Quelle: Marxistische Blätter 1994 Heft 5 (Sep/Okt)
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"HITLERS KRIEG IST NICHT UNSER KRIEG!"
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Ursel Hochmuth
I. Berlin und Hamburg: Neubeginn nach KZ-Entlassung
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Das Schreiben vom 30. Juli 1944 an Reichspropagandaminister Goeb-
bels trägt die Vermerke "Geheim" und "persönlich". SS-Obergrup-
penführer Ernst Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptam-
tes (RSHA), referiert darin über die staatspolizeiliche Aktion
gegen "eine kommunistische Organisation mit der Bezeichnung
'Nationalkomitee Freies Deutschland") in Berlin. In dem beigefüg-
ten Bericht werden dessen Flugblattpropaganda im Reich hervorge-
hoben sowie "60 Festnahmen, darunter Dreierkopf-Leitung der Kom-
munistischen Partei in Berlin: Org-Leiter 'Kurt', richtig Anton
Saefkow, ... mehrfach mit Zuchthaus vorbestraft, ... Pol-Leiter
'Martin', richtig Franz Jacob,... maßgeblich in Hamburger Gruppe
'Rote Kapelle' tätig, lebt seit damaligen Zugriffen illegal, ...
Leiter des AM-Apparates 'Lothar', richtig Bernhard Bästlein,...
als Leiter der 'Roten Kapelle' in Hamburg festgenommen und am
29.1.1944 aus Untersuchungshaft... entwichen." 1)
Saefkow, Jacob und Bästlein hatten im fünften Kriegsjahr den or-
ganisierten Kampf für ein freies Deutschland einem Höhepunkt ent-
gegengeführt, dessen Kontinuität das RSHA nur "durch langwierige
und umfassende Vorausarbeit unter Einsatz des Gegennachrichten-
dienstes" zu unterbrechen vermochte. Die drei Metallarbeiter, Ar-
beiterführer und Marxisten waren bis 1933 auf KPD-Bezirksebene
tätig gewesen, Saefkow und Jacob in Hamburg als Organisatorischer
bzw. als Leiter für Agitation und Propaganda, Bästlein in Köln
als Politischer Sekretär für das Gebiet Mittelrhein. Nach Hitlers
Machtantritt organisierte Saefkow den Übergang der Bezirksorgani-
sation in den Untergrund, Jacob übernahm die Leitung der Partei
in Bremen, dann das Technische Sekretariat beim Politbüro der KPD
in Berlin, Bästlein ging als Oberberater der KPD in den Bezirk
Frankfurt/Main. Alle drei wurden 1934 vom "Volksgerichtshof" ab-
geurteilt und nach Verbüßung ihrer Zuchthausstrafe in Konzentra-
tionslager deportiert. 2)
Kurz vor Kriegsbeginn entlassen, kehrte Saefkow in seine Heimat-
stadt Berlin zurück, stand eine Zeit unter Polizeiaufsicht und
mußte regelmäßiger Meldepflicht nachkommen. Gleichwohl war er
bald Mittelpunkt eines Freundeskreises, dem Kommunisten und par-
teilose Antinazis angehörten. Hitlers Überfall auf die
#71# Positionen
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Sowjetunion war eine Zäsur auch für den Arbeiterwiderstand in
Deutschland. Saefkow forcierte unter seinen Genossen Beratungen
zur Parteiarbeit in den Betrieben und Kontaktaufnahme zu anderen
kommunistischen Kreisen. Zur KPD-Gruppe um Saefkow gehörten da-
mals u.a. Judith Auer, Georg und Louise Dünninghaus, Fritz Em-
rich, Martha Kowalewski, Otto Marquardt, Karl Wloch, Julius Wor-
delmann. Über Hermann Tops kam es im Herbst 1941 zu einer Verbin-
dung Saefkows zur Organisation um Robert Uhrig, im Frühjahr 1942
zu Franz Jacob, als dieser ihm durch Charlotte Groß Schriften der
Hamburger KPD überbringen ließ.
Bästlein und Jacob waren 1940 aus Sachsenhausen nach Hamburg ent-
lassen worden. Nach vielen Vorgesprächen begannen sie seit 1941
mit Robert Abshagen, Walter Bohne, Gustav Bruhn, Oskar Reincke
u.a. Kommunisten eine illegale Betriebszellen-Organisation aufzu-
bauen, die bis zum folgenden Jahr in über 30 Werften und Fabriken
Fuß fassen konnte. Bästlein, Jacob, Abshagen und Reincke hatten
sich als KPD-Bezirksleitung konstituiert und standen durch ihren
Berater Wilhelm Guddorf in direkter Beziehung zu John Sieg, Harro
Schulze-Boysen und Arvid Harnack (Berliner Gruppe der "Roten Ka-
pelle"). 3) Guddorf, der Bästlein, Jacob, Abshagen aus gemeinsa-
mer illegaler Arbeit im KZ Sachsenhausen kannte 4), kam zu Be-
sprechungen in die Hansestadt; Bästlein und Abshagen trafen sich
mit ihm, Martin Weise u.a. Kommunisten in Berlin. Die Bezirkslei-
tung an der Wasserkante gab internes Kadermaterial heraus und das
"Merkblatt für Bauarbeiter" an die zur Organisation Todt Dienst-
verpflichteten. Im Sommer 1942 erfuhr sie vom Eintreffen zweier
"Genossen aus Moskau" und beschloß, eine Begegnung Bästleins und
Arthur Matschkes mit den Unbekannten zu wagen. Die Fallschirm-
springer Erna Eifler und Wilhelm Fellendorf berichteten, daß sie
im Auftrag der Roten Armee zurückkehrt waren, die Kontaktaufnahme
in Berlin nicht gelang und sie sich nach Hamburg durchgeschlagen
hätten. Die beiden wurden für "echt" befunden. Bästlein fuhr nach
Berlin zu Guddorf, der die Fallschirmspringer-Nachricht an Har-
nack weitergab. 5)
Nachdem die Gestapo die Verhaftungsaktion "Rote Kapelle" einge-
leitet hatte, griff sie Mitte Oktober 1942 auch in Hamburg zu und
nahm Bästlein, Bohne, Bruhn, Reincke und zahlreiche Mitstreiter
fest; Jacob und Matschke konnten untertauchen. Mit Hilfe von Ka-
tharina Jacob, Elly Heins und Lotte Groß gelang Jacob Ende Ok-
tober die Flucht nach Berlin. Anton und Aenne Saefkow sorgten so-
fort für ein Quartier; die Arbeiterin Ruth Härtung nahm den Ge-
jagten auf, obwohl sie als Kommunistin jüdischer Herkunft doppelt
bedroht war. Sie fuhr zu Jacobs Sachsenhausen-Kamerad Martin
Schwantes nach Magdeburg, und so konnten die beiden Freunde sich
Silvester in Berlin zu ausführlichem Gespräch treffen.
#71# Positionen
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II. Orientierung auf Kaderorganisation, Betriebe und NKFD
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Spätestens im Dezember 1942 führte Saefkow Jacob mit dem früheren
Reichstagsabgeordneten Fritz Emrich zusammen, und aus einem Mei-
nungsaustausch wurde die erste Sitzung des künftigen "Dreier-
kopfes". Emrich sprach mit Richard Wenzel, der sich bereit
erklärte, den flüchtigen Hamburger Funktionär ab 5. Januar für
drei Wochen aufzunehmen und dann für eine neue Unterkunft zu sor-
gen. Auf weiteren Beratungen befaßten sich Saefkow, Emrich und
Jacob mit der Reaktivierung des organisierten Widerstandes, sei-
ner Absicherung vor der Gestapo, der Wiederherstellung zerrisse-
ner und Anknüpfung neuer Verbindungen. 6) Über seine Quartierge-
ber lernte Jacob weitere Berliner Genossen kennen. Bei einem
Treffen im Sommer 1943 am Samithsee wurde er durch Fritz Goltz
mit der Gruppe um Erich Dawideit, Erich Fähling und Grete
Schöneck bekanntgemacht, ebenso mit dem aus Stockhohn nach Berlin
gekommenen Jungsozialisten Arvid Lundgren, der als Fahrer bei der
Schwedischen Gesandtschaft tätig war. 7)
Durch die Niederlagen der Wehrmacht bestärkt, berieten Jacob und
Saefkow ein Konzept zu politischen Zielen, Aufgaben und zur
Struktur der Organisation und stellten es im Oktober 1943 im er-
sten Kadermaterial "Aktuelle Fragen unserer Arbeit" unter ihren
Genossen zur Diskussion. In der Schrift wird die "entscheidende
Aufgabe in der Sammlung aller antifaschistischen Kräfte unter ei-
nem Ziele: Fort mit Hitler - Schluß mit dem Krieg" 8) gesehen.
