Quelle: Blätter 1983 Heft 03 (März)


       zurück

       
       SAGE NIEMAND, ER HABE ES NICHT WISSEN KÖNNEN
       ============================================
       
       Auf welche Weise und wozu die USA den nuklearen Erstschlag
       ----------------------------------------------------------
       vorbereiten, welche Rolle die "Nachrüstung" in Wirklichkeit
       -----------------------------------------------------------
       spielt und warum die Deutschen die Hauptbetroffenen sind
       --------------------------------------------------------
       
       Aus Regierungsdokumenten,  Aussagen von Strategieplanern, Politi-
       kern, Militärs und Presseveröffentlichungen
       
       Werden die Deutschen die Stationierung amerikanischer Erstschlag-
       Raketen in  der Bundesrepublik  zulassen? Bundeskanzler  Kohl hat
       seine Freunde  in Washington optimistisch gestimmt. Er möchte die
       Bundestagswahl vom  6. März  als Zustimmung der Bevölkerungsmehr-
       heit zur  "Nachrüstung" auslegen, als Legitimation dafür, ab Ende
       dieses Jahres  mit der  Aufstellung der  Pershing-II-Raketen  und
       Marschflugkörper auf deutschem Boden zu beginnen.
       Von einer  solchen Legitimation  kann jedoch keine Rede sein. Die
       Wähler hatten  nicht die  Möglichkeit, mit  der Wahl einer Regie-
       rungsmehrheit zugleich  Ja oder  Nein zur "Nachrüstung" zu sagen.
       Von den  Parteien des  10. Deutschen  Bundestages lehnen  nur die
       Grünen die  Raketenstationierung ohne  Wenn und  Aber ab. Auf der
       anderen Seite  haben es  CDU und  FDP bei  aller Beschwörung  des
       NATO-"Doppelbeschlusses" nicht,  wie  ursprünglich  beabsichtigt,
       gewagt, ihrerseits offen für ein Ja ohne Wenn und Aber zu werben.
       Wäre dies  tatsächlich ein "Raketenwahlkampf" gewesen, hätte also
       neben den  Grünen auch  die SPD  sich endlich dazu durchgerungen,
       ein eindeutiges  Nein zur  "Nachrüstung" zur  Wahl zu stellen und
       der deutschen  Öffentlichkeit reinen  Wein über  die eigentlichen
       Gründe und  Hintergründe der  Raketenstationierung einzuschenken,
       dann säße  heute wohl  eine andere  Mehrheit im Bundestag. Es be-
       steht keine  Veranlassung, an  der Stichhaltigkeit  der - von der
       Regierung Kohl  nicht ohne Grund unter Verschluß gehaltenen - Si-
       nus-Studie zu  zweifeln, mit  der ermittelt wurde, daß eine große
       Mehrheit, deutlich  auch unter  den CDU-CSU-Anhängern,  gegen die
       Stationierung neuer Raketen ist.
       Die "Volksabstimmung", die dafür sorgt, in welcher konkreten Form
       auch immer,  daß diese  Mehrheit politisch  Wirkung zeigt und die
       Bonner Raketenpolitik  korrigiert, steht also immer noch aus. Nun
       bleiben nur  noch wenige Monate bis zu dem von der NATO beschlos-
       senen Stationierungsbeginn.  Allerdings geht  die drohende Gefahr
       Vielen erst  unter die  Haut, wenn keine Wahl- oder Verhandlungs-
       hoffnungen mehr  von dem ablenken, was man da ab Ende dieses Jah-
       res mit  unserem Land machen will. Daß im "Stationierungsjahr" an
       der Raketenfrage  vorbei gewählt  werden  konnte,  bedeutet  zwar
       keine Legitimation  für Kohl und Reagan, mit der Stationierung zu
       beginnen - es demonstriert aber mit tief beunruhigender Deutlich-
       keit, daß das Thema von der Mehrheit der Bevölkerung, auch in der
       Friedensbewegung, noch immer nicht in seiner vollen Tragweite er-
       faßt ist,  oder wenn,  dann nur "im Kopf", noch nicht "im Bauch".
       Zwar sind  viele, offenbar die Mehrheit, gegen neue Raketen. Aber
       da nur  ganz Wenigen  bisher der infame Plan, der hinter der Sta-
       tionierung steht,  bekannt, geschweige  denn in  seinen tödlichen
       Konsequenzen bewußt  ist -  der "Plan  Euroshima" -,  fehlt jener
       Mehrheit bisher  die Durchsetzungskraft,  die nur  aus dem klaren
       Bewußtsein (und Gefühl!) einer eigenen, existenziellen Betroffen-
       heit erwachsen  kann, also  aus der  Mobilisierung des Willens zu
       überleben. Denn genau darum geht es für alle Bewohner dieses Lan-
       des jetzt,  um die  eigene Haut, ums nackte Überleben. Der Wider-
       stand gegen  die Raketenstationierung  wird erst dann - dann aber
       mit Sicherheit  - für  die Regierungen in Bonn und Washington un-
       überwindlich werden,  wenn Millionen  wirklich hautnah  erfahren,
       und begreifen, was man mit den Deutschen vorhat!
       Worin besteht  der "Plan  Euroshima"?  Seit  der  Enthüllung  des
       "Leitlinien-Dokuments" im vergangenen Jahr liegt die Wahrheit of-
       fen zutage (ist aber für die Öffentlichkeit bisher verborgen oder
       tabu  geblieben).   Die  Quintessenz:   Das  Pentagon  plant  die
       "Enthauptung" der  Sowjetunion, durch einen atomaren "Erstschlag"
       auf ihre  Entscheidungszentren, auf  Moskau. Auf diese Weise will
       man einen  Atomkrieg begrenzen  und gewinnen  können. Und das ist
       die  eigentliche,   für  das  Stationierungsland  mit  Sicherheit
       selbstmörderische, Funktion speziell der Pershing-II-Raketen. Sie
       sind die für den "Erstschlag" konstruierten Präzisionswaffen. (Es
       gibt keine  vergleichbar gefährliche Waffe in der Welt, schon gar
       nicht die  SS-20). Und alle 108 Pershing II kommen ausschließlich
       in ein  Land - unseres! Die Deutschen werden also Komplizen, Gei-
       seln und  erste Opfer  des Atomkriegs, wenn sie die Stationierung
       wirklich zulassen.  Das heißt: es geht um Krieg, um die Vorberei-
       tung eines historisch beispiellosen Kriegsverbrechens, eines ato-
       maren Holocaust  - nicht  etwa um Gleichgewicht, SS-20, "Null-Lö-
       sung", Rüstungspoker,  Verhandlungstricks. Die Beweislast ist er-
       drückend. Aber  wie viele  Bundesbürger kennen  sie? Die Wahrheit
       muß in den nächsten Wochen und Monaten, in der noch verbleibenden
       Zeit, in jeden, wirklich jeden Haushalt.
       Die nachstehenden  Materialien und  Analysen sollen einen Beitrag
       dazu leisten,  daß nicht länger am "Plan Euroshima", an der Wahr-
       heit über die "Nachrüstung" vorbeidiskutiert werden kann. Von der
       nachstehenden Dokumentation  können Sonderdrucke  und  ggf.  auch
       Plakate (zum "Plan Euroshima") bestellt werden. Anfragen bitte an
       die Redaktion der "Blätter". D. Red.
       

       zurück