Quelle: Blätter 1982 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       NEUE DOKUMENTE ZUM PENTAGON-PROGRAMM FÜR DEN "SIEG IM ATOMKRIEG"
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       ("LEITLINIEN-DOKUMENT")
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       Im Augustheft der "Blätter" haben wir erstmals in deutscher Spra-
       che den  vollständigen Text  der "New York Times"-Enthüllung über
       das geheime  Pentagon-Programm für den "Sieg im Atomkrieg" veröf-
       fentlicht. Seither ist die Auseinandersetzung um die - gerade für
       die Bundesrepublik  lebensgefährliche - neue US-Atomkriegsstrate-
       gie verstärkt  entbrannt. Nachstehend weitere Dokumente, darunter
       die  aufschlußreiche   Einschätzung   des   Pentagon-"Leitlinien-
       dokuments" durch  die "New  York Times"  selbst sowie  die ergän-
       zenden Informationen der "Los Angeles Times" vom 15. August 1982.
       (Vgl. auch  die Analyse  von Bernd Greiner im vorliegenden Heft.)
       D. Red.
       
       "Krieg bis zum Tode" - Leitartikel von Tom Wicker in der
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       "New York Times" vom 1. Juni 1982 (Wortlaut)
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       "Die erste vollständige sicherheitspolitische Leitlinie" der Rea-
       gan-Administration, die  die Militärpolitik der Vereinigten Staa-
       ten mindestens  für die  nächsten fünf  Jahre bestimmen soll, ist
       ein Plan  dafür, wie  man aus ungemütlichen amerikanisch-sowjeti-
       schen Beziehungen einen erbarmungslosen Kampf bis zum Tode macht.
       Dieses außergewöhnliche  126-Seiten-Dokument, das  die  Ansichten
       von Verteidigungsminister  Weinberger und seinen höchsten militä-
       rischen und  zivilen Beratern  wiedergibt, war  Gegenstand  eines
       ausführlichen Berichts  von Richard Halloran in der "New York Ti-
       mes" vom 30. Mai.
       Mr. Weinbergers "Leitlinien":
       - akzeptieren atomare  Kriegführung als eine Notwendigkeit, wobei
       die Vereinigten  Staaten fähig  sein müssen,  die Sowjetunion  zu
       "besiegen", sogar  in einer "sich länger hinziehenden Konfliktpe-
       riode."
       - würden bewirken,  daß die  Nation  sich  in  einen  permanenten
       Kriegszustand begibt
       - präsentieren der  Welt das  Bild eines  Amerika, das  sich  für
       nichts anderes  als Macht interessiert und das gewillt ist, sogar
       den Weltraum für amerikanische Militärzwecke auszubeuten.
       Das Dokument führt z.B. aus, daß das Pentagon beabsichtigt, "Spe-
       zialeinheiten neu  zu beleben und zu verstärken, um die Macht der
       Vereinigten Staaten dort wirksam werden zu lassen, wo der Einsatz
       konventioneller Truppen  verfrüht, unpassend  oder undurchführbar
       wäre",  i n s b e s o n d e r e  i n  O s t e u r o p a.
       "Spezialeinheiten" bedeutet,  übersetzt aus dem Pentagonesischen,
       Guerillakriegführung, Sabotage, Terrorismus und dergleichen.
       Wie wird  sich die  Welt dazu  stellen? Soll jedes Land, das sich
       Washingtons Mißfallen  zuzieht oder dem im Wege steht, was es für
       sein Interesse  hält, "destabilisiert"  werden wie  vor 25 Jahren
       Guatemala, vor  10 Jahren  Chile oder Nicaragua heute? Und beson-
       ders Osteuropa?  Haben wir  aus den Ereignissen der letzten Jahr-
       zehnte in  Ungarn, Ostdeutschland der Tschechoslowakei oder Polen
       nichts gelernt?
       Weinbergers "Leitlinien"  haben laut  Mr. Hallorans  Beschreibung
       den wirtschaftlichen  und technischen Krieg gegen die Sowjetunion
       ausgerufen, sogar  in  Friedenszeiten.  Welche  anderen  Schlüsse
       könnte man  aus einem  "Friedenszeit"-Programm ziehen, demzufolge
       so viel Druck wie möglich auf die sowjetische Wirtschaft ausgeübt
       werden soll,  und aus  der Forderung nach einem Rüstungswettlauf,
       in welchen  die USA  Waffen entwickeln  würden, "auf  die die So-
       wjetunion nur schwer eine Antwort finden kann, die ihr unverhält-
       nismäßig hohe  Kosten auferlegen,  neue Gebiete einer umfassenden
       militärischen Konkurrenz  eröffnen und  frühere sowjetische Inve-
       stitionen obsolet (sic!) machen" würden? Wir werden sie begraben.
