Quelle: Blätter 1982 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       REDE DES EHEMALIGEN BERLINER LANDESBISCHOFS KURT SCHARF VOR
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       DER UNO-SONDERGENERALVERSAMMLUNG ZUR ABRÜSTUNG AM 24. JUNI 1982
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       IN NEW YORK
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       (Wortlaut)
       
       Hohe Versammlung  der Repräsentanten  der Völker  der Welt!  Sehr
       verehrte Damen  und Herren!  Liebe Geschwister  auf dieser  einen
       Erde! Friede  sei mit  Euch und  Gnade von  dem Gott,  an den ich
       glaube! Ich spreche zu Ihnen als Christ. Ich spreche zu Ihnen als
       Deutscher. Ich  komme aus  dem Land, das in diesem Jahrhundert in
       zwei Weltkriegen  große Schuld  auf sich  geladen  hat,  aus  der
       Stadt, von der der Zweite Weltkrieg ausgegangen ist und die darob
       eine - weltpolitisch - geteilte Stadt wurde. Ich habe erlebt, wie
       schwer Kriegsschuld,  Schuld an  Holocaust und  Genozid auf einem
       Volk als  ganzem lastet  und wie  furchtbar sie sich rächt bis in
       die dritte  und vierte  Generation. Ich  habe  auch  erlebt,  daß
       Kriege, lange  bevor sie auf dem Schlachtfeld ausgetragen werden,
       in den  Köpfen und  Herzen der  Menschen beginnen.  Ich weiß, was
       Rassenwahn, sogenanntes  Herrenmenschentum  und  Stereotypen  von
       Feindbildern in  der Geschichte meines Volkes und auch in der Ge-
       schichte der  christlichen Kirchen  angerichtet haben:  Vor  vier
       Jahrzehnten hat  diese Vergiftung  des Denkens den Versuch ausge-
       löst, das  europäische Judentum  auszurotten, es hat 20 Millionen
       Sowjetbürgern, vielen Millionen Polen, mehr als 50 Millionen Men-
       schen auf  dieser Erde  das Leben  und vielen Millionen dazu ihre
       Heimat gekostet.
       Ich darf  das Wort  an Sie,  die Vertreter  der Völker  der Erde,
       richten -  eingeladen  als  Vorsitzender  der  "Aktion  Sühnezei-
       chen/Friedensdienste". Diese  Organisation wurde nach dem Zweiten
       Weltkrieg von  Christen gegründet,  die "der  Bitterkeit, dem Haß
       und der  Selbstrechtfertigung eine Kraft entgegensetzen" wollten:
       die Macht  des Friedens  durch Versöhnung.  Wir versuchen,  diese
       Aufgabe wahrzunehmen durch die hingebende Arbeit Tausender junger
       Deutscher, die in die Länder und zu den Völkern gehen, die beson-
       ders unter  der nationalsozialistischen  Verfolgung und Besetzung
       zu leiden  hatten und  haben. Wir wollen im Eintreten für Versöh-
       nung und  Frieden aus der Geschichte unseres Volkes und der evan-
       gelischen Christenheit in Deutschland für eine Zukunft lernen, in
       der der  Mensch nicht  mehr des  Menschen ärgster  Feind ist. Der
       Norden Norwegens,  Coventry/Großbritannien,  Oradour-Taizé/Frank-
       reich, Lidice/CSSR,  Kandnos/Griechenland, Rotterdam/Niederlande,
       Auschwitz, Stutthof  und Majdanek  in  der  Volksrepublik  Polen,
       Chatyn/UdSSR und  Stätten in  Israel sind  die Stationen  unserer
       praktischen Tätigkeit.  Der Schlüssel  zu einer besseren Zukunft,
       die Gott  mit uns  vorhat, der  Grund zur  Hoffnung, ist  für uns
       Deutsche an  diesen Orten,  nicht  abgesehen,  im  Wegsehen,  von
       ihnen, zu  finden. Wir  wollen die - teuer bezahlte - Lektion von
       Auschwitz lernen  und sie  unsere Kinder und Kindeskinder lehren,
       damit es  sich nie  wiederholen kann, damit kommende Generationen
       eine solche Erfahrung nicht noch teurer bezahlen müssen!
       Und: Wir wollen - auch - die Lektionen von Hiroshima und Nagasaki
       lernen, damit sie eine einmalige Verfehlung des Menschen bleiben:
       ein Menetekel  der Verirrung, vor dem wir zurückschrecken dürfen!
