Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984


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       DER 35-STUNDEN-KAMPF: BEDEUTUNG UND BILANZ
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       Gert Hautsch/Klaus Pickshaus/Klaus Priester
       
       1. Ideologische Reflexion - Faktor neuer Kämpfe - 2. Rahmenbedin-
       gungen und  Ausgangslage -  3. Umbruchsituation der Arbeiterbewe-
       gung - Gewerkschaftliche Strategie in der Krise - 4. Der Arbeits-
       kampf in der Druck- und Metallindustrie - 5. Zukunftsprobleme der
       Betriebs- und Gewerkschaftspolitik
       
       1. Ideologische Reflexion - Faktor neuer Kämpfe 1)
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       Alle großen Kämpfe werden mindestens zweimal gekämpft: in der Re-
       alität und in der ideologischen Reflexion. Selbst ein Sieg in ei-
       nem Arbeitskampf ist nur ein halber Sieg oder vermag sich noch in
       eine Niederlage  zu verwandeln,  wenn er  nicht ideologisch befe-
       stigt und  zu einem Fundament neuer Aktionsfähigkeit der Handeln-
       den wird.  In dieser  Form realisiert sich die Wirkung des Ereig-
       nisses als  richtunggebender Impuls der weiteren Entwicklung. Da-
       bei kann  es nicht  darum gehen,  voluntaristisch alle Kämpfe der
       Arbeiterklasse in  "Siege" umzuinterpretieren,  wohl aber  darum,
       die Interessen in der sich anschließenden ideologischen Auseinan-
       dersetzung klar  zu definieren  und für  die theoretische Analyse
       den Gesamtprozeß der Formierung der Arbeiterklasse zu beachten.
       Nach dem  Arbeitskampf im  Sommer  1984  begann  sehr  rasch  die
       "zweite Runde".  Publizisten der  Bourgeoisie behaupteten die Un-
       sinnigkeit und Überflüssigkeit des Arbeitskampfes, erst recht an-
       gesichts der  materiellen Ergebnisse,  2) denen  die finanziellen
       Opfer der  Streikenden und  anderer Betroffener gegenübergestellt
       wurden.  3)  Gleichzeitig  wurden  die  aktiven  Streikenden  als
       Rechtsbrecher diffamiert,  um die  juristischen Grenzen  des  Ar-
       beitskampfes und der gewerkschaftlichen Betätigung noch nachträg-
       lich und präventiv für künftige Konflikte enger zu ziehen. 4) Die
       klassenorientierten Kräfte  in  den  Gewerkschaften  dürfen  zwar
       nicht die  kritische Auseinandersetzung  mit den Tarifabschlüssen
       verdrängen. Wichtiger  aber wird  die Auswertung  der Erfahrungen
       und die  Suche nach Möglichkeiten, die Ergebnisse gegen das Kapi-
       tal zu  wenden, sein.  Denn die  Abschlüsse sind  kein "für beide
       Seiten befriedigender  Kompromiß", sondern  die vorläufige  Fest-
       schreibung der  gegebenen Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und
       Arbeit.
       Zunächst bleibt festzuhalten, daß dies ein Kampf nach "orthodoxem
       Muster" war. Es waren der traditionelle Klassenkampf und die tra-
       ditionelle Arbeiterklasse,  die  sich,  gewerkschaftlich  organi-
       siert, als Triebkraft des sozialen Fortschritts erwiesen haben.
       Wenn jetzt  eine kritische  Bewertung der Ergebnisse und des Ver-
       laufs des  Arbeitskampfes vorgenommen wird, sollte man sich nüch-
       tern die  Ausgangssituation vergegenwärtigen.  Ein  Großteil  der
       Kritiker wird  zugeben müssen, daß sie angesichts der komplizier-
       ten Krisensituation  und des  Zustands der  Gewerkschaftsbewegung
       eine solche  Aktionsfähigkeit der  Arbeiterklasse, wie  sie jetzt
       demonstriert wurde,  überhaupt nicht  für möglich gehalten haben.
       Es wurde  von vielen  auch nicht  erwartet, daß das traditionelle
       Arbeitermilieu für  eine "qualitative"  Forderung, in  deren kom-
       plexe Struktur  neben beschäftigungspolitischen Aspekten "humani-
       sierungs"- und  freizeit- wie  kulturpolitische Dimensionen  ein-
       gingen, mobilisiert werden kann.
       Sicherlich ging  es bei  diesem Arbeitskampf  in erster  Linie um
       ökonomische Fragen.  Es bestätigte sich aber, daß jede dem System
       aufzuzwingende allgemeine  Regelung auch  politisch durchgekämpft
       werden muß.  Solche Kämpfe  erhalten, wenn sie konsequent geführt
       werden, zwangsläufig  eine politische Dimension. 1984 konnte stu-
       diert werden,  was mit der marxistischen These gemeint ist, poli-
       tische und  ideologische Interessen hingen immer mit ökonomischen
       zusammen. Der  angebliche "Ökonomismus"  und "Klassenreduktionis-
       mus" des  Marxismus 5)  wurde als  Fehlsicht der  Kritiker  bloß-
       gelegt: Was  sich in  den staatlichen Apparaten und in den Köpfen
       der Arbeiter  abspielt, kommt  eben nicht  ohne den  Einfluß  der
       ökonomischen Bewegungen zustande.
       Aber auch für die Analyse der Entwicklungsrichtung der Klassenbe-
       ziehungen ist die Beachtung des Verhältnisses von Ökonomie, Poli-
       tik und  Ideologie entscheidend. Die in "Ruheperioden" des laten-
       ten  Klassenkampfes  immer  wieder  aufgeworfene  Frage,  ob  die
       "Kooperationsbeziehungen"  zwischen   Kapital  und   Arbeit  (als
       "Sozialpakt", Sozialpartnerschaftsbeziehungen  oder  ähnlich  be-
       stimmt) dem  gesellschaftlichen Antagonismus  die soziale Spreng-
       kraft nehmen  können, 6)  vernachlässigt die krisenhafte Entwick-
       lung der  ökonomischen Basis, die eine Polarisierung der Interes-
       sen der antagonistischen Kräfte und einen Umschlag in offene Kon-
       flikte bewirkt.
       Die Analyse eines Arbeitskampfes setzt also die konkrete Untersu-
       chung der  wirksam werdenden  Widerspruchskomplexe, der Umsetzung
       der ökonomischen  Interessen in  die jeweiligen politischen Klas-
       senstrategien und  die Beachtung der politischen Gesamtkonstella-
       tion (parteipolitische Kräfteverhältnisse, politisches Klima, Ni-
       veau der Massenbewegungen usw.) voraus. Wird dies nicht beachtet,
       erscheint für  den oberflächlichen Beobachter leicht das Bild ei-
       nes "abgekarteten  Spiels". In der Realität ist der Streik hinge-
       gen, wie  der jüngste  Arbeitskampf veranschaulichte, ein Kräfte-
       messen der  gegnerischen Klassen, bei dem erst im Verlauf der Ak-
       tion entschieden  wird, welche  Klasse in dieser konkreten Situa-
       tion ihr  Druckpotential besser  zur Entfaltung  bringen kann und
       ihre Ziele durchzusetzen vermag.
       Die Fähigkeit  der Gewerkschaften,  in der Krise die ökonomischen
       Interessen der  Arbeiterklasse in ein strategisches Konzept umzu-
       setzen und die Initiative zu ergreifen, sowie die sichtbar gewor-
       dene Loyalität  mit den  Gewerkschaften haben  demonstriert,  daß
       diese Organisationen  mehr als  nur partikulare Interessenvertre-
       tung oder  Dienstleistungseinrichtungen  für  die  Arbeiterklasse
       sind, sondern  daß sie  im Kern  Klassenorganisationen  geblieben
       sind. 7)
       Als methodischer  Zugang kritischer  Gewerkschaftsanalysen  haben
       sich weder  der Basis/Führung-Gegensatz  noch das eindimensionale
       Gewerkschaftsbild des  "kooperativen Verbandes" als tragfähig er-
       wiesen, weil  hiermit die  gewerkschaftspolitische Ausgangssitua-
       tion des Kampfes nicht erfaßt werden kann. 8) Ein unverzichtbarer
       theoretischer Ansatz  ist die  Differenzierung nach verschiedenen
       gewerkschaftspolitischen Strömungen (integrationistische, sozial-
       reformistische und  marxistische), in denen sich unterschiedliche
       Reaktionstypen auf  die staatsmonopolistische  Vergesellschaftung
       ausdrücken (mit  den Hauptpolen integrationistischer und klassen-
       autonomer Gewerkschaftspolitik).  9) In  der gegebenen  Situation
       bestätigte sich,  daß  bei  relativ  geringem  Entwicklungsniveau
       selbsttätiger Massenkämpfe  den Kadern  und Führungen der Gewerk-
       schaften eine  ausschlaggebende Rolle  zukommt. Dies  ergibt sich
       daraus, daß  in der  derzeitigen Krisensituation  klassenautonome
       und alternative  Aktionsnotwendigkeiten weniger  im spontanen Ba-
       sisdruck als  in der  Formulierung und  Realisierung von  Gewerk-
       schaftshandeln wirksam  werden. Dies gilt offensichtlich, wie die
       Erfahrungen anderer  Länder des staatsmonopolistischen Kapitalis-
       mus (SMK)  und die Formierungsbedingungen der Arbeiterklasse zei-
       gen, generell. Die Durchsetzung klassenautonomer und linker Posi-
       tionen in  Massenorganisationen der Arbeiterklasse, die sozialde-
       mokratisch dominiert  sind, erfolgt  gegenwärtig nicht als Anpas-
       sung an  linke Basisströmungen in der Arbeiterklasse, sondern als
       Reaktion der  sozialreformistischen, gleichwohl  klassenautonomen
       Strömung auf  die Angriffsstrategie  des Monopolkapitals  und des
       SMK. In  den ökonomischen  Kämpfen gelingt  es, wie die Kämpfe in
       der BRD  zeigten, diese  Positionen und Haltungen im Kern der Ar-
       beiterklasse zu  befestigen bzw.  in Massenkämpfen wirksam zu ma-
       chen. Hieraus  ergibt sich  eine  g e s t i e g e n e  B e d e u-
       t u n g   d e r   i d e o l o g i s c h e n   K o m p o n e n t e
       und der  ideologisch-theoretischen Auseinandersetzungen, weil sie
       mit den  Orientierungsprozessen der  Gewerkschaftskader und -füh-
       rungen viel  enger verbunden  sind als  mit  den  Bewußtseinsbil-
       dungsprozessen an der Basis. 10)
       
       2. Rahmenbedingungen und Ausgangslage
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       2.1. Flexibilisierung und Kapitalstrategie
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       Der Arbeitskampf  für die  35-Stunden-Woche kann nur vor dem Hin-
       tergrund der  gegensätzlichen sozialökonomischen  Grundinteressen
       von Kapital  und Arbeiterklasse  verstanden werden. Für die klas-
       senorientierten Gewerkschaften  ging es  darum, nach  zehn Jahren
       Massenarbeitslosigkeit und steigender Arbeitsbelastung, Reallohn-
       und Sozialabbau  eine tarifpolitische  Regelung zu  erzwingen, in
       der eine  andere, den Profitinteressen entgegengesetzte Logik der
       Entwicklung zum  Tragen kommt.  Für das Monopolkapital ging es um
       die Absicherung  seiner wirtschaftsstrategischen  Grundlinie, der
       Modernisierungskonzeption und  Weltmarktorientierung. Diese macht
       im Inneren die Verbesserung der Profitproduktion durch angebotso-
       rientierte Wirtschaftspolitik  und die  Entlastung der Bruttopro-
       fite durch restriktive Sozialpolitik erforderlich. Das beinhaltet
       eine grundsätzliche  Änderung der betrieblichen und gesellschaft-
       lichen Verteilungsverhältnisse  und stellt  das bestehende System
       der Klassenbeziehungen in Frage.
       Die wichtigsten Hebel zur Durchsetzung sind die ökonomischen Dis-
       zipli-nierungsmittel und das staatsmonopolistische Herrschaftssy-
       stem. Die  Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt als wichtigstes Druck-
       mittel wirkt  nur dann, wenn die Übergänge zwischen den verschie-
       denen Stufen  der  Beschäftigung  und  Arbeitslosigkeit  fließend
       bleiben. Das  Kapital benötigt  für den verwertungsgünstigen Ein-
       satz der  hochmodernen Technik  ein möglichst  flexibles Arbeits-
       kräftepotential, um  so rasch und umfassend wie möglich auf Ände-
       rungen der Marktverhältnisse und -strategien reagieren zu können.
       11) Flexibilität  im zeitlichen und örtlichen Einsatz der Lohnar-
       beit ist ein direkter Faktor der Kosteneffektivität moderner Pro-
       duktionsmethoden.
       Diese Interessenlage  dürfte - neben dem Willen nach Änderung der
       sozialökonomischen Kräfteverhältnisse  durch eine  Schwächung der
       Gewerkschaften - der tiefere Grund für den erbitterten Widerstand
       sein, den  das Kapital einer Senkung der Wochenarbeitszeit entge-
       gensetzte. Mit  diesem Widerstand  stand es  sogar im Kontrast zu
       Prognosen aus  dem eigenen  wissenschaftlichen Lager, wo oft auch
       schon von  der 35-  oder gar  30-Stunden-Woche  ausgegangen  wird
       (z.B. in  der VW-Studie 12). Trotzdem sind das System des SMK und
       die in  ihm herrschenden  Kräfte unfähig, dem Rechnung zu tragen.
       Ohne das  Einwirken des  Drucks des  Klassenkampfes von unten und
       von systemoppositionellen  Kräften  erlangen  ausschließlich  die
       Profit- und  Expansionsinteressen für  die strategische Orientie-
       rung Geltung,  und sozialer Fortschritt bleibt auf ein Mindestmaß
       reduziert.
       Bei den  heutigen Flexibilisierungskonzepten des Kapitals geht es
       nicht mehr  nur um die je Betrieb variable Länge des Arbeitstages
       bzw. der  Arbeitswoche; 13) auch der Arbeitskräfteeinsatz während
       der Woche  und von Abteilung zu Abteilung, ja von Arbeitsplatz zu
       Arbeitsplatz soll kurzfristig veränderbar, Jahresarbeitsmenge und
       Lebensarbeitszeit flexibel sein. 14) Zentrales Anliegen des Kapi-
       tals ist  es dabei,  die Betriebszeit  der hocheffektiven Anlagen
       von der  individuellen Arbeitszeit der Beschäftigten abzukoppeln.
       Idealbild ist die bislang vorwiegend im Einzelhandel praktizierte
       "kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit".
       Flexible Arbeitszeiten gemäß den Unternehmerkonzepten bedeuten in
       aller Regel  nicht mehr, sondern weniger Zeitsouveränität für die
       Beschäftigten. Ihr Arbeits- und Lebensrhythmus wird noch mehr den
       kurzfristigen Produktionsbedürfnissen  des  Kapitals  unterworfen
       (Wochenendarbeit, extreme Schichtzeiten, längere Tagesarbeitszei-
       ten usw.).  Außerdem besteht die Gefahr, daß unterschiedliche Ka-
       tegorien von Arbeitskräften mit ungleichem sozialrechtlichem Sta-
       tus geschaffen  werden (Aushilfs-,  Teilzeit-, flexible und Voll-
       zeitkräfte). Die  kollektive Interessenvertretung  durch die  Ge-
       werkschaft kann  durch die  Individualisierung von Interessen und
       die Aufsplitterung  der Belegschaft ausgehöhlt werden, tarifliche
       Normen sollen  tendenziell an Verbindlichkeit verlieren. Flexibi-
       lisierung ist  demnach nicht  nur ein Mittel, um die neue Technik
       uneingeschränkt als "Kriegsmittel des Kapitals" (Marx) einsetzbar
       zu halten;  sie dient auch dazu, das gesamte System der Sozialpo-
       litik umzukonditionieren  ("flexible"  Tarifverträge,  Soziallei-
       stungen, Arbeitsrecht usw.). 15) 1984 wollten die Unternehmerver-
       bände einen  entscheidenden Durchbruch  in dieser Richtung errei-
       chen. Die betrieblichen, ökonomischen und politischen Bedingungen
       hierfür waren günstig.
       