       Das Dokument umreißt ferner die geplante Umwandlung von Präsident
       Carters bescheidener  Rapid Deployment Force ("Schnelle Eingreif-
       truppe") in  eine Armada, die 5 Armeedivisionen, 2 Marinedivisio-
       nen und  Luftgeschwader, 10  Geschwader taktische  Kampfflugzeuge
       der Luftwaffe,  2 Geschwader B-52-Bomber und 3 Flugzeugträger der
       Marine mit ihrem Gefolge an Unterstützungsschiffen umfassen soll.
       Diese furchterregende  Streitmacht soll  vermutlich  die  Aufgabe
       übernehmen, die  Ölquellen der  Vereinigten Staaten im Persischen
       Golf zu  verteidigen.  Aber  das  Papier  stellt  klar,  daß  die
       Schnelle Eingreiftruppe mit einer Intervention nicht notwendiger-
       weise warten  wird, bis eine befreundete Regierung darum bittet -
       wie man  bisher der  Öffentlichkeit gegenüber  behauptet hat; die
       vorrangige Aufgabe  dieser Truppe besteht darin, der sowjetischen
       Macht entgegenzutreten,  nicht aber darin, den Ländern der Region
       dabei zu helfen, sich voreinander zu schützen.
       Wie läßt es sich mit all diesen kriegsähnlichen Planungen verein-
       baren, wenn  Mr. Reagan am Memorial Day erklärt: "Ich bete dafür,
       daß wir  mit gutem  Willen und Hingabe auf beiden Seiten eine si-
       cherere Welt erreichen werden"?
       Welche Art  von gutem  Willen sieht  er darin, den Beginn von Ge-
       sprächen über  die Reduktion atomarer Waffen für den 29. Juli an-
       zukündigen, während seine Militärplaner gleichzeitig vorschlagen,
       "Prototypen für  weltraumgestützte Waffensysteme  zu entwickeln",
       inbegriffen Mittel zur Zerstörung sowjetischer Satelliten. Moskau
       ist auf  diese Satelliten  angewiesen, um die Einhaltung atomarer
       Waffenreduzierungen durch  die USA  verifizieren zu  können; ohne
       sie kann es keine derartigen Reduktionen vereinbaren.
       Sollten diese  "weltraumgestützten" Waffen Nuklearwaffen sein, so
       würden sie  darüber hinaus den sowjetisch-amerikanisch-britischen
       Vertrag von  1963 und  den Weltraumvertrag der Vereinten Nationen
       von 1967  verletzen. Aber nicht zufrieden damit das Wettrüsten in
       den Weltraum zu übertragen, schlagen die "Leitlinien" ferner vor,
       daß die  USA bei  der Stationierung der MX-Raketen möglicherweise
       gleichzeitig Anti-Raketensysteme  stationieren sollten  - wodurch
       der erfolgreichste  sowjetisch-amerikanische Vertrag über strate-
       gische Waffen aufs Spiel gesetzt würde.
       Wenn die  Sowjets dieses amtliche Dokument des Verteidigungsmini-
       steriums, vorbereitet  von Mr.  Reagans Sachverständigen  und ge-
       dacht als  Leitlinie für  das militärische Establishment, gelesen
       haben, warum  sollten sie  dann glauben,  daß Reagan ernsthaft an
       die Reduzierung  nuklearer Waffen  oder an  die Verminderung  von
       Spannungen denkt?  Und die  Westeuropäer, schon  heute beunruhigt
       über Mr. Reagans "Cowboy"-Allüren, wie sie es nennen, werden kaum
       Beruhigung darin finden, daß seine Planer strategische Waffen auf
       Basen in Osteuropa und in der Sowjetunion selbst richten wollen.
