Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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       KLASSENAUTONOMIE UND EINHEITSGEWERKSCHAFT -
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       ZUR GEWERKSCHAFTLICHEN KLASSENPOLITIK HEUTE
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       Gert Hautsch / Klaus Pickshaus
       
       
       I. Zum  Inhalt von  Klassenautonomie heute  - II. Zur Problematik
       politischer Einflüsse  auf die Entwicklung gewerkschaftlicher Au-
       tonomie und  Einheit - III. Zur Spezifik gewerkschaftlicher Poli-
       tikbestimmung und  der Problematik  politisch-ideologischer Strö-
       mungen - IV. "Pluralismus" und Vereinheitlichung.
       
       In den  letzten Jahren  haben Diskussionen  über die Funktion der
       Gewerkschaften und die Erweiterung ihrer Kampffelder und -inhalte
       zugenommen. Ein  zentrales Problem  ist dabei  die Bestimmung von
       Inhalt und  Reichweite gewerkschaftlicher Autonomie. Die Entwick-
       lung einer  kämpferischen,  klassenorientierten  Politik  stellte
       sich in der zurückliegenden Zeit keineswegs als ein linearer Pro-
       zeß dar: Rückschläge, Brüche und innergewerkschaftliche Konflikte
       werfen die  Frage nach den Durchsetzungsbedingungen autonomer Po-
       litik unter den Bedingungen einer Einheitsgewerkschaft auf. Dabei
       ist der  Stellenwert politischer Faktoren, insbesondere die Wech-
       selwirkung  zwischen   politischen  Parteien  und  Gewerkschaften
       ebenso zu  untersuchen wie  die innergewerkschaftliche politische
       Differenzierung.
       Interessierte antikommunistische  Kreise versuchen in den letzten
       Jahren, marxistische  Beiträge in  der Diskussion und Erarbeitung
       gewerkschaftlicher Autonomie  als Taktik  der "Unterwanderung" zu
       diffamieren, bzw.  der Einheitsgewerkschaft  von vornherein  eine
       sozialpartnerschaftliche Basis  zu unterschieben. 1) Ebenso wich-
       tig wie  die Zurückweisung derartiger Angriffe ist die Weiterent-
       wicklung der  eigenen theoretischen  Analyse der  Perspektive des
       gesellschaftlichen Prozesses im staatsmonopolistischen Kapitalis-
       mus (SMK)  im Hinblick  auf den Stellenwert der verschiedenen ge-
       sellschaftlich-politischen Kräfte und Organisationen.
       Wenn in  den ökonomisch-politischen  Analysen auf  Basis der SMK-
       Theorie festgestellt  wird, daß sich das Aufgabenfeld der Gewerk-
       schaften objektiv  in den gesamten politischen Bereich hinein er-
       weitert hat,  dann stellen  sich verschiedene theoretische Fragen
       in neuer  Weise. Das  gilt allgemein  für das Verhältnis zwischen
       politischem und ökonomischem Kampf, für die strukturellen Grenzen
       gewerkschaftlicher Klassenpolitik  auch unter diesen Bedingungen,
       für die  Abgrenzung der  marxistischen Konzeption von reformisti-
       schen und  syndikalistischen Vorstellungen,  für die  Beziehungen
       von gewerkschaftlichen  Organisationen zu politischen Parteien in
       der Arbeiterbewegung-und andere Fragen.
       In den vergangenen 25 Jahren haben marxistische Kräfte in der Ge-
       werkschaftsbewegung eine  politische Praxis entwickelt, die zeit-
       weilige sektiererische  Fehler in  der Geschichte der kommunisti-
       schen Bewegung  überwunden hat  und auf eine konstruktive Politik
       zur Stärkung der Einheitsgewerkschaft gerichtet ist. 2) Demgegen-
       über weist  die theoretische  Verarbeitung neuer Probleme der Ge-
       werkschaftsbewegung ausgehend  von der  Konzeption des  SMK  noch
       Lücken auf.  Dies trifft zum Teil auch auf die Einordnung der ak-
       tuellen klassenpolitischen  Strömung in  die Tradition  marxisti-
       scher Gewerkschaftstheorie und -politik zu.
       Frank Deppes Studie "Autonomie und Integration" hat der theoreti-
       schen Diskussion darüber wichtige Anstöße gegeben. 3) Einige Fra-
       gestellungen, die sich zum Teil auf diese Studie beziehen, sollen
       hier aufgegriffen werden.
       
       I. Zum Inhalt von Klassenautonomie heute
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       Der Begriff  Autonomie wird  schon seit  längerem in  der gewerk-
       schaftstheoretischen Diskussion  unter Marxisten  verwendet.  Mit
       ihm soll  ganz allgemein  die Orientierung einer progressiven Ge-
       werkschaftspolitik umschrieben  werden.  Sein  Inhalt  kann  sich
       nicht darauf beschränken, die Unabhängigkeit von Parteien und Or-
       ganisationen zu  betonen; er muß einer eigenen gewerkschaftspoli-
       tischen Funktionsbestimmung  entsprechen. Die inhaltliche Fassung
       des Autonomiebegriffs  ist nur im Rahmen einer ökonomisch-politi-
       schen Analyse  möglich. Dabei  scheint es  sinnvoll, nicht allein
       vom Standpunkt  der Gewerkschaften  selbst auszugehen. Diese sind
       Teil der  Arbeiterbewegung; ihre  Möglichkeiten und Grenzen unter
       heutigen Bedingungen  können nur in diesem Zusammenhang erforscht
       werden. Das gilt vor allem in bezug auf die politischen Organisa-
       tionen der Arbeiterbewegung.
       Klassenautonomie wäre  auch in der Gewerkschaftsanalyse im Zusam-
       menhang mit  der allgemeinen  Bestimmung der Autonomie der Arbei-
       terklasse zu  definieren. Sie bedeutet, ganz abstrakt formuliert,
       auf allen Ebenen und in allen Bereichen des Kampfes von den eige-
       nen Klasseninteressen  auszugehen. Nur so - in voller Unabhängig-
       keit vom  Kapital -  können auch die Gewerkschaften ihrer Aufgabe
       voll gerecht werden.
       Die Analysen  zur Rolle der Gewerkschaften, die auf Grundlage der
       Theorie des  SMK erarbeitet worden sind, stützen sich auf die er-
       forschten neuen  Strukturen im  Verhältnis von Politik und Ökono-
       mie. Es wird von einer objektiven Tendenz zur Annäherung des öko-
       nomischen und  politischen Bereichs der Gesellschaft als Ergebnis
       der Vergesellschaftungstendenz  ausgegangen.  Daraus  folgt,  daß
       eine Trennung zwischen ökonomischem und politischem Kampf der Ar-
       beiterbewegung schwerer möglich wird. Schon in früheren Analysen,
       so in  dem Werk "Der Imperialismus der BRD" (1971) wurde z.B. die
       gewachsene politische Komponente von ökonomischen Forderungen so-
       wie die  Erweiterung des  gewerkschaftlichen  Aufgabenfelds  (der
       Lohn reicht zur Sicherung der Reproduktion der Arbeitskraft nicht
       aus) abgeleitet.  4) Mit diesen Analysen konnte jedoch noch nicht
       die Frage  beantwortet werden,  wie sich die objektive Politisie-
       rungstendenz subjektiv  durchsetzen kann. Es war ja nicht so, daß
       die Arbeitskämpfe der letzten Jahre von der Masse der Beteiligten
       bewußt als politische Auseinandersetzungen geführt worden wären -
       auch wenn  diese Kämpfe  objektiv erhebliche politische Bedeutung
       hatten. Was  die marxistische  Gewerkschaftsanalyse leisten  muß,
       ist die  Beantwortung der  Frage: Unter  welchen Bedingungen kann
       Klassenautonomie im  SMK zur  vorherrschenden Praxis  der Gewerk-
       schaften werden?
       Die Bedeutung von Frank Deppes Arbeit 5) besteht vor allem darin,
       daß er  eine neue  Forschungsrichtung der  marxistischen  Gewerk-
       schaftsanalyse ausformuliert  hat. Für  ihn ist entscheidend, von
       welchem Klassenstandpunkt  aus auf  die im  SMK objektiv wirkende
       Vergesellschaftungstendenz reagiert  wird. Eine  Darstellung  von
       Deppes Analyse  kann hier  unterbleiben 6),  sie  soll  in  ihren
       Grundaussagen unterstrichen werden: Integrationismus als Aufgrei-
       fen der  kapitalistischen Entwicklungslogik, Autonomie als Ausge-
       hen von  der Logik  der Arbeiterklasse, die Bestimmung dieser Be-
       griffe als  zwei Pole, zwischen denen sich die Gewerkschaftspoli-
       tik im SMK bewegt.
       Wichtig ist  in diesem  Zusammenhang die Differenzierung zwischen
       ökonomischem und  politischem Kampf  der Arbeiterbewegung, die im
       SMK  wegen   der  zahlreichen  Überschneidungen  beider  Bereiche
       schwieriger als  früher wird.  Reproduktionsinteressen der Arbei-
       terklasse reichen  heute oft  weit in den politischen Bereich, d.
       h. sie  haben den Staat zum Adressaten und Kontrahenten. Deswegen
       allein verlieren diesbezügliche Forderungen aber noch nicht ihren
       ökonomischen Charakter. 7) Hier reicht die "klassische" Klassifi-
       zierung, wonach  ökonomische Forderungen  auf Vereinbarungen zwi-
       schen Arbeitern  und Kapitalisten  zielen, politische Forderungen
       auf den  Erlaß oder  die Durchführung von Gesetzen 8), nicht aus.
       Das Problem sollte nicht auf der Ebene formaler Abgrenzungskrite-
       rien diskutiert  werden, sondern unter Berücksichtigung der poli-
       tischen Dynamik  dieser oder  jener Bewegung.  Vielleicht  sollte
       dann von politischen Auseinandersetzungen gesprochen werden, wenn
       Forderungen nicht nur von außen an den Staat herangetragen werden
       ("Die Regierung  darf aus ihrer Verantwortung ... nicht entlassen
       werden"), sondern  wenn ein Eingriff in den politischen Entschei-
       dungsprozeß beabsichtigt  ist und  mit  gewerkschaftlicher  Macht
       verwirklicht werden  soll. Letzteres würde z.B. bedeuten, daß die
       Gewerkschaften eigenständige,  an  den  Klasseninteressen  orien-
       tierte politische Konzeptionen entwickeln und ihre Kraft zu deren
       Durchsetzung auch gegenüber dem Staat einsetzen.
       Autonomie läßt  sich aber nicht nur an der Haltung zu politischen
       Forderungen bestimmen;  sie beinhaltet die Unabhängigkeit vom Ka-
       pital in  allen Bereichen. Hier können Brüche auftreten. Für eine
       Reihe von  Gewerkschaftern ist  z.B. die  Rücksichtnahme auf  die
       SPD-geführte Bundesregierung  eine Barriere für die Politisierung
       von Interessen,  damit eine  Begrenzung der  Autonomie. In Berei-
       chen, wo  dies keine  so große Rolle spielt, wird aber u. U. eine
       weitgehende Konsequenz in der Analyse dessen, was die Arbeiterin-
       teressen erfordern,  erreicht. Eine  diesbezügliche  Einschätzung
       der Situation  in der  Bundesrepublik legt  es nahe,  von  unter-
       schiedlichen möglichen  Stufen von  Autonomie in einer bestimmten
       historischen Situation  zu sprechen. Sie sind daran festzumachen,
       wie weit  die  Verallgemeinerung  von  Klasseninteressen  jeweils
       geht. Das  soll heißen, daß auch bei insgesamt beschränkter Auto-
       nomie Gewerkschaften  in Teilbereichen des Klassenkampfes die In-
       teressen der  Lohnabhängigen konsequent anmelden und zum Kampfge-
       genstand machen können. Für die hier möglichen Entwicklungsstufen
       wäre Deppes Formulierung des Autonomiebegriffs zu präzisieren.