       2.2. Massenkämpfe, politisches Klima
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       und gebremste "Wenderegierung"
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       Die Regierung  Kohl/Genscher war  den Interessen des Kapitals von
       Anfang an besonders verpflichtet. Ihren Wahlerfolg 1983 erreichte
       sie als "Aufschwungpartei" mit Unterstützung der Unternehmer- und
       Selbständigenverbände. Allerdings  läßt sich  die Politik  dieser
       Regierung nicht  einfach unter  die Kategorien Thatcherismus oder
       Reagonomics  subsumieren,   denn  das  klerikale  Spektrum  (CDU-
       "Arbeitnehmerflügel", kirchliche  Sozialinteressen) hat innerhalb
       der bundesdeutschen  Variante des  Konservatismus Gewicht und nö-
       tigt aus dieser Konstellation heraus der konservativen Politik in
       vielen Fragen einen Kompromißcharakter auf.
       Aber auch  unter dem  Anspruch eines  "gebremsten  Thatcherismus"
       blieben für  die herrschende  Klasse die  Ergebnisse der  "Wende"
       bislang enttäuschend.  Die hochfahrenden Ansprüche der "geistigen
       Wende" blieben  schon rasch im Dickicht von Skandalen stecken und
       mit dem  Ruch des Verrats und Treubruchs behaftet. Die Namen Gen-
       scher und  Lambsdorff sind Symbole für dieses Bild in der Öffent-
       lichkeit. Die  Labilität des  konservativen Blocks  von der Basis
       bis zur Spitze ist virulent. Die Regierung selbst hängt vom Fort-
       bestehen der  FDP als  Partei des Bonner Parlaments ab. Diese Um-
       stände sind  als Faktoren,  die das  politische Klima in der Vor-
       streik- und Streikphase geprägt haben, unbedingt zu beachten. 16)
       Sie erklären die nahezu bedingungslose Unterwerfung und Indienst-
       nahme der  Regierung durch das Großkapital in der 35-Stunden-Aus-
       einandersetzung. Im  Spätherbst 1983 mußte die Koalition all ihre
       Energie für die Zustimmung der Bundestagsmehrheit zur Raketensta-
       tionierung gegen die Mehrheitsstimmung im Land aufwenden. Die er-
       sten Monate  des Jahres 1984 waren durch die Affäre Kießling-Wör-
       ner und einige kleinere Skandale (Schwarz-Schilling, Geißler) be-
       stimmt. Dem folgte der Skandal um die Amnestie für Verbrechen bei
       der Parteienfinanzierung,  bei dem die Dreistigkeit der konserva-
       tiven Koalition  einen Höhepunkt erreichte. Sie machte in Verbin-
       dung mit dem dahinterstehenden Korruptionsfall Lambsdorff für je-
       dermann offensichtlich,  daß CDU/CSU  und FDP  die  Parteien  des
       "großen Geldes"  sind, ja daß dieses Kabinett den Kapitalinteres-
       sen regelrecht  verpfändet ist. Das spielte gerade in der Periode
       vor den  Urabstimmungen in der Metall- und, zu Beginn der offenen
       Kampfphase, in  der Druckindustrie  eine große Rolle, weil daraus
       die vorwärtsdrängenden  Kräfte in  den Gewerkschaften die Notwen-
       digkeit begründen  konnten, im Zweifelsfall auch gegen die Regie-
       rung zu kämpfen.
       Ergibt sich  aus der inneren Logik der konservativen Rechtsregie-
       rung, daß  sie  in  diesen  zugespitzten  Klassenkampfsituationen
       nicht nur  offen die Partei des Kapitals ergreifen mußte, sondern
       auch  sehr   unmittelbar  diesen   Interessen   dienstbar   wurde
       (Minister- und  Kanzlererklärungen zur Arbeitszeitfrage, von Blüm
       initiierter "Franke-Erlaß" usw.), so ergibt sich aus ihrer sozia-
       len Basis  eine zunehmende Druckempfindlichkeit in solchen Situa-
       tionen. Gleichzeitig  führte und  führt diese  innere Logik dazu,
       daß sie  ihre Funktion  der Konfliktdämpfung und -schlichtung und
       der Reproduktion  des sozialen Konsensus nicht mehr oder nur noch
       sehr eingeschränkt wahrnehmen kann.
       Das innergesellschaftliche Kräfteverhältnis erwies sich - im Rah-
       men der  gegebenen Herrschaftsformen  - als Grenze für die Durch-
       setzung monopolistischer Interessen. Zur Strategie des Monopolka-
       pitals gehörte  vor allem  die Ausschaltung  der klassenautonomen
       Strömung und ihres Einflusses im DGB. Ziel war (und ist) die Neu-
       formulierung und  -strukturierung der Regulierungsmethoden in den
       Klassenbeziehungen: Der sozialpartnerschaftliche Konsens soll ge-
       sichert und  gleichzeitig soll von den Gewerkschaften ein niedri-
       geres Anspruchsniveau  akzeptiert werden.  Es ging  also nicht um
       die Ausschaltung  der Gewerkschaften insgesamt, wohl aber um ihre
       Schwächung als  handlungsfähige Gegenmacht. Bei einem solchen Re-
       gulierungssystem der  Klassenbeziehungen handelt es sich aber nie
       um eine eherne Struktur, die sich durch ihre eigene Bewegung sta-
       bilisiert. Gegen  solche Vorstellungen  einer  "selbstregulativen
       Anpassung" 17)  kann mit Recht eingewandt werden, daß eine derar-
       tige "Objektivierung nicht mehr erkennen (läßt), wie sie zustande
       gekommen ist,  daß sie  im wesentlichen nur Angehaltene Bewegung'
       ist, und  daß sie  als zu Struktur geronnene Bewegung von sozial-
       ökonomischen  und  politisch-kulturellen  Handlungszusammenhängen
       abhängig ist". 18) Allerdings folgt daraus, daß eine solche Regu-
       lierung ein labiles Verhältnis zwischen antagonistischen Interes-
       sen und  sozialen Kräften  einschließt, die sich bekämpfen, wobei
       die jeweiligen  Kräfteverhältnisse ausschlaggebend für das Ergeb-
       nis sind.
       Die Kapitalvertreter  ignorierten jedoch bei der Bestimmung ihrer
       Strategie und  Taktik gegenüber  der 35-Stunden-Woche  weitgehend
       das veränderte  soziale Klima  in der BRD. Sie glaubten offenbar,
       daß der  Kern der  Arbeiterklasse von  den Protestwellen  und den
       Haltungen, wie sie in den neuen sozialen und der Friedensbewegung
       zum Ausdruck  kommen, noch  nicht erreicht worden sei. Sie gingen
       von einer Situation aus, in der sich, sobald Aufschwungs- und Ar-
       beitsplatzargumente ins Spiel gebracht werden, die Mitglieder ge-
       gen die Funktionäre der Gewerkschaften stellen würden.
       Eine genauere  Beobachtung der Entwicklung hätte dagegen ergeben,
       daß die  Auswirkungen der  Regulierungskrise zwar zunächst in den
       Reproduktionsbereichen in  Gestalt der  neuen sozialen Bewegungen
       zum Durchbruch  kamen; über  kurz oder  lang mußten sie aber auch
       die Kernbereiche  der Arbeiterklasse in der Produktion erreichen.
       19) Im Zentrum der Anti-AKW-Bewegungen Mitte der siebziger Jahre,
       später der  Hausbesetzer-, Frauen-  und Friedensbewegung  standen
       zwar weder  Kräfte der  Bonner Parteien  noch der Gewerkschaften.
       Der Kern  ihrer sozialen  Basis lag  nicht in der Arbeiterklasse,
       sondern in  der Intelligenz  und den lohnabhängigen Mittelschich-
       ten. Gleichwohl  mobilisierten sie  beträchtliche Teile der Kader
       der  Arbeiterbewegung,   die  in  diesen  Bewegungen  Erfahrungen
       sammelten und  eine Bestätigung ihrer Orientierung auf den außer-
       parlamentarischen Kampf erhielten.
       Mit diesen  Bewegungen ist  letztlich ein neues politisches Klima
       entstanden, und mit dem parlamentarischen Durchbruch der Grün-Al-
       ternativen wurde trotz aller Einschränkungen und Widersprüche Be-
       wegung in  die versteinerte  politische Szene  und in die Wähler-
       landschaft gebracht.  Dabei waren weniger politische Klarheit und
       Konsequenz der  Grün-Alternativen bedeutsam als die Demonstration
       der Erfolgsmöglichkeit. Das trug dazu bei, daß sich grün-alterna-
       tive Orientierungen  und Sympathien  auch  im  gewerkschaftlichen
       Linksspektrum ausbreiteten, ohne sich stabil organisatorisch ver-
       ankern zu  können. Es  entstand gegen den innenpolitischen Recht-
       strend und dann gegen die Rechtswende ein oppositionelles Milieu,
       aus dem  sich immer wieder die tragenden Kräfte der verschiedenen
       Bewegungen und Aktionen rekrutierten. 20)
       Umfang und  Tiefe des Einflusses der neuen Bewegungen auf die Ar-
       beiterbewegung zeigten sich am deutlichsten in der Friedensfrage:
       die Überwindung der anfänglichen Distanziertheit; die Bildung ge-
       werkschaftlicher und  betrieblicher Friedensinitiativen; schließ-
       lich der  symbolische Proteststreik  im Oktober  1983,  der  seit
       Jahrzehnten erste  offizielle Streik gegen ein politisches Vorha-
       ben der  Regierung. Im  Frühjahr 1983 hatte die "Wende"-Regierung
       in Sachen Volkszählung ihre erste Schlappe einstecken müssen. Die
       Bundesrepublik wurde  zum Land  mit der  größten Dichte  und  dem
       größten Umfang  außerparlamentarischer Protestbewegungen im kapi-
       talistischen Europa, ja in der kapitalistischen Hemisphäre.
       Symptom und  Ergebnis dieses qualitativen Umschwungs ist die Umo-
       rientierung der  SPD. Sie  ist eine  Reaktion auf die Erosion der
       Wählerbasis der  Partei in  der Spätphase der sozialliberalen Ko-
       alition. Tempo  und Konsequenz dieser Umorientierung zeigen aber,
       daß die Zeit überfällig war. Wichtigste Merkmale sind der erneute
       "Schulterschluß" mit  den DGB-Gewerkschaften  und die Öffnung für
       Fragen der  Ökologie- und Friedensbewegung, um langfristig das an
       die Grünen  verlorene Wählerpotential  zurückzugewinnen. Das  be-
       dingt aber  auch -  mit Verschiebungen - eine stärkere Öffnung zu
       linken Fragestellungen  im gewerkschaftlichen Raum und einen grö-
       ßeren Spielraum  für klassenautonome Kräfte. Diese Wechselwirkung
       war für die Herausbildung einer kämpferischen Linie in der IG Me-
       tall und  ihre Stabilisierung in der IG Druck und Papier von zen-
       traler Bedeutung. Die Bewegung für die 35-Stunden-Woche wurde da-
       durch begünstigt.
       In der  Bundesrepublik hat  sich nicht nur ein höheres Niveau der
       Massenbewegungen und  -kämpfe als früher herausgebildet, auch ihr
       Einfluß auf die politische Entwicklung ist gewachsen. Das ist der
       Hintergrund, vor dem die Auseinandersetzung um die Verkürzung der
       Wochenarbeitszeit vorbereitet  und durchgekämpft  worden ist. Die
       für das  Kapital nächstliegende  - und erfreulichste - Erfahrung,
       nämlich seine Offensivsituation in den Betrieben und an der Sozi-
       alfront, war  also nur  die halbe  Wahrheit. Indem es sie für die
       ganze nahm und darauf seine Strategie und Taktik für den Kampf um
       die Arbeitszeit  aufbaute,  schätzte  es  die  gesellschaftlichen
       Kräfteverhältnisse von Beginn an unrealistisch ein.
       
       3. Umbruchsituation der Arbeiterbewegung -
       ------------------------------------------
       Gewerkschaftliche Strategie in der Krise
       ----------------------------------------
       
       3.1 Betriebspolitik zu Beginn der achtziger Jahre
       -------------------------------------------------
       
       Die neuen politischen Bedingungen und die Veränderung des politi-
       schen Klimas  in der Bundesrepublik beeinflußten die Situation in
       der Gewerkschaftsbewegung ebenso wie die Kräftekonstellationen im
       betrieblichen Bereich.  Dieser stellt  bekanntlich nicht  nur die
       eigentliche Basis  der Entfaltung  gewerkschaftlicher  Gegenmacht
       dar, sondern  der Betrieb  selbst bildet  einen eigenen  "hegemo-
       nialen Raum", d.h. einen "Ort des Kampfes um die ideologische und
       politische Führung  der Belegschaften  - ein  Kampf, der zwischen
       Kapital und Arbeit und zwischen den Strömungen der Arbeiterklasse
       bzw. der Belegschaft geführt wird". 21)
       Die allgemeine Verschlechterung der gewerkschaftlichen Handlungs-
       bedingungen durch  die Krise konkretisierte sich auf der betrieb-
       lichen Ebene. Der Druck der Massenarbeitslosigkeit verstärkte die
       Konkurrenz unter  den Beschäftigten  und zwischen den Belegschaf-
       ten. Entsolidarisierungs- und individuelle Anpassungstendenzen an
       die neuen Realitäten nahmen zu. Dies führte in einigen Fällen so-
       gar zu  freiwilligem Lohnverzicht und zur Frontstellung von Lohn-
       arbeitergruppen gegen die Gewerkschaften, wenn diese die tarifli-
       chen Standards  verteidigen wollten  (Beispiel: ARBED-Saarstahl).
       Für die  Gewerkschaften ergab  sich seit  Beginn der  80er  Jahre
       nicht nur  tarifpolitisch (seit  1980  Reallohnsenkung),  sondern
       auch organisationspolitisch  eine Negativbilanz. Mitgliederverlu-
       ste (DGB:  1982 und  1983 jeweils über 100 000) und vor allem ein
       Rückgang der Vertrauensleutezahlen signalisierten eine Schwächung
       der gewerkschaftlichen  Verankerung im  Betrieb und eine Schrump-
       fung der  aktiven Kerne.  Die IG  Druck und  Papier reagierte auf
       diese Situation  in der  Vorbereitung der 35-Stunden-Bewegung mit
       einem neuen  Konzept gewerkschaftlicher  Betriebsarbeit, das  die
       Zusammenfassung  aller  noch  vorhandenen  aktiven  Kräfte  (Ver-
       trauensleute  wie  Betriebsräte)  in  sogenannten  "betrieblichen
       Aktionsausschüssen" und  deren inhaltliche  Konzentration auf die
       Mobilisierung für die Arbeitszeitverkürzung vorsah.
       Die weitreichendsten  Folgen der  neuen gewerkschaftlichen  Hand-
       lungsbedingungen berühren  die Auseinandersetzung  um  die  poli-
       tisch-strategischen Antworten auf die Krise und damit das Kräfte-
       verhältnis zwischen  den verschiedenen  Strömungen in der Gewerk-
       schaftsbewegung. Die  eingeengten Spielräume für eine sozialpart-
       nerschaftliche Politik schmälern die materielle Basis für Erfolge
       der integrationistischen  Strömung, erweitern  den  Handlungsraum
       für klassenautonome  Kräfte und  polarisieren in vielen Betrieben
       die Fronten  in den  Belegschaften und Vertretungsgremien. Es ist
       kennzeichnend für die gegenwärtige Umbruchperiode der Arbeiterbe-
       wegung, daß  diese  politisch-strategischen  Auseinandersetzungen
       alle Ebenen  - die betrieblichen Kräfte, die Einzelgewerkschaften
       wie den gesamten DGB - erfaßt haben.
       Die Betriebsratswahlen  vom März bis Mai 1984 fielen in die Mobi-
       lisierungsphase der  35-Stunden-Bewegung und  widerspiegeln damit
       die Situation noch vor dem Arbeitskampf. Obwohl während der Wahl-
       kampfzeit durch  die IG Metall initiierte Kampagnen zur Verweige-
       rung von  Überstunden und  zur  Leistungsbegrenzung  stattfanden,
       konnte nur  eingeschränkt schon von einem stärkeren gewerkschaft-
       lichen Zugriff auf die Betriebspolitik gesprochen werden. Die 35-
       Stunden-Woche wurde  nicht generell  zum beherrschenden Thema der
       Betriebsratswahlen. In  vielen  Bereichen,  insbesondere  in  den
       "Überstundenbuden", wurde  dieser Konfliktstoff ausgespart. Durch
       die unterschiedliche  Krisenbetroffenheit und das sehr heterogene
       Niveau an  Gegenwehr wurden  stärker als früher betriebliche Rah-
       menbedingungen und  unterschiedliche lokale und regionale politi-
       sche Besonderheiten  wirksam. Dies verursachte ein sehr differen-
       ziertes und widersprüchliches Gesamtbild. 22)
       Die Initiativrolle der gewerkschaftlichen Führungen und Apparate,
       speziell der  IG Metall  und der IG Druck und Papier, im Kampf um
       die 35-Stunden-Woche  erleichterte das  Wirken der  klassenorien-
       tierten Strömung. Die aktiven Kräfte in den Betrieben, die in er-
       ster Linie profilierte Verfechter der 35-Stunden-Forderung waren,
       besaßen in der Regel die Rückendeckung der gewerkschaftlichen Or-
       ganisation. Diese  Konstellation förderte  umgekehrt einen  engen
       Schulterschluß aller  aktiven und  linken Kräfte  mit der Gewerk-
       schaft und  führte zum Teil zu einer Reorientierung auch linksop-
       positioneller Kreise auf die IG Metall. Dies ist eine Ursache da-
       für, daß  1984 die  Anzahl linksoppositioneller Listen (1981: ca.
       40 in  Großbetrieben) als eine Form des Bruchs mit sozialpartner-
       schaftlicher Politik  im Betrieb  nicht nennenswert zunahm und am
       stabilsten in  der Chemieindustrie  blieb, in der der sozialpart-
       nerschaftliche Kurs  der IG-Chemie-Führung  über feste  Bastionen
       verfügt. 23)
       In einer  durch Krisenangst und -erfahrungen geprägten Atmosphäre
       zeigte sich  bei den  Betriebsratswahlen 1984  ein starker Trend,
       für die  "Stabilitätskräfte" im  Betrieb zu  stimmen und in einer
       unsicheren Zeit  keine Risiken  oder Konflikte zu wählen. Das be-
       günstigte nicht  unbedingt sozialpartnerschaftliche  Kräfte,  be-
       grenzte allerdings spektakuläre Ausschläge. Der schon 1981 sicht-
       bare Ablösungsprozeß sozialpartnerschaftlicher Führungsgruppen im
       Betrieb setzte  sich fort  und vollzog  sich in erster Linie über
       den Wechsel  zu neuen  Mehrheiten in  den  betrieblichen  Gewerk-
       schaftsgremien. Der Bonner Regierungswechsel und die neue Opposi-
       tionsrolle der SPD wirkten auf zahlreiche sozialdemokratische Be-
       triebsfunktionäre "befreiend",  was in  erhöhtem  Engagement  und
       stärkerer Profilierung zum Ausdruck kam. Der härtere Kampf um Po-
       sitionsgewinne, der von der SPD-AfA unterstützt wurde, ging z. T.
       auch auf Kosten linker Kandidaten.
       Zahl und  Anteile von  rechten,  ständischen  und  sozialpartner-
       schaftlichen Separatlisten  sind in  einigen Bereichen aus unter-
       schiedlichen Gründen gewachsen. Zum einen profitierten rechte Li-
       sten wie  der CMV  (Opel Kaiserslautern,  Daimler-Benz Wörth) von
       einer  desolaten  sozialpartnerschaftlichen  Praxis  der  gewerk-
       schaftlichen Mehrheit,  die einer  Anti-35-Stunden-Kampagne keine
       eigene Mobilisierung  entgegensetzte. Zum anderen traten häufiger
       als bei  früheren Wahlen  - begünstigt  durch eine starke antige-
       werkschaftliche  Medienhetze  im  Vorfeld  des  Arbeitskampfes  -
       rechte Gruppen mit eindeutig antikommunistischer Stoßrichtung ge-
       gen gewerkschaftliche  Listen mit  progressivem Profil  auf (z.B.
       Klöckner-Hütte Bremen, wo eine solche Liste von der SPD-Betriebs-
       gruppe getragen wurde; Glyco Wiesbaden).
       Bei den  Angestellten nahm die Listenbildung am stärksten zu, wo-
       bei sowohl rechte und berufsständische Gruppierungen gewannen als
       auch in einigen Fällen progressive Kräfte ihre Position erweitern
       konnten. Rechte Angestelltenlisten ("freie" Listen, DAG usw.) ge-
       wannen da an Boden, wo sie Vorbehalte gegen die 35-Stunden-Woche-
       Forderung zusammen  mit der Reaktivierung berufsständischer Ange-
       stellten-Ideologie aufgriffen.
       Zahlreiche rechte Separatlisten (DAG, "Freie"/"Unabhängige", aber
       auch gewerkschaftlich tolerierte CDA-Listen) werden von CDU-Kräf-
       ten dominiert,  die ihre  Positionen insbesondere unter den Ange-
       stellten ausbauen konnten. Feste Bastionen solcher Listen sind in
       der Elektro-,  EDV- und Luftfahrtindustrie wie in der Chemieindu-
       strie zu  registrieren, die einen neuen Belegschaftstypus mit An-
       gestelltenmehrheit und  hohem Anteil der wissenschaftlich-techni-
       schen Intelligenz  bei meist niedrigem gewerkschaftlichem Organi-
       sationsgrad repräsentieren  In diesen  Betrieben sind häufig pro-
       gressive Gegenpole  sichtbar, die ihre Basis vor allem unter jün-
       geren Angestellten  besitzen, die politisch mit grün-alternativen
       und linken Positionen sympathisieren.
       