KPD-Angehörige werden auf eine nach konspirativen Prinzipien ar-
beitende Kaderorganisation orientiert, Bestrebungen nach Aufbau
einer Massenpartei dagegen abgelehnt. Die in den letzten Jahren
gebildeten Gruppen und Zirkel seien nicht der "wichtigste Schritt
zur erneuten Fundamentierung der Partei", die Hauptaufgabe läge
im Betrieb.
In dem Ende September 1943 abgeschlossenen Kadermaterial Nr. 2
"Zur Lage" legen die Herausgeber nach ausführlicher Betrachtung
der russischen Sommeroffensive, der Kapitulation Italiens, der
sowjetischen Außenpolitik ihre Auffassungen zur "Strategie und
Taktik des proletarischen Klassenkampfes in der augenblicklichen
Periode" dar. Das Dokument enthält die wohl frühesten Äußerungen
der KPD im Reich über das im Juli bei Moskau von Wilhelm Pieck
und anderen KPD-Politikern mit kriegsgefangenen Offizieren und
Soldaten gegründete Nationalkomitee "Freies Deutschland" (NKFD).
Die Bündnispolitik des NKFD findet ausdrückliche Zustimmung:
"Solange der Faschismus nicht beseitigt und der Krieg nicht been-
det ist, sind wir Kommunisten bereit, unter Hintanstellung aller
weitergehenden Forderungen mit all jenen politischen Kräften, die
gleich uns das Hitlerregime stürzen wollen, ein Stück Wegs ge-
meinsam zu gehen. Wir stehen darum vorbehaltlos
#72# Hochmuth: KPD und NKFD in Berlin-Brandenburg
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... auf dem Boden der Proklamationen des nationalen Komitees
'Freies Deutschland'." 9) Daß hier eine deutsche Antihitlerkoali-
tion auf die Phase bis zum Sturz des Naziregimes eingeschränkt
wird, geht m. E. eher auf Informationsdefizite gegenüber Be-
schlüssen der KPD-Konferenzen von 1935 und 1939 (Kurs auf eine
demokratische Republik) zurück als auf dissidentische Haltung zum
ZK der KPD. Obwohl dessen ungewöhnliche Bündnispolitik - Zusam-
mengehen führender Kommunisten mit Offizieren, die noch unlängst
gegen die UdSSR Krieg geführt hatten - sicher auch für Jacob und
Saefkow überraschend gekommen war, hatten sie deren Kernpunkt im
Herbst 1943 sogleich positiv aufgegriffen. Immer wieder befaßten
sie sich mit NKFD-Fragen und Perspektiven einer demokratischen
Revolution. In den bis Sommer 1944 erarbeiteten Argumentationen
sind Unterschiede, aber auch ständige Annäherung zu entsprechen-
den ZK-Verlautbarungen zu erkennen.
III. Struktur und Tätigkeiten der KPD Berlin-Brandenburg
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Seit Sommer 1943 wirkten Saefkow ("Kurt"), Jacob ("Martin") und
Emrich ("Erwin") im Raum Berlin als KPD-Bezirksleitung. Zur er-
weiterten Leitung müssen Judith Auer, Grete Schöneck und die Ka-
dergruppenleiter Erich Fähling, Fritz Goltz, Willi Heinze, Wil-
helm Moll, Max Sauer und Gustav Wegener gerechnet werden. Der
"Dreierkopf" kam zu regelmäßigen Beratungen zusammen, faßte Be-
schlüsse und traf sich zu Einzelgesprächen mit den Kadergruppen-
leitern u.a. Funktionären. Fritz Emrich schied - vermutlich gegen
Ende 1943 - auf eigenen Wunsch aus der Leitungsarbeit aus. Etwa
100 Männer und Frauen, darunter fast alle Funktionäre, wirkten
unter einem Decknamen. Von einer Mitgliederkassierung wurde abge-
sehen; entstehende Kosten (für Flugschriften, Unterhalt Illegaler
u.a.) wurden durch Geldsammlungen, Spenden und z.T. über
Schwarzmarktgeschäfte gedeckt.
Die 1943/44 tätige Bezirksorganisation wies weder straffe Gliede-
rung noch Flächendeckung auf. Eine relative Dichte hatte sie in
Kreuzberg, Reinickendorf, Wedding, Neukölln sowie in Schönow und
Zepernick (Brandenburg). Die Zusammenarbeit mit bestehenden KPD-
Gruppen entwickelte sich unterschiedlich. Manche schlössen sich
an, andere, wie die um Gertrud Rosenmeyer oder um Bernhard Karl,
suchten den politischen Austausch, blieben aber weitgehend selb-
ständig. Zentrum der Organisation war ihr Betriebszellennetz.
Stellvertretend seien Paul Junius und Karl Lade für die Askania-
Werke, Erich Mielke für das Kabelwerk in Schönow, Josef Höhn und
Rudolf Seiffert für die Siemens-Betriebe genannt.
Bis Sommer 1944 gelang es, in über 50 Werken und Dienststellen,
vor allem in Rüstungsbetrieben, die Widerstandsarbeit - oft mit
nichtverhafteten Mitgliedern der Gruppen um Uhrig und um Sieg -
fortzusetzen und neue Kadergruppen zu bilden. Die für bestimmte
Abschnitte Berlins und Brandenburgs eingesetzten Instrukteure,
damals Kadergruppenleiter genannt, unterrichteten die Betriebs-
zellen, versorgten sie mit Material und brachten Reaktionen an
die Leitung zurück. Saefkow und Willi Heinze begannen mit dem
Aufbau von "Fachgruppen" in den Bereichen Gastwirts- sowie Gra-
phisches Gewerbe, Sattler und Tapezierer, Schaupieler. Die Fach-
bzw. Industriegruppen dienten nicht nur Koordinierungszwecken,
sondern galten auch als Keimzellen künftiger Gewerkschaften.
In zahlreichen Großbetrieben wurden Solidaritätsaktionen für
Zwangsarbeiter und politisches Zusammenwirken mit ausländischen
Kommunisten und Antifaschisten organisiert. Die deutsch-sowjeti-
sche Gruppe um Willi Bolien bei der Windhoff AG ist dafür ein
Beispiel. Zu Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in verschie-
denen Stammlagern in Berlin und Brandenburg gab es zahlreiche
Verbindungen. Willi Hielscher half, einen sowjetischen Offizier
in Bergfelde zu verbergen. Maria Krüger versteckte einen russi-
schen Piloten in Schöneberg; Willy Krüger führte mit sowjetischen
Zwangsarbeitern bei Erkner einen Sprengstoffanschlag auf einen
nach Osten rollenden Munitionszug aus. Alfred Jung, der als Sani-
tätsobergefreiter in das Kriegsgefangenenlager Fürstenberg/Oder
abkommandiert war, arbeitete u.a. mit französischen und sowjeti-
schen Kommunisten zusammen und ermöglichte 1944 mit Harry Harder
den (z.T. schriftlichen) Erfahrungs- und Meinungsaustausch aus-
ländischer Kameraden mit Leitungsmitgliedern in Berlin.
Zur Erledigung innerorganisatorischer Aufgaben wurden weitere
Mitarbeiter gewonnen. Im Technischen Apparat, der von Jacob und
Wegener geführt wurde, waren u.v.a. Grete Schöneck als Schreib-
kraft, Heinz Rottke als Setzer und Erich Hannemann als Fahrer tä-
tig. Die ersten Flugschriften wurden im Wedding bei Richard Wen-
zel abgezogen; bei der Beschaffung einfacher Druckmaschinen hal-
fen 1944 die antinazistisch eingestellten Unternehmer Hans Nese-
ner und Gustav Basse. Das Archiv wurde bei Franz Schmidt in
Schildow untergebracht. Der von Saefkow geleitete Sicherheitsap-
parat sorgte u.a. für Legitimationspapiere und Waffen, für Nach-
richten aus Betrieben und NS-Instanzen.
Kurierfahrten, die im Hinblick auf Materialaustausch, Nachrich-
tenübermittlung, Kontaktanknüpfung, Vorbereitung von Treffs oder
Aktionen notwendig wurden, übernahmen überwiegend Frauen. Lotte
Groß brachte von Käthe Jacob, Elly Heins und Hanna Marquardt ge-
sammelte Informationen nach Berlin und Material nach Hamburg zu-
rück. 1944 half Lisa Walter bei der Flucht Herbert Tschäpes und
Fritz Reuters aus dem KZ Sachsenhausen, Elli Bänsch bei der
Flucht ihres Mannes Willi aus dem Lager Wuhlheide.
