Quelle: Blätter 1982 Heft 09 (September)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DOKUMENTATION ZUR VERLEIHUNG DES GOETHEPREISES
       ==============================================
       DER STADT FRANKFURT AN ERNST JÜNGER
       ===================================
       
       Nach Albert  Schweitzer, Thomas Mann, Max Planck und Georg Lukács
       hat der  Schriftsteller Ernst  Jünger den  Goethepreis der  Stadt
       Frankfurt aus  den Händen des CDU-Oberbürgermeisters Walter Wall-
       mann  entgegengenommen.   Der  Verfasser   kriegsverherrlichender
       Schriften der 20er Jahre, der geistige Wegbereiter des Faschismus
       und spätere  konservative "Anarch",  der  sich  vom  pöbelhaften,
       "vulgären" Treiben  der Nazipartei  wohl abgestoßen  fühlte, eine
       deutliche Distanz  zum Hitlerfaschismus  und seinen großdeutschen
       Zielen aber  nie hat  erkennen lassen  und der  sich auch  später
       nicht zu demokratischen Überzeugungen bekennen mochte (siehe noch
       das Gespräch  des "Spiegel", 35/1982) - dieser Schriftsteller hat
       mit den  Stimmen der  Kuratoriums-Mitglieder Joachim  Fest  (Mit-
       herausgeber der  FAZ), Walter Wallmann (CDU), Hans-Jürgen Hellwig
       (CDU), Rudolf  Hirsch (Fischer-Verlag), Hilmar Hoffmann (SPD) und
       Gabriele  Wohmann  einen  Literaturpreis  bekommen,  dessen  Name
       Werten des  Humanismus verpflichtet  ist.  Die  Auszeichnung,  so
       heißt es in der Ausschreibung, soll nur einer Persönlichkeit ver-
       liehen werden, "...deren schöpferisches Wirken einer dem Andenken
       Goethes gewidmeten Ehrung würdig ist."
       Welche Wandlungen man Ernst Jünger immer zubilligen mag, eine hu-
       manistische Einstellung  ist -  erklärtermaßen -  nie seine Sache
       gewesen. So  ging es  den Preisverleihern  denn auch um etwas an-
       deres: Wo  überall die  Zeichen einer  konservativen "Wende" sich
       mehren, da  sollte auch  in der Kulturpolitik dieser Republik ein
       Exempel statuiert  werden. Die  Maximen des militärischen Denkens
       ("Führen" und  "Gehorchen"), des Konservatismus, der Elitetheorie
       und des  aristokratisch  individualistischen  Geniekultes  sollen
       (wieder) die  nationalen Tugend-  und Wertkataloge beherrschen. -
       Der sich  selbst über den "Parteienstreit" erhaben dünkende Ernst
       Jünger ist  selbst nur Instrument, ist nur Symptom dieser politi-
       schen Tendenz. Wir werden uns in den "Blättern" damit noch weiter
       auseinandersetzen.
       Gegen die  Herabwürdigung des  Goethepreises,  die  Desavouierung
       seiner vormaligen  Träger sowie  die damit  verbundene politische
       Kampagne haben in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung die
       Grünen und die SPD Protest erhoben. Die Preisverleihung haben sie
       nicht verhindern können, aber beide Fraktionen legten zur Begrün-
       dung ihrer  Initiative Auszüge  aus den  Schriften Ernst  Jüngers
       vor, die  Aufmerksamkeit verdienen. Beide Dokumentationen sind im
       folgenden wiedergegeben. D. Red.
       
       Dokumentation der Grünen zur Begründung ihres Antrags in der
       ------------------------------------------------------------
       Stadtverordnetenversammlung von Frankfurt/M. gegen die Verleihung
       -----------------------------------------------------------------
       des Goethepreises an Ernst Jünger vom 3. August 1982 (Wortlaut)
       ---------------------------------------------------------------
       
       "Heute noch  kann ich  Hitler nicht  verzeihen, dieses wunderbare
       Instrument, das  unsere Armee ist, mißbraucht/verschwendet zu ha-
       ben." (Ernst Jünger, 1973)
       
       Ernst Jünger  soll im  Goethejahr mit  dem Goethepreis  der Stadt
       Frankfurt geehrt werden.
       "Der 'Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main', der im Jahre 1927
       gestiftet worden  ist, sollte alle Jahre zur Feier des Geburtsta-
       ges Goethes  am 28. August 1982 verliehen werden. Er ist vorgese-
       hen für Persönlichkeiten, die mit ihrem Schaffen bereits zur Gel-
       tung gelangt  sind und  deren schöpferisches Wirken einer dem An-
       denken Goethes gewidmete Ehrung würdig ist. Seit 1952 erfolgt die
       'Verleihung des  Goethepreises' auf  Grund eines  Beschlusses der
       städtischen  Körperschaften   nur  noch   alle  drei  Jahre.  Der
       'Goethepreis' besteht  aus einer  auf Pergament geschriebenen Ur-
       kunde und  ist mit  50 000 DM  dotiert." (Aus  der Broschüre  der
       Stadt Frankfurt 1979)
       Ernst Jünger  ist aufgrund eines einstimmigen (!) Beschlusses des
       Kuratoriums Goethepreis  Preisträger 1982 geworden, das unter dem
       Vorsitz von  Walter Wallmann,  Oberbürgermeister, aus Hans-Jürgen
       Hellwig als  Stadtverordnetenvorsteher, Hilmar  Hoffmann als Kul-
       turdezernent, Berens  für den Direktor des deutschen Hochstiftes,
       Gabriele Wohmann  als Schriftstellerin, Kelm als Universitätsprä-
       sident, Siegfried  Dörffelt als  Vertreter des Kultusminister von
       Hessen, Rudolf  Hirsch als  Persönlichkeit des kulturellen Lebens
       und Joachim Fest von der FAZ als Journalist besteht.
       Ernst Jünger wurde von diesem Kuratorium auserkoren, u.a. mit der
       Begründung:
       "...dessen Werk  durch Engagement und geistigen Abstand gleicher-
       maßen ausgezeichnet  ist und der durch alle Zeitläufe bei leiden-
       schaftlicher Anteilnahme immer die Unabhängigkeit der Wahrnehmung
       bewahrt hat." (FR v. 21.5.1982)
       Die Grünen  im Römer  sind entsetzt darüber, daß mit Ernst Jünger
       ein wichtiger  Wegbereiter des  Nationalsozialismus in  Frankfurt
       geehrt werden soll.
       Jünger war  kein organisierter Nazi. Nicht, weil er ein unpoliti-
       scher Schriftsteller  war, sondern weil ihm die Nazis zu stümper-
       haft handelten und dachten.
       Jünger propagierte  bereits nationalsozialistisches  Gedankengut,
       eine umfassende faschistische Ideologie und Praxisanweisungen zur
       Vernichtung der  Menschenrechte, bevor  die Nazis ihre "Reihen in
       Stellung" gebracht  hatten. Jahre  bevor Goebbels  im Sportpalast
       den "Totalen  Krieg" ausrief,  forderte Jünger ihn in seinem Buch
       "Die totale Mobilmachung".
       Jünger schrieb eine Kette von kriegsverherrlichenden Büchern, die
       die Vision  des totalen  Staates glorifizieren  und  gleichzeitig
       "Handbücher" zur praktischen Anleitung, wie der Faschismus einge-
       führt werden  soll, sind.  Jünger arbeitete  für eine reaktionäre
       Revolution, die  die Demokratie,  das Individuum und die Freiheit
       vernichten und einen totalen Militärstaat aufbauen soll.
       
