Quelle: Blätter 1983 Heft 03 (März)


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       Wie die USA den nuklearen Erstschlag vorbereiten
       
       1. HALTEN DIE USA DIE VERHÜTUNG EINES ATOMKRIEGS FÜR VORDRINGLICH
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       ODER BEREITEN SIE SICH DARAUF VOR, IHN ZU FÜHREN?
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       Die militärischen  Planer der  USA sind  überzeugt, daß es früher
       oder später  zum Krieg zwischen den USA und der UdSSR kommen wird
       - und dieser Krieg wird ein nuklearer sein.
       US-Admiral Gene La Roque, "Frankfurter Rundschau" v. 29.4.1981
       
       Wir müssen  bereit sein, wenn nötig heute in den Krieg zu ziehen,
       und wir  müssen uns gleichzeitig darauf vorbereiten, die Schlach-
       ten von morgen gegen den Gegner von morgen zu schlagen.
       US-Verteidigungsminister Weinberger vor dem Senate Armed Services
       Committee, "Wireless  Bulletin from Washington" (im folgenden als
       WB zitiert) v. 5.3.1981
       
       Ich habe  mir immer  weniger Sorgen  um das gemacht, was in einem
       Atomkrieg tatsächlich  passieren würde, als über den Einfluß, den
       das atomare  Gleichgewicht auf  unsere Bereitschaft,  in  lokalen
       Konflikten Risiken  einzugehn, ausübt. Meine Sorge ist nicht, daß
       die Sowjets  die Vereinigten  Staaten  mit  Atomwaffen  angreifen
       könnte, im  Vertrauen, daß  sie diesen Atomkrieg gewinnen würden.
       Meine Sorge  ist, daß ein amerikanischer Präsident das Gefühl ha-
       ben könnte, daß er in einer Krise nicht wagen kann zu handeln...
       Richard Perle, Staatssekretär für Internationale Sicherheitspoli-
       tik im  Pentagon,  im  Gespräch  mit  Robert  Scheer,  zit.  nach
       "Blätter", 12/1982. S. 1426
       
       Der Westen  muß Wege finden, die ihm erlauben, strategische Atom-
       waffen als Druckmittel einzusetzen, und gleichzeitig die potenti-
       ell lähmende Selbst-Abschreckung auf ein Minimum zu reduzieren.
       Colin S.  Gray und  Keith Payne,  Sieg ist  möglich, "Foreign Po-
       licy", Sommer  1980, deutsch in: "Blätter", 12/1980, S. 1502. Co-
       lin Gray gilt als der geistige Vater der neuen US-Atomkriegsstra-
       tegie, die  unter Reagan  im "Leitlinien-Dokument"  des  Pentagon
       (1982) als  amtliche Richtlinie der Militärplanung bis 1988 fest-
       geschrieben worden  ist. Heute  ist Gray  Berater Reagans und des
       Außenministeriums.
       
       Wir können  heute keine Politik mehr akzeptieren, die eine künst-
       liche Linie  zwischen der Diplomatie und der Fähigkeit zieht, mi-
       litärische Macht zur Geltung zu bringen.
       US-Außenminister Haig  in einer  Erklärung vor  dem  US-Senat  am
       30.7.1981, zit. nach Günter Neuberger, Der Plan Euroshima, Köln ²
       1982, S. 73
       
       Die Meinungsverschiedenheiten  zwischen der  Sowjetunion und  dem
       Westen sind-  in politischer,  wirtschaftlicher,  philosophischer
       und vor  allem auch  moralischer Hinsicht  - so tief und grundle-
       gend, daß  es zwangsläufig  zu Unstimmigkeiten  und Konfrontation
       kommen muß.
       W. Tapley Bennet, Ständiger Vertreter der USA im Nordatlantikrat,
       vor  der   Deutschen  Atlantischen  Gesellschaft  in  München  am
       23.2.1981,  "Amerika-Dienst"   (im  folgenden  zit.  als  AD)  v.
       4.3.1981
       
       Wir leben in einer Vorkriegs- und nicht in einer Nachkriegszeit.
       Eugene Rostow,  Leiter der US-Rüstungskontroll- und Abrüstungsbe-
       hörde, "Playboy", Dezember 1982
       
       Haig erklärte,  daß es  "wichtigere Dinge gibt, als im Frieden zu
       leben".
       "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) v. 12.1.1981
       
       Tatsache ist,  daß, wenn wir unsere sämtlichen Atomwaffen einset-
       zen würden  und die  Russen ihre  sämtlichen Atomwaffen einsetzen
       würden, ungefähr  10 Prozent der Menschheit getötet werden würde.
       Nun, das  wäre eine  Katastrophe, die das menschliche Verständnis
       überschreitet. Es  ist eine  Katastrophe, die  sich moralisch auf
       keine Weise  rechtfertigen läßt. Aber wenn man sie beschreibt und
       analysiert, ist festzustellen: sie ist nicht das Ende der Mensch-
       heit. Sie ist nicht die Zerstörung der Menschheit.
       Zbigniew Brzezinski,  Sicherheitsberater von  US-Präsident  Jimmy
       Carter, "Washington Post" v. 19.9.1977
       
       Ich betrachte  nukleare Überlegenheit  nicht als etwas, was poli-
       tisch sinnlos ist.
       Zbigniew Brzezinski, a.a.O.
       