       Wir leben  - im  technisch-wissenschaftlichen Zeitalter - mit der
       Drohung und dem Schrecken der Möglichkeit atomarer Selbstvernich-
       tung des  Menschengeschlechtes und  haben vor  Augen, daß Rüstung
       schon heute  hunderttausendfach tötet. An jedem Tag, an dem welt-
       weit Milliarden Dollar für Rüstung ausgegeben werden, sterben auf
       unserer Erde Zehntausende von Kindern am Hunger. Das ist ein Gip-
       fel an  Gewalttätigkeit, ein unerträglicher Skandal. Immer neue -
       furchtbarere -  Waffensysteme werden  erfunden, gebaut, getestet,
       stationiert, weil eine Mehrheit der Menschen Sicherheit zu gewin-
       nen wähnt  nur durch  Verstärkung militärischer Drohungen, obwohl
       wir errechnen  können, daß die fortdauernde Androhung gegenseiti-
       ger Totalvernichtung und die "atomare Geiselnahme" der Völker des
       Ostens durch  den Westen und des Westens durch den Osten - unaus-
       weichlich -  herbeiführen werden, was man verhindern will. Im Ge-
       horsam gegenüber  Gott und im Hören auf sein Wort wage ich zu sa-
       gen: Die  atomaren Waffen  sind kein Mittel der Politik. Auch ihr
       Gebrauch allein zur Drohung ist Lästerung Gottes.
       Umkehr ist  notwendig! Jeder  Mensch auf  dieser Erde,  die  Gott
       liebt und  die er  durch uns  erhalten will, kann dazu mithelfen,
       daß Umkehr  vollzogen wird.  Der einzelne ist dem bösen Geschehen
       gegenüber nicht ohnmächtig und Sie, Freunde, sind es ganz und gar
       nicht. Auf  Sie blickt  die sorgende  Erwartung der Völker! Frie-
       densbewegungen in  Europa und  in der ganzen Welt haben begonnen,
       Voraussetzungen für  eine andere eine neue Art des Zusammenlebens
       der Nationen  zu schaffen. Wir zählen uns zu der weltumspannenden
       Bewegung für  das Überleben  der Menschheit. In dem Land, aus dem
       ich komme, erkennen die Bürger in zunehmendem Maße, wie gefährdet
       der Friede  durch eine  Politik ist,  die von  gegenseitigem Miß-
       trauen bestimmt  wird. Sie  überlassen ihre  Zukunft nicht länger
       den Regierenden,  die in  den Denkkategorien des Abschreckens und
       des Drohens  gefangen sind.  Große Demonstrationen  in Europa und
       vor zwölf  Tagen hier in New York eröffnen den Menschen neue Mög-
       lichkeiten politischen Denkens und Handelns. Arbeit für den Frie-
       den heißt heute:
       1. ökonomische und  politische Beziehungen zwischen den armen und
       reichen Nationen  dieser Erde zu schaffen, die gerechter sind als
       die gegenwärtigen; und heißt: die Rüstungsexporte zu stoppen!
       2. die Konfrontation  der Militärsysteme  in Ost und West zu min-
       dern! Sicherheit gibt es in Zukunft nur als gemeinsame Sicherheit
       der Kontrahenten. Die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit
       in Europa  und die Entspannungspolitik sind ein Anfang, der fort-
       geführt werden  muß. (Die Kirchen Europas haben ihn mit herbeige-
       führt.) Das  militärische Auseinanderrücken  der Machtblöcke  ist
       notwendig und möglich!
       3. die Welt  von Atomwaffen  zu befreien! Sie zuerst bedrohen das
       Überleben der Menschheit. Es gilt, die weitere Verbreitung atoma-
       rer Waffensysteme  anzuhalten, atomwaffenfreie  Zonen überall auf
       der Erde  zu schaffen:  in Skandinavien,  auf dem  Balkan, in den
       Ländern der Dritten Welt!
       4. - eben deshalb - an die Großmächte zu appellieren, daß sie die
       Produktion, den Test und die Stationierung atomarer Waffen sofort
       und bedingungslos  einfrieren:  auch  die  Produktion  der  Pers-
       hing-II-Raketen und  der Marschflugkörper,  die in Europa statio-
       niert werden sollen. Die europäische Friedensbewegung unterstützt
       den Vorschlag  der amerikanischen  Freunde für  das beiderseitige
       Einfrieren der  Nuklearwaffen als  Test der eigenen Bemühungen in
       Europa!
       5. für die  Erkenntnis zu  werben, daß  jede Macht einseitig dazu
       beitragen kann,  daß der  notwendige Prozeß der Abrüstung in Gang
       komme!  Angesichts  von  Vernichtungskapazitäten  unvorstellbaren
       Ausmaßes kann  jede Seite  mit eigenen  Schritten - und auf jeder
       Seite jedes einzelne Land mit unabhängigen nationalen Initiativen
       - beginnen.  Durch Gleichgewichtsrechnen  wird ein beiderseitiger
       Abbau der  Waffenarsenale nicht  gefördert,  sondern  verhindert.