       Jüngers Ideologie des totalen Staates
       -------------------------------------
       
       Ausgangspunkt ist  für Jünger  die Notwendigkeit, daß das Indivi-
       duum zerstört  und durch den "Typus" ersetzt wird. Diese Verwand-
       lung des  Menschen in  die Maschine  beschreibt er  immer wieder,
       beispielsweise über 300 Seiten in "Der Arbeiter". Der Soldat soll
       zum Arbeiter, der Arbeiter zum Soldaten werden:
       "Das Individuum  beruft sich,  um die  Identität des  eigenen Ich
       festzustellen, auf  Werte, durch die es sich unterscheidet - also
       auf seine  Individualität. Der Typus dagegen zeigt sich bestrebt,
       Merkmale aufzuspüren,  die außerhalb  der Einzelexistenz  gelegen
       sind. So  stoßen wir  auf eine mathematische, 'wissenschaftliche'
       Charakterologie, etwa  auf eine Rassenforschung, die sich bis auf
       die Messung und Zählung der Blutkörperchen erstreckt..." 1)
       "Erst mit  dem Eintritt dieser Erscheinungen wird Staatskunst und
       Herrschaft  im   größten  Stile,  das  heißt:    W e l t h e r r-
       s c h a f t  möglich sein." 2) (Herv. d. Verf.)
       Diese totale  Diktatur tritt für Jünger mit der Notwendigkeit ei-
       nes  Naturgesetzes   ein  (Geschichtsdeterminismus)  und  es  ist
       gleichzeitig die politische Pflicht des einzelnen, auf das Tritt-
       brett der Geschichte aufzuspringen: "Wir sehen, daß die Völker an
       der Arbeit  sind, und  wir begrüßen  diese Arbeit,  wo immer  sie
       geleistet wird. Der eigentliche Wettkampf gilt der Entdeckung ei-
       ner neuen  und unbekannten Welt - einer Entdeckung, vernichtender
       und an  Folgen reicher  als die Entdeckung Amerikas. Nicht anders
       als mit  Ergriffenheit kann  man den  Menschen betrachten, wie er
       inmitten chaotischer  Zonen an der Stählung der Waffen und Herzen
       beschäftigt ist und wie er auf den Ausweg des Glückes zu verzich-
       ten weiß.  Hier Anteil und Dienst zu nehmen: das ist die Aufgabe,
       die von uns erwartet wird." 3)
       Es ist  eindeutig, daß  er mit diesem faschistischen Weltbild die
       Nazis sehr  stark unterstützte.  Vor allem  dadurch, daß er seine
       "planetarische Revolution" mit einem klaren Nationalismus verbin-
       det: "Die  Gliederung aller Deutschen in das große Hundertmillio-
       nenreich der  Zukunft, das  ist ein Ziel, für das es sich wohl zu
       sterben und  jeden Widerstand  niederzuschlagen lohnt.  Uns  aber
       leite über  alles Niederträchtige  hinweg unsere große, klare und
       verbindende Idee: das Vaterland, in seinem weitesten Sinn gefaßt.
       Dafür sind wir alle zu sterben bereit." 4)
       Jüngers Werk enthält in einer solchen Eindeutigkeit und Radikali-
       tät alle  Elemente des  Faschismus, daß  einer Durchsicht  seines
       Werkes fast nichts hinzugefügt werden muß:
       