       Schlimmer noch - was für ein Land würde dies (Amerika) sein, wenn
       all diese  militaristischen Pläne Wirklichkeit würden? Mr. Reagan
       mag am  Memorial Day die Kriegstoten der Nation beklagen und pro-
       klamieren, daß "die Freiheit, für die sie sterben, erhalten blei-
       ben und  blühen muß"; aber nichts ist weniger wahrscheinlich, als
       daß die  Freiheit in  einem Garnisonsstaat  erhalten  bleibt  und
       blüht, der  sich dem  ewigen Krieg  verschrieben hat  und gewillt
       ist, sogar  die eigene  Zerstörung in  Kauf zu nehmen, um auf den
       Trümmern die Oberhand zu gewinnen.
       
       "Wie sehen wir das in Moskau?" - Stellungnahme von Georgi Arbatow
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       für die "New York Times" (Wortlaut)
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       Die Moskauer Wochenzeitschrift "Neue Zeit" veröffentlichte in ih-
       rer Nr.  30/1982 unter der Überschrift "Wie sehen wir das in Mos-
       kau?" einen Beitrag des sowjetischen Amerikaexperten Arbatow, dem
       der Autor  folgende Bemerkung  voranstellte: Im Juni bat mich die
       "New York  Times" um  einen Artikel,  der den sowjetischen Stand-
       punkt zu  der vom  Pentagon  vorgelegten  "Verteidigungsdirektive
       1984-1988" zum  Ausdruck bringt.  Ich entsprach  dieser Bitte und
       schickte der  "New York Times" vor etwa einem Monat einen solchen
       Artikel zu,  der aus mir unbekannten Gründen nicht veröffentlicht
       wurde. Da  ich glaube, daß dieses Thema Beachtung verdient, über-
       gab ich  ihn der  NZ-Redaktion. Nachstehend dokumentieren wir den
       Wortlaut der Arbotow-Stellungnahme. Die von Arbotow erwähnten US-
       Atomkriegspläne "Dropshot"  usw. sind nachzulesen in: Bernd Grei-
       ner/Kurt Steinhaus,  Auf dem  Weg zum 3. Weltkrieg, Amerikanische
       Kriegspläne gegen  die UdSSR.  Eine Dokumentation,  Köln 1980. D.
       Red.
       
       Lassen Sie mich damit beginnen, daß die Substanz dieses Dokuments
       uns in  Moskau ebenso klar ist wie jenen amerikanischen Journali-
       sten, die  es kommentiert haben. Tom Wicker bezeichnete es in ei-
       nem "New  York Times"-Artikel  als den  Plan für einen "Krieg bis
       zum Tod".  Ich würde es eine Anleitung zu einem totalen Krieg ge-
       gen die  UdSSR und ihre Verbündeten nennen. Ja, total, denn damit
       wird ein  totaler Punkt  gesetzt, ein  für allemal  mit  der  So-
       wjetunion und  ihren Verbündeten,  den  sozialistischen  Ländern,
       Schluß zu  machen. Die  dafür angebotene  Auswahl von Mitteln ist
       ebenfalls total - sie reicht vom wirtschaftlichen und technologi-
       schen Krieg  und einer unbegrenzten Subversion bis zu einem Krieg
       mit konventionellen und, sofern nötig, mit nuklearen Waffen.
       Dieses Dokument scheint mir die deutliche Handschrift von notori-
       schen Sowjethassern  in und um das militärische Establishment der
       USA zu  tragen. Da  es aber  nicht der Verteidigungsminister war,
       der seinen Job in den nächsten Tagen verlor, sondern der Außenmi-
       nister, haben  wir in  Moskau dieses  Dokument nicht  als Privat-
       schrift von  Leuten wie  Richard Pipes,  Richard Perle oder Colin
       Gray zu  betrachten, sondern  als eine  Erklärung der offiziellen
       US-Intentionen und der offiziellen Politik.
       Waren diese  Eröffnungen für  uns eine Überraschung? Ja und nein.
       Nein, weil  das Dokument  in großen Teilen eine Wiederholung sol-
       cher klassischen  Sätze des  kalten Krieges ist wie der militäri-
       sche Plan  Operation Dropshot  (1949) oder  das NSC-68 Memorandum
       (1950). Außerdem haben wir wirklich mehr als genug Möglichkeiten,
       uns davon zu überzeugen, daß es in der jetzigen US-Administration
       viele Extremisten gibt, was sich sowohl ihren Worten als auch et-
       lichen ihrer Taten entnehmen läßt.
