Quelle: Blätter 1983 Heft 03 (März)


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       Wie die USA den nuklearen Erstschlag vorbereiten
       
       2. GLAUBEN DIE USA, EINEN ATOMKRIEG ÜBERLEBEN ZU KÖNNEN?
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       (WIE STELLEN SIE SICH DIE WELT DANACH VOR?)
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       Senator Pell:  "Für den  Fall eines vollen nuklearen Schlagabtau-
       sches zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten - kön-
       nen Sie sich vorstellen, daß eines der beiden Länder in irgendei-
       nem substantiellen Ausmaß überleben kann?"
       Rostow: "Nun,  ich denke, das Risiko besteht nicht so sehr in ei-
       nem nuklearen Schlagabtausch als in dem politischen Zwang, der in
       der Aussicht auf einen nuklearen Schlagabtausch beruht, etwa nach
       der Art,  wie die Kuba-Raketenkrise ablief. Soweit es das Überle-
       bensrisiko betrifft,  muß die Antwort auf Ihre Frage wohl lauten:
       Es hängt  davon ab, wie extensiv der nukleare Schlagabtausch ist.
       Japan überlebte  schließlich nicht  nur, sondern  blühte nach dem
       nuklearen Angriff  auf, so  sehr wir diesen Angriff auch bedauern
       mögen und  tatsächlich bedauern.  Nichtsdestotrotz, es geschah im
       Verlauf des  Krieges, und  Japan überlebte.  Das Problem ist, wie
       extensiv der Schlagabtausch ist."
       Senator Pell:  "Meine  Frage  ist,  bei  einem  vollen  nuklearen
       Schlagabtausch, würde ein Land überleben?"
       Rostow: "Die menschliche Rasse ist sehr elastisch, Senator Pell."
       Senator Pell:  "Oh, in der Tat. Aber ich fragte Sie, ob eines der
       beiden Länder überleben würde."
       Rostow: "Nun, es gibt abscheuliche statistische Berechnungen dar-
       über, wie viele Menschen bei einem nuklearen Schlagabtausch ster-
       ben würden.  Bei bestimmten  Annahmen sprechen einige Schätzungen
       davon, daß  es 10 Millionen Opfer auf einer und 100 Millionen auf
       der anderen Seite geben wird. Aber das ist ja nicht die ganze Be-
       völkerung."
       Robert Scheer,  Und brennend stürzen Vogel vom Himmel. Reagan und
       der "begrenzte" Atomkrieg, München 1983, S. 157 f.
       
       "Spiegel": "Nun  bedrohen aber  vor allem  die Atomwaffen die Zu-
       kunft der Menschheit."
       Rostow: "Gewiß tun  sie das.  Aber schließlich hat die Menschheit
       auch in beiden Weltkriegen schwer gelitten."
       Eugene Rostow in einem Interview mit dem "Spiegel", 30/1981
       
       Es war schon ziemlich spät an einem Abend im Herbst 1981 als Tho-
       mas K.  Jones, der  Mann, den Ronald Reagan zum Stellvertretenden
       Staatssekretär im Verteidigungsministerium für Forschung und Pio-
       nierwesen, strategische  und taktische  Atomstreitkräfte  ernannt
       hatte, mir  erzählte, die Vereinigten Staaten könnten sich inner-
       halb von nur zwei bis vier Jahren von einem umfassenden Atomkrieg
       mit der  Sowjetunion vollständig  erholen. T.K.,  wie er  genannt
       werden möchte, fügte hinzu, ein Atomkrieg sei bei weitem nicht so
       verheerend, wie  man uns  bisher glauben  gemacht habe. Er sagte:
       "wenn es  genügend Schaufeln  für alle gibt, wird jeder es schaf-
       fen." Mit  den Schaufeln sollen Löcher in den Boden gegraben wer-
       den, die  auf irgendeine  Weise mit ein paar Türen abgedeckt wer-
       den, auf  die man  dann 90  cm Erde wirft. Auf diese Weise würden
       die Millionen,  die aus Amerikas Städten aufs Land evakuiert wor-
       den wären, mit angemessenen Fallout-Bunkern versorgt. "Es ist die
       Erde, auf die's ankommt", sagte er.
       Das wahrhaft  erstaunliche an  meiner Unterhaltung  mit T.K.  ist
       nicht einfach  die Tatsache,  daß ein  hochrangiger Vertreter der
       Reagan-Administration derart schrecklich unschuldige Auffassungen
       über die  Auswirkungen eines Atomkrieges hat. Noch furchterregen-
       der ist, daß T.K. Jones' Ansichten nur allzu typisch für das Gros
       der Reagan-Administration  sind, wie  ich in Hunderten von Inter-
       viewstunden mit  den Männern,  die uns  jetzt regieren,  entdeckt
       habe. Der  einzige Unterschied  ist, daß T.K. offener war als an-
       dere...
       Robert Scheer, With Enough Shovels. a.a.O., S. 1428 f.
       
