Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


       zurück

       
       #342#
       -----
       Karl Marx
       
       Die Chartisten [243]
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 3543 vom 25. August 1852]
       London, Dienstag, 10. August 1852
       Tories, Whigs, Peeliten, kurz, alle bis jetzt von uns behandelten
       Parteien gehören mehr oder weniger der Vergangenheit an. Die Par-
       tei, die  die   m o d e r n e   e n g l i s c h e    G e s e l l-
       s c h a f t,   jenes England, das den Weltmarkt beherrscht,  o f-
       f i z i e l l   r e p r ä s e n t i e r t,   ist  die  der  Frei-
       händler (der  Manchestermänner [244],  der  Parlaments-  und  der
       Finanzreformer). Sie  sind die  Partei der  selbstbewußten  Bour-
       geoisie, des industriellen Kapitals, das seine soziale Macht auch
       als politische  Macht ausnützen  und die letzten arroganten Reste
       der Feudalgesellschaft  ausrotten will. Diese Partei wird geführt
       von dem  aktivsten und  energischsten Teil  der englischen  Bour-
       geoisie, von  den  F a b r i k a n t e n.  Was sie verlangen, ist
       die völlige,  unverhüllte Vorherrschaft  der Bourgeoisie, ist die
       offene, offiziell  vollstreckte Unterwerfung  der ganzen  Gesell-
       schaft unter die Gesetze der modernen Bourgeoisproduktion und un-
       ter die Herrschaft jener Männer, die diese Produktion leiten. Sie
       verstehen unter  Freihandel die ungehemmte Bewegung des von allen
       politischen, nationalen  und religiösen  Fesseln befreiten  Kapi-
       tals. Der  Grund und  Boden soll verkäufliche Ware und seine Aus-
       beutung den  allgemeinen Gesetzen  des Warenverkehrs  unterworfen
       sein. So  wie es Garn- und Baumwollfabrikanten gibt, soll es Nah-
       rungsmittelfabrikanten, aber  keine Grundherren  geben. Kurz,  es
       sollen keine  wie auch  immer gearteten politischen oder sozialen
       Einschränkungen, Bestimmungen  oder Monopole  geduldet werden, es
       sei denn,  sie entsprängen  "den ewigen  Gesetzen der politischen
       Ökonomie", d.  h. den Bedingungen, unter denen das Kapital produ-
       ziert und distributiert. Die Losung im Kampfe dieser Partei gegen
       die alten englischen Einrichtungen, jenen Produkten eines überal-
       teten, im Schwinden begriffenen Stadiums der sozialen
       
