Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       #221#
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       Friedrich Engels
       
       Die wirklichen Ursachen der verhältnismäßigen Inaktivität
       der französischen Proletarier im vergangenen Dezember
       
       I
       
       ["Notes to the People" [133] Nr. 43 vom 21. Februar 1852]
       Seit dem  2. Dezember des vergangenen Jahres richtet sich das ge-
       samte Interesse, das die auswärtige Politik - oder wenigstens die
       kontinentale - zu erregen vermag, nur auf jenen erfolgreichen und
       skrupellosen Glücksritter, auf Louis-Napoleon Bonaparte. "Was hat
       er im  Sinne? Wird  er einen Krieg anfangen, und mit wem? Wird er
       in England  einfallen?" Diese Fragen tauchen unweigerlich auf, wo
       immer man über die Lage auf dem Kontinent spricht.
       Und es hat auch schon etwas Verblüffendes, wenn ein verhältnismä-
       ßig unbekannter Abenteurer, dem der Zufall die Exekutivgewalt ei-
       ner großen Republik in die Hand spielt, über Nacht alle wichtigen
       Posten in  der Hauptstadt  besetzt, das  Parlament wie  Spreu  im
       Winde zerstreut,  den Aufstand in Paris in zwei Tagen und die Un-
       ruhen in  der Provinz  in zwei Wochen unterdrückt, sich mit Hilfe
       einer Scheinwahl  einem ganzen  Volk aufzwingt  und  im  gleichen
       Atemzug eine  Verfassungeinführt, die die gesamte Staatsmacht auf
       ihn überträgt.  So etwas  ist  noch  nie  dagewesen,  solch  eine
       Schmach hat  keine Nation  erduldet, seit die prätorianischen Le-
       gionen des  untergehenden Roms  das  Imperium  unter  den  Hammer
       brachten und an den Meistbietenden verkauften. Und die Bourgeois-
       presse Englands,  von der "Times" [131] bis hinunter zum - Weekly
       Dispatch" [134],  hat niemals seit den Dezembertagen auch nur die
       geringste Gelegenheit vorbeigehen lassen, ohne ihrer tugendhaften
       Entrüstung über  den Militärdespoten, den verräterischen Vernich-
       ter der Freiheiten seines Landes, den Unterdrücker der Presse und
       dergleichen mehr Luft zu machen.
       Aber bei  aller Louis-Napoleon  gebührenden Verachtung  sind  wir
       doch der  Meinung, daß  es einem  Organ der  Arbeiterklasse [133]
       nicht ansteht, miteinzustimmen in diesen Chor hochtönender Schmä-
       hungen, in  dem die jeweiligen Blätter der Börsenspekulanten, der
       Kattunlords und der Landaristokratie
       
