Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       #14#
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       II
       
       [Der preußische Staat]
       
       Die politische  Bewegung der  Mittelklasse  oder  Bourgeoisie  in
       Deutschland kann vom Jahre 1840 datiert werden. Ihr gingen Anzei-
       chen voraus, die zeigten, daß die kapitalbesitzende und industri-
       elle Klasse  dieses Landes  zu einem Zustand heranreifte, der ihr
       nicht länger  gestattete, den Druck eines halbfeudalen, halbbüro-
       kratischen monarchischen  Regimes apathisch  und passiv hinzuneh-
       men. Die kleineren deutschen Fürsten gewährten einer nach dem an-
       deren Verfassungen  von mehr  oder weniger  liberalem  Charakter,
       teils um  sich größere Unabhängigkeit gegenüber der Vormachtstel-
       lung Österreichs  und Preußens  oder gegenüber  dem  Einfluß  des
       Adels in ihren eigenen Staaten zu sichern, teils um die zusammen-
       hanglosen Provinzen,  die der  Wiener Kongreß  [10]  unter  ihrer
       Herrschaft vereinigt  hatte, zu einem einheitlichen Ganzen zusam-
       menzufassen. Sie  konnten das  tun, ohne selbst Gefahr zu laufen;
       denn wenn  der Bundestag,  diese Marionette  in den Händen Öster-
       reichs und  Preußens, ihre  Unabhängigkeit als  souveräne Fürsten
       anzutasten versuchte,  konnten sie  sicher sein, daß ihren Wider-
       stand gegen  jedes diktatorische  Eingreifen die öffentliche Mei-
       nung und  die Kammern unterstützen würden; und wenn umgekehrt die
       Kammern zu stark wurden, konnten sie ohne weiteres über die Macht
       des Bundestags  verfügen, um jede Opposition zu brechen. Die ver-
       fassungsmäßigen Einrichtungen  in Bayern, Württemberg, Baden oder
       Hannover konnten unter solchen Umständen keinen ernstlichen Kampf
       um die  politische Macht  hervorrufen, und  daher hielt  sich die
       deutsche Bourgeoisie in ihrer großen Mehrheit von dem kleinlichen
       Gezänk in  den Parlamenten  der Kleinstaaten fern, denn sie wußte
       sehr wohl, daß ohne grundlegende Änderung in der Politik und Ver-
       fassung der beiden deutschen Großmächte alle Kämpfe und Siege von
       zweitrangiger Bedeutung  zwecklos sein  würden. Gleichzeitig aber
       kam in  diesen kleinen  Parlamenten eine  Art liberaler Advokaten
       auf, die berufsmäßig Opposition machten: die Rotteck,
       
       #15# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       Welcker, Römer,  Jordan, Stüve,  Eisenmann, jene  großen  "Volks-
       männer" 1*),  die nach zwanzig Jahren mehr oder minder lärmender,
       immer aber  erfolgloser Opposition durch die revolutionäre Sturm-
       flut von  1848 auf  den Gipfel  der Macht getragen, sich, nachdem
       sie dort  ihre völlige Unfähigkeit und Nichtigkeit gezeigt, rasch
       wieder  ins   Nichts  zurückgeschleudert   sahen.  Diese   ersten
       Exemplare von  Geschäftspolitikern und  Berufsoppositionellen  in
       Deutschland gewöhnten  das deutsche  Ohr  durch  ihre  Reden  und
       Schriften an  die Sprache des Konstitutionalismus und verkündeten
       durch ihre  bloße Existenz das Nahen einer Zeit, in der die Bour-
       geoisie die  politischen Phrasen,  mit denen  diese geschwätzigen
       Advokaten und  Professoren um sich zu werfen pflegten, ohne ihren
       ursprünglichen Sinn groß zu verstehen, aufgreifen und ihnen damit
       ihre eigentliche Bedeutung zurückgeben würde.