       Kennzeichen von Autonomie ist dabei nicht das Maß an Konkretisie-
       rung der  Reproduktionsinteressen, sondern die Forderung nach Lö-
       sungen, die  die gesellschaftlichen Interessen der Arbeiterklasse
       zum Bezugspunkt  haben. 9)  Z.B. gehen  die mit  dem Arbeitskampf
       1978 in  der Druckindustrie  durchgesetzten Besetzungsregelungen,
       Besitzstandssicherungen und  Arbeitsinhaltsabgrenzungen erheblich
       über den  Rahmen bisheriger  Rationalisierungsschutzabkommen hin-
       aus. Sie zeigen - wenn auch mit Abstrichen ", daß auch auf insge-
       samt beschränktem  Niveau von  Autonomie in  einzelnen  Bereichen
       ernsthaftere Modifizierungen  der Wirkungsweise  kapitalistischer
       Gesetzmäßigkeiten durchsetzbar  sind. An diesem Punkt berührt die
       Gewerkschaftstheorie zentrale  Fragestellungen der  marxistischen
       gesellschaftspolitischen Strategie:  In erster Linie das Verhält-
       nis von  Reform und  Revolution. Der Kampf um Reformen hat im SMK
       einen höheren  Stellenwert als  im vormonopolistischen Kapitalis-
       mus. Dies  ist Resultat  der inneren  Logik kapitalistischer Ent-
       wicklung. Nach  Ansicht einer  Reihe  von  marxistischen  Wissen-
       schaftlern können  wegen des  hohen  Vergesellschaftungsgrads  im
       heutigen SMK  unter bestimmten Umständen einzelne Reformforderun-
       gen so  weit getrieben werden, daß sie im Fall ihrer Durchsetzung
       das kapitalistische  System untergraben. Mit Untergraben wird da-
       bei nicht eine aktuelle Infragestellung des Kapitalismus gemeint,
       sondern Strukturveränderungen, die im Fall einer Linksentwicklung
       im staatlichen  Bereich  antikapitalistische  Dynamik  entwickeln
       können. Diese  Problematik wird unter Marxisten allerdings selbst
       noch mit unterschiedlichen Positionen diskutiert. 10)
       Im Rahmen  einer derartigen  Analyse wäre  die Rolle  der Gewerk-
       schaften im Prozeß revolutionärer Veränderungen zu bestimmen. Da-
       bei scheint uns Deppes Formulierung des Inhalts von Autonomie un-
       ter einigen  Aspekten diskussionswürdig:  "Als bloße  'Schutz-und
       Abwehrkoalitionen'... sind Gewerkschaften notwendig, aber keines-
       wegs autonom. (...) Die autonome Kraft der gewerkschaftlichen In-
       teressenvertretung beginnt vielmehr in dem Maße praktisch zu wer-
       den, wie  die innere  Gesetzmäßigkeit, die Logik der Selbsterhal-
       tung und  Fortentwicklung des  kapitalistischen  Systems  modifi-
       ziert, durchbrochen  bzw. außer  Kraft gesetzt  wird." 11) Einer-
       seits wäre zu fragen, ob die Trennung zwischen defensiver und au-
       tonomer Gewerkschaftspolitik  auf dieser  Ebene überhaupt hinrei-
       chend möglich  ist. Bedeutet nicht auch die Setzung von Schranken
       für die kapitalistische Willkür (z.B. Arbeitszeitverkürzungen) in
       der historischen  Verlängerung einen  Eingriff in kapitalistische
       Prinzipien? Andererseits können die Gesetze des Kapitals wohl al-
       lenfalls in  politisch-ökonomischen Umbruchsperioden "außer Kraft
       gesetzt" werden;  selbst dann ist das fraglich und gilt auf jeden
       Fall nur,  solange die antikapitalistische Bewegung in der Offen-
       sive ist. Nach einer eventuellen Stabilisierung der alten Produk-
       tionsverhältnisse würden  durchgesetzte Planungs-  und Eingriffs-
       möglichkeiten zu  staatsmonopolistischen Mechanismen  umgewandelt
       werden. Dem  Kapital können  heute auf  höherer Ebene  als in der
       Vergangenheit Beschränkungen im Interesse der Arbeiterklasse auf-
       erlegt werden.  Das verändert  die Wirkungsweise kapitalistischer
       Gesetze, beeinflußt  u.U. Strukturveränderungen des Kapitalismus,
       bleibt aber im Rahmen des kapitalistischen Systems. So verstanden
       wäre der Begriff alternativer bzw. antagonistischer Entwicklungs-
       logiken brauchbar. 12)
       Die "Logik  der Produktivkräfte"  oder "Logik der Arbeiterklasse"
       wäre Inhalt  und Orientierung der Politischen Ökonomie der Arbei-
       terklasse. Dieser  von Marx  formulierte Begriff  13) drückt aus,
       daß sich  die Interessen  des Proletariats  gegenüber dem Kapital
       nicht einfach  in einzelnen  Forderungen niederschlagen,  sondern
       eine eigenständige,  real wirksame  Logik der  gesellschaftlichen
       Entwicklung repräsentieren,  anhand deren  Antworten auf konkrete
       Probleme formuliert  werden können. Es handelt sich dabei um eine
       aus den  Entwicklungsgesetzen der  Produktivkräfte  entspringende
       Notwendigkeit, deren  Erkenntnis  und  analytische  Durchdringung
       Voraussetzung für eine Politik, die die gesellschaftlichen Inter-
       essen der  Arbeiterklasse konkret  werden läßt,  ist.  Allerdings
       läßt der  Begriff der  antagonistischen Logik,  wie er  von Lelio
       Basso entwickelt  worden ist, offenbar unterschiedliche Interpre-
       tationen zu.  Von den  Autoren des Instituts für Sozialforschung,
       Frankfurt/M.,  wird   die  genannte   Dimension   nicht   erfaßt:
       "Beschreibbar sind  sie (die Entwicklungstendenzen der 'Logik des
       Klassenkampfes'; d.  Verf.) in Prozeßbegriffen der Bewußtwerdung,
       der Organisierung,  des kollektiven  Lernprozesses.... Analog zum
       proletarischen Organisationsprozeß  entfaltet sich  die Logik des
       Klassenkampfes zunächst als ein Kampf um die Reproduktion der Ar-
       beitskraft und  im weiteren  Sinne als ein Kampf um die Kontrolle
       der materiellen Produktionsbedingungen." 14)
       Entschlossener Kampf  ist zwar entscheidender Bestandteil autono-
       mer Klassenpolitik, aber nicht ihr alleiniger Inhalt. Die gesell-
       schaftlichen Interessen  des Proletariats  bestehen nicht  nur in
       der Sicherung  konkreter Reproduktionsinteressen  und der Bekämp-
       fung des kapitalistischen Systems ganz allgemein, sondern sie be-
       inhalten in  der jeweiligen  historischen Situation bestimmte ge-
       sellschaftliche Lösungen  für sozialökonomische Probleme, die den
       kapitalistischen Lösungen  entgegengesetzt sind.  Dies wird  auch
       von Oskar  Negt nicht gesehen, wenn er den Begriff 'Logik der Ar-
       beiterklasse' als ein Alternativkonzept, mit dem die ideologische
       Bindung der Massen an das kapitalistische System aufgebrochen und
       diese auf sozialistische Politik umorientiert werden sollen, ver-
       steht: "Die politische Bedeutung dieser Konzeption zweier antago-
       nistischer Logiken  liegt darin,  daß das  bestehende System  ...
       nicht  durch  bloßen  revolutionären  Willen,  durch  Propaganda,
       voluntaristische Aufrufe,  punktuelle  Akte  der  Machtergreifung
       aufgelöst werden  kann, sondern einzig durch eine Art materieller
       Gegenlogik hindurch,  einer Logik, die in der Lage ist, eine noch
       stärkere Aggregatkraft  auszustrahlen.  (...)  Der  revolutionäre
       Wert einer  politischen Strategie  ... (besteht)  in ihrer Fähig-
       keit, die  Massen von  der kapitalistischen  Logik zu trennen und
       die Realität  durch bewußtes  Eingreifen im sozialistischen Sinne
       zu verändern." 15)
       Diese  Formulierungen   sind  äußerst   abstrakt  und  vage.  Die
       "materielle Gegenlogik"  kann auf  dieser Basis  nur heißen: Vor-
       schlag eines Maßnahmebündels, das für die Bevölkerung attraktiver
       als die  Rezepte der  Vertreter des SMK ist. Das läuft - und dies
       geht aus  Negts Artikel  an anderer  Stelle hervor - auf ein Pro-
       gramm konsequenter  Reformpolitik hinaus.  Wenn die Logik der Ar-
       beiterklasse hierauf  reduziert wird, geht jedoch deren materiel-
       ler Gehalt verloren: Sie kann nicht einfach ein massenwirksameres
       Entwicklungsmodell der  Gesellschaft sein  16); Reformforderungen
       müssen die  gesellschaftlichen Interessen  der Arbeiterklasse zum
       Ausdruck bringen  und konkretisieren. Autonome Klassenpolitik be-
       deutet Aufgreifen  und Umsetzen  der Politischen Ökonomie der Ar-
       beiterklasse. Dieser  Zusammenhang erhält  unter den  Bedingungen
       des SMK  erweiterte Bedeutung,  da durch  den Kampf der Arbeiter-
       klasse dauerhafter "wesentliche Modifikationen" (Tjulpanow) kapi-
       talistischer Gesetze durchgesetzt werden können.
       Der bereits früher entwickelte Begriff "Gegenmachtpositionen" 17)
       könnte geeignet  sein, diese  Dynamik zu erfassen. Er drückt aus,
       daß die  herrschende Macht die des Monopolkapitals bleibt, betont
       andererseits die Fähigkeit der Arbeiterklasse zur Machtentfaltung
       als Grundlage  für die  Stabilisierung und  Weiterentwicklung von
       Erfolgen. Gegenmachtpositionen  sind auf unterschiedlichem Niveau
       des Klassenkampfs  möglich. Entscheidend  ist, in welche Richtung
       die Gegenmacht treibt: Nicht einfach die Sicherung der Gegenwart-
       sinteressen der Arbeiterklasse, sondern Sicherung dieser Interes-
       sen durch  Schritte, die  eine Konkretisierung der "Logik der Ar-
       beiterklasse" sind.
       Der Zusammenhang  zwischen autonomer Interessenvertretung und der
       Perspektive der  Überwindung des Kapitalismus ist allerdings eine
       Problematik, die vor allem auch im Zusammenhang mit der Rolle der
       politischen Organisation  der Arbeiterbewegung  diskutiert werden
       muß.