       Es ist  unwahrscheinlich, daß ein Atomkrieg ein in sich sinnloses
       und fatales Ereignis darstellt.
       Colin S. Gray und Keith Payne, a.a.O., S. 1509
       
       Das "Leitlinien-Dokument" stimmt mit den Waffen überein, die, wie
       es scheint, angeschafft werden. Wir versuchen, hunderte neuer Ge-
       fechtsfeldwaffen, Cruise Missiles, neue Unterseeboot-Systeme, die
       MX-Rakete zu  beschaffen. Sie alle passen zu der Vorstellung, daß
       wir bereit  sind, einen Atomkrieg zu führen, und zwar einen zeit-
       lich ausgedehnten Atomkrieg.
       US-Admiral a.D. Eugene Carroll. Interview in: "Blätter", 11/1982,
       S. 1299
       
       Wir bereiten  uns darauf  vor, einen  Atomkrieg  zu  führen.  Wir
       rechtfertigen diese  Vorbereitung mit  der  Behauptung,  daß  wir
       einen Atomkrieg  abschrecken können,  wenn wir darauf vorbereitet
       sind, ihn zu führen. Ich ziehe aber die Schlußfolgerung: wenn wir
       uns auf  den Krieg vorbereiten, wenn wir diese neue Atomwaffensy-
       steme entwickeln,  produzieren, stationieren  und ihre  Anwendung
       üben, dann werden sie früher oder später infolge einer Fehlkalku-
       lation eingesetzt werden, und diese Gefahr wird durch die Politik
       der Konfrontation  und der  Herausforderung verschärft.  Wenn man
       die Worte von Mr. Weinberger in seinem Leitlinien-Dokument liest,
       daß wir nämlich neue Gebiete militärischer Konkurrenz mit der So-
       wjetunion eröffnen  wollen, daß  wir ihnen  die Nutzung des Welt-
       raums unmöglich  machen wollen, daß wir im Weltraum die militäri-
       sche Überlegenheit  erreichen wollen,  dann beginnt man zu erken-
       nen, daß die Möglichkeit von Fehlkalkulationen sich in alle Rich-
       tungen ausdehnt...
       US-Admiral a.D. Eugene Carroll, a.a.O., S. 1301 f.
       
       Diese treuen Anhänger atomarer Kriegsführung, zu denen der Präsi-
       dent der  Vereinigten Staaten und die meisten seiner Spitzenbera-
       ter gehören,  erzählen einer  dem anderen,  was sie  gerne  hören
       möchten: daß  ein nukleares  Katz-und-Maus-Spiel  gegen  die  So-
       wjetunion nicht  so gefährlich  ist, wie es scheinen könnte, denn
       selbst im  schlimmsten Falle  - selbst wenn die Sowjets nicht zu-
       rückweichen, selbst  wenn sie  sich unserem nuklearen Druck nicht
       unterwerfen -  wird der daraus entstehende Krieg nicht so schlimm
       sein; man  kann ihn  begrenzen und  die Zivilisation  wird früher
       oder später wieder aufblühen.
       Robert Scheer,  With Enough  Shovels, Reagan, Bush & Nuclear War,
       New York 1982, hier zit. nach den ins Deutsche übersetzten Auszü-
       gen in: "Blätter", 12/1982, S. 1423-1437, hier S. 1436
       
       Charakteristisch  für   die  allgemeine   Haltung  der  Regierung
       (Reagan, d.  Red.) gegenüber  dem Atomkrieg  ist die Art, wie sie
       auf den  Jahrestag der  Bombardierung von Hiroshima reagiert hat.
       Auf einer Pressekonferenz am 5. August auf dem Atomtestgelände in
       der Wüste  von Nevada  erklärte Energieminister  James B. Edwards
       Pressereportern, daß  Präsident Truman "die richtige Entscheidung
       traf", als er damals grünes Licht für die Atombombe auf Hiroshima
       gab.
       Christopher Paine,  Nuclear combat:  the five-year  defense plan,
       in: "The Bulletin of the Atomic Scientists", November 1982, S. 5-
       12, hier S. 12
       
       Aus der  Verschärfung der amerikanischen Rhetorik in der jüngsten
       Zeit kann  man zweierlei  Schlußfolgerungen ziehen.  Entweder die
       Reagan-Administration glaubt,  daß ein Atomkrieg eine Katastrophe
       ist, hat  sich aber dennoch dafür entschieden, ein atomares Katz-
       und-Maus-Spiel mit den Sowjets zu treiben, mit der Absicht, deren
       politisches System  zu ändern  und deren Machtbereich in Frage zu
       stellen. Oder  die Vereinigten Staaten haben wirklich die Ansicht
       aufgegeben, daß  ein  Atomkrieg  unausweichlich  zur  Katastrophe
       führt, und  glauben jetzt,  daß Atomwaffen  als taugliche Instru-
       mente der  Politik gezündet werden können. Die Implikationen bei-
       der Einstellungen sind bestürzend.
       Robert Scheer, With Enough Shovels, a.a.O., S. 1427
       
       In der  UdSSR gibt  es keinerlei Illusionen über die Rationalität
       eines Atomkrieges.  Entgegen periodischen  Bekundungen von  Nato-
       Sprechern gibt  es keine  Pläne in  der UdSSR zur Sicherung eines
       Überlebens nach  einem atomaren  Konflikt. In  den neuen Moskauer
       Wohnbezirken gibt es keine Schutzunterkünfte...
       In der  UdSSR gibt es kein seriöses offizielles Statement, wonach
       ein solcher  Krieg zu gewinnen wäre. Der sowjetischen Bevölkerung
       wird gesagt,  daß der  globale Atomkrieg ein Wahnsinn ist und daß
       ihn keiner überleben kann...
       Roy A.  Medwedew, sowjetischer  Historiker und  Dissident, in der
       amerikanischen Zeitschrift  "The Nation",  Januar 1982,  zit.  n.
       Wilhelm Bittorf,  Raketen töten  nicht - Menschen töten, Teil II,
       in: "Der Spiegel", 9/1983, S. 156-176, hier S. 171
       

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