       Auch die  deutsche Literatur  konnte sich dem Einfluß der politi-
       schen Erregung  nicht entziehen, in die ganz Europa durch die Er-
       eignisse des  Jahres 1830  [11] versetzt  worden war.  Ein  grob-
       schlächtiger Konstitutionalismus und ein noch gröberer Republika-
       nismus wurden  von fast  allen Schriftstellern  jener Zeit gepre-
       digt. Immer  mehr wurde  es zur  Gewohnheit, besonders  unter den
       minderwertigen Literaten,  den Mangel  an Geist  in ihren  Werken
       durch politische Anspielungen wettzumachen, die bestimmt Aufsehen
       erregten. Gedichte,  Romane, Rezensionen, Dramen, kurz, die ganze
       literarische  Produktion   strotzte  nur  so  von  dem,  was  man
       "Tendenz" nannte,  das heißt  von mehr  oder weniger schüchternen
       Äußerungen oppositioneller  Gesinnung. Um die in Deutschland nach
       1830 herrschende Verwirrung der Ideen vollständig zu machen, ver-
       mengten  sich   mit  diesen   Elementen  politischer   Opposition
       halbverdaute Universitätserinnerungen an die deutsche Philosophie
       und mißverstandene Brocken von französischem Sozialismus, nament-
       lich Saint-Simonismus,  und die  Clique von  Schriftstellern, die
       sich des  langen und  breiten über  dieses heterogene Konglomerat
       von Ideen  erging, nannte  sich anmaßend  Junges Deutschland oder
       die Moderne  Schule [12]. Sie haben seither ihre Jugendsünden be-
       reut, aber ihren Stil nicht verbessert.
       Endlich hatte  sich auch die deutsche Philosophie, dieses kompli-
       zierteste, gleichzeitig  aber zuverlässigste Thermometer der Ent-
       wicklung des deutschen Geistes, auf die Seite der deutschen Bour-
       geoisie gestellt,  als nämlich  Hegel in  seiner "Philosophie des
       Rechts" die  konstitutionelle Monarchie als die höchste, vollkom-
       menste Regierungsform  bezeichnete. Mit  anderen Worten,  er kün-
       digte den  bevorstehenden Aufstieg  der deutschen Bourgeoisie zur
       politischen Macht  an. Nach  seinem Tode blieb seine Schule dabei
       nicht
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       1*) In der "N.-Y.D.T." deutsch
       
       #16# Friedrich Engels
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       stehen. Während  der fortgeschrittenere  Teil seiner Anhänger ei-
       nerseits jeden  religiösen Glauben  der Feuerprobe einer strengen
       Kritik unterzog  und das  altehrwürdige Gebäude  des Christentums
       bis auf  seine Grundfesten  erschütterte, entwickelte  er andrer-
       seits politische Auffassungen, wie sie kühner bisher deutsche Oh-
       ren noch  nie zu  hören bekommen,  und versuchte, das Andenken an
       die Helden der ersten französischen Revolution wieder zu Ehren zu
       bringen. Wenn  aber die  abstruse philosophische  Sprache, in die
       diese Ideen gekleidet waren, den Geist des Autors wie den des Le-
       sers umnebelte,  so blendete  sie nicht minder die Augen des Zen-
       sors, und  so kam  es, daß  die Junghegelianer sich einer Presse-
       freiheit erfreuten,  wie kein  anderer Zweig  der  Literatur  sie
       kannte.
       Somit war  klar, daß  in der  öffentlichen Meinung in Deutschland
       eine große  Wandlung im  Gange war. Nach und nach schloß sich die
       große Mehrheit jener Klassen, die dank ihrer Bildung oder Lebens-
       stellung auch  unter einer  absoluten Monarchie  die  Möglichkeit
       hatten, einiges  an politischen  Kenntnissen zu erwerben und sich
       eine einigermaßen  selbständige politische  Meinung zu bilden, zu
       einer einzigen,  machtvollen Phalanx der Opposition gegen die be-
       stehende Ordnung  zusammen. Und wenn man über die Langsamkeit der
       politischen Entwicklung  in Deutschland urteilt, darf man keines-
       falls die  Schwierigkeiten außer  Betracht lassen, sich über eine
       beliebige Frage  richtige Informationen  zu verschaffen  in einem
       Lande, wo  die Nachrichtenquellen der Kontrolle der Regierung un-
       terstehen und  wo nirgends,  von der Dorf- und Sonntagsschule bis
       zur Zeitung und Universität, etwas gesagt, gelehrt, gedruckt oder
       veröffentlicht wird ohne die vorherige Genehmigung der Regierung.