       
       II. Zur Problematik politischer Einflüsse auf die Entwicklung
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       gewerkschaftlicher Autonomie und Einheit
       ----------------------------------------
       
       In vielen gewerkschaftsanalytischen Arbeiten wird keine oder eine
       zu geringe  Aufmerksamkeit den historisch-politischen Einflußfak-
       toren für  die Gewerkschaftsentwicklung  gewidmet, die  damit aus
       dem Zusammenhang  der politischen  Gesamtentwicklung  der  Klasse
       herausgelöst wird. Unbeachtet bleibt dabei ebenfalls die Wechsel-
       wirkung von  parteipolitischen und gewerkschaftlichen Formationen
       der Arbeiterbewegung. Es ist deshalb kein Zufall, daß bisher auch
       das Problem  der Einheitsgewerkschaft  als einer  Form der Zusam-
       menarbeit mehrerer  politisch-ideologischer Strömungen in der Ar-
       beiterbewegung nur  selten behandelt  wurde. Sofern die Frage der
       Einheitsgewerkschaft überhaupt  Beachtung fand, wurde sie zumeist
       unter dem  Aspekt  der  Durchsetzung  industriegewerkschaftlicher
       Strukturen analysiert. 18)
       Unter Ausschaltung  der historisch-politischen Entwicklungsbedin-
       gungen wird von manchen Autoren in der Organisationsform der Ein-
       heitsgewerkschaft mit  industriegewerkschaftlicher  Struktur  ein
       wichtiges Element der Konflikteindämmung und des Integrationspro-
       zesses gesehen.  So meint  Wolfgang Streeck,  daß dieser  Gewerk-
       schaftstyp "offenbar weit mehr als andere gewerkschaftliche Orga-
       nisationsformen einer  Tendenz (unterliegt), sich als verantwort-
       licher' Partner  in eine gemeinsam mit Staat und Arbeitgebern be-
       triebene, gesamtwirtschaftliche Wachstums- und Stabilitätspolitik
       einbeziehen zu lassen". 19) Zurecht kritisiert an dieser Position
       Walther Müller-Jentsch, daß "nicht die Organisationsform der Ein-
       heitsgewerkschaft primär für die Eindämmung der Konflikte und die
       Synchronisierung der  Mitgliederinteressen mit den Systeminteres-
       sen verantwortlich  zu machen (ist), sondern die in ihr und ihrer
       Politik zum Ausdruck kommende, vorgängige gesellschaftliche Inte-
       gration". 20) Ähnliche Positionen wie Streeck, bei dessen Gewerk-
       schaftsanalyse System  theoretische Anleihen offensichtlich sind,
       vertritt in dieser Frage auch die Projektgruppe Gewerkschaftsfor-
       schung: "Die mit der Organisation nach dem Industrieverbandsprin-
       zip verbundene  Vereinheitlichung der  Auseinandersetzungen  zwi-
       schen Kapital  und Arbeit  hat durch den Zusammenschluß der deut-
       schen Gewerkschaften zur Einheitsgewerkschaft ein weiteres Moment
       der Konfliktverminderung  erfahren." 21)  Die vordergründige  Be-
       trachtung der  Gewerkschaftsentwicklung unter  dem  Gesichtspunkt
       der Konfliktregulierung  vernachlässigt, daß die Durchsetzung in-
       dustriegewerkschaftlicher Strukturen und die Schaffung einer Ein-
       heitsgewerkschaft Momente  und Erfolge  des Kampfes der Arbeiter-
       klasse selbst  sind. "Vielmehr muß die Tendenz zur Gewerkschafts-
       einheit -  im organisatorischen  wie im  programmatischen Sinne -
       als Moment  des Bildungsprozesses der Klasse begriffen werden, in
       dem sich - vermittelt über die Aufhebungen des Konkurrenzprinzips
       und der  inneren Fraktionierung - die Einheit des Klassenhandelns
       formt, organisatorische  Formen geschaffen werden, die diese Ein-
       heit zu artikulieren und selbst noch zu fördern vermögen." 22)
       Frank Deppe versucht die Herausbildung relativ stabiler Massenge-
       werkschaften und  ihre heutige  gesellschaftliche Anerkennung  in
       den entwickelten kapitalistischen Ländern vor dem Hintergrund und
       als Moment  des Vergesellschaftungsprozesses  zu erklären, dessen
       Träger die sich zu gesellschaftlicher Macht organisierende Arbei-
       terklasse ist. Da die "zivilisatorische" und "nivellierende" Ten-
       denz des  Kapitals -  das heißt  unter anderem: die Herausbildung
       von Großproduktion  und Angleichung der Arbeits- und Lebensbedin-
       gungen der  Arbeiterklasse -  sich nur  in einem langwierigen und
       widersprüchlichen Prozeß durchsetzt, kann sich auch die organisa-
       torische Vereinheitlichung  nur allmählich  und  widerspruchsvoll
       vollziehen. Der  Vergesellschaftungsprozeß  begünstigt  zwar  die
       Zentralisierung und  Vereinheitlichung der Gewerkschaftsbewegung,
       zur Realisierung,  zum bewußten Vollzug dieser objektiven Tendenz
       sind jedoch  subjektive Vermittlungen ausschlaggebend. Historisch
       sind solche  Anstöße zur Vereinheitlichung der Gewerkschaftsbewe-
       gung zumeist vom linken Flügel unternommen worden.
       Deppe bezeichnet  es als die Aufgabe marxistischer Gewerkschafts-
       theorie und  -politik, zu begründen, daß "die Unterstützung auto-
       nomer Gewerkschaftspolitik  keine taktische  Wende bedeutet, son-
       dern warum  Einheit und  Autonomie einer gewerkschaftlichen Klas-
       senpolitik mehr  und mehr  zu einem relativ selbständigen Element
       des Kampfes - vor allem auch gegenüber den politischen Parteien -
       um grundlegende  gesellschaftliche Veränderungen  geworden  ist".
       23) Dabei  sieht Deppe in den Gewerkschaften keineswegs die Form,
       "in der  sich die  Gesamtheit der  wirtschaftlichen, sozialen und
       politischen Kämpfe  der Arbeiterbewegung  zusammenfaßt". 24)  Zur
       Definition von Autonomie gehört unter anderem als Bestimmung "die
       Integration der selbständigen und unabhängigen Gewerkschaftsorga-
       nisation und  ihrer Politik  in die politische Gesamtbewegung der
       Arbeiterklasse". 25) In einem solchen Prozeß, in dem die Trennung
       des ökonomischen und des politischen Kampfes der Arbeiterbewegung
       überwunden würde,  ohne die organisatorische Besonderung von Par-
       teien und  Gewerkschaftsbewegung aufzuheben, würde allerdings ihr
       Verhältnis zueinander sich verändern. In dem Maße, in dem die ge-
       sellschaftspolitischen Gestaltungsaufgaben  der Gewerkschaften in
       den Vordergrund  rücken, "...verringert sich die Distanz zwischen
       den gewerkschaftspolitischen  und den parteipolitischen Orientie-
       rungen  und  Entscheidungen".  26)  Wenn  die  gewerkschaftlichen
       Kämpfe in  den politischen  Raum drängen,  werden die politischen
       Parteien und  politischen Institutionen  mit der  neuen autonomen
       politischen Qualität  der Gewerkschaftsbewegung  konfrontiert und
       von ihr  beeinflußt. Den  Beginn einer  solchen Entwicklung sieht
       Deppe in  einigen westeuropäischen  Ländern (Italien,  Frankreich
       und Spanien) in den siebziger Jahren. 27)
       Allerdings erweist  sich die Beeinflussung von gewerkschaftspoli-
       tischer und  parteipolitischer Entwicklung als höchst wechselsei-
       tig -  im positiven  wie im  negativen Sinne. Die Stagnation bzw.
       die Rückschläge  im Kampf  um politische Veränderungen in Italien
       und in Frankreich zeigen deutlich ihre negativen Auswirkungen auf
       die Gewerkschaftsentwicklung. Es sollte deshalb stärker noch, als
       dies in der Verallgemeinerung der internationalen Erfahrungen bei
       Deppe geschieht,  die Wechselwirkung zwischen politischen Kräfte-
       konstellationen und  Gewerkschaftsentwicklung ebenso  wie die Be-
       deutung der  politischen Gesamtentwicklung der Klasse betont wer-
       den. Dies gilt hier in erster Linie für die Frage nach den Reali-
       sierungsbedingungen einer  autonomen Politik  bei  gleichzeitiger
       Gewährleistung der gewerkschaftlichen Einheit.
       Auf den  besonderen Stellenwert  dieser Faktoren  im historischen
       Prozeß verweisen  die national  bis heute  sehr unterschiedlichen
       Gewerkschaftsstrukturen und die differierende Stärke der klassen-
       politischen Positionen.  Hauptindikator für  die Kräftekonstella-
       tion in  diesem Bereich  ist die jeweilige Stärke der politischen
       Parteien, insbesondere  hinsichtlich ihres  Einflusses in der Ar-
       beiterklasse. Die  Entwicklung dieses  politischen Kräfteverhält-
       nisses, der Grad klassenpolitischen Einflusses und damit das Ent-
       wicklungsniveau des Klassenkampfes ist - so soll hier akzentuiert
       werden - von ausschlaggebender Bedeutung für die Frage, inwieweit
       in der  Gewerkschaftsbewegung Einheit und Klassenautonomie reali-
       siert werden können.
       Für Walther  Müller-Jentsch ist die Einheitsgewerkschaft offenbar
       nur auf  nicht-antikapitalistischer Basis vorstellbar: "Im allge-
       meinen können  sie (die  Einheitsgewerkschaften, d.V.)  sich erst
       auf der Basis eines, vor allem im politischen Parteiensystem sich
       widerspiegelnden, gesellschaftlichen  Konsensus herausbilden  und
       behaupten. Der  Inhalt dieses  Konsensus läßt  sich  negativ  um-
       schreiben als  Verzicht auf  revolutionäre Ziele und Aktivitäten,
       positiv als Akzeptierung der Grundstrukturen und Basisinstitutio-
       nen der  bestehenden Gesellschaftsordnung,  deren Veränderung al-
       lenfalls gradualistisch,  auf dem  Wege von  Reformen  angestrebt
       wird. Das  heißt, dort  wo starke  politische Polarisierungen  im
       Parteiensystem vorherrschen,  wo das  bestehende Gesellschaftssy-
       stem von  (zumeist: kommunistischen) Parteien mit relevantem Mit-
       glieder- und  Wähleranhang grundsätzlich  in Frage gestellt wird,
       ist die Richtungsgewerkschaft die Regel ... Verschärfen sich auf-
       grund sozioökonomischer  Entwicklungen die sozialen Konflikte und
       politischen Auseinandersetzungen,  so tangiert dies nicht nur den
       erzielten Grundkonsens;  auch die Einheitsgewerkschaft steht dann
       möglicherweise wieder zur Disposition." 28)
       Obwohl mit  dieser Aussage  auf den ersten Blick die gegenwärtige
       Situation erfaßt  zu sein  scheint, sind  hierzu einige kritische
       Anmerkungen zu  machen. Unabhängig  davon, ob  Müller-Jentsch den
       gegenwärtigen Konsens  der Einheitsgewerkschaft  korrekt  erfaßt,
       negiert er  in  seiner  Analyse  die  Entstehungsbedingungen  und
       -zielsetzungen der  Einheitsgewerkschaften nach  der Zerschlagung
       des Faschismus.  In mehreren westeuropäischen Ländern einschließ-
       lich aller  Besatzungszonen  Nachkriegsdeutschlands  wurden  Ein-
       heitsgewerkschaften als  Zusammenschluß der politischen und welt-
       anschaulichen Hauptströmungen  (der sozialdemokratischen  und so-
       zialistischen  Richtung,  der  christlichen  und  kommunistischen
       Strömung) gegründet,  zu deren programmatischem Selbstverständnis
       auf jeden  Fall der  Antifaschismus und  eine antikapitalistische
       Demokratieauffassung gehörten.  Antifaschistische Ausrichtung und
       gesellschaftliche Neuordnungsvorstellungen  als Ziel  einer  ein-
       heitsgewerkschaftlichen Organisation waren zumindest anfangs auch
       bei den  DGB-Gewerkschaften ein  wechselseitiger Bedingungszusam-
       menhang. Dieser Zusammenhang konnte solange aufrechterhalten wer-
       den, wie  auch auf  der parteipolitischen Ebene die Konfrontation
       noch nicht die Zusammenarbeit verdrängt hatte.
