Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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       STREIKS UND GEWERKSCHAFTLICHE GEGENMACHT
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       Funktion und Entwicklungstendenzen von Streiks
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       in der Bundesrepublik
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       Klaus Pickshaus
       
       1. Zur  theoretischen Bestimmung  des Streiks - 2. Die staatliche
       Regulierung des  Streiks -  3. Zur Analyse langfristiger Entwick-
       lungstendenzen des  Streiks -  3.1 "Kampfzyklen"  und Triebkräfte
       der Streikentwicklung  - 3.2  Streik und gewerkschaftliche Gegen-
       machtbildung - 4. Schlußbemerkungen
       
       Die siebziger Jahre sind in der Geschichte der Bundesrepublik das
       Jahrzehnt mit  der höchsten  Streikintensität, zugleich aber auch
       eine Periode,  in der  zahlreiche neue Konfliktfelder und soziale
       und politische  Bewegungen sichtbar  wurden. Die  Bestimmung  des
       Stellenwerts der  jeweiligen Konflikte, des Verhältnisses "alter"
       und "neuer"  sozialer Bewegungen und ihrer Bedeutung für die Sta-
       bilität des  politischen Systems  hat theoretische und politische
       Diskussionen in  den letzten  Jahren bestimmt.  Dabei ist - trotz
       zahlreicher Streikkämpfe  - die These einer "Abnahme traditionel-
       ler Formen von Klassenauseinandersetzungen" vertreten worden. 1)
       Bestimmend für  die aktuelle Diskussion ist, daß die Streikkämpfe
       der 70er  Jahre im  Großen und  Ganzen im  traditionellen  Rahmen
       blieben, die Politisierung dieser Konflikte begrenzt war und sich
       auch in der Krise kein relevantes systemkritisches Potential ent-
       wickelte, während von den erstarkenden neuen Bewegungen (Ökologie
       usw.) wichtige politische Impulse ausgingen.
       Zweifellos sind  deshalb Fragestellungen nach den Mechanismen der
       "Segmentierung, Dezentralisierung  und Partialisierung der Inter-
       essenlagen und  Konflikte" relevant  2). Dabei  sollten aber auch
       die Momente  untersucht werden, die in der objektiven Klassenkon-
       stellation und  in der Politik der Organisationen auf Vereinheit-
       lichung und Verallgemeinerung der Kämpfe drängen. Hier soll es in
       erster Linie  um den  Stellenwert, die Regulierungsformen und den
       "Ertrag" der "traditionellen" Klassenauseinandersetzungen, insbe-
       sondere des Streiks, gehen.
       