       #343# Die Chartisten
       -----
       Entwicklung, lautet:   P r o d u z i e r e ,   s o    b i l l i g
       d u  k a n n s t,  u n d  r ä u m e  a u f  m i t  d e n  f a u x
       f r a i s  d e r  P r o d u k t i o n  (das heißt mit allen über-
       flüssigen, unnötigen  Produktionskosten). Und diese Losung wendet
       sich nicht nur an die einzelne Privatperson, sondern vor allem an
       d i e  g a n z e  N a t i o n.
       Das Königtum  mit seinem "barbarischen Glanz", seiner Hofhaltung,
       seiner Zivilliste und seinem Lakaientroß - gehören nicht auch sie
       nur zu  den faux  frais der Produktion? Die Nation kann auch ohne
       Königtum produzieren  und austauschen:  also fort  mit dem Thron!
       Die Sinekuren  des Adels,  das Oberhaus  - faux frais der Produk-
       tion. Das  große stehende  Heer - faux frais der Produktion! Faux
       frais auch  die Kolonien;  faux frais  die Staatskirche mit ihrem
       Reichtum, der  Beute aus Plünderung und Bettelei! Sollen doch die
       Geistlichen frei  miteinander konkurrieren,  und soll  doch jeder
       ihnen das bezahlen, was seinen Bedürfnissen entspricht! Der ganze
       umständliche Apparat  der  englischen  Gesetzgebung,  mit  seinem
       Court of  Chancery [252]  - faux frais der Produktion. Faux frais
       ebenfalls die  nationalen Kriege:  England kann  fremde  Nationen
       billiger ausbeuten, wenn es in Frieden mit ihnen verkehrt.
       Diese  Kämpen   der  britischen  Bourgeoisie,  diese  Männer  der
       Manchesterschule sehen  eben in  jeder Einrichtung  Old  Englands
       eine Maschinerie,  die ebenso kostspielig wie nutzlos ist und die
       keinen anderen  Zweck erfüllt,  als die  Nation daran zu hindern,
       soviel wie  möglich und  so billig wie möglich zu produzieren und
       ihre Produkte  frei auszutauschen. Ihr letztes Wort ist notwendi-
       gerweise die  Bourgeoisrepublik, in  der die freie Konkurrenz auf
       allen  Gebieten  unumschränkt  herrscht  und  in  der  nur  jenes
       M i n i m u m   an Regierungsgewalt  übrigbleibt, das unerläßlich
       ist für  die äußere  und innere  Administration  der  allgemeinen
       Klasseninteressen und  Geschäfte der Bourgeoisie, wobei auch die-
       ses   M i n i m u m  so einfach, so sparsam wie nur möglich orga-
       nisiert sein  soll. In  anderen Ländern  hieße eine solche Partei
       eine  d e m o k r a t i s c h e.  Sie ist aber notgedrungen revo-
       lutionär und  betreibt in  letzter Instanz, mehr oder weniger be-
       wußt, die  gänzliche Auflösung  Old Englands als aristokratisches
       Land. Ihr  nächstes Ziel jedoch ist eine Parlamentsreform, die in
       ihre Hände  jene gesetzgeberische  Gewalt legt,  die man für eine
       derartige Revolution braucht.
       Die britischen  Bourgeois sind keine leicht erregbaren Franzosen.
       Wenn sie  eine parlamentarische Reform durchsetzen wollen, so ma-
       chen sie  deshalb noch keine Februarrevolution. Im Gegenteil. Als
       sie 1846  durch die Abschaffung der Korngesetze [246] einen groß-
       artigen Sieg  über die Landaristokratie errungen hatten, beschie-
       den sie  sich damit,  die materiellen  Vorteile aus  diesem Siege
       einzuheimsen, versäumten  aber, die  notwendigen politischen  und
       ökonomischen Konsequenzen daraus zu ziehen und gaben so den Whigs
       
       #344# Karl Marx
       -----
       die Möglichkeit,  sich wieder in den Besitz ihres ererbten Regie-
       rungsmonopols zu  setzen. In  all den  Jahren von  1846 bis  1852
       machten sie  sich lächerlich  durch ihr Kampfgeschrei: Großzügige
       Grundsätze und  praktische (lies:   k l e i n e)   Maßnahmen. Und
       warum das  alles? Weil  sie bei jeder gewaltsamen Bewegung an die
       A r b e i t e r k l a s s e   appellieren müssen.  Ist  aber  die
       Aristokratie ihr  schwindender Gegner,  so ist die Arbeiterklasse
       ihr aufkommender Feind. Lieber aber wollen sie mit dem schwinden-
       den Gegner  paktieren, als den heranwachsenden Feind, dem die Zu-
       kunft gehört,  durch Konzessionen  stärken, die  von mehr als nur
       scheinbarer Bedeutung  sind. Darum  suchen sie jeden heftigen Zu-
       sammenstoß mit  der Aristokratie  zu vermeiden; aber die histori-
       sche Notwendigkeit  und die  Tories treiben sie voran. Sie müssen
       notgedrungen ihre  Mission erfüllen  und Old England, das England
       der Vergangenheit, zerschmettern. Von dem Augenblick aber, wo sie
       die politische Macht für sich allein erobert haben, wo politische
       Macht und ökonomische Herrschaft in ihren Händen vereint sind und
       der Kampf  gegen das Kapital sich daher nicht mehr von dem Kampfe
       gegen die  bestehende Regierung  unter-scheidet-genau von  diesem
       Augenblick datiert   d i e   s o z i a l e    R e v o l u t i o n
       i n  E n g l a n d.
       Wenden wir  uns nun  den   C h a r t i s t e n  zu, dem politisch
       aktiven Teil  der britischen   A r b e i t e r k l a s s e.   Die
       sechs Punkte der  C h a r t e  [130] für die sie kämpfen, enthal-
       ten weiter  nichts als  die Forderung  des  a l l g e m e i n e n
       W a h l r e c h t s   und jener  Bedingungen, ohne die das allge-
       meine Wahlrecht  für die  Arbeiterklasse illusorisch  wäre - z.B.
       geheime Abstimmung, Diäten für die Parlamentsmitglieder, alljähr-
       liche allgemeine  Wahlen. Das  allgemeine Wahlrecht  ist aber für
       die  Arbeiterklasse   Englands  gleichbedeutend  mit  politischer
       Macht; denn  das Proletariat  bildet dort die große Majorität der
       Bevölkerung und hat sich in langem, wenn auch versteckt geführtem
       Bürgerkrieg zum  klaren Bewußtsein seiner Klassenlage durchgerun-
       gen. Ja sogar die ländlichen Distrikte Englands kennen keine Bau-
       ern mehr,  sondern nur  Grundherren, kapitalistische  Unternehmer
       (Pächter) und Lohnarbeiter. Das Durchsetzen des allgemeinen Wahl-
       rechts wäre  daher in England in weit höherem Maße eine Errungen-
       schaft sozialistischen  Inhalts als  irgendeine Maßnahme, die auf
       dem Kontinent mit dieser Bezeichnung beehrt worden ist.
       Hier wäre  ihr unvermeidliches  Ergebnis    d i e    p o l i t i-
       s c h e  H e r r s c h a f t  d e r  A r b e i t e r k l a s s e.
       Über das Wiederaufleben und die Reorganisation der Chartistenpar-
       tei werde  ich bei  anderer Gelegenheit berichten. 1*) Heute habe
       ich mich nur mit den kürzlich durchgeführten Wahlen zu befassen.
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 387-391
       