       Während in  Italien und Frankreich die Einheit der Gewerkschafts-
       bewegung durch  Abspaltungen christdemokratischer und sozialdemo-
       kratischer Gruppen  zerstört wurde  29), konnte  in den fünfziger
       Jahren der Einheitsgewerkschaft in der Bundesrepublik die anfangs
       vorherrschende klassenpolitische  Grundlage  weitgehend  entzogen
       werden. Dies  wäre in Italien und Frankreich aufgrund der stärke-
       ren Positionen  der kommunistischen  Parteien nicht möglich gewe-
       sen.
       Es können  hier nicht  im einzelnen  die Auswirkungen des bundes-
       deutschen Restaurationsmodells  auf Massenbewußtsein  und Politik
       der Gewerkschaften  untersucht werden. 30) Unbestritten ist aber,
       daß sich  im Zuge  dieser Entwicklung der "Grundkonsens" der Ein-
       heitsgewerkschaft "verschoben" hat, daß Neuordnungsziele preisge-
       geben wurden  und eine  antikommunistische Abschottung nach links
       stattfand. Deshalb  hält Klaus  von Beyme  an der  deutschen Ein-
       heitsgewerkschaft bis  heute für  problematisch "die starke Bela-
       stung durch  den Antikommunismus,  der sich  Hand in Hand mit der
       deutschen Teilung ausbreitete und der zu einem der stärksten Bin-
       deglieder der Einheitsorganisation wurde". 31)
       Zweifellos hat  die sozialdemokratische  Dominanz in  den DGB-Ge-
       werkschaften, d.h.  das eindeutige  Übergewicht der  politisch an
       der Sozialdemokratie  orientierten  Funktionäre  und  Mitglieder,
       eine innergewerkschaftliche Polarisierung bis zum Bruch mit ande-
       ren politischen  Strömungen gar  nicht akut  werden lassen, zumal
       der Einfluß  von Kommunisten und Sozialisten sehr stark reduziert
       war und der christliche Flügel proporzmäßig berücksichtigt wurde.
       32) Wie  die Geschichte  des DGB zeigt, ist aber der programmati-
       sche Konsens  weder als widerspruchsfrei noch als statische Größe
       zu betrachten, wie dies die Bemerkung von Müller-Jentsch nahe le-
       gen könnte. Unter dem Einfluß verschärfter sozialer Konflikte und
       einer Stärkung der klassenpolitischen Positionen können sich auch
       die Inhalte der Konsensbildung innerhalb der Einheitsgewerkschaft
       verändern. Die Vereinigungsbestrebungen der italienischen Gewerk-
       schaften, vor  allem der  Metallgewerkschaften, in  den siebziger
       Jahren belegen,  daß eine  solche Entwicklung  mit klassengewerk-
       schaftlichem Verständnis  als Ergebnis  von Massenbewegungen mög-
       lich ist.
       Es scheint also, daß die Realisierung bzw. der Aufbau der Gewerk-
       schaftseinheit auf klassenpolitischer Grundlage nur in Phasen des
       Aufschwungs  politischer   Massenbewegungen  möglich   ist,  wenn
       gleichzeitig dieser Prozeß auf der politischen Ebene seine Unter-
       stützung findet  durch die Dominanz klassenpolitischer Positionen
       bzw. das  gemeinsame Agieren  der Parteien  der Arbeiterbewegung.
       Dies setzt  die Fähigkeit  der klassenorientierten Kräfte voraus,
       eine auf  Einheit der  Arbeiterklasse ausgerichtete  Strategie zu
       entwickeln und zu verwirklichen. 33)
       Natürlich sind  in der  Einheitsgewerkschaft die  Bedingungen für
       die Entwicklung  eines gemeinsamen Handelns unterschiedlicher po-
       litischer Kräfte  am günstigsten, das dann bis auf die politische
       Ebene reichen  kann. Die politische Kräftekonstellation innerhalb
       des in  der Arbeiterklasse verankerten Parteienspektrums kann von
       den Gewerkschaften nicht ignoriert werden, da diese sich auch in-
       nerhalb der  Einheitsgewerkschaft in  Strömungen ausdrückt. Ande-
       renfalls wird die Gefahr von ernsthaften Konflikten bis zum Bruch
       akut.
       Die Schwäche  der politischen  Klassenkräfte,  der  marxistischen
       Strömung und  der kommunistischen  Partei, stellt  sich als  eine
       Schranke für  die Entwicklung  des Bewußtseins der Arbeiterklasse
       und seines  Ausdrucks in klassenpolitischen Positionen in den Ge-
       werkschaften dar.  So ist  es auch  nicht verwunderlich, daß alle
       Ansätze einer  kämpferischen Interessenvertretung,  die seit 1976
       zu beobachten  sind und als Elemente autonomer Politik bezeichnet
       werden können, angesichts der mangelnden effektiven Unterstützung
       aus dem  Bereich der  politischen Parteien  noch durch starke Be-
       schränkung auf  den betrieblichen  und  tariflichen  Bereich  und
       durch weitgehenden  Verzicht auf Forderungen an den Staat charak-
       terisiert sind, die die SPD als Regierungspartei in Schwierigkei-
       ten bringen könnten. Diese Erfahrungen weisen auf die Grenzen ge-
       werkschaftlicher Autonomieentfaltung  bzw. ihren  engen Zusammen-
       hang mit dem Entwicklungsniveau der klassenpolitischen Kräfte der
       Gesamtarbeiterbewegung hin.
       
       III. Zur Spezifik gewerkschaftlicher Politikbestimmung
       ------------------------------------------------------
       und der Problematik politisch-ideologischer Strömungen
       ------------------------------------------------------
       
       Um die  reale Widersprüchlichkeit  gewerkschaftlicher Politik  zu
       erfassen, reicht es nicht aus, die Widerspiegelung der Kräftever-
       hältnisse auf  parteipolitischer Ebene  in den  Gewerkschaften zu
       untersuchen. Eben  darin besteht der Mangel mancher Analysen, die
       in den  Mittelpunkt die Untersuchung der "SPD-Bindung der Gewerk-
       schaften" 34)  stellen oder nach parteipolitischen Kriterien dif-
       ferenzieren. 35)  Dabei wird zu wenig berücksichtigt, daß der Ge-
       werkschaftsbereich kein  passives Abbild  der  politischen  Ebene
       darstellt. Andere Versuche der kategorialen Erfassung mit dem Ge-
       gensatzpaar "kooperativ  - konfliktorisch",  so in der Studie des
       Frankfurter Instituts  für Sozialforschung  36), wurden wegen der
       unzureichenden Analyse  der Integrationsproblematik und der ober-
       flächlichen Typologisierung kritisiert. 37) Die aus diesem Ansatz
       resultierende Charakteristik der Gewerkschaften als "intermediäre
       Organisationen zwischen Kapital und Arbeit" (Müller-Jentsch) geht
       nicht nur  von einer  vollzogenen und widerspruchsfreien Integra-
       tion aus,  sondern vernachlässigt  auch die sich aus der Funktion
       der Gewerkschaften als unmittelbarer Interessenorganisation erge-
       bende eigene Dynamik gewerkschaftlicher Politikfindung.
       Trotz aller  möglichen direkten  parteipolitischen Einflüsse, Se-
       lektionsmechanismen und  Einschränkungen der  inneren  Demokratie
       wird die  Diskussion und  Ausformulierung der Politik der Gewerk-
       schaften in  spezifischer Weise  durch ihre  unmittelbare Nähe zu
       den Klasseninteressen  auf ökonomischem  und sozialem  Gebiet ge-
       prägt. Dies  unterscheidet die  Gewerkschaften als elementare und
       unmittelbare Klassenorganisation  auch von anderen Organisationen
       mit "Massencharakter" und einer vorwiegend politischen oder welt-
       anschaulichen Ausrichtung.  Auch Joachim  Bergmann  unterstreicht
       "die für Gewerkschaften konstitutive Situation des Dauerkonflikts
       mit dem  Kapital: die  materiellen Interessen  der Lohnabhängigen
       können nur  in ständigen  Auseinandersetzungen wirksam  vertreten
       werden, denn  das jeweils erreichte Reproduktionsniveau ist unter
       den Bedingungen  der kapitalistischen  Produktionsweise stets be-
       droht. Gewerkschaften  stehen daher  - anders als politische Par-
       teien -  unter dem  anhaltenden Zwang, sich als wirksame Interes-
       senvertretung bewähren zu müssen". 38)
       In der kontinuierlichen Wahrnehmung und Formulierung der Interes-
       sen der  Arbeiterklasse als  Reproduktionsinteressen der Arbeits-
       kraft durch  die Gewerkschaften  haben die  Interessen noch nicht
       jene verallgemeinerte und damit politisch-ideologische Form ange-
       nommen, wie es für politische Organisationen und Parteien typisch
       ist, da  auf der  politischen Ebene  Klasseninteressen immer  den
       Charakter von  allgemeinen Interessen  annehmen. Es sind also die
       ständige Notwendigkeit,  sich gegen die "Übergriffe des Kapitals"
       zu wehren,  die zwangsläufige  Entgegensetzung der Interessen von
       Kapital und  Arbeit und  die daraus  resultierende Situation  des
       Dauerkonflikts mit dem Kapital, die die gewerkschaftliche Politik
       und damit auch die Ausformung gewerkschaftspolitischer Strömungen
       in besonderer Weise bestimmen.
       In dieser Spezifik der Gewerkschaften liegen auch die Grenzen je-
       der Integrationsstrategie  und der Wirkung sozialpartnerschaftli-
       cher Politik  in der  Gewerkschaft selbst. J.H. von Heiseler wies
       anhand der Ergebnisse einer empirischen Studie zum Bewußtsein Ju-
       gendlicher im  Großbetrieb daraufhin,  daß trotz der großen Rolle
       integrationistischer Gewerkschaftspolitik im untersuchten Bereich
       diese Politik  "nicht im  Einklang mit  der sozialen Wirklichkeit
       der Gewerkschaft an der Basis" steht. Daraus könne man schließen,
       "daß sich  aus der  Funktion der  Gewerkschaften als  allgemeinem
       ökonomischen Interessenverband Tendenzen entwickeln, die geeignet
       sind, sozialpartnerschaftliche  Illusionen abzubauen".  39) Diese
       der sozialpartnerschaftlichen Politik entgegenwirkenden Tendenzen
       werden in Konfliktsituationen besonders wirksam, wenn die Organi-
       sierung kollektiver  Solidarität der  Arbeiterklasse als Funktion
       der Gewerkschaften  in den  Vordergrund tritt. In jeder Streiksi-
       tuation ist  analysierbar, wie durch die Polarisierung der Inter-
       essenfronten klassenorientierte  Politik und  Argumente einen be-
       deutend höheren  Wirkungsgrad erzielen  und  vielfach  politisch-
       ideologische Differenzen in den Hintergrund treten.