       1. Zur theoretischen Bestimmung des Streiks
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       In der  kapitalistischen Gesellschaft  existieren zahlreiche  ge-
       sellschaftliche Konflikte;  Streiks stellen nur eine ihrer Formen
       dar und haben in der Bundesrepublik oft einen höchst ritualisier-
       ten Charakter.  Die  Frage  nach  dem  heutigen  Stellenwert  des
       Streiks und  seiner Funktion  für die  politische Entwicklung hat
       also als erstes die Spezifik aufzuspüren, die diese Form des Kon-
       flikts von anderen unterscheidet.
       Konflikte sind  der Ausdruck der scharfen Entgegensetzung der ob-
       jektiven Positionen  sozialer Gruppen. 3) Ihnen liegen Widersprü-
       che der  gesellschaftlichen Verhältnisse  zugrunde; sie  sind die
       konzentrierteste Form  des Austragens  dieser  Widersprüche.  Der
       Streik als  Form des  "industriellen Konflikts"  verweist auf die
       Produktionssphäre als  Grundlage und Ursache wesentlicher gesell-
       schaftlicher Konflikte.  Streiks sind  keineswegs eine  beliebige
       Form sozialer  Konflikte -  wie dies  die Konfliktsoziologie  be-
       hauptet - oder nur für eine bestimmte Entwicklungsphase des Kapi-
       talismus typisch,  wie Vertreter  des Kapitals es gerne sähen. 4)
       Positionen, die den Streik eher als pathologische Erscheinung ab-
       handeln wollen,  ist zurecht  entgegengehalten worden: "Besonders
       durchsichtig ist  dabei die  Position derjenigen, die Streiks als
       nur psychologisch  zu erklärende  Querelen abtun: sie profitieren
       am meisten  von der  Erhaltung des  Status quo und haben folglich
       kein Interesse,  die Existenz antagonistischer Interessenlagen in
       der kapitalistischen Gesellschaft ausdrücklich anzuerkennen. Alle
       Partnerschaftsideologien haben  hier ihren  Ausgangspunkt. Demge-
       genüber kommen  diejenigen, die im Streik den lebendigen Ausdruck
       des Klassenkampfes sehen, der Wirklichkeit offensichtlich näher."
       5)
       Die Bedeutung  des Streiks als einer Form gesellschaftlicher Kon-
       flikte ergibt sich aus den spezifischen sozialen Verhältnissen in
       der Produktionssphäre, konkret aus dem antagonistischen Charakter
       der sozialen Beziehungen, der im Kapitalismus durch die Monopoli-
       sierung des Eigentums an der Produktion und ihren Produkten durch
       die besitzende Klasse und die Eigentumslosigkeit der produzieren-
       den Klasse  bedingt ist. Der Klassencharakter der sozialen Bezie-
       hungen wird  unter diesen Umständen auf allen Ebenen und in allen
       Bereichen der Gesellschaft relevant.
       Der Streik  wird hier  also als  eine Ausdrucks-  und Ablaufsform
       antagonistischer Klassenbeziehungen  verstanden. Der Antagonismus
       realisiert sich  in unterschiedlichster Ausformung und Intensität
       der Konflikte der Klassen. Der Streik ist dabei nur eine Form des
       Klassenkampfes, die sich im betrieblichen Bereich zumeist an Fra-
       gen wie  der Bezahlung  der Arbeitskraft  und der Anforderung des
       Kapitalisten an  die Arbeitskraft  bis hin  zur sozialen Stellung
       des Arbeiters  entzündet, die  aber auch - wenngleich in der Bun-
       desrepublik selten - politische Fragen zum Inhalt haben kann. Der
       Streik als Austragungsform des Konfliktes zwischen Lohnarbeit und
       Kapital reduziert  sich von  Ursachen und Inhalt her also keines-
       wegs auf  die Fixierung  des  Lohn-Profit-Verhältnisses.  Er  um-
       schließt direkt  oder indirekt immer auch Fragen der gegensätzli-
       chen gesellschaftlichen  Stellung und Machtpositionen der Antago-
       nisten.
       Mit der  marxistischen Kategorie des "Klassenkampfes" als Austra-
       gungsform der  antagonistischen Interessen und als Triebkraft ge-
       sellschaftlicher Entwicklung  war niemals nur der offene Konflikt
       der Klassen  verstanden worden. Vielmehr sind  l a t e n t e  und
       m a n i f e s t e   Formen des  Klassenkampfes zu  unterscheiden,
       die in  ihrer Abfolge nicht immer zu trennen sind. Konfliktsozio-
       logische Untersuchungen haben die Vielfalt von verdeckten und um-
       geleiteten "industriellen Konflikten" (durch Inhalts- oder Adres-
       satenverschiebung) aufgezeigt.  6) Seltener  sind dies kollektive
       Formen des  Arbeitskampfes (wie die organisierte Leistungszurück-
       haltung), zumeist individuelle, partikularisierte Reaktionsformen
       (wie Absentismus). Ob sich aus einem schwelenden, verdeckten Kon-
       flikt ein offener, direkter Konflikt etwa in Form des kollektiven
       organisierten Streiks  entwickelt, hängt  dabei nicht nur von der
       Verschärfung der  objektiven Entgegensetzung  der Positionen  ab,
       sondern auch  von einer Vielzahl subjektiver und politischer Fak-
       toren.
       Streiks waren hier als eine Ablaufsform antagonistischer Klassen-
       beziehungen bezeichnet  worden. Dies  setzte  schon  voraus,  daß
       Klassenbeziehungen als Machtbeziehungen ein jeweils zu bestimmen-
       des Kräfteverhältnis  ausdrücken, das sich in den jeweiligen Aus-
       einandersetzungen verändern kann. Das heißt zum einen, daß inner-
       halb eines  gegebenen, nur qualitativ zu verändernden Systems von
       Klassenbeziehungen als Beziehungen zwischen einer unterdrückenden
       und einer  ausgebeuteten Klasse nur ein relatives Kräftegleichge-
       wicht existiert,  innerhalb dessen  jede Klasse  ihre sehr unter-
       schiedlichen Machtpositionen  einsetzt, um  Teilinteressen durch-
       zusetzen. Im Gegensatz zu langfristigen strategischen Etappen ist
       das Kräfteverhältnis  in einzelnen  Auseinandersetzungen häufigen
       Veränderungen unterzogen.  Dabei reichen  die Macht- oder besser:
       Gegenmachtpositionen der  Arbeiterklasse im  gegebenen Rahmen nur
       zur Einschränkung und Begrenzung der (herrschenden) Macht der Ka-
       pitals aus.  Streiks sind  also in  diesem Zusammenhang  als  ein
       Kräftemessen der  gegnerischen Klassen zu verstehen, bei dem erst
       im Verlauf  der Aktion  entschieden wird, welche Klasse in dieser
       konkreten Situation  ihre Kräfte  besser zur  Entfaltung  bringen
       kann und ihre Interessen durchzusetzen vermag. Zum anderen bedeu-
       tet dies, daß Streiks eine Form der Konstituierung von Gegenmacht
       der Arbeiterklasse  sind, in  der die objektive Polarisierung der
       Klassenbeziehungen offen  zutage tritt  und die  zur Verschiebung
       der jeweiligen  Machtpositionen im  relativen Kräftegleichgewicht
       führen kann.
       Die Spezifik  des Streiks als eine der wichtigsten Formen gesell-
       schaftlicher Konflikte  im Kapitalismus soll durch drei Gesichts-
       punkte unterstrichen werden:
       a. Auf der  Ebene  konflikttheoretischer  Überlegungen  kann  der
       Streik als Ergebnis der Zuspitzung des Widerspruchs der entgegen-
       gesetzten beiden  Pole Kapital/Arbeit  und des Umschlags in einen
       offenen Konflikt  bezeichnet werden,  dessen relative  Lösung und
       Entspannung durch  Zugeständnisse der  einen oder  anderen  Seite
       möglich ist.  Jede Annahme einer historisch unbestimmten fortlau-
       fenden Verschärfung  von Klassenkonflikten  ist insofern  theore-
       tisch und  empirisch nicht haltbar. 7) Notwendig ist vielmehr die
       konkrete Analyse  der Entwicklung  von Widerspruchskomplexen.  Da
       die Grundlage  des Antagonismus der beiden Hauptklassen durch die
       Eigentumsverhältnisse ständig  aufs Neue  reproduziert wird,  ist
       der Klassenkonflikt  aber auch  nicht  "abstellbar".  Allerdings,
       dies zeigt  etwa der Lohn-Profit-Konflikt, der in erster Linie im
       Rahmen der tariflichen und betrieblichen Lohnbewegungen ausgetra-
       gen wird,  wechselt die  Offenheit, Intensität und Aktualität der
       Konflikte. Längst  nicht in jedem Fall eskaliert das Kräftemessen
       der "Tarifgegner"  bis zum offenen Konflikt. Zeitweilige Entspan-
       nungen erfolgen  immer wieder mit Lohnerhöhungen als Ergebnis des
       gewerkschaftlichen Lohnkampfes oder allgemeiner Arbeitsmarktbewe-
       gungen. Der  Streik ist also eine punktuelle Zuspitzung der stän-
       digen Interessenauseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit.
       b. Der Streik ist nur eine Form des Klassenkampfes. Allein im be-
       trieblichen Bereich  sind zahlreiche  weitere Kampfformen  -  zum
       Teil in  Verbindung mit  dem Streik - bekannt (Demonstration, Be-
       triebsbesetzung usw.).  Im Unterschied zur syndikalistischen Tra-
       dition ist  der Streik als Kampfform von den Marxisten nie mysti-
       fiziert worden. Dabei spielte vor allem die Einschätzung des Mas-
       senstreiks als politischer Streik eine Rolle. 8) Für die heutigen
       Bedingungen ist der Zusammenhang von ökonomischen und politischen
       Streikinhalten zweifellos neu zu bestimmen. Das politisch-inhalt-
       liche Niveau  des Streiks ist immer jeweils konkret zu bestimmen.
       Allerdings ist er diejenige Kampfform, die für die Arbeiterklasse
       am charakteristischsten  ist, die  aus ihrer spezifischen gesell-
       schaftlichen Stellung resultiert. Die einzige effektive Waffe des
       Arbeiters besteht  in der  Verweigerung der  Gebrauchswertnutzung
       seiner Arbeitskraft,  die zur  Brachlegung der toten Produktions-
       mittel und zum Profitverlust für den Kapitalisten führt. Aber nur
       durch den  kollektiven Entzug  der Arbeitskraft  im Streik, durch
       die organisierte Aufhebung der Konkurrenz unter den Anbietern der
       Arbeitskraft, wird dieses Kampfmittel wirksam: D.h., der Grad des
       kollektiven Zusammenschlusses  und der Organisiertheit der Arbei-
       ter entscheidet in erster Linie über die ökonomische Effektivität
       des Streiks als Druckmittel. Zugleich werden jedoch in einem sol-
       chen Konflikt  Elemente eines über die ökonomische Sphäre hinaus-
       reichenden und grundlegenderen Prozesses deutlich. In dieser Dia-
       lektik von Kampf und Organisation entwickelt sich im historischen
       Prozeß die  Arbeiterklasse zu einer gesellschaftlichen Macht, die
       auf die Struktur des Kapitalismus selbst einwirkt.
       c. Insofern sind  Streiks in  der marxistischen  Theorietradition
       immer auch  unter dem  Gesichtspunkt der Formierung der Arbeiter-
       klasse, der  Entwicklung zur Klasse "für sich" betrachtet worden.
       In jedem  Arbeitskampf, auch  solchen mit begrenztem ökonomischen
       Ziel, können  sich Elemente entwickeln, die über den ökonomischen
       Druck auf  den einzelnen Kapitalisten hinausgehen und auf die ge-
       samte Klasse  und den  Staat wirken.  Durch die Polarisierung der
       Fronten in  einer Streiksituation können sozialpartnerschaftliche
       Illusionen durchbrochen  werden, wird die Vereinzelung und Priva-
       tisierung des  Arbeiters durch den solidarischen Zusammenhang des
       Kampfes  zumindest  zeitweise  überwunden.  Die  Bezeichnung  des
       Streiks als "Kriegsschule" bezieht sich eben auf diesen durch die
       polarisierte Kampfsituation  beschleunigten  Bewußtwerdungsprozeß
       ebenso wie auf die Erfahrung und Aneignung von Kampftechniken. 9)
       Der zentrale  Filter zur Erfahrung allgemeiner gesellschaftlicher
       und politischer  Widersprüche sind  die Kämpfe  der Arbeiter.  Im
       Streik wird  nicht nur  teilweise die Konkurrenz in der Arbeiter-
       klasse überwunden,  sondern es  entwickeln und festigen sich auch
       zahlreiche Momente  ihrer Gegenmacht:  Durch die Stärkung des Ge-
       flechts  kommunikativer  Beziehungen,  die  Bildung  von  "Gegen-
       öffentlichkeit" (die  die Einflußnahme auf die offiziellen Medien
       einschließt), die  Entfaltung von Organisationskraft, die auch in
       ihren formellen  "bürokratischen" Strukturen  der zentralisierten
       gewerkschaftlichen  Organisation   auf   ihre   Wirksamkeit   hin
       überprüft werden kann.
       Der organisierte  Streik ist eine Form vereinheitlichten Klassen-
       handelns, dessen  Entwicklungsniveau jeweils  konkret zu untersu-
       chen ist.  Er gewinnt  in dem Maße eine politische Dimension, wie
       er sich  verbreitet und verallgemeinert, durch eine Konfrontation
       mit der  gegnerischen Gesamtklasse und dem Staat geprägt wird und
       dadurch Inhalte eines allgemeinen Klassenkonflikts aufnimmt.
       Die Gegenmachtpositionen  der Arbeiterklasse innerhalb eines kon-
       kreten Systems  der Klassenbeziehungen,  die ja durch sich verän-
       dernde Kräfteverhältnisse  geprägt werden, sind von verschiedenen
       Faktoren abhängig.  Unter diesen Faktoren, zu denen die Organisa-
       tionsstärke der  Arbeiterbewegung,  ideologische  und  politische
       Einflußfaktoren usw.  zählen, sind  die Kämpfe der Arbeiterklasse
       selbst das  dynamischste Element. D.h.: Durch bestimmte statische
       Größen wie  Mitgliederzahlen, Wahlergebnisse, Vertretungspositio-
       nen gesetzte Grenzen werden durch die lebendige Aktion immer wie-
       der rasch  überspült. Insofern  hat die  Analyse der Kämpfe, hier
       vor allem  der Streiks,  eine zentrale  Aussagekraft für das Ent-
       wicklungsniveau gesellschaftlichen Bewußtseins und für die Kampf-
       bereitschaft und  Kampfkraft der  Arbeiterklasse insgesamt, ihrer
       verschiedenen Abteilungen  oder anderer  lohnabhängiger  Gruppen,
       die ja  die Grundlage von Gegenmachtpositionen der Arbeiterklasse
       bilden. Die  Streikentwicklung ist  auch ein  wichtiger Indikator
       für die  Offenheit und  die Intensität der Klassenauseinanderset-
       zung. Der  Streik als Ausdruck des offenen Konflikts läßt deshalb
       auch Rückschlüsse zu auf das jeweilige Muster und Entwicklungsni-
       veau der  Austragungsformen antagonistischer  Klassenbeziehungen,
       die durch sozialpartnerschaftliche Zusammenarbeit von Kapital und
       Arbeit oder  durch konfliktorische,  durch den  offenen Kampf ge-
       prägte Formen  bestimmt sein  können. Die  jeweilige  Entwicklung
       steht natürlich im engen Zusammenhang mit der Stabilität oder der
       krisenhaften Verfassung  der ökonomischen, der sozialen und poli-
       tischen Verhältnisse.  Sie verweist ferner auf die Fähigkeit oder
       Unfähigkeit der  herrschenden Klasse,  Konfliktpotentiale zu  be-
       grenzen oder  zu absorbieren  und ihre  politisch und ideologisch
       hegemoniale Position zu sichern.
       