       Neue politische Formierungselemente
       -----------------------------------
       
       Thematischer Bezugs-  und Sammelpunkt  solcher aktiven  Kräfte im
       Angestelltenbereich,  insbesondere  innerhalb  des  neuen  Beleg-
       schaftstypus, sind  in erster  Linie Probleme der neuen Technolo-
       gien. Dazu gehören die Einführung neuer EDV-Systeme, von Persona-
       linformationssystemen  wie  Fragen  der  alternativen  Produktion
       (Konversion). 24) In der Regel bestehen Kooperationszusammenhänge
       mit Wissenschaftlern  außerhalb des  Betriebes;  Ingenieure  sind
       meist Träger  dieser  Gruppen.  Sammelpunkte  dieser  Art  können
       sowohl überbetriebliche  wie  betriebsbezogene  gewerkschaftliche
       Arbeitskreise zu  neuen Technologien  oder  zu  Konversionsfragen
       bilden. In  manchen Fällen  entwickeln sich aus den betrieblichen
       Auseinandersetzungen heraus  feste Gruppen,  die eigene Zeitungen
       herausgeben (bei T & N Frankfurt eine Betriebszeitung "Kontrast")
       und sogar  zur eigenen  Listenbildung gedrängt  werden  (bei  VDO
       Schwalbach 6  Sitze gegen eine CDA-dominierte Liste mit 9 Sitzen;
       bei MBB Bremen hat eine linke "Liste Aktive Metaller" 6 Sitze von
       insgesamt 27).
       Als neue und dynamische Elemente in der Entwicklung betrieblicher
       Kräfteverhältnisse erwiesen sich verschiedene Formen von Bündnis-
       und Kooperationsformationen  der aktiven und linken Kerne auf be-
       trieblicher und überbetrieblicher Ebene. Über sie konnten politi-
       sche Impulse  der außerbetrieblichen Massenbewegungen und des ge-
       wachsenen Oppositionspotentials in den betrieblichen Raum vermit-
       telt werden.  Insbesondere die  betrieblichen Friedensinitiativen
       konnten als  "legitime Sammelpunkte der oppositionellen und poli-
       tisch entwickelten Kräfte" fungieren. 25)
       Festere Bündnisbeziehungen der verschiedenen linken Strömungen im
       betrieblichen Bereich,  die sich  in  Hamburg  während  des  HDW-
       Kampfes herausgebildet hatten, 26) entwickelten sich in Bremen in
       Gestalt  einer   Wahlbündnisbewegung  ("Betrieblich  Alternatives
       Bündnis"). Diese  Zusammenarbeit, die nach den Wahlen vom Septem-
       ber 1983 fortgesetzt wurde, mußte sich bei den Betriebsratswahlen
       1984  gegen  einen  starken  Druck  rechter  sozialdemokratischer
       Kräfte bewähren.  Obwohl die Betriebsratswahlen in Bremen deshalb
       durch eine starke Polarisierung geprägt waren, konnten im wesent-
       lichen die  kämpferischen Positionen  verteidigt (Klöckner-Hütte)
       und z.T. ausgebaut werden (MBB, Seebeck-Werft und andere). 27)
       Überbetriebliche Kooperationsformen  entwickelten sich  als Reak-
       tion auf neue Kampfanforderungen und aus Orientierungs- und Orga-
       nisationsdefiziten der  Gewerkschaften auf informeller Ebene ins-
       besondere in  den Krisenbranchen.  In der  Werftindustrie  trafen
       sich 1983  die linken  und aktiven  Kräfte, darunter  mehrere Be-
       triebsratsvorsitzende, um  gegen den  staatlichen  Sanierungskurs
       gemeinsame Schritte  abzustimmen. In  der Stahlindustrie  entwic-
       kelte sich  eine festere  Form der  gegenseitigen Information und
       Zusammenarbeit der Vertrauenskörperleitungen fast aller Stahlkon-
       zerne ("Sulzbacher  Kreis"), die  eine wesentliche  Kraft bei der
       Überwindung betriebs-  oder standortegoistischer  Spaltungen  und
       der politischen  Verallgemeinerung der Bewegung in der Diskussion
       über die  Vergesellschaftungsforderung war.  28) In diesem Prozeß
       spielte die Zusammenarbeit mit fortschrittlichen Wissenschaftlern
       (z.B. der  "Memorandum-Gruppe" sowie  der  Zeitschrift  "revier")
       eine wichtige Rolle.
       Bei den  Betriebsratswahlen erweiterte sich der Einfluß der akti-
       ven Kräfte  dieser Kooperation  (vor allem  in den  Hoesch-Werken
       Dortmund, Krupp  Rheinhausen, Klöckner-Hütte usw.). Die Verarbei-
       tung der  Erfahrungen der Stahlkrise, der übergreifenden Aktionen
       und der  politischen Diskussionen  hat offensichtlich  einen pro-
       gressiven Schub  ausgelöst, der seine Auswirkungen bis in die SPD
       hinein besitzt.
       Größere tarifliche  Arbeitskämpfe fanden  in dem  zurückliegenden
       Zeitraum nicht  statt. 29)  Die amtliche  Statistik weist für die
       letzten Jahre  ein  niedriges  Niveau  an  Streikbeteiligung  aus
       (1982: 40 000,  1983: 94 000).  30) Erfaßt man jedoch die gesamte
       betriebliche Klassenkampfrealität einschließlich der Warnstreiks,
       der Betriebsbesetzungen  und ähnlicher Aktionen, so hat insbeson-
       dere der  Widerstand gegen  Arbeitsplatzvernichtung 1983  ein be-
       achtliches Niveau  erreicht. Dazu sind die bisher höchste jährli-
       che Anzahl  an Betriebsbesetzungen  (1983: 16, 1982: 10, 1981: 6)
       ebenso wie  Demonstrationen und Kundgebungen mit ca. einer halben
       Million Teilnehmern,  darunter 130 000  Stahl- und  Werftarbeiter
       Ende September  1983 in  Bonn, zu  zählen. Beachtet werden müssen
       ebenfalls die  zahlreichen politischen  Demonstrationsstreiks und
       andere betriebliche  Aktionen gegen die Stationierung der US-Mit-
       telstreckenraketen im Herbst 1983.
       Die betrieblichen  Aktionen blieben  vielfach erfolglos  und iso-
       liert -  auch aufgrund fehlender gewerkschaftlicher Unterstützung
       und Koordination  des Widerstandes.  Richtet man den Blick jedoch
       nur auf  die Anpassungstendenzen  im Betrieb und das noch hetero-
       gene Niveau der betrieblichen Kämpfe in der zurückliegenden Peri-
       ode, dann bleiben die realen Ansatzpunkte eines Umschlags der Ge-
       genwehr in eine breite Bewegung unterbelichtet. Erfolgreiche grö-
       ßere Streikkämpfe  unter den gegebenen Krisenbedingungen erschei-
       nen so  - und dies war wohl die Annahme des Kapitals - als völlig
       unrealistisch. Eine  Bündelung der  sichtbaren Gegenwehr erschien
       allerdings in  dem Maße  realistisch, wie die Gewerkschaften eine
       vereinheitlichende Strategie  der Krisenbekämpfung  entwickelten.
       Eine solche  Initiative, dies zeigten schon die Diskussionen über
       Arbeitskampfstrategien  auf  den  Gewerkschaftstagen  des  Jahres
       1983, konnte  am ehesten  im Kampf  um die  Arbeitszeitverkürzung
       entwickelt werden.
       
       3.2 Kampf um 35 Stunden als Kern einer
       --------------------------------------
       gewerkschaftlichen Antikrisenstrategie
       --------------------------------------
       
       Die beschäftigungspolitische Akzentuierung der Arbeitszeitverkür-
       zungsforderung seit Ende der 70er Jahre (Gewerkschaftstage der IG
       Metall und IG Druck und Papier 1977) markiert einen Wendepunkt in
       der gewerkschaftlichen  Debatte: 31) Arbeitszeitverkürzungen wer-
       den nunmehr gefordert als Kern einer breiter angelegten Strategie
       der   Krisenüberwindung,    die   auf   der   staatlichen   Ebene
       "qualitatives Wirtschaftswachstum", eine antizyklische Haushalts-
       politik und  Beschäftigungsprogramme verlangt,  während  sie  die
       flankierende Bekämpfung  der Massenarbeitslosigkeit durch die ge-
       werkschaftliche Tarifpolitik  anstrebt. Durch  gezielte  Arbeits-
       zeitverkürzung sollen der Verwertungslogik des Kapitals Schranken
       gesetzt werden,  indem in einem elementaren Steuerungsbereich der
       Profitproduktion, der  ungehinderten Zufuhr  und Freisetzung  von
       Arbeitskraft, eingegriffen  wird. Diese  Konzeption mußte  aller-
       dings einen  entschiedenen Widerstand  der Unternehmer  und ihrer
       Verbände einkalkulieren. Die Forderung nach Wochenarbeitszeitver-
       kürzung sprenge,  so argwöhnte die FAZ, "den bisher üblichen Rah-
       men von Tarifverhandlungen... und (greife) in die Wertordnung der
       Industriegesellschaft" ein.  32) Bereits  in der  Stahltarifrunde
       1978/79, 33) in der die IG Metall die Wochenarbeitszeitverkürzung
       durchsetzen wollte, hatte sich gezeigt, daß es trotz eines sechs-
       wöchigen Streiks nicht möglich war, das 40-Stunden-Tabu des Kapi-
       tals zu brechen.
       Aus dem  damaligen Scheitern  wurden in den Gewerkschaften unter-
       schiedliche Schlüsse  gezogen. In  einigen Gewerkschaften  wurden
       als tarifpolitische  Alternativen zu  einer allgemeinen Wochenar-
       beitszeitverkürzung gruppenspezifische  Regelungen  gesehen,  die
       sich zur Forderung nach einer "Tarifrente" oder später nach einer
       gesetzlichen "Vorruhestandsregelung"  für ältere  Beschäftigte in
       den Konzepten  vor allem  der IG  Chemie und der NGG verdichteten
       und die man kampflos durchzusetzen können glaubte. Die IG Metall,
       in der  eine Mehrheit  nach dem  Stahlstreik diesen  Weg zunächst
       auch gehen  wollte, entschied sich ab 1982 endgültig für die For-
       derung nach  der 35-Stunden-Woche  als strategisches Konzept. Die
       IG Druck  und Papier  hatte sich auf diese Forderung bereits seit
       einiger Zeit festgelegt.
       Mit  der   Zeit  kristallisierte  sich  innerhalb  des  DGB  eine
       "Blockbildung" heraus, bei der die Verfechter der 35-Stunden-For-
       derung, zu  der sich später die Gewerkschaft Holz und Kunststoff,
       die Gewerkschaft  HBV, die  Deutsche Postgewerkschaft,  die GdED,
       die GEW  und schließlich auch die ÖTV gesellten, den die Vorruhe-
       standsregelung favorisierenden  und eher  sozialpartnerschaftlich
       orientierten Gewerkschaften Textil-Bekleidung, NGG, Chemie, Berg-
       bau und  Bau-Steine-Erden gegenüberstanden.  Obwohl der DGB mehr-
       fach betont hatte, 1984 die Durchsetzung der 35-Stunden-Woche zur
       "zentrale(n) Aufgabe  der Mitgliedsgewerkschaften des DGB" 34) zu
       machen, verfolgten diese Gewerkschaften in Verhandlungen mit Bun-
       desarbeitsminister und  Unternehmerverbänden ihre Politik weiter,
       ein "akzeptables"  Vorruhestandsgesetz durch den Bundestag verab-
       schieden zu lassen, und torpedierten damit die Vorbereitungen des
       Kampfes um  die 35-Stunden-Woche, weil sie erheblich zur Verunsi-
       cherung der Gewerkschaftsmitglieder beitrugen.
       