       #222# Friedrich Engels
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       einander in  Beschimpfungen zu  überbieten suchen.  Diese  Herren
       sollte man  lieber an  die wirkliche Lage der Dinge erinnern. Ge-
       rade sie  haben allen  Grund, Zeter  und Mordio zu schreien. Denn
       was auch immer Louis-Napoleon anderen genommen, von der Arbeiter-
       klasse nahm  er es nicht, sondern gerade von jenen Klassen, deren
       Interessen in England der besagte Teil der englischen Presse ver-
       tritt. Nicht etwa, daß Louis-Napoleon nicht genauso gerne der Ar-
       beiterklasse alles  geraubt  hätte,  was  ihm  begehrenswert  er-
       schienen; in  der Tat konnte man aber im vergangenen Dezember den
       Arbeitern nichts  mehr rauben,  weil ihnen  alles, was  zu nehmen
       sich verlohnte,  bereits genommen worden war während der dreiein-
       halb Jahre  bürgerlich-parlamentarischer Herrschaft,  die auf die
       große Niederlage  des Juni  1848 folgte.  Was, in der Tat, war am
       Vorabend des zweiten Dezember übriggeblieben, das man ihnen hätte
       nehmen können?  Das Wahlrecht?  Das war  ihnen bereits  durch das
       Wahlgesetz vom Mai 1850 geraubt worden. Die Versammlungsfreiheit?
       Die war  schon lange auf die "zuverlässigen" und "wohlgesonnenen"
       Klassen der  Gesellschaft beschränkt  worden. Die Pressefreiheit?
       Nun, die  wirklich proletarische  Presse war  in der  großen  Ju-
       nischlacht im  Blute der  Insurgenten ertränkt  worden,  und  ihr
       Schatten, der  noch eine Zeitlang weiter gelebt, war schon längst
       verschwunden unter dem Druck der Knebelgesetze [135], die mit je-
       der neuen  Session der  Nationalversammlung revidiert und verbes-
       sert wurden. Ihre Waffen? Jeden Vorwand hatte man genutzt, um den
       Ausschluß aller Arbeiter aus der Nationalgarde zu sichern und den
       Besitz von Waffen auf die wohlhabenderen Klassen der Gesellschaft
       zu beschränken.
       So hatte  die Arbeiterklasse  zur Zeit des kürzlichen coup d'état
       1*) sehr  wenig - wenn überhaupt etwas - auf dem Gebiet der poli-
       tischen Privilegien  zu verlieren.  Auf der andern Seite verfügte
       aber zur  selben Zeit die Mittel- und Kapitalistenklasse über po-
       litische Allmacht.  Ihnen gehörte  die Presse,  die Versammlungs-
       freiheit, das  Recht, Waffen zu tragen, das Wahlrecht, das Parla-
       ment. Legitimisten  [16] und  Orleanisten [68],  Gutsbesitzer und
       Besitzer von  Staatspapieren hatten  endlich nach dreißigjährigem
       Kampf in  der republikanischen Regierungsform einen neutralen Bo-
       den gefunden.  Und für  sie war  es in der Tat ein harter Schlag,
       sich all  dessen innerhalb  weniger Stunden  beraubt und  sich im
       Handumdrehn auf  den Stand  politischer Nichtigkeit  reduziert zu
       sehen, auf  den sie  selber die  Arbeiter reduziert hatten. Darin
       liegt der  Grund, weshalb  die englische  "respektable" Presse so
       empört ist  über Louis-Napoleons  gesetzwidrige Schandtaten.  So-
       lange sich diese Schandtaten,
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       1*) Staatsstreichs
       