#73# Positionen
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Erna und Bernhard Almstadt ermittelten in Hannover, daß Ernst
Thälmann, zu dem Saefkow und Jacob Verbindung herstellen wollten,
im Sommer 1943 ins Gefängnis Bautzen verlegt worden war. Anfang
1944 entstand eine Jugendgruppe, nachdem Saefkow Gespräche mit
den Jungarbeitern Herbert Polster und Willi Betsch geführt und
Helmut Wagner als deren Berater eingesetzt hatte.
IV. KPD-Inlandsleitung 1943/44. Kommunisten und NKFD
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Martin Schwantes, der in Magdeburg zur illegalen KPD-Leitung ge-
hörte, fuhr etwa einmal im Monat nach Berlin zu Beratungen mit
Jacob und Saefkow. Nach Vorbesprechungen mit seinem Thüringer Ge-
nossen Magnus Poser und dem Leiter der Leipziger KPD-Organisation
Georg Schumann, kam der frühere Reichstagsabgeordnete Dr. Theodor
Neubauer im November 1943 zu einem Treffen in die Hauptstadt. Bei
den Erörterungen mit Saefkow und Jacob fand die Grundlinie in den
jeweils herausgebenen Materialien gegenseitige Zustimmung. Sie
legten fest, ihre Position zum NKFD aus der Sicht der Inlands-KPD
ausführlicher zu begründen, den Erfahrungsaustausch fortzusetzen
und Kurs auf Verbindungen zu illegalen Gruppen im gesamten Reich
zu nehmen.
Mit dieser Zusammenkunft begann die Arbeit einer neuen KPD-In-
landsleitung, die in der Literatur auch Reichsleitung, zentrale
operative Leitung oder Landesleitung der KPD genannt wird. Außer
Jacob, Neubauer und Saefkow gehörten ihr Schumann, Schwantes und
seit 1944 auch Bästlein an. Die Erfahrungen in faschistischer
Haft hatten diese Arbeiterfunktionäre in ihrer Weltanschauung be-
stätigt. Die völlig veränderte Situation, die sie nach jahrelan-
ger Isolierung zu Hause vorfanden, stellte sie vor die Alterna-
tive, sich ins Private zurückzuziehen oder wieder politisch aktiv
zu werden. Allein ihrem Gewissen verantwortlich und in eigener
Entscheidung nahmen sie die Herausforderung an, auf Seiten der
europäischen Resistance, der UdSSR und der alliierten Antihitler-
koalition den Krieg verkürzen zu helfen. Sich als Internationali-
sten und Patrioten verstehend, setzten sie ihr Leben ein, um das
deutsche Faschistenregime, das die Existenz der Nation aufs Spiel
gesetzt und die Völker Europas in die Katastrophe geführt hatte,
zu stürzen oder dazu beizutragen. Unter den Bedingungen des tota-
len Krieges auf sich selbst gestellt und in der Lage, politi-
sches, ökonomisches und militärisches Geschehen zu analysieren
und Prognosen zu stellen, waren die Mitglieder der Inlandsleitung
nach der von ihnen entwickelten Strategie und Taktik in Aktion
gegangen. Gleichzeitig hatten sie sich von Anfang an bemüht, jede
Information über politische Entscheidungen des ZK der KPD, mit
dem sie sich in prinzipieller Übereinstimmung sahen, zu bekommen,
um sie in die Widerstandsarbeit einbringen zu können.
Für den Klärungsprozeß im Hinblick auf Umsetzung der NKFD-Politik
im Reich ist eine Debatte vom 1. April 1944 Beispiel, an der ein
kleiner Kreis Berliner Funktionäre teilnahm. Saefkow hatte dort
Aktionen zur Diskussion gestellt, wie sie in ähnlicher Form auch
in dem Flugblatt "Hitlergegner! Deutsche Antifaschisten" enthal-
ten sind. In seinem Statement "Beschlüsse 1.4.44" schrieb Saef-
kow: "Die politische und militärische Entwicklung in Deutschland
und Europa" erfordere "die Schaffung der breitesten nationalen
Kampffront, verlangt gebieterisch von der Partei, trotz ihrer
zahlenmäßigen Schwäche alles zu tun, um auch organisatorisch eine
Bewegung 'Freies Deutschland) ... als geheime deutsche Wider-
standsbewegung zu fördern." 10) Im einzelnen sollten "erste selb-
ständige Kampfgruppen der Bewegung ... kleinste Einheitstagungen"
durchführen, einen Delegierten wählen zur Widerstandskonferenz im
Mai/Juni mit dem Ziel: Annahme eines Manifestes und Wahl eines
"Befreiungsausschusses für Berlin und Umgebung". Über die hier
vorgeschlagenen Maßnahmen gab es Meinungsverschiedenheiten, wofür
eine am nächsten Tag von Jacob verfaßte Erklärung "Zu den Streit-
fragen" spricht. "Die Bewegung 'Freies Deutschland' wird nur dann
zu einem beherrschenden antifaschistischen Faktor", führt Jacob
aus, "wenn sie eine wirkliche Zusammenfassung der wichtigsten an-
tifaschistischen Gruppierungen (Parteien) einschließlich der
nichtproletarischen darstellt... Der Schritt von der allgemeinen
antifaschistischen Agitation zur Organisierung von konkreten Ak-
tionen ist nicht nur von unserem Willen ... abhängig ... Solange
die Massen, im besonderen die Arbeiterklasse nicht selbst bereit
ist zu handeln, ist jeder Übergang zu Aktionen zum Scheitern ver-
urteilt und führt zu Opfern, die nicht verantwortet werden kön-
nen." 11) Beide Niederschriften legte Saefkow Mitte April Schu-
mann und Neubauer bei einer Sitzung in Leipzig vor.
Vom NKFD hatten Saefkow, Jacob und Kampfgefährten durch regelmä-
ßiges Abhören des "Deutschen Volkssenders" und die - von Arvid
Lundgren übermittelte - Stockholmer KPD-Zeitschrift "Politische
Information" erfahren. Unter Anführung dieser Quellen, der Berli-
ner Kaderbriefe, von Protokollen Kommunistischer Weltkongresse,
Werken von Marx und Lenin, erarbeiteten sie die Plattform "Wir
Kommunisten und das Nationalkomitee Freies Deutschland", die zum
1. Mai 1944 erschien. Der Entwurf hatte im März auch Kommunisten
im KZ Sachsenhausen vorgelegen. Diese übermittelten eigene
"Strategische und taktische Losungen", auf die Saefkow und Jacob
mit einem Brief antworteten. In der 44seitigen programmatischen
Schrift 12) wird für das Reich die Bezeichnung "Kampfbewegung
Freies Deutschland" eingeführt. Schwerpunkte sind Darlegungen zur
Rolle der KPD im NKFD unter Eingehen aufprägen und Skepsis in den
eigenen Reihen, zu Etappen und Unterschieden demokratisch-antiim-
perialistischer und
#74# Hochmuth: KPD und NKFD in Berlin-Brandenburg
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sozialistischer Umwälzungen nach dem Sieg über Hitler in Europa,
zur Einheit der Arbeiterbewegung (Partei und Gewerkschaft), zur
antifaschistischen Bündnispolitik.
V. "NKFD - Berliner Ausschuß"
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Kern der Kampfbewegung "Freies Deutschland" war die illegale KPD.
Während sich ihr anfangs fast ausschließlich Kommunisten an-
schlössen, hatte sie, als um sie eine NKFD-Bewegung entstand,
mehr als ein Drittel Mitstreiter, die vor 1933 nicht der KPD an-
gehörten. Über 20 kamen aus der SPD und SAP, die Parteilosen
überwiegend aus der Gewerkschafts- und Arbeitersportbewegung, aus
der Intelligenz und dem Mittelstand. Unter den bisher ermittelten
über 400 Mitarbeitern und Helfern gab es mindestens 115 Frauen.
Hitlergegner unterschiedlicher Weltanschauung wirkten an ihrem
jeweiligen Platz in der Bewegung "Freies Deutschland" und akzep-
tierten die Führung durch Kommunisten. In diesem Zusammenhang sei
die Tätigkeit zweier parteiloser Antifaschisten hervorgehoben.
