Quelle: Blätter 1982 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUFRUF ZUR DRITTEN BUNDESWEITEN FRIEDENSWOCHE "FRIEDEN
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       SCHAFFEN OHNE WAFFEN" VOM 7. bis 17. NOVEMBER 1982
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       (Wortlaut)
       
       1. Seit dem  Beschluß der  NATO vom  12. Dezember  1979, 572 neue
       Atomwaffen -  Pershing II  und Cruise  Missile - in Westeuropa zu
       stationieren, haben  sich nicht  nur die Ost-West-Spannungen ver-
       schärft, sondern  sind auch die Friedensbewegungen in Europa eine
       unübersehbare Realität  geworden. Die geltende Sicherheitspolitik
       wird in  Frage gestellt, da sie den Rüstungswettlauf bisher nicht
       hat aufhalten können.
       Erste und  wichtigste Aufgabe  aber ist  heute die Beendigung des
       Wettrüstens. In  geduldiger Basisarbeit Tausender Friedensgruppen
       wurde das Fundament für die großen und gewaltfreien Demonstratio-
       nen im  Herbst 1981 in Bonn, Brüssel, Rom, London, Amsterdam, Ko-
       penhagen und  Madrid gelegt. Sie wandten sich alle gegen die Sta-
       tionierung neuer Atomwaffen in Europa in West und Ost und forder-
       ten ein  atomwaffenfreies Europa.  Darüber hinaus ist in Nordame-
       rika eine breite Friedensbewegung für das Einfrieren der Atomwaf-
       fen entstanden. In Rumänien demonstrierte man gegen neue Atomwaf-
       fen in  West und  Ost. In  der deutschen  Demokratischen Republik
       gibt es  eigenständige Friedensdiskussionen und -aktivitäten. Die
       "Holländische Krankheit" hat die ganze Welt infiziert.
       Diese Friedensbewegungen  sind Bewegungen  für das  Überleben der
       Menschheit. Millionen  von Menschen haben verstanden, daß nur sie
       die gefährliche  Entwicklung aufhalten  können. Wir  rufen zur 3.
       bundesweiten Friedenswoche  auf, weil  wir die Hände nicht in den
       Schoß legen können. Unser aller Aktivität ist notwendig. Wir wol-
       len neue  Menschen für  die Friedensarbeit gewinnen, unsere Sache
       besser vertreten  lernen, kritikfähig  und selbstkritisch werden,
       unsere Kontroversen  untereinander austragen.  Dem soll die Frie-
       denswoche 1982 dienen.
       Um einem  steigenden Einfluß  der Friedensbewegungen  auf die Öf-
       fentlichkeit entgegenzuwirken,  hat man  ihre  Diffamierung  ver-
       sucht. Man bezeichnete sie als antiamerikanisch, als ferngelenkt,
       als Äußerung  einer unpolitischen Friedenssehnsucht, als Angstbe-
       wegung. Alle  diese Verunglimpfung sind wirkungslos geblieben. Zu
       groß ist  die Einsicht in die Notwendigkeit starker Friedensbewe-
       gungen, zu  sichtbar die Probleme, derer sie sich angenommen hat.
       Die Demokratisierung der Sicherheitspolitik durch die Friedensbe-
       wegungen hat  den Nebel  der Verschleierung, die einseitigen Dar-
       stellungen der  Regierungen, die Halbwahrheiten und Lügen unwirk-
       samer gemacht. Sicherheitspolitik, die 20 Jahre lang den Militärs
       und einigen Politikern überlassen wurde, ist ein öffentliches An-
       liegen geworden.  Die Suche  nach Alternativen zu den immer neuen
       Aufrüstungen bewegt Bürger unterschiedlichster Herkunft und aller
       Altersgruppen.
       Das ist höchste Zeit. Mehr als 1 000 000 000 000 DM (eine Billion
       DM) wird  1982 weltweit  für Rüstung ausgegeben und den Millionen
       hungernden und  verhungernden Menschen  auf dieser Erde weggenom-
       men. Rüstung tötet schon jetzt!