       3.3 Mobilisierung und Urabstimmungen
       ------------------------------------
       
       Hatten die Gewerkschaftstage der IG Druck und Papier sowie der IG
       Metall den haupt- und ehrenamtlichen Funktionärskörper dieser Ge-
       werkschaften konzeptionell  und inhaltlich auf die kommenden Aus-
       einandersetzungen einstimmen können, 35) so blieb doch unüberseh-
       bar, daß  unter den  Beschäftigten selbst  die Forderung nach der
       35-Stunden-Woche noch  nicht in  dem Maß  verankert war,  daß den
       Urabstimmungen beruhigt  entgegengesehen werden  konnte. Für  die
       relativ schlechte Stimmung in den Betrieben konnte keineswegs al-
       lein nur  die "konzentrierte  Kampagne von  Kapital und Kabinett"
       gegen die 35-Stunden-Forderung verantwortlich gemacht werden. 36)
       Beachtet werden  müssen auch  die erheblichen  gewerkschaftlichen
       Mobilisierungsdefizite, die  sich während  der Betriebsratswahlen
       im Frühjahr 1984 noch deutlich gezeigt hatten.
       Dabei muß  durchaus in Rechnung gestellt werden, daß noch niemals
       zuvor von  der IG Metall wie von der IG Druck und Papier eine Ta-
       rifbewegung so  gründlich vorbereitet  worden war. Im Vorfeld war
       eine wissenschaftliche Konferenz im Sommer 1983 veranstaltet wor-
       den, um zur konservativen Propaganda der wirtschaftswissenschaft-
       lichen Institute  ein Gegengewicht zu setzen. 37) Dazu zählt auch
       eine breite Vielfalt von Kulturveranstaltungen, die vom DGB koor-
       diniert worden  waren. Die seit dem Herbst 1983 in immer kürzeren
       Abständen gezielt publizierten Ergebnisse demoskopischer Untersu-
       chungen zeigten  jedoch, wie  groß die Unsicherheit unter den Be-
       schäftigten hinsichtlich  des erwarteten  konkreten Nutzens  ver-
       kürzter Wochenarbeitszeiten noch war und in welchem Umfang es dem
       Kapital im Verein mit fast allen Medien gelungen war, ihre Gegen-
       propaganda in  der Öffentlichkeit gegen die gewerkschaftliche Ar-
       gumentation zu setzen.
       Selbst innerhalb der aktiven betrieblichen Kerne war noch Skepsis
       verbreitet, ob  der Kampf  um 35 Stunden überhaupt erfolgreich zu
       bestehen  sein  würde.  Die  gewerkschaftliche  Strategie  hatte,
       wollte sie Mobilisierungsdefizite erfolgreich abbauen, so "dicht"
       wie irgend  möglich an  den Vorbehalten  und Krisen- und Arbeits-
       platzängsten der  Beschäftigten anzuknüpfen.  Dies geschah einmal
       über eine  umfassende  Aufklärung  über  beschäftigungspolitische
       Möglichkeiten, Kosten,  Finanzierbarkeit der 35-Stunden-Woche so-
       wie Möglichkeiten der Gegenwehr gegen negative Begleiterscheinun-
       gen einer  Wochen-AZV (z.B.  Intensivierungsdruck,  Rationalisie-
       rungsschübe usw.).  Dabei hat sich die Nichtaufnahme von Begleit-
       forderungen zur  Begrenzung der  Leistungsintensivierung  in  das
       Forderungspaket der  IG Metall,  im Gegensatz  zur Tarifforderung
       der IG  Druck und Papier, eher hinderlich ausgewirkt. Zum anderen
       wurden betriebsbezogene  Mobilisierungsmöglichkeiten genutzt, in-
       dem - wie in der vor allem im IG-Metall-Bezirk Stuttgart durchge-
       führten Aktion  "Unternehmer auf  dem Prüfstand"  - auf der Ebene
       der einzelnen  Betriebe nachgewiesen  wurde, was  eine  Wochenar-
       beitszeitverkürzung für die Belegschaften konkret bringen könnte.
       Eng damit verbunden wurde die Mobilisierung individueller Betrof-
       fenheit, z.B.  durch betriebliche  Umfragen ("Was  bringt die 35-
       Stunden-Woche mir persönlich?" - "Was könnte ich mit einer Stunde
       arbeitsfreier Zeit pro Tag mehr anfangen?").
       Einen besonderen  Stellenwert gewannen  in der  letzten Phase der
       Appell an  die solidarische Geschlossenheit und das Eintreten für
       "seine" Gewerkschaft  sowie die Verdeutlichung der gesellschafts-
       politischen Dimension  des Kampfes. Eine Mobilisierungstriebkraft
       besonders bei  den gewerkschaftlichen  Kernen bildete  das Motiv,
       den Kampf  um die  35-Stunden-Woche als  eine Art "Generalabrech-
       nung" der  erlittenen Krisenverluste  zu verstehen  und der durch
       Korruptions-  u.a.   Affären  geschüttelten  Wenderegierung  ihre
       eindeutige Parteinahme für das Kapital "heimzuzahlen".
       Die Betonung  der gesellschaftspolitischen Aspekte des Kampfes um
       Arbeitszeitverkürzung verlangte allerdings eine hochgradige Poli-
       tisierung der  Akteure, und  sie setzte voraus, daß von Beginn an
       dieser Kampf  als umfassende "soziale Bewegung" 38) angelegt sein
       mußte. Diese Strategie der Mobilisierung bis hin zu den Urabstim-
       mungen knüpfte  also an  das in der Arbeiterklasse vorherrschende
       sozialpsychologische Klima an. Ihre betriebliche Umsetzung gelang
       besonders gut dort, wo bereits in den vergangenen Jahren entweder
       gestreikt oder  betriebliche Kader  in größerem Umfang in die Ta-
       rifbewegungen begleitende  und stützende  Aktivitäten  einbezogen
       worden waren.
       Im Frühjahr 1984 konnten binnen weniger Wochen erstaunliche Mobi-
       lisierungserfolge erreicht  werden: In  der Metallindustrie Nord-
       württembergs/Nordbadens beteiligten  sich vom  9. März bis zum 4.
       Mai mehr  als 800 000  Beschäftigte aus  2530 Betrieben  an Warn-
       streiks, wobei  die Schwerpunkte  in den  Bezirken Stuttgart, der
       das mit  Abstand höchste  Aktivitätsniveau aufwies, Hannover, Es-
       sen, Frankfurt und München lagen. Die Urabstimmungen in Nordwürt-
       temberg/Nordbaden (80,11%)  und Hessen  (80,77%) lagen  dann auch
       deutlich über  dem notwendigen  Quorum von 75%. In der Druckindu-
       strie begannen  die Warnstreiks etwa zeitgleich mit der Metallin-
       dustrie (14.  März) und  wurden bis zum 12. April, dem Beginn der
       Urabstimmung, mit  ca. 400 Aktionen von etwa 30 000 Beschäftigten
       getragen. Die  Urabstimmung in  der Druckindustrie wurde schritt-
       weise über  zweieinhalb Monate (bis Anfang Juli) in 440 Betrieben
       bei  ca.   39 000  Beschäftigten   durchgeführt.  Diese  Art  der
       "rollenden" Urabstimmung hat nicht unwesentlich zur Mobilisierung
       für die  Wechselstreikaktionen beigetragen. (83,5 Prozent der be-
       teiligten Arbeiter  und 76,4 Prozent der teilnehmenden Angestell-
       ten sprachen sich für Streik aus).
       Warnstreikbeteiligung und  Urabstimmungsresultate widerlegten das
       durch die Ergebnisse der Demoskopie gezeichnete Stimmungsbild 39)
       und ließen  erkennen, welche gewerkschaftliche Kampfkraft mobili-
       sierbar ist, wenn die Notwendigkeit geschlossenen Klassenhandelns
       in einer  Situation hochgradiger  Polarisierung eindringlich ver-
       deutlicht wird.
       Nicht nur  die Unternehmerverbände dürften von dem so eindeutigen
       Ausgang der Urabstimmungen überrascht worden sein. Gerade sie sa-
       hen sich  jedoch veranlaßt,  etwa die  Urabstimmungstaktik der IG
       Druck und  Papier zu  verunglimpfen. Ein Kommentator der FAZ ging
       sogar so  weit, die  etwa zur gleichen Zeit stattgefundenen Urab-
       stimmungen, die selbstorganisierte Volksbefragung zur Raketensta-
       tionierung und  die Europawahlen  (bei denen die FDP die 5%-Marke
       nicht erreichte)  allesamt wegen  der jeweils  mißliebigen Ergeb-
       nisse über  einen Kamm  zu scheren und als "Pseudowahlen" zu ver-
       dammen. 40)  Auch an  dieser wütenden Reaktion läßt sich ablesen,
       wie hart  die Urabstimmungsergebnisse das Kapital getroffen haben
       müssen. Mit  einigem Recht  können sie daher als wichtige Erfolge
       einer klassenautonomen  Gewerkschaftspolitik der  letzten  Jahre,
       als Sieg  der Gewerkschaften  über die ideologischen Apparate des
       SMK, als Erfolg der Klassenloyalität über die von Kapital und Re-
       gierung geförderten  Segmentierungs- und  Entsolidarisierungsten-
       denzen innerhalb der Arbeiterklasse gewertet werden.
       
       4. Der Arbeitskampf in der Druck- und Metallindustrie
       -----------------------------------------------------
       
       4.1 Überblick
       -------------
       
       Der Arbeitskampf  um die  35-Stunden-Woche sprengte  in  mehrerer
       Hinsicht bisherige  Maßstäbe: Er war mit über 13 Wochen Dauer der
       längste Streik in der Druckindustrie und mit 6 bis 7 Wochen einer
       der längsten  in der Metallindustrie der Nachkriegszeit. Überdies
       streikte die  IG Metall  erstmals parallel in zwei Tarifbezirken,
       darunter seit  1951 erstmals  wieder in  Hessen. Neu ist auch die
       Dimension der  bundesweiten Solidaritätsaktionen  anderer DGB-Ge-
       werkschaften,  vor  allem  der  Gewerkschaften  des  Öffentlichen
       Dienstes und der HBV. Den Höhepunkt bildete der "Marsch auf Bonn"
       am 28. Mai gegen den "Franke-Erlaß" mit etwa 250000 Beteiligten.
       Die IG  Druck und  Papier führte den Arbeitskampf in der Form von
       Wechselstreiks, an  denen gleichzeitig  bis zu  20000 und vom 12.
       April bis  zum 7. Juli insgesamt 46 000 Mitglieder einbezogen wa-
       ren, also  die Hälfte der Gewerkschaftsmitglieder in der Druckin-
       dustrie. In  der Metallindustrie  streikten von Mitte Mai bis An-
       fang Juli  in beiden  Bezirken bis  zu 58 000; gleichzeitig waren
       155 000 ausgesperrt und 310 000 von der kalten Aussperrung (durch
       Produktionsstillegung) betroffen.
       Auch wenn  es in  der bundesdeutschen Arbeitskampfgeschichte noch
       längere Streiks (Metallerstreik in Schleswig-Holstein über 16 Wo-
       chen 1956/57)  gegeben hat  oder die  Zahl der  Beteiligten durch
       Streik und  Aussperrung ähnlich hoch war (Metallerstreik 1963 und
       1971: jeweils  ca. 350 000;  Drucker-  und  Metallerstreik  1978:
       370 000), ist  das Gesamtpotential der in diesem Arbeitskampf Ak-
       tivierten weitaus  größer. Der  Konflikt der Klassen gewann nicht
       nur stellvertretend,  sondern in Ansätzen real eine nationale Di-
       mension, so  daß zu Recht von einer der "größten gesellschaftspo-
       litischen Auseinandersetzungen  in der Geschichte der Bundesrepu-
       blik" (Steinkühler)  gesprochen werden  kann. Nicht nur der Blick
       in die  Geschichte, sondern  auch in  das westeuropäische Ausland
       verweist auf  die außerordentlich komplizierten Ausgangsbedingun-
       gen, angesichts  derer Länge,  Geschlossenheit und Stabilität der
       Streikfront beachtlich  sind. Dies  gilt vor  allem unter Berück-
       sichtigung der  Härte, mit der die Kapitalverbände mit Unterstüt-
       zung und Ermunterung durch die Rechtsregierung den Kampf führten,
       in dessen  Verlauf ein für bundesdeutsche Verhältnisse neues Aus-
       maß an  Terroranschlägen auf Streikende, Polizeieinsätzen und an-
       tigewerkschaftlicher Medienhetze zu registrieren war.
       
       4.2 Kapitalstrategie und Streikinitiative der Gewerkschaften
       ------------------------------------------------------------
       
       Die harte Konfrontationslinie der Kapitalverbände beruhte auf der
       Einschätzung, daß  die soziale  und politische  Situation günstig
       sei, um eine durchgreifende Neuordnung der gesellschaftlichen und
       politischen Kräfteverhältnisse  durchzusetzen.  Die  strategische
       Zielsetzung lag  in  erster  Linie  in  der  Disziplinierung  und
       Schwächung der  Gewerkschaften, denen  mit der Festschreibung des
       40-Wochenstunden-Tabus eine  offene Niederlage beigebracht werden
       sollte. Es  ist durchaus  kein Widerspruch,  sondern eingeplantes
       Strategieelement des Kapitals, dabei gleichzeitig mit den stärker
       sozialpartnerschaftlich orientierten  Gewerkschaften über "Alter-
       nativen" zur  Wochenarbeitszeitverkürzung  (Vorruhestandsregelun-
       gen) zu  verhandeln, während  die Forderungen  von IG  Druck  und
       Papier und  IG Metall  bis in  die letzte  Streikphase als "nicht
       verhandelbar" abgelehnt  wurden. In der Auseinandersetzung um die
       35-Stunden-Woche ist  dem Monopolkapital  eine Mobilisierung  der
       eigenen Gesamtklasse  sowie bis zu den selbständigen gewerblichen
       Mittelschichten hin gelungen.
       Die Arbeitskampftaktik  von IG  Metall und  IG Druck  und  Papier
       sollte bei  aller Unterschiedlichkeit  im Detail  übereinstimmend
       darauf angelegt  sein, kräfte- und finanzschonend einen möglichst
       großen ökonomischen Druck zu erzeugen, die gesamte Mitgliedschaft
       wie die  Öffentlichkeit zu  aktivieren und  die Streikbewegung zu
       politisieren. 41)  In dieses  Konzept eines flexiblen wie aktiven
       Streiks, das  an die  Erfahrungen der  "Neuen Beweglichkeit"  an-
       knüpfte, gingen  ebenfalls Aktionselemente der neuen sozialen Be-
       wegungen und  der Friedensbewegung  mit ein.  Angestrebt war  die
       Aufhebung der  Trennung von  Akteuren und  Zuschauern, was aller-
       dings manchmal an mangelnder Erfahrung und Vorbereitung, zum Teil
       aber auch am Boykott sozialpartnerschaftlicher Funktionäre schei-
       terte.
       Beide Streikkonzepte  reflektieren in  jeweils  unterschiedlicher
       Weise das hohe Produktivkraft- und Vergesellschaftungsniveau, das
       in dem  einen Fall  in der  Verminderung der Rolle der lebendigen
       Arbeit besteht  und in  dem anderen Fall den Produktions- und Re-
       produktionsprozeß störanfälliger  macht. Die  IG Druck und Papier
       mußte aufgrund  neuer Satztechniken damit rechnen, daß Facharbei-
       ter vorübergehend durch Streikbrecher ersetzt werden konnten, und
       jeweils für  den Produktionsablauf  zentrale  Betriebsteile  bzw.
       Produktionsstufen  mit  Streikaktionen  treffen.  Die  IG  Metall
       konnte die  große Fertigungstiefe und Verflechtung der Automobil-
       branche in ihrer Taktik nutzen. "In der Druck- wie in der Metall-
       industrie wurde  also der  Streikhebel jeweils  am archimedischen
       Punkt der  branchentypischen Arbeitsteilung  angesetzt." 42)  Mit
       der neuen  Streiktaktik wurde  auch auf  die ernsthafte Bedrohung
       durch die rechtlich zugelassene, wenngleich durch das B AG-Urteil
       von 1980  mit der  Verhältnismäßigkeitsklausel begrenzte Aussper-
       rungswaffe der  Unternehmer reagiert,  für  deren  Anwendung  die
       Schwellen erhöht werden sollten. 43)
       Allerdings entsprachen  Kooperation und  Abstimmung zwischen  den
       Führungen der  beiden Gewerkschaften vor und während des Arbeits-
       kampfes in  keiner Weise den Anforderungen, obwohl gerade von der
       IG Druck  und Papier  schon im April durch erfolgreiche Urabstim-
       mungen und erste Streiks die Arbeitskampfvoraussetzungen auch für
       die IG  Metall, in der noch Verunsicherung und interne Spannungen
       bestanden, verbessert wurden.
       Die IG  Druck und  Papier reagierte mit ihrer systematisch vorbe-
       reiteten und  in den aktiven Belegschaftskernen verankerten "fle-
       xiblen Kampftaktik"  der unberechenbar  bleibenden Wechselstreiks
       auf die  in früheren  Kämpfen sichtbar  gewordene  eingeschränkte
       Wirksamkeit  des   traditionellen  Streikmodells   (unbefristeter
       Schwerpunkt- oder  Vollstreik): Angesichts  der neuen  Satz-  und
       Drucktechnik ist  die Produktion  von Zeitungen und Zeitschriften
       nicht immer,  in  manchen  Fällen  nur  ihre  Auslieferung  durch
       Blockaden zu  verhindern.  Zwar  wird  auch  bei  Erscheinen  der
       Zeitungen die  Produktion  erheblich  anfälliger  und  vor  allem
       teurer, entscheidender  wird jedoch  der  politische  Druck,  der
       durch die  massenhafte Infragestellung  sozialpartnerschaftlicher
       Verhältnisse mit  einer Vielfalt  von  Aktionen  erreicht  werden
       kann.
       Eine  Bilanz  des  "Bundesverbandes  Deutscher  Zeitungsverleger"
       zeigt, daß  zwar 80 Millionen Exemplare von Tages- und Wochenzei-
       tungen nicht  erscheinen konnten,  jedoch in  15 Prozent  der be-
       streikten Zeitungshäuser  die Blätter nahezu komplett, in 65 Pro-
       zent der  Fälle reduziert oder als Notausgaben und nur in 20 Pro-
       zent gar  nicht  oder  außerordentlich  eingeschränkt  erscheinen
       konnten. 44)  Dennoch wirkte auch der ökonomische Druck, der wäh-
       rend der  13 Wochen ständig auf wechselnde Teile des Unternehmer-
       lagers konzentriert wurde und damit Spannungen im Unternehmerver-
       band verstärkte.  Als ein  Ergebnis der  Streiktaktik und in Ein-
       schätzung des  politischen Risikos,  das sich  angesichts zu  er-
       wartender Betriebsbesetzungen  und anderer vorbereiteter Aktionen
       ergeben hätte, war in der Druckindustrie eine Aussperrung diesmal
       nicht durchsetzbar.
       Die IG  Metall nutzte  in der  ersten Streikphase den Tatbestand,
       daß mit  der Entwicklung  EDV-gesteuerter Zulieferung  und einge-
       schränkter Lagerhaltung  (Kanban-System) die Logistik der Automo-
       bilindustrie mit  geringem  Einsatz  wirkungsvoll  beeinträchtigt
       werden kann. 45) Die IG Metall begann den Arbeitskampf am 14. Mai
       mit dem Streik von 12 000 Arbeitern in 14 Betrieben der Zuliefer-
       industrie der  großen Automobilkonzerne.  Abweichend  von  dieser
       "Strategie der  Nadelstiche" in  Nordwürttemberg/Nordbaden  wurde
       der Arbeitskampf  eine Woche später ab dem 21. Mai mit einem tra-
       ditionellen Schwerpunktstreik  in neun  hessischen Betrieben  mit
       33 000  Beteiligten   ausgeweitet.  Das  hessische  Streikkonzept
       zielte mit seinen gleichmäßig verteilten regionalen Schwerpunkten
       (Frankfurt, Rüsselsheim,  Darmstadt, Hanau  und Kassel)  auf eine
       möglichst  breite  Einbeziehung  der  gesamten  Organisation  und
       sollte damit  stärker die  gesellschaftspolitische Dimension  des
       Arbeitskampfes zum Tragen bringen. Eine Abstimmung der beiden un-
       terschiedlichen bezirklichen  Streikkonzepte, ebenso  wie ein für
       die gesamte  Bundesrepublik vorliegender  Mobilisierungsplan, der
       über Solidaritätsstreiks  gegen die  Aussperrung hinaus  rollende
       Warnstreiks ähnlich  wie in  der Tarifbewegung 1981 ("Neue Beweg-
       lichkeit") vorgesehen hätte, waren nicht erkennbar.
       Die kostensparend  und auf  einen längeren  Kampf hin kalkulierte
       "Strategie der  Nadelstiche" zeigte sehr schnell ökonomische Wir-
       kungen in  der Automobilindustrie, erforderte allerdings auch er-
       gänzende Handlungskonzepte für alle im Bundesgebiet nur mittelbar
       vom Arbeitskampf Betroffenen. Es zeigte sich, daß die Dynamik und
       Eskalation des  Arbeitskampfes recht bald von der heißen und kal-
       ten Aussperrung  durch die  Unternehmer bestimmt wurde. Insbeson-
       dere die  kalte Aussperrung,  d.h. die  durch knappe Lagerhaltung
       vor allem  von Daimler-Benz  und BMW  bewußt rasch herbeigeführte
       Produktionseinstellung, wurde  zur schärfsten Waffe des Kapitals,
       da sie  darauf zielte,  die Moral  der Streikfront zu brechen und
       Entsolidarisierungsprozesse in  den Reihen  der Gewerkschaft her-
       beizuführen. Diese  Wirkung drohte, weil auf Anordnung des Bonner
       Kabinetts die Bundesanstalt für Arbeit die bis dahin übliche Zah-
       lung von Kurzarbeitergeld für kalt Ausgesperrte verweigert hatte.
       46) Zugleich  wurde damit der Konflikt bundesweit verallgemeinert
       und mit  einer Stoßrichtung gegen die "Koalition von Kabinett und
       Kapital" auch politisiert. Dennoch gab es von der IG Metall keine
       ausreichenden Handlungsorientierungen  für diese  Situation. Auch
       wenn der  von den Unternehmern mit der Ausweitung der kalten Aus-
       sperrung auf 310000 Betroffene kalkulierte "Sturm auf die Gewerk-
       schaftshäuser" nicht stattfand, wurden nach dem "Marsch auf Bonn"
       und zahlreichen  örtlichen Protestaktionen Grenzen der Mobilisie-
       rung sichtbar.
       Auf die  in zwei  Wellen erfolgte  "heiße" Aussperrung reagierten
       die Gewerkschaft und viele Belegschaften mit einer neuen Qualität
       an Aktionen.  Nachdem Ende  Mai die  Besetzung eines  kalt ausge-
       sperrten Betriebes - der Firma Filter-Knecht in Baden-Württemberg
       - bundesweites  Aufsehen erregt  hatte und von der Bezirksleitung
       der IG  Metall offensiv  propagiert wurde,  häuften sich nach der
       zweiten Aussperrungswelle  neue Aktionsformen:  Die Ausgesperrten
       boten in  vielen Fällen im Betrieb ihre Arbeitskraft an und führ-
       ten "Betriebsbesichtigungen" durch - ein Schritt des Heranführens
       an Besetzungen.  Nach einer weiteren Betriebsbesetzung bei Werner
       & Pfeiderer in Dinkelsbühl wurde dort die Aussperrung wieder auf-
       gehoben. Daß  diese Aktionen als politischer Druck auf das Unter-
       nehmerlager wirkten,  wird erkennbar  in der  Begrenzung der Aus-
       sperrungsmaßnahmen auf Großbetriebe mit mehr als 1000 Beschäftig-
       ten, im  Ausscheren einzelner  Betriebe aus  der Front und in der
       Rücknahme der Drohung mit Angriffsaussperrungen in Bayern.
       Dennoch wurden  Besetzungen nicht  zur massenhaft  militanten Ak-
       tion, was  in erster  Linie daran liegt, daß selbst beim Kern der
       Arbeiterklasse noch  eine legalistische Ideologie tief verwurzelt
       ist. 47)  Durch die  vielerorts aufgeladene  und durch zahlreiche
       Gewaltakte  der  Gegenseite  emotionalisierte  Situation  an  der
       Streikfront sahen  offensichtlich auch  Teile der  Kämpfenden das
       Überschreiten des  rechtlichen Rahmens  als provokatorischen  Akt
       an, der  aus ihrer Sicht der Unternehmerpropaganda entgegengekom-
       men wäre.  Die durch  die Arbeitsgerichtsbarkeit  in Eilverfahren
       bundesweit verfügten  "Gassen" vor den Betriebstoren hatten zudem
       den Medien  eine gegen  die Gewerkschaften gerichtete "Gewaltdis-
       kussion" erleichtert.
       Grenzen der Politisierung wurden auch in der Einbeziehung der Be-
       völkerung in  die passive und aktive Solidarität sichtbar. Es kam
       zwar zu den umfangreichsten Solidaritätsstreiks und Kundgebungen,
       die in  der Nachkriegszeit  einen Arbeitskampf  begleitet hatten.
       Sie waren  aber nicht  dynamisch genug,  um ernsthafte Spaltungen
       und Brüche  im Unternehmerlager  hervorzurufen. Die Rücknahme der
       vom DGB  als Antwort auf die Aussperrung angekündigten bundeswei-
       ten Solidaritätsstreiks sowie die nur verhaltene Mobilisierung zu
       Solidaritätskundgebungen anläßlich  der zweiten Aussperrungswelle
       verstärkten dann  ab der zweiten Junihälfte die Linie der Deeska-
       lation.
       