       1. Die Kriegsverherrlichung Jüngers
       -----------------------------------
       
       Jünger verherrlicht  den Krieg in fast mystisch-religiöser Weise,
       er beschreibt  ihn als  den Sinn  des Menschen  schlechthin:  "In
       göttlichen Funken  spritzt Blut  durch die  Adern, wenn  man  zum
       Kampfe über  die Felder klirrt im klaren Bewußtsein eigener Kühn-
       heit. Unterm  Sturmschritt  verwehen  alle  Werte  der  Welt  wie
       herbstliche Blätter.  Auf solchen Gipfeln der Persönlichkeit emp-
       findet man  Ehrfurcht vor  sich selbst . . . Gewiß wird der Kampf
       durch seine  Sache geheiligt;  mehr noch  wird eine  Sache  durch
       Kampf geheiligt  ... Mir ist Kampf immer noch etwas Heiliges, ein
       Gottesurteil über zwei Ideen." 5)
       Dahinter steht ein konkretes politisches Konzept. Jünger will die
       große Revanche für den Ersten Weltkrieg. Dafür fordert er die to-
       tale Mobilmachung.  Er schreibt,  daß der  kommende Krieg, den er
       verlangt und  gleichzeitig naturgesetzlich  kommen  sieht,  weder
       eine "partielle"  noch eine "allgemeine", sondern eine totale Mo-
       bilmachung voraussetzt,  "die sich  selbst auf  das Kind  in  der
       Wiege" 6) erstrecken muß, wenn man ihn gewinnen will.
       Der Erste  Weltkrieg war  ihm zu  wenig kriegerisch: "Deutschland
       aber mußte  den Krieg  verlieren, auch  wenn es die Marneschlacht
       und den  Unterseebootkrieg gewonnen hätte, weil es bei aller Ver-
       antwortung, mit  der es  die partielle  Mobilmachung  vorbereitet
       hatte, große Gebiete seiner Kraft der totalen Mobilmachung entzog
       und weil  es aus  ebendemselben Grunde rein dem inneren Charakter
       seiner Rüstung  nach, wohl einen partiellen, nicht aber den tota-
       len Erfolg zu erringen, zu ertragen und vor allem auszuwerten im-
       stande war." 7)
       Doch er  macht allen  Nationalisten, allen Kriegsheimkehrern, die
       sich nicht an den Frieden gewöhnen wollen oder sollen, allen, die
       sich in  der Wirtschaftsdepression und Massenarbeitslosigkeit vom
       Versailler Vertrag  gedemütigt fühlten, Hoffnung: "Wildes Vergnü-
       gen bei der Entdeckung, daß unser Einsatz nur aus Rechenpfennigen
       bestand, daß die wichtigsten Reserven noch gar nicht mobilisiert,
       nicht im  Treffen  waren,  daß  die  Stollen  zur  entscheidenden
       Schlacht noch  nicht getrieben  sind. Wir  waren kaum  bis an die
       Zähne gerüstet, geschweige denn bis ins innerste Herz, ins inner-
       ste Mark."  8) Und drohend fordert er: "Wir brauchen für die kom-
       menden Zeiten  ein eisernes, rücksichtsloses Geschlecht. Wir wer-
       den wieder die Feder durch das Schwert, die Tinte durch das Blut,
       das Wort durch die Tat, die Empfindsamkeit durch das Opfer erset-
       zen - wir müssen es, sonst treten uns andere in den Dreck." 9)
       Wie könnte man besser einen Nährboden für Hitlers "Totalen Krieg"
       schaffen? Jünger  faßt sein  Weltbild  lapidar  zusammen:  "Leben
       heißt töten." 10)
       
       2. Jüngers Menschen- und Lebensverachtung
       -----------------------------------------
       
       Weite Teile seines Werkes sind von Menschen- und Lebensverachtung
       durchzogen, wie  sein Verhältnis zum Krieg als "vom überschäumen-
       den Blute  der Jugend  berauschtes  Fest",  als  die  Stunde  der
       "großen Gefühle"  zeigt 11). Beispielsweise schreibt er auf einer
       einzigen Seite:  "Blutdurst", "Wollust des Blutes", "Sich auf den
       Gegner stürzen,  ihn  packen,  wie  es  das  Blut  es  verlangt",
       "Lechzen, sich  im Kampfe  völlig  zu  entfesseln".  Dies  mündet
       schließlich in "Orgien der Wut" ... "an grenzenlosem Schwunge nur
       dem Eros verwandt" 12).
       Hier wird die Kriegsbegeisterung zur Nekrophilie, zur fast eroti-
       schen Todesbegeisterung.
       Die Ästhetisierung  des Krieges,  des Völkermordes, ist ein Kenn-
       zeichen des Faschismus. Bei Jünger ist die belletristische Begei-
       sterung für  das Schlachten  von  Menschen  pathologisch.  Einmal
       schildert er eine Exekution, die mitzuerleben er gewünscht hatte,
       und bezeichnet  diesen Wunsch als einen "Akt höherer Neugier" (FR
       v. 14.7.1983),  ein anderes  Mal beschreibt  er, wie er bei einem
       Fliegerangriff auf  Paris auf  dem Balkon steht, zuschaut und ein
       Glas Champagner  in der Hand hält, in dem Erdbeeren schwimmen (FR
       v. 14.7.1973).  Diese Lebensverachtung  ist untrennbar bei Jünger
       mit folgenden  Elementen  nationalsozialistischer  Ideologie  und
       Praxis verbunden.
       
       3. Sozialdarwinismus
       --------------------
       
       "... den  Menschen aber  treibt der  Wille zu töten, ... und wenn
       zwei Menschen  im Taumel des Kampfes aufeinanderprallen, so tref-
       fen sich zwei Wesen, von denen nur eins bestehen kann. Denn diese
       zwei Wesen  haben sich zueinander in ein Urverhältnis gesetzt, in
       den Kampf ums Dasein in seiner nacktesten Form" 14).
       Der Kampf  aller gegen  alle ist  für Jünger Urprinzip des Lebens
       und politisches  Ziel zugleich.  So fordert er in "Der Arbeiter",
       daß "Massenbildung"  durch "Züchtung  und Auslese"  notwendig sei
       15).
       