       Nehmen wir  z.B. Wien. Die Bevölkerung Wiens, die an Gewerbefleiß
       und  Arbeitsfertigkeit   vielleicht  hinter   keiner  anderen  in
       Deutschland zurücksteht, die an Geist, Mut und revolutionärer En-
       ergie sich  jeder anderen  weit überlegen  erwiesen, kannte  sich
       dennoch in  ihren wirklichen  Interessen weniger  aus und  beging
       während der  Revolution mehr  Fehler als  irgendeine andere,  und
       daran war  großenteils die fast völlige Unwissenheit in bezug auf
       die allereinfachsten  politischen Fragen  schuld, in der die Met-
       ternich-Regierung sie zu halten vermocht.
       Es bedarf  keiner weiteren  Erklärung, warum  unter einem solchen
       System die  politische Information das fast ausschließliche Mono-
       pol solcher  Gesellschaftsklassen war,  die es sich leisten konn-
       ten, ihre Einschmuggelung in das Land zu bezahlen, ganz besonders
       aber jener,  deren Interessen  durch die bestehenden Verhältnisse
       am schwersten  betroffen wurden,  nämlich der  industriellen  und
       kommerziellen Klassen.  Sie waren  daher die ersten, die sich als
       Masse gegen den Fortbestand eines mehr oder minder verhüllten
       
       #17# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       Absolutismus zusammenschlössen,  und  von  dem  Augenblick  ihres
       Übergangs in  die Reihen  der Opposition  muß man  den Beginn der
       wirklich revolutionären Bewegung in Deutschland datieren.
       Als Zeitpunkt  der offen  proklamierten Opposition  der deutschen
       Bourgeoisie kann  man das Jahr 1840 betrachten, das Todesjahr des
       Vorgängers des  jetzigen Königs  von Preußen,  des letzten damals
       überlebenden Gründers  der Heiligen  Allianz [13]  von 1815.  Vom
       neuen König  war bekannt, daß er kein Freund der vorwiegend büro-
       kratischen Militärmonarchie  seines Vaters sei. Was die französi-
       sche Bourgeoisie  von der  Thronbesteigung Ludwigs  XVI. erwartet
       hatte, das  erhoffte die deutsche Bourgeoisie bis zu einem gewis-
       sen Grade von Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Man war sich auf
       allen Seiten  darüber einig,  daß das  alte System  überlebt  und
       bankrott sei,  daß es  aufgegeben werden müsse, und was man unter
       dem alten  König schweigend  ertragen, wurde jetzt laut als uner-
       träglich proklamiert.
       Aber wenn  Ludwig XVI.,  "Louis le  Désiré"  1*),  ein  einfacher
       anspruchsloser Trottel  gewesen, seiner  eigenen Nichtigkeit halb
       bewußt, ohne  feste Ideen,  in der Hauptsache gelenkt von den Ge-
       wohnheiten,  die   er  während  seiner  Erziehung  erworben,  war
       "Friedrich Wilhelm  le Désiré"  ganz anderer Art. Während er sein
       französisches Vorbild  an Charakterschwäche  zweifellos übertraf,
       mangelte es  ihm weder  an Prätentionen noch an Ideen. Auf Dilet-
       tantenart hatte  er sich  mit den Anfangsgründen der meisten Wis-
       senschaften vertraut gemacht und hielt sich daher für gelehrt ge-
       nug, um  über jede  Frage das  entscheidende Urteil abzugeben. Er
       war überzeugt,  ein Redner  ersten Ranges zu sein, und sicherlich
       gab es keinen Handlungsreisenden in Berlin, der es an langatmiger
       Fülle vermeintlichen  Witzes und Zungenfertigkeit mit ihm aufneh-
       men konnte.  Und vor  allem, er  hatte seine  Ideen. Er haßte und
       verachtete das  bürokratische Element  der preußischen Monarchie,
       aber nur,  weil alle seine Sympathien dem feudalen Element gehör-
       ten. Als einer der Gründer und Hauptmitarbeiter des "Berliner po-
       litischen Wochenblatts" [14], der sogenannten Historischen Schule
       [15] (einer  Schule, die  von den  Ideen Bonaids, de Maistres und