       2. Die staatliche Regulierung des Streiks
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       Im Unterschied zu neu aufbrechenden Konflikten sind die traditio-
       nellen Konfliktfelder  zwischen Arbeiterklasse  und  Bourgeoisie,
       insbesondere der  kontinuierlich  aktualisierte  Lohn-Profit-Kon-
       flikt, in  hohem Maße institutionalisiert, rechtlichen Normen und
       (von der  Gewerkschaft freiwillig  akzeptierten) "ritualisierten"
       Formen unterworfen.  Ein  solcher  "Institutionalisierungs"-  und
       "Verrechtlichungs"-Prozeß ist  zwar auch  in neuen Konflikten je-
       weils zu beobachten (vgl. etwa in den Auseinandersetzungen um den
       Bau von Kernkraftwerken), der Grad der Normierung und Institutio-
       nalisierung ist  jedoch im  "traditionellen Bereich" als Ergebnis
       eines historisch schon sehr langen Prozesses besonders hoch.
       Der Kampf  der Arbeiterbewegung  führte -  beschleunigt durch ge-
       sellschaftliche Umbrüche  wie die Novemberrevolution - zur staat-
       lichen Anerkennung  des Koalitionsrechts,  des  Streiks  und  zur
       Schaffung eines  kollektiven Tarifvertragswesens.  Die Herausbil-
       dung der  Gewerkschaften zu  stabilen Massenorganisationen zu Be-
       ginn dieses  Jahrhunderts hatte  den Streik  zu einer  potentiell
       schärferen, jedoch  seltener eingesetzten Waffe der organisierten
       Arbeiterklasse gemacht.  Diese Veränderung  der  Kampfbedingungen
       führte in  der Arbeiterbewegung selbst zu theoretischen und poli-
       tischen Kontroversen,  in denen die revisionistische und reformi-
       stische Position  einen Funktionsverlust  des Streiks  prognosti-
       zierte. Nach  Bernstein wird  der Streik  "mehr als latente Kraft
       denn als  in direkte Funktion versetzte Waffe" wirken, "und neben
       ihm wird  von immer grösserer Bedeutung der Tarif- und je nachdem
       auch Schiedsvertrag".  10) Der  Theorie, daß der Streik durch die
       Macht der Organisationen der Arbeiterklasse als "regulative Idee"
       und als  "latente Kraft"  bereits die gesellschaftlichen Verhält-
       nisse verändere,  entsprach auch  die sozialfriedliche Praxis der
       Gewerkschaften. In  den Positionen  Bernsteins und  anderer  kann
       schon eine  Vorwegnahme "gleichlautender Thesen der modernen Kon-
       fliktsoziologie gesehen  werden": "Der  soziale Konflikt  schafft
       neue Normen  und Institutionen;  die Drohung  oder latente Gefahr
       des gewaltsamen Konflikts genügt, diese Wirkung zu erzielen." 11)
       Sie sind  zugleich inhaltliche Grundlage der Konzeptionen des In-
       tegrationismus als Herrschaftsmethode und als politische Strömung
       innerhalb der Arbeiterbewegung, für die die Einbindung der Arbei-
       terklasse und die Konfliktvermeidung bzw. -eingrenzung zu Funkti-
       onsbedingungen der bürgerlichen Demokratie geworden sind. 12)
       Die Prozesse  der "Institutionalisierung  des Klassenkampfes" und
       der "Verrechtlichung  des Streiks",  die selbst auch ein Ergebnis
       des Kampfes  der Arbeiterbewegung um die politisch-rechtliche An-
       erkennung der  Gewerkschaften und  die Durchsetzung staatlich ga-
       rantierter sozialer  Rechte sind, weisen auf eine Veränderung des
       Verhältnisses von  Staat und sozialen Beziehungen im monopolisti-
       schen und  staatsmonopolistischen Kapitalismus  hin. Die Regelung
       der Klassenbeziehungen kann angesichts zunehmender Krisenprozesse
       nicht mehr nur durch den "stummen Zwang der ökonomischen Verhält-
       nisse" erfolgen. Sie erfordert staatliche Interventionen, die Mo-
       bilisierung und  Ausweitung der politischen und ideologischen Ap-
       parate der Klassenherrschaft. Insgesamt ist eine engere Verflech-
       tung ökonomischer  und politischer  Regulierungsprozesse  im  SMK
       feststellbar. Strategischer  Kern der Regulierung ist die staats-
       monopolistische Einkommens-  und Beschäftigungspolitik,  mit  der
       die Bedingungen  des Verkaufs  und Kaufs  der Arbeitskraft beein-
       flußt werden,  um die  freie Entfaltung des Lohnkonflikts zu ver-
       hindern.
       Die Untersuchung  dieser  Institutionalisierungsmechanismen  aus-
       schließlich unter  dem Aspekt  der "Konfliktabsorbtion", wie dies
       in den  systemtheoretisch inspirierten Konzepten der "industrial-
       relations"-Schule und  den Theoremen  der "Rationalisierung" bzw.
       der "Modernisierung  des Arbeitskampfes" geschieht, verstellt al-
       lerdings den  Blick auf  die Widersprüchlichkeit  der realen Ent-
       wicklung 13):
       a. Der formale  Grad der  Institutionalisierung läßt  noch  keine
       Rückschlüsse zu  auf das  Entwicklungsniveau  des  Klassenkampfes
       oder gar  die Schärfe  der Widersprüche.  Er kennzeichnet nur ein
       Entwicklungsstadium der  Klassenbeziehungen, das  deren antagoni-
       stischen Charakter nicht aufhebt, wohl aber die Austragungsformen
       mitprägt. Eruptive  Entwicklungen wie  die spontanen Streiks 1969
       und 1973  zeigen, daß bei einer schnellen Verschärfung der Gegen-
       sätze der  Umschlag in einen offenen Konflikt durch die traditio-
       nellen Formen  nicht verhindert werden kann. Aber auch in der Dy-
       namik sogenannter  "offizieller" Streiks kommt es immer wieder zu
       Grenzüberschreitungen bisheriger  ritualisierter Formen,  die auf
       den rechtlichen  Normierungsprozeß selbst  Einfluß  nehmen  (vgl.
       z.B. die Veränderung der Rechtsprechung zu den Warnstreiks). 14)
       b. Die  Analyse   institutionell-rechtlicher  "Einfriedung"   des
       Streiks hat  die Frage  zu beantworten, warum und wieweit die Ge-
       werkschaften die  Begrenzung  ihrer  eigenen  Handlungsspielräume
       hinnehmen. 15) Dies ist aber nur aus der historisch konkreten Un-
       tersuchung der  Entwicklung der  Kräfteverhältnisse, der  Politik
       der Gewerkschaften, des Massenbewußtseins usw. zu erschließen.
       Die weitgehende Akzeptierung eines klassenübergreifenden Konsens,
       der Verzicht  auf eine  Politisierung gewerkschaftlicher Interes-
       senvertretung und  die weitgehend  kampflose  Hinnahme  der  Ein-
       schränkung der  Arbeitskampffreiheit sind  Momente einer Entwick-
       lung der  Gewerkschaftsbewegung in  den 50er Jahren, die noch von
       der Niederlage  im Kampf  um die "Neuordnung" nach 1945 und einer
       durch wirtschaftlichen Aufschwung und politische Restauration be-
       stimmten Verschiebung  der Kräfteverhältnisse  geprägt waren. Die
       Analyse sollte  also den Blick nicht nur auf die "Institutionali-
       sierungsprozesse", sondern  auf das gesamte politische System der
       Regulierung antagonistischer Klassenbeziehungen richten, das alle
       Mechanismen umfaßt, "die Anpassung, Integration und Konsensus auf
       Seiten der  beherrschten Klasse  produzieren" und  damit erst die
       politische und ideologische Hegemonie der herrschenden Klasse er-
       möglichen. 16)
       Für die  Entwicklung in  den letzten Jahren ist dabei auffallend,
       daß nach  einer zeitweiligen  Verschärfung der  Konflikte (insbe-
       sondere nach  der Mitbestimmungsklage  der Kapitalverbände  1977)
       sich das  Zentrum der  Konsensformulierung bzw.  der Ausarbeitung
       von Kompromissen  von Regierung  und Parlament  zu  den  höchsten
       Gerichten verlagert hat. (Sowohl am Mitbestimmungsurteil des Bun-
       desverfassungsgerichts als auch am Aussperrungsurteil des Bundes-
       arbeitsgerichts ablesbar,  die beide auf die Belebung sozialpart-
       nerschaftlicher Konfliktaustragungsformen zielten. 17)
       c. Die "Institutionalisierung des Streiks" im Rahmen der Regulie-
       rung der  Klassenbeziehungen und  die Auswirkungen  auf die reale
       Entwicklung der  Klassenbewegungen können  nur adäquat untersucht
       werden, wenn  die Herausbildung  von Klassenstrategien im politi-
       schen Raum mit einbezogen wird. Zentraler Inhalt von Klassenstra-
       tegien des Kapitals ist die Regulierung antagonistischer Klassen-
       beziehungen 18),  worunter keineswegs ein mechanischer Prozeß der
       Umsetzung ökonomischer in politische Interessen zu verstehen ist.
       Die endgültige  Formulierung und  Präsentation von Klassenstrate-
       gien des  Monopolkapitals "wird  vielmehr durch einen Block frak-
       tioneller Bündniskonstellationen... gefiltert und durch die ideo-
       logischen Hegemonieapparate  gleichsam 'modelliert'",  19)  Neben
       der Achse Monopolbourgeoisie-Mittel- und Kleinbourgeoisie-Mittel-
       schichten stellt  für den Herrschaftsmechanismus in der Bundesre-
       publik der sozialpartnerschaftliche Konsensus von Kapital und Ar-
       beit die  zweite wesentliche  Achse dar.  Dies war "zugleich eine
       unabdingbare Voraussetzung für die Befestigung' - und damit Aner-
       kennung -  der Einheitsgewerkschaft  im Rahmen  der  herrschenden
       Ordnung und beeinflußte maßgeblich jene Phase des 'sozialen Burg-
       friedens', die  - von einigen wenigen sozialen und gesellschafts-
       politischen Auseinandersetzungen  abgesehen - die Entwicklung der
       BRD vom Ende der 50er bis in die Mitte der 60er Jahre charakteri-
       sierte". 20) Um die Stabilität der Ordnung allerdings langfristig
       zu sichern,  muß die" staatliche Regulierung der Klassenbeziehun-
       gen sowohl  Integrations- als  auch (insbesondere in Krisensitua-
       tionen) Repressionselemente  enthalten, die  je nach  Schärfe der
       Konflikte zum Einsatz kommen.
       Eine Voraussetzung  für die Wirksamkeit der integrativen Klassen-
       strategie ist ihre Absicherung und Fundierung durch die Sozialpo-
       litik. Die Möglichkeit, auf diese Weise Klassenauseinandersetzun-
       gen zu verhindern bzw. zu dämpfen, hängt jedoch zu einem erhebli-
       chen Teil von der ökonomischen Manövriermasse des Staates ab, die
       in den  50er und  60er Jahren  relativ groß  war, in  der zweiten
       Hälfte der 70er und zu Beginn der 80er Jahre aber drastisch redu-
       ziert wurde.  Erst auf  dem Hintergrund der konkreten Analyse der
       Ausformung von  Klassenstrategien, insbesondere  der des Integra-
       tionismus, - für die hier nur einige Momente genannt werden konn-
       ten -  ist die Wirkungsweise institutioneller und rechtlicher Me-
       chanismen zur  Konflikteindämmung zu beurteilen. 21) Die jeweili-
       gen Politikkonzepte  des Kapitals,  die alle Bereiche der Einkom-
       mens-, Arbeitsmarkt-  und Sozialpolitik,  aber auch der Repressi-
       onsapparate umfassen, versuchen alle spontan wirkenden und insti-
       tutionellen Faktoren  zur Domestizierung  der  Arbeiterklasse  zu
       nutzen. Sie  "zielen auf  Passivität, Partikularisierung  und Be-
       scheidung auf  solche Abwehrforderungen, die zentrale Profit- und
       Machtpararneter des  Kapitals nicht  betreffen. Da die Entfaltung
       der gewerkschaftlichen Gegenmacht gebunden ist an die Kollektivi-
       tät, Organisation, Solidarität und Mobilisierung der lohnabhängi-
       gen Klasse,  sichern alle  Prozesse, die das verhindern, zugleich
       die Wirkung  der spontanen  Integrationsmechanismen des kapitali-
       stischen Produktions- und Reproduktionsprozesses und die Wirksam-
       keit der  politischen Machtentfaltung  durch die  Kapitalverbände
       und den Staat zur Systemintegration der Arbeiterklasse." 22)
       Die Aufrechterhaltung des "sozialen Konsenses" und die Gewährlei-
       stung einer  niedrigen Streikrate in der Bundesrepublik ist dabei
       ein zentrales  Datum der Gesamtstrategie der Bourgeoisie, die als
       ein wesentlicher  Vorteil für die internationale Konkurrenzfähig-
       keit angesehen wird.
       