       #223# Die Ursachen der Inaktivität der französischen Proletarier
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       seitens der Exekutivgewalt oder seitens des Parlaments, gegen die
       Arbeiterklasse richteten,  so war  das natürlich recht und billig
       genug; aber  sobald eine  solche Politik auf "die bessern Leute",
       auf "die  wohlhabenden Gebildeten  der Nation"  angewendet wurde,
       ja, dann  war das etwas ganz andres, und es geziemte sich für je-
       den, dem  die Freiheit  lieb, seine  Stimme zu  erheben  und  die
       "prinzipiellen Dinge" zu verteidigen.
       So war  der Kampf  am 2.  Dezember vor  allem ein  Kampf zwischen
       Bourgeoisie und Louis-Napoleon, dem Repräsentanten der Armee. Daß
       Louis-Napoleon dies  wußte, zeigten  seine Befehle  an die  Armee
       während des  Kampfes am 4., das Feuer hauptsächlich auf "die Her-
       ren in  feinem Tuch" zu richten. Die glorreiche Schlacht der Bou-
       levards ist nur zu gut bekannt; und ein paar Salven auf geschlos-
       sene Fenster  und auf unbewaffnete Bourgeois genügten vollauf, um
       im Pariser Bürgertum jede Widerstandsbestrebung zu ersticken.
       Andrerseits waren  die Arbeiter,  obwohl sie direkter politischer
       Privilegien nicht  mehr beraubt  werden konnten,  an  der  ganzen
       Frage durchaus  nicht desinteressiert.  Sie hatten vor allem noch
       eins zu  verlieren - ihre große Chance, wenn im Mai 1852 für alle
       staatlichen Gewalten  die Amtsperiode  zur gleichen Zeit ablaufen
       würde und  sie zum  ersten Male seit Juni 1848 den Kampf auf gün-
       stigerem Feld  zu führen  hofften. Und  da sie  nach  politischer
       Herrschaft strebten,  konnten sie  keinen gewaltsamen Regierungs-
       wechsel zulassen,  ohne sich  als die berufenen obersten Schieds-
       richter zwischen die streitenden Parteien zu werfen und ihnen ih-
       ren Willen als Gesetz des Landes aufzuzwingen. So durften sie die
       Gelegenheit nicht  vorübergehen lassen,  ohne den beiden sich ge-
       genüberstehenden Heeren  zu zeigen, daß noch eine dritte Macht im
       Felde stehe,  die, wenn  auch momentan vom Schauplatz offizieller
       und parlamentarischer Fehden verdrängt, immer bereit sei, sich in
       den Kampf einzureihen, sobald sich der Kampfplatz verschöbe, näm-
       lich auf  ihren eigentlichen  Aktionsbereich -  auf die  S t r a-
       ß e.  Man darf jedoch nicht vergessen, daß selbst in diesem Falle
       die proletarische  Partei  unter  großen  Nachteilen  zu  kämpfen
       hätte. Wenn  sie sich  gegen den Usurpator erhob, verteidigte sie
       dann nicht praktisch die Restauration und die Diktatur eben jenes
       Parlaments, das  sich als  ihr  unnachgiebigster  Feind  erwiesen
       hatte?  Und   wenn  sie  sich  sogleich  für  eine  revolutionäre
       Regierung erklärte,  würde sie dann nicht - wie es tatsächlich in
       den Provinzen  der Fall war - die Bourgeoisie so erschrecken, daß
       sie sie  in die Arme Louis-Napoleons und der Armee triebe? Außer-
       dem darf man nicht vergessen, daß gerade Kern und Blüte der revo-
       lutionären Arbeiterklasse entweder während des Juniaufstandes ge-
       tötet oder  unter zahllosen  v e r s c h i e d e n e n  Vorwänden
       seitdem deportiert und gefangengesetzt worden waren.
       
       #224# Friedrich Engels
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       Und schließlich  gab es  eine Tatsache, die allein schon genügte,
       um Napoleon  die Neutralität  der großen  Mehrheit der  Arbeiter-
       klasse zusichern:  Die Geschäfte  gingen ausgezeichnet  - und die
       Engländer wissen nur zu gut, daß man mit einer voll beschäftigten
       und gut  bezahlten Arbeiterklasse  keine politische Kampagne, ge-
       schweige denn eine Revolution ins Werk setzen kann.
       In England  hört man jetzt sehr häufig, die Franzosen müßten wohl
       ein Pack alter Weiber sein, sonst würden sie sich eine solche Be-
       handlung nicht gefallen lassen. Ich gebe gern zu, daß die Franzo-
       sen als  Nation solch schmückende Beinamen gegenwärtig verdienen.
       Aber wir  alle wissen,  daß die Franzosen, was ihre Ansichten und
       Handlungen betrifft, mehr abhängig sind vom Erfolg als jede andre
       zivilisierte Nation.  Sie folgen,  sobald die  Vorgänge in  ihrem
       Lande eine  gewisse Wendung  erfahren, dieser Wendung nahezu ohne
       Widerstand, bis sie das absolute Extrem in der gegebenen Richtung
       erreicht haben.  Die Niederlage vom Juni 1848 brachte eine solche
       konterrevolutionäre Wendung für Frankreich und damit auch für den
       ganzen Kontinent.  Die gegenwärtige  Herausbildung des napoleoni-
       schen Reiches  ist nur die Krönung einer langen Reihe von konter-
       revolutionären Siegen, die die letzten drei Jahre ausfüllten; und
       einmal im Abstieg begriffen, war damit zu rechnen, daß Frankreich
       immer tiefer sinken würde, bis es den Grund erreicht. Wie nahe es
       dem Grund  bereits ist,  läßt sich  schwer sagen;  aber jeder muß
       doch wohl sehen, daß es sich ihm sehr schnell nähert. Und wenn in
       der kommenden  Zeit die Taten des französischen Volkes die bishe-
       rige Geschichte Frankreichs nicht Lügen strafen sollen, so können
       wir sicher  sein: je tiefer jetzt die Erniedrigung, um so überra-
       schender und um so strahlender ihr Produkt. In unseren Tagen fol-
       gen die Ereignisse einander in ungeheuer schnellem Tempo, und was
       eine Nation  früher in  einem ganzen Jahrhundert bewältigte, kann
       sie heutzutage  leicht in  ein, zwei  Jahren überwinden. Das alte
       Kaiserreich hielt sich vier Jahre; der kaiserliche Adler wird vom
       Glück ungemein  begünstigt sein müssen, wenn die Wiederaufführung
       jenes Bravourstücks  - allerdings  in  schäbigster  Aufmachung  -
       ebenso viele Monate übersteht. Und dann?
       