       Andererseits, ja,  wir waren  ein bißchen  überrascht, da  in den
       letzten  Monaten   allmählich  auch  einige  andere  Signale  aus
       Washington kamen.  Sie sollten  dazu dienen, die Bereitschaft der
       USA zu  Verhandlungen mit  der UdSSR über Rüstungsbegrenzung etc.
       zu signalisieren.  Einige sehr  angesehene amerikanische Experten
       sagten in  diesem Zusammenhang ebenfalls, daß wir es hier mit ei-
       ner für  Amerika gewöhnlichen  Bewegung von extremistischen Posi-
       tionen zum  Zentrum hin zu tun hätten und daß die Dinge sich wie-
       der auf das Normale zubewegten.
       Ich aber neige zu dem Gedanken, daß wir es hier mit etwas anderem
       zu tun  haben. Beides,  die Wirtschafts- und die Außenpolitik der
       neuen Administration  beginnt auseinanderzubrechen  und  den  ge-
       wünschten Ergebnissen  entgegengesetzte Wirkungen zu zeitigen. Im
       einzelnen erbrachte  sie nicht  so sehr  die Furcht  vor der  So-
       wjetunion als  vielmehr die  vor den  USA und ihrer gegenwärtigen
       Politik, die neue Differenzen in den Beziehungen zwischen den USA
       und ihren  Verbündeten auslöste  und die antinukleare Massenbewe-
       gung zunächst in Europa und danach in den USA verstärkte. All das
       hat Washington  offenbar zu  einigen politischen Manövern gezwun-
       gen, einschließlich  seiner Zustimmung  zu Verhandlungen  mit der
       UdSSR.
       Doch die  Verteidigungsdirektive ist noch ein weiterer Beweis da-
       für, daß  wir es  - jedenfalls  gegenwärtig - nur mit Manövern zu
       tun haben, denen solche Dokumente übrigens einen gewissen Schaden
       zufügen können.  Denn sie  zeigen, daß die grundsätzlichen Inten-
       tionen der  Administration die alten bleiben und daß sie beinhal-
       ten, die  militaristische, blind  antisowjetische Politik fortzu-
       setzen, so  sehr das auch den heutigen Realitäten in der Welt zu-
       widerläuft.
       Als Ronald  Reagan sein  Präsidentenamt antrat,  forderte er  die
       Amerikaner auf,  "heroische Träume  zu träumen".  Ich weiß nicht,
       wie dieser Aufruf bei den einfachen Amerikanern ankam. Aber viele
       Leute in der Administration, insbesondere die Urheber der Vertei-
       digungsdirektive, haben offenbar mehr als anderthalb Jahre in ei-
       ner Welt von ausschließlich "heroischen" Träumen gelebt. Ich darf
       annehmen, daß  sie bereit  sind, die Sowjetunion zu "atomisieren"
       oder zu versuchen, sie in einem konventionellen Krieg zu besiegen
       oder sie  auf andere  Weise zu  beseitigen. Das einzige, was dazu
       noch zu  tun ist, ist die Möglichkeiten dazu zu finden, wozu denn
       auch die  Direktiven des  Pentagon und  der Gruppe der Stabschefs
       dienen sollen.  Damit aber  sind sie  vor sinnlose  Aufgaben  ge-
       stellt.
       Diese Ziele  zu erreichen  wurde seit 1917 immer wieder versucht.
       Von der  Entente 1918-1920,  von den  Achsenmächten 1941-1945 und
       von den  USA und  ihren Verbündeten  nach dem  zweiten Weltkrieg.
       Doch all diese Bemühungen brachen völlig zusammen. Wie könnte je-
       mand darauf hoffen, jetzt Erfolg zu haben?
       Das gibt  Veranlassung zu  fragen, warum solche Dokumente verfaßt
       und veröffentlicht werden?
       Um die  Sowjetunion einzuschüchtern und zu erpressen? Aber ist es
       nicht geradezu  naiv, an  den Erfolg  solcher  Unternehmungen  zu
       glauben, oder war die Veröffentlichung der Verteidigungsdirektive
       nur als  Ermunterung für  das Reagan-Team  und  ähnlich  denkende
       Leute in den verbündeten Ländern gedacht? Oder sind die Verfasser
       des Dokuments  hier vielleicht auf ihre eigene Propaganda herein-
       gefallen, sowohl  hinsichtlich der Möglichkeiten ihres Landes wie
       auch bezüglich  der Probleme,  mit denen  die Sowjetunion  zu tun
       hat?