       anderer literarischer Vertreter der ersten Generation der franzö-
       sischen Legitimisten  [16] zehrte),  war er bestrebt, die beherr-
       schende soziale  Stellung des  Adels so  vollständig wie  möglich
       wiederherzustellen. Der König, der erste Edelmann seines Reiches,
       umgeben in  erster Linie von einem glanzvollen Hofstaat mächtiger
       Vasallen, Fürsten, Herzöge und Grafen, in zweiter Linie von einem
       zahlreichen, begüterten  niederen Adel, nach Gutdünken herrschend
       über seine getreuen Bürger und Bauern und auf diese
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       1*) "Ludwig der Ersehnte"
       
       #18# Friedrich Engels
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       Weise das Haupt einer vollständigen Hierarchie sozialer Abstufun-
       gen oder Kasten, deren jede sich ihrer besonderen Privilegien er-
       freuen und  von  allen  andern  durch  die  fast  unübersteigbare
       Schranke der  Geburt oder einer unabänderlich festgelegten sozia-
       len Stellung  getrennt sein  sollte, wobei alle diese Kasten oder
       "Reichsstände" einander  an Macht  und Einfluß  so trefflich  die
       Waage zu  halten hätten,  daß dem  König volle  Handlungsfreiheit
       verbliebe - das war das beau idéal 1*), das Friedrich Wilhelm IV.
       zu verwirklichen  sich vorgenommen  und das er gegenwärtig erneut
       zu verwirklichen strebt.
       Es dauerte  einige Zeit,  bis die  in theoretischen  Fragen nicht
       sonderlich beschlagene  preußische Bourgeoisie hinter den wirkli-
       chen Sinn  der Absichten ihres Königs kam. Was sie aber sehr bald
       herausfand, war  die Tatsache, daß er zu Dingen entschlossen war,
       die ihren  Wünschen schnurstracks entgegengesetzt waren. Kaum war
       das Mundwerk des neuen Königs durch den Tod seines Vaters entfes-
       selt, da  fing er  auch schon an, seine Absichten in Reden sonder
       Zahl kundzutun, und jede seiner Reden, jede seiner Handlungen war
       dazu angetan,  ihm die  Sympathien der  Bourgeoisie noch  mehr zu
       entfremden. Das  hätte ihm  wenig verschlagen, hätte es nicht ei-
       nige harte,  beunruhigende Tatsachen  gegeben, die  ihn in seinen
       poetischen Träumen störten. Ach, warum versteht sich die Romantik
       so schlecht  aufs Rechnen,  und warum  macht der Feudalismus seit
       Don Quijote  immer die  Rechnung ohne den Wirt? Friedrich Wilhelm
       IV. hatte  zu viel  von jener  Verachtung für bares Geld an sich,
       die seit  jeher das vornehmste Erbe der Söhne der Kreuzfahrer ge-
       wesen ist. Er fand bei seiner Thronbesteigung ein wenn auch knau-
       serig eingerichtetes,  so doch kostspieliges Regierungssystem und
       einen mäßig  gefüllten Staatsschatz  vor. Innerhalb  zweier Jahre
       war jede  Spur eines  Überschusses für höfische Feste, königliche
       Reisen, reiche Schenkungen, Unterstützungen an hungernde und lun-
       gernde, gierige  und schmierige  Adelige usw. vertan, und die re-
       gelmäßigen Steuereingänge reichten nicht mehr für die Bedürfnisse
       des Hofes  noch für die des Staates. Und so befand sich Seine Ma-
       jestät sehr  bald in  der Klemme zwischen einem gähnenden Defizit
       auf der  einen und einem Gesetz aus dem Jahre 1820 auf der andern
       Seite, das  jede neue  Anleihe und  jede Erhöhung der bestehenden
       Steuern ohne Zustimmung der "künftigen Volksvertretung" für unge-
       setzlich erklärte.  Diese Volksvertretung  existierte nicht;  der
       neue König war noch weniger als selbst sein Vater geneigt, sie zu
       schaffen, und  wenn er  es gewesen wäre, so wußte er, daß die öf-
       fentliche Meinung  seit seinem Regierungsantritt sich erstaunlich
       gewandelt hatte.