       3. Zur Analyse langfristiger Entwicklungstendenzen des Streiks
       --------------------------------------------------------------
       
       3.1 "Kampfzyklen" und Triebkräfte der Streikentwicklung
       -------------------------------------------------------
       
       Die Entwicklung  der Klassenauseinandersetzungen in der Bundesre-
       publik läßt  sich nach  Niveau und Intensität in Phasen untertei-
       len. Über  die einzelnen Konjunkturzyklen hinweg sind langfristi-
       gere und  für unseren  Zusammenhang entscheidendere "Kampfzyklen"
       in der  Entwicklung der  Arbeiterbewegung zu analysieren, die je-
       weils  spezifische  Konstellationen  der  politisch-ideologischen
       Kräfte, des Bewußtseins der Arbeiterklasse, der ökonomischen Ent-
       wicklung und  der Ausprägung  des politischen  Herrschaftssystems
       und der  Regulierung der Klassenbeziehungen zum Ausdruck bringen.
       23)
       Der  e r s t e  "K a m p f z y k l u s"  umfaßt in der Geschichte
       der Bundesrepublik  die Phase bis Ende der 50er Jahre, in der die
       Restauration der  monopolkapitalistischen Herrschaftsverhältnisse
       abgeschlossen wurde  und sich  das für die BRD spezifische Modell
       des "sozialen  Konsensus", gekoppelt mit dem Ausbau von Repressi-
       onsmaßnahmen  (KPD-Verbot),  herausbildete.  Wie  die  Tabelle  1
       zeigt, ist  diese Periode  durch eine recht hohe Streikintensität
       geprägt, hinter der sich zum Teil heftige Streikkämpfe (mit rela-
       tiv langer  Dauer) verbergen, in denen es um die Verteidigung von
       in der Nachkriegszeit errungenen Positionen ging.
       Die   z w e i t e   P h a s e   ist die  des nur durch den baden-
       württembergischen Metallerstreik  1963  unterbrochenen  "sozialen
       Burgfriedens". Gleichwohl  kündigten sich in den 60er Jahren öko-
       nomische und  politische Krisentendenzen an, denen mit dem Ausbau
       staatsmonopolistischer Regulierung  und einem  Wechsel der Regie-
       rungsmethoden Rechnung getragen wurde.
       
       Tabelle 1:
       Streikintensität in der Bundesrepublik 1949-1978  1)
       
                  Beteiligte Ausfalltage   durchschnitt-  Streikbetei-
       Zeit-                               liche Streik-  ligte je 1000
       periode   -jährlicher Durchschnitt- dauer in       Beschäftigte
                                           Tagen 2)       3) (Beteili-
                                                          gungsrate)
       1949-58    143 271     1 003 996       7,0             8,5
       1959-68     74 800       296 892       4,0             3,7
       1969-78    199 502     1 141 38        5,7             9,0
       _____
       1) einschließlich Aussperrungen
       2) Ausfalltage/Beteiligte
       3) Dekadendurchschnitt der abhängig Beschäftigten
       Quellen: Statistische Jahrbücher  für die Bundesrepublik Deutsch-
       land, lfd.; Stat. Bundesamt, Fachserie l, Reihe 4,3 lfd.; Berech-
       nungen des IMSF
       
       Die  mit  den  Septemberstreiks  1969  einsetzende    d r i t t e
       P h a s e   ist durch einen Aufschwung der Streikbewegung gekenn-
       zeichnet, die  mit einer  allgemeinen politischen Aktivierung und
       reformpolitischen Diskussionen  und Erwartungen  unter der  neuen
       SPD/FDP-Bundesregierung zusammenfiel.  Gegenüber den  60er Jahren
       war bei  der jahresdurchschnittlichen  Streikbeteiligung mehr als
       eine Verdoppelung,  beim Streikvolumen sogar fast eine Vervierfa-
       chung zu  registrieren. 24)  Während in  den 60er  Jahren nur ein
       Jahr mehr  als 500  000 Ausfalltage  zählte, waren es in den 70er
       Jahren 5  Jahre. 1971 und 1978 zeigten sogar die höchsten Streik-
       kennzifffern seit  Bestehen der  Bundesrepublik. Charakteristisch
       ist ferner  die Zunahme  von spontanen Streiks und Warnstreiks in
       Tarifbewegungen. Generell  liegen die  Streikdaten dieser  Dekade
       sogar höher  als die  der 50er Jahre. Die Arbeitskämpfe waren da-
       mals länger,  während in der letzten Dekade häufiger und mit grö-
       ßerer Beteiligung gestreikt wurde.
       Soll jedoch  die Entwicklung nach "Kampfzyklen" einen Sinn haben,
       so können  die 70er  Jahre nicht  als homogene Einheit betrachtet
       werden. Die  Krise 1974/75  kennzeichnet den  Beginn einer  neuen
       Phase und  zugleich ein  Umbruchsdatum in der Geschichte der Bun-
       desrepublik, das  eine tiefgreifende Veränderung der ökonomischen
       Entwicklung und der Kampfbedingungen einleitete. Auf das Wirksam-
       werden überzyklischer  Faktoren einer  Verschlechterung der Kapi-
       talverwertungsbedingungen und  die tiefe  zyklische Krise 1974/75
       reagierte das  Monopolkapital mit  einer neuen  Strategie.  Diese
       Entwicklung einer "zweiten Restaurationswelle", die unter anderem
       mit den  Konzepten der  "Stabilitätspolitik" und  "Modernisierung
       der Wirtschaft" verbunden und in der marxistischen Diskussion als
       privat-monopolistische Entwicklungsvariante  bezeichnet wird, be-
       deutet in  erster Linie  einen verschärften Angriff auf den Lohn-
       und Sozialstandard  der arbeitenden Bevölkerung und ist mit einer
       aggressiveren politischen  Linie gegenüber den Organisationen der
       Arbeiterklasse verknüpft. 25)
       Dieser Kurs,  der eine  Polarisierung der Klassenbeziehungen ein-
       kalkuliert, kam in der Tarif- und Gesellschaftspolitik (Nullinie,
       Mitbestimmungsklage) und  in dem  viermaligen Einsatz von Massen-
       aussperrungen zum  Ausdruck. Wesentlich bestimmt waren die Kampf-
       bedingungen durch die seit der Krise 1974/75 fortdauernde Massen-
       arbeitslosigkeit, die - auch durch den unterschiedlichen Grad der
       Bedrohung für  die verschiedenen  Gruppen - Konkurrenzmechanismen
       unter den  Lohnabhängigen aktivierte. Da die konjunkturellen Auf-
       schwungmomente im  Zyklus 1976 bis 1981 auf die Arbeitsmarktbewe-
       gung keinen wesentlichen positiven Einfluß hatten, wirkte der so-
       ziale und sozialpsychologische Druck auf die arbeitende Klasse in
       der gesamten Periode weiter.
       Die Streikentwicklung in dieser durch schwierige Kampfbedingungen
       und den  Konfrontationskurs des Kapitals geprägten Phase soll nun
       mit der  ersten Hälfte  der 70er  Jahre, in der konjunkturell und
       politisch günstige Bedingungen vorherrschten, verglichen werden.
       
       Tabelle 2:
       Streikintensität in der Bundesrepublik 1969-1980  1)
       
                  Beteiligte Ausfalltage   durchschnitt-
       Zeit-                               liche Streik-
       periode   -jährlicher Durchschnitt- dauer in Tagen 2)
       
       1969-74     211 402   1 084 422         5,1
                  (378 000) 3)
       1975-80     141 516     919 802         6,5
                  (467 000) 3)
       _____
       1) einschl. Aussperrungen
       2) Ausfalltage/Beteiligte
       3) korrigierte Streikzahlen aufgrund eigener Erfassung
       Quellen: Stat. Bundesamt,  Fachserie 1,  Reihe 4,3, lfd., Berech-
       nungen des IMSF
       