       Ich kann nicht umhin, eine Passage des Dokuments zu zitieren, die
       die USA  veranlassen soll, die UdSSR mit dem Wettrüsten bankrott-
       zurüsten, insbesondere  mit der  Entwicklung von Waffen, die "die
       früheren sowjetischen Investitionen veralten lassen". Solche Ver-
       suche wurden  wiederum auch  schon mehrmals  früher  unternommen.
       Doch die von den USA herausgeforderte Sowjetunion folgte in ihren
       Verteidigungsprogrammen nicht  den amerikanischen  Wünschen, son-
       dern ihren  eigenen Sicherheitsbedürfnissen. Jetzt, nach den Ver-
       deutlichungen in  der Verteidigungsdirektive, werden wir bestimmt
       noch wachsamer  sein und  darauf achten,  daß uns  die USA  nicht
       bankrott machen,  weder durch  das Wettrüsten  noch bei den Abrü-
       stungsgesprächen, wo  die Vorschläge der USA offenbar das gleiche
       Ziel haben,  "die früheren sowjetischen Investitionen veralten zu
       lassen".
       Tatsache ist,  daß diese Direktive recht aufschlußreich war. Doch
       möge der amerikanische Leser selbst überlegen. Die Rede Präsident
       Reagans vom  9. Mai  im Eureka College enthielt die geradezu rüh-
       rende Passage,  er wolle  Präsident Breshnew  bei einer Begegnung
       sagen, daß die USA bereit sind, eine neue Verständigung zur UdSSR
       herbeizuführen, und  die sowjetische  "Regierung und...  das Volk
       haben nichts  in der  Welt von  den Vereinigten Staaten zu fürch-
       ten". Zwei  Wochen später lasen wir, als Kommentar zu diesen Wor-
       ten, die  Direktive an die US-Streitkräfte, "Pläne zu entwickeln,
       um der  Sowjetunion auf  jeder Ebene  eines Konflikts Niederlagen
       beizubringen, von inneren Aufständen bis zum Nuklearkrieg".
       Möglicherweise ist  das natürlich noch eine weitere Erklärung für
       die Widersprüchlichkeit  der von  Washington ausgehenden Signale.
       Es handelt  sich hier  um die inneren Auseinandersetzungen in der
       Administration selbst zu Fragen der Außenpolitik. Diese Auseinan-
       dersetzung findet offenbar tatsächlich statt. Doch die Spanne der
       Differenzen in dieser inneradministrativen Auseinandersetzung war
       bislang  ziemlich  gering.  Es  wird  immer  deutlicher,  daß  es
       höchstens Differenzen  zwischen einzelnen Varianten des Extremis-
       mus waren.
       Der wichtigste  Schluß, den ich aufgrund der vorliegenden Vertei-
       digungsdirektive ziehen würde, ist folgender:
       Die gegenwärtige US-Administration wird so gut und fähig zu guten
       Taten sein,  wie man  es ihr nicht erlaubt, schlecht zu sein, sie
       wird so  sicher -  und ich  meine sicher  nicht nur  für die  So-
       wjetunion, sondern auch für Amerika und seine Verbündeten - sein,
       wie man  es ihr  nicht erlaubt, gefährlich zu sein; nicht erlaubt
       infolge der  wirtschaftlichen und politischen Realitäten, infolge
       der Politik anderer Länder, infolge der öffentlichen Meinung Ame-
       rikas und des Selbsterhaltungswunsches der Völker. Ich hoffe, daß
       diese Faktoren ausreichen, damit der andauernde politische Prozeß
       die realistische  Grundlage stärke  und die  US-Politik zum  Ver-
       ständnis nicht  nur der bestehenden Differenzen, sondern auch der
       vitalen allgemeinen  Interessen zurückführe.  Gemeint ist das In-
       teresse am  Überleben, das  nicht nur Verhandlungen, sondern auch
       Übereinkünfte voraussetzt, ebenso wie eine generelle Verbesserung
       der Beziehungen  zwischen den beiden Ländern. Wenn das aber nicht
       geschieht? Dann haben wir allein noch die Hoffnung, daß eine Zeit
       kommen wird,  in der  wir sagen  können: Die Geschichte hat nicht
       mit dieser  Administration  begonnen  und  wird  glücklicherweise
       nicht mit ihr enden.
