Quelle: Blätter 1982 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WARUM HABE ICH ALS AMERIKANER ANGST VOR DER MILITÄRPOLITIK
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       MEINES EIGENEN LANDES?
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       (Wortlaut eines Flugblatts)
       
       Der Verfasser  des nachstehend  dokumentierten Flugblatts ist ge-
       bürtiger Amerikaner.  Er nahm  als US-Offizier  an den Nürnberger
       Kriegsverbrecherprozessen teil.  Heute lebt  E. Field  Horine als
       Analytischer Psychologe  und Fachpsychologe für Psychoanalytische
       Therapie in Konstanz. Die eindringliche Sprache seines in eigener
       Initiative verbreiteten  Flugblatts verdient  es u.E., überregio-
       nal, und  gerade auch in den USA, Gehör zu finden. E. Field Hori-
       nes Initiative macht zudem erneut deutlich, daß der Protest gegen
       die neuen US-Raketen nicht als "Antiamerikanismus" abgetan werden
       kann. D. Red.
       
       WARUM...
       
       habe ich,  als welterfahrener  *) gebürtiger  Amerikaner  älteren
       Jahrgangs (1915), ganz offen gesagt
       
       ANGST
       
       vor der Militärpolitik meines eigenen Landes?
       
       WARUM?
       
       ...Weil die  neuen amerikanischen  Atomraketen Pershing 2 ab Ende
       1983 auf deutschem Boden, und nur hier, aufgestellt werden sollen
       - Waffen, die uns alle, Deutsche wie Amerikaner, viel stärker ge-
       fährden werden, als daß sie uns irgendwelchen zusätzlichen Schutz
       vor den Sowjets bieten könnten.
       
       WARUM?
       
       ...Weil diese amerikanischen Waffen schon von ihrer verwundbaren,
       ungeschützten Aufstellungstechnik  her ausschließlich  zum  Erst-
       schlag geeignet  sind, also  nur zum  atomaren Angriff eingesetzt
       werden können,  und daher  entweder zu einem sowjetischen Vorbeu-
       gungsschlag oder  zu sonstigen  äußerst gefährlichen sowjetischen
       Gegenmaßnahmen geradezu zwangsläufig herausfordern.
       
       WARUM?
       
       ...Weil wir Amerikaner 1962 Atomraketen z.B. in der Türkei unmit-
       telbar an  der sowjetischen Grenze aufgestellt hatten, aber nach-
       weisbar beinahe  den Weltuntergang  heraufbeschworen, da  wir uns
       vor unserer  Haustür auf  Kuba sowjetische  Raketen nicht  bieten
       ließen; und weil die Sowjetunion 1983-84 noch viel Bedrohlicheres
       als das,  was wir  seinerzeit auf  Kuba in  vergleichbarer  Weise
       nicht zu  dulden bereit  waren, von  unserer Seite her wohl nicht
       hinnehmen wird:  nämlich enorm  treffgenaue Atomraketen, die nach
       nur 5 bis 10 Minuten Flugzeit ihre Führung, ihr Volk und ihr Land
       einäschern können.
       
       WARUM?
       
       ...Weil für  beide Supermächte die vielgepriesene "Abschreckung",
       längst ausgedient  hat (ohne  daß dies Öffentlich zugegeben wird)
       und von  amerikanischer Seite  sogar nachweislich  fallengelassen
       wurde zugunsten  einer "Kriegsgewinn-"Strategie,  deren in  Fach-
       kreisen erklärtes  Ziel die  "Enthauptung" der  Sowjetunion ist -
       also der  Mord an  ihrer gesamten Führung sowie an -zig Millionen
       weiterer Menschen  dort, wobei mit hoher Wahrscheinlichkeit West-
       europa ausgelöscht  werden wird  und unsere Militärplaner 20 Mil-
       lionen Tote auch in USA kaltblütig in Kauf zu nehmen bereit sind.
       
       WARUM?
       
       ...Weil außerdem nach Aussagen international bekannter (auch ame-
       rikanischer) Fachleute  die längst  bestehende Gefahr,  daß durch
       einen im  sowjetischen oder  im amerikanischen Warnsystem auftre-
       tenden bloßen   C o m p u t e r f e h l e r  der Atomkrieg ausge-
       löst werden  kann, schon sehr groß ist und mit den Pershing-2-Ra-
       keten bei einer für die Sowjets auf nur 5 bis 10 Minuten verkürz-
       ten Vorwarnzeit ins Unermeßliche wachsen wird.
       
       DARUM:
       
       ...Widersetze ich  mich mit allen mir zu Gebote stehenden gewalt-
       freien Mitteln der Stationierung dieser neuen amerikanischen Waf-
       fen in der Bundesrepublik, zumal die etwa 5000 hier schon bereit-
       gehaltenen  Atomwaffen   und  sonstigen  Massenvernichtungsmittel
       (darunter unüberschaubare  Mengen tödlicher Gase) die Bevölkerung
       dieses Landes  weit höheren  Risiken aussetzen, als daß damit den
       Deutschen oder uns Amerikanern größere Sicherheit gewährt würde.
       
       DARUM:
       
       ...Widersetze ich  mich grundsätzlich sowohl allen Atomwaffen als
       auch allen  anderen Massenvernichtungsmitteln und trete (in voll-
       stem Einvernehmen  mit vielen  Hunderttausenden meiner Landsleute
       in der  amerikanischen Friedensbewegung) für erste, echte, bedin-
       gungslose und  notfalls einseitige sowie umfassendste Abrüstungs-
       schritte und  für eine unverzügliche weltweite Wiederbelebung der
       Entspannungspolitik ein.
       