       Ein erster Blick auf Tabelle 2 zeigt einen Rückgang der Streikin-
       tensität in  der zweiten  Hälfte der  70er Jahre. Dieser Eindruck
       wird jedoch  bei genauerer  Betrachtung relativiert: Der Rückgang
       betrifft in  erster Linie  die offiziell ausgewiesene Zahl an Ar-
       beitskampfbeteiligten. Die  Zahl der  durchschnittlichen Ausfall-
       tage geht  relativ viel geringer zurück und die durchschnittliche
       Streikdauer steigt  an, was als Indiz für schärfere Konflikte ge-
       wertet werden  kann. Bezieht  man die  vom IMSF auf der Grundlage
       einer alternativen  Arbeitskampfstatistik ermittelten Zahlen ein,
       so ist  sogar eine Zunahme der jahresdurchschnittlich Beteiligten
       zu verzeichnen.  26) Eine Ursache liegt im häufigeren Einsatz von
       Warnstreiks in  Tarifbewegungen und zahlreichen betrieblichen Ak-
       tionen gegen Arbeitsplatzvernichtung und Sozialdemontage, die von
       der amtlichen Statistik meist unberücksichtigt bleiben. Auf jeden
       Fall ist  festzuhalten, daß  die Streikintensität  trotz der ver-
       schlechterten Kampfbedingungen  ein recht  hohes Gesamtniveau be-
       hält, auch wenn sich jährlich starke Schwankungen ergeben.
       Spontane Streiks sind unter diesen Bedingungen allerdings selten.
       Ein größeres Gewicht erhalten die gewerkschaftlichen Organisatio-
       nen und  Führungen für  die Auslösung  kollektiver Gegenwehr. Ein
       wesentlicher Grund  für das  hohe Streikniveau  liegt in der eine
       Polarisierung der  Klassenbeziehungen in  Kauf nehmenden  Politik
       des Monopolkapitals in dieser Periode, die die Gewerkschaften zur
       kämpferischen Verteidigung ihrer Positionen zwang.
       Es ist jedoch auch nach langfristig wirkenden Faktoren zu fragen,
       die die  Motive und  Handlungsprogramme der Arbeiterklasse in den
       sozialen Konflikten  der 70er  Jahre beeinflußt  haben. Dies ver-
       weist auf  die Analyse der zentralen Widerspruchskomplexe und die
       Interessen- und  Bedürfnisstruktur der Arbeiterklasse. Die Unter-
       suchung von  aktionsauslösenden Forderungen der Streikbewegung in
       einem längeren  Zeitraum kann  Aufschluß über  die wichtigen Kon-
       fliktfelder und  mobilisierungsfähigen Interessenbereiche  geben.
       27)
       Die Streikkämpfe 1969 und 1974 waren in erster Linie durch Wider-
       sprüche  der  staatsmonopolistischen  Einkommenspolitik  geprägt.
       Konfliktgegenstände waren  die Diskrepanz  zwischen dem  sozialen
       Symmetrieanspruch der  Politik der "Konzertierten Aktion" und der
       Realentwicklung (Septemberstreiks),  in den  späteren Jahren  vor
       allem der  Gegensatz zwischen  Preis- und Lohnentwicklung. Insge-
       samt ist  ein starker Bezug auf unmittelbar einsehbare, als unge-
       recht empfundene Verteilungsproportionen charakteristisch. 28)
       Die Gegenstände  der Streikkämpfe  nach der  Krise  1974/75  sind
       vielschichtiger. Rationalisierungsprozesse,  Verteidigung von Ar-
       beitsplätzen, Qualifikationssicherung  und Verbesserung  von  Ar-
       beitsbedingungen erfordern  eine genaue Kenntnis der ökonomischen
       Grundprozesse und der Kapitalstrategien. In den betrieblichen und
       regionalen Kämpfen  ebenso wie  in  Tarifauseinandersetzungen  um
       diese Fragen werden stärker und unmittelbarer als im Lohnkonflikt
       gesellschaftliche Zusammenhänge  thematisiert. Fast  alle  großen
       Streiks der  zweiten Hälfte  der 70er  Jahre haben solche oftmals
       mit dem  Attribut "qualitative  Forderung" belegten  Inhalte  zum
       Ausgangspunkt: Streiks  in der  Druck- und Metallindustrie 1978 -
       Abwehr von  Rationalisierungsfolgen; Stahlstreik  1978/79  -  Ar-
       beitszeitverkürzung als  Antwort auf  Krisenprozesse;  Poststreik
       1980 -  Arbeitsbedingungen/Schichtarbeit. Die Kompliziertheit ge-
       werkschaftlicher Politik  in diesen  Konflikten liegt auch darin,
       daß sie  die  differenzierte  Betroffenheit  berücksichtigen  und
       zugleich den  exemplarischen Charakter  und die Elemente der Ver-
       allgemeinerung für die gesamte Klasse aufzeigen muß.
       Aber wie  die Analysen  der Lohnstreiks 1976 und 1978 (Druck- und
       Hafenarbeiterstreiks) zeigen, ging die Kampfmotivation der Arbei-
       ter auch in diesen Lohnauseinandersetzungen über die rein materi-
       elle Forderung  hinaus. So richteten sich die Streiks - insbeson-
       dere der Arbeitskampf in der Druckindustrie 1976 - explizit gegen
       die staatliche wirtschaftspolitische "Krisenlösung"; in die Moti-
       vation ging  auch die  Erfahrung der beschleunigten Rationalisie-
       rungs- und  Arbeitsintensivierungsprozesse ein,  und  es  drückte
       sich der  Anspruch der Arbeiter auf Einflußnahme aus, der sich in
       der Druckindustrie wenig später in präzisen Forderungen konkreti-
       sierte und den Konflikt 1978 bestimmte.
       Solche Veränderungen  und neuen Elemente im System der Motive der
       Streikenden, der  Erweiterung des Inhalts und des politischen Ni-
       veaus der  Forderungen waren  von G.G.  Diligenski  als  Ergebnis
       langfristiger Veränderungen  im gesamten  System der Lebensbedin-
       gungen, der  Sozialpsychologie und  der Bedürfnisstruktur der Ar-
       beiterklasse und  anderer lohnabhängiger  Gruppen analysiert wor-
       den. "Das Wachstum der Bildung und Kultur der Massen, die Vermin-
       derung der  sozialen und  kulturellen Isolierung  der werktätigen
       Schichten, die  Revolution der  Massenkommunikationsmittel -  all
       dies verbreitert den intellektuellen Horizont 'des Durchschnitts-
       menschen' und  erhöht das Niveau jener Forderungen, welche er für
       den eigenen  Lebensinhalt geltend  macht." 29)  In einer Untersu-
       chung des  Bewußtseins und  Kampfverhaltens macht  er darauf auf-
       merksam, "daß  die Arbeitermassen  selbst  in  rein  ökonomischen
       Streiks instinktiv  bestrebt sind,  etwas auszudrücken,  was ihre
       innere Welt  viel mehr  und tiefer berührt als die Forderung nach
       einer Lohnerhöhung  bzw. einer  Verbesserung der Arbeitsbedingun-
       gen". 30)  Dabei kann  die materielle,  ökonomische Forderung die
       Form sein, "die das nichtmaterielle Bedürfnis nach sozialer Würde
       und  Erreichung   eines  höheren  sozialen  Status  zum  Ausdruck
       bringt". 31)  Für das gegenwärtige Kampfniveau in der Bundesrepu-
       blik ist  die Aktualisierung solcher Persönlichkeitsansprüche im-
       mer noch  in starker  Verknüpfung mit  unmittelbaren  materiellen
       Forderungen typisch.
       Die Themen  der Streikkämpfe seit Mitte der 70er Jahre sind nicht
       allein durch  die Krise sondern insbesondere durch die Folgen der
       kapitalistisch angewandten  neuen Technik bestimmt. Dabei handelt
       es sich nicht nur um Forderungen zum Schütze der Arbeitskraft an-
       gesicht der  Intensivierung der Produktions- und Arbeitsprozesse,
       sondern auch  um den  Ausdruck neuer Reproduktionsbedürfnisse auf
       der neuen  Grundlage der  Produktivkraftentwicklung. Der zentrale
       Widerspruch zwischen  dem Erfordernis  und den  Möglichkeiten der
       Persönlichkeitsentwicklung und  deren kapitalistischen  Schranken
       verschärft sich  unter den  Krisenbedingungen. Während bis in die
       70er Jahre  viele aktive  Kräfte der Arbeiterklasse in die Kanäle
       des beruflichen Aufstiegs gesogen wurden (ein Moment, das dem po-
       litischen und gewerkschaftlichen Engagement entgegenwirkt), stößt
       das Erwartungsniveau  der Arbeiter  und Angestellten nun auf sich
       verengende Anforderungen  und Möglichkeiten des Arbeitsprozesses.
       Der "Widerspruch  zwischen den  sich entwickelnden  individuellen
       und kollektiven Bedürfnissen der Arbeiterklasse und der erzwunge-
       nen Beschränkung  ihrer Befriedigung"  wird somit zu einer Trieb-
       kraft des Klassenkampfes. 32)
       Das Wirksamwerden sozialer Bedürfnisse drückt sich in den letzten
       Jahren vor  allem in den neuen sozialen Bewegungen, die nicht vom
       Kern der Arbeiterklasse getragen werden, aus. Dennoch aktualisie-
       ren sich solche Bedürfnisse ebenfalls in der analysierten Zunahme
       nicht-monetärer Forderungen  - Forderungen  nach Verbesserung des
       sozialen Status  in der  Arbeitsorganisation, nach  Sicherung der
       Qualifikation, nach  mehr Freizeit  usw. 33) Sie kommen ebenfalls
       in den Formen der Kämpfe zum Ausdruck: Einem größeren Gewicht ak-
       tiver Streikformen, der Entwicklung eigener kultureller Beiträge,
       der  Entwicklung  neuer  Formen  von  Öffentlichkeitsarbeit  usw.
       Ebenso ist  die starke  Zunahme gewerkschaftlicher Aktivitäten in
       den 70er Jahren, die auch als Ausdruck des Wunsches nach Selbstä-
       tigkeit und  Mitbestimmung gewertet werden kann, als ein weiterer
       Indikator zu sehen.
       