       
       "Pentagon-Plan präzisiert, mit welchen Methoden ein länger
       ----------------------------------------------------------
       andauernder Atomkrieg gewonnen werden soll" (Auszüge aus
       --------------------------------------------------------
       einem Artikel der "Los Angeles Times" vom 15. August 1982)
       ----------------------------------------------------------
       
       Zehn Wochen  nach der  Enthüllung des geheimen Pentagon-Programms
       zur umfassenden  Atomkriegsvorbereitung 1984-1988  durch die "New
       York Times" hat ein Artikel von Robert Scheer in der "Los Angeles
       Times" die  neuen Informationen  über  die  amerikanischen  Atom-
       kriegsvorbereitungen erneut  in die öffentliche Diskussion getra-
       gen und  diesmal scheint der "Funke" gezündet zu haben. Wir doku-
       mentieren im folgenden Auszüge aus dem Artikel von Robert Scheer,
       soweit sie  neue Aspekte  oder Stellungnahmen über die bereits in
       den letzten  "Blättern" veröffentlichten  Enthüllungen  der  "New
       York Times"  hinaus enthalten.  Der Text  folgt der Wiedergabe in
       der "International Herald Tribune" vom 16.8.1982. D. Red.
       
       Auf Weisung  der Reagan-Administration  hat  das  Pentagon  einen
       strategischen Generalplan  fertiggestellt,  der  die  Vereinigten
       Staaten in  die Lage  versetzen soll,  einen  länger  andauernden
       Atomkrieg mit der Sowjetunion zu gewinnen.
       In der  ersten Augustwoche  wurde dieses  Dokument dem Nationalen
       Sicherheitsrat übermittelt, und es geht jetzt um seine endgültige
       Bestätigung durch den Präsidenten. Diese Direktive ist Teil eines
       Dokuments, das  im Herbst  1981 entworfen wurde, um die Präsiden-
       ten-Direktive 59  abzulösen, die  im letzten Halbjahr der Carter-
       Administration in Kraft gesetzt worden war.
       Aus Kreisen,  die mit  beiden streng geheimen Dokumenten vertraut
       sind, wird  berichtet, daß  Präsident Reagans  Doktrin sehr  viel
       stärker als  die von Präsident Carter den Charakter einer Kriegs-
       führungs-Doktrin hat,  weil sie  nämlich  das  spezifische  Ziel,
       einen "länger andauernden" Atomkrieg zu gewinnen, festlegt.
       Einem Mitglied der Reagan-Administration zufolge wird in dem Plan
       ein bis zu sechs Monate lang andauernder Atomkrieg erwogen.
       Der Gedanke, daß ein Atomkrieg zwischen den Supermächten begrenzt
       oder über  mehrere Monate  hin ausgedehnt  - und sogar gewonnen -
       werden kann,  ist in  militärischen und  politischen Kreisen  um-
       stritten.
       Der neue strategische Generalplan zielt, wie berichtet wird, dar-
       auf ab,  eine Behandlung  des  Themas  (Strategie  der  nuklearen
       Kriegs f ü h r u n g,   d. Red.)  aus dem Blickwinkel der prakti-
       schen Verwirklichung  zu ermöglichen.  ("... providing a 'how to'
       treatment of  the subject..."  - An  anderer Stelle heißt es, die
       neue "Direktive"  fordere "das  Pentagon insbesondere  auf, einen
       Plan dafür zu entwickeln, wie die politische Deklaration in mili-
       tärische Wirklichkeit verwandelt werden kann." D. Red.)
       Der neue  Plan widmet  beispielsweise der  Frage, wie die politi-
       schen und  militärischen Kommandozentralen  des Feindes zerstört,
       die amerikanischen Zentralen dagegen geschützt werden können, be-
       trächtlichen Raum.
       Die Reagan-Administration  hat im Haushalt 18 Mrd. Dollar für die
       Sicherung amerikanischer  militärischer Befehls-,  Kontroll-  und
       Kommunikationswege, oder  C-3, wie es bei den Planern heißt, ein-
       gesetzt. C-3  bezieht sich  auf die  Fähigkeit der Staatsführung,
       hinsichtlich der  Kontrolle des nuklearen Arsenals die Kommunika-
       tion mit den Truppen aufrecht zu erhalten.