       II
       
       ["Notes to the People" Nr. 48 vom 27. März 1852]
       Auf den  ersten Blick  hin mag es so scheinen, als ob Louis-Napo-
       leon gegenwärtig  in Frankreich in ungestörter Allgewalt herrsche
       und als  ob die einzige Macht neben ihm vielleicht die der Intri-
       gantengruppen am Hofe sei,
       
       #225# Die Ursachen der Inaktivität der französischen Proletarier
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       die ihn  von allen  Seiten bedrängen und ihre Ränke gegeneinander
       schmieden, um sich die alleinige Gunst des französischen Autokra-
       ten zu  sichern und  Einfluß auf ihn zu erlangen. In Wirklichkeit
       aber liegen die Dinge ganz anders. Das ganze Geheimnis seines Er-
       folgs liegt darin, daß die mit seinem Namen verhafteten Traditio-
       nen
       Louis-Napoleon in  die  Lage  versetzt  haben,  momentan    d a s
       G l e i c h g e w i c h t   z w i s c h e n   d e n   u m   d i e
       M a c h t   k ä m p f e n d e n   K l a s s e n   d e r  f r a n-
       z ö s i s c h e n  G e s e l l s c h a f t  zu wahren. Denn unter
       dem Deckmantel  des Belagerungszustandes,  mit dem  der  Militär-
       despotismus zur  Zeit Frankreich  verhüllt, wird  doch in der Tat
       der Kampf der verschiedenen Klassen der Gesellschaft so verbissen
       wie eh  und je  fortgeführt. Während  dieser Kampf in den letzten
       vier Jahren  mit Pulver  und Blei  ausgetragen worden war, hat er
       jetzt nur  eine andere  Form angenommen. So wie jeder lange Krieg
       die mächtigste  Nation erschöpft  und ermüdet,  so hat  auch  der
       offene, blutige  Krieg der  vergangenen Jahre  die   m i l i t ä-
       r i s c h e     Kraft  der  verschiedenen  Klassen  ermattet  und
       vorübergehend erschöpft.  Aber  der  Klassenkampf  ist  nicht  an
       faktische Kampfhandlungen gebunden; nicht immer braucht er Barri-
       kaden und  Bajonette, um  ausgetragen zu werden. Der Klassenkampf
       wird nicht  gelöscht werden  können,  solange  die  verschiedenen
       Klassen mit ihren entgegengesetzten und sich widerstreitenden In-
       teressen und  sozialen Stellungen bestehen; und bislang haben wir
       noch nicht  gehört, daß  Frankreich, seitdem der falsche Napoleon
       seine Macht angetreten, aufgehört habe, zu seinen Bewohnern Groß-
       grundbesitzer wie  auch Landarbeiter  oder  métayers  1*),  große
       Geldmakler wie auch mit Hypotheken belastete Kleinbauern, Kapita-
       listen wie auch Arbeiter zu rechnen.
       Die Lage  der verschiedenen  Klassen in  Frankreich ist folgende:
       Die Februarrevolution  hatte für  immer die Macht der großen Ban-
       kiers und  Börsenspekulanten gebrochen;  nach ihrem  Sturz  waren
       alle andern  Klassen der städtischen Bevölkerung nacheinander ans
       Ruder gekommen. Zuerst die Arbeiter in den Tagen der ersten revo-
       lutionären Erregung,  dann die kleinbürgerlichen Republikaner un-
       ter Ledru-Rollin,  dann der  republikanische Teil der Bourgeoisie
       unter Cavaignac  und  schließlich  die  vereinigte  royalistische
       Bourgeoisie unter  der  verflossenen  Nationalversammlung.  Keine
       dieser Klassen war fähig gewesen, die Macht zu behaupten, die sie
       kurze Zeit  besessen; und in letzter Zeit schien es unvermeidlich
       angesichts der immer wiederkehrenden Differenzen zwischen den le-
       gitimistischen Royalisten, also den Grundherren, und den orleani-
       stischen Royalisten,  also den  Geldherren, daß  die Macht wieder
       ihren Händen entgleiten und wieder zurückfallen
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       1*) Halbpächter
       