       #345# Die Chartisten
       -----
       Um sich  an der Wahl des britischen Parlaments beteiligen zu kön-
       nen, muß  der Wähler in den städtischen Gemeinden ein Haus besit-
       zen, das bei der Veranlagung der Armensteuer auf 10 Pfd. St. Jah-
       resertrag geschätzt ist; in den Grafschaften sind die freeholders
       [252] wahlberechtigt,  deren Grundbesitz  mindestens  40  sh.  im
       Jahre abwirft  und die  Pächter, die mindestens 50 Pfd. St. Pacht
       zahlen. Schon  daraus geht hervor, daß die Chartisten an der eben
       beendeten Wahlschlacht offiziell nur wenig teilnehmen konnten. Um
       aber zu  erklären, wieso sie sich doch daran beteiligten, muß ich
       an eine Besonderheit des britischen Wahlsystems erinnern:
       Tag der  Nominierung 1*) und Tag der Deklarierung 2*)! Wahl durch
       das Handzeichen und Abstimmung durch die Stimmberechtigten!
       Nachdem die  Kandidaten am Wahltag aufgetreten sind und mit ihrer
       Wahlrede öffentlich  das Volk harangiert haben, werden sie in der
       ersten Instanz  durch das  Handzeichen gewählt.  Jeder darf seine
       Hand erheben,  gleichviel, ob er Wähler oder Nichtwähler ist. Als
       (provisorisch) gewählt  erklärt der Wahlkommissar denjenigen, für
       den sich  die meisten Hände erheben. Nun aber kommt die Kehrseite
       der Medaille. Die Wahl durch das Handzeichen ist eine bloße Zere-
       monie, ein  Akt formaler  Höflichkeit gegenüber  dem  "souveränen
       Volk". Die  Höflichkeit hört aber auf, sobald Privilegien bedroht
       sind. Denn wenn durch das Handzeichen die Wahl nicht auf die Kan-
       didaten der  privilegierten Wähler fällt, so verlangen diese Kan-
       didaten die  Abstimmung durch  die Stimmberechtigten;  an  dieser
       können nur die privilegierten Wähler teilnehmen, und nur wer dort
       die Mehrheit  der Stimmen  bekommt, gilt  als rechtmäßig gewählt.
       Die erste  Wahl durch  das Handzeichen ist nichts als eine momen-
       tane Scheinkonzession  an die öffentliche Meinung, um dieser dann
       im nächsten Augenblick um so nachdrücklicher ihre Ohnmacht zu be-
       weisen.
       Fast könnte  es scheinen,  als sei  diese Wahl durch das Handzei-
       chen, diese gefährliche Formalität nur zu dem Zweck erfunden, das
       allgemeine Wahlrecht lächerlich zu machen und ein echt aristokra-
       tisches Pläsierchen auf Kosten des "Pöbels" (wie Major Beresford,
       der Kriegsminister,  zu sagen  pflegt) zu genießen. Aber das wäre
       falsch. Die  Tradition der  alten Bräuche, die ursprünglich allen
       germanischen Völkern gemein waren, vermochte sich nur deshalb bis
       ins neunzehnte  Jahrhundert hinein  fortzuschleppen, weil sie dem
       britischen Klassenparlament  auf billige und gefahrlose Weise den
       Anschein der  Verbundenheit mit dem Volke verlieh. Den herrschen-
       den Klassen  verhalf dieser Brauch zur Gewißheit, daß das Volk an
       ihren Sonderinteressen  mehr oder weniger leidenschaftlich Anteil
       nahm, als handle es sich um seine
       -----
       1*) nomination day - 2*) declaration day
       