       4. Rassismus
       ------------
       
       Den vorhandenen  Antisemitismus findet  Jünger  zu  inkonsequent:
       "Hiermit hängt  der   M a n g e l   a n  F o l g e r i c h t i g-
       k e i t   zusammen, die  dem Antisemitismus  der   n a t i o n a-
       l e n   B e w e g u n g e n,  d i e  s i c h  a l s  r e v o l u-
       t i o n ä r   bezeichnen, eigentümlich  ist. Auch  wenn  man  von
       jenen Sekten  absieht, die  aus der  Negation eine Weltanschauung
       machen, wird  man durch  den   M a n g e l  a n  I n s t i n k t-
       s i c h e r h e i t   überrascht, aus  dem heraus  der    S t o ß
       g e g e n   d e n  J u d e n  zwar oft unter großem Aufwand, aber
       i m m e r  v i e l  z u  f l a c h  a n g e s e t z t  wird,  u m
       w i r k s a m   z u   s e i n.   Dies aber  liegt daran,  daß man
       gemäß den  Methoden eines  echt individualistischen  Denkens  den
       Einfluß des  Juden auf  das deutsche  Leben zu  ermitteln und  zu
       zerstören sucht.  Beliebt sind  Vorstellungen volksheilkundlicher
       Art, in  denen die  Unschädlichmachung von  Schwärmen atomistisch
       angreifender Bakterien  und Spaltpilze  eine große Rolle spielt."
       16) (Herv. d. Verf.)
       Er definiert  "den Juden"  als das  schlechthin "Andere".  Jünger
       will "den  Juden" entlarven:  "Die Erkenntnis  und Verwirklichung
       der eigentümlichen   d e u t s c h e n  G e s t a l t  s c h e i-
       d e t   d i e   G e s t a l t   d e s  J u d e n  ebenso sichtbar
       und deutlich  von sich ab, wie das klare und unbewegte Wasser das
       Öl als  eine besondere  Schicht sichtbar macht. In dem Augenblick
       jedoch, in  dem der  Jude  als  eine  eigentümliche  und  eigenen
       Gesetzen unterworfene  Macht  u n v e r k e n n b a r  wird, hört
       er auf, am Deutschen virulent und damit  g e f ä h r l i c h  z u
       s e i n.   Die wirksamste  Waffe gegen  ihn,  den  Meister  aller
       Masken, ist:   i h n  z u  s e h e n...  Im gleichen Maße jedoch,
       in dem  der deutsche  Wille an  Schärfe und Gestalt gewinnt, wird
       für den Juden auch der leiseste Wahn,  i n  D e u t s c h l a n d
       D e u t s c h e r   s e i n   z u    k ö n n e n,    u n v o l l-
       z i e h b a r e r   w e r d e n,   und er  wird sich  vor  seiner
       letzten   Alternative   sehen,   die   lautet:   in   Deutschland
       e n t w e d e r   J u d e   z u  s e i n  o d e r  n i c h t  z u
       s e i n."  17) (Hervorh. d. Verf.)
       Er will  die "Judenfrage"  grundsätzlich lösen,  ohne sich in den
       konkreten Maßnahmen festzulegen.
       
       5. Die Vernichtung Andersdenkender -
       ------------------------------------
       Jüngers Haß auf die Demokratie
       ------------------------------
       