       #226# Friedrich Engels
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       könnte in  die Hände der Arbeiterklasse, die inzwischen doch wohl
       gelernt haben  mochte, die Macht besser zu nützen. Da gab es aber
       noch eine  andere mächtige  Klasse in  Frankreich - mächtig nicht
       kraft großer  Besitztümer ihrer  einzelnen  Angehörigen,  sondern
       mächtig kraft  ihrer Zahl  und ihrer  bloßen  Bedürfnisse.  Diese
       Klasse, die  mit Hypotheken belasteten Kleinbauern, die zumindest
       drei Fünftel  der französischen  Nation ausmachen,  kam schwer in
       Fluß und  ließ sich auch schwer beeinflussen wie die Landbewohner
       überall; sie klebte an ihren alten Traditionen, sie mißtraute der
       Weisheit der  Apostel sämtlicher  Parteien aus der Stadt, sie ge-
       dachte der  Zeiten unter  dem Kaiser,  da sie glücklich, frei von
       Schulden und  verhältnismäßig reich  gewesen, und  sie legte  mit
       Hilfe des  allgemeinen Wahlrechts die Exekutivgewalt in die Hände
       seines Neffen.  Die aktive Agitation der sozialistisch-demokrati-
       schen Partei  und mehr noch die Enttäuschung, die Louis-Napoleons
       Maßnahmen ihnen  bald bereiteten,  führten einen Teil dieser Bau-
       ernklasse in  die Reihen  der roten  Partei; aber  in ihrer Masse
       klebte sie  an ihren  Traditionen und meinte, wenn Louis-Napoleon
       sich bislang  noch nicht  als der  Messias erwiesen habe, mit dem
       man gerechnet, so sei das Schuld der Nationalversammlung, die ihn
       kneble. Außer in der Masse der Bauernschaft fand Louis-Napoleon -
       selber eine  Art vornehmer  Gauner und  umgeben von der Elite des
       eleganten Hochstaplergesindels  - Unterstützung  im verkommensten
       und liederlichsten  Teil der Stadtbevölkerung. Diesen Teil seiner
       Anhängerschaft vereinigte  er in einer bezahlten Truppe, die sich
       - Gesellschaft  vom 10.  Dezember" 1*) nannte. So, vertrauend auf
       die Stimmen  der Bauernschaft,  auf die lärmenden Demonstrationen
       des Mobs,  auf die  Bereitschaft der Armee, jederzeit eine Regie-
       rung parlamentarischer Schwätzer zu stürzen, die im Namen der ar-
       beitenden Klassen  zu sprechen vorgaben, konnte er gemächlich auf
       den Augenblick  warten, da die Zänkereien des Bourgeoisparlaments
       ihm erlauben  würden, einzugreifen und eine mehr oder weniger ab-
       solute Herrschaft  über jene  Klassen zu  beanspruchen, von denen
       nicht eine sich nach vierjährigem blutigem Kampfe stark genug er-
       wiesen, eine dauernde Herrschaft an sich zu reißen. Genau das tat
       er im vergangenen Jahr am 2. Dezember. Louis-Napoleons Herrschaft
       hat also den Klassenkampf nicht abgeschafft. , Sie verhindert le-
       diglich für  eine Weile  die blutigen  Ausbrüche, die von Zeit zu
       Zeit die Anstrengungen dieser oder jener Klasse kennzeichnen, die
       politische Macht  zu erringen  oder sie aufrechtzuerhalten. Keine
       dieser Klassen  war stark  genug, mit einer gewissen Aussicht auf
       Erfolg eine  neue Schlacht zu wagen. Gerade die Klassengegensätze
       begünstigten unter den damaligen
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 160-162
       