       #346# Karl Marx
       -----
       nationalen Interessen.  Und erst  als die  Bourgeoisie neben  den
       beiden offiziellen Parteien, den Whigs und Tories, eine selbstän-
       dige Stellung  einzunehmen begann,  fingen auch  die  arbeitenden
       Massen an,  am Tage  der Nominierung selbständig vorzugehen. Noch
       nie zuvor  war aber  der Gegensatz  zwischen der  Wahl durch  das
       Handzeichen und  der Abstimmung durch die Stimmberechtigten, zwi-
       schen dem  Tag der  Nominierung und  dem Tag der Deklarierung, so
       ernst, so  drohend, so klar, so gleichmäßig im ganzen Lande durch
       gegensätzliche Prinzipien  gekennzeichnet wie  bei dieser letzten
       Wahl im Jahre 1852.
       Und was  für ein  Gegensatz! Wer  durch das Handzeichen nominiert
       wurde, der  fiel bei  der Abstimmung  unweigerlich durch. Und wer
       bei der  Abstimmung die  Majorität bekam,  der wurde unweigerlich
       vom Volke  mit faulen  Äpfeln und  Steinen begrüßt. Besonders die
       rechtmäßig gewählten  Parlamentsmitglieder hatten alle Hände voll
       zu tun,  um ihr  parlamentarisches körperliches Ich in Sicherheit
       zu bringen. Auf der einen Seite die Majorität des Volkes, auf der
       andern ein Zwölftel der ganzen Bevölkerung bzw. ein Fünftel aller
       erwachsenen männlichen  Einwohner des Landes. Auf der einen Seite
       Enthusiasmus, auf der andern Bestechung. Auf der einen Seite Par-
       teien, die  das verleugneten,  was ihrem  Wesen entsprach - Libe-
       rale, die  Konservativismus, Konservative,  die Liberalismus pre-
       digten; auf  der andern  Seite das Volk, das laut sein Vorhanden-
       sein proklamierte  und seine eigene Sache verfocht. Auf der einen
       Seite eine ausgeleierte Maschine, die sich ewig in ihrem Teufels-
       kreis bewegt und dabei nicht einen Schritt weit vorankommen kann;
       dazu der sterile Prozeß steter Reibereien, durch den sich die of-
       fiziellen Parteien  alle gegenseitig  langsam zu Staub zermahlen.
       Auf der  andern Seite die Masse der Nation auf dem Vormarsch, die
       den Teufelskreis  zu sprengen und die offizielle Maschine zu ver-
       nichten droht.
       Ich will hier nicht verfolgen, wie sich dieser Gegensatz zwischen
       Nominierung und  Abstimmung, zwischen der bedrohlichen Kundgebung
       des Willens  der Arbeiterklasse  und den  feigen Wahlmanövern der
       herrschenden Klassen  im ganzen  Lande zeigte. Ich will nur einen
       Wahlkreis von  vielen nehmen, wo sich dieser Gegensatz wie in ei-
       nem Brennpunkt  konzentrierte - die Wahl in Halifax. Dort standen
       sich als  Kandidaten gegenüber:  Edwards (Tory); Sir Charles Wood
       (ehemaliger Schatzkanzler  der Whigs  und Schwager  des  Earl  of
       Grey); Frank  Crossley (Manchestermann) und endlich Ernest Jones,
       der begabteste,  energischste und  konsequenteste  Vertreter  des
       Chartismus. Da  Halifax eine  Fabrikstadt ist, hatte der Tory von
       vornherein wenig  Chancen. Crossley, der Manchestermann, ging mit
       den Whigs. Wirklichen Kampf gab es also nur zwischen Wood und Jo-
       nes, zwischen dem Whig und dem Chartisten.
       