       Gleichgewicht zwischen  den Großmächten  ist wegen  ihrer  unter-
       schiedlichen Erfahrungen  mit  Kriegen,  ihrer  unterschiedlichen
       ökonomischen und politischen Stabilität, technologischen Entwick-
       lung und  geopolitischen  Lage  nicht  zu  errechnen.  Die  Logik
       "Aufrüsten, um abzurüsten", die dem Beschluß der NATO vom 12. De-
       zember 1979  zugrunde liegt, neue atomare Waffen in Westeuropa zu
       stationieren, ist  - in  sich -  widerlegt, ist  "eine Logik  des
       Wahnsinnes". Aufrüsten  steigert das  gegenseitige Mißtrauen. Wir
       stellen ihr  die Erwartung  entgegen, durch Verhinderung der Sta-
       tionierung neuer  atomarer Waffen  den Einstieg in eine wirkliche
       Abrüstung, in  einen Abrüstungsprozeß,  zu  finden.  Wir  richten
       diese Erwartung  nicht nur  an das  eigene Bündnissystem, sondern
       auch an die Sowjetunion und den Warschauer Pakt.
       6. der Einsicht  Rechnung zu  tragen, daß Ost und West beide Teil
       eines Problems sind, eines Problems, das nicht mehr nur ein poli-
       tisches oder  militärstrategisches, sondern ein ethisches Problem
       ist! Die  Gesellschafts- und  Wirtschaftssysteme in  Ost und West
       sind in  sich nicht  der Frieden.  Sie sind beide Teil einer Auf-
       gabe, den Frieden zu gewinnen, zu fördern, zu erneuern. Keine der
       beiden Seiten  vermag sie für sich zu lösen, aber jede Seite kann
       - auf die andere zu - entgegenkommende, tastende Schritte der Rü-
       stungsminderung tun,  und das  so lange,  bis Vertrauen entsteht,
       Bedrohung  verringert,  Abrüstung,  effektive  Abrüstung  möglich
       wird. Wir  treten ein für ein atomwaffenfreies Europa in West und
       Ost auf  dem niedrigsten  (kontinuierlich herabzusetzenden) Stand
       rein defensiver  konventioneller Rüstung  und stehen zu der - al-
       lein noch  realen - Utopie einer "Welt ohne Waffen". Wir arbeiten
       an unserem Beitrag zur gewaltfreien Lösung aufkommender Konflikte
       in der  Überzeugung, daß Krieg als Mittel der Politik den Völkern
       - spätestens seit Hiroshima- nicht mehr erlaubt ist. Diese allein
       legitime Aufgabe der Kriegsverhütung und Konfliktlösung mit poli-
       tischen statt militärischen Mitteln fördert von uns allen die Ar-
       beit an alternativen Sicherheitssystemen.
       Gott, der  Herr der  Schöpfung und der Geschichte, hat uns - nach
       meinem Glauben  - in Jesus Christus den "Frieden auf Erden" zuge-
       sprochen. Selig  - glücklich zu preisen - sind nach seinen Worten
       die, die Frieden schaffen. Denen, die auf unterdrückende, verlet-
       zende, tötende  Gewalt mit der Geduld überwindender Liebe antwor-
       ten, soll die Erde gehören. Solche Zusage ist die Quelle, der Be-
       weggrund, unseres Exodus aus den - auf Waffen starrenden - Denky-
       systemen. So  nur können  wir unterwegs sein als Volk Gottes! Wir
       begreifen - in den Großkirchen erst heute -, wie treffend richtig
       und zukunftsweisend  die Ethik  Jesu ist.  Andere Religionen, uns
       fremde Ideologien kennen dennoch - gleiche oder ähnliche Vorstel-
       lungen und Verhaltensmuster. Jeder Anhänger solcher Glaubenslehre
       beginne  bei   sich,  in   seiner  Familie,   in  seiner  Kommune
       (Gemeinde), in seiner Kirche, in seinem Land, seinem Volk, seinem
       Kontinent, sie zu leben! Schon wenn es Minderheiten tun, bedeutet
       das den Anfang einer neuen Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, nach
       der es  den Menschen  hungert und dürstet. Der Nahe Osten und der
       Falkland-(Malwinen-)Konflikt zeigen, wie nötig wir sie haben.
       Wir hoffen  und beten, daß diese Konferenz einen eindeutigen Bei-
       trag zum  Frieden leistet.  Wir hoffen  und beten, daß die Völker
       der Erde die Stimme Ihrer Konferenz hören. Wir, für die ich spre-
       che, lassen  uns in Pflicht nehmen, in unserem Bemühen um Frieden
       nicht zu ermüden.
       

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