       3.2 Streik und gewerkschaftliche Gegenmachtbildung
       --------------------------------------------------
       
       Der Streik war oben auch unter dem Aspekt der Entwicklung von Ge-
       genmacht der  Organisationen der Arbeiterklasse begriffen worden.
       Die Stärke der gewerkschaftlichen Organisationen besteht ja nicht
       in erster Linie in der Stabilität ihres Massencharakters oder ih-
       ren institutionellen Vertretungspositionen, sondern in der realen
       oder potentiellen  Fähigkeit, die  organisierten Teile der Arbei-
       terklasse in den Kampf zu führen. Wirkliche Gegenmacht beruht auf
       der Fähigkeit  zur Machtentfaltung,  die im offenen Konflikt sich
       realisiert.
       Diese Dialektik  von Kampf  und  Organisation  hatte  schon  Rosa
       Luxemburg in  der "Massenstreikdebatte"  betont: "Die steife, me-
       chanisch-bürokratische Auffassung  will den Kampf nur als Produkt
       der Organisation auf einer gewissen Höhe ihrer Stärke gelten las-
       sen. Die  lebendige dialektische  Entwicklung läßt  umgekehrt die
       Organisation als  ein Produkt des Kampfes entstehen." 34) Die den
       Gewerkschaften gemäße "spezifische Methode des Wachstums" sah sie
       darin, sich  im Kampfe "zu erproben und aus dem Kampfe wieder re-
       produziert hervorzugehen".  35) Die  Aktualität dieser  These für
       die Bundesrepublik  bestätigt sich  darin, daß  der stärkste Mit-
       gliederzuwachs der  Gewerkschaften in  die beiden  Jahrzehnte mit
       der höchsten  Streikintensität fällt,  insbesondere in  die  70er
       Jahre (über eine Million).
       Zugleich hat  der Grad der Streikaktivität innergewerkschaftliche
       Folgen. "Jeder  Arbeitskampf, ob Streik oder Aussperrung, ist nur
       durch aktive Mitwirkung eines jeden Arbeitnehmers der kampfbetei-
       ligten Industriezweige  möglich und dient auf diese Weise zwangs-
       läufig der  Integration der  Massen zu gemeinsamem demokratischem
       Verhalten. Deshalb  führen erfahrungsgemäß  Streiks zu wachsenden
       Mitgliedszahlen der Gewerkschaften und zu erheblicher Intensivie-
       rung ihres  Organisationslebens, wenn  sie verantwortlich geführt
       sind und  wenigstens mit  Teilerfolgen enden." 36) Dabei hängt es
       vom Charakter  der Vorbereitung  bzw. Durchführung und der Verar-
       beitung der Erfahrungen des Streiks ab, ob innergewerkschaftliche
       Demokratisierungsimpulse wirksam  werden oder politische Friktio-
       nen eintreten.
       Der Arbeitskampf  als die zugespitzte, offen konfliktorische Form
       des Gegensatzes  von Kapital  und Arbeit enthüllt am deutlichsten
       die eigentlichen Funktionsbedingungen gewerkschaftlicher Interes-
       senvertretung, die  in der  "Normalität"  des  gewerkschaftlichen
       Alltags oft  politisch-ideologisch "überdeckt" werden. Ein Streik
       entwickelt in dem Maße eine erfolgreiche Dynamik, wie es gelingt,
       die Konkurrenz  unter den  Lohnabhängigen und soziale, politische
       und andere Differenzen zu überwinden und alle vereinheitlichenden
       Momente zu  betonen; den  Gegensatz zum Gegner sichtbar zu machen
       und zuzuspitzen sowie Illusionen über die Neutralität staatlicher
       Gewalt zu  vermeiden; selbsttätiges Handeln zu entwickeln und mit
       einer organisierten  und zentralisierten  Koordination zu verbin-
       den, die  sich auf die Basisaktivität stützt; politisch und ideo-
       logisch den  alleinigen Ausgangspunkt  bei den eigenen Interessen
       und  jenen   der  Gesamtheit  der  Klasse  und  nicht  bei  einem
       "Gesamtwohl" zu suchen, usw.
       Damit sind  wichtige Elemente einer gewerkschaftlichen Klassenpo-
       litik berührt,  die in solchen zugespitzten Situationen mehr oder
       weniger sichtbar werden können und der praktischen gewerkschafts-
       politischen Umsetzung  bedürfen. In jedem Arbeitskampf kommen um-
       gekehrt Defizite  gewerkschaftlicher Organisation  und Politik am
       krassesten zum  Vorschein. "Der  Streik als  'Ernstfall'  gewerk-
       schaftlicher Interessenvertretungspolitik  stellt daher die orga-
       nisationspolitische Funktionsfähigkeit  auf eine  besondere Probe
       und ist  auf betrieblicher wie gewerkschaftlicher Ebene ein Indi-
       kator, für die Reichweite gewerkschaftlicher Macht." 37)
       Die (wenngleich  auch nur zeitweise) Polarisierung der Klassenbe-
       ziehungen im  Streik zwingt  die Beteiligten  zur Parteinahme und
       fördert damit  Erkenntnisgewinn und Lernprozesse über die gesell-
       schaftlichen Kräfteverhältnisse.  Der positive  Zusammenhang  von
       Konflikterfahrung und Bewußtseinsprozessen ist eindeutig. 38) Die
       Herausbildung  von  Streikkadern  in  der  Kampfsituation,  deren
       Grundlage die  besondere Aktivität  und der  entschiedene Einsatz
       für die  Interessen der Streikenden darstellt, kann zur Profilie-
       rung der bisherigen gewerkschaftlichen und betrieblichen Interes-
       senvertreter führen oder aber auch - bei deren Versagen - politi-
       sche Spannungen  und häufig personelle Veränderungen provozieren.
       Die Analyse  der Betriebsrätewahlen seit Mitte der 70er Jahre be-
       legt, daß  sich in sehr vielen Betrieben über die Veränderung von
       politischen Mehrheiten,  zum Teil auch über den Erfolg oppositio-
       neller Listen  ein neuer konflikt-orientierterer Typ von betrieb-
       lichen Gewerkschaftskadern  herausgebildet hat.  Dieser Kader re-
       präsentiert eine  neue Generation,  deren politische Erfahrung im
       wesentlichen durch den "Kampfzyklus" seit Ende der 60er Jahre ge-
       prägt wird und durch eine interessen- und konfliktbezogenere Bil-
       dungsarbeit in  einer Reihe  von Gewerkschaften beeinflußt wurde.
       Auf mehreren  Gewerkschaftstagen 1977  und 1980 (vor allem IG Me-
       tall und IG Druck und Papier) zeigte sich dies in der veränderten
       Delegiertenstruktur, einer  verstärkten Diskussionsintensität und
       einem aktiven, selbstbewußten Intervenieren von Delegierten.
       Nach dem Grad an Arbeitskampferfahrung und der politischen Verar-
       beitungsstruktur der  jeweiligen Gewerkschaft ergeben sich jedoch
       sehr unterschiedliche Konstellationen. Dabei haben Förderung oder
       Behinderung  gewerkschaftlicher   Kampfaktivitäten  selbst  einen
       großen Einfluß  auf die  Herausbildung und  Festigung politischer
       Strukturen. Schon  an anderer Stelle war argumentiert worden, daß
       die Prägung  durch den  Dauerkonflikt zum Kapital für die gewerk-
       schaftlichen Organisationen  charakteristisch ist und daß sie die
       Ausformung politischer Strömungen in der Gewerkschaftsbewegung in
       anderer Weise bestimmt als in politischen Parteien (wie der SPD).
       39) Die Intensität des offenen Konflikts mit dem Kapital steht in
       Korrelation zur  gewerkschaftspolitischen Orientierung: eine hohe
       Konfliktintensität wird  - gerade  unter Bedingungen eines insge-
       samt politisch  niedrigen Niveaus  des Klassenkampfes  - generell
       die Durchsetzung  kämpferischer,  klassenorientierter  Positionen
       begünstigen.
       Die Streikintensität  in der  Bundesrepublik ist in den einzelnen
       Wirtschafts- bzw.  gewerkschaftlichen Organisationsbereichen sehr
       ungleichmäßig entwickelt (vgl. Tab. 3).
       
       Tabelle 3:
       Verteilung der  Streikaktivitäten auf Wirtschaftszweige, bzw. ge-
       werkschaftliche Organisationsbereiche  1969"1980  (einschließlich
       Aussperrungen)
       
              1969     -     1974             1975     -     1980
         Streikbeteiligte Anteil in v.H. Streikbeteiligte Anteil in v.H.
         (jahresdurch-    der an Streiks (jahresdurch-    der an Streiks
         schnittlich)     Beteiligten    schnittlich)     Beteiligten
       
       Bergbau
             3 117           (1,5)               -             (-)
       Eisen u. Stahl
            15 608           (7,4)          27 736          (19,6)
       Metall                    }(74,4)                         }(68,3)
           141 628          (67,0)          69 002          (48,8)
       Chemie
             7 191           (3,4)             856           (0,6)
       Öffentl. Dienst
            27 615          (13,0)           3 449           (2,4)
       Post  4 400           (2,1)           4 270           (3,0)
       Textil und Bekleidung
             1 247           (0,6)             702           (0,5)
       Bauindustrie
               146           (0,1)           1 600           (1,1)
       Papierverarbeitende und Druckindustrie
             5 925           (2,8)          31 965          (22,6)
       Holz- und Kunststoffverarbeitende Industrie
             1 883           (0,9)             443           (0,3)
           -------------------------------------------------------
           208 760          (98,8)         140 023          (99,0)
       _____
       Quelle: Eigene Berechnungen  nach Statistische  Jahrbücher  1970-
       1980; Fachserie 1, Reihe 4.3
       