       #227# Die Ursachen der Inaktivität der französischen Proletarier
       -----
       Umständen die  Pläne Napoleons. Er stürzte das Bourgeoisparlament
       und zerstörte  so die  politische Macht  der Bourgeoisie. Und die
       Proletarier sollten  darüber nicht jubeln ? Sicherlich konnte man
       von den  Proletariern nicht  erwarten, daß sie für eine National-
       versammlung  kämpfen  würden,  die  ihr  Todfeind  gewesen!  Aber
       gleichzeitig bedrohte  Louis-Napoleons Usurpation  das gemeinsame
       Kampffeld aller  Klassen sowie  die letzte  vorteilhafte Stellung
       der Arbeiterklasse  - die Republik. Man überlege, sobald sich die
       Arbeiter zur  Verteidigung der  Republik erhoben, schloß sich die
       Bourgeoisie ausgerechnet jenem Manne an, der ihr gerade die Macht
       entrissen hatte,  denn ihr ging es darum, die Arbeiterklasse, als
       den allgemeinen Feind der Gesellschaft, zu schlagen. So sah es in
       Paris aus,  so in  den Provinzen - und die Armee siegte ohne viel
       Mühe über die konkurrierenden, gegnerischen Klassen. Und nach dem
       Sieg traten die Millionen kaisertreuer Bauern mit ihren Stimmzet-
       teln an, und während amtliche Fälschungen ihren Teil dazu beitru-
       gen, setzten  doch sie  die Regierung Louis-Napoleons ein als die
       des Repräsentanten eines nahezu einmütigen Frankreichs.
       Dennoch liegen auch heute Klassenkämpfe und Klasseninteressen je-
       der wichtigen  Handlung Louis-Napoleons  weiterhin zugrunde,  wie
       wir im nächsten Bericht sehen werden.
       
       III
       
       ["Notes to the People" Nr. 50 vom 10. April 1852]
       Wir wiederholen:  Louis-Napoleon ist  an die Macht gekommen, weil
       der offene Krieg zwischen den verschiedenen Klassen der französi-
       schen Gesellschaft  in den  letzten vier Jahren diese Klassen er-
       schöpft und  ihre Armeen  zerschlagen hat  und weil unter solchen
       Bedingungen der  Kampf dieser Klassen zumindest vorübergehend nur
       auf friedliche und legale Weise fortgeführt werden kann, d.h. auf
       dem Wege  der Konkurrenz, der gewerblichen Organisationen und all
       jener verschiedenen Mittel des friedlichen Kampfes, mit denen die
       Widersprüche unter  den Klassen  in England  jetzt schon über ein
       Jahrhundert lang  ausgetragen worden sind. Unter diesen Umständen
       liegt es  gewissermaßen im  Interesse aller konkurrierenden Klas-
       sen, wenn  eine sogenannte   s t a r k e   R e g i e r u n g  be-
       steht, die alle jene kleineren, lokalen und verstreuten Ausbrüche
       offener Feindseligkeit  unterdrückt und  niederhält, die, ohne zu
       irgendeinem Ergebnis  zu führen,  die Entwicklung  des Kampfes in
       seiner neuen  Form stören,  indem sie die Sammlung der Kräfte für
       eine erneute,  entscheidende Schlacht  hemmen. Dieser Umstand mag
       in gewisser
       