       Durch die  neuen Waffenexportrichtlinien der Bundesregierung wird
       die Ausfuhr  von Kriegsgütern  in Länder  der sogenannten Dritten
       Welt und  in Spannungsgebiete  nicht eingeschränkt., sondern noch
       weiter erhöht. Schon die bisherigen Richtlinien waren wenig wirk-
       sam, weil  sie kaum durchgesetzt wurden. Wir wenden uns energisch
       gegen die  Erhöhung der  Ausfuhr westdeutscher Kriegsgüter in die
       "Dritte Welt".
       In mehr als 130 Kriegen sind seit 1945 mehr als 30 Millionen Men-
       schen umgekommen.  Der Krieg zwischen Großbritannien und Argenti-
       nien um die Falklandinseln zeigt, daß vergleichsweise geringe An-
       lässe von  den politischen und militärischen Bündnissen nicht ge-
       waltfrei und ohne neue menschliche Opfer geregelt werden können.
       Die Regierungen sind außerstande, den Rüstungswettlauf zu bremsen
       und Abrüstung  einzuleiten. Zu vielfachen Vernichtungskapazitäten
       kommen immer  neue und  gefährlichere  Waffen  und  Waffensysteme
       hinzu. Neue  Waffensysteme und waffentechnologische Entwicklungen
       haben neue  Nuklearstrategien ermöglicht und umgekehrt. Politiker
       und Militärs  in den  USA sprechen offen über die Möglichkeit be-
       grenzbarer atomarer  Kriege. Wir halten dies für eine gefährliche
       Illusion.  Darüber  hinaus  sollen  Zivilschutzprogramme  Überle-
       benschancen vortäuschen.  Die Einsicht wird immer drängender: Die
       ständige Vorbereitung  des Krieges  wird den nächsten Krieg nicht
       verhindern, ist kein Mittel der Kriegsverhütung mehr. Dieses Ver-
       ständnis von  Abschreckung hat  ausgedient. Deshalb widersprechen
       wir der  Denkschrift der  Evangelischen Kirche in Deutschland vom
       November 1981.  Es ist  keine "heute  noch  mögliche  christliche
       Handlungsweise" mehr, Frieden durch die Drohung mit atomaren Waf-
       fen zu  sichern. Frieden gibt es nur noch gemeinsam. Die Zeit der
       Sicherung durch die gegenseitige Androhung atomarer Totalvernich-
       tung und  die gegenseitige  atomare Geiselnahme geht zu Ende. Der
       politische Gebrauch  der Atomwaffen ist fast ebenso zerstörerisch
       wie der militärische. Umkehr im Denken und Handeln ist notwendig.
       Die Menschheit  hat offenbar  die Lektionen von Hiroshima und Na-
       gasaki noch  nicht gelernt.  Das grundsätzliche  Nein zu Entwick-
       lung, Test, Produktion, Stationierung und Anwendung atomarer Waf-
       fen und  aller anderer Massenvernichtungsmittel steht auf der Ta-
       gesordnung.
       1983/84 sollen  dem Beschluß  der NATO  entsprechend  die  ersten
       neuen Atomwaffen  in Italien,  Großbritannien und der Bundesrepu-
       blik Deutschland  stationiert werden.  Die  Vorbereitungsarbeiten
       hierfür sind in vollem Gang. Falls stationiert wird, wird die ge-
       genseitige Bedrohung gefährlich wachsen, auch für uns, denn Rake-
       tenstandorte sind  Raketenziele der anderen Seite. Wir dürfen un-
       sere Beunruhigung und unsere Friedensarbeit wegen der Genfer Ver-
       handlungen der  beiden Großmächte  nicht aufgeben.  Verhandlungen
       sind besser  als keine  Verhandlungen, und  ohne den  politischen
       Druck der  Friedensbewegungen gäbe  es diese Verhandlungen nicht.
       Aber wir  haben keine große Hoffnung auf deren Erfolgsaussichten.
       Die bisher  bekannt gewordene  Position der amerikanischen Regie-
       rung ist  nicht wirklich ernst zu nehmen. Die sogenannte Null-Lö-
       sung der US-Regierung ist keine wirkliche Null-Lösung. Null heißt
       für uns  wirklich Null, das heißt, keine neuen Atomwaffen bei uns
       und anderswo und ein atomwaffenfreies Europa in West und Ost.