Dr. med. Wolfgang Kühn, Leiter der chirurgischen Abteilung im
Paul-Gerhard-Stift, der 1941/42 jugoslawischen Partisanen ärztli-
che Hilfe geleistet hatte und danach einige Zeit in Gestapohaft
war, wurde von Wilhelm Moll für die Bewegung "Freies Deutschland"
gewonnen und mit Saefkow und Jacob zusammengeführt. Kühn erör-
terte mit vertrauenswürdigen Kollegen die NKFD-Programmatik, half
Cäsar Horn u.v.a. Kriegsgegnern, sich dem Wehrdienst zu entzie-
hen, und gab der Organisation im Juni 1944 direkte Unterstützung
bei einer konspirativen Aktion. Der Feinmechanikermeister Fried-
rich Nitschke, Inhaber einer kinotechnischen Werkstatt, lernte
durch seinen Freund Werner Jurr Franz Jacob kennen, den er einige
Monate privat in seinem Betrieb beschäftigte. Nachdem Nitschke
1944 unter dem Decknamen "Ferdinand" mit Saefkow, Wegener und
Grete Schöneck zusammengeführt worden war, stellte er sein Büro
für Leitungsbesprechungen zur Verfügung, gestattete, daß Grete
Schöneck dort abends Matrizen beschrieb, Jacob Abziehapparate
aufstellte, fertigte Fotokopien von Dokumenten und beteiligte
sich an Vervielfältigung und Weiterleitung illegalen Materials an
Gesinnungsfreunde. 13)
Die Organisationsleitung unternahm große Anstrengungen, der Goeb-
bels'schen Demagogie entgegenzuwirken, wovon allein über 30 Flug-
schriften u. a. Dokumente Zeugnis geben. Neben den Materialien
für die eigenen Kader richtete sie Aufrufe an Arbeiter und Arbei-
terinnen, die mit KPD unterschrieben sind, sowie an Soldaten oder
an die Bevölkerung allgemein; letztere tragen meist die Unter-
zeichnung "Nationalkomitee 'Freies Deutschland' Berliner Aus-
schuß". Inhalt und Unterschrift entsprachen ihrer Vorstellung,
die im NKFD praktizierte Bündnispolitik auch im Reich schritt-
weise zu verwirklichen.
Die Flugblätter an Wehrmachtsangehörige sind als Rundbriefe mit
der Anrede "Lieber Kamerad!" aufgesetzt. Eine im Dezember 1943 in
Reinickendorf, Zepernick und Bernau verbreitete Ausgabe ist in
einem Tagesreport der Gestapo Berlin 14) beschrieben; mindestens
vier Soldatenbriefe (vom Februar, April, Mai und Juni 1944) sind
erhalten geblieben. Um die gleiche Zeit gab die Organisationslei-
tung ein Kadermaterial an Kommunisten im Waffenrock heraus, das
"Merkblatt für die zur Wehrmacht eingezogenen Genossen"; in ihm
werden NKFD-Politik und Möglichkeiten konspirativer Arbeit an der
Front erläutert. Der Ende 1943 aus der Wehrmacht desertierte Hel-
mut Wagner wurde als Leiter für den "militärischen Sektor" des
NKFD eingesetzt, für den "zivilen Sektor" der ebenfalls illegal
lebende Herbert Tschäpe. An der politischen Aufklärung in Wehr-
machtseinheiten waren Kanonier Hans Beyermann, Grenadier Werner
Deckers, Feldwebel Cäsar Horn, Obergefreiter Gerhard Kaun u.a.
Kommunisten beteiligt. Saefkow und Jacob standen in Gedankenaus-
tausch mit Oberstabsarzt Dr. Johannes Kreiselmeyer, der sich be-
reit erklärte, für die Zeit nach Hitler ein Konzept zum Gesund-
heitswesen auszuarbeiten. Ingenieur Erwin Freyer führte Saefkow
und Jacob mit seinem früheren Lehrer Heinrich Werner zusammen.
Der bei der OKW-Wehrmachtspropagandastelle stationierte Unterof-
fizier übergab ihnen ein Flugblatt der Westalliierten und die
Zeitung "Freies Deutschland". Von sich aus erörterte Werner die
von Freyer, Saefkow und Jacob aufgeworfenen politischen Fragen
mit anderen Wehrmachtsangehörigen und Beschäftigten seiner
Dienststelle.
Im zivilen Bereich konnten zu weiteren Kreisen überzeugter Hit-
lergegner mehr oder weniger feste Beziehungen hergestellt werden.
So erhielt Saefkow Kontakt zu einer Gruppe Arbeiter und Intellek-
tueller um den Betriebsingenieur Hugo Kapteina, Jacob zum konser-
vativ-liberalen Freundeskreis Lena Pechels, Gattin des in Sach-
senhausen inhaftierten Herausgebers der "Deutschen Rundschau" Dr.
Rudolf Pechel, Erdmann Meyer zum Luckenwalder Justizangestellten
Hans Winkler, dem Mitbegründer der illegalen "Gemeinschaft für
Frieden und Aufbau". 15)
Im Hinblick auf die angestrebte Aktionseinheit der Arbeiterpar-
teien und das Bündnis aller Hitlergegner war die Begegnung Jacobs
und Saefkows am 22. Juni 1944 mit Julius Leber und Adolf Reich
wein von besonderer Bedeutung. Leber und Reichwein hatten sich
wie Carlo Mierendorff dem Kreisauer Kreis um Graf von Moltke an-
geschlossen und dort ihre Vorstellungen als sozialdemokratische
Antifaschisten eingebracht. Das Treffen ging wesentlich auf die
Initiative Reichweins zurück. Reichwein, der Flugschriften Neu-
bauers kannte, traf mit seinen Vertrauensleuten Dr. med. Rudolf
Schmid, dem ihm aus Jena bekannten Sozialisten Friedrich Bernt
und Ferdinand Thomas (KPD) zu Vorbesprechungen zusammen. Unabhän-
gig
#75# Positionen
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voneinander fuhren Bernt und Judith Auer nach Jena zu Magnus Po-
ser, um letzte Verabredungen zu treffen. Leber unterrichtete
Kreisauer Freunde über das Vorhaben und erhielt die Zustimmung
Peter Yorck von Wartenburgs, von der Mehrheit dagegen Wider-
spruch. Im Sinne des 1943 von Mierendorff verfaßten Aufrufs für
eine Volksbewegung christlicher, sozialistischer, kommunistischer
und liberaler Kräfte sowie der Begründung, er habe mit Kommuni-
sten "fünf Jahre auf derselben Pritsche im KZ gelegen" 16), ent-
schied Leber sich für das Treffen. Bei dem Gespräch in der Praxis
Dr. Schmids legten Leber und Jacob die beiderseitigen Standpunkte
dar. Sie stellten Übereinstimmungen fest, auch im Hinblick auf
eine künftige Regierung, in der die Sozialisten führend sein
sollten, und vereinbarten eine zweite Zusammenkunft für den 4.
Juli. 17)
VI. Neuer Mann im "Dreierkopf". Weitere Aktivitäten 1944
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Bästlein, der Ende August 1943 mit Abshagen als Zeuge in der
Strafsache gegen Martin Weise nach Berlin überführt worden war,
gelang bei einem Luftangriff am 29. Januar 1944 die Flucht aus
dem Zuchthaus Plötzensee. Er schlug sich nach Halensee durch zu
Johanna Falcke, die ihm Quartier bei Willi Jungmittag besorgte.
Bästlein gewann in ihm bald einen Mitstreiter. Durch Jungmittag
fand er die nächste Unterkunft bei den Schwestern Luzie Nix und
Vera Wulff und wurde von ihnen mit Ernst Sieber zusammengeführt.
Wie sie aus der Gruppe um John Sieg kommend, gab Sieber nach
Siegs Festnahme und Tod mit Charlotte Bischoff u.a. weiter die
Zeitung "Innere Front" heraus. Ein von Bästlein gewünschtes Tref-
fen mit der illegal aus Schweden zurückgekehrten KPD-Instruk-
teurin Bischoff kam nicht mehr zustande. In und mit der Gruppe
seiner Quartiergeber und Mitarbeiter gab er von ihm verfaßte
Flugschriften weiter.
Bald nach seiner Flucht hatte Bästlein in einem S-Bahnwagen Franz
Jacob gesehen; die beiden Freunde hatten Blickkontakt, gingen
aber nicht aufeinander zu, weil jeder einen dem anderen unbekann-
ten Begleiter (Willi Jungmittag bzw. Grete Schöneck) neben sich
hatte. Nachdem keiner von Bästleins Gefährten Näheres über Jacob
ermitteln konnte, setzte er im April die "Sonderbotschaft Nr. 5"
in ein Flugblatt: "Warum hast Du mit der Wolldecke unter dem Arm
in der Stadtbahn nicht reagiert? Der Genosse, den die Frage be-
trifft, soll rückantworten." 18) Jacob erhielt die Botschaft am
1. Mai 1944 von Otto Marquardt. Drei Tage darauf kam es in der
Modelltischlerei des Sozialdemokraten Walter Glass zur Wieder-
begegnung
#76# Hochmuth: KPD und NKFD in Berlin-Brandenburg
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mit Bästlein. Kurz zuvor hatte Jacob von der Ermordung Walter
Bohnes, Gustav Bruhns und den bevorstehenden Prozessen gegen an-
dere Hamburger Genossen erfahren. Es ist anzunehmen, daß er Bäst-
lein sofort informierte und schon hier ein entsprechendes Flug-
blatt andiskutiert wurde; der Aufruf "An alle Hamburger Kommuni-
sten und revolutionären Arbeiter!" 19) erschien Mitte Juni.