       4.3 Soziale und politische Träger des Arbeitskampfes
       ----------------------------------------------------
       und neue Streikkultur
       ---------------------
       
       Große  Konzernbetriebe  wurden  in  unterschiedlicher  Weise  zum
       Kampffeld.  Sie   wurden  einmal  wie  Daimler-Benz  Sindelfingen
       (38 000 Beschäftigte) von der Stuttgarter Streikleitung nachträg-
       lich in  den Streik  genommen oder  wie Opel Rüsselsheim (34 000)
       von vornherein  als Schwerpunkt in Hessen eingeplant. Zum anderen
       waren weitere  Automobilkonzerne wie BMW (München: 18000, Dingol-
       fing: 10 000) und Opel Bochum (19 000) von der kalten Aussperrung
       betroffen und  damit zum  indirekten, aber  für die Gesamtdynamik
       wichtigen Kampffeld geworden. Ohne daß Betriebe dieser Größenord-
       nung allein  ausschlaggebend gewesen  wären, werden an ihrem Bei-
       spiel unterschiedliche Handlungstypen im Arbeitskampf sichtbar.
       
       Großbetriebe als Kampffeld: Unterschiedliche Handlungstypen
       
       Exemplarisch bringt  der "Sindelfinger  Konflikt" den Widerspruch
       zwischen der  Logik des  Streikmodells und  der Logik der Massen-
       stimmungen und  -bewegung zum Ausdruck. Als am 15. Mai, einen Tag
       nach Streikbeginn,  Daimler-Benz die kalte Aussperrung für 22 000
       Beschäftigte in  Sindelfingen ankündigte  und eine  daraufhin von
       der IG Metall vorbereitete Betriebsversammlung gerichtlich unter-
       sagen ließ,  entwickelte sich auf einer Kundgebung am 16. Mai ein
       starker Druck  auf Einbeziehung  in den Streik - insbesondere der
       11 000 Beschäftigten, die weiterproduzieren sollten. Motive waren
       neben einer  Verhinderung der  Spaltung der Belegschaft vor allem
       Unsicherheiten über  finanzielle  Unterstützung  und  alternative
       Handlungsmöglichkeiten. 48) Obwohl die Einbeziehung Sindelfingens
       in der Öffentlichkeit als kämpferisches Signal aufgenommen wurde,
       bestätigte der  Vorstand der IG Metall den Streikbeschluß des Be-
       zirks Stuttgart  erst mit  zeitlicher Verzögerung, um ein Aufbre-
       chen der  Front gegen die kalte Aussperrung bundesweit zu verhin-
       dern.
       Der weitere  Verlauf bei Daimler-Benz Sindelfingen bestätigte ein
       eher niedriges  Niveau an  Kampfmoral und Disziplin: Mit Ausnahme
       ausländischer Streikposten war die Beteiligung an den Torkontrol-
       len und  an Solidaritätskundgebungen  wie schon  beim Streik 1978
       recht gering  und nahm  nach Beginn  der Aussperrung, am 23. Mai,
       weiter ab.  Die über zehn ländliche Streiklokale aufgeteilte Mit-
       gliederregistrierung erschwerte  zudem einheitliche  Aktions- und
       Kommunikationszusammenhänge und  die Formierung  der  Belegschaft
       als kollektive Macht.
       Opel bildete den Schwerpunkt der Arbeitskampfstrategie der IG Me-
       tall in  Hessen (75  Prozent der  Mitglieder bei  insgesamt  neun
       Streikbetrieben) und  demonstrierte über sechseinhalb Wochen eine
       stabile Streikfront.  Zwei Faktoren  hatten die  Einbeziehung des
       Rüsselsheimer Werkes  beeinflußt: Opel  hatte für die 35-Stunden-
       Bewegung eine  Vorreiterrolle in  der IG Metall gespielt, wie die
       erstmalige Aufstellung  dieser Forderung  auf einer  Betriebsver-
       sammlung 1977  (noch vor dem Gewerkschaftsbeschluß) und das Enga-
       gement der  Delegierten zuletzt auf dem Gewerkschaftstag 1983 be-
       wiesen. Außerdem  stellt Opel  seit dem  Führungswechsel  im  Be-
       triebsrat Mitte  der siebziger Jahre zu einer aktiven, linkssozi-
       aldemokratisch geprägten  Gruppe und  mit einem stabilen Vertrau-
       enskörper (rund  1000 Vertrauensleute  auf 25000 Mitglieder) eine
       der stärksten Bastionen der hessischen IG Metall dar. 49)
       Opel Rüsselsheim und sein regionales Umfeld sind traditionell so-
       zialdemokratisch geprägt.  In der Streikleitung, die mehrheitlich
       von führenden  sozialdemokratischen Betriebsfunktionären bestimmt
       war, waren die betrieblichen Minderheitsströmungen der Grünen und
       der Kommunisten,  deren Betriebsgruppe  außerordentlich aktiv zur
       Unterstützung der  Streikfront wirkte,  integriert. 50) Gegen den
       Streik wirkten  vor allem der CMV (5 von 49 Sitzen im BR) und die
       DAG (zwei Sitze), wobei auch in deren Potential die Polarisierung
       der Klassenfronten Teile an die Seite der Streikenden drückte.
       Die Dimensionen  eines Großbetriebes von besonderem Ausmaß beein-
       flußten in  mehrerer Hinsicht  den Streikablauf. Täglich betraten
       bis zu 5 000 Beschäftigte, also etwa ein Siebtel der Belegschaft,
       das Werk  - darunter  waren allerdings allein 700 Personen Notbe-
       legschaft (mit  IG-Metall-Ausweis), 900  Auszubildende und  1 400
       AT-Angestellte. Den  restlichen bis zu 2 000 Streikbrechern stan-
       den 3000 bis 4000 Streikposten gegenüber, die täglich wechselten,
       so daß  in der Woche bis zu 20 000 Mitglieder aktiv in den Streik
       einbezogen wurden. Der Rahmen des Arbeitskampfablaufs wurde durch
       eine Vereinbarung  zwischen Streikleitung  und Opel-Direktion be-
       stimmt, nach der von den insgesamt 36 Toren bis auf acht alle ge-
       schlossen wurden.  Eine Aufkündigung  dieser Regelung  hätte  für
       jede Seite  Risiken und  eine Eskalation zur Folge gehabt. In der
       zweiten Phase  des Arbeitskampfes benutzte die Opel-Geschäftslei-
       tung dieses  Agreement als  Drohung, um  die Einhaltung einer von
       ihr gerichtlich  erwirkten "Gassenbildung"  für die Streikbrecher
       zu sichern.  Dieser Fakt wirkte als legalistische Eingrenzung von
       Aktivitäten, wenngleich  nach organisatorischen  Anlaufschwierig-
       keiten in den ersten Wochen aktive Elemente des Streiks wie Kund-
       gebungen und  Solidaritätsfeste vor den Toren, Bildungsveranstal-
       tungen mit fortschrittlichen Wissenschaftlern, eigene Frauenakti-
       vitäten und ähnliches erheblich zunahmen.
       Als "weicher"  Punkt der  Arbeitskampfführung des  IG-Metall-Vor-
       standes stellte  sich die unzureichende Einstellung auf die sozi-
       alpsychologischen Auswirkungen der kalten Aussperrung heraus, die
       als Folge der "Nadelstichtaktik" ebenso vorherzusehen war wie die
       Verweigerung des  Kurzarbeitergeldes durch  die Bundesanstalt für
       Arbeit, die  unter Druck  der Bonner  Regierung stand. 51) Die IG
       Metall hatte  generell alle Betriebsräte darauf orientiert, unter
       Ausnutzung aller  Rechte des  BetrVG  Produktionsstillegungen  zu
       verhindern bzw.  zu verzögern.  Die betrieblichen  Reaktionen auf
       die kalten Aussperrungen hatten allerdings einen weitgehend spon-
       tanen Charakter.  Sie hingen  von der betrieblichen und örtlichen
       Aktions- und  Führungstätigkeit ab, die im wesentlichen durch die
       jeweiligen betrieblich-hegemonialen  Kräfte bestimmt  war und un-
       terschiedliche, positive wie negative Ergebnisse brachte.
       Den negativsten  Pol bildeten  die süddeutschen BMW-Werke in Mün-
       chen, Dingolfing  und Landshut  (nur 1200 Beschäftigte). In allen
       Belegschaften dominieren rechtssozialdemokratische und extrem so-
       zialpartnerschaftliche Kräfte,  wobei das politische Umfeld eben-
       falls einen  starken CSU-Einfluß sichert. Dies trifft trotz einer
       aktiven Verwaltungsstelle  insbesondere auf  das Werk  Dingolfing
       zu, in  dem sich große Gruppen als Arbeiter der ersten Generation
       aus dem  niederbayerischen Raum  rekrutieren (in  München ist der
       Ausländeranteil höher).  Die durch die Boulevardpresse angeheizte
       antigewerkschaftliche  Stimmung  fand  hier  große  Resonanz  und
       drückte sich  in einer aggressiven Haltung gegenüber den Funktio-
       nären und  in einer  Austrittswelle aus. Aktionen als Bezugspunkt
       blieben sehr  begrenzt (Dingolfing: Solidaritätsfahrt nach Stutt-
       gart; München:  Kundgebung am  18. Mai); an der Bonner Kundgebung
       am 28.5. nahmen aus Dingolfing 50 und aus München 20 Beschäftigte
       teil. Die  Distanz zur Gewerkschaft und zum Streik war noch durch
       die Haltung  des Betriebsratsvorsitzenden  gefördert worden,  der
       sich in  der Öffentlichkeit  als Gegner  der 35-Stunden-Forderung
       und mit  eigenen Vorschlägen  für eine  Schlichtung unter  Helmut
       Schmidt schon in der ersten Streikphase profiliert hatte. 52) In-
       nerbetrieblich wurden  die sozialen  Folgen durch vorgezogene Ur-
       laubsregelungen und  Überbrückungskredite  gedämpft.  Die  Objek-
       trolle der  Ausgesperrten wurde  in keiner  Weise überwunden. Für
       die IG  Metall stellte  die Entwicklung bei BMW einen ernsthaften
       Einbruch dar,  der den  auf Beendigung  des Streiks  und schnelle
       Kompromisse drängenden Kräften Argumente lieferte.
       Einen aktiven Handlungstyp in der Reaktion auf die kalte Aussper-
       rung repräsentiert  das Opel-Werk Bochum, das im traditionell von
       der Arbeiterbewegung geprägten und daher eher solidarisch reagie-
       renden Milieu  des Ruhrgebiets  liegt. Innerhalb des Betriebsrats
       existiert eine  aktive linke  Strömung von IG-Metall-Mitgliedern,
       daneben gibt  es noch  zwei linksoppositionelle  Listen. Als  die
       Konzernleitung von  den  19000  Beschäftigten  12 000  kalt  aus-
       sperrte, formierte  sich aufgrund der Inaktivität der Vertrauens-
       körperleitung ein informeller Aktionskreis, dessen Orientierungen
       und Vorschläge  weitgehend von der IG-Metall-Ortsverwaltung über-
       nommen wurden.  Nachdem es über ein Einigungsstellenverfahren ge-
       lungen war,  die kalte  Aussperrung zu  verzögern, scheiterte der
       Plan einer Betriebsbesetzung auf einer achtstündigen Betriebsver-
       sammlung am  12. Juni  mit 6 000  Teilnehmern daran,  daß die Be-
       kanntgabe des  ersten Sozialgerichtsurteils gegen den "Franke-Er-
       laß"  durch   den  Betriebsratsvorsitzenden  den  Handlungsimpuls
       schwächte.
       Auch wenn  es nicht gelang, gemeinsame Schritte der Ausgesperrten
       mit den noch Arbeitenden zu entwickeln, ging die Vielfalt der Ak-
       tionen von  Demonstrationen u.  a. beim Arbeitsamt, Solidaritäts-
       fahrten nach  Rüsselsheim bis  zum Vorschlag eines Straßenfestes.
       Die außerbetriebliche  Solidarität, vor  allem von SPD-Gliederun-
       gen, der  DKP und  vielen Friedensinitiativen,  war  breit.  Bei-
       spiele, auch  aus anderen  Aussperrungsbetrieben - wie etwa Daim-
       ler-Benz Bremen  -, belegen, daß für den betrieblichen Reaktions-
       spielraum auch  das solidarische Umfeld, das sowohl durch die In-
       frastruktur progressiver  Bewegungen wie  durch die Tendenzen der
       Medienberichterstattung beeinflußt  wird, einen hohen Stellenwert
       besitzt.
       