       Über den "Nuk-Krieg", wie ihn Louis O. Giuffrida, Leiter der ame-
       rikanischen  Bundesnotstandsbehörde,  nennt,  wird  seit  Reagans
       Amtsantritt nicht nur wie von einem Krieg geredet, den man gewin-
       nen könne,  sondern so, als ob sich dieser Krieg auch mit der Be-
       wahrung der  Zivilisation vertragen würde. "Es wäre eine schreck-
       liche Geschichte,  aber man  könnte sie  in den  Griff bekommen",
       sagte Giuffrida  in einer  Nachrichtensendung der  Fernsehgesell-
       schaft ABC. Oder wie sich William Chipman, Giuffridas Mitarbeiter
       im Zivilschutzbereich, ausdrückte, als ich ihn fragte, ob die De-
       mokratie und andere amerikanische Institutionen einen totalen Nu-
       klearkrieg gegen  die Sowjetunion überleben könnten: "Im Zweifel,
       ja. Wie  ich zu  sagen pflege: Die Ameisen bauen sich schließlich
       einen neuen Ameisenhaufen."
       Robert Scheer,  Und brennend stürzen Vögel vom Himmel, a.a.O., S.
       7 f.
       
       Die Überlebenden würden die Toten beneiden. Absurde Pläne für ein
       Leben nach dem Atomkrieg / Neue Überlegungen in Washington
       Überschrift über  einem Bericht  des Washingtoner Korrespondenten
       der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Jan Reiffenberg, u.a. über
       die Postzustellung  während und  nach einem Atomkrieg in den USA,
       FAZ v. 18.8.1982
       
       Die Überlebenden würden ihre Briefe bekommen. Amerikanische Über-
       legungen und Vorkehrungen für das Leben nach einem Atomkrieg
       Geänderte Überschrift  des besagten  Korrespondentenberichtes von
       Jan Reiffenberg  aus Washington in einer späteren Teilauflage der
       FAZ vom gleichen Tage (18.8.1982)
       
       Im Herbst 1981 sagte mir Charles Kupperman, den Reagan in die US-
       Abrüstungsbehörde geholt  hatte, in  einem Telefoninterview:  "Es
       ist für  jede Gesellschaft möglich, einen Nuklearkrieg zu überle-
       ben." Er fügte hinzu: "Ein Atomkrieg ist zwar zerstörerisch, aber
       großenteils immer noch ein physikalisches Problem."
       Robert Scheer,  Und brennend stürzen Vögel vom Himmel, a.a.O., S.
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       Die Vorstellung, daß man Atomkriege führen, begrenzen und überle-
       ben kann,  hat in  den letzten 10 Jahren wachsende Zustimmung ge-
       funden. Eine  immer präzisere  Raketentechnologie und verfeinerte
       Kommunikationsmittel haben in manchen Kreisen zu der festen Über-
       zeugung geführt,  ein Atomkrieg  müsse nicht  unbedingt bedeuten,
       daß alles  mit einem  Schlage aus  sei und  es außer radioaktivem
       Schutt kaum etwas dabei zu gewinnen gebe.
       "Los Angeles Times" v. 15.8.1982
       

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