Wenige Tage nach dem 4. Mai traf Bästlein ("Lothar") sich mit
Saefkow und Jacob und wurde dritter Mann im "Dreierkopf". Er
übernahm den bisher von Saefkow geleiteten Sicherheitsapparat so-
wie den Aufbau bewaffneter Wehrgruppen und führte die von ihm ge-
bildete Gruppe der Organisation zu. Im Mai schrieb Bästlein das
mit NKFD/Berliner Ausschuß unterzeichnete Flugblatt "Tatsachen!
Unabänderliche Tatsachen!". 20) In dieser (seiner letzten)
Schrift faßte er noch einmal Erfahrungen und Tatsachen aus beiden
Weltkriegen zusammen, rief dazu auf, gegen Krieg und Unterdrüc-
kung antifaschistische Kampfgruppen zu schaffen und schloß :
"Hitlers Krieg ist nicht unser Krieg ... Rettung für Deutschland!
Tod dem Faschismus!"
Die Tagungen der Inlandsleitung hatten meist in der Hauptstadt
stattgefunden. Saefkow hatte sich seit Anfang 1944 auch in Leip-
zig und Thüringen mit Schumann und Neubauer getroffen. In Abspra-
che mit ihnen fuhr er Mitte April von Leipzig aus nach Dresden,
um den früheren KPD-Sekretär Ostsachsens Kurt Sindermann, der
ebenfalls schwere Jahre im Zuchthaus und in Buchenwald hinter
sich hatte, zu treffen. Es ging hauptsächlich um die Hilfe Dres-
dener Kommunisten bei dem Versuch, Verbindung zu dem in Bautzen
inhaftierten Ernst Thälmann herzustellen sowie Befreiungsmöglich-
keiten zu erkunden; schon vorher hatte Arvid Lundgren seine Be-
reitschaft erklärt, den KPD-Vorsitzenden nach geglückter Flucht
mit einem Wagen der Schwedischen Gesandtschaft nach Berlin zu
bringen.
Saefkow besprach den Plan mit Sindermann. Bei dem Gespräch ver-
traute ihm dieser an, daß er sich im Zusammenhang mit seiner KZ-
Entlassung von der Gestapo zur Berichterstattung über Illegale
habe erpressen lassen. Noch heute ist Sindermanns Verhalten im
Jahre 1944 und sein Tod in Gestapohaft weitgehend ungeklärt; es
gibt dazu nur wenige und sich teilweise widersprechende Veröf-
fentlichungen. 21) Nach dem Treffen beriet Sindermann sich mit
Hermann Liebsch und Hilde Lehmann. Liebsch machte ihn mit dem
Rechtsanwalt und derzeit in Bautzen stationierten Gefreiten Will
Niepel bekannt. Niepel stellte Kontakt her zu dem in der Bautze-
ner Haftanstalt beschäftigten Wachtmeister Wilhelm Schulze, des-
sen Informationen zu Thälmann später Saefkow übergeben werden
sollten. "In unserer Wohnung fanden 2 Treffen mit Sindermann
statt", schreibt Hilde Lehmann 1950, "das letzte am 20.7.1944 ...
Bei diesem Treffen wurden die inzwischen erfolgten Vorbereitungen
für die Aufnahme einer Verbindung mit dem Genossen Ernst Thälmann
... besprochen. ... Wir wollten zunächst Thälmann mit Material
beliefern, für später war auch an eine Befreiungsaktion gedacht."
22)
Über seine Gespräche in Dresden berichtete Saefkow Bästlein, Ja-
cob und Neubauer im Mai (20./21.7) auf einer Sitzung der Inlands-
leitung bei Judith Auer in Berlin-Adlershof. Nach anscheinend er-
regter Debatte über Sindermann 23) warf Neubauer das Problem auf,
ob das Verhalten der KPD zum NKFD ein rein taktisches sei. In der
Hauptsache scheint es um die Frage gegangen zu sein, ob die vom
NKFD angestrebte Volksregierung als eine feststehende Entschei-
dung anzusehen sei bzw. ob ihre Einsetzung - oder die einer kom-
munistischen Arbeiterregierung - vom politischen Kräfteverhältnis
nach Kriegsende abhänge. Die Diskussion wurde vermutlich durch
eine neue größere Ausarbeitung "Am Beginn der letzten Phase des
Krieges" mitbestimmt, deren Entwurf mit Datum vom 20. Mai 1944
Vorlage für diese Sitzung gewesen sein kann.
Die von Jacob verfaßte politisch-theoretische Schrift ist eine
zusammenhängende Darlegung zum militärischen und politischen
Kräfteverhältnis in Europa und Hitlerdeutschland sowie zur Stra-
tegie der KPD in der letzten Phase des Krieges. 24) Das mit
"Kommunistische Partei Deutschlands" unterzeichnete Dokument ent-
hält Aussagen über die Periode der Liquidierung des Faschismus
und Demokratisierung der innenpolitischen Verhältnisse, an deren
Ende vom Beginn des sozialistischen Aufbaus (Errichtung "Diktatur
des Proletariats") ausgegangen wird. Zum NKFD und welchen Platz
es zeitweilig oder dauerhaft im künftigen Deutschland einnehmen
kann, heißt es in Abschnitt IV: "Ob und wieweit diese Bünd-
nispartner bei der Liquidierung des faschistischen Systems ...
mit uns zu gehen bereit sind, wissen wir ... nicht... Was wir
aber wissen ist: Wir werden in jedem Bündnis mit nichtproletari-
schen Elementen nur so lange Führer sein, wie wir in der Arbei-
terklasse stark sind." Der erste Teil der Schrift wurde hektogra-
phiert und in Berlin, Brandenburg, Leipzig weitergegeben. Der
zweite Teil (Abschnitt IV), der Ende Juni nach Errichtung des an-
gloamerikanischen Brückenkopfes in der Normandie noch einen aktu-
ellen Vorspann erhielt, konnte nicht mehr vervielfältigt werden.
Dagegen wurde ein Dokument der Organisation schon vor Kriegsende
im Ausland veröffentlicht. Es war das im April 1944 in hoher Auf-
lage gedruckte Flugblatt "Arbeiter und Arbeiterinnen der Berliner
Betriebe!". Lundgrens Nachfolger in Berlin, der schwedische
Jungsozialist Arne Karlsson, hatte es der KPD-Auslandsleitung in
Stockholm übermittelt. Mit einem Kurzkommentar eingeleitet er-
schien der Aufruf in der "Politischen Information" vom 15. Juli
1944 - elf Tage nach Einsetzen der Verhaftungen in Berlin.
#77# Positionen
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VII. Gestapo-Sonderkommission "NKFD Berlin"
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Anfang 1944 war Saefkow mit Ernst Rambow, den er als Berliner
KPD-Funktionär kannte, zusammengetroffen. Von Georg und Louise
Dünninghaus, die mit Rambow im 2. Halbjahr 1933 in Hamburg ille-
gal zusammengearbeitet hatten, wußte Saefkow, daß sie ihm in
Lichtenberg wiederbegegnet seien. Rambow war 1934 als Leiter des
AM-Apparates der KPD Wasserkante zu sechs Jahren Zuchthaus verur-
teilt, nach Verbüßung der Strafe am 1. Februar 1940 in das Ge-
stapo-Gefängnis Berlin überführt und nach vier Wochen entlassen
worden. Dünninghaus schreibt 1945, Rambow habe ihm im Herbst 1941
erklärt, daß er sich laufend bei der Gestapo melden müsse, sich
aus der verlangten "Mitarbeit" aber immer "diplomatisch herausge-
wunden" habe; seine politische Einstellung sei pessimistisch ge-
wesen. Dünninghaus erwähnt, daß er und seine Frau danach zum
Kreis um Saefkow stießen und, als dann "Anfang 1944 die Lage im-
mer mehr zum Handeln drängte und bereits zu vielen Betrieben ...