       Zwei Drittel  bis drei Viertel aller Streikenden in den 70er Jah-
       ren entfallen  auf den  Organisationsbereich der  IG Metall. Dies
       entspricht z.T. der wirtschaftlichen Schlüsselrolle der erfassten
       Industriegruppe, insbesondere der metallverarbeitenden Industrie.
       Der Streikanteil  des Eisen- und Stahlbereiches, der in den letz-
       ten Jahrzehnten  ständig zurückgegangen  war, ist  angesichts der
       Krisenentwicklung sogar  auf 20  Prozent gestiegen.  Aufgrund der
       starken Stellung  des Metallbereichs  besitzt die IG Metall prak-
       tisch eine tarifpolitische Schrittmacherrolle. Die hohe Streikin-
       tensität im Organisationsfeld der IG Metall, die auch in den vor-
       hergehenden Jahrzehnten festzustellen ist, korrespondiert mit der
       Kontinuität relativ  starker kämpferischer  Positionen in  dieser
       Gewerkschaft.
       Beachtenswert ist der Anstieg der Streikanteile der relativ klei-
       nen IG  Druck und Papier in der zweiten Hälfte der 70er Jahre auf
       über 22 Prozent. Mit den beiden offensiv geführten Arbeitskämpfen
       1976 und 1978 hat die IG Druck und Papier neben der IG Metall die
       wichtigsten gewerkschaftspolitischen  Impulse für die Entwicklung
       gewerkschaftlicher Gegenwehr  unter den krisenbestimmten Kampfbe-
       dingungen gegeben.  Auf Metall- und Druckbereich zusammen entfal-
       len in diesem Zeitraum über 90 Prozent aller Streikenden.
       Die Streikaktivität-  im öffentlichen  Dienst, die  zu Beginn der
       70er Jahre erstmalig recht hoch war, ist wieder auf ein niedriges
       Niveau zurückgefallen.  Auffällig ist  der sehr geringe Streikan-
       teil des  Bergbaus, der  Chemie- und der Bauindustrie, die zu den
       großen und  zum Teil  auch traditionellen  Gewerkschaftsbereichen
       gehören. Während im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik der Berg-
       bau (33  Prozent) und das Baugewerbe (4 Prozent) zu den kämpferi-
       schen Teilen der Gewerkschaftsbewegung zählten, hat sich seit den
       50er Jahren ein extrem sozialpartnerschaftlicher und antikommuni-
       stischer Kurs durchgesetzt, der seine Entsprechung in einer weit-
       gehend sozialfriedlichen Praxis findet. 40) Die Angaben zur holz-
       und kunststoffverarbeitenden  Industrie wiederspiegeln  nicht ad-
       äquat die  Streikpraxis der Gewerkschaft Holz und Kunststoff, die
       nahezu jede  Tarifrunde mit einem exemplarischen Arbeitskampf be-
       gleitet.
       In den  offiziellen Übersichten statistisch nicht erfaßt ist auch
       der zunehmende  Warnstreikeinsatz im Organisationsbereich der Ge-
       werkschaft Handel,  Banken und  Versicherungen, Ausdruck einer in
       den letzten  Jahren kämpferisch geprägten Interessenvertretung in
       diesem Angestelltensektor.  Dabei ist eine eigene Dynamik der po-
       litischen Entwicklung  in diesem noch relativ "unbesetzten" Orga-
       nisationsfeld zu  beobachten: Während  in den  traditionellen Ge-
       werkschaftsbereichen die  politisch-ideologischen  Kräfteverhält-
       nisse relativ  konstant ("besetzt") und die Austragungsformen von
       Konflikten "eingeübt"  sind -  was dem  gelegentlichen Warnstreik
       zum Teil den Charakter eines Rituals gibt ", setzt die erstmalige
       Beteiligung an  einem Streik  in den  "neuen Feldern" oft die Be-
       reitschaft zu  weitergehender Infragestellung  tradierter  Normen
       frei. Relativ rasche Politisierungsprozesse und die Herausbildung
       aktiver junger Gewerkschaftskader sind deshalb für diesen Bereich
       typisch. Für  die Bildung des gewerkschaftspolitischen Selbstver-
       ständnisses ist  es außerdem  relevant, daß  die Profilierung der
       HBV sich  in scharfer  Konfrontation zur  sozialpartnerschaftlich
       dominierten DAG vollziehen muß.
       Bei der  IG Metall darf eine starke regionale Konzentration nicht
       übersehen werden: Fast die Hälfte aller Streikenden kommt aus Ba-
       den-Württemberg. Alle wichtigen großen Arbeitskämpfe (1963, 1971,
       1973 und 1978) wurden mit Ausnahme des Stahlstreiks im IG Metall-
       Bezirk Stuttgart  geführt. So  ist die  Streikerfahrung trotz der
       insgesamt hohen Arbeitskampfintensität recht unterschiedlich ent-
       wickelt. Die  enorme gewerkschaftliche  Politisierungswirkung der
       Kampfform der  "neuen Beweglichkeit"  in der  Tarifrunde 1981, in
       deren Rahmen über 2 Millionen streikten, besteht vor allem in der
       bundesweiten Massenmobilisierung,  die in  der Sicht des Kapitals
       zu einer  unkontrollierbaren Dynamik, zu einer "plebiszitären Al-
       ternativbewegung" führt,  "bei der radikale Kräfte an Einfluß ge-
       wännen". 41)
       Trotz dieser  relativierenden Hinweise  ist für unseren Zusammen-
       hang festzustellen, daß auch regional begrenzte Streiks durch die
       Verarbeitung auf den unterschiedlichen Ebenen (Vorstand, Vertrau-
       ensleutekonferenz, Gewerkschaftstag  usw.) die Politikentwicklung
       der Gesamtorganisation  beeinflussen und Bestandteile der Gesamt-
       strategie der Gewerkschaft werden.
       Die Streikpraxis  beeinflußt gewerkschaftspolitische Differenzie-
       rungen, sie kann die Entwicklung kämpferischer, klassenorientier-
       ter Positionen  beschleunigen. Die Entwicklung des Arbeitskampfes
       als "Ernstfall" gewerkschaftlicher Interessenvertretung ist nicht
       nur eines  der Kriterien, das über die Konsequenz dieser Interes-
       senvertretung Auskunft  gibt. Sie  ist einer  der  entscheidenden
       Faktoren des Ausbaus von Gegenmachtpositionen.
       
       4. Schlußbemerkungen
       --------------------
       
       Die Verwendung  von offiziellen Streikstatistiken bei der Analyse
       langfristiger Entwicklungstrends bedarf noch einer generellen Re-
       lativierung: Die  Daten widerspiegeln  im  wesentlichen  nur  die
       quantitativen Aspekte. Die Offenheit und Intensität der Konflikte
       ist ablesbar,  nicht jedoch  ihr Ergebnis,  das politische Niveau
       und die Veränderung des Kräfteverhältnisses.
       In dem  Zusammenhang muß  erneut auf  die Bedeutung  des  "Macht-
       aspektes" im  Streik hingewiesen  werden. In  einer konjunkturell
       günstigen Situation  (wie vor  allem in den 50er und 60er Jahren)
       kann die  gewerkschaftliche Stärke  und das  Streikrisiko für den
       Unternehmer so  groß  sein,  daß  materielle  Erfolge  auch  ohne
       extensiven Streikeinsatz  möglich sind.  Umgekehrt nimmt  der Ar-
       beitskampf unter Krisenbedingungen oftmals sehr erbitterte Formen
       an - auch wenn er nur um "Zehntelprozente" geführt wird -, da der
       Ausgang dieses "Kräftemessen" mitentscheidet über die Ausgangsbe-
       dingungen und  den Verlauf  künftiger Konflikte.  "Damit wird das
       Machtverhältnis organisierter  Klassenverbände, wenn  auch sicher
       nur im  Hinblick auf  begrenzte Zielsetzungen, selbst Konfliktin-
       halt. Das  bedeutet, daß  längerfristig angelegte Traditionen und
       Tendenzen der  Interessenvertretungspolitik geprüft  werden, sich
       bewähren müssen und der Veränderung unterliegen." 42)
       In den 70er Jahren sind unterschiedliche Phasen der Klassenbezie-
       hungen festzustellen. Bemerkenswert ist vor allem die Offensivpe-
       riode der  Arbeiterklasse ab  1969 und  eine noch relativ stabile
       Position in der Phase der beschleunigten Inflation (bis 1973), in
       der verteilungs-  und reformpolitische  Erfolge  errungen  werden
       konnten. Mit  der Stabilitätspolitik  trat dann  die  herrschende
       Klasse zur  Gegenoffensive an  und konnte  in der Phase der Krise
       und der  Stagnation der Arbeiterklasse Niederlagen bereiten (z.B.
       Reallohnabbau).
       In dieser  Phase bestimmte die auf Verschiebung der Machtpositio-
       nen ausgerichtete  Klassenstrategie des Kapitals die konfliktori-
       schen Ablaufsformen  der  Klassenbeziehungen.  Dabei  wirkte  die
       Schärfe der  ausgelösten Konflikte  auf die  Strategiebildung zu-
       rück. Als die Konfrontationspolitik des Kapitals 1977/78 zu einer
       temporären  Infragestellung  der  sozialpartnerschaftlichen  Kon-
       fliktaustragungsformen und einem größeren Spielraum klassenorien-
       tierter  Gewerkschaftspolitik   in  den   Arbeitskämpfen  1978/79
       führte, nahmen die Kapitalverbände eine gewisse Kurskorrektur vor
       und lenkten  nun auf eine "Sozialpartnerschaft niedrigen Niveaus"
       ein. Diese  neue Strategiebildung  vollzieht sich allerdings über
       fraktionelle Auseinandersetzungen  im Lager des Kapitals: Während
       für eine relevante Gruppe des Kapitalverbandes in der Metallindu-
       strie in  der Tarifbewegung  1981 angesichts  zunehmender politi-
       scher Konflikte in der Bundesrepublik (Hausbesetzungen, Ökologie-
       bewegung, etc.) "der Arbeitsfriede... vor allem im Jahr 1981 sei-
       nen Preis wert" war, waren andere Kräfte (innerhalb des Verbandes
       "Gesamtmetall") bereit,  erneut eine  Zuspitzung der Konflikte in
       Kauf zu nehmen. 43)
       Da die  zunehmenden Einschränkungen der Sozialleistungen zu einem
       möglicherweise enormen  Anwachsen von  Konfliktpotentialen führen
       kann, verbinden sich in den Politikkonzepten des Kapitals die An-
       gebote sozialpartnerschaftlicher Austragungsformen in den letzten
       Jahren immer  stärker mit  politisch-ideologischen Kampagnen  des
       Antikommunismus, die auf eine innere Schwächung der einheitlichen
       gewerkschaftlichen Widerstandskraft zielen.
       Für eine  exakte Untersuchung der Widersprüche und Spielräume der
       Regulierung von Klassenbeziehungen und Konfliktdämpfungsmechanis-
       men ist die Beachtung dieser Zusammenhänge mit den Klassenstrate-
       gien und Politikkonzepten des Kapitals unabdingbar.
       