       Streikbasis und -qualität
       -------------------------
       
       Die tragenden Kerne des Streiks waren die "alten Gruppen" der Ar-
       beiterklasse, die Industriearbeiter in den Großbetrieben, die den
       traditionellen Kern  der Arbeiterklasse bilden und nach wie vor -
       zumindest beim  deutschen Teil - eine feste Basis der Sozialdemo-
       kratie sind.  Im Maße  der Einbeziehung dieser Gruppen in die Ak-
       tion wuchs  ihre Kampfbereitschaft. Besonders stabile und verfüg-
       bare Kräfte  der aktiven  Streikfront waren  die gewerkschaftlich
       organisierten Ausländer. Sie brachten oftmals eine größere Beweg-
       lichkeit, Spontanität  und höhere  Militanz in  den  Arbeitskampf
       ein. Dort,  wo solche  Impulse nicht blockiert wurden, kam es zur
       Annäherung insbesondere  an jüngere  deutsche Lohnabhängige,  die
       durch gemeinsame  kulturelle Aktivitäten  (Straßenfeste usw.) ge-
       fördert wurde.
       Die Angestellten erwiesen sich erneut als ein neuralgischer Punkt
       und organisationspolitisch  ernsthaftes Zukunftsproblem  der  Ge-
       werkschaften.  Wie  schon  bei  den  Betriebsratswahlen  sichtbar
       wurde, wirkten in dieser Gruppe Konkurrenzverhalten und individu-
       elle Anpassung  am stärksten, und die Forderung nach Arbeitszeit-
       verkürzung war hier am schwächsten verankert. Nur in Ausnahmefäl-
       len wurden  die Angestellten zum Streik aufgerufen: Im IG Metall-
       Bezirk Stuttgart  wurde darauf generell verzichtet, in Hessen wa-
       ren sie  nur in  vier von  neun Streikbetrieben  aufgerufen  (bei
       Opel, Honeywell  Maintal, Daimler-Benz Kassel und später Triumph-
       Adler, um  ein bundesweites Auslieferungslager zu blockieren), in
       der Druckindustrie streikten überwiegend nur die Arbeiter. In der
       Regel wurden Angestellte auch nicht ausgesperrt, entwickelten je-
       doch in  einigen Betrieben,  in denen  aktive Angestelltengruppen
       existieren, Solidaritätsaktionen.  Dies trifft ebenfalls für ein-
       zelne Gruppen  von Ingenieuren (z.B. VDO Schwalbach) oder in Zei-
       tungsverlagen bei Journalisten zu (z.B. Frankfurter Rundschau: 40
       Beteiligte an Solidaritätsstreiks).
       Die Träger  des Streiks  vor Ort  waren die betrieblichen und ge-
       werkschaftlichen Vertretungskader. Zentrale Aktivität war die Be-
       teiligung an den Streikposten, die auch aus nicht betroffenen Ge-
       werkschaften unterstützt  wurden.  Dies  spielte  eine  besondere
       Rolle bei  den beweglichen  Streikaktionen und  Blockaden in  der
       Druckindustrie, weshalb  die bürgerliche Presse ihre Angriffe auf
       diesen Punkt  richtete. Unter  den aktiven  Streikposten, die aus
       meist jüngeren  Kadern unterschiedlicher  DGB-Gewerkschaften  be-
       standen, fand  ein intensiver Kommunikationsprozeß statt, der die
       neuen Erfahrungen und Lernprozesse verdichtete.
       Generell konnte nicht von begeisterter Arbeitskampfatmosphäre und
       der Überwindung der Trennung von Akteuren und Zuschauern - insbe-
       sondere nicht mit Blick auf das gesamte Bundesgebiet - gesprochen
       werden. Aber  eine neue  Streikqualität ist  schon allein  in der
       verstärkten Aufnahme  zahlreicher Aktions-  und Kulturelemente zu
       sehen, die  durch  die  außerbetrieblichen  Massenbewegungen  der
       letzten Jahre  mitgeprägt waren.  Angesichts des  traditionellen,
       oftmals ritualisierten  und unpolitischen Streikverständnisses in
       der BRD  deuten sich hier tiefgreifende Veränderungen an. Die un-
       vollständige Aktionspalette  reichte von  der "Erprobung  der 35-
       Stunden-Woche", kurzen  Warn- und  Solidaritätsstreiks, spontanen
       Demonstrationen, Blockadeaktionen,  der  phantasievollen  Bildung
       von "Gassen"  durch die  Streikposten,  neuen  Kampftaktiken  wie
       Wechselstreiks, militanteren Widerstandsformen gegen die Aussper-
       rung, Umzingelung von Unternehmerzentralen über zentrale Aktions-
       tage bis zum "Marsch auf Bonn". 53)
       Die in  einem Arbeitskampf bisher breiteste Unterstützung leiste-
       ten Künstler,  Theater- und Songgruppen sowie Schriftsteller. Sie
       förderten selbstorganisierte  Kulturaktivitäten der  Streikenden,
       die sich  in der Bildung eigener Chöre, in der Gestaltung von So-
       lidaritäts- und  Familienfesten und  ähnlichem artikulierten. An-
       knüpfend an die Tradition der "Walduni" in der Startbahn-West-Be-
       wegung im  Rhein-Main-Raum entstanden in Frankfurt und in Wiesba-
       den/Mainz "Streikuniversitäten",  die von  über 100 Wissenschaft-
       lern  unterstützt   wurden  und  Bildungsveranstaltungen  in  den
       Streiklokalen anboten. 54)
       Wechselwirkungen zwischen  der politischen  Kultur von  Friedens-
       und neuen  sozialen Bewegungen  und der Streikbewegung konnten am
       ehesten dort wirksam werden, wo das großstädtische Milieu Annähe-
       rung und  Kooperation begünstigte.  In den  Gewerkschaften wurden
       solche Impulse  von jüngeren Lohnabhängigen- und Funktionärsgrup-
       pen aufgenommen.  In einigen  solcher Zentren  - z.B.  Frankfurt,
       Köln und Hamburg - war ein z.T. dichtes Netz von Stadtteilinitia-
       tiven entstanden.  Solche Initiativen  waren im Kern Sammelpunkte
       von politisch  und gewerkschaftlich  Aktiven, die z.T. im eigenen
       gewerkschaftlichen Wirkungsfeld  nur unzureichende  Möglichkeiten
       des aktiven  Einschaltens in  die 35-Stunden-Bewegung fanden. Sie
       waren zugleich aber auch eine Kontakt- und Austauschzone zwischen
       betrieblichen Aktivisten  und Gruppen  der Friedensbewegung sowie
       solcher auf  die Arbeiterbewegung  orientierten Kräfte  wie  DKP,
       SPD, DS  und andere  Linksgruppen. In  Hamburg hatte sich aus dem
       Solidaritätsbündnis mit  HDW ein  breiter Koordinationskreis ent-
       wickelt, dem  Vertreter der  IG Metall,  der AfA der SPD, der DKP
       und zahlreiche progressive Gewerkschafter - allerdings nicht mehr
       die Grün-Alternativen  - angehörten.  Trotz einiger  bundesweiter
       Solidaritätserklärungen und  der parlamentarischen Initiative zum
       Verbot der  Aussperrung blieb  das Verhalten  der Grünen  und der
       grün-alternativen Szene  durch Reserviertheit  und Passivität ge-
       prägt. 55)  Dies weist nicht nur auf deren nach wie vor arbeiter-
       klassenferne soziale Basis hin, sondern markiert auch Grenzen der
       politisierenden Ausstrahlung  der Arbeitskämpfe  in der Gesamtbe-
       völkerung.
       
       4.4 Entwicklung und Grenzen des Kräfteverhältnisses
       ---------------------------------------------------
       
       In den  Streikkämpfen stieß ein Teil des gewerkschaftlich organi-
       sierten Kerns  der Arbeiterklasse der BRD unmittelbar mit dem Mo-
       nopolkapital zusammen,  und zwar  in der Konfrontation kämpfender
       Belegschaften und Gewerkschaften auf der einen und monopolistisch
       beherrschter Unternehmerverbände  und  Unternehmensleitungen  auf
       der anderen Seite. Es fand ein direkter und harter Schlagabtausch
       ohne Puffer und Polster statt. Freilich erfolgte dieser Zusammen-
       stoß nicht  von einer  Position der  Machtparität aus, sondern im
       Rahmen eines  sozialökonomischen und  politischen Herrschaftsver-
       hältnisses, das  durch das  System des  SMK ausgedrückt und gesi-
       chert wird.
       Diese Polarisierung  erfaßte faktisch  die gesamte  Gesellschaft,
       sie wurde  aber nicht  in allen Bereichen handlungs- und einstel-
       lungsrelevant. Denn  die Konfrontation  erfolgte im  ökonomischen
       Bereich, wo  es um  Lohn, Leistung  und Arbeitszeit geht. Sie er-
       schien also als Teilkonfrontation. Die Polarisierung schritt fort
       im Maße  der Politisierung des Kampfes und der Forderungen. Poli-
       tisierung bedeutet  dabei das  Sichtbarwerden des Machtcharakters
       der Auseinandersetzung und der Positionen der Unternehmerverbände
       sowie die  Verallgemeinerung der  Kampfforderungen. Dies  war mit
       der kalten  und heißen  Aussperrung  gegeben.  Die  Polarisierung
       konnte dabei  um die  Klasseninteressen erfolgen, was den Gewerk-
       schaften eine  ungleich größere  Mobilisierungsreserve  verfügbar
       machte als den Unternehmerverbänden. Die Wechselwirkung von poli-
       tischer Legitimation  und Breitenmobilisierung  wurde  in  diesem
       Prozeß in  Gang gesetzt,  stieß jedoch  auf Grenzen des in dieser
       Situation erzielbaren Kräfteverhältnisses.
       Höhepunkt des Arbeitskampfes und der Politisierung war die dritte
       Streikwoche, die mit dem "Marsch auf Bonn" und der Betriebsbeset-
       zung von  Filter-Knecht begann. Beides waren aufgrund der Massen-
       mobilisierung, der Stoßrichtung gegen die Koalition von "Kabinett
       und Kapital"  und der neuen Militanz in der Aktion für die Unter-
       nehmerverbände wie  für die  Regierung Signale, deren Breitenecho
       sie abwarten  wollten. In  der Massenresonanz  wie im  Mobilisie-
       rungsgrad zum  Aussperrungsbeginn in  Hessen (30. Mai) zeichneten
       sich jedoch  Grenzen ab.  Der Radius von Solidaritätsaktionen in-
       nerhalb und außerhalb des DGB erweiterte sich nicht entscheidend.
       Eine Vorwärtsdynamik des Arbeitskampfes hätte in dieser Situation
       eine Ausweitung  von Streiks  auf neue  Bereiche erforderlich ge-
       macht. Am  Ende der  dritten Streikwoche  (am 1.  Juni) entschied
       sich der  Vorstand der  IG Metall  gegen dementsprechende Anträge
       und setzte auf Konfliktbegrenzung, weil er offenbar das aktivier-
       bare Druckpotential  für weitgehend  erschöpft und eine Einbezie-
       hung weiterer  Bezirke in  die Streikfront  für zu riskant hielt.
       Damit war der Umschlagspunkt von der offensiv-expansiven zur eher
       stagnativen Phase im Arbeitskampf erreicht.
       Während in  der vierten  Streikwoche ergebnislos  Kompromißspiel-
       räume bei  den Unternehmern  in  Verhandlungen  getestet  wurden,
       setzten IG  Metall und  DGB die Deeskalationslinie fort (Verzicht
       auf bundesweite  Solidaritätsstreiks) und  stellten sich auf eine
       Lösung in  einem Schlichtungsverfahren  ein, das am 15. Juni, dem
       Ende der  fünften Streikwoche,  vom Vorstand der IG Metall akzep-
       tiert wurde.  56) In  der letzten Streikphase (sechste und siebte
       Woche) fielen  die Logik der Verhandlungen und die Logik der Mas-
       senbewegung zunehmend auseinander, was sich in verstärktem Basis-
       druck aus  der weiterhin  stabilen Streikfront  und Kritik an der
       Führung artikulierte.
       Bei den Unternehmerverbänden herrschte bis in die letzte Arbeits-
       kampfphase eine  Fehleinschätzung der Kräfteverhältnisse vor. 57)
       Unterschätzt worden  war von Anfang an die Handlungsfähigkeit der
       Gewerkschaften, ihre  Fähigkeit zur Initiative und die davon aus-
       gehende Dynamik  auf die  Klasse. Dies hatte sich in der falschen
       Beurteilung der Urabstimmungsergebnisse und der langen Stabilität
       der Streikfront  gezeigt. Ihre  Spekulationen über die Reichweite
       der demoralisierenden und destabilisierenden Wirkungen der heißen
       und der kalten Aussperrung waren nicht aufgegangen. Mit den Sozi-
       algerichtsurteilen erfolgte  vielmehr in  der letzten Streikphase
       eine Druckentlastung für die Gewerkschaften.
       Die harte Linie der Unternehmerverbände war in den Metallverhand-
       lungen in  der vierten  Streikwoche noch  mit der Ablehnung jeder
       generellen Wochenarbeitszeitverkürzung,  der Drohung mit dem Ver-
       zicht auf  einen Kompromiß und einem tariflosen Zustand, sowie in
       der Druckindustrie  am 21.  Juni mit  der brüskierenden Ablehnung
       der Biedenkopf-Vorschläge durch die Unternehmer öffentlich sicht-
       bar geworden.  58) Diese  Blockadelinie mußte sich angesichts des
       zwar nicht erweiterten, aber stabil bleibenden gewerkschaftlichen
       Streikpotentials als unrealistisch erweisen, so daß innerhalb des
       Unternehmerlagers die Kompromißkräfte an Gewicht gewannen. 59)
       Durch ihre  eindeutige Bindung an Ziele und Politik der Unterneh-
       mer und  ihre Instrumentalisierung für diese Politik ("Franke-Er-
       laß" usw.)  schaltete sich die Kohl/Genscher-Regierung als poten-
       tieller und  aktueller Konfliktvermittler  aus. Innere  Krisen im
       konservativen Block  auf dem Höhepunkt des Arbeitskampfes - Fort-
       setzung des  Verfallsprozesses der  FDP bei  den Europawahlen und
       der durch  den Parteienfmanzierungsskandal  ausgelöste  Rücktritt
       Lambsdorffs - zwangen die Regierung zu einem zunehmend zurückhal-
       tenderen Kurs  und begrenzten  damit auch die Konfrontationslinie
       der Unternehmerverbände.  60) Die  Aufgabe der  Entschärfung  der
       Konfrontation wurde vor allem von den Sozialgerichten übernommen,
       die zuletzt die Aufhebung des "Franke-Erlasses" veranlaßten. Auch
       wenn es der Gewerkschaft nur begrenzt gelang, die Wirkung der Ur-
       teile politisch  umzusetzen, wurde  damit die Position der Unter-
       nehmerverbände geschwächt  und der  Druck verstärkt, das Tabu der
       40-Stunden-Woche fallenzulassen. Damit bestätigte sich die Bedeu-
       tung der juristischen Konfliktebene in diesem Arbeitskampf, einer
       besonderen Ebene  des Kampfes  um Hegemonie. Sichtbar wird erneut
       eine Grundtendenz  des SMK-Staates,  nämlich die  Verlagerung der
       "Konsensdefinition" vom  Parlament und der Regierung zu den Ober-
       gerichten, die ebenfalls schon in der Konfliktphase Ende der 70er
       Jahre im "Mitbestimmungsurteil" des Bundesverfassungsgerichts zum
       Ausdruck gekommen war.
       Bei der  Kompromißfindung in der Sache selbst konnte sich die So-
       zialdemokratie in  Gestalt Georg  Lebers, eines  ehemaligen expo-
       nierten Vertreters  des Sozialpartnerschaftsflügels  im DGB,  als
       Integrationskraft profilieren.  Mit Leber,  und später  im  Luft-
       hansa-Konflikt Karl Schiller, sollte seitens führender SPD-Kräfte
       eine neue  Aufwertung der sozialpartnerschaftlichen Kräfte in den
       Gewerkschaften erfolgen,  deren Position  durch den  Arbeitskampf
       geschwächt wurde,  zugleich aber  auch der Monopolbourgeoisie die
       Bedeutung der  Sozialdemokratie für die Sicherung eines "sozialen
       Konsenses" und  "sozialen Friedens" in Erinnerung gerufen werden.
       Neue Integrationsmodelle  werden schon  deshalb wieder  verstärkt
       favorisiert werden,  weil das strategische Ziel des konservativen
       Blocks, nämlich die Gewerkschaften als Gegenmacht entscheidend zu
       schwächen, in  diesem Arbeitskampf  gescheitert ist.  Die gewerk-
       schaftliche Mobilisierungs-  und Handlungsfähigkeit bestand unter
       komplizierten Bedingungen den Härtetest. Gescheitert ist auch der
       nach der Annahme des Leber-Modells noch unternommene Versuch, zu-
       mindest den  "radikalen" Gewerkschaftsflügel zu schwächen und der
       IG Druck und Papier eine demütigende Niederlage aufzuzwingen. 61)
       
       5. Zukunftsprobleme der Betriebs- und Gewerkschaftspolitik
       ----------------------------------------------------------
       
       Die Bewertung  der Ergebnisse  des Arbeitskampfes kann sich nicht
       in der  kritischen Einschätzung  des materiellen  Resultats, also
       hauptsächlich des erzielten Kompromisses in der Arbeitszeitfrage,
       erschöpfen. Sie  muß eine politische Bilanzierung enthalten, wenn
       sie nicht  in der  Beschreibung des Erreichten verharren, sondern
       die Bedingungen  für die  Verarbeitung des  Arbeitskampfes in den
       Gewerkschaften und  die betriebliche Umsetzung sowie die Perspek-
       tiven des Kampfes um die 35-Stunden-Woche ausloten will.
       