       "Die Strömungen,  die sich seit den Wilhelmshavener Vorgängen im-
       mer stärker  andeuten, schmecken mehr nach Revolte als nach Revo-
       lution, sie  sind ganz ohne Idee, Ausgeburten des Hungers und der
       Feigheit, viehisch  ist der einzige Ausdruck dafür. Wenn sie sich
       durchsetzten, wären  sie nicht  imstande, eine tüchtigere Führer-
       schicht nach  oben zu  bringen, und  damit ist  alles gesagt. Die
       Lumpen haben nicht das Recht, einen Staat zu stürzen, der bei al-
       lem, was  auch wir ihm vorzuwerfen geneigt sind, so gewaltige und
       hoffnungsschwere Ansätze  zeigt, daß  seine Fehler dagegen gering
       erscheinen. Wenn  wir siegen,  haben wir so viel zu schaffen, daß
       diese Kleinigkeiten  sich ganz  von selbst  ausschleifen, und  es
       wird für  jeden Platz im Haus sein.  D e n  D e s e r t e u r e n
       s c h e i n t  s i c h  i n  s i c h e r e r  E n t f e r n u n g
       e i n   g e i s t i g e s   Z u h ä l t e r t u m   u n d    g e-
       s c h ä f t s m ä ß i g e s   L i t e r a t e n p a c k  z u z u-
       g e s e l l e n,   f ü r  d a s  s o f o r t  d i e  P r ü g e l-
       s t r a f e  w i e d e r e i n g e f ü h r t  w e r d e n  m ü ß-
       t e.  D e r  e w i g e  D e u t s c h e  s t e h t  d i e s m a l
       a u f   d e r   a n d e r e n   S e i t e,   d a h e r    k a n n
       k e i n   M i t t e l   b a r b a r i s c h   g e n u g  s e i n,
       h i e r   d u r c h z u g r e i f e n.   L e i d e r   b e s i t-
       z e n   w i r   v i e l   w e n i g e r   b a r b a r i s c h e n
       F o n d,   a l s   d i e   W e l t   v o n   u n s  g l a u b e n
       m a c h e n  m ö c h t e."  18) (Herv. d. Verf.)
       Der Feind: Demokraten, Linke und Liberale müssen nach Jünger also
       ausgemerzt werden.  Nicht nur  jedes Mittel  ist erlaubt, es kann
       "kein Mittel  barbarisch genug  sein". Waren die KZ das richtige?
       Jünger gibt  klare Handlungsweisen für Nazis, ohne daß er den Lo-
       genplatz des  Literaten verlassen  muß und  sich selbst die Hände
       schmutzig macht.  Notwendig ergibt sich für Jünger, um seinen Mi-
       litärstaat zu  erreichen, die  Abschaffung des  Rechtes auf freie
       Meinungsäußerung, die  Abschaffung der Pressefreiheit: "In diesen
       Zusammenhang gehört  auch die  Trockenlegung  jenes  Sumpfes  der
       freien Meinung,  in den  sich die liberale Presse verwandelt hat.
       Auch hier  ist zu erkennen, daß die Technizität viel beachtlicher
       ist als  das Individuum,  das innerhalb  dieser Technizität seine
       Meinung produziert.  Um wieviel  sauberer ist  die Maschine,  die
       diese Meinung durch ihre Arbeitsgänge jagt, und um wieviel bedeu-
       tender ist  die Präzision  und die Geschwindigkeit, mit der jedes
       beliebige Parteiblatt  an seine Leser gelangt, als alle Parteiun-
       terschiede, die man sich ausdenken mag. Dies ist Macht..." 19).
       Die Logik  des Jüngerschen  Techno-Faschismus ist  einfach: "Eine
       Opposition... besitzt hier ebensowenig Sinn, wie sie etwa die Be-
       wegungen eines  Kriegsschiffes fördern  kann." 20) Jünger erklärt
       1925 sein  Verhältnis zur  Demokratie mit  einem Satz: "Ich hasse
       die Demokratie wie die Pest." 21)
       Natürlich mußte  Ernst Jünger, um sich nach 1945 als Schriftstel-
       ler weiter  "gesellschaftsfähig" halten  zu können, auf eindeutig
       faschistische Aussagen verzichten. Er verstand es, nach dem Zwei-
       ten Weltkrieg  immer wieder  sehr geschickt, jede klare Stellung-
       nahme über seine Arbeit für den Faschismus zu vermeiden, indem er
       nach 1945  fast nur noch unpolitische Tagebuchnotizen, Meditatio-
       nen über Sanduhren, Schleifen und Schmetterlinge und mythisch ab-
       strakte Fiktionen  veröffentlichte. Jünger  brauchte für die Her-
       ausgabe seiner  gesammelten Werke  10 Jahre (!), denn er hielt es
       für notwendig,  weite Teile  seiner Bücher  subtil zu  verändern,
       auch um  nach der menschenvernichtenden Realität des Dritten Rei-
       ches weiter "hoffähig" bleiben zu können.
       Trotzdem wird  sein ungebrochenes Verhältnis zu seinem faschisti-
       schen Werk immer wieder deutlich. So führt er 1963 mit einem Vor-
       wort folgendermaßen  in den  Band "Der Arbeiter" ein, das gleich-
       zeitig eine  Hymne und  eine Gebrauchsanweisung  für den "totalen
       Staat" ist:  "Das Werk über den Arbeiter erschien im Herbst 1932,
       zu einer  Zeit, in der bereits an der Unhaltbarkeit des Alten und
       der Heraufkunft  neuer  Kräfte  kein  Zweifel  mehr  bestand.  Es
       stellte und  stellt den Versuch dar, einen Punkt zu gewinnen, von
       dem aus  die Ereignisse  in ihrer  Vielfalt und Gegensätzlichkeit
       nicht nur  zu begreifen,  sondern, obwohl gefährlich, auch zu be-
       grüßen sind." 22)
       Wie stark  er sich  mit dem  totalen Krieg des NS-Staates bis zu-
       letzt und  noch nach dem Zweiten Weltkrieg identifizierte, obwohl
       ihm die  Nazis zu  flach und unästhetisch waren, zeigt ein Leser-
       brief von  ihm in  der "Deutschen Soldatenzeitung" (!) vom 9. Mai
       1960: "...  als die  Lemuren, die sich das Kommando angemaßt hat-
       ten, längst  desertiert waren.  Ich habe  unter anderem dafür ge-
       sorgt, daß  in meinem Bezirk keine weiße Fahne gehißt wurde." 23)
       Gerade wenn  er versucht,  sich gegenüber dem NS-Staat öffentlich
       abzugrenzen, zeigt  er unfreiwillig  seine Nähe  zu ihm.  Auf die
       Frage nach seinem Verhältnis zum Dritten Reich in "Le Monde" ant-
       wortet er:  "Heute noch  kann ich  Hitler nicht verzeihen, dieses
       wunderbare Instrument,  das  unsere  Armee  ist,  mißbraucht/ver-
       schwendet zu haben." 24)
       Jünger ist  also unversöhnlich  enttäuscht über  Hitler, weil die
       gute Sache  für die  er, Jünger, gelebt hat, nämlich den "totalen
       Krieg", von  Hitler so  dilettantisch kaputt gemacht wurde. Seine
       Kritik am Nationalsozialismus ist nie eindeutig, ist nicht grund-
       sätzlich, nie  menschlich. So  sagt er 1973, daß ihm "diese Leute
       (die Nazis)  mißfallen hätten."  25) In den "Strahlungen" erklärt
       er sie  zur "flachsten  Schule" und  er findet es "stillos", wenn
       jemand die  Ermordung von Geiseln gut findet 26). Auch die Juden-
       vernichtung will  er nicht, und zwar auch deshalb: "Es heißt, daß
       seit der  Sterilisierung und  Tötung von  Irren die Zahl der gei-