       In der  Tat, die  Bourgeoisie, die  zum Teil  erwartet hatte, der
       neue König
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       1*) schöne Ideal
       
       #19# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       werde sofort  eine Verfassung gewähren, Pressefreiheit proklamie-
       ren, Schwurgerichte einführen usw. usf., kurz, sich selbst an die
       Spitze jener friedlichen Revolution stellen, die sie brauchte, um
       die politische  Macht zu  erlangen -  die Bourgeoisie hatte ihren
       Irrtum erkannt  und sich  wütend gegen  den König gewandt. In der
       Rheinprovinz und  mehr oder minder in ganz Preußen war sie so er-
       bittert, daß  sie sich  in Ermangelung  genügender eigener Leute,
       die fähig  waren, sie  in der  Presse zu  vertreten, bis zu einem
       Bündnis mit jener extremen philosophischen Richtung verstieg, von
       der wir  oben gesprochen.  Die Frucht  dieses Bündnisses  war die
       "Rheinische Zeitung"  [17] in Köln, ein Blatt, das nach fünfzehn-
       monatigem Bestehen,  unterdrückt wurde,  von dem man aber den Be-
       ginn des  modernen Zeitungswesens  in Deutschland  datieren kann.
       Das war im Jahre 1842.
       Der arme  König, dessen geschäftliche Schwierigkeiten die schärf-
       ste Satire auf seine mittelalterlichen Neigungen waren, fand sehr
       bald heraus,  daß er  nicht weiter  regieren könne,  wenn er sich
       nicht zu einem geringfügigen Zugeständnis an die allgemeine laute
       Forderung nach  jener "Volksvertretung" verstand, die als letzter
       Rest der  längst vergessenen  Versprechungen von 1813 und 1815 in
       dem Gesetz  von 1820 Ausdruck gefunden hatte. Diesem lästigen Ge-
       setz zu  genügen, indem er die ständischen Ausschüsse der Provin-
       ziallandtage zusammenberief,  hielt er für den annehmbarsten Weg.
       Die Einrichtung  der Provinziallandtage  stammte  aus  dem  Jahre
       1823. Sie waren in allen acht Provinzen des Königreichs zusammen-
       gesetzt: 1. aus dem Hochadel, den ehemals regierenden Häusern des
       deutschen Reichs, deren Häupter von Geburt Mitglieder des Landta-
       ges waren; 2. aus den Vertretern der Ritterschaft oder des niede-
       ren Adels;  3. aus  Vertretern der Städte und 4. aus Abgeordneten
       der Bauernschaft oder der Klasse der kleinen Landwirte. Das Ganze
       war so  eingerichtet, daß in jeder Provinz die beiden Gruppen des
       Adels immer  die Mehrheit  im Landtag  hatten. Jeder  dieser acht
       Provinziallandtage wählte  einen Ausschuß,  und diese  acht  Aus-
       schüsse wurden  nun nach  Berlin berufen, um eine Volksvertretung
       zu bilden,  die die  so heiß  begehrte Anleihe bewilligen sollte.
       Man erklärte,  die Staatskasse  sei gefüllt und die Anleihe werde
       nicht zur  Deckung laufender  Ausgaben benötigt,  sondern für den
       Bau  einer   Staatseisenbahn.  Doch  die  Vereinigten  Ausschüsse
       antworteten dem  König mit  einer glatten  Ablehnung,  indem  sie
       erklärten, sie  seien nicht  befugt, als  Vertreter des Volkes zu
       handeln, und  sie forderten  Seine Majestät  auf, das Versprechen
       einer Repräsentativverfassung einzulösen, das sein Vater gegeben,
       als er der Hilfe des Volkes gegen Napoleon bedurfte.