       #347# Die Chartisten
       -----
       Sir Charles  Wood sprach etwa eine halbe Stunde; zu Beginn konnte
       man ihn kaum hören, und die zweite Hälfte seiner Rede blieb wegen
       der lauten Mißfallensäußerungen der ungeheuren Menschenmenge fast
       unverständlich. Nach  dem Bericht  des Reporters,  der in  seiner
       Nähe saß,  bestand seine Rede nur in einem Rekapitulieren bereits
       angenommener freihändlerischer  Reformen, einem  Angriff auf Lord
       Derbys Regierung  und einer Lobeshymne auf "die beispiellose Pro-
       sperität des  Landes und  des Volkes".  ("Hört, hört!") Er schlug
       keine einzige  neue Reform vor und spielte nur flüchtig, in weni-
       gen Worten, auf Lord John Russells Wahlrechtsbill [254] an.
       
       Ich gebe  einen ausführlicheren  Auszug aus E. Jones' Rede [255],
       da  Sie  diese  in  keiner  der  großen  Londoner  Zeitungen  der
       herrschenden Klasse finden werden.
       
       Ernest Jones  wurde mit  ungeheurem  Enthusiasmus  empfangen.  Er
       sagte:
       "Wähler und  Nichtwähler, ihr seid hier aus einem großen und fei-
       erlichen Anlaß  zusammengekommen. Heute  erkennt die Konstitution
       das allgemeine Wahlrecht in der Theorie an, um es vielleicht mor-
       gen in  der Praxis  zu verleugnen. Heute stehen vor euch die Ver-
       treter zweier  Systeme, und ihr habt zu entscheiden, nach welchem
       System ihr die nächsten sieben Jahre regiert werdet. Sieben Jahre
       - die  Spanne eines  Kinderlebens! An  der Schwelle dieser sieben
       Jahre mahne  ich euch zur Besinnung; laßt sie heute an eurem Gei-
       ste langsam  und in  aller Ruhe  vorüberziehen. Heute entscheidet
       ihr 20 000  Männer, damit  morgen vielleicht 500 euren Willen zu-
       schanden machen können!" ("Hört, hört!") "Ich sage, vor euch ste-
       hen die  Vertreter zweier Systeme. Zu meiner Linken seht ihr zwar
       Whigs, Tories  und Geldmenschen  - im  Grunde sind  sie sich aber
       alle gleich.  Der Geldmensch  sagt,  kaufe  billig  und  verkaufe
       teuer. Der  Tory sagt,  kaufe teuer und verkaufe noch teurer. Für
       den Arbeiter läuft das auf eins hinaus. Heute setzt sich aber das
       System der  Geldmenschen immer  mehr durch,  und was  es mit sich
       bringt, woran  es zutiefst  krankt, ist  wachsende Verarmung.  Es
       gründet sich  auf die  Konkurrenz mit  dem Ausland.  Ich aber be-
       haupte, daß bei diesem Prinzip des billigen Einkaufs und des teu-
       ren Verkaufs,  angewandt auf  die Konkurrenz mit dem Ausland, die
       Ruinierung der Arbeiterklasse und des Kleingewerbes fortschreiten
       muß. Und warum? Weil die Arbeit allen Reichtum hervorbringt. Soll
       auch nur  ein Körnchen wachsen oder eine Elle Stoff entstehen, so
       muß der  Mensch arbeiten.  In diesem Lande kann aber der Arbeiter
       nicht arbeiten,  ohne daß ihn ein anderer beschäftigt. Die Arbeit
       ist eine gedingte Ware, eine Sache, die auf dem Markt gekauft und
       verkauft wird.  Da nun  die Arbeit allen Reichtum schafft, so muß
       zuallererst sie gekauft werden: 'Kauft billig, kauft billig!' Die
       Arbeit wird  also auf dem billigsten Markt gekauft. Nun aber geht
       es weiter: 'Verkauft teuer, verkauft teuer!' Verkauft was?  D a s
       P r o d u k t   d e r   A r b e i t.  Und an wen? An das Ausland.
       Sicherlich - aber auch  a n  d e n  A r b e i t e r  s e l b s t.
       Denn da  der Arbeiter  nicht Herr  über seine  eigene Arbeit ist,
       kommt er  auch nicht in den Genuß des direkten Ertrags seiner Ar-
       beit. 'Kauft  billig, verkauft  teuer!' Wie  gefällt  es  euch  -
       dieses 'Kauft  billig, verkauft  teuer!'? Kauft billig die Arbeit
       des Arbeiters  und  verkauft  teuer  an  denselben  Arbeiter  das
       Produkt seiner eigenen Arbeit! Daß der Arbeiter dabei
       