       steskrank geborenen  Kinder sich  vervielfacht hat,  ganz ähnlich
       ist, mit der Unterdrückung der Bettler die Armut allgemein gewor-
       den und führt die Dezimierung der Juden zur Verbreitung jüdischer
       Eigenschaften in  der Welt,  in der alttestamentarische Züge sich
       ausbreiten. Durch  Ausrottung löscht  man die Urbilder nicht aus;
       man macht sie eher frei." 27)
       Seine Kritik  am Nazi-System  ist technisch, nicht menschlich. Er
       kritisiert die  Nazis wie  Leute, die  seine  "reine  Lehre"  be-
       schmutzt haben,  wie politische Freunde, die ihm nicht streng ge-
       nug gefolgt  sind. So schreibt er noch 1963 in seinem Vorwort zum
       Arbeiter, daß  man "vieles Unnötige" hätte vermeiden können, wenn
       die Nazis  seinen genauen  Vorstellungen von dem totalen Militär-
       staat tatsächlich  gefolgt wären.  Diese Enttäuschung  über seine
       Freunde, die  Nazis, kommt  aus der  Nähe, die er zu ihnen hatte.
       Immerhin hatte  sich Jünger vor 1933 für einen Zusammenschluß al-
       ler Kräfte - "die Endfront" -, die er für seine reaktionäre Revo-
       lution braucht, gekämpft. Wie es für Jünger typisch ist, schließt
       er selbstverständlich  die Nazis in das Bündnis ein, ohne irgend-
       welche politischen Gruppen konkret zu benennen: "Es wird sich zu-
       sammensetzen aus den Angehörigen der nationalen Frontsoldatenver-
       bände. Dazu  müssen stoßen,  die  heute  noch  abseits  stehenden
       Kräfte der  radikalen, der  völkischen und  der  nationalsozialen
       Gruppen, ferner der blutmäßige Kern des Frontsoldatentums der Ar-
       beiterschaft..." 28)
       Auch in  der praktischen  politischen Arbeit  zeigt sich die Ver-
       wandtschaft mit  den Nazis:  Im Oktober 1930 machte Jünger mit 20
       von Goebbels  bestellten SA-Männern den Versuch, eine nazi-kriti-
       sche Rede zu stören, was schließlich zu einem Tumult mit Polizei-
       einsatz führte.  Ironischerweise wurde diese Rede von dem Goethe-
       preisträger 1949, von Thomas Mann, gehalten 29).
       Doch grundsätzlich  läßt sich  Jünger sonst auf eine solche Ebene
       nicht ein. Er distanziert sich von den Nazis nicht etwa, weil sie
       ihm ideologisch nicht nahestehen, sondern weil er seinen Platz im
       sauberen Ideenhimmel des Faschismus sieht, während unter ihm nach
       seinen Ideen  auf der  Bühne der  Geschichte der  NS-Staat seinen
       Lauf nimmt.  So entpuppt sich das, was seine heutigen Verteidiger
       zu seiner  Ehrenrettung anführen wollen, bei näherem Hinsehen ge-
       rade als  Beweis für seine Unterstützung des Nationalsozialismus:
       Jünger weigerte  sich  beispielsweise,  der  Nazi-Dichterakademie
       beizutreten.
       Doch warum?  In dem  Begründungsbrief schreibt  er unter  Hinweis
       darauf, daß seine Arbeit einen im "wesentlichen soldatischen Cha-
       rakter" hat:  "Ich bitte Sie daher meine Ablehnung als Opfer auf-
       zufassen, daß  mir meine  Teilnahme an der deutschen Mobilmachung
       auferlegt, in  deren Dienst ich seit 1914 tätig bin. Mit der Ver-
       sicherung, daß  ich bereits  in der Tatsache, daß Sie an mich ge-
       dacht haben,  eine hohe Auszeichnung erblicke. Ihr sehr ergebener
       Ernst Jünger." 30)
       Daß er  seinen Standpunkt  bis heute  kein bißchen  geändert hat,
       zeigt er beispielsweise in einem Brief vom 31. Januar 1962 in dem
       er in  einer gekünstelten und - wie so oft wenn es ihn selbst be-
       trifft  -   indirekten  Sprache   äußert:  "Daß   ich  mich   dem
       ("politischen Teil meiner Arbeit") in den verschiedenen Abschnit-
       ten unterzogen  habe, halte  ich auch  heute noch für notwendig."
       31)
       D i e   E n t s c h e i d u n g,   E r n s t   J ü n g e r    i n
       F r a n k f u r t   z u   e h r e n,   i s t  v o n  b u n d e s-
       p o l i t i s c h e r   B e d e u t u n g,   weil sie  nicht  der
       Wille  eines   zufälligen  Kreises  rechtsradikaler  Männer  ist,
       sondern einer  Gruppe rechts-  bis linksliberal  geltender  (oder
       gelten wollender) Menschen aus Politik, Kultur und Publizistik in
       Frankfurt. Der "so liberale" Wallmann und der "so kritische" Fest
       setzen sich  mit  dem  "so  linken"  Hoffmann  zusammen  und  be-
       schließen, einen  Wegbereiter des  Nationalsozialismus zu  ehren.
       Wie ist  das möglich? Kann es sein, daß der Kulturpolitiker Hoff-
       mann und  der scheinbar gebildete Wallmann einen "faux pas began-
       gen haben,  weil sie  Junger nicht  gelesen haben? Wohl kaum! Die
       Entscheidung an  Goethes Geburtstag in der Paulskirche faschisti-
       sches Gedankengut  zu feiern,  ist unfaßbar. Fast 40 Jahre danach
       zeigt sich,  über Parteigrenzen  hinweg, eine bedrückende Empfin-
       dungslosigkeit gegenüber  faschistischem Denken.  Man ist gezwun-
       gen, gerade  nach Dreggers Äußerung, "wir müssen aus dem Schatten
       Hitlers  heraustreten",   und  Schönbergers   von  der   CDU  als
       "Privatangelegenheit" toleriertem Rassismus, hinter der Preisver-
       leihung an  Jünger mehr zu sehen. Sind wir so weit, daß Kulturpo-
       litiker im  Magistrat und  anderswo meinen, seit 1945 sei so viel
       Wasser den  Main hinunter geflossen, daß man sich ein bißchen mi-
       litaristisches Denken ruhig leisten kann, ja, daß diese Beschrei-
       bungen und  Forderungen einer  Techno-Diktatur eigentlich  wieder
       ganz modern sind?
       Die Grünen  im Römer  halten es  für unbedingt notwendig, daß öf-
       fentlich über  die Ursachen  und Konsequenzen  der beabsichtigten
       Preisverleihung diskutiert  wird.   D e s h a l b  b e a n t r a-
       g e n   w i r,   d a ß   d i e   S t a d t v e r o r d n e t e n-
       v e r s a m m l u n g   e i n e  V e r a n s t a l t u n g  m i t
       d e m  T h e m a d u r c h f ü h r t: "  G o e t h e p r e i s  -
       f ü r  E r n s t  J ü n g e r?"
       Die Grünen  im Römer sind der  M e i n u n g,  d a ß  d e r  B e-
       s c h l u ß   d e s   M a g i s t r a t e s,   J ü n g e r  d e n
       G o e t h e p r e i s   z u   v e r l e i h e n,   v o n    d e r
       S t a d t v e r o r d n e t e n v e r s a m m l u n g    r ü c k-
       g ä n g i g  g e m a c h t  w e r d e n  m u ß,  f a l l s  d e r
       M a g i s t r a t   n i c h t  v o n  a l l e i n e  a u f  d i e
       b e a b s i c h t i g t e   P r e i s v e r l e i h u n g  v e r-
       z i c h t e t.
       