Verbindung bestand, außerdem Komitees 'Freies Deutschland' ge-
gründet waren, wurde seitens Anton S. die Verbindung mit R. di-
rekt aufgenommen". 25)
Im Februar oder März setzte Saefkow Rambow als weiteren Abwehr-
mann ein. Unter dem Decknamen "Hermann" traf er im Sicherheitsap-
parat mit Bruno Hämmerling u.a. Funktionären zusammen. Mitte Mai
wurde er Bästlein unterstellt und auch zur Absicherung von Lei-
tungssitzungen eingesetzt. Für den 20. Mai hatte Rambow eine Be-
sprechung mit Heinz Rosenberg und Siegfried Forstreuter in Niko-
lassee vorbereitet; auf dieser Zusammenkunft, die vermutlich un-
ter direkter Gestapobeobachtung stand, forderte er Forstreuter
auf, neue Waffen zu besorgen. Nach einem Treff am 30. Mai 1944
mit Franz Schmidt und Rambow war Bästlein plötzlich verschwunden;
seine Genossen konnten sich bald Gewißheit verschaffen, daß er
verhaftet worden war. Schmidt sei bei dem Treff als erster gegan-
gen, schreibt Grete Schöneck 1945, und "so blieb ein Verdacht ge-
gen Hermann". 26) Zwei Wochen nach Bästleins Festnahme traf Ram-
bow erstmals mit Jacob und Grete Schöneck zusammen, als beide
überprüfen wollten, ob er einen mit Bästlein festgelegten Termin
noch wahrnehmen würde. Er erschien. Bei anschließender Aussprache
mit Saefkow und Jacob vermochte Rambow den bei Jacob aufgekomme-
nen Verdacht zu zerstreuen. Am 22. Juni begleiteten Ferdinand
Thomas und Rambow, die sich kurz zuvor kennengelernt hatten,
Saefkow und Jacob zur Begegnung mit Leber und Reichwein in die
Praxis Dr. Schmids. Friedrich Bernt berichtet 1947, Magnus Poser
habe ihm Saefkow und Jacob als zuständig für die KPD-Leitung ge-
nannt, aber "gegen jede Verabredung wurde ein Dritter hinzugezo-
gen... Ferdinand Thomas erklärte ... mir, daß er sich bei Saefkow
und Jacob über die Hinzuziehung des Rambow verwahrt" habe. 27)
Der Beginn von Rambows Wirken als Gestapo-Agent ist noch unge-
klärt. Er kann vor seiner Haftentlassung im Februar 1940 in den
Teufelspakt gepreßt worden sein. Es ist auch möglich, daß er ei-
nige Zeit versuchte, sich durchzulavieren. Aber an einem bestimm-
ten Punkt - wahrscheinlich nach der Flucht Bästleins aus Plötzen-
see und seiner Begegnung mit Saefkow - erneut unter Druck ge-
setzt, begann er gezielt nach dem Plan des RSHA zu handeln. Gegen
KPD und NKFD hat ihn das Amt IV spätestens im Frühjahr 1944 als
V-Mann eingesetzt und offenbar nicht nur als Zuträger, sondern
auch als agent provocateur. Geführt wurde er durch Kriminalin-
spektor Hermann Schulz, der ihn u.a. in der Lichtenberger Schu-
sterwerkstatt Hofrichter traf. 28)
Die Gestapo hatte eine Sonderkommission "Nationalkomitee 'Freies
Deutschland' Berlin" gebildet, deren Federführung bei den Krimi-
nalkommissaren Horst Kopkow und Johann Strübing lag, Leiter und
maßgeblicher Mitarbeiter im Referat IV A 2. Unterlagen über Ob-
servierungen sind erhalten geblieben. In einem Bericht vom 1.
Juli 1944 "Geheim. Betrifft: Nationalkomitee 'Freies Deutschland'
Berliner Ausschuß" von Kriminalsekretär Johannes von Rakowski (IV
A 1 a) werden Tätigkeiten Saefkows seit Februar 1944, vier Be-
triebe mit Kadergruppen, verschiedene Flugblätter erwähnt und
baldige Festnahmen in Aussicht gestellt. Außer Saefkow kann Ra-
kowski Paul Hirsch und Otto Truppner mit vollen Namen anführen,
andere Beteiligte ausschließlich unter ihrem Decknamen. Die an
letzter Stelle genannte Person ist wie folgt umschrieben: "V-
Mann, Kaderleiter für Groß-Berlin, eingesetzt vom Referat IV A
2." 29)
Das RSHA griff zu, als sich im Innern des Landes ein nicht zu un-
terschätzendes Bündnis zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten
sowie liberalen Hitlergegnern anzubahnen schien. Bei der am 4.
Juli 1944 einsetzenden Verhaftungsaktion wurden Saefkow, Jacob
und Reichwein festgenommen, am Tag darauf Leber. Die beiden Sozi-
aldemokraten wurden mit Ferdinand Thomas und Rudolf Schmid ange-
klagt, nach dem 20. Juli wurde das Verfahren gegen Leber und
Reichwein abgetrennt. Bis 1945 inhaftierte die Gestapo über 280
Widerstandskämpfer im Raum Berlin, in Landsberg, Hamburg, Hanno-
ver. Mehr als 100 Männer und Frauen entgingen der Festnahme; ent-
weder waren sie dem RSHA als Mitarbeiter Saefkows, Jacobs und
Bästleins nicht bekannt oder es gelang ihnen, trotz intensiver
Fahndung unterzutauchen, darunter Grete Schöneck, Lisa Walter,
Hans Beyermann, Fritz Emrich, Erich Fähling, Fritz Goltz, Gerhard
Kellotat, Willi Krüger, Hans Paucka und Max Sauer. Von einer
Scheinfestnahme Rambows wurde abgesehen. Nicht zu verhindern war,
daß er bei Verhören mit seinem Decknamen genannt und so in Ge-
stapo-Protokollen festgehalten ist. Auch in VGH-Akten, z.B.
#78# Hochmuth: KPD und NKFD in Berlin-Brandenburg
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Strafsache gegen Hämmerling, taucht er ausschließlich unter
"Hermann" auf 30); im Unterschied zu anderen - meist flüchtigen -
Beschuldigten, bei denen Deck- und Familienname angeführt sind.
Trotz solcher Abschirmung sickerte schon während der Gestapover-
höre durch, daß "Hermann" der Verräter sei. 31) Saefkow sagte es
seinem Mitgefangenen Herbert Polster, Dr. Rudolf Schmid erfuhr es
von Jacob. Spätestens im September 1944 gelangte diese Nachricht
auch nach draußen. Cäsar Horn hatte sie bei einem Besuch seiner
Frau Irmgard verschlüsselt mitgeteilt, Erwin Reisler überbrachte
sie den weiterarbeitenden Gruppen um Bernhard Karl und Gerhard
Sredski, um Grete Schöneck und Hermann Michaelis.
Die Verhöre der Sonderkommission fanden im Polizeipräsidium Ber-
lin und im Gefängnis Potsdam statt. Hauptvernehmer waren die Ge-
stapokommissare Strübing und Walter Habecker, die schon 1942 ge-
gen Angehörige der "Roten Kapelle" in Berlin (Habecker auch in
Hamburg) Aussageerpressung im Amt verübt und Mittel physischer
und psychischer Folter angewandt hatten. Anhaltspunkte für Miß-
handlungen finden sich in Gestapoprotokollen unter euphemisti-
schen Umschreibungen wie: Der/die Beschuldigte habe "auf Vorhalt"
das und das eingeräumt. Auch Frauen wurden der Tortur unterwor-
fen. Charlotte Groß, am 1. August 1944 in Potsdam von Habecker
vernommen, schrieb darüber nach Kriegsende: "Mein erstes Verhör
... dauerte von 16 bis 18 Uhr, und dann mußte ich feststellen,
daß die Gestapo ... wußte, daß ich der Verbindungsmann der Saef-
kow-Gruppe war. Ich streite ... ab... Um 20 Uhr holte man mich
wieder ... und als ich weiter leugnete und auf die Frage nach dem
Verbleib der Flugblätter über die Hamburger Mai-Prozesse be-
hauptete, ich hätte diese verbrannt, bekam ich Ohrfeigen. Ergeb-
nislos. 'Na, dann müssen wir eben die Gebetsmühle anwenden!' Und
als man die Folterung mit der Fingerquetschung angewendet hatte,
habe ich das Versteck preisgeben müssen..." 32) Nach Beendigung
der Vernehmungen übermittelte die Gestapo ihre präjudizierenden
Schlußberichte an den Volksgerichtshof. Im August setzte der
Oberreichsanwalt die ersten 18 Anklageschriften auf.
Während das RSHA die Beschuldigten der "Roten Kapelle" mehrheit-
lich dem Reichskriegsgericht übergeben hatte, wurden nach der
Aufdeckung der Bewegung "Freies Deutschland" und der Verschwörung
vom 20. Juli 1944 auch für alle Militärs die Weichen in Richtung
Volksgerichtshof gestellt und beteiligte Offiziere und Soldaten
aus der Wehrmacht ausgeschlossen. Am 12. August 1944 wandte sich
Kriminalkommissar Strübing i.A. RSHA in einem Schreiben
"Betrifft: Nationalkomitee" an das OKW: "Um zu vermeiden, daß für
die Wehrmachtsangehörigen ein besonderes Strafverfahren durchge-
führt wird, wird es für zweckmäßig erachtet, (sie) ... aus der
Wehrmacht zu entlassen, damit ihre Aburteilung durch den Volksge-
richtshof erfolgen kann." 33) Admiral Max Bastian, Präsident des
Reichskriegsgerichts, spurte und erließ am 16. Sept. 1944 eine
Verfügung, wonach das Verfahren gegen Alfred Jung u.a., nachdem
"sie aus der Wehrmacht entlassen sind, ... den allgemeinen Behör-
den überwiesen" wird. 34) Aus dem Komplex NKFD/Berlin/Saefkow be-
traf das außer Alfred Jung mindestens 13 weitere, meist in der
Wehrmachtshaftanstalt Potsdam eingesperrte Männer.
