Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       #24#
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       III
       
       [Die übrigen deutschen Staaten]
       
       In unserm  letzten Artikel  haben wir uns fast ausschließlich auf
       jenen Staat  beschränkt, der  während der Jahre 1840 bis 1848 die
       weitaus größte  Bedeutung für  die Bewegung in Deutschland hatte,
       nämlich auf  Preußen. Wir  müssen jetzt  aber einen raschen Blick
       auf die  übrigen deutschen Staaten während des gleichen Zeitraums
       werfen.
       Die Kleinstaaten  waren seit  den revolutionären  Bewegungen  von
       1830 vollständig  unter die  Diktatur des Bundestags, d.h. Öster-
       reichs und Preußens, geraten. Die verschiedenen Verfassungen, die
       ebensosehr zum  Schutz vor  den Diktaten der größeren Staaten er-
       lassen worden  waren wie  zu dem  Zweck,  die  Popularität  ihrer
       fürstlichen Urheber  zu sichern  und den durch den Wiener Kongreß
       ohne jeglichen  leitenden Grundgedanken  bunt zusammengewürfelten
       Provinzen ein einheitliches Gepräge zu geben - diese Verfassungen
       hatten sich, so illusorisch sie auch waren, in den unruhigen Zei-
       ten von  1830 und 1831 doch als eine Gefahr für die Autorität der
       kleinen Fürsten  selbst erwiesen.  Sie wurden so gut wie vernich-
       tet; was  man bestehen ließ, führte kaum noch ein Schattendasein,
       und es gehörte die geschwätzige Selbstgefälligkeit eines Welcker,
       Rotteck und Dahlmann dazu, um sich einzubilden, die mit entwürdi-
       gender Kriecherei  vermischte untertänige  Opposition, die sie in
       den ohnmächtigen  Kammern der Kleinstaaten an den Tag legen durf-
       ten, könne überhaupt Ergebnisse zeitigen.
       Der energischere  Teil der Bourgeoisie in diesen Kleinstaaten gab
       sehr bald  nach 1840  alle Hoffnungen  auf, die er früher auf die
       Entfaltung eines  parlamentarischen Regimes  in diesen Anhängseln
       Österreichs und  Preußens gesetzt.  Kaum  hatten  die  preußische
       Bourgeoisie und  die mit  ihr verbündeten  Klassen sich ernstlich
       entschlossen gezeigt, für ein parlamentarisches Regime in Preußen
       zu kämpfen, da überließ man ihnen auch schon die Führung der kon-
       stitutionellen Bewegung im ganzen nicht-österreichischen Deutsch-
       land. Es  ist eine jetzt wohl kaum mehr bestrittene Tatsache, daß
       der Kern jener
       