       Die Implikationen  des veränderten strategischen Denkens über den
       Atomkrieg hat  General James W. Stansberry verdeutlicht, der Kom-
       mandeur der  Luftwaffenabteilung für  elektronische  Systeme.  Er
       sagte auf  einer Konferenz der Luftwaffe: "In früheren Jahren be-
       stand das  Konzept für  C-3 darin, lediglich die Fähigkeit zu si-
       chern, strategische  Waffen der  USA als  Antwort auf einen Erst-
       schlag zu starten, bevor unannehmbare Zerstörungen eintreten. Die
       Vorstellung, daß  man mit  einem nuklearen  Schlagabtausch keinen
       Krieg gewinnen  könne, ließ jeglichen Bedarf an überlebensfähigen
       Einrichtungen sozusagen hinfällig werden. Es gibt jetzt eine Ver-
       änderung in  der Atomwaffenplanung,  und es  ist zu einem eigenen
       Bestandteil der  atomaren Abschreckung  geworden, daß  wir  fähig
       sind, weiter zu kämpfen."
       Die Vorstellung, daß man Atomkriege führen, begrenzen und überle-
       ben kann, hat in den letzten zehn Jahren wachsende Zustimmung ge-
       funden. Eine  immer präzisere  Raketentechnologie und verfeinerte
       Kommunikationsmittel haben in manchen Kreisen zu der festen Über-
       zeugung geführt,  ein Atomkrieg  müsse nicht  unbedingt bedeuten,
       daß alles  mit einem  Schlage aus  sei und  es außer radioaktivem
       Schutt kaum etwas dabei zu gewinnen gebe.
       Nach Ansicht  der    Kriegs f ü h r u n g s - Fraktion    ("figh-
       ters"), die  der Nationale Sicherheitsrat zu akzeptieren scheint,
       könnte ein  Atomkrieg mit  selektiven Schlägen  gegen  vorwiegend
       militärische Ziele  mehrere Monate  lang geführt  werden. Am Ende
       könnte, glauben sie, eine Seite als Sieger hervorgehen, mit genug
       an Ressourcen und Bevölkerung, um von vorn anzufangen.
       Ein führender Verfechter dieser Auffassung, Colin Gray, ist kürz-
       lich von  Mr. Reagan  zum Berater der Rüstungskontroll- und Abrü-
       stungsbehörde und des Außenministeriums berufen worden.
       1980 hatten  Mr. Gray und ein Mitautor, Keith Payne, in einem Ar-
       tikel  in   der  Zeitschrift   "Foreign  Affairs"   *)   erklärt:
       "Washington sollte  Kriegsziele festlegen,  die letztendlich  die
       Zerstörung der  politischen Macht  der Sowjets  und das Entstehen
       einer Nachkriegs-Weltordnung,  die den westlichen Wertvorstellun-
       gen entspricht, in Betracht ziehen." Sie erläuterten, daß 20 Mil-
       lionen US-Todesopfer eine annehmbare Größenordnung wären.
       Andere machen sich vielleicht ein weniger optimistisches Bild von
       den zu erwartenden Verlusten, glauben aber dennoch, daß man einen
       Atomkrieg gewinnen  kann. Vergangene Woche verteidigte Energiemi-
       nister James  B. Edwards das Engagement der Reagan-Administration
       für die  Erprobung und  Produktion neuer und besserer Atomwaffen.
       "Ich hoffe,  wir müssen  nie mehr in den Krieg ziehen". sagte er.
       "Aber wenn wir es tun, dann möchte ich als Nr. 1 daraus hervorge-
       hen, nicht als Nr. 2."
       ...
       
       _____
       *) Robert Scheer  verwechselt hier  die Zeitschrift  "Foreign Po-
       licy, in  der Gray's  Aufsatz erschien mit den "Foreign Affairs";
       Anm. d. Red.
       
       "Dem sowjetischen Huhn den Kopf abschneiden..." -
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       Neues vom "Sieg im Atomkrieg"-Strategen Colin S. Gray
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       Seit seinem  Aufsatz "Victory is possible" ("Sieg ist möglich") -
       vgl. den deutschen Wortlaut in "Blätter", 12/1980 - gilt Colin S.
       Gray als Vordenker jener amerikanischen "Sieg im Atomkrieg"-Stra-
       tegie, die  jetzt offenbar,  allen verspäteten Dementierversuchen
       Weinbergers zum  Trotz, zur  offiziellen Doktrin der USA geworden
       ist.  Das  neue  "Leitlinien-Dokument"  des  Pentagon  macht  die
       "Enthauptung" ("decapitation")  der Sowjetunion zur Grundlage der
       US-Atomkriegsstrategie. (Vgl.  den Wortlaut in "Blätter", 8/1982)
       Gray ist  inzwischen zum  Berater des  US-Außenministeriums und -
       welche Ironie!  - der  amerikanischen Rüstungskontroll- und Abrü-
       stungsbehörde (ACDA)  unter seinem  Gesinnungsfreund Rostow avan-
       ciert. In  der "Washington Post" erschien kürzlich ein ausführli-
       ches  Porträt   des  Atomkriegsstrategen  ("Washington  Post"  v.