VIII. "... schwerste Gefahren für das Dritte Reich"
---------------------------------------------------
Die faschistische Führung war aufgeschreckt durch das immer stär-
ker in die Öffentlichkeit dringende Wirken des NKFD, das sie an
den sowjetischen Fronten, im okkupierten und unbesetzten Europa,
in Amerika und schließlich auch im Lande selbst registrieren
mußte. Rigorose Verfolgung sollte die weitere Ausbreitung der Be-
wegung "Freies Deutschland" verhindern. Nachdem das Attentat
Stauffenbergs am 20. Juli 1944 schlagartig deutlich machte, daß
selbst unter Offizieren und hohen Beamten entschiedene Hitlergeg-
nerschaft entstanden war, wurde in den obersten Naziinstanzen ge-
prüft, in welchem Maße es direkte oder gedankliche Verbindungen
zur Bewegung "Freies Deutschland" gab, wieweit beide Widerstands-
gruppierungen das Regime und seine Kriegsmaschinerie bedroht hat-
ten.
Im Schreiben Kaltenbrunners über das "National-Komitee 'Freies
Deutschland) in Berlin" vom 30. Juli 1944 an Goebbels betont der
RSHA-Chef, "daß dem staatspolizeilichen Zugriff größte politische
Bedeutung zukommt". Im zweiten Brief vom 20. September, der das
NKFD im gesamten Reich zum Gegenstand hat, informiert er den Pro-
pagandaminister, daß es im Reichsgebiet bisher rund 300 Festnah-
men gäbe, die leitenden Funktionäre bereits zum Tode verurteilt
seien und die Sonderkommission ihre Tätigkeit beendet habe. Dem
ersten Schreiben ist ein 13seitiger, dem zweiten ein neunseitiger
Bericht angefügt. Kaltenbrunner bemerkt zum ersten, daß er
"interessante Schlaglichter auf die einzelnen Mitglieder des Na-
tionalkomitee 'Freies Deutschland) wirft und ... erkennen läßt,
welche Möglichkeiten ihm bereits zur Verfügung standen". 35) In
beiden Niederschriften sind eine Reihe Lichtbilder des Gestapa-
Erkennungsdienstes eingeklebt. Im Unterschied zu den in strammer
NS-Diktion gehaltenen Berichten sind viele Fotos der wehrlos Aus-
gelieferten bedrückende Abbilder des damaligen Augenblicks und
vorangegangener Mißhandlungen.
Reichsführer-SS und Innenminister Himmler war von Anfang an über
die RSHA-Aktion gegen das NKFD informiert worden. Die schriftli-
che Berichtererstattung der Gestapo-Sonderkommission unter Sturm-
bannführer Kopkow und Obersturmführer Strübing begann am 10. Juli
1944. In einem Schreiben vom 4. August wird u.a. die technische
Ausstattung der Illegalen
#79# Positionen
-----
hervorgehoben: "... Bisher wurden sichergestellt 1 Typendrucke-
rei, 1 Tiegelpresse, 1 Bürstenabzugspresse, 5 Vervielfältigungs-
apparate und 4 Schreibmaschinen." 36)
Mit diesen und anderen Nachrichten versehen, bereitete Himmler
sich auf ein Treffen mit Hitler vor. Zu diesem Zeitpunkt wurde
die Wehrmacht in Polen, Frankreich und Italien von den alliierten
Armeen auf die Grenzen des Reichs zurückgedrängt, innenpolitisch
beschäftigte die Naziführung die - noch immer Kräfte bindende -
unerwartete Stärke der antifaschistischen Opposition, die mit der
Aufdeckung des organisierten Arbeiterwiderstandes und der Ver-
schwörung vom 20. Juli zu Tage getreten war. Auf Himmlers Notiz-
zettel "Führer. Wolfsschanze 14. VIII. 44" ist festgehalten, was
im Führerhauptquartier besprochen wurde. Hitler und Himmler be-
schlossen unter anderem, potentielle politische Gegner festzuneh-
men ("4. Verhaftung S.P.D. u. K.P.D.-Bonzen") und das Leben des
seit 1933 inhaftierten Vorsitzenden der KPD auszulöschen ("12.
Thälmann ist zu exekutieren"). 37) Ernst Thälmann wurde von Baut-
zen in das KZ Buchenwald gebracht und dort am 18. August 1944 er-
schossen. Vier Tage später begann das RSHA mit der schlagartig
ausgelösten "Gewitter-Aktion", in deren Verlauf die Gestapo -
nach lange zuvor angelegten Karteien - mehrere tausend frühere
Gewerkschaftsführer, Landtags- und Reichstagsabgeordnete der KPD,
SPD, des Zentrums u. a. Oppositionelle in Konzentrationslager de-
portierte.
Unmittelbar nach Beginn des Unternehmens liefen im RSHA und im
Propagandaministerium erste Nachfragen ein. Unter Berufung auf
die Gauleiter der NSDAP in der Westmark und von Hessen-Nassau,
wandte Dipl.-Ing. Sondermann sich schriftlich an seinen Chef
Goebbels und machte geltend, daß die Aktion "lebhafte Beunruhi-
gung geschaffen" und auch Leute getroffen habe, die heute nicht
mehr als politische Gegner anzusehen seien. Goebbels ließ ihm
mitteilen, daß es "zweckmäßiger (sei), einmal 50 Ungegerechte zu
fassen und 5 Gerechte mitleiden zu lassen, als derartige ent-
scheidende Aktionen zu gefährden". Klartext zur "Gewitter-Aktion"
verfaßte SS-Oberführer Friedrich Panzinger, Leiter der Gruppe IV
A im RSHA und zeitweilig Stellvertreter des Gestapochefs Heinrich
Müller. In seinem Schreiben vom 26. August an Sondermann verwies
Panzinger nachdrücklich auf die Bewegung "Freies Deutschland" und
den 20. Juli: "... Der Zweck der Aktion war, alle Kristallisati-
onspunkte der illegalen kommunistischen Bewegung und der schwar-
zen Reaktion von vornherein auszuschalten, nachdem gerade die Er-
fahrungen der letzten 3 Monate gezeigt haben, daß es immer wieder
die früheren Funktionäre dieser beiden Gruppen sind, die ihre
Zeit wieder für gekommen erachten. Die Geheime Staatspolizei hat
eine über das Reich verbreitete, zentral gesteuerte illegale kom-
munistische Bewegung 'Nationalkomitee Freies Deutschland' ausge-
hoben, in welcher gerade ehemalige kommunistische und sozialdemo-
kratische Abgeordnete eine führende Rolle gespielt haben... Die
Richtigkeit der ... Aktion wird auch bewiesen durch den zivilen
Kreis der Beteiligten des 20. Juli." 38)
Die Hauptverhandlungen des Volksgerichtshofes gegen Angehörige
der von Saefkow, Jacob und Bästlein geleiteten Widerstandsorgani-
sation begannen Anfang September, die letzten wurden im Februar
1945 durchgeführt. In 59 Prozessen gegen mehr als 200 Angeklagte
erhielten 65 das Todesurteil; Herwig Förder und Erwin Freyer ent-
gingen dem Henker durch den Vormarsch der Alliierten. Der Ober-
reichsanwalt forderte auch gegen Charlotte Groß die Todesstrafe,
aber durch die mit einer Mitangeklagten abgesprochene Verteidi-
gungslinie hatte Blutrichter Martin Stier sich täuschen lassen,
und sie bekam 10 Jahre Zuchthaus.
Judith Auer, Auguste Haase und Elli Voigt wurden in Berlin-Plöt-
zensee enthauptet, die Männer in Brandenburg-Görden. Georg Di-
mentstein, Hans Lippmann und Heinz Rosenberg erhielten 1944 als
Juden kein Gerichtsverfahren mehr, sie wurden vermutlich auf An-
weisung des RSHA im KZ Sachsenhausen exekutiert. Andere Mitkämp-
fer sind in Berliner Gestapohaft, im Konzentrationslager, im Ge-
wahrsam der Nazijustiz sowie bei den Kämpfen um Berlin umgekom-
men. Nach meinem gegenwärtigen Kenntnisstand wurden 91 Männer und
Frauen aus der Berlin-Brandenburger Kampfbewegung "Freies
Deutschland" Opfer des Naziregimes.