       Dieser Aspekt,  der bekanntlich  für die  praktische Orientierung
       der Gewerkschaftspolitik von zentraler Bedeutung ist, sollte des-
       halb noch  einmal unterstrichen  werden, um  trotz der vorherigen
       Hervorhebung politischer  Faktoren für  die Gewerkschaftsentwick-
       lung die  Spezifik gewerkschaftlicher Politikbestimmung nicht aus
       dem Auge  zu verlieren. Aus diesen Gründen ist auch für die Beur-
       teilung von  Entwicklungsprozessen der Gewerkschaftsbewegung eine
       Unterscheidung nach der gewerkschaftspolitischen Funktionsbestim-
       mung grundlegender  und aufschlußreicher  als nach  parteipoliti-
       schen Kriterien.
       Als die  zwei entgegengesetzten Pole der gewerkschaftlichen Funk-
       tionsbestimmung und  Zielformulierung waren von Frank Deppe Inte-
       grationismus einerseits und autonome Vertretung der Klasseninter-
       essen andererseits  bestimmt worden. "Der aus der reformistischen
       Arbeiterbewegung   hervorgehende    Integrationismus   entwickelt
       sich... aus  einer Politik,  für die  sich immer mehr das Streben
       nach der  Verbesserung der  Arbeits-  und  Lebensbedingungen  der
       Lohnabhängigen und  ihrer sozialen und politischen Rechte im Rah-
       men der  bürgerlich-parlamentarischen Demokratie  verselbständigt
       und die in diesem Prozeß... immer mehr dazu übergeht, die kapita-
       listischen Produktionsverhältnisse  als Voraussetzung für den Er-
       folg einer  solchen Politik anzuerkennen." 40) Dagegen haben sich
       immer Positionen der kämpferischen Interessenvertretung, der For-
       mulierung gewerkschaftlicher  Ziele vom Standpunkt der Klassenin-
       teressen, der  Erweiterung gewerkschaftlicher  Rechte als  Gegen-
       machtpositionen zum  Kapital und  der Infragestellung des Systems
       kapitalistischer Lohnarbeit behauptet und neu entwickelt, die als
       autonome Gewerkschaftspolitik bezeichnet werden könnten.
       Allerdings sind  diese zwei  Pole gewerkschaftlicher Funktionsbe-
       stimmung in  der praktischen  Politik in  sehr  unterschiedlicher
       Stringenz ausgeprägt,  und sie schlagen sich in verschiedenen po-
       litisch-ideologischen Strömungen  nieder. Dies macht auf die Not-
       wendigkeit aufmerksam,  den einzelnen Differenzierungen und Vari-
       anten Beachtung zu schenken, um Widerstände und Anknüpfungspunkte
       für eine klassenorientierte Politik genauer angeben zu können. In
       diesem Zusammenhang  ist auch die Analyse der Positionen der ein-
       zelnen Strömungen in der Gewerkschaftsbewegung von Bedeutung.
       Der Begriff  der "Strömung",  wie er  von Petschick/Schleifstein/
       Schlüter benutzt  worden ist, versucht, als analytische Kategorie
       Differenzierungen  nach  gemeinsamen  Forderungen,  ideologischen
       Grundpositionen und  Merkmalen in  der Praxis zu erfassen. 41) Er
       unterscheidet  sich   von  Einteilungen   mit  festeren  Konturen
       ("Gruppierungen") und ist keinesfalls identisch mit "Fraktionen",
       wie sie etwa als organisatorische Verselbständigung parteipoliti-
       scher Strömungen die österreichische Gewerkschaftsbewegung kennt.
       Zu den  Hauptströmungen der bundesdeutschen Gewerkschaftsbewegung
       zählten Petschick  u.a. die  integrationistische und die reformi-
       stische Richtung sowie die marxistischen Kräfte. 42)
       Da Deppe  zwar den Integrationismus als dominierende Strömung der
       bundesdeutschen Gewerkschaftsbewegung  umfassend analysiert, aber
       auf weitere  einzelne Differenzierungen  und Varianten nicht aus-
       führlich eingeht, soll hier auf zwei Aspekte hingewiesen werden:
       1. Eine wichtige Variante des Integrationismus ist in ihrer Mehr-
       heit die  christlich-soziale Richtung, die eine politische Stütze
       in den  Sozialausschüssen der CDU/CSU besitzt und deren Vertreter
       die sozialpartnerschaftliche  Orientierung vor allem auch theore-
       tisch-argumentativ bestärkten.  43) Gerade  von Vertretern dieser
       Richtung ist  in jüngster  Zeit  besonders  vehement  gegen  eine
       "Ausuferung  gewerkschaftlicher   Aufgabenstellungen"  und   eine
       "Allzuständigkeit" der  Gewerkschaften Stellung  bezogen  worden,
       was im  Grunde auf ein Abkappen der politischen Gestaltungsziele,
       auf eine  Entpolitisierung und  die Verhinderung  einer autonomen
       Machtentfaltung hinausläuft. 44)
       2. Deppe analysiert  in seiner Studie den klassischen Reformismus
       als historische  und logische Grundlage des Integrationismus. 45)
       Dabei geht  verloren, daß sich mit der zunehmenden Bedeutung die-
       ses Integrationismus  für die  Stabilität des  staatsmonopolisti-
       schen Systems  notwendigerweise eine  weitere, im  ursprünglichen
       Sinne noch  als reformistisch zu bezeichnende Strömung herausbil-
       dete, die im Unterschied zum Integrationismus zumindest in Ansät-
       zen an einer antikapitalistischen Kritik festhält, Gewerkschaften
       als Kampforganisationen  versteht und  in konkreten sozialen Aus-
       einandersetzungen auf  einer kämpferischen  Vertretung der Gegen-
       wartsinteressen der Arbeiterklasse besteht.
       Diese Differenzierung  des Reformismus und die zentrale Rolle des
       Integrationismus als  Herrschaftsmethode bürgerlicher Politik und
       Strömung in der Arbeiterbewegung hängen eng mit der Herausbildung
       des staatsmonopolistischen Kapitalismus zusammen. Denn "nur unter
       den Voraussetzungen  des sich  monopolisierenden Kapitalismus und
       zunehmender Regulierungsfunktionen  des Staats stehen Instrumente
       bereit, die  eine zeitweilige  - tatsächliche  oder scheinbare  -
       Vermittlung von Arbeiter- und Kapitalinteressen ohne Gewaltanwen-
       dung ermöglichen; die Stärke der Gewerkschaften macht diese poli-
       tischen Maßnahmen erst notwendig". 46)
       Fülberth und  Harrer analysieren  diese Doppelstruktur des Refor-
       mismus im  Hinblick auf  die historische  Entwicklung der SPD und
       bezeichnen die  zweite Richtung,  die aus dem "klassischen Refor-
       mismus" hervorging, als den "sozialistisch orientierten Reformis-
       mus" oder  "Reformsozialismus" (so  oft  die  Selbstbezeichnung).
       Diese Richtung  "sieht Reformen  als ein  Mittel zur allmählichen
       Überwindung des  kapitalistischen Gesellschaftssystems durch Auf-
       hebung des  Privateigentums an den Produktonsmitteln... Im Unter-
       schied zum  Integrationismus hält  diese Richtung des Reformismus
       grundsätzlich am  Ziel der  Aufhebung des  Privateigentums an den
       Produktionsmitteln und - teilweise - auch an der Terminologie der
       Marxschen Kapitalismuskritik  und am  Klassenkampfpostulat fest".
       47)
       Diese Differenzierung besitzt für die praktische Politik erhebli-
       che Bedeutung.  "Da dem  Reformsozialismus die  Arbeiterklasse im
       Gegensatz zum  Integrationismus nicht  lediglich als eine gleich-
       wertige unter  etlichen 'unterprivilegierten'  gesellschaftlichen
       Gruppen, sondern gewöhnlich noch immer als wichtigster Träger des
       sozialen Fortschritts  gilt, spiegeln  sich in seinen Forderungen
       ihre Interessen und Bedürfnisse wesentlich unmittelbarer als beim
       sozialliberalen Reformismus.  Der sozialistische Reformismus för-
       dert somit  die Entwicklung eines Arbeiterbewußtseins, in dem die
       elementare gesellschaftliche Stellung der Arbeiterklasse und ihre
       Interessenlage noch  durchscheinen. Die  Erweiterung seines  Ein-
       flußbereiches auf Kosten der integrationistischen Komponente ver-
       bessert deshalb  auch Bedingungen  und Anknüpfungspunkte für eine
       Aktionseinheit der Gesamtarbeiterbewegung." 48) Eine solche prak-
       tisch sehr bedeutsame Unterscheidung der zwei Varianten, die sich
       aus dem "klassischen Reformismus" entwickelt haben, wird vielfach
       noch zu  wenig in  der marxistischen  Literatur betont bzw. durch
       die undifferenzierende  Verwendung des  Begriffs "Sozialreformis-
       mus" erschwert. 49)
       Während diese Doppelstruktur, wie Fülberth und Harrer im Hinblick
       auf die sozialdemokratische Politik einschätzen, in der SPD heute
       nur in  Ansätzen entfaltet  ist, spielt die (sozialistisch orien-
       tierte) reformistische Strömung in den Gewerkschaften eine bedeu-
       tende Rolle.  Das liegt  eben in erster Linie an der Spezifik ge-
       werkschaftlicher Politikbestimmung,  die durch die notwendige un-
       mittelbare Reaktion  und Verarbeitung  von Klassenerfahrungen die
       Ausformung progressiver  Strömungen begünstigt.  Unter der Bedin-
       gung relativ  schwacher Positionen  der konsequent klassenpoliti-
       schen Kräfte  in der  Bundesrepublik ist die reformistische Strö-
       mung in den Gewerkschaften der einflußreichste Träger von Elemen-
       ten einer  autonomen Politik. Hier bestehen auch zahlreiche prak-
       tische Berührungspunkte zu marxistischen Positionen.
       Die politische Struktur der Gewerkschaften, das Gewicht ihrer po-
       litischen Hauptströmungen wird durch die Entwicklung der Klassen-
       beziehungen und  -kräfteverhältnisse stark  beeinflußt. Gegenüber
       der politischen  Struktur der  DGB-Gewerkschaften, wie sie Anfang
       der siebziger Jahre von Petschick u.a. analysiert worden war 50),
       haben sich  seit den  verstärkten Krisenprozessen  ab 1974 einige
       Verschiebungen ergeben.  Der progressive Flügel mit starken Posi-
       tionen der  reformistischen Strömung  wurde und wird insbesondere
       durch die IG Metall, die IG Druck und Papier und die Gewerkschaft
       Holz und  Kunststoff vertreten.  50a) Von  diesen  Gewerkschaften
       gingen wichtige Impulse zu einer kämpferischen Gegenwehr aus, und
       von ihnen  wurden nahezu  alle relevanten  Arbeitskämpfe seit der
       Krise 1974/75  getragen (Druckerstreiks  1976 und 1978, Metaller-
       streik 1978,  Stahlstreik 1978/79  und mehrere  kleinere Arbeits-
       kämpfe im  Bereich der  GHK). In jüngster Zeit zeichnet sich eine
       zunehmende kämpferische  Interessenvertretung im  Bereich der Ge-
       werkschaft HBV  ab, die mit einem schnellen Mitgliederzuwachs und
       der Einwicklung  progressiver gewerkschaftspolitischer Positionen
       korrespondiert. 51)
       Demgegenüber wird  die integrationistische Strömung durch Gewerk-
       schaften wie die IG Bergbau und Energie, die IG Bau-Steine-Erden,
       in wachsendem  Maße durch die IG Chemie-Papier-Keramik, aber auch
       durch die Gewerkschaften Nahrung-Genuß-Gaststätten und Textil-Be-
       kleidung repräsentiert.  Es wird  unter anderem  von der weiteren
       Entwicklung der  Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes, insbe-
       sondere der  ÖTV, in  der integrationistische  Kräfte sehr  stark
       vertreten sind, abhängen, welche Strömung im DGB in den achtziger
       Jahren ihre  Positionen festigen kann und eine dominierende Rolle
       zu spielen vermag.
