteme konzentrieren, die die vorhandenen sowjetischen
       Rüstungsbestände wertlos machen." Sie sollte "den Sowjets dadurch
       höhere Kosten  auferlegen, daß sie bei ihnen Unsicherheit hervor-
       ruft, ob sie noch in der Lage sind, einige ihrer vordringlichsten
       Aufträge zu erfüllen".
       
       Die Forderungen des Pentagon für die Streitkräfte
       (Die Zahlen  geben für jedes Haushaltsjahr die Stärke der Streit-
       kräfte an, die nach den Angaben der Pentagon-Planer benötigt wer-
       den, um ihre Ziele zu erreichen.)
       
                                 Gegen-  1984 (Be-  1988 (Ende 1991
                                 wärtige ginn des   des Fünf-  (Lang-
                                 Stärke  Fünf-      jahres-    fristiger
                                         jahres-    plans)     Bedarf)
                                         plans)
       Truppen für allgemeine Zwecke
       Armeedivisionen              16        16         17        25
       Flugzeugträger-Kampfgruppen
       (Navy)                       13        14         14        22
       Taktische Kampfflugzeug-
       Geschwader (Air Force)       24        25,6       27,6      38
       Amphibienverbände
       (Marineinfanterie)            3         3          3         4
       Mobile Luftlandetruppen
       Langstreckenflugzeuge       304       304        312       632
       Kurzstreckenflugzeuge       218       218        218       458
       Strategische Streitkräfte
       Raketenbestückte
       U-Boote (Navy)               32        35         40        44
       Bombenflugzeuge (Air Force) 376       290        389       483
       Interkontinentalraketen
       (Air Force)                1053      1029         *)      1254
       _____
       *) Muß noch festgelegt werden.
       Quelle: (US-)Verteidigungsministerium.
       

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