Bernhard Bästlein, Franz Jacob und Anton Saefkow mußten am 18.
September 1944 den Weg zum Schafott gehen. Der Volksgerichtshof
hatte das Wirken der Hauptangeklagten wie folgt qualifiziert:
"Saefkow, Jacob und Bästlein ... haben vornehmlich im fünften
Kriegsjahr die KPD in einem derartigen Umfange wieder aufgezogen
und die Wehrmacht zu zersetzen versucht, daß hier für das Reich
die alier-schwersten Gefahren heraufbeschworen wurden..." 39)
_____
1) Stiftung Archiv d. Parteien u. Massenorganisationen d. DDR im
Bundesarchiv, Zentrales Parteiarchiv (SAPMO BArch ZPA), NL
76/157, Bl. 28 ff
2) K. Schirdewan: Bernhard Bästlein. In: Einheit, 8/1948, S. 720-
728; B. Schindler-Saefkow: Anton Saefkow. In: BzG, 4/1978,
S. 573-583: P. Grubitzsch: Franz Jacob. In: BzG, 3/1990, S. 398-
409
3) U. Puls: Die Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe, Berlin 1959, 226
S.; U. Hochmuth: "Hitlers Niederlage ist nicht unsere Nieder-
lage..." - Über d. Widerstand d. KPD in Hamburg während d. zwei-
ten Weltkrieges. In: J. Berlin (Hg.): Das andere Hamburg, Köln
1981, S. 283-305; K. Bästlein: "Hitlers Niederlage..." - Die
Bästlein-Organisation. In: B. Meyer/I. Szodrynski (Hg.). Vom
Zweifeln und Weitermachen, Hamburg 1988, S. 44-89
4) H. Naujoks: Mein Leben im KZ Sachsenhausen. Erinnerungen des
ehemaligen Lagerältesten. Bearb. von U. Hochmuth, Köln 1987, S.
12, 69, 102 f.
5) K. Biernat/L. Kraushaar: Die Schulze-Boysen/Harnack-Organisa-
tion, Berlin 1970, S. 82 f; R. Griebel/M. Coburger/H. Scheel: Das
Gestapo-Album zur Roten Kapelle, Halle 1992, S. 198, 222 f.
#80# Hochmuth: KPD und NKFD in Berlin-Brandenburg
-----
6) G. Nitzsche: Die Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe, Berlin 1957,
211 S.; G. Rossmann: Der Kampf der KPD um die Einheit aller Hit-
lergegner, Berlin 1963, 297 S.; H. Weber: Aus dem Kadermaterial
der illegalen KPD 1943. In: VJZ 4/1972, S. 422-446;
H. Kühnrich/K. Pech: Neue bedeutsame Materialien über die poli-
tisch-theoretische Tätigkeit der illegalen operativen Leitung der
KPD in Deutschland 1944. In: BzG 1/1979, S. 26-41
7) W. Wilhelmus: Wie schwedische Sozialdemokraten 1943/44 der il-
legalen KPD halfen. In: BzG, 6/1983, S. 856 ff.
8) G. Nitzsche, a.a.O., S. 137 ff., 148
9) Bundesarchiv, Abteilungen Potsdam (BArchP), NJ 1524/9 Hülle 5
10) Siehe H. Kühnrich: Die KPD, d. Bewegung "Freies Deutschland"
u. d. 20. Juli 1944. Ein Dokument d. Landesleitung d. KPD v. 1.
April 1944. In: BzG, 4/1984, S. 497
11) BArchP, NJ 1500/12, Schreibheft Bl. 29 ff.
12. Siehe G. Glondajewski/G. Rossmann: Ein bedeutendes politi-
sches Dokument d. illegalen antifaschistischen Kampfes der KPD.
In: BzG, 3/1966, S. 652 ff.
13) Vgl. W. Uhlmann (Hg.): Sterben um zu leben. Politische Gefan-
gene im Zuchthaus Brandenburg-Görden 1933-1945. Köln 1983, S. 214
ff, 287 f.
14. Siehe G. Nitzsche, a.a.O., S. 130 f
15) Vgl. U. Hochmuth: Illegale KPD und Kampfbewegung "Freies
Deutschland". Zur Widerstandsorganisation um Saefkow, Jacob und
Bästlein. In: BzG, 2/94, S. 91 f
16) Vgl. G. van Roon: Neuordnung im Widerstand. Der Kreisauer
Kreis..., München 1967, S. 288 f, 589 f; H. Naujoks, a.a.O., S.
40, 43 ff, 134
17) Vgl. G. Ritter: Carl Goerdeler und die deutsche Widerstands-
bewegung, Stuttgart 1954, S. 104 f, 461; U. Hochmuth/G. Meyer:
Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand, Frankfurt/M. 1969, S.
367 f; D. Beck: Julius Leber, Berlin 1983, S. 187 ff;
H. Niemann: Sozialdemokratie und 20. Juli 1944. In: Wissen-
schaftl. Mitteilungen d. Historiker-Gesellschaft d. DDR 1985/I-
II, S. 122 ff; D. Gentsch: Adolf Reichwein. In: BzG, 6/1989, S.
845 ff.
18) BArchP, St 3/252 Bl. 88
19) Siehe M. Pikarski/G. Uebel (Hg.): Der antifaschistische Wi-
derstandkampf der KPD im Spiegel des Flugblattes 1933-1945,
Frankfurt/M. 1978,Nr. 210
20) Siehe G. Nitzsche, a.a.O., S. 150 ff, S. 157
21) Vgl. H. Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Frank-
furt/M. 1969, Bd. 2, S. 305 ff; L. Thoms-Heinrich: Anni Sinder-
mann. In: S. Jacobeit/L. Thoms-Heinrich, Kreuzweg Ravensbrück,
Leipzig 1987, S. 151 ff
22) Abschrift in meinem Besitz. UH
23) BArchP NJ-1563/1, Bl. 4 ff.
24) "Am Beginn der letzten Phase des Krieges". Hrsg. von H. Kühn-
rich/K.Pech. In: BzG, 3/1979, S. 402-425
25) Dünninghaus 15. 8. 1945; SAPMO BArch, ZPA 1/2/3 140, Bl. 19
ff.
26) G. Schöneck (Drögemüller) 30.7.1945; SAPMO BArch, ZPA
1/2/165, Bl. 4 f.
27) R. Schmid, Die Ereignisse des 22. Juni 1944. In: Telegraf?,.
1. 47. Diesen Bericht bestätigt F. Bernt der SED Weimar am 13. 3.
47 und weist eine am 8. 1. 47 in Neues Deutschland gegen Schmid
veröffentlichte Polemik zurück (SAPMO BArch, ZPA 1/2/3 140, Bl.
134f)
28) Ermittlungsakten Rambow 1945; BArchP, ZC 14162 A 6, o. Bl.
29) Aufgelistet mit ihrer Funktion sind Illegale, die Rambow 1944
unter ihrem Decknamen begegneten: Forstreuter, Hämmerling, Jacob,
Rosenberg, F. Schmidt, Wagner, Wegener (SAPMO BArch, ZPA 1/2/3
139, Bl. 27 ff)
30) BArchP, NJ 1557/1-3; s. a. Schreiben RSHA/Strübing v.
11.8.1944 an ORA VGH (BArchP, NJ 1524/2, Bl. 5)
31) Rambow wurde im Juli 1945 festgenommen und zur Polizei-In-
spektion Friedrichshain gebracht. Erst im Kreuzverhör am 27.7.45
gab er zu, Saefkow, Walter (Franz Schmidt), Steffen (Rosenberg)
und Wegener ausgeliefert zu haben. Nach Vernehmung durch einen
russischen Major wurde Rambow der sowjetischen Kommandantur über-
geben, danach - lt. Bericht Heinrich Starck v. 26.11.46 - dem
NKWD; er sei nicht mehr am Leben (SAPMO BArch, ZPA I 2/3/165, Bl.
3).
32) Charlotte Groß o.J., SAPMO BArch, ZPA V 287/648, Bl. 9 ff.
33) BArchP, NJ 1507/3, Bl. 11 f.
34) BArchP, NJ 1551/2, Bl. 2
35) SAPMO BArch, ZPA NL 76/157, Bl. 28
36) SAPMO BArch, ZPA I 2/3 139, Bl. 171
37) E. Thälmann, Zwischen Erinnerung und Erwartung - Autobiogra-
phische Aufzeichnungen. Hg.: Kuratorium "GET" e.V. Hamburg,
Frankfurt/M 1977, S. 88 ff.
38) SAPMO BArch, ZPA NL 76/157, Bl. 51, 53, 47
39) Urteil VGH 1. Senat 5. 9. 1944, BArchP, NJ 15oo/l
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