       
       IV. "Pluralismus" und Vereinheitlichung
       ---------------------------------------
       
       Ein Grundproblem  gewerkschaftlicher Klassenpolitik - dies unter-
       streicht Deppe  - ist die Vereinheitlichung der verschiedenen in-
       dividuellen, fraktionellen und Gruppeninteressen in der Arbeiter-
       klasse. Dies  gelingt um so eher, je stärker die Reproduktionsin-
       teressen der  Arbeitskraft artikuliert  und zum Inhalt von allge-
       meinen Regelungen  gemacht werden. Diese zentrale gewerkschaftli-
       che Aufgabe  der Vereinheitlichung  wirft jedoch immer wieder das
       Problem des  Verhältnisses zur  "Pluralität"  politisch-ideologi-
       scher Positionen  insbesondere in einer Einheitsgewerkschaft auf.
       Damit werden Fragen der Durchsetzungsbedingungen für Klassenauto-
       nomie in  der Einheitsgewerkschaft  angesprochen, die  bei  Deppe
       nicht weiter ausgeführt werden.
       In den Diskussionen zu dieser Problematik gilt es zu betonen, daß
       die Anerkennung der Legitimität unterschiedlicher politischer Po-
       sitionen und  die Durchsetzung innergewerkschaftlicher Demokratie
       ebenso notwendige Bestandteile autonomer Politik sind wie die Un-
       abhängigkeit von  Parteien, und daß dies auch dem Selbstverständ-
       nis des  DGB entspricht.  Problematisch scheint es indessen, wenn
       als Alternative  zur jetzigen Situation ein politischer Pluralis-
       mus innerhalb der Gewerkschaften empfohlen wird. In einem Beitrag
       der "Sozialistischen Studiengruppen" (SOST) heißt es z.B.: "Worum
       es geht,  ist, bei  völliger Unabhängigkeit  von den  politischen
       Parteien nach  gemeinsamen Lösungen im Interesse der Lohnabhängi-
       gen zu suchen, unter Anerkennung des Existenzrechts der verschie-
       denen Strömungen  innerhalb  der  Gewerkschaftsbewegung.  An  die
       Stelle einer  Integration verschiedener politischer Tendenzen un-
       ter der Dominanz einer politischen Programmatik tritt das Bemühen
       um die Herstellung eines wirklichen Pluralismus, wie er nur unter
       Verzicht auf den Hegemonieanspruch einer Strömung zustande kommen
       kann." 52)
       Eine solche  abstrakte Forderung geht an der Tatsache vorbei, daß
       die Funktionserfüllung der Gewerkschaft einheitliches Handeln der
       Organisation voraussetzt;  dazu bedarf  es einer gewissen Verein-
       heitlichung in  der Willensbildung,  die die Möglichkeit der kol-
       lektiven Auswertung  gemachter Erfahrungen  und die  Durchsetzung
       darauf beruhender  Schlußfolgerungen einschließt.  Die Verwirkli-
       chung des  Pluralismus-Konzepts würde bedeuten, daß sich die Ein-
       heitsgewerkschaft nur  als Dachverband  verschiedener  politisch-
       ideologischer Strömungen versteht, die jeweils ihre eigenen poli-
       tischen Schlußfolgerungen und Orientierungen entwickeln. Daß dies
       gegenüber der  gegenwärtigen  Organisationsstruktur  im  DGB  ein
       Rückschritt wäre,  geht auch  aus der  Begründung hervor, mit der
       solche Überlegungen  innerhalb der  Gewerkschaften zur Diskussion
       gestellt werden. Klaus v. Beyme schreibt z.B.: "Falls die politi-
       schen Konflikte der Gruppen im Zuge der Polarisierung in der Bun-
       desrepublik zunehmen  sollten, könnte  darüber hinaus auch im DGB
       ein innerer  Pluralismus nötig  werden, wie er im ÖGB praktiziert
       wird, wo  politische Fraktionen... auftreten. Aber mit wachsender
       Ausdifferenzierung der  Meinungsblöcke können  gewandelte interne
       Konfliktmuster nötig werden." 53)
       Ein solches  "Modell" würde die Gefahr beinhalten, die einheitli-
       che Organisation in verschiedene "Meinungsgruppen" aufzulösen und
       in den  gewerkschaftlichen Willensbildungsprozeß  politische  Ab-
       grenzungskriterien von  außen, d.h.  von den politischen Parteien
       einzubringen. Denn  die oben  zitierten SOST-Autoren  unterliegen
       einer Illusion,  wenn sie glauben, "Pluralismus" ließe sich unab-
       hängig vom  parteipolitischen Kräfteverhältnis etablieren. Im Ge-
       genteil: das  im politisch-parlamentarischen  Bereich  bestehende
       Monopol bürgerlicher Politik würde direkt und institutionalisiert
       in die  Gewerkschaften hinein verlängert. Ergebnis könnte nur die
       stärkere Behinderung  einer Entwicklung  von  Ansätzen  autonomer
       Orientierung sein.  Es ist  denn wohl  auch kein Zufall, daß Vor-
       stellungen eines  parteipolitischen Pluralismus  seitens der  CDU
       propagiert werden: "Zu den bewährten Strukturprinzipien der Indu-
       striegewerkschaft... könnte ein drittes Bein die stärkere Berück-
       sichtigung von  Meinungsgruppen sein.  Dies muß  nicht perfektio-
       niert werden zu gewerkschaftlichen Fraktionen. Eine lose Form von
       Meinungsgruppen würde  im übrigen  auch die  Extremisten zwingen,
       endlich Farbe zu bekennen... Wer für die DKP eintritt, soll zuge-
       ben, daß  er auf  eine Gewerkschaft  hinarbeitet, die, wenn seine
       Arbeit Erfolg hat, im Dienste des Staates steht." 54)
       Die Bildung  von Parteienproporzkartellen  innerhalb der  Gewerk-
       schaften ließe die Formulierung von gewerkschaftlichen Positionen
       nur noch  auf der  Ebene des  kleinsten gemeinsamen  Nenners zu -
       oder als  Oktroy der  Mehrheitsfraktion. Eine solche Struktur wi-
       derspricht den  Erfordernissen gewerkschaftlicher  Interessenver-
       tretung. Zentrales Kriterium der innergewerkschaftlichen Willens-
       bildung und  zur Beurteilung  von Praxis und Programmatik muß ein
       aus der  gewerkschaftlichen Funktionsbestimmung selbst gewonnener
       Maßstab sein:  die möglichst effektive Vertretung der Reprodukti-
       onsinteressen der Lohnabhängigen. Aufgrund der heterogenen Zusam-
       mensetzung der  Einheitsgewerkschaft ist  dabei die Kompromißbil-
       dung ein  konstitutives Element der Willensbildung, das nicht nur
       immer wieder  zur teilweisen  inhaltlichen  Nivellierung  mancher
       Aussagen führt,  sondern oft auch deren widersprüchlichen Charak-
       ter bestimmt.  55) Da  diese Kompromißbildung aber auf der Grund-
       lage der  gewerkschaftlichen Erfahrungen  und Interessen  beruht,
       ist eine Weiterentwicklung zu autonomeren Positionen möglich.
       Die Problematik der Vereinheitlichung gewerkschaftlicher Willens-
       bildung und  Zielformulierung bezieht sich nicht nur - noch nicht
       einmal in  erster Linie  - auf die unterschiedlichen ideologisch-
       politischen Strömungen.  Diese hängen  vielmehr selbst mit Diffe-
       renzierungen in  der Arbeiterklasse  zusammen.  Vereinheitlichung
       auf politisch-ideologischer Ebene setzt die Fähigkeit zur Verein-
       heitlichung unterschiedlicher Einzelinteressen von Teilen der Ar-
       beiterklasse voraus.  Hier werden  die Schwierigkeiten unter Kri-
       senbedingungen größer,  wenn Konkurrenz- und Individualisierungs-
       tendenzen innerhalb der Arbeiterklasse zunehmen. Die Sorge um die
       Arbeitsplätze kann z.B. dazu führen, daß sich Belegschaftsvertre-
       ter aus  der Automobilindustrie für den Ausbau des Individualver-
       kehrs stark  machen, während  die Beschäftigten  bei öffentlichen
       Verkehrsmitteln eine  umgekehrte Politik verlangen. Das kann Kon-
       flikte auch zwischen den jeweiligen Einzelgewerkschaften oder in-
       nerhalb dieser provozieren.
       Bei solchen  Problemen wird  die Fähigkeit  zur Vereinheitlichung
       der Einzelinteressen als Bedingung erfolgreicher Gewerkschaftspo-
       litik besonders deutlich. Diese kann nur auf der Ebene der allge-
       meinen Klasseninteressen des Proletariats erfolgen; Voraussetzung
       dafür ist,  daß die Gewerkschaften in der Lage sind, diese Inter-
       essen zu  erkennen und  in Politik umzusetzen. Hier wird die Pro-
       blematik der  Politischen Ökonomie  der Arbeiterklasse  (vgl. Ab-
       schnitt I)  konkret. Eine  theoretische Konzeption,  die das  ne-
       giert, ist nicht in der Lage, für das Problem divergierender Ein-
       zelinteressen in  der Arbeiterklasse Lösungen mit Perspektive ab-
       zuleiten. In  einem Artikel der SOST zu dieser Fragestellung wird
       ausgeführt: "Was  schwerfällt, was aber allein eine Lösung dieses
       Konflikts bringen kann, ist die Einbindung dieser sektoralen Pro-
       bleme in die Diskussion um gesamtgesellschaftliche Lösungen. Dies
       schließt ein,  'eine reale  Berechnung der ökonomischen, sozialen
       und damit auch finanziellen Implikationen bestimmter Weichenstel-
       lungen struktureller Art vorzunehmen'." 56)
       Unter gesamtgesellschaftlichen  Lösungen wird in dem Artikel aber
       nicht eine alternative gewerkschaftliche Konzeption etwa zur Ver-
       kehrs- und  Beschäftigungspolitik, die von den gesellschaftlichen
       Interessen der  Arbeiterklasse ausgeht, gemeint, sondern ein zwi-
       schengewerkschaftlicher Interessenkompromiß  auf Basis der volks-
       wirtschaftlichen Gesamtrechnung.  Auch hier  - wie  bei den poli-
       tisch-ideologischen Strömungen  57) -  wird Vereinheitlichung nur
       in Form  einer Nivellierung  auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner
       für möglich gehalten. Das erlaubt keine vorwärtsdrängende Gewerk-
       schaftspolitik. Der  Appell an die Gewerkschaften, den "Bruch mit
       der kapitalistischen  Logik" zu  wagen 58), bleibt plakativ, weil
       er mit  den sozialökonomischen  Problemen nicht  verbunden werden
       kann.