       Die Tagung  der Vereinigten Ausschüsse bewies, daß der oppositio-
       nelle Geist  sich nicht mehr auf die Bourgeoisie beschränkte. Ein
       Teil der Bauernschaft
       
       #20# Friedrich Engels
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       hatte sich ihr angeschlossen, und viele Adlige, die auf ihren ei-
       genen Gütern  selbst Großwirtschaft  betrieben und  mit Getreide,
       Wolle, Spiritus und Flachs handelten, hatten sich gleichfalls ge-
       gen die Regierung und für eine Repräsentativverfassung ausgespro-
       chen, da  auch sie Garantien gegen den Absolutismus, die Bürokra-
       tie und  die Restauration  des Feudalsystems  brauchten. Der Plan
       des Königs  war völlig  gescheitert; er  hatte kein Geld bekommen
       und den  Einfluß der Opposition gestärkt. Die folgende Tagung der
       Provinziallandtäge selbst  verlief noch unglücklicher für den Kö-
       nig. Alle  forderten sie  Reformen, Erfüllung  der Versprechungen
       von 1813  und 1815, eine Verfassung und Pressefreiheit; die dies-
       bezüglichen Resolutionen einiger von ihnen führten eine recht re-
       spektlose Sprache, und die übellaunigen Antworten des aufgebrach-
       ten Königs machten den Schaden noch größer.
       Mittlerweile steigerten sich die finanziellen Schwierigkeiten der
       Regierung immer  mehr. Durch  widerrechtliche Verwendung von Mit-
       teln, die für verschiedene öffentliche Einrichtungen bestimmt wa-
       ren, und durch betrügerische Manipulationen mit der "Seehandlung"
       [18], einem  kommerziellen Unternehmen,  das auf Rechnung und Ge-
       fahr des  Staates spekulierte  und Handel  trieb und für ihn seit
       langem als  Geldmakler tätig  war, gelang  es eine  Zeitlang, den
       Schein zu wahren; vermehrte Emissionen von staatlichem Papiergeld
       lieferten gleichfalls einige Mittel; und alles in allem wurde das
       Geheimnis recht  gut gehütet.  Aber diese  Kunstgriffe waren bald
       alle erschöpft.  Jetzt versuchte  man es  mit einem anderen Plan:
       der Gründung  einer Bank,  deren Kapital  teils der  Staat, teils
       private Aktionäre  aufbringen sollten; die oberste Leitung sollte
       in Händen  des Staates liegen, umso der Regierung die Möglichkeit
       zu verschaffen,  der Bank  hohe Beträge  zu entziehen  und so die
       gleichen betrügerischen  Manipulationen zu  wiederholen, die  mit
       der "Seehandlung"  nicht länger möglich waren. Aber natürlich wa-
       ren keine  Kapitalisten zu finden, die ihr Geld unter solchen Be-
       dingungen hergeben wollten; die Statuten der Bank mußten geändert
       und das  Eigentum der  Aktionäre gegen Übergriffe des Finanzmini-
       sters gesichert  werden, ehe  Aktien gezeichnet  wurden.  Nachdem
       dieser Plan  gescheitert war,  blieb somit  nichts anderes übrig,
       als es mit einer Anleihe zu versuchen - wenn Kapitalisten zu fin-
       den waren,  die ihr  Geld herliehen, ohne die Bewilligung und Ga-
       rantie jener  geheimnisvollen "künftigen Volksvertretung" zu ver-
       langen. Man  wandte sich  an Rothschild,  und der  erklärte, wenn
       diese "Volksvertretung"  die Anleihe garantiere, übernehme er sie
       auf der  Stelle; wenn  nicht, wolle er mit dem Geschäft nichts zu
       tun haben.