       #25# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       mitteldeutschen Konstitutionalisten, die später aus der Frankfur-
       ter Nationalversammlung ausschieden und nach dem Ort, wo sie ihre
       Separatsitzungen abhielten, die Gothaer genannt wurden, lange vor
       1848 einen Plan erwog, den sie 1849 mit geringen Abänderungen den
       Vertretern ganz  Deutschlands vorlegten.  Sie beabsichtigten  den
       völligen Ausschluß  Österreichs aus dem Deutschen Bund, die Grün-
       dung eines  neuen Bundes  unter dem  Schutze Preußens  mit  einem
       neuen Grundgesetz und mit einem Bundesparlament sowie die Einver-
       leibung der  unbedeutenden Staaten  in die  größeren.  Das  alles
       sollte durchgeführt  werden, sobald  Preußen  in  die  Reihe  der
       konstitutionellen Monarchien  eintrat,  die  Pressefreiheit  her-
       stellte, zu einer von Rußland und Österreich unabhängigen Politik
       überging und so den Konstitutionalisten der kleineren Staaten die
       Möglichkeit verschaffte,  eine wirkliche  Kontrolle über ihre Re-
       gierungen auszuüben. Der Erfinder dieses Plans war Professor Ger-
       vinus aus  Heidelberg (Baden).  Die Emanzipation  der preußischen
       Bourgeoisie sollte  also das Signal sein für die Emanzipation der
       Bourgeoisie in  ganz  Deutschland  und  für  den  Abschluß  eines
       Schutz- und  Trutzbündnisses gegen  Rußland wie gegen Österreich;
       denn Österreich  wurde, wie wir gleich sehen werden, als ein ganz
       barbarisches Land  betrachtet, über das man nur sehr wenig wußte,
       und dieses  Wenige war nicht eben schmeichelhaft für seine Bewoh-
       ner; Österreich  galt daher  nicht als  wesentlicher  Bestandteil
       Deutschlands.
       Die anderen Gesellschaftsklassen in den kleineren Staaten traten,
       die einen  schneller, die anderen langsamer, in die Fußtapfen ih-
       rer Klassengenossen  in Preußen. Die Kleinbürger wurden immer un-
       zufriedener mit  ihren Regierungen, mit dem Anwachsen der Steuer-
       last, mit  der Beschränkung  jener politischen  Scheinrechte, mit
       denen sie so stolz taten, wenn sie sich mit den "Sklaven des Des-
       potismus" in  Österreich und Preußen verglichen; aber einstweilen
       fehlte ihrer  Opposition noch jeder bestimmte Inhalt, der ihr das
       Gepräge einer  sich von  dem Konstitutionalismus der bürgerlichen
       Oberschicht  unterscheidenden   selbständigen  Partei   verleihen
       konnte. Auch  in der  Bauernschaft war die Unzufriedenheit im An-
       steigen, aber  bekanntlich bringt dieser Teil des Volkes in ruhi-
       gen, friedlichen  Zeiten seine Interessen niemals zur Geltung und
       tritt niemals  als selbständige  Klasse auf, außer in Ländern, wo
       das allgemeine Wahlrecht besteht. Die Handwerker und Fabrikarbei-
       ter in den Städten begannen vom "Gift" des Sozialismus und Kommu-
       nismus verseucht zu werden; da es aber außerhalb Preußens nur we-
       nige einigermaßen  bedeutende Städte  und noch  weniger Fabrikbe-
       zirke gab,  machte die  Bewegung dieser Klasse infolge Mangels an
       Aktions- und  Propagandazentren äußerst  langsame Fortschritte in
       den kleineren Staaten.
       