       5.1 Zum Ergebnis der Tarifabschlüsse
       ------------------------------------
       
       Die als  Ergebnis des Arbeitskampfes erzielten Tarifabschlüsse in
       der Metall-  und Druckindustrie enthalten neben die Realeinkommen
       nicht sichernden  Einkommenserhöhungen mit langer Laufzeit, einer
       Verbesserung der Lohnstruktur (Druck) und der Möglichkeit zum Ab-
       schluß einer  Vorruhestandsregelung (Metall) im wesentlichen zwei
       Komponenten: die Verkürzung der Wochenarbeitszeit um 1,5 auf 38,5
       Stunden und  die Möglichkeit  zur Arbeitszeitflexibilisierung  in
       unterschiedlichem Ausmaß. 62)
       Die Reduzierung  der Wochenarbeitszeit ab April 1985 stellt einen
       Erfolg dar, auch wenn kein Stufenplan zur Einführung der 35-Stun-
       den-Woche durchgesetzt werden konnte. Das 40-Stunden-Tabu der Un-
       ternehmerverbände wurde  damit gebrochen, allerdings um den Preis
       zum Teil  weitreichender Flexibilisierungsmöglichkeiten,  die  in
       der Metallindustrie  größer sind als in der Druckindustrie und in
       den Tarifverträgen für die Stahlindustrie und das VW-Werk. 63)
       Während in  der Druckindustrie die bisher schon vorhandenen zeit-
       lichen Flexibilisierungsmöglichkeiten  bei nunmehr allerdings ge-
       nerell verkürzter  Arbeitszeit in den neuen Tarifvertrag übernom-
       men wurden,  kann in  der Metallindustrie die Arbeitszeit künftig
       nicht nur  zeitlich, sondern  auch individuell oder gruppenspezi-
       fisch zwischen 37 und 40 Stunden variiert werden. 64)
       Der Abschluß  des Metalltarifvertrages  auf der  Basis  der  Vor-
       schläge Georg  Lebers 65)  stellt demnach  einen Einbruch  in das
       bisherige Tarifvertragssystem dar, indem er die Möglichkeit indi-
       viduell oder  gruppenspezifisch  unterschiedlicher  Arbeitszeiten
       fixiert und  so den vereinheitlichenden Charakter tariflicher Re-
       gelungen und  damit die Schutzfunktion von Tarifverträgen tenden-
       ziell unterhöhlt.  Diese Gefahr  darf nicht  unterschätzt werden,
       ihre perspektivischen  Auswirkungen lassen  sich noch  nicht  ab-
       schätzen.
       Wie die  mit dem  Tarifvertrag geschaffenen  neuen  Flexibilisie-
       rungsspielräume von den Unternehmern in der Praxis genutzt werden
       können, hängt wesentlich vom Widerstandspotential der Belegschaf-
       ten, Vertrauensleute  und Betriebsräte  ab. Somit könnte sich die
       Regelung für  die Unternehmer  letztlich lediglich  als  T e i l-
       e r f o l g   erweisen, nicht  aber als  der "große  Durchbruch".
       Denn  weder   entspricht  der   Tarifvertrag  den  ursprünglichen
       Absichten der  Unternehmer (Jahresarbeitszeitverträge, tarifliche
       Legitimierung von  Teilzeitarbeit und Umwandlung von Vollzeit- in
       Teilzeitarbeitsplätze),  noch   konnten  sie  einen    b e d e u-
       t e n d e n   Spielraum für die Differenzierung der Arbeitszeiten
       durchsetzen. 66) Zudem ergibt sich aus den Regelungen ein Zuwachs
       von Mitbestimmungs-  und Kontrollrechten der Betriebsräte bei der
       Überwachung der  zu  vereinbarenden  individuellen  vertraglichen
       Arbeitszeiten. Es  ist jedoch  nicht zu übersehen, daß bei exten-
       siver  Nutzung   der  neuen   Flexibilisierungsmöglichkeiten  die
       Unternehmer Neueinstellungen  in größerem  Umfang verhindern  67)
       und erhebliche Spannungen in die Belegschaften tragen können, die
       sich u.a.  aus  langfristig  entstehenden  Einkommensdifferenzie-
       rungen aufgrund  unterschiedlicher Arbeitszeiten ergeben könnten.
       Die aus einer Fülle unterschiedlicher individueller Arbeitszeiten
       möglicherweise erwachsende Gefahr der Einführung oder Erweiterung
       EDV-gestützter Zeiterfassungs-  und -kontrollsysteme muß beachtet
       werden. Ein  weiteres  Problem  stellt  die  durch  den  Abschluß
       forcierte Verlagerung  der Regelungskompetenzen  vom Tarifvertrag
       auf die Betriebsvereinbarung und damit von der gewerkschaftlichen
       Tarifpolitik auf die Ebene der Betriebsratspolitik dar.
       Den aus  dieser Entwicklung resultierenden negativen Konsequenzen
       kann durch  die Weiterentwicklung  betriebs-, d. h. auch beschäf-
       tigtennaher Ansätze der Gewerkschaftspolitik, die Aktivierung der
       gewerkschaftlichen Vertrauensleutearbeit und die stärkere Einbin-
       dung der  Betriebsräte in die Gewerkschaftsarbeit entgegengewirkt
       werden. Die  Notwendigkeit hierzu wird von der IG Metall gesehen.
       Ihr unmittelbar  nach dem Tarifabschluß erarbeitetes "Umsetzungs-
       programm" 68)  sieht vor,  daß noch  im Herbst  1984 umfangreiche
       Schulungsmaßnahmen für  Betriebsräte und Vertrauensleute über die
       Risiken und Chancen des neuen Tarifvertrages durchgeführt werden,
       wobei neben  Auslegungsfragen auch Strategien zur beschäftigungs-
       wirksamen Realisierung  der 38,5-Stunden-Woche  auf der  betrieb-
       lichen Ebene  diskutiert werden sollen. Erst nach erfolgter Schu-
       lung sollen  dann in  Absprache mit der Gewerkschaft Betriebsver-
       einbarungen abgeschlossen werden.
       
       5.2 Nach dem Streik: Fragen für die Zukunft
       -------------------------------------------
       
       Der spezifische  politische Charakter  des Arbeitskampfes  resul-
       tierte aus  der Situation,  daß der  Arbeitszeitkonflikt von  der
       herrschenden Klasse  zum Test  für die Durchsetzungsfähigkeit der
       konservativen Strategie  gemacht worden  war. Wie die Entwicklung
       der Positionen  im Arbeitskampf  selbst zeigte,  besaß  die  Auf-
       rechterhaltung des 40-Stunden-Tabus für den Erfolg oder Mißerfolg
       dieser strategischen  Zielsetzung politische Symbolkraft. Im ein-
       deutigen Scheitern  dieses Ziels  liegt die über die aktuelle Si-
       tuation und  die materiellen  Ergebnisse weit hinausreichende Be-
       deutung des Kampfes. Durch die auch im aktuellen westeuropäischen
       Vergleich herausragende  Demonstration der autonomen Handlungsfä-
       higkeit einer Gewerkschaftsbewegung in einer komplizierten Situa-
       tion werden  damit Grenzen  der konservativen Hegemonie sichtbar.
       69) Auch wenn die politische Landschaft der BRD nicht unmittelbar
       verändert wurde,  muß die herrschende Klasse die Arbeiterbewegung
       als Gegenmachtfaktor  zur "Wendepolitik" nach diesem Arbeitskampf
       ernster nehmen, als sie es vorher zu tun bereit war. 70)
       Es hat  nicht lange gedauert, bis nach Abschluß der Tarifverträge
       die ersten Stimmen laut wurden, die einen Abbau der Konfrontation
       und insbesondere der Politisierung des Konflikts intendierten. In
       dieser "zweiten Runde" trat in der Strategie von Unternehmern und
       Regierung stärker  das Bemühen  in den Vordergrund, das im Streik
       spürbar gewordene  und durch  ihn entwickelte Kräfteverhältnis in
       Rechnung zu  stellen und Formen der institutionalisierten Sozial-
       partnerschaft neu  zu beleben ("Kamingespräche"). Als Grundorien-
       tierung ist  für das  Monopolkapital in der BRD eine funktionsfä-
       hige Integrationspolitik gegenüber den Gewerkschaften unabdingbar
       und wird im Zweifelsfalle auch restriktiveren Strategien, wie sie
       in Großbritannien  in den  Gewerkschaftsgesetzen und nach dem Ar-
       beitskampf in  Überlegungen für  ein Verbändegesetz  zum Ausdruck
       kommen, vorgezogen.  Aber auch  innerhalb des  DGB  zeigen  erste
       Stimmen, daß die Wiederbelebung korporatistischer Integrationsmo-
       delle neue  Auseinandersetzungen provozieren  wird, zumal  einige
       damit die  Spekulation einer  Neuauflage einer "großen Koalition"
       verbinden. 71)  Auf solche  Weise würde  aber gerade das, was die
       Gewerkschaftsbewegung durch diesen Kampf an einsatzfähiger Gegen-
       macht gewonnen hat, wieder aufs Spiel gesetzt.
       Im Zusammenhang  mit diesem  Kampf bildete sich ein Block von Ge-
       werkschaften heraus,  die sich  stärker an  den Klasseninteressen
       der Mitglieder  orientieren. Kern  waren die  IG Druck und Papier
       und die  IG Metall,  aber auch aus anderen Bereichen insbesondere
       des öffentlichen Dienstes wurde Unterstützung sichtbar. In diesem
       Konflikt um  die Arbeitszeit  war  der  kämpferische  Flügel  zum
       Kraftpol der  DGB-Gewerkschaften geworden. Selbst Gewerkschaften,
       die mehr  oder weniger offen die 35-Stunden-Zielsetzung sabotiert
       hatten, profitierten von dieser Bewegung bei ihren Vorruhestands-
       abschlüssen. Es  ging also  auch um  eine gewerkschaftspolitische
       Weichenstellung.
       Wegen der Schärfe der Auseinandersetzung legte der Streik organi-
       satorische und politische Unzulänglichkeiten und Schwächen in der
       Mobilisierungsfähigkeit bloß.  72) Durch die innergewerkschaftli-
       che Verarbeitung dieser Schwachstellen, die nicht einfach nur aus
       der Summierung von Fehlern der Vergangenheit resultieren, sondern
       auch auf neue Anforderungen aufmerksam machen, wird letztlich die
       Zukunft der Gewerkschaften mitentschieden.
       Wie erwähnt,  wurde der Streik im wesentlichen von den "traditio-
       nellen Truppen"  der Gewerkschaftsbewegung getragen, d.h. von den
       Kerngruppen  der   Industriearbeiterschaft  in  traditionsreichen
       Betrieben der  verarbeitenden Industrie. Bei den Angestellten und
       den  technischen  Kadern  (Ingenieure  und  dergleichen)  war  es
       dagegen oft  schwierig, sie zur Solidarität mit ihren streikenden
       oder ausgesperrten  Arbeiterkollegen zu  bewegen. Ähnlich  war es
       mit Beschäftigten  in anderen  Branchen, vor  allem in Dienstlei-
       stungsbereichen, wo  oft wenig  Verständnis, teilweise  Ablehnung
       für die Streikziele bestand.
       Mit dem  künftig sich  fortsetzenden Abbau  von Arbeitsplätzen in
       der verarbeitenden  Industrie werden  die traditionellen  Truppen
       weiter schrumpfen. Ein zentrales Problem wird die gewerkschaftli-
       che Verankerung in den high-tech-Industrien sein, die einen neuen
       Belegschaftstypus  repräsentieren.  Soll  ein  gewerkschaftlicher
       Machtverlust vermieden  werden, müssen  auf diesem  Sektor Kräfte
       konzentriert werden.  Dies kann  Überlegungen einer  alternativen
       Technologiepolitik der  Gewerkschaften,  neuer  Organisationspro-
       zesse unter solchen qualifizierten Lohnabhängigengruppen wie auch
       Auswertungen der Arbeitskampferfahrungen einschließen. 73)
       Auswertungen des  Arbeitskampfes werden  sich nicht  nur auf  die
       traditionellen Kriterien  der Streikerfahrung beschränken können.
       Daß das Kapital diese Auseinandersetzung zur gesellschaftspoliti-
       schen Machtfrage  eskalierte, dahinter  steckte der  Umstand, daß
       die 35-Stunden-Forderung die Frage der Entwicklungslogik der Öko-
       nomie aufwarf und sozialpolitische Grundorientierungen zum Kampf-
       gegenstand gemacht wurden.
       Die 35-Stunden-Bewegung  hatte die  breitere  Thematisierung  von
       Fragen in  der gewerkschaftlichen  Diskussion gefördert, die über
       das Arbeitszeitproblem  hinaus weitere politische Kampffelder be-
       rühren. 74) Die beschäftigungspolitischen, leistungs- und humani-
       sierungspolitischen sowie  freizeit- und kulturpolitischen Dimen-
       sionen von Arbeitszeitverkürzungen stellen die Gewerkschaften vor
       die Notwendigkeit,  umfassendere Alternativen  und  Handlungskon-
       zepte auch in diesen Bereichen zu entwickeln. Dies wird insbeson-
       dere auf zwei Gebieten vordringlich: Schon die Auseinandersetzung
       in den  Krisenbranchen Stahl  und Werften hatte die Notwendigkeit
       einer alternativen Wirtschaftspolitik unterstrichen, die machtpo-
       litische Veränderungen  wie Verstaatlichung  und  Ausweitung  von
       Mitbestimmungsrechten einschließt.  Angesichts der  geringfügigen
       Beschäftigungswirkungen der  Tarifabschlüsse erhält der Kampf für
       eine Umorientierung  staatlicher Wirtschaftspolitik  noch größere
       Aktualität. Zum anderen werden tarifpolitisch zur Flankierung der
       weiteren Arbeitszeitverkürzungskonflikte  ein  stärkerer  Einfluß
       auf die  Arbeits- und  Leistungsbedingungen sowie ein Zugriff auf
       den sich  vergrößernden Sektor  der "ungeschützten Lohnarbeit" an
       Bedeutung gewinnen. 75)
       In der  Auseinandersetzung um die Zukunft der Arbeit wird die Er-
       weiterung des  politischen Mandats  der Gewerkschaften  zu  einer
       Schlüsselfrage. Der  35-Stunden-Kampf und  die Sicherung  des ge-
       werkschaftlichen Gegenmachtpotentials  waren dafür  eine wichtige
       Voraussetzung.
       
