Quelle: Blätter 1983 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DER "KREFELDER INITIATIVE" VOM 15. JANUAR 1983
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       (Wortlaut)
       
       Auf Einladung  der Krefelder  Initiatoren fand am 15. Januar 1983
       in Bonn ein Meinungsaustausch statt. Im Mittelpunkt standen Über-
       legungen, wie  die Stationierung neuer amerikanischer Erstschlag-
       waffen mit  Hilfe des  "Krefelder Appells"  gemeinsam  verhindert
       werden kann. Anwesend waren Vertreter berufsbezogener Initiativen
       von Naturwissenschaftlern, Pädagogen, Ärzten, Christen, Psycholo-
       gen, Sportlern sowie Künstlern und weitere den "Krefelder Appell"
       unterstützende Persönlichkeiten  aus Friedensinitiativen, Gewerk-
       schaften und Publizistik. Nachstehend dokumentieren wir den Wort-
       laut der von den Teilnehmern angenommenen Erklärung. D. Red.
       
       Trotz offenkundiger Ablehnung durch die Bevölkerung hält die Bun-
       desregierung an der für dieses Jahresende vorgesehenen Stationie-
       rung amerikanischer  Atomraketen fest. Damit lädt sie schwere hi-
       storische Schuld auf sich, denn die neuen Erstschlagsraketen sind
       Mittel eine  Strategie, die  den atomaren  Krieg plant und Europa
       zum Kriegsschauplatz  macht. Die geplante Verlegung des US-Haupt-
       quartiers von  Stuttgart nach  London, also  weg vom Kriegsschau-
       platz Mitteleuropa, ist Ausdruck eines Denkens, das unser Volk zu
       opfern bereit ist.
       Die Sowjetunion hat sich in ihren jüngsten Vorschlägen bereit er-
       klärt, Hunderte  von SS-20-Raketen zu verschrotten bzw. zu verle-
       gen, wenn  die USA  auf die  Stationierung von  Pershing  II  und
       Cruise Missiles  in Westeuropa  verzichten. Dieser  Vorschlag be-
       rücksichtigt die  Sicherheitsinteressen beider Seiten und ist ein
       Schritt auf  dem Weg zu einer wirklichen Null-Lösung. Er beinhal-
       tet einen  ernstzunehmenden Vorschlag zur Rüstungsbegrenzung bzw.
       zur Abrüstung. Käme es zu einer West-Ost-Vereinbarung auf der Ba-
       sis dieser Vorschläge, wäre sichergestellt, daß Europa nicht mehr
       so leicht  zum atomaren  Schlachtfeld in  der  Auseinandersetzung
       zwischen der  UdSSR und der USA werden könnte. Wer bisher die so-
       genannte Nachrüstung mit der Existenz von SS-20-Raketen zu recht-
       fertigen versuchte,  wer Kompromisse  -  oder  wie  Kanzler  Kohl
       "konstruktive Vorschläge"  - von  der Sowjetunion  forderte,  hat
       keinen Vorwand mehr, an der weiteren Aufrüstung festzuhalten.
       Unsere nationale Existenz erforderte es, die Stationierungsvorbe-
       reitungen für  die neuen  Raketen sofort  einzustellen und  damit
       wieder Vertrauen  zu schaffen  sowie Zeit zu gewinnen für erfolg-
       reiche Verhandlungen.  Die heuchlerische Null-Lösung des amerika-
       nischen Präsidenten,  die bisher Verhandlungserfolge in Genf ver-
       hinderte, muß aufgegeben werden.
       Alle Versuche,  diese Vorschläge  als Propaganda abzutun und neue
       Vorwände für  die weitere  Aufrüstung zu  finden, sind verantwor-
       tungslos, angesichts  der Tatsache,  daß sich  die Massenvernich-
       tungsmittel immer  mehr der  politischen Kontrolle entziehen. Ein
       gegenseitiger, umfassender  Gewaltverzicht würde die Gefahr eines
       Atomkrieges mindern und zur Wiederherstellung der Sicherheit bei-
       tragen.
       Die Befürworter der Aufrüstung geraten durch die Friedensbewegung
       mehr und  mehr in  Begründungszwang. Von der Bundesregierung for-
       dern Millionen von Bürgern, ihre Zustimmung zur Stationierung von
       Pershing-II-Raketen und Marschflugkörpern in Mitteleuropa zurück-
       zuziehen, weil  sie nicht zulassen wollen, daß die Bundesrepublik
       noch stärker als nukleare Abschußrampe ausgebaut wird.
       Schließt Euch den mehr als drei Millionen Unterzeichnern des Kre-
       felder Appells an! Der Brüsseler Beschluß kann verhindert werden,
       wenn sich  die Gegner  der Atomrüstung gemeinsam zur Wehr setzen.
       Die Verwirklichung der Krefelder Forderung macht den Weg frei für
       alle unterschiedlichen Visionen von einer Welt ohne Krieg.
       
       Nachbemerkung der Redaktion: Nach einer neuen Zwischenzählung vom
       27. Januar  1983 haben jetzt 3,7 Millionen den "Krefelder Appell"
       unterschrieben.
       

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