       Presseerklärung der Sozialdemokratischen Stadtverordnetenfraktion
       -----------------------------------------------------------------
       im Frankfurter Römer zur Verleihung des Goethepreises an Ernst
       --------------------------------------------------------------
       Jünger vom 5. August 1982 (Wortlaut)
       ------------------------------------
       
       Die SPD-Fraktion  hat nach intensiven Beratungen in ihrer gestri-
       gen Sitzung  beschlossen, dem Magistrat dringend nahezulegen, von
       einer Verleihung des Goethe-Preises an Ernst Jünger abzusehen.
       Unabhängig von der Frage, ob Ernst Jünger zu den Persönlichkeiten
       gehört, "deren  schöpferisches Wirken  einer dem Andenken Goethes
       gewidmeten Ehrung würdig ist" (Ordnung für die Verleihung), kommt
       sie nach  dem Studium  seiner Werke  seit 1920 zu dem Schluß, daß
       Ernst Jünger  unzweifelhaft zu  den "geistigen Schrittmachern des
       Dritten Reiches"  gezählt werden  muß. Für  die SPD-Fraktion kann
       schöpferisches Wirken nicht nur formal gemeint sein, d.h. sich am
       Umfang seines Werkes und an der Qualität seiner Sprache zu orien-
       tieren, es  muß auch  inhaltlich beurteilt  werden.  Unangemessen
       wäre es,  Jünger als  Faschist zu  bezeichnen. Allerdings muß die
       Lektüre seiner  Werke ab  1945 bis heute eine besondere Würdigung
       erfahren.
       Mit der Auszeichnung von Ernst Jünger wird die Tradition der Goe-
       the-Preis-Träger bis  1933 und  nach 1945, die sich in hohem Maße
       durch Liberalität und Humanität ausgewiesen hat, erheblich durch-
       brochen. Gemessen  an der  humanistischen Substanz  eines  Albert
       Schweitzer, Sigmund  Freud, Hermann  Hesse,  Carl  Friedrich  von
       Weizsäcker, Carlo Schmid und Georg Lukács würde mit der Auszeich-
       nung Ernst Jüngers eine neue Qualität erreicht.
       Hiermit wird nicht nur dem Aufruf des hessischen CDU-Vorsitzenden
       Alfred Dregger "aus dem Schatten Hitlers herauszutreten" gefolgt,
       sondern eine  Geisteshaltung honoriert,  die bei  Jünger so  weit
       vollendet ist,  wie sie  präfaschistisch -  bis in seine jüngsten
       Werke hinein - nur sein kann.
       Der SPD  erscheint es  unverantwortlich, aus Deutschland vertrie-
       bene ehemalige  jüdische Mitbürger  einzuladen  und  gleichzeitig
       einen Mann zu ehren, für den noch 1978 "Demokratie als Pforte zur
       Gewalt" galt  und Demokratie folgendermaßen definierte: "Zunächst
       sind alle  gleich, Reiche  und Arme,  Schwarze und  Weiße und  so
       fort. Dann wird verziffert, es kommt zur Abstimmung. Die schwarze
       Majorität ist  enorm. Nun  sind die  Schwarzen schwärzer  und die
       Weißen weißer  als je  zuvor. Der  weiße Mann  als Sklave  seiner
       Ideen hat  sich die Schlinge um den Hals gelegt. Es gibt intelli-
       gentere Arten  des  Selbstmordes."  (Siebzig  verwehrt,  Bd.  II,
       5.10.1978, S. 432 und 433).
       Weitere Auszüge aus seinem jüngsten Werk ("Siebzig verweht", Band
       I und  II) belegen dies: "Zu Hitlers Aufstieg. Es ist eine traum-
       hafte Note  dabei. So  träumen Pubertäre  zuweilen, daß sie Herr-
       scher der  Welt würden.  Zum Teil  verwirklichte er  es.  Mißlich
       bleibt es, wenn man für fremde Träume zahlen muß. Das meinte auch
       Ernst Niekisch,  als er  mir 1933  sagte: 'Der  spielt um  unsere
       Köpfe.' Auch wer an einem solchen Aufstieg mit Leidenschaft teil-
       nimmt, steht  nicht voll  in der  Realität. Wenn  er später seine
       Teilnahme abstreitet, ist das nicht unglaubwürdig; er vergißt sie
       wie einen Rausch oder einen Traum." (II, S. 214; 20.5.1975)
       "Die Deutschen haben ein großes Faß voll brauner Farbe und strei-
       chen sich  damit gegenseitig an. Das ist ein Geschäft. Man sollte
       weder seine Intelligenz noch seine Moral so weit zurückschrauben,
       daß man  darauf einginge.  Die erwähnte  Notiz reicht in das Jahr
       1926 zurück  - damals  ahnte noch keiner, wie Hitler sich entwic-
       keln würde  - er  versprach, den  infamen Versailler  Vertrag  zu
       anullieren und  das Arbeitslosenheer  aufzulösen, was  beides ihm
       auch gelungen  ist. Damals studierte ich noch in Leipzig; das wir
       miteinander korrespondierten,  ist  kein  Geheimnis  und  braucht
       nicht 'enthüllt'  zu werden,  denn ich habe 1957 die Einzelheiten
       in meinen  'Jahren der  Okkupation' publiziert.  Er hatte mich zu
       jener Zeit  auch besuchen  wollen; das ist unterblieben, weil Heß
       die Reiseroute  änderte. Hitler  hat seine Sympathie für mich be-
       halten, was  mir später unzweifelhaft das Leben gerettet hat. Je-
       denfalls habe  nicht ich  mich um Hitler, er hat sich um mich be-
       müht. Er hatte auch einen Sitz im Reichstag für mich vorgesehen."
       (II, S. 310/311; 29.9.1977)
       "Die Infamie  bleibt konstant.  Damals fragten sie nach der jüdi-
       schen Großmutter  und heute mit dergleichen Lust danach, ob einer
       Pimpf in der Hitlerjugend gewesen ist." (II, S. 532; 28.10.1979)
       "Auf der Fahrt nach Rhodos sagte ich zu F.G., als wir über Hitler
       sprachen: "Die  Großdeutsche Lösung  hat er immerhin nachgeholt."
       Fritz antwortete: "Was haben wir davon, wenn an ein Zuchthaus im-
       mer neue Flügel gebaut werden." Dem konnte ich nicht ganz zustim-
       men." (II, S. 442; 25.1.1979)
       "An dem  absurden Wahlkampf  dieser Tage  fällt mir  auf, daß die
       Parteien sich  in einer  Weise ähnlich werden, die es ihnen immer
       schwieriger macht,  sich  glaubwürdig  gegeneinander  abzusetzen.
       Alle wollen  'Demokratie, Stabilität, Fortschritt' (was sich aus-
       schließt); alle wollen 'links' sein, mit geringen Schattierungen.
       Dieser Egalisierung  entspricht die  von Ost und West; Russen und
       Amerikaner werden  sich ähnlicher.  Alle haben dieselben Schimpf-
       wörter, mit Vorliebe 'Faschist'. Die Tenne wird mit einunddemsel-
       ben Besen  gefegt. Bald  ist  sie  leer."  (An  Carl  Schmitt  am
       20.10.1972; II, S. 98).
       "Der Trend,  oder eher:  der Sog, läuft heute auf Abschaffung des
       Besonderen hinaus.  Roben, Orden  und Titel, auch schon eine gute
       Prosa, gelten  als anmaßend.  Es fragt  sich, inwiefern  sich das
       auch auf  die Abschleifung der Gewaltenteilung auswirkt - die De-
       mokratie endet in der Monotonie." (II, S. 71; 31.3.1972).
       "In  britischen   Kolonisatoren  darf   man  eine   'Blutleuchte'
       (Schuler) der  Normannen sehen. England und Portugal gingen jetzt
       an ihren Kolonien zugrunde. Hätten die Engländer nicht zwei unnö-
       tige Kriege  mit uns  geführt, so könnten sie noch groß dastehen.
       Immerhin konnten sie in der Literatur noch manches und in der Po-
       litik einen  Churchill vorzeigen, obwohl er nach eigenem Geständ-
       nis 'das  falsche Schwein geschlachtet hat'. Das gilt, nicht ohne
       unsere Mitschuld,  für unsere  Vettern im großen und ganzen über-
       haupt." (An den Studenten Patt am 28.1.1979; II, S. 443)
       