       Veränderte Kampfbedingungen  und verschärfte soziale Probleme be-
       wirkten bisher  unterschiedliche Reaktionen  bei den Gewerkschaf-
       ten: Teilweise  wurden partikularistische Verhaltensweisen geför-
       dert, teilweise  konnten aber  auch Momente  der Solidarität  und
       Vereinheitlichung gestärkt  werden. Dies zeigt, daß es keineswegs
       einen generellen  gewerkschaftlichen "Lernprozeß"  gibt, wie ver-
       einfachend oft formuliert wird. Vielmehr erweist sich die politi-
       sche Struktur  der Gewerkschaft  selbst als  ein wichtiger Faktor
       für die Art der Verarbeitung der Erfahrungen und die Zielrichtung
       der Schlußfolgerungen.  Auch dies ist, neben den ökonomischen Be-
       dingungen, den Bewußtseinsprozessen usw. ein Faktor, der die Ent-
       wicklung der  Gewerkschaftspolitik beeinflußt, und dessen Ausprä-
       gung für  die Analyse  der konkreten gewerkschaftspolitischen Si-
       tuation von Bedeutung ist.
       Die Vereinheitlichung des gewerkschaftlichen Widerstands, wie sie
       vor allem in den Arbeitskämpfen 1978 zu beobachten war, erreichte
       dieses Niveau  erst in einer Situation, als die Konfrontationspo-
       litik des  Kapitals sozialpartnerschaftliche  Konfliktregulierung
       vorübergehend blockierte.  Dies gab der an Autonomie orientierten
       Strömung, worunter reformistischen Kräften ein großes Gewicht zu-
       kommt, breiteren  Spielraum, der  durch Mobilisierung und Entfal-
       tung gewerkschaftlicher Gegenmacht mit weitgehender Unterstützung
       gewerkschaftlicher Spitzengremien genutzt wurde.
       Auch wenn die Erfolgsbedingungen integrationistischer Politik un-
       ter den  aktuellen ökonomisch-politischen  Bedingungen  erheblich
       schlechter sind  als früher,  sind die Vertreter der herrschenden
       Klasse daran interessiert, soziale Konflikte einzudämmen. Deshalb
       ist der  gegenwärtige Feldzug  gegen die Gewerkschaften gekoppelt
       mit Angeboten  einer modifizierten Form sozialpartnerschaftlicher
       Beziehungen, die insbesondere auf den integrationistischen Flügel
       setzen. Diese Situation führt in vielen Gewerkschaften und im DGB
       zur Zunahme  politisch-ideologischer Konflikte  und zu Polarisie-
       rungstendenzen. Kern der antikommunistisch-antigewerkschaftlichen
       Kampagne ist  deshalb die  Tabuisierung antikapitalistischer  An-
       sätze.
       Alle  Prognosen   weisen  daraufhin,   daß  die   im  Rahmen  der
       "Modernisierungsstrategie" der  westdeutschen Konzerne  geplanten
       Umstrukturierungen in  einzelnen  Wirtschaftsbereichen  zu  einer
       enormen Verschärfung sozialer Probleme, auch für gut organisierte
       Kerngruppen der  Arbeiterklasse, führen  werden, die eine weitaus
       größere Dimension als in den letzten Jahren erwarten lassen.
       Eine solche  Situation kann  dazu führen,  daß Gewerkschaften mit
       einem "Rückzug  aus der  Politik" reagieren und sich als "Kartell
       der privilegierten  Arbeitsplatzbesitzer" begreifen. Das ist eine
       ernstzunehmende Gefahr. Die Erschwerung sozialpartnerschaftlicher
       Konfliktregulierung kann  aber auch  Ansätzen zu autonomer Orien-
       tierung neuen  Spielraum schaffen.  Die Analyse der Faktoren, die
       solche Prozesse  begünstigen bzw.  hemmen, erfordert  die Berück-
       sichtigung aller  Ebenen der  gesellschaftlichen Entwicklung  und
       der Arbeiterbewegung. Über die Notwendigkeit, in der aufgezeigten
       Richtung weiterzuarbeiten, kann kein Zweifel bestehen.
       
       _____
       1) In seinem  Kreuzzug gegen  das Buch  von Deppe/Fülberth/Harrer
       (Hrsg.), Geschichte  der  deutschen  Gewerkschaftsbewegung,  Köln
       1977, unterstellt Gerhard Beier z.B. den Autoren: "Durch Betonung
       der Autonomie,  die -  wo sie  ernst genommen wird - sehr wohl im
       Widerspruch zur  sowjetmarxistischen Gewerkschaftstheorie  steht,
       wird der Versuch gemacht, die Gewerkschaften aus ihrer historisch
       gewachsenen Nähe  zum freiheitlichen  Sozialismus zu lösen und in
       eine neue Bindung an die vorgeblich einzige Partei für die Arbei-
       terklasse (die  DKP) zu  manövrieren." Sein Beleg: "Das alles ge-
       schieht unauffällig und teilweise verschlüsselt, wirkt suggestiv,
       bleibt aber  für den  kritischen Analytiker  eindeutig feststell-
       bar." Dieses Traktat Beiers im Geiste McCarthys wird von der Bun-
       deszentrale für  politische Bildung  vertrieben. So:  Aus Politik
       und Zeitgeschehen B 41/79, 15. Oktober 1979, S. 27.
       2) Zu solchen  Fehlern gehört  in erster Linie die RGO-Politik in
       den letzten  Jahren der  Weimarer  Republik,  aber  auch  gewerk-
       schaftspoiitische Fehler  zu Beginn  der 50er  Jahre, die u.a. in
       der These  37 derauf  dem Münchner  Parteitag der KPD 1951 verab-
       schiedeten Entschließung  zum Ausdruck  kamen. Vgl.  hierzu:  KPD
       1945-1965, Berlin (DDR), 1966, S. 66/67. Zu den Auswirkungen vgl.
       Rainer Kalbitz,  Gewerkschaftsausschlüsse in den 50er Jahren, in:
       Jacobi/Müller-Jentsch/Schmidt  (Hrsg.),  Gewerkschaftspolitik  in
       der  Krise,   Kritisches  Gewerkschaftsjahrbuch  1977/78,  Berlin
       (West) 1978, S. 159 ff.
       3) Frank Deppe,  Autonomie und  Integration. Materialien  zur Ge-
       werkschaftsanalyse, Marburg 1979.
       4) Vgl. z.B. Autorenkollektiv des Instituts für Gesellschaftswis-
       senschaften  beim   ZK  der   SED,  Der  Imperialismus  der  BRD,
       Frankfurt/M. 1971.  Dort wird der "qualitativ neue Charakter" der
       gewerkschaftlichen Interessenvertretung  daraus  abgeleitet,  daß
       der Staat  als unmittelbarer  Kontrahent in  Arbeitskämpfen  auf-
       tritt. Die  Sicherung der Reproduktion der Arbeitskraft erfordere
       deshalb  die   Eroberung   politischer   Positionen   durch   die
       Arbeiterklasse; ein  Ziel, auf das die Gewerkschaften ihre Tätig-
       keit ausrichten  müßten (S. 596). Die Gewerkschaften müßten "eine
       langfristig  konzipierte   Strategie  gegenüber  dem  staatsmono-
       polistischen  Kapitalismus"  entwickeln,  weil  sonst  unter  den
       heutigen Bedingungen  auch die  unmittelbaren Tagesinteressen der
       Arbeiterklasse auf  die Dauer nicht verteidigt werden könnten (S.
       599).
       5) Gemeint ist F. Deppe, Autonomie..., a.a.O.
       6) Vgl. hierzu  Gert Hautsch und Klaus Pickshaus, Integration und
       Gewerkschaftsanalyse. Zur Diskussion einiger gewerkschaftstheore-
       tischer Ansätze  in der Bundesrepublik; in: Marxistische Studien,
       Jahrbuch des  IMSF Nr. 2, Frankfurt/M. 1979, S. 245 ff. Vgl. auch
       die Rezension  zu Deppes  Buch durch  Heinz Jung  in Marxistische
       Blätter Heft 4, Frankfurt/M. 1979, S. 94 ff.
       7) Besonders deutlich  wird dies bei Lohn- und Gehaltsforderungen
       der Gewerkschaften  im öffentlichen  Dienst  an  den  Staat,  die
       manchmal auch  schon als  'politische Forderungen' aufgefaßt wer-
       den. Eine  solche schematische Einteilung erfaßt die Wirklichkeit
       nur unzureichend.
       8) Diese Interpretation  findet sich  u.a. auch bei Thomas Hagel-
       stange, Der Einfluß der ökonomischen Konjunktur auf die Streiktä-
       tigkeit und  die Mitgliederstärke  der Gewerkschaften  in der BRD
       von 1950 bis 1975, Stuttgart 1979, S. 188 ff.
       9) Als Beispiel  können unterschiedliche  Konkretisierungen einer
       wichtigen gewerkschaftspolitischen Forderung, der Arbeitszeitver-
       kürzung dienen. Die Gewerkschaft NGG orientiert dabei - unter in-
       direkter Absetzung  von der DGB-Forderung nach 35-Stunden-Woche -
       auf gruppendifferenzierte  Regelungen, die ausschließlich mit be-
       sonderen Arbeitsbelastungen  bestimmter Teile  der  Belegschaften
       begründet werden.  Die IG Druck und Papier - und ähnlich auch die
       IG Metall  - hat  ihre Forderung  nach 35-Stunden-Woche  als eine
       allgemeine Antwort  auf die Rationalisierungsstrategie der Unter-
       nehmer verstanden.
       10) Vgl. als  Beispiele Helmuth  Kolbe, Probleme der Lage und des
       Kampfes der  Arbeiterklasse im  Staatsmonopolistischen Kapitalis-
       mus, in: Wirtschaftswissenschaft, Heft 4, Berlin 1973; Peter Heß,
       Reproduktionsbedingungen der  Ware Arbeitskraft und Krise der ka-
       pitalistischen Gesellschaft,  in: ebenda,  Heft 5  /1975;  S.  I.
       Tjulpanow, Die  marxistisch-leninistische Mehrwerttheorie und die
       Gegenwart,  in:   Autoren-Kollektiv,  Kapitalistische  Ausbeutung
       heute, Berlin (DDR) 1977.
       11) Vgl. F. Deppe, Autonomie..., a.a.O., S. 97 f.
       12) Bei Lelio Basso, auf dessen Ausführungen sich Deppe in dieser
       Frage stützt  (z. B.  S. 146  f.), klingt  die Fassung dieses Be-
       griffs teilweise mißverständlich.
       13) Vgl. Karl  Marx, Inauguraladresse  der Internationalen Arbei-
       ter-Assoziation (1864), in MEW Bd. 16, S. 11, wo er die englische
       'Zehnstundenbill' als  "Sieg der  politischen Ökonomie der Arbeit
       über die politische Ökonomie des Kapitals" bezeichnete.
       14) Vgl. Projektgruppe  Gewerkschaftsforschung, Die  Austauschbe-
       ziehungen zwischen Kapital und Arbeit im Kontext der sozio-ökono-
       mischen Entwicklung,  Zwischenbericht - Erster Teil, Frankfurt/M.
       1976, S. 23.
       15) Oskar Negt, Zur Dialektik der Übergangsperiode in Westeuropa.
       Lelio Bassos  Konzeption der  revolutionären Transformation;  in:
       Probleme des Klassenkampfs (Prokla), Heft 34, Westberlin 1979, S.
       9 f.