       DENN:
       
       ...Nicht nur Atomwaffen, sondern auch die heute verfügbaren soge-
       nannten konventionellen  Formen von  "Verteidigung", die  einzeln
       oder zusammengenommen  uns alle  vernichten können, stellen keine
       wirkliche Verteidigungsmöglichkeit  mehr dar;  der heute heranna-
       hende Krieg ist nur noch als der Wahnwitz kollektiven Selbstmords
       oder als  kriminellster Völkermord zu verstehen. Und ganz abgese-
       hen von  alledem wird  die Natur,  deren undankbarer Gast auf der
       Erde wir  Menschen sind,  diesen  übelsten  Streich  menschlicher
       Ignoranz und Verantwortungslosigkeit wohl nicht überdauern.
       
       DENN:
       
       ...Wenn wir  Menschen uns  nicht in  der allernächsten Zeit gegen
       diesen ganzen  unglaublichen Wahnsinn äußerst wirksam, tatkräftig
       und solidarisch  zur Wehr  setzen, so droht uns der schnelle oder
       der schleichende  Atomtod in ganz Europa, in USA und in allen an-
       deren Weltteilen  mit jedem  neuen Tag  mehr noch  als am Tag zu-
       vor... Amerikanische Atomwissenschaftler von Weltrang sagen: "Die
       Uhren stehen heute auf 4 Minuten vor 12!"
       
                                    *
       
       PS: Wer  bezahlt diese  Stellungnahme? Von wem werde ich bezahlt?
       Bin ich  etwa Kommunist?  Wieso weiß ich denn so genau, wovon ich
       hier rede? Kann dies alles stichhaltig belegt werden? Warum sagen
       uns unsere Politiker hüben und drüben so wenig von all diesen un-
       geheuerlichen Gefahren  für unser  aller  Überleben?  Fragt  mich
       doch! Ich  werde, so  gut ich kann, jederzeit sehr gerne Rede und
       Antwort stehen... Weitere Exemplare dieser persönlichen Stellung-
       nahme können  zu einem lediglich kostendeckenden Bezugspreis (100
       Exemplare: DM 25,- inklusive Porto)
       bei mir bestellt werden. Verrechnungsschecks oder Banküberweisun-
       gen  an   Commerzbank  AG  Konstanz  (BLZ  690 400 45)  Konto-Nr.
       2 778 355.
       E. Field Horine, M.P.H. 7750 Konstanz 16 Zum Purren 23
       
       Aus der  großen Fülle  verfügbarer Quellennachweise  hier  einige
       Beispiele:
       1 BARNABY, Frank. "Mikroelektronik im Krieg." In: "Auf Gedeih und
       Verderb (Bericht  an den  Club of  Rome). München: Europa-Verlag,
       1982; S. 257-288.
       2 COX, Arthur  M., "When computers launch the missiles." Interna-
       tional Herald Tribune (Paris), 9.6.82.
       3 "Das geheime  Pentagon-Programm ('Leitlinien-Dokument') zur um-
       fassenden Kriegsvorbereitung 1984-1988. (Deutsche Übersetzung des
       Wortlauts eines  Berichtes der  New York Times vom 31.5.1982) in:
       Blätter für dt. u. int. Politik, 8/82; S. 1011-1016.
       4 GRAY, Colin  S. "The  idea of strategic superiority." Air Force
       Magazine (Herausg.,  "Air Force  Association", Washington,  D.C.)
       März '82; S. 62-63.
       5 GRAY, Colin S. und PAYNE, Keith. "Victory is possible." Foreign
       Policy, Heft  39, Sommer  1980. (NB: Vollständige Übersetzung ins
       Deutsche, Blätter für dt. u. int. Politik, 12/80; S. 1502-1510).
       6 KENNEDY, Robert. Dreizehn Tage: Wie die Welt beinahe unterging.
       Darmstadt: Verlag Darmstädter Blätter, 1982.
       7 LOWN, Bernard  (Dr. med.) "Physicians and nuclear war." Journal
       of the American Medical Association, Vol. 246, Nr. 20 (20.11.81);
       S. 2331-2333.
       8 MOLANDER, Roger. "How I learned to start worrying about nukes."
       International Herald  Tribune (Paris),  25.3.82. (NB:  Auszüge in
       deutscher Übersetzung brachte die Zeitschrift STERN in Nr. 14 vom
       1.4.82).
       9 PORRO, Jeffrey D. "The policy war: Brodie vs. Kahn." The Bulle-
       tin of the Atomic Scientists, Juni/Juli 1982; S. 16-19.
       10 SCHELL, Jonathan.  Das Schicksal  der Erde:  Gefahr und Folgen
       eines Atomkriegs, München: R. Piper & Co. Verlag, 1982.
       11 THEMEL, Harald  (Dr. med.).  "Stell dir vor, es passiert unser
       'Verteidigungsfall'." In:  Überleben: Zeitschrift für alternative
       Sicherheitspolitik, Nr. 2, 1982; S. 10-11.
       12 Vereinte Nationen.  Die UNO-Studie:  Kernwaffen. München: C.H.
       Beck'sche Verlags-Buchhandlung, 1982.
       13 WERNICKE, Joachim (Dr. ing.) "Zur Forschungsförderung im wehr-
       technischen Bereich  der Elektronik". In: Ossietzky-Tage '82. Ol-
       denburg: Presse- und Informationsstelle der Universität, 1982.
       14 WICKER, Tom.  "War to  the death." The New York Times, 1.6.82.
       (NB: Deutsche  Übersetzung in  Blätter für  dt. u.  int. Politik,
       9/82, S. 1136-1137).
       
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       *) Als Fachberater,  späterhin  auch  Abteilungsleiter,  fast  20
       Jahre lang  bei zwei  Spezialorganisationen der UNO in Asien, La-
       teinamerika, Afrika und Europa tätig.
       

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