       Deshalb müssen  wir alle die Veränderungen erreichen helfen, eine
       neue Friedenspolitik  ermöglichen. Diese  liegt in  gerechten und
       friedlichen Beziehungen  der Staaten  untereinander, weltweit und
       in Europa.  Die Konfrontation  der militärischen  Paktsysteme muß
       abgebaut werden.  Eine neue  Entspannung ist  notwendig.  Frieden
       schaffen, kann  nur noch  politisch geschehen.  Deshalb:  Frieden
       schaffen ohne Waffen!
       Eine praktische  Möglichkeit der  Friedensarbeit ist  die  dritte
       bundesweite Friedenswoche  vom 7.  bis 17.  November 1982, zu der
       die Aktion  Sühnezeichen/Friedensdienste und  die  Aktionsgemein-
       schaft Dienst  für den  Frieden aufrufen. Wir können dazu nur den
       Anstoß geben. Kirchengemeinden, Landeskirchen, Jugendorganisatio-
       nen, Schulen,  Gewerkschaften, Dritte-Welt-Gruppen, Bürgerinitia-
       tiven, Frauengruppen,  Seniorenkreise..., kurz:  alle können sich
       an den Aktivitäten in der ihnen möglichen und richtig erscheinen-
       den Form  beteiligen; sei es mit Gottesdiensten, Veranstaltungen,
       Aktionen, Ausstellungen,  Unterrichtseinheiten oder durch die Or-
       ganisation einer  Friedenswoche vor Ort. Wir schlagen als gemein-
       same bundesweite  Aktionsform die dezentrale Durchführung von Ak-
       tionen, die den Inhalten dieses Aufrufes entsprechen, am Samstag,
       dem 13.  November 1982,  vor. Die Themen der Friedenswochenarbeit
       sollten sich  an der  Breite unseres  Verständnisses von  Frieden
       orientieren, denn  die Friedensbewegung  ist nicht nur eine Bewe-
       gung gegen  bestimmte neue  Waffen, sondern  auf der  Suche  nach
       grundsätzlichen Alternativen.  Deshalb ist  die Situation  in der
       sogenannten Dritten  Welt und  unser Verhältnis zu ihr ebenso ein
       Thema wie  die politische  Frage eines  atomwaffenfreien Europas;
       der innere  Frieden unserer  Gesellschaft, gerade in leiten stei-
       gender Arbeitslosigkeit,  ebenso wie  unser Verhältnis zu Auslän-
       dern; das  Lernen aus  der Geschichte (1983 ist der 50. Jahrestag
       der NS-Machtergreifung)  ebenso wie der Rüstungswettlauf; die in-
       ternationale Zusammenarbeit  der Friedensbewegung  ebenso wie die
       weitere Strategie  der Friedensarbeit  und das  christliche Frie-
       denszeugnis.
       Als besondere  Vorschläge für  die Friedenswochen  regen wir aber
       an:
       a) sich besonders  mit der Möglichkeit "einseitiger, kalkulierter
       Abrüstungsschritte" auseinanderzusetzen.  Wir wiederholen die An-
       regung, solche Schritte besonders
       - in der Verhinderung der Stationierung neuer atomarer Waffen bei
       uns und anderswo,
       - in der tatsächlichen Unterbindung der Rüstungsexporte und
       - in den  Alternativen zur  bisherigen Sicherheitspolitik (defen-
       sive Umrüstung,  nichtmilitärische Formen  der "Verteidigung") zu
       sehen, zu diskutieren und praktisch umzusetzen;
       b) sich an  der Kampagne für regionale und lokale atomwaffenfreie
       Zonen zu beteiligen.
       Diese Kampagne,  die bereits in Großbritannien und den Niederlan-
       den mit zum Teil großem Erfolg durchgeführt wird, will Beschlüsse
       kommunaler und regionaler Parlamente erreichen, in denen sich be-
       grenzte Territorien  für atomwaffenfrei  erklären. Hierdurch kann
       größtmöglicher Druck  gegen die  Atomwaffen ausgeübt  werden, und
       das Ziel eines atomwaffenfreien Europas auf dem niedrigsten Stand
       rein defensiver konventioneller Rüstung kann näherrücken.
       Schafft die Atomwaffen aus der Welt!
       Beginnt damit auch in der Bundesrepublik Deutschland!
       Keine neuen Atomwaffen in unserem Land!
       Für ein atomwaffenfreies Europa in West und Ost!
       

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