       _____
       1) Joachim Hirsch/Roland  Roth, "Modell Deutschland" und neue so-
       ziale Bewegungen, in: Prokla 40 (Nr. 3, 1980), S. 15.
       2) Ebenda, S. 18.
       3) Vgl. hierzu  Gottfried Stiehler, Der dialektische Widerspruch,
       Berlin (DDR) 1966, S. 105 ff.
       4) "Streik in einer modernen Wirtschaft wie der unseren ist reak-
       tionäres Verhalten. Damit sollte Schluß gemacht werden. Die Part-
       nerschaftsidee muß auch in dieser Hinsicht zum Tragen kommen." So
       nach dem  Druckerstreik 1976  Hans Steimel (Bundesverband Druck),
       Bilanz eines Arbeitskampfes, in: druckweit Nr. 14 v. 20.5.1976.
       5) Zu dieser  Einsicht kam Hans Matthöfer noch 1971 in einer sei-
       ner progressiven "Frühschriften". Ders., Streiks und streikähnli-
       che Formen  des Kampfes  der Arbeitnehmer  im  Kapitalismus,  in:
       Dieter Schneider  (Hrsg.), Zur  Theorie und  Praxis des  Streiks,
       Frankfurt/Main 1971, S. 155.
       6) Vgl. hierzu Rainer W. Hoffmann, Arbeitskampf im Arbeitsalltag,
       Frankfurt/New York 1981.
       7) Eine solche These eines "linearen Trend(s)... zur klassenkämp-
       ferischen Entwicklung"  wird marxistischen Streikanalysen oft un-
       terstellt. So Walther Müller-Jentsch, Neue Konfliktpotentiale und
       institutionelle Stabilität,  in: Politische  Vierteljahresschrift
       3/1979, S.  275. Ähnlich  auch Heinze/Hinrichs/Offe/Olk, Interes-
       sendifferenzierung und  Gewerkschaftseinheit, in: Gewerkschaftli-
       che Monatshefte  6/1981, S. 347/8 und Josef Esser, Gewerkschaften
       in der Krise, Konstanz 1980 (unveröff.), S. 37/38. Allerdings be-
       trachtet die marxistische Theorie des Klassenkampfes die Entwick-
       lung sozialer und politischer Kämpfe nicht als linear fortschrei-
       tende Progression, sondern in Gestalt diskontinuierlicher Schwan-
       kungen, bei  denen "ruhige"  Perioden und eruptive Konfliktphasen
       wechseln.  Dabei   soll  nicht   abgestritten  werden,  daß  auch
       'orthodoxe Marxisten"  (Müller-Jentsch) nicht vor Vereinfachungen
       gefeit sind.
       8) Hier soll  die Problematik  des explizit "politischen Streiks"
       ausgeklammert  bleiben.  Vgl.  hierzu  Heinz-Gerhard  Haupt  u.a.
       (Hrsg.), Polititischer Streik, Frankfurt/Main 1981. Ebenso Sylvia
       Anders, Streiks  im staatsmonopolistischen Kapitalismus, IPW-For-
       schungshefte 3/1980, S. 73 ff.
       9) Friedrich Engels,  Die Lage der arbeitenden Klasse in England,
       in: MEW 2, S. 441.
       10) Eduard Bernstein,  Der Streik, Frankfurt 1920, S. 33, zit. n.
       Edgar Weick,  Theorien des  Streiks, in:  Schneider,  a.a.O.,  S.
       134/5.
       11) Klaus Wiedemann,  Streik und  Streikdrohung, Herford 1971, S.
       36.
       12) Dies bringt  Heinrich Volkmann zum Ausdruck: "Die soziale In-
       tegration der  Arbeiter in  die Gesellschaft und der Zugang ihrer
       Organisationen zur  politischen Macht mildern das Spannungspoten-
       tial der  Ungleichheit, schaffen neue, streikalternative Einfluß-
       möglichkeiten,  aber  auch  disziplinierende  Verbindlichkeiten."
       Ders., Zur  Entwicklung von Streik und Aussperrung in Deutschland
       1899-1975, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 6/1979, S. 357.
       13) Vgl.  hierzu  kritisch  Thomas  Blanke,  Funktionswandel  des
       Streiks im Spätkapitalismus, Frankfurt/Main 1972, S. 80 ff.
       14) Deutlich wurde die Eigendynamik bei den Warnstreiks im Rahmen
       der IG  Metall-Tarifpolitik der "Neuen Beweglichkeit" im Frühjahr
       1981 mit über 2 Millionen Beteiligten. Aus der Sicht des Kapitals
       ergab sich  folgende Gefahr:  "Solche Veranstaltungen haben immer
       emotionale Nebenwirkungen,  die schlimmer sind als der materielle
       Schaden, den  sie verursachen.  Die heile Welt der Sozialpartner-
       schaft geht zu Bruch, wenn sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber ohne
       die Schutzschranke  geregelter Beziehungen einander gegenüberste-
       hen. Aus der organisierten Veranstaltung wird so eine Art sponta-
       ner Begegnung,  die sich  bis an  den Rand des Aufruhrs aufheizen
       kann. Und  die Schwelle  zum Unkalkulierbaren  ist bereits  über-
       schritten." Die Wirtschaftswoche Nr. 15, 3.4.1981, S. 12.
       15) Rainer Erd  untersucht die innergewerkschaftlichen Vorausset-
       zungen der "Verrechtlichungsprozesse". Ders., Verrechtlichung in-
       dustrieller Konflikte, Frankfurt/New York 1978.
       16) Frank Deppe/Heinz  Jung, Entwicklung  und Politik  der  herr-
       schenden Klasse in der Bundesrepublik, in: Geschichte der Bundes-
       republik, Köln 1979, S. 465.
       17) Zur Analyse dieser Tendenz vgl. K. Gerhart u.a., Rückkehr zur
       Sozialpartnerschaft? Soziale  Bewegungen Nr. 9, Hrg. IMSF, Frank-
       furt/Main 1981, S. 27 ff.
       18) Vgl. hierzu  Autorenkollektiv, Arbeiterklasse und staatsmono-
       polistische Regulierung  der Klassenbeziehungen,  IPW-Forschungs-
       hefte 2/1981, Berlin (DDR).
       19) Frank Deppe,  Einheit und  Spaltung als  Konstitutionsproblem
       der Arbeiterklasse, Marburg 1981 (Manuskript), S. 41
       20) Deppe/Jung, a.a.O., S. 469.
       21) Vgl. zum  Integrationismus den  Beitrag von  Gert Hautsch  in
       diesem Band.
       22) Witich Roßmann,  Gewerkschaftliche Streikbewegungen und Hand-
       lungsbereitschaft 1978/79, in Braun u.a. (Hrsg.), Kapitalistische
       Krise -  Arbeiterbewußtsein  -  Persönlichkeitsentwicklung,  Köln
       1980, S. 153.
       23) Vgl. zur Verwendung des Begriffs "Kampfzyklus" Deppe, a.a.O.,
       S. 46 ff.
       24) Walther Müller-Jentsch,  Streiks und  Streikbewegungen in der
       Bundesrepublik 1950-1978,  in: Bergmann (Hrsg.), Beiträge zur So-
       ziologie der Gewerkschaften, Frankfurt/Main 1979, S. 26.
       25) Als "zweite Restaurationswelle" bezeichnet Wolfgang Abendroth
       diese politische  Entwicklung. Ders., Die Entwicklung der BRD und
       die Perspektiven  der Linken, in: Das Argument 104, S. 469. Heinz
       Jung, Die  privatmonopolistische Entwicklungsvariante des staats-
       monopolistischen Kapitalismus  der BRD, in: Marxistische Studien.
       Jahrbuch des IMSF 1/1978, S. 9 ff.
       26) Die im  Rahmen des Archivs Soziale Bewegungen des IMSF ermit-
       telten Daten  werden jährlich  in der  Reihe "Soziale Bewegungen"
       veröffentlicht. Eine  zusammenfassende und  vergleichende Tabelle
       ist zu finden in: IMSF (Hrsg.), Staatsmonopolistischer Kapitalis-
       mus der  Bundesrepublik Deutschland  in Daten  und Fakten, Frank-
       furt/Main 1981,  S. 405.  Da die  Erfassungsmethoden des IMSF-Ar-
       chivs in  den letzten  Jahren verbessert  wurden, ist dadurch be-
       dingt auch ein Anstieg einzubeziehen.
       27) Vgl. zur  Analyse der einzelnen Kämpfe die Streikuntersuchun-
       gen des  IMSF, die  mit der  Septemberstreik-Studie 1969 begonnen
       und in der Reihe "Soziale Bewegungen" fortgeführt wurden.
       28) Vgl. hierzu Witich Roßmann, a.a.O., S. 148.
       29) G.G. Diligenski,  Sozialpsychologie und Klassenbewußtsein der
       Arbeiterklasse im  heutigen Kapitalismus, Frankfurt/Main 1978, S.
       99 (Theorie und Methode, Bd. I).
       30) Ebenda, S. 233.
       31) Ebenda, S. 239.
       32) Konstanze  Wetzel,   Gewerkschaftsbewegung  und   Persönlich-
       keitsentwicklung, Köln 1981, S. 207.
       33) Vgl. hierzu  Witich Roßmann,  Soziale Bedürfnisse und politi-
       sche Kultur. Neue soziale Bewegungen im Schnittpunkt sozialer Be-
       dürfnisse, neuer kapitalistischer Widersprüche und der Krisenten-
       denzen der  späten 70er  Jahre,  Marburg  1980  (Unveröff.  Manu-
       skript).
       34) Rosa Luxemburg,  Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, in:
       Dies., Ausgewählte  politische Schriften,  Bd. 2,  Frankfurt/Main
       1971, S. 75.
       35) Ebenda.
       36) Wolfgang Abendroth,  Die deutschen  Gewerkschaften. Ihre  Ge-
       schichte und politische Funktion, Heidelberg 1954, S. 51.
       37) W. Dzielak  u.a., Belegschaften und Gewerkschaften im Streik,
       Frankfurt/New York 1978, S. 502.
       38) Vgl. hierzu die Auswertung einer Befragung von Gewerkschafts-
       funktionären über  Arbeitskampferfahrungen in:  K.  Gerhan  u.a.,
       a.a.O., S. 45 ff.
       39) Gen Hautsch/Klaus Pickshaus, Klassenautonomie und Einheitsge-
       werkschaft, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 3, Frank-
       furt/Main 1980, S. 98 ff.
       40) Die Streikanteile  der 50er Jahre sind entnommen aus: Walther
       Müller-Jentsch, Streiks und Streikbewegungen..., a.a.O., S. 27.
       41) So der  Geschäftsführer von Gesamtmetall Kirchner laut FAZ v.
       22.4.1981.
       42) W. Dzielak u.a., a.a.O., S. 476.
       43) Handelsblatt v. 15.4.1981. Vgl. zur Fraktionsbildung zwischen
       "Falken" und  "Tauben" bei Gesamtmetall: Hans Janßen, Die Fronten
       werden härter, in: Der Gewerkschafter 7/1981, S. 4/5.
       

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