       So war  jede Hoffnung,  Geld zu erhalten, geschwunden, und es be-
       stand keine Möglichkeit, der fatalen "Volksvertretung" zu entrin-
       nen. Rothschilds
       
       #21# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       Absage wurde  im Herbst 1846 bekannt, und im Februar des nächsten
       Jahres berief der König alle acht Provinziallandtäge nach Berlin,
       um aus  ihnen einen "Vereinigten Landtag" zu bilden. Dieser Land-
       tag sollte die Aufgabe bewältigen, die in dem Gesetz von 1820 für
       den Notfall  vorgesehen war; er sollte Anleihen und erhöhte Steu-
       ern bewilligen,  darüber hinaus  aber keine  Rechte haben. An der
       Gesetzgebung im allgemeinen sollte er nur beratend mitwirken; zu-
       sammentreten sollte  er nicht in regelmäßigen Zeitabständen, son-
       dern nur, wenn der König es für gut befand; diskutieren sollte er
       nur über Fragen, die ihm die Regierung vorzulegen geruhte. Natür-
       lich waren  die Mitglieder  von der ihnen zugedachten Rolle recht
       wenig erbaut.  Sie wiederholten  die Wünsche, die sie bereits auf
       den Tagungen  der Provinziallandtäge  bekanntgegeben hatten; ihre
       Beziehungen mit  der Regierung  spitzten sich bald heftig zu, und
       als man  von ihnen  die wieder  mit der angeblichen Notwendigkeit
       von Bahnbauten  begründete Anleihe  forderte, lehnten sie die Be-
       willigung abermals ab.
       Diese Abstimmung bereitete ihrer Tagung sehr bald ein Ende. Immer
       mehr erbittert,  schickte sie  der König  mit  einem  Tadel  nach
       Hause, blieb aber nach wie vor ohne Geld. Und in der Tat hatte er
       alle Ursache,  über seine  Lage beunruhigt  zu sein, wenn er sah,
       daß die liberale Partei, die unter Führung der Bourgeoisie stand,
       einen großen Teil des niederen Adels und alle die vielerlei Unzu-
       friedenen umfaßte, die sich in den verschiedenen Teilen der unte-
       ren Schichten angesammelt -, daß diese liberale Partei entschlos-
       sen war, ihre Förderungen durchzusetzen. Vergeblich hatte der Kö-
       nig in  seiner Eröffnungsrede  erklärt, er werde niemals, niemals
       eine Verfassung  im modernen  Sinne des Wortes gewähren [19]; die
       liberale Partei  bestand auf einer solchen modernen, antifeudalen
       Repräsentativverfassung mit allen ihren Konsequenzen: Pressefrei-
       heit, Schwurgerichte usw. Und bevor sie die nicht erhielt - nicht
       einen Groschen  würde sie bewilligen. Eines war klar: lange kenn-
       ten die  Dinge so nicht weitergehen; entweder mußte eine der bei-
       den Seiten  nachgeben, oder  es mußte  zum  Bruch,  zum  blutigen
       Kampfe kommen. Und die Bourgeoisie wußte, daß sie am Vorabend ei-
       ner Revolution  stand, und sie bereitete sich darauf vor. Sie war
       auf jede erdenkliche Weise bemüht, sich die Unterstützung der Ar-
       beiterklasse in den Städten und der Bauernschaft auf dem Lande zu
       verschaffen, und  bekanntlich gab  es gegen  Ende des Jahres 1847
       kaum einen  einzigen namhaften  Politiker in der Bourgeoisie, der
       sich nicht  als "Sozialist"  ausgab, um  sich die  Sympathien des
       Proletariats zu  sichern. Wir  werden diese "Sozialisten" bald am
       Werke sehen.
       Der Eifer,  mit dem  sich die tonangebende Bourgeoisie wenigstens
       äußerlich den  Anschein des  Sozialismus gab, war die Folge einer
       großen Veränderung,
       
       #22# Friedrich Engels
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       die in der arbeitenden Klasse Deutschlands vor sich gegangen war.