       _____
       1) Ernst Jünger,  Der Arbeiter,  Erstausgabe 1932,  Klett Verlag,
       Stuttgart 1963, S. 152.
       2) Ebd., S. 163.
       3) Ebd., S. 322.
       4) Ernst Jünger,  In Stahlgewittern,  Berlin 1924, Vorwort zur 5.
       Auflage, S. XIV.
       5) Ernst Jünger,  Der Kampf als inneres Erlebnis, Berlin 1922 (1.
       Fassung), S. 46/47.
       6) Ernst Jünger, Krieg und Krieger, Berlin 1930, zit. in: Joachim
       Petzold, Wegbereiter des deutschen Faschismus, Köln 1978.
       7) Ernst Jünger, in: J. Petzold, a.a.O., S. 268.
       8) Ebd., S. 269.
       9) Ernst Jünger,  In Stahlgewittern,  6. Aufl.,  Berlin 1925  (3.
       Fassung), S. XIV.
       10) Ernst Jünger, Kampf als inneres Erlebnis, a.a.O., S. 9 f.
       11) Ernst Jünger,  in: Joachim Petzold, Wegbereiter des deutschen
       Faschismus, a.a.O., S. 267.
       12) Ernst Jünger, Kampf als inneres Erlebnis, a.a.O., S. 9 f.
       13) Hans Werner Bartsch. Inhumane Ästhetik, FR v. 14.7.1973.
       14) Ernst Jünger, Kampf als inneres Erlebnis, a.a.O., S. 8.
       15) Ernst Jünger, Der Arbeiter, a.a.O., S. 286.
       16) Ernst  Jünger,   Über  Nationalismus   und  Judenfrage,   in:
       "Süddeutsche Monatshefte", Jg. 27, Sept. 1930, S. 842 ff.
       17) Ebd.
       18) Ernst Jünger,  Das Wäldchen  125, 2.  Aufl., Berlin  1926 (1.
       Fassung), S. 184
       19) Ernst Jünger, Der Arbeiter, a.a.O., S. 287/288.
       20) Ebd., S. 299.
       21) Ernst Jünger, zit. in: Die Zeit v. 2.3.1973, Marcel Reich-Ra-
       nicki, Bei Nietzsche stehengeblieben.
       22) Ernst Jünger, Der Arbeiter, a.a.O., S. 11.
       23) Ernst Jünger, in: "Deutsche Soldatenzeitung" v. 9.5.1960.
       24) Ernst Jünger s'explique, in: "Le Monde" v. 22.2.1973.
       25) Ebd.
       26) Ernst  Jünger,   Strahlungen,   Tübingen   1949,   3.   Aufl.
       (17.2.1942), S. 97.
       27) Ernst Jünger,  Strahlungen, Stuttgart  1980, 8.  Aufl. (Paris
       12.3.1942), S. 320, Bd. 1.
       28) Ernst  Jünger,   Zentrale  Leitung?,   in:   "Standarte"   v.
       14.3.1926.
       29) Arnold  Bronnen,   in:  "Deutsche  Tageszeitung",  Berlin  v.
       18.10.1930, abgedruckt in: Klaus Schröter (Hrsg.), Thomas Mann im
       Urteil seiner Zeit, Hamburg 1969.
       30) Ernst Jünger, Brief an Werner Beumelburg (Deutsche Akademie),
       November 1933, abgedruckt in: Joseph Wulf, Literatur und Dichtung
       im 3.  Reich, Gütersloh  1963, S.  35-37, und  in Gerda Liebchen,
       Ernst Jünger, Bonn 1977, S. 324.
       31) Ernst Jünger, Brief vom 31.1.1962, zitiert in: Ludwig Arnold,
       Wandlung und  Wiederkehr, Festschrift zum 70. Geburtstag Jüngers,
       Aachen, S. 8.
       

       zurück