       #228# Friedrich Engels
       -----
       Hinsicht erklären,  warum die  Franzosen sich gegenüber ihrer ge-
       genwärtigen Regierung  im allgemeinen unleugbar friedlich verhal-
       ten. Wie  lange es dauern wird, ehe beide, die Arbeiterklasse und
       die der  Kapitalisten, wieder genug Kraft und Selbstvertrauen ha-
       ben, um  auf den  Plan zu  treten und - jede für sich - offen An-
       spruch auf  die Diktatur über Frankreich zu erheben, das kann na-
       türlich niemand  sagen. Aber  wie sich  die Ereignisse heutzutage
       entwickeln, wird höchstwahrscheinlich die eine oder andere dieser
       Klassen unerwartet  ins Feld  geführt werden,  und  so  mag  sich
       Klasse gegen Klasse schon bald wieder auf der Straße im Kampf ge-
       genüberstehen, lange  bevor die relative oder absolute Stärke der
       Parteien ein  solches Zusammentreffen  vermuten ließe.  Denn wenn
       die französische  revolutionäre Partei,  d.h. die Arbeiterpartei,
       warten soll,  bis sie  wieder genauso  stark ist  wie im  Februar
       1848, müßte  sie sich  etwa zehn  Jahre lang in eine unterwürfige
       Passivität schicken  - und das wird sie sicherlich nicht tun. Und
       gleichzeitig sieht  sich eine  Regierung wie  die Louis-Napoleons
       gezwungen, wie  wir bald sehen werden, sich selbst und Frankreich
       in so  große Schwierigkeiten  zu verstricken, daß schließlich nur
       ein großer  revolutionärer Schlag sie zu lösen vermag. Wir wollen
       nicht von  den Möglichkeiten  eines Krieges  sprechen, auch nicht
       von andern Begebenheiten, zu denen es kommen oder auch nicht kom-
       men könnte;  wir wollen  nur ein Ereignis erwähnen, das so sicher
       eintreten wird, wie die Sonne am Morgen aufgeht: Das ist ein all-
       gemeiner Umschwung  in Handel  und Industrie. Der schlechtgehende
       Handel und  die schlechten Ernten von 1846 und 1847 bewirkten die
       Revolution von  1848; und  man kann zehn zu eins wetten, daß 1853
       der Handel in der ganzen Welt weit tiefer getroffen und weit län-
       ger gestört sein wird als je zuvor. [136] Und wer sollte wohl das
       Schiff, auf  dem Louis-Napoleon dahersegelt, für seetüchtig genug
       halten, um  den Stürmen zu trotzen, die dann unweigerlich losbre-
       chen?
       Aber werfen  wir einen  Blick auf  die Lage,  in der sich der Ba-
       stard-Adler am  Abend des  Tages seines  Sieges befand. Es unter-
       stützten ihn  die Armee,  der Klerus und die Bauernschaft. Seinem
       Anschlag hatten  sich die  Bourgeoisie (einschließlich  der Groß-
       grundbesitzer) und  die Sozialisten  oder revolutionären Arbeiter
       widersetzt. Einmal  an der  Spitze der  Regierung, mußte  er sich
       nicht nur  die Gunst  der Parteien  erhalten, die ihn dorthin ge-
       bracht hatten, sondern auch möglichst viele jener, die bisher ge-
       gen ihn  gewesen, für  sich gewinnen  oder sie wenigstens mit dem
       neuen Stand  der Dinge  aussöhnen. Was nun die Armee, den Klerus,
       die Regierungsbeamten  und die  Mitglieder jener Verschwörung von
       Postenjägern betrifft,  mit denen er sich schon seit langem umge-
       ben hatte,  so brauchte er für sie alle nur eins - direkte Beste-
       chung, greifbares  Geld, dreistes  Plündern der öffentlichen Mit-
       tel; und wir haben ja
       