       Ein Teil  der deutschen Arbeiter hatte seit 1840 auf Wanderschaft
       in Frankreich  und der  Schweiz mehr  oder minder  die noch recht
       groben sozialistischen  und kommunistischen  Ideen in sich aufge-
       nommen, die  damals unter den französischen Arbeitern im Schwange
       waren. Die  zunehmende Beachtung,  die derlei  Ideen seit 1840 in
       Frankreich gezollt  wurde, brachten  Sozialismus und  Kommunismus
       auch in Deutschland in Mode, und schon ab 1843 waren alle Zeitun-
       gen voll  von Erörterungen über soziale Fragen. Sehr bald bildete
       sich in  Deutschland eine  Schule von  Sozialisten [20], die sich
       mehr durch  die Unklarheit als durch die Neuheit ihrer Ideen aus-
       zeichnete. Ihre Tätigkeit bestand hauptsächlich darin, die Lehren
       von Fourier,  Saint-Simon und  anderen Franzosen  in die abstruse
       Sprache der  deutschen Philosophie  zu übertragen. Die Schule der
       deutschen Kommunisten, die grundverschieden ist von dieser Sekte,
       bildete sich ungefähr um dieselbe Zeit.
       1844 kam es zu den Aufständen der schlesischen Weber, gefolgt von
       der Erhebung der Kattundrucker in Prag. Diese Unruhen, die blutig
       unterdrückt wurden,  Erhebungen von Arbeitern, die sich nicht ge-
       gen die Regierung, sondern gegen die Unternehmer richteten, mach-
       ten tiefen Eindruck und gaben der sozialistischen und kommunisti-
       schen Propaganda  unter den  Arbeitern neuen Antrieb. Die gleiche
       Wirkung hatten  die Brotkrawalle  im Hungerjahr  1847'211.  Kurz,
       ebenso wie  die konstitutionelle  Opposition die  große Masse der
       besitzenden Klassen (mit Ausnahme der großen feudalen Grundbesit-
       zer) um  ihr Banner  scharte, so erwartete die Arbeiterklasse der
       größeren Städte ihre Befreiung von den sozialistischen und kommu-
       nistischen Lehren,  obgleich man ihr unter der Herrschaft der da-
       maligen Pressegesetze  nur sehr  wenig darüber vermitteln konnte.
       Sonderlich klare Vorstellungen über ihre Ziele durfte man von den
       Arbeitern nicht  erwarten; sie  wußten nur,  daß das Programm der
       konstitutionellen  Bourgeoisie  nicht  alles  enthielt,  was  sie
       brauchten, und  daß ihre  Bedürfnisse  in  dem  konstitutionellen
       Ideenkreis überhaupt nicht enthalten waren.
       Eine besondere  republikanische Partei  gab es  damals  nicht  in
       Deutschland. Die  Leute waren entweder konstitutionelle Monarchi-
       sten oder  mehr oder weniger ausgesprochene Sozialisten oder Kom-
       munisten.
       Unter solchen Voraussetzungen mußte der geringste Zusammenstoß zu
       einer großen  Revolution führen.  Während der höhere Adel und die
       älteren Beamten  und Offiziere  die einzig sichere Stütze der be-
       stehenden Ordnung  bildeten; während  der niedere Adel, die indu-
       strielle und  kommerzielle Bourgeoisie,  die  Universitäten,  die
       Lehrer jeglichen  Ausbildungsgrades und  selbst die unteren Ränge
       der Bürokratie und der Offiziere sich alle gegen die
       
       #23# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       Regierung zusammenschlössen;  während hinter  ihnen die unzufrie-
       denen Massen  der Bauernschaft  und der  Proletarier  der  großen
       Städte standen,  die zwar  vorläufig noch die liberale Opposition
       unterstützten, aber  bereits befremdliche Andeutungen laut werden
       ließen von  der Absicht,  die Dinge selbst in die Hand zu nehmen;
       während die Bourgeoisie bereit war, die Regierung zu stürzen, und
       das Proletariat  Vorbereitungen traf,  im  weiteren  Verlauf  die
       Bourgeoisie zu  stürzen - während alledem verfolgte die Regierung
       halsstarrig einen  Kurs, der  zu einem Zusammenstoß führen mußte.
       Deutschland befand sich zu Beginn des Jahres 1848 am Vorabend ei-
       ner Revolution, und diese Revolution wäre bestimmt gekommen, auch
       wenn ihr  Ausbruch nicht durch die französische Februarrevolution
       beschleunigt worden wäre.
       Welche Wirkungen  diese Pariser Revolution auf Deutschland hatte,
       werden wir in unserem nächsten Artikel sehen.
       London, September 1851
       

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