       _____
       1) Der Aufsatz  stützt sich in erster Linie auf die folgende Ana-
       lyse: G.  Hautsch, K. Pickshaus, K. Priester: Der Arbeitskampf um
       die 35-Stunden-Woche.  "Flexi-Konzept" des  Kapitals und  die Zu-
       kunft der  Gewerkschaften, Soziale Bewegungen - Analyse und Doku-
       mentation des IMSF 16, Frankfurt 1984. Eingearbeitet wurden eben-
       falls unveröffentlichte  Ausführungen von  Heinz Jung  zu  diesem
       Thema. Zum  Zeitpunkt des  Manuskriptabschlusses  lagen  außerdem
       folgende Analysen  vor: Frank  Deppe/Witich Roßmann, Nach dem Ar-
       beitskampf. Resultate  - Fragen  - Perspektiven,  in: dvz/die tat
       Nr. 28  und 29, v. 13. und 20.7.1984; Witich Roßmann, Ohnmächtige
       Gegenmacht? Gewerkschaftliche und politische Dimensionen und Per-
       spektiven der Arbeitskämpfe '84, in: Blätter für deutsche und in-
       ternationale Politik 8/84.
       2) So Hans  Mundorf im  "Handelsblatt": "War  dieser Arbeitskampf
       nötig? Die  Frage kann  ex nunc  wie ex tunc mit Nein beantwortet
       werden" (4. 7. 1984).
       3) CDU-Bundesvorstand, Arbeitskampf  1984 -  eine  Dokumentation,
       Bonn 18.7.1984.
       4) Vgl. Joachim  Fest, Rechtsnihilismus,  in: FAZ  v.  11.7.1984.
       CDU-Bundesvorstand, a.a.O.
       5) Diese Vokabeln  haben in jüngster Zeit besonders Vertreter der
       "Argument"-Mehrheitsrichtung generell gegen die marxistische Auf-
       fassung gewendet,  wonach die  Gesellschaft als Ganzes durch ihre
       sozialökonomische Basis  (das Kapitalverhältnis) strukturiert ist
       und Politik,  Kultur, Ideologie  usw. deshalb  immer nur relative
       Autonomie gewinnen können.
       6) Zuletzt wieder Rainer Erd/Christoph Scherer, Amerikanische Ge-
       werkschaften -  Opfer des  Weltmarkts, in: Prokla 54 (März 1984),
       S. 93.
       7) Walther Müller-Jentsch  gibt den  Gewerkschaften nur noch eine
       Zukunft als partikularer Interessenverband ähnlich dem ADAC. Vgl.
       ders., Klassen-Auseinander-Setzungen, in: Prokla 54, S. 28.
       8) Der analytische Gesichtspunkt der grundlegenden gewerkschafts-
       politischen Differenzierung wird auch von Jens Bünnig zuwenig be-
       rücksichtigt (vgl.  ders., Zur  Bedeutung des Kampfes, in: revier
       8/1984, S.  7 ff.). Integrationistische Politik erscheint bei ihm
       immer als  Konsens der  gesamten  Gewerkschaftsbewegung,  wodurch
       Bruchstellen und Ansätze einer klassenorientierten Politik in der
       sozialreformistischen  Strömung   unterbelichtet  bleiben.   Aus-
       schließlicher Bezugspunkt  klassenorientierter Politik  sind  die
       Stimmungen und Haltungen aktiver linker Kerne der Basis. Die hier
       in weiten  Bereichen nach  dem Streik vorherrschende Enttäuschung
       über das  Ergebnis wird so zum bestimmenden Maßstab des notwendi-
       gerweise damit verzerrten Gesamturteils.
       9) Vgl. Gert  Hautsch/Klaus Pickshaus,  Klassenautonomie und Ein-
       heitsgewerkschaft -  Zur gewerkschaftlichen Klassenpolitik heute;
       in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 3, 1980.
       10) Von der  herrschenden Klasse  wird diesem  Tatbestand mit den
       regelmäßig neu  aufgelegten "Unterwanderungskampagnen"  begegnet.
       Als Antwort  auf  die  jüngsten  derartigen  Versuche  vgl.  Hans
       Preiss, Der  Kampf- und  die Kampagne,  in: Die Neue Gesellschaft
       7/1984, S. 649 ff.
       11) Vgl. dazu den Beitrag von Andre Leisewitz in diesem Jahrbuch.
       12) Vgl. Zukunft in menschenleeren Hallen. Personal-Denkspiele im
       Volkswagen-Konzern, in: Der Spiegel 22/1984, 28. 5. 1984.
       13) Flexibilisierung der  Arbeitszeit ist für das Kapital an sich
       nichts Neues.  Anfang der zwanziger Jahre wurde z. B. das Konzept
       des "Optimalarbeitstags" (je nach Auftragslage zwischen 48 und 60
       Wochenstunden) dem  "schematischen" Achtstundentag entgegengehal-
       ten. Vgl.  Gert Kautsch,  Kampf und Streit um Arbeitszeit, Frank-
       furt 1984, S. 63 ff.
       14) Vgl. Josef  Pfeffer, Flexibilität der Arbeit steigert Produk-
       tivität, in:  der arbeitgeber, Heft 21/83. Vgl. auch Der Spiegel,
       H. 12/84, S. 112, und H. 14/84, S. 112 ff.
       15) Vgl. Stuttgarter  Leitsätze für  die 80er Jahre, Beschluß des
       32. CDU-Parteitags, Mai 1984.
       16) Siehe dazu  auch Hermann Krüger, Nach der Bonner Wende - oder
       was aus Illusionen wurde, in: Unsere Zeit, 9. und 11. 8. 1984.
       17) Müller-Jentsch, a.a.O., S. 14 ff.
       18) Jens Bünnig, a.a.O., S. 9.
       19) Damit hat  sich auch die These rechtsorientierter SPD-Ideolo-
       gen vom Gegensatz zwischen "industriellem Kern" bzw. Industriear-
       beiterschaft und  den neuen sozialen Bewegungen als falsch erwie-
       sen (vgl. etwa das "Löwenthal-Papier" vom Herbst 1982).
       20) Vgl. dazu  H. Dybowski  u.a., Nicht wehrlos - doch wohin? Ge-
       werkschaften und  neue soziale  Bewegungen  unter  der  CDU-Herr-
       schaft, Soziale Bewegungen, Heft 12, Frankfurt 1983.
       21) Der Betrieb  als Formierungsbasis  der Arbeiterklasse  in der
       BRD heute. Thesen zum Schwerpunktthema, These 3, in diesem Band.
       22) Ausführlicher Klaus  Pickshaus, Politische Trends bei den Be-
       triebsratswahlen 1984, in: revier Nr. 7, Juli 1984, S. 31-35.
       23) Vgl. zur  genaueren Untersuchung  der Ursachen  und  Entwick-
       lungslinien Klaus  Pickshaus, Politische Differenzierung im Groß-
       betrieb: Zur  Herausbildung linksoppositioneller  Betriebsratsli-
       sten, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 6, Frankfurt/M.
       1983, S. 199 ff.
       24) Vgl. hierzu  E. Hildebrandt/W. Neef, Anfänge kritischer Orga-
       nisierung von  Ingenieuren, Technikern und Naturwissenschaftlern,
       in: R.  Duhm/E.  Hildebrandt/U.  Mückenberger/E.  Schmidt  (Hg.),
       Wachstum alternativ.  Kritisches  Gewerkschaftsjahrbuch  1983/84,
       Westberlin 1983,  S. 79ff.  Vgl. auch  den Beitrag  von  Hellmuth
       Lange in diesem IMSF-Jahrbuch.
       25) Vgl. hierzu  ausführlich den Beitrag von Peter Müller in die-
       sem Band.
       26) Vgl. hierzu den Beitrag von Fritz Fiehler/Holger Geißelbrecht
       in diesem Band.
       27) Vgl. hierzu  den Beitrag  von J.  Burger, M.  Nacken  und  P.
       Sorge! in diesem Band.
       28) Nicht gewünscht  und nicht verboten: IGM-Vorstand nimmt Stel-
       lung zum  'Sulzbacher Kreis'", in: revier Nr. 1/1984, S. 5. Wich-
       tige Repräsentanten  dieses Kreises  sind Herausgeber und Autoren
       des folgenden  Buches: W.  Gruber/P. Sörgel (Hg.), Stahl ohne Zu-
       kunft? Der Überlebenskampf in den Revieren, Hamburg 1984.
       29) Vgl. zur Entwicklung 1983 den Beitrag von I. Kurz-Scherf, Ta-
       rifpolitik und  Arbeitskämpfe, in:  M. Kittner  (Hrsg.),  Gewerk-
       schaftsjahrbuch 1984, Köln 1984, S. 69-123.
       30) Vgl. Amtliche  Nachrichten der  Bundesanstalt für Arbeit, Nr.
       5/1984 (Mai), S. 692.
       31) Vgl. Gert Kautsch, a.a.O., S. 148 ff.
       32) Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Dezember 1983.
       33) Siehe dazu  Gert Hautsch/Bernd  Semmler, Stahlstreik  und Ta-
       rifrunde 78/79, Frankfurt 1979 (Soziale Bewegungen, Heft 7).
       34) DGB-Bundesvorstand, Empfehlung  vom 7.  Juni 1983, abgedruckt
       in: DGB-Bundesvorstand,  Abt. Tarifpolitik,  Tarifbericht,  Extra
       11/1984 vom 31. Januar 1984.
       35) Vgl. Werner  Petschick, Zu  den fünf Gewerkschaftstagen 1983,
       in: Gewerkschaftsbeschlüsse  1983. Eine  Auswahl von fünf Gewerk-
       schaftstagen, Frankfurt 1984, S. 8 ff.
       36) So der  Leiter der  Tarifabteilung der IG Metall, Klaus Lang,
       in einem  Interview mit  der "Tageszeitung" vom 31. März 1984, S.
       9,
       37) Vgl. Hans Mayr/Hans Janßen (Hrsg.), Perspektiven der Arbeits-
       zeitverkürzung, Köln 1984.
       38) Hans Janßen, Eine soziale Bewegung ist notwendig, in: Der Ge-
       werkschafter 12/1983, S. 58 f.
       39) Solche Umfragen  sind von einer relativen Ferne zum Geschehen
       geprägt, ganz  im Gegensatz  zu Urabstimmungen, die im betriebli-
       chen Milieu  unter einem  gewissen Meinungsdruck  bei einem engen
       Kreis von Beschäftigten, den Gewerkschaftsmitgliedern, abgehalten
       werden und  insofern ein  Element in einem  d y n a m i s c h e n
       M e i n u n g s b i l d u n g s p r o z e ß   darstellen. Die Si-
       tuation des "Hie rhodos, hie salta!", die zur klaren Entscheidung
       zwingt, wird  natürlich andere  Ergebnisse bringen  als eine viel
       unverbindlichere Meinungsumfrage auf der Straße.
       40) Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juli 1984, S. 1.
       41) Zur Entwicklung der Arbeitskampfkonzeptionen vgl. Klaus Lang,
       Arbeitskampfform im Wandel der Tarifpolitik, in: WSI-Mitteilungen
       9/1982, S. 543 ff.; IG Druck und Papier-Hauptvorstand, Koordinie-
       rung der  tarif- und  gewerkschaftspolitischen Aufgaben sowie der
       gewerkschaftlichen Betriebsarbeit  mit der gewerkschaftlichen Ta-
       rifpolitik, Stuttgart  o.J. (1984);  Manfred Balder, Betriebliche
       Durchsetzungsstrategien, in:  L. Mahlein u.a. (Hrsg.), Tarifpoli-
       tik unter Krisenbedingungen, Frankfurt 1984, S. 97 ff.
       42) BDA (Hrsg.), Kurz-Nachrichten-Dienst Nr. 56, Köln 31.7. 1984.
       43) Vgl. zur Rechtsprechung Manfred H. Bobke, Streik und Aussper-
       rung, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 5/1984,
       S. 565 ff.; ders., "Waffengleichheit" im Metallarbeitskampf?, in:
       ebenda 7/1984, S. 772-774.
       44) Vgl. "Die  Drucker bleiben  am Drücker",  Die  Zeit  Nr.  30,
       20.7.1984, S.  9/10; "Druckerstreik: Sieg der Technik", Die Wirt-
       schaftswoche Nr. 29, 13.7.1984; FAZ v. 9.7.1984.
       45) "Der Metallstreik  und die Logistik: Anfälliges System", Han-
       delsblatt v. 16.5.1984.
       46) Zur bisherigen Praxis in den Arbeitskämpfen 1971 und 1978, in
       denen die BA Kurzarbeitergeld gezahlt hatte, vgl. "Der Streit be-
       gann schon 1971", Frankfurter Rundschau 28. 5. 1984.
       47) Hierin liegt  eine wesentliche  Ursache für  die noch geringe
       Praktizierung von Besetzungen, nicht jedoch im "abwiegelnden Ver-
       halten"  der   Gewerkschaftsleitungen  (so   etwa  behauptet   in
       "konkret" Heft  7/1984, S. 50). Die Bezirksleitung der IGM Stutt-
       gart hatte zu jedem Zeitpunkt auf solche offensiven Aktionsformen
       orientiert (vgl.  Streik-Nachrichten Nr.  40, 51,  52, 53, 54 und
       60). Eine andere Meinung brachte allerdings H. Mayr (Vorsitzender
       der IGM) nach dem Streik zum Ausdruck (vgl. Frankfurter Rundschau
       6.7.1984). In  der IG  Druck und  Papier sind Besetzungen als ein
       Mittel im Kampf gegen Aussperrung diskutiert und beschlossen wor-
       den (vgl.  IG Druck  und Papier - Hauptvorstand, Koordination...,
       a.a.O.).
       48) In den  "Streik-Nachrichten" Nr.  41 v.  17.5.1984  wird  die
       Stimmung auf  der Kundgebung geschildert, auf die der Stuttgarter
       Bevollmächtigte der  IGM, Klaus Zwickel, dann mit den Worten rea-
       gierte: "Wir schaffen jetzt Fakten. Wir lassen uns nicht spalten.
       Die IG Metall ruft jetzt alle gewerblichen Arbeitnehmer des Daim-
       ler-Benz-Werkes Sindelfingen zum Protest auf..."
       49) Vgl. hierzu  D. Düe/J. Hentrich, Krise der Automobilindustrie
       - Das  Beispiel des Multi General Motors/Opel AG, Informationsbe-
       richt des IMSF Nr. 35, Frankfurt 1981.
       50) Die Betriebsgruppe  der DKP  bei Opel  Rüsselsheim veröffent-
       lichte während  des Streiks  28 reguläre Ausgaben ihrer Betriebs-
       zeitung "Der  Motor", u.a. mit Interviews der führenden Betriebs-
       funktionäre, und  gab Anfang August 1984 den Bildband "Ein großer
       Kampf - der Opel-Streik" heraus. Generell erwies sich die DKP als
       einzige nationale Organisation, die von Beginn an die Streikbewe-
       gung mit allen Kräften unterstützte.
       51) Vgl. hierzu  kritisch Dieter Keller: Zu den großen Streiks in
       Baden-Württemberg, in: Unsere Zeit, 26., 28. und 31.7.1984.
       52) Auf der  Hauptversammlung von  BMW, am 5.7.1984, wurde die IG
       Metall vom  Vorstand des BMW-Konzerns scharf angegriffen, während
       dem Betriebsrat "tiefer Respekt" ausgesprochen wurde. Vgl. hierzu
       Die Zeit Nr. 29, 13.7.1984.
       53) Vgl. Horst-Udo  Niedenhoff, Veränderte  "Streikqualität". Der
       Arbeitskampf '84 signalisiert in Methoden und Wortwahl einen Wan-
       del zum  Schlechteren,  in:  Institut  der  deutschen  Wirtschaft
       (Hrsg.), gewerkschaftsreport, Juli 1984, S. 10-13.
       54) Vgl. hierzu  die Erfahrungsberichte  G. Prätorius/U.  Wittig-
       Goetz, Wissenschaft  für den  Streik, Erste Erfahrungen mit einer
       "Streikuniversität" in  Frankfurt, in:  dvz/die tat  v. 6.7.1984;
       Richard Sorg,  Ansätze  eines  Bündnisses.  Die  Streikhochschule
       Mainz/Wiesbaden, in:  ebenda v.  13. 7.  1984;  Edwin  Schudlich,
       Streikuniversität, in: links, Juli/August 1984.
       55) Zur Auseinandersetzung  um den  Gesetzentwurf der  Grünen für
       ein Aussperrungsverbot vgl. Gewerkschaftliche Monatshefte 7/1984,
       S. 442-450.
       56) Zur Einleitung der Schlichtung vgl. den Bericht in: Der Spie-
       gel Nr. 27/1984, S. 24-26.
       57) Deutlichste Symptome  für wachsenden  Realitätsverlust  boten
       die hysterischen Kommentare der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
       58) Der Bundesverband  Druck erhielt  unmittelbar seine Weisungen
       von Gesamtmetall  und dem  BDA, vgl.  Der Spiegel Nr. 29/1984, S.
       17, Welt der Arbeit Nr. 26/27, 13.7.1984.
       59) Als publizistischer  Vorreiter dieser Kräfte profilierte sich
       das "Handelsblatt".
       60) Blüm warnte  Anfang Juni die Unternehmer vor Angriffsaussper-
       rungen (FAZ  7.6.1984), und  Kohl erklärte  für die  Regierung am
       6.6., Wochenarbeitszeitverkürzungen seien kein Tabu (Handelsblatt
       7.6.1984).
       61) Am 27.  6., einen  Tag  nach  Verkündung  des  Leber-Modells,
       wandte sich Erwin Ferlemann, der Vorsitzende der IG Druck und Pa-
       pier, mit  einem dramatischen  offenen Brief  an alle Mitglieder:
       "Wir werden  nicht zu  Kreuze kriechen." druck und papier Nr. 17,
       27. 6. 1984.
       62) Die IG Druck und Papier konnte die angestrebte Ausweitung von
       Mitbestimmungsrechten für Betriebsräte nicht durchsetzen.
       63) Vgl. dazu:  Ingrid Kurz-Scherf:  Arbeitszeit im Umbruch, WSI-
       Arbeitsmaterial  Nr.   4,  Düsseldorf   1984;  vgl.   auch  Haut-
       sch/Pickshaus/Priester, Der Arbeitskampf ..., a.a.O., Kapitel V.
       64) Die  Details  dieser  Flexibilisierungsregelungen  bei  Kurz-
       Scherf, a.a.O.
       65) Leber hatte  in seinem  "Lösungsvorschlag" die  unternehmeri-
       schen Flexibilisierungsideen aufgegriffen und kapitalistische Mo-
       dernisierungsinteressen mit der gewerkschaftlichen Forderung nach
       der Sicherung  von Arbeitsplätzen zu verbinden versucht. Aus die-
       sem Grund  ist der Tarifvertrag vielfach als "Meilenstein" in der
       Geschichte der Tarifpolitik gefeiert worden, während Kritiker in-
       nerhalb der Gewerkschaften ihre Meinung zum Leber-Kompromiß durch
       die Schlagworte  "Leberkäse", "Lebertran"  und  "Leberhaken"  zum
       Ausdruck bringen,  was sich auch in den Ergebnissen der Urabstim-
       mung zum  Abschluß des Streiks niederschlug: Nur 52,4 Prozent der
       abstimmenden Metaller  sprachen sich  in Hessen und nur 54,5 Pro-
       zent in Baden-Württemberg für das Leber-Modell aus.
       66) Diese Auffassung vertritt I. Kurz-Scherf, a.a.O., S. 41.
       67) Zu den  Beschäftigungswirkungen der Abschlüsse bei Metall und
       Druck liegen  unterschiedliche Schätzungen  vor. Die IG Druck und
       Papier hält  lediglich die Verhinderung eines weiteren Abbaus von
       20 000 Arbeitsplätzen  für möglich  (FAZ 12.7.84),  die IG Metall
       rechnet mit  70 000 neuen  Arbeitsplätzen in  der Metallindustrie
       (Hans Janßen  in "Erziehung und Wissenschaft", a.a.O., S. 6). Die
       Bundesanstalt für  Arbeit erwartet für 1985  40 000 und 1986 wei-
       tere 50 000  neue Arbeitsplätze  als Effekt  des Metall-Tarifver-
       trags (Stuttgarter Zeitung, 6.7.84).
       68) Klaus Lang, Umsetzung der neuen Arbeitszeitbestimmungen: Her-
       ausforderung für  die gewerkschaftliche  Betriebspolitik, in: Der
       Gewerkschafter 8/1984, S. 2. Hans Vossen, 38,5-Stunden-Woche: Wie
       kann man  sie wirksam  im Betrieb  umsetzen?, in:  Unsere Zeit v.
       14.8.1984.
       69) In "revier"  (Nr. 8/1984,  S. 28) wird dagegen die Auffassung
       vertreten: "Konfrontiert  mit der konservativen Strategie gesell-
       schaftlicher Neustrukturierung  haben sich die Gewerkschaften der
       BRD als  Papiertiger erwiesen."  Eine konträre  Auffassung äußert
       Horst-Dieter Zahn, "Kein großer Sieg, aber auch keine Niederlage.
       Warum alles in allem dieser Abschluß ein Erfolg ist." In: express
       Nr. 7, Juli 1984, S. l und 17.
       70) Von ausschlaggebender Bedeutung für eine realistische Gesamt-
       bewertung des  Arbeitskampfes ist die Beachtung der Ausgangslage.
       Vgl. hierzu  Herbert Mies,  Die Weichen sind gestellt, in: Unsere
       Zeit v. 7.7.1984.
       71) Insbesondere der  stellvertretende DGB-Vorsitzende Fehrenbach
       betonte nach  dem Streik  mehrmals, dieser  habe sich nicht gegen
       die Regierung  gerichtet. Überlegungen  einer "großen  Koalition"
       wurden schon  vor geraumer  Zeit von  Hermann Rappe,  SPD-MdB und
       Vorsitzender der  IG Chemie,  geäußert (vgl. Presse-Dienst der IG
       Chemie-Papier-Keramik v. 30.11.1983) und im August 1984 von Wolf-
       gang Roth (Fraktionsvorstand der SPD) aufgegriffen.
       72) Dies wird  selbstkritisch auch  von führenden IG-Metall-Funk-
       tionären  angesprochen.   Hans  Mayr   wies  auf   die  mangelnde
       "Solidarität innerhalb  des Deutschen  Gewerkschaftsbundes und in
       der eigenen  Organisation" hin.  "Man habe  auch die Kampfbereit-
       schaft von  Arbeitern außerhalb  des Kampfgebietes  falsch einge-
       schätzt. Aussperrung  und 'kalte'  Aussperrung hätten nicht stark
       genug mobilisiert" (nach FAZ v. 4.7.1974).
       73) Vgl.  hierzu  die  erste  Streikauswertung  von  Rolf  Knecht
       (Gesamtbetriebsrat bei  Honeywell Maintal),  Der IG-Metall-Streik
       bei Honeywell - Einige Gedanken, in: Unsere Zeit v. 7. 8. 1984.
       74) Vgl. K.  Pickshaus,  Weiterwirkende  politische  Aspekte  des
       Kampfes um die 35-Stunden-Woche, in: L. Mahlein u.a., a.a.O.
       75) Vgl. hierzu die Referate von W. Riester und G. Gerlach in: L.
       Mahlein u.a., a.a.O.
       

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