       16) Konsequenterweise entwickelt  Negt denn auch noch eine dritte
       "antagonistische Logik":  die der Transformationsperiode (a.a.O.,
       S. 16).  Eine solche Kategorie wird unsinnig, wenn man von objek-
       tiven Interessen der Arbeiterklasse bezüglich der gesellschaftli-
       chen Entwicklung  ausgeht, deren Ausdruck die Logik der Arbeiter-
       klasse ist.
       17) Vgl. IMSF (Hrsg.), Mitbestimmung als Kampfaufgabe, Köln 1971,
       S. 263 ff.
       18) Dies trifft  z.B. auf die bekannte Studie des Frankfurter In-
       stituts für  Sozialforschung zu.  Vgl. J.  Bergmann/O.  Jacobi/W.
       Müller-Jentsch, Gewerkschaften  in der  Bundesrepublik, Bd. 1, 2.
       Aufl., Frankfurt/Main 1976.
       19) Wolfgang Streeck,  Gewerkschaftsorganisation und industrielle
       Beziehungen. Einige  Stabilitätsprobleme industriegewerkschaftli-
       cher Interessenvertretung und ihre Lösung im westdeutschen System
       der  industriellen  Beziehungen,  in:  Politische  Vierteljahres-
       schrift, Heft  3, September  1979, S.  242. Eine gekürzte Fassung
       dieses Aufsatzes erschien unter gleichlautendem Titel in: Gewerk-
       schaftliche Monatshefte 11/1979, S. 721-733.
       20) Walther Müller-Jentsch,  Neue Konfliktpotentiale und institu-
       tionelle Stabilität,  in: ebenda, S. 274. Bei dem Aufsatz handelt
       es sich  um eine überarbeitete Fassung des gleichnamigen Referats
       von Müller-Jentsch  auf dem  19. deutschen Soziologentag in West-
       berlin 1979,  auf das  ausführlicher im  Jahrbuch 2/1979 des IMSF
       eingegangen wurde. (Vgl. Hautsch/Pickshaus, a. a. O.)
       21) Projektgruppe Gewerkschaftsforschung, a.a.O., S. 119.
       22) F. Deppe, Autonomie..., a.a.O., S. 109.
       23) Ebenda, S. 123.
       24) Ebenda, S. 98.
       25) Ebenda, S. 104.
       26) Ebenda, S. 190.
       27) Vgl. ebenda, S. 191 ff.
       28) W. Müller-Jentsch, a.a.O., S. 273/4.
       29) Klaus von Beyme, Gewerkschaften und Arbeitsbeziehungen in ka-
       pitalistischen Ländern, München 1977, S. 25/26.
       30) Vgl. F. Deppe, Autonomie..., a.a.O., S. 75 ff.
       31) Beyme, a. a. O., S. 22/23.
       32) Vgl. zum Beleg: C. W. Witjes, Gewerkschaftliche Führungsgrup-
       pen. Eine empirische Untersuchung zum Sozialprofil, zur Selektion
       und Zirkulation  sowie zur  Machtstellung  westdeutscher  Gewerk-
       schaftsführungen, Westberlin  1976, S. 119-123 und J. Bergmann/W.
       Müller-Jentsch, Gewerkschaften  in der Bundesrepublik, Bd. 2: Ge-
       werkschaftliche Lohnpolitik im Bewußtsein der Funktionäre, Frank-
       furt/Main 1977, S. 277.
       33) Vgl. zu den Fehlem der kommunistischen Bewegung in diesem Zu-
       sammenhang den  Beitrag von  Georg Fülberth  in diesem  Jahrbuch.
       Vgl. auch: Lothar Peter, Überlegungen zur Analyse der RGO-Politik
       am Ende  der Weimarer Republik, in: Deppe/Gerns/Jung(Hrsg.), Mar-
       xismus und  Arbeiterbewegung, Josef Schleifstein zum 65. Geburts-
       tag, Frankfurt/Main, 1980, S. 40 ff.
       34) Dies ist  das Anliegen von Bodo Zeuner, "Solidarität" mit der
       SPD oder  Solidarität der Klasse? Zur SPD-Bindung der DGB-Gewerk-
       schaften, in: Prokla 26, S. 3-32. Zeuner will die SPD-Bindung mit
       einer "generalisierten Staatsfixierung" der Arbeiterklasse erklä-
       ren. Demgegenüber  sehen  Rainer  Deppe/Richard  Herding/Dietrich
       Hofs die  Ursache in  der "Wiederherstellung der 'Arbeitsteilung'
       zwischen Gewerkschaften  und SPD  in der  Nachkriegszeit". Dies.,
       Zum Verhältnis von Sozialdemokratischer Partei und Gewerkschaften
       in der Klassenbewegung, in: J. Bergmann (Hrsg.), Beiträge zur So-
       ziologie der Gewerkschaften, Frankfurt/Main 1979, S. 183 ff.
       35) "In der Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung der BRD ist das
       Wirken zweier wesentlicher Strömungen sichtbar. Im DGB wirkt eine
       marxistische Strömung,  deren Kern  die Kommunisten bilden... Die
       im DGB dominierende sozialdemokratische Strömung tritt in den ge-
       werkschaftspolitischen Fragen  nicht einheitlich  auf." Vgl.  Der
       Imperialismus der BRD, a.a.O., S. 603/4.
       36) Vgl. J. Bergmann u.a., Gewerkschaften..., a.a.O., S. 32 ff.
       37) Vgl. F.  Deppe,  Autonomie...,  a.a.O.,  S.  179  ff.  Ebenso
       Hautsch/Pickshaus, a.a.O., S. 245 ff.
       38) J. Bergmann, Organisationsstruktur und innergewerkschaftliche
       Demokratie, in:  J. Bergmann  (Hrsg.), Beiträge.  .., a.a.O.,  S.
       218/9.
       39) Johannes Henrich  von Heiseler, Arbeiterbewußtsein und Krise,
       in: Marxistische  Studien. Jahrbuch  des IMSF  1,  Frankfurt/Main
       1978, S. 278.
       40) F. Deppe, Autonomie..., a.a.O., S. 164
       41) W. Petschick/J. Schleifstein/H. Schlüter, Der gewerkschaftli-
       che Kampf  der westdeutschen Arbeiterklasse, in: Das Argument 62,
       Dezember 1970, S. 828 ff.
       42) Ebenda. Vgl. auch F. Deppe, Autonomie..., a. a. O., S. 142.
       43) Vgl. zum  Beispiel die Haltung zur Mitbestimmung. (Mitbestim-
       mung als  Kampfaufgabe, a.a.O.,  S. 54 ff.) Diese Richtung inner-
       halb der  DGB-Gewerkschaften ist  dabei keineswegs  als politisch
       einheitlicher Block  zu sehen. Zu beachten ist auch, daß die Hal-
       tung der  CDU/CSU gegenüber  der Einheitsgewerkschaft immer zwie-
       spältig gewesen  ist. Unter  dem Motto  des  "Gewerkschaftsplura-
       lismus" wurde  und wird  gleichzeitig der  Aufbau und  die Unter-
       stützung  insbesondere  des  reaktionären  "Christlichen  Gewerk-
       schaftsbundes" als Spaltungs- und Druckinstrument betrieben. Vgl.
       hierzu Frank Deppe/Witich Roßmann, "Gewerkschaftspluralismus" und
       "repressive Integration",  in: F.  Deppe  u.a.,  Strauß  und  die
       Gewerkschaften, Köln  1980, S.  32 ff.  Der gesamte  Komplex  der
       christlich-sozialen Strömung  sollte unbedingt intensiver von der
       marxistischen Gewerkschaftsforschung beachtet werden.
       44) So Norbert Blüm, Reform der Gesellschaft durch Reform der Ge-
       werkschaft, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 8/1979, S. 466 ff.
       Vgl. auch  ders., Gewerkschaften  zwischen Allmacht und Ohnmacht,
       Stuttgart 1979.
       45) F. Deppe, Autonomie..., a.a.O., S. 167 f.
       46) Georg Fülberth/Jürgen  Harrer, Die  deutsche Sozialdemokratie
       1890-1933, Darmstadt und Neuwied 1974, S. 11.
       47) Ebenda, S. 14.
       48) Ebenda, S. 16.
       49) So zum  Beispiel in der neueren Analyse: Akademie für Gesell-
       schaftswissenschaften beim ZK der SED, Staatsmonopolistischer Ka-
       pitalismus und  Opportunismus, Berlin (DDR), 1979. Es werden zwar
       immer wieder die Differenzierungen im "Sozialreformismus" betont,
       jedoch nicht  systematisch und begrifflich ausgeführt. ("Die Kom-
       munisten beachten  die ideologischen und politischen Unterschiede
       zwischen den  einzelnen Richtungen  im Sozialreformismus  und be-
       rücksichtigen sie in der ideologischen Auseinandersetzung mit so-
       zialreformistisch orientierten Kräften." S 125)
       50) Vgl. Petschick/Schleifstein/Schlüter, a.a.O.
       50a) Wobei zu  beachten ist,  daß sich  dieses Urteil nur auf die
       Gewerkschaften als  Organisationen und  ihre jeweilige  durch Be-
       schlußgremien formulierte  und die Vorstände praktizierte Politik
       beziehen kann.  Selbstverständlich bestehen  und wirken die gene-
       rell für  den DGB  charakteristischen Strömungen  und  Positionen
       auch in der Regel in den Einzelgewerkschaften.
       51) Vgl. Autorenkollektiv, Arbeitskampf an neuen Fronten, Soziale
       Bewegungen Nr. 8, Frankfurt/Main 1980, hier das Kapitel zur HBV.
       52) Vgl. o.  Verf.: Bildungsarbeit  in der  Einheitsgewerkschaft,
       in: Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus, 5/1979, S. 105.
       53) Vgl. Klaus  v. Beyme,  Vielfalt in  der Gemeinschaft: Gewerk-
       schaften in Europa, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 3/1980, S.
       191 f.
       54) Vgl. Norbert Blüm, Reform..., a.a.O., S. 470.
       55) Ein Beispiel  ist der Entwurf für ein neues DGB-Grundsatzpro-
       gramm. Dort stehen in der Präambel zwei Linien des gewerkschafts-
       und gesellschaftspolitischen Selbstverständnisses unverbunden und
       offen widersprüchlich  nebeneinander: Einerseits wird die Politik
       der Einheitsgewerkschaft  auf den Interessengegensatz von Kapital
       und Arbeit bezogen und Autonomie als Klassen- und Gegenmachtauto-
       nomie bestimmt, andererseits wird die Aufgabe gestellt, - am Aus-
       bau des  sozialen Rechtsstaats  und an der demokratischen Gestal-
       tung der  Gesellschaft mitzuwirken und den Kampf um die Gleichbe-
       rechtigung der  Arbeitnehmer  fortzusetzen".  Vgl.  hierzu  Frank
       Deppe, Zur  Diskussion um das neue Grundsatzprogramm des DGB, in:
       IMSF (Hrsg.), DGB wohin?, 2. Auflage, Frankfurt/Main 1980, S. 31.
       56) Vgl. o.  Verf., Sozialistische Politik im Sozialstaat, Thesen
       zur strategischen  Orientierung der  sozialistischen Linken,  in:
       Beiträge zum  wissenschaftlichen Sozialismus,  Heft 29,  Hamburg,
       Mai 1980, S. 34.
       57) Vgl. Fußnote 52.
       58) Vgl. Sozialistische Politik..., a.a.O., S. 36.
       

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