       14.5.1982). Wir  entnehmen daraus  die folgenden  Äußerungen, die
       keine Illusionen  über die zynische Konsequenz des "Sieg ist mög-
       lich"-Denkens und  über die  millionenfachen Opfer  (sogar in den
       USA selbst)  erlauben, die man für diesen "Sieg" zu riskieren be-
       reit ist. D. Red.
       
       Im offensiven  Bereich des  Planungsspektrums, meint Gray, können
       wir einen  sowjetischen Vorteil an "roher Muskelkraft" kompensie-
       ren, indem  wir unsere  äußerste Drohung  für einen Atomkrieg neu
       definieren. "In  unserer Zielplanung  müssen wir den sowjetischen
       Staat so  umsichtig wie möglich in einen Gegensatz zum russischen
       Volk bringen",  sagt er. (Gray, d. Red). "Nun wird uns das nur in
       beschränktem Maße  möglich sein  - unglücklicherweise  trifft man
       zusammen mit  dem Staat  auch große  Teile des russischen Volkes.
       Aber wir  glauben, daß  wir den  Nerv der russischen Wertstruktur
       berühren.
       Im Kontext  eines Atomkrieges  über die Sowjetregierung sprechen,
       heißt, über  einen bestimmten  Zielkatalog sprechen... Nehmen wir
       an, es  handelt sich um hundert Ziele. Wenn wir all diese hundert
       Ziele treffen  könnten, würden  wir jedes Mitglied des Politbüros
       erwischen, jedes  Mitglied des  Zentralkomitees, wir  würden alle
       entscheidend wichtigen  Bürokraten töten, wir würden also dem so-
       wjetischen Huhn den Kopf abschneiden..."
       Im defensiven  Bereich des  Spektrums wünscht sich Gray mehr Auf-
       merksamkeit für die Zivilverteidigung, die Luftabwehr und die Ra-
       ketenabwehr. Diese  Dinge sind in den Vereinigten Staaten großen-
       teils ignoriert  worden, sagt  Gray, "weil  man von  uns verlangt
       hat, zu  behaupten - was wir nicht können -, daß es eine perfekte
       Verteidigung geben  kann. Wir  können  die  sowjetischen  Raketen
       nicht von  Nordamerika fernhalten.  Wir können einige davon fern-
       halten. Ich  möchte irgendeine Art von Sicherheitsnetz, auch wenn
       es ein Sicherheitsnetz mit einer Menge Löcher darin ist."
       ...
       "Niemand kann  eine Nuklearstrategie  entwickeln, die weniger als
       zwischen fünf  und zwanzig Millionen Front-Toten nach sich zieht.
       Wenn wir  dies in einem größeren Krieg, der nicht nach einer sehr
       leichten ersten  Runde beendet wird, erreichen könnten, wären wir
       extrem gut.  Und dies  sind schreckliche Zahlen. Nun, wenn irgend
       jemand die  Möglichkeit eines Atomkriegs als das absolut Böse be-
       trachtet, wenn  er lieber hinnehmen würde, daß die Sowjets Europa
       erobern, möglicherweise  sogar uns  erobern, als  daß  Atomwaffen
       eingesetzt werden  - wenn  Atomwaffen  derart  schrecklich  sind,
       okay, dann können wir unsere Atomwaffen abschaffen."
       Beim Abschied vor dem Gebäude des Außenministeriums in Washington
       gibt Gray  seinem Gesprächspartner von der "Washington Post", Ja-
       mes Lardner,  zu verstehen,  daß er  alles auf  eine Karte setzt,
       weil er offenbar fürchtet, Reagan könne scheitern und unter einem
       anderen Präsidenten  werde es  für die Durchsetzung seiner "Sieg-
       im-Atomkrieg"-Strategie zu spät sein: "Ich muß meine Zeit nutzen,
       so gut  ich kann",  sagt er (Gray) nüchtern. "Wenn Walter Mondale
       in zwei  Jahren ins  Weiße Haus  einzieht, dann  hat man mich zum
       letztenmal im State Department gesehen."
       

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