       #26# Friedrich Engels
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       Sowohl in  Preußen wie  in den  kleineren Staaten  erzeugten  die
       Schwierigkeiten, die  der Entfaltung einer politischen Opposition
       im Wege  standen, eine  Art religiöser  Opposition in Gestalt der
       Parallelbewegungen des  Deutschkatholizismus und  der Freien  Ge-
       meinden [22].  Die Geschichte  liefert uns  zahlreiche Beispiele,
       daß in  Ländern, die  sich der  Segnungen einer  Staatskirche er-
       freuen und  in denen die politische Diskussion geknebelt ist, die
       gefährliche profane Opposition gegen die weltliche Macht sich un-
       ter der  Maske  eines  höhere  Weihe  tragenden  und  anscheinend
       selbstloseren Kampfes  gegen die  Knechtung des Geistes verbirgt.
       So manche  Regierung, die  keinerlei Erörterung  ihrer Handlungen
       duldet, wird  es sich  gründlich überlegen,  bevor  sie  Märtyrer
       schafft und den religiösen Fanatismus der Massen weckt. So galten
       1845 in  allen deutschen Staaten entweder die römisch-katholische
       oder die protestantische Religion oder beide als wesentlicher Be-
       standteil des im Lande herrschenden Rechts. Und ebenso bildete in
       allen diesen  Staaten der  Klerus der anerkannten Konfession oder
       Konfessionen einen  wesentlichen Bestandteil  des  bürokratischen
       Regierungsapparats. Ein  Angriff auf die protestantische oder ka-
       tholische Orthodoxie,  ein Angriff  auf das  Pfaffentum bedeutete
       also einen  versteckten Angriff auf die Regierung selbst. Was die
       Deutschkatholiken anbelangt, so war schon ihre bloße Existenz ein
       Angriff auf  die katholischen  Regierungen in Deutschland, beson-
       ders auf  die Österreichs und Bayerns; und so wurde es von diesen
       Regierungen auch  aufgefaßt. Die  Freigemeindler, protestantische
       Dissidenten, die  eine gewisse Ähnlichkeit mit den englischen und
       amerikanischen Unitariern [23] aufweisen, machten keinen Hehl aus
       ihrer Gegnerschaft  gegen die  klerikalen, streng orthodoxen Ten-
       denzen des  Königs von Preußen und seines Günstlings, des Kultus-
       ministers Eichhorn.  Die beiden  neuen Sekten,  die vorübergehend
       rasche Verbreitung  fanden, die  eine in katholischen, die andere
       in protestantischen  Gegenden, unterschieden sich nur durch ihren
       Ursprung; was  ihre Lehren betrifft, so stimmten sie in dem wich-
       tigsten Punkt  überein: daß  jede dogmatische Festlegung vom Übel
       sei. Dieser Mangel an Bestimmtheit bildete den Kern ihres Wesens;
       sie behaupteten,  sie bauten  jenen großen  Tempel, unter  dessen
       Dach sich  alle Deutschen  zusammenfinden könnten;  sie repräsen-
       tierten also in religiöser Form eine andere politische Idee jener
       Tage, die Idee der deutschen Einheit, und konnten doch selbst nie
       untereinander einig werden.
       Die Idee  der deutschen  Einheit, die  die eben  erwähnten Sekten
       wenigstens auf  religiösem Gebiet zu verwirklichen suchten, indem
       sie eine gemeinsame Religion für alle Deutschen erfanden, die ei-
       gens auf  ihre Bedürfnisse, ihre Gewohnheiten und ihren Geschmack
       zugeschnitten war - diese Idee
       