       #229#
       -----
       Titelblatt der  Zeitschrift "Notes to the People", in der der Ar-
       tikel von  Engels "Die  wirklichen Ursachen der verhältnismäßigen
       Inaktivität der  französischen Proletarier  im vergangenen Dezem-
       ber" veröffentlicht wurde
       
       #230#
       -----
       
       #231# Die Ursachen der Inaktivität der französischen Proletarier
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       gesehen, wie  schnell Louis-Napoleon  bei der  Hand war mit barem
       Geld oder  wie fix er für seine Freunde Pfründe ausfindig machte,
       die ihnen  glänzende Gelegenheiten  boten, sich  sofort zu berei-
       chern. So  trat de  Morny, erdrückt von der Last seiner Schulden,
       als Bettler sein Amt an und gab es vier Wochen später wieder auf,
       aller Schulden  ledig, dazu  mit einem Vermögen, das man sogar im
       Viertel um  den Beigrave  Square [137]  als  großartige  Garantie
       einer unabhängigen  Existenz bezeichnen  würde. Eine  ganz  andre
       Sache aber  war es, zurechtzukommen mit der Bauernschaft, mit den
       Großgrundbesitzern, mit  den  Besitzern  von  Staatspapieren  und
       Kapitalien, den  Fabrikanten, den  Reedern,  den  Kaufleuten  und
       Kleinhändlern und,  schließlich, mit  jenem schwierigsten Problem
       des Jahrhunderts,  mit der  Arbeiterfrage. Trotz aller knebelnden
       Maßnahmen der  Regierung blieben  die Interessen dieser verschie-
       denen Klassen  so unversöhnt  wie eh  und  je,  obwohl  es  keine
       Presse, kein  Parlament und keine Versammlungsplattform mehr gab,
       um diesen  unerquicklichen Tatbestand  offenkundig zu machen; und
       so ergab  es sich, daß, was auch immer die Regierung für die eine
       Klasse zu  tun versuchen  mochte, sie  damit die Interessen einer
       andern verletzen mußte. Was auch immer Louis-Napoleon unternehmen
       mochte, überall  stieß er  auf ein und dieselbe Frage: "Wer zahlt
       die Zeche?"  - eine  Frage, die mehr Regierungen gestürzt hat als
       alle andern,  wie Fragen  der Miliz, der Reform usw., zusammenge-
       nommen. Und  obwohl Louis-Napoleon  schon seinen Vorgänger Louis-
       Philippe ein  gut Teil  beisteuern ließ  [138], um  die Zeche  zu
       zahlen, so ist sie doch noch lange nicht beglichen.
       Wir werden  in unserem nächsten Bericht [139] damit beginnen, die
       Lage der  verschiedenen  Gesellschaftsklassen  in  Frankreich  zu
       skizzieren und  zu erforschen,  inwieweit die gegenwärtige Regie-
       rung über Mittel und Wege verfügte, diese Lage zu verbessern. Wir
       werden gleichzeitig  zeigen, was  jene Regierung zu diesem Zwecke
       unternommen hat und wahrscheinlich noch unternehmen wird, und wir
       werden so  Materialien sammeln, die erlauben, richtige Schlußfol-
       gerungen zu  ziehen über  die Position und die Chancen jenes Man-
       nes, der  jetzt sein Bestes tut, den Namen Napoleons in Verruf zu
       bringen.
       
       Aus dem Englischen.
       

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