       #27# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       war in  der Tat weit verbreitet, besonders in den kleineren Staa-
       ten. Seitdem  Napoleon den  Zerfall des  Deutschen  Reiches  [24]
       herbeigeführt, war der Ruf nach Vereinigung all der disjecta mem-
       bra 1*) Deutschlands  der allgemeinste  Ausdruck der Unzufrieden-
       heit mit  der bestehenden Ordnung gewesen, und zwar am meisten in
       den kleineren Staaten, wo der Aufwand für den Hof, die Staatsver-
       waltung, das  Heer, kurz,  das ganze tote Gewicht der Besteuerung
       in direktem  Verhältnis zur  Kleinheit und  Ohnmacht des  Staates
       wuchs. Wie diese deutsche Einheit aber in der Wirklichkeit ausse-
       hen sollte,  das war  eine Frage, über die die Meinungen der Par-
       teien auseinandergingen.  Die Bourgeoisie, die keine gefährlichen
       revolutionären Erschütterungen  wünschte, wäre  mit einer  Lösung
       zufrieden gewesen,  die sie,  wie wir  gesehen, für "praktikabel"
       hielt, nämlich mit einem Bund, der mit Ausnahme Österreichs, ganz
       Deutschland umfaßte,  unter Vorherrschaft  eines  konstitutionell
       regierten Preußen; und sicher konnte man damals nicht mehr errei-
       chen, ohne  bedrohliche Stürme  heraufzubeschwören. Das Kleinbür-
       gertum und  die Bauernschaft,  soweit sich  letztere überhaupt um
       dergleichen Dinge kümmerte, gelangten nie zu einer Definition je-
       ner deutschen  Einheit, die  sie so laut forderten; einige wenige
       Träumer, in  ihrer Mehrzahl feudalistische Reaktionäre, erhofften
       die Wiedererrichtung  des Deutschen  Reiches; ein paar unwissende
       soi-disant 2*) Radikale, voller Bewunderung für die Einrichtungen
       der Schweiz,  mit denen  sie noch  nicht jene praktische Bekannt-
       schaft gemacht, die ihnen später so lächerlich die Augen öffnete,
       erklärten sich  für eine  föderative Republik;  und nur  die  ex-
       tremste Partei wagte es damals, für die eine und unteilbare deut-
       sche Republik  einzutreten [25].  So  war  die  deutsche  Einheit
       selbst eine  Frage, die Uneinigkeit, Zwietracht und unter Umstän-
       den sogar Bürgerkrieg in ihrem Schöße barg.
       Kurz zusammengefaßt war dies der Zustand Preußens und der kleine-
       ren deutschen  Staaten zu  Ende des Jahres 1847: Die Bourgeoisie,
       im Bewußtsein  ihrer Kraft,  war entschlossen,  nicht länger  die
       Fesseln zu tragen, mit denen ein feudaler und bürokratischer Des-
       potismus ihre  kommerziellen Geschäfte,  ihre  industrielle  Lei-
       stungsfähigkeit, ihr gemeinsames Handeln als Klasse einengte; ein
       Teil der adligen Grundherren war so weit zu reinen Warenproduzen-
       ten geworden, daß sie die gleichen Interessen wie die Bourgeoisie
       hatten und  mit ihr  gemeinsame Sache machten; das Kleinbürgertum
       war unzufrieden,  murrte über  die Steuern, über die Hindernisse,
       die seiner gewerblichen Tätigkeit in den Weg gelegt wurden, hatte
       aber kein  bestimmtes Reformprogramm, das seine Stellung in Staat
       und Gesellschaft zu sichern imstande war; die
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       1*) zerstreuten Glieder - 2*) sogenannte
       
       #28# Friedrich Engels
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       Bauernschaft war  hier bedrückt durch feudale Lasten, durch Geld-
       verleiher, Wucherer  und Advokaten;  das arbeitende  Volk in  den
       Städten, ebenfalls  erfaßt von  der allgemeinen  Unzufriedenheit,
       haßte gleichermaßen  die Regierung  wie die  großen industriellen
       Kapitalisten und war immer mehr durch sozialistische und kommuni-
       stische Ideen  angesteckt; kurz,  eine heterogene  oppositionelle
       Masse, getrieben  von den  verschiedensten Interessen,  aber mehr
       oder minder  unter der  Führung der Bourgeoisie, in deren vorder-
       ster Reihe  wiederum die  preußische Bourgeoisie,  namentlich die
       der Rheinprovinz  marschierte. Auf der anderen Seite Regierungen,
       die in  vieler Hinsicht uneinig waren, voll Mißtrauen gegeneinan-
       der, besonders aber gegenüber Preußen, auf dessen Schutz sie doch
       angewiesen waren;  in Preußen  eine Regierung, aufgegeben von der
       öffentlichen Meinung,  aufgegeben sogar von einem Teil des Adels,
       gestützt auf  ein Heer  und eine  Bürokratie, die  von Tag zu Tag
       mehr mit  den Ideen der oppositionellen Bourgeoisie verseucht und
       von ihrem Einfluß erfaßt wurden - eine Regierung Zu alledem, ohne
       einen Pfennig  Geld im  buchstäblichen Sinne des Wortes und nicht
       in der Lage, auch nur einen Groschen zur Deckung ihres wachsenden
       Defizits aufzutreiben, ohne sich auf Gnade oder Ungnade der oppo-
       sitionellen Bourgeoisie  auszuliefern. Wo  hätte sich  die  Bour-
       geoisie jemals  in einer  glänzenderen Position befunden in ihrem
       Kampf um die Macht gegen die bestehende Regierung?
       London, September 1851
       

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