       #348# Karl Marx
       -----
       verlieren muß,  darin liegt das Wesen dieses Geschäfts. Der Lohn-
       herr kauft die Arbeit billig ein. Dann verkauft er, und dabei muß
       er einen  Profit machen. Er verkauft an den Arbeiter selbst - und
       demzufolge ist  jedes Abkommen  zwischen Lohnherr  und Lohnarbei-
       terern Betrug,  den der  Lohnherr mit  Vorbedacht begeht. So wird
       die Arbeit durch steten Verlust gedrückt, damit das Kapital durch
       steten Betrug  steige. Aber  das System  hört damit nicht auf. Es
       wird auf  die Konkurrenz  mit dem  Ausland ausgedehnt,  d.h., wir
       sind gezwungen, den Handel anderer Länder zugrunde zu richten, so
       wie wir  die Arbeit  im eigenen  Lande bereits zugrunde gerichtet
       haben. Wie  geht das  nun zu?  Ein Land mit hohen Steuern muß das
       niedriger besteuerte  unterbieten. Die  Konkurrenz des  Auslandes
       wächst ständig, also müssen auch in gleichem Maße die Waren wohl-
       feiler werden.  Folglich müssen die Löhne in England ständig fal-
       len. Und wie wird das erreicht? Durch den  Ü b e r s c h u ß  a n
       A r b e i t e r n.   Und wie kommt man zu diesem? Durch das Mono-
       pol am  Boden, das  mehr Arbeiter  in die Fabriken treibt als ge-
       braucht werden;  durch das Monopol an den Maschinen, das wiederum
       diese Arbeiter auf die Straße treibt; durch Frauenarbeit, die den
       Mann vom Webstuhl verdrängt, durch Kinderarbeit, die wiederum die
       Frau vertreibt. Und dann setzen die Lohnherren ihren Fuß auf die-
       ses lebendige Postament der Überschüssigen; sie zertreten die ge-
       peinigten Herzen mit brutaler Ferse und warnen laut, es drohe der
       Hungertod: 'Wer  will Arbeit?  Ein halbes Brot ist besser als gar
       keines!' Und  die Masse windet sich vor Schmerz und hascht gierig
       nach jedem  Angebot." (Lautes "Hört, hört!") "So sieht das System
       für den Arbeiter aus. Wie aber, ihr Wähler, wirkt es auf euch zu-
       rück? Wie  beeinflußt es  den heimischen  Handel, den kleinen Ge-
       schäftsmann, die  Armenabgaben und  die Besteuerung? Jede Steige-
       rung der auswärtigen Konkurrenz muß weitere Verbilligung im eige-
       nen Lande  hervorrufen. Jede  weitere Verbilligung der Arbeit be-
       ruht auf einer Steigerung des Überschusses an Arbeitern, und die-
       ser Überschuß  wird durch  die stärkere  Verwendung von Maschinen
       erzielt. Ich  wiederhole, wie wirkt das auf euch zurück? Der Man-
       chesterliberale zu  meiner Linken  patentiert eine neue Erfindung
       und wirft dreihundert Mann als Überschuß auf die Straße. Nun, für
       euch kleine  Geschäftsleute sind  das dreihundert Kunden weniger.
       Für euch  als Steuerzahler  sind das dreihundert neue Almosenemp-
       fänger." (Lauter Beifall.) "Doch glaubt mir, damit sind die üblen
       Folgen nicht  erschöpft! Diese dreihundert Mann bewirken erstens,
       daß die  Löhne derjenigen  fallen, die in ihrer bisherigen Arbeit
       verbleiben. Der  Lohnherr  sagt  ihnen:  'Jetzt  senke  ich  eure
       Löhne.' Die  Arbeiter protestieren. Dann fügt er hinzu: 'Seht ihr
       jene  dreihundert,   die  eben   die  Fabrik  verließen?    I h r
       k ö n n t   m i t   i h n e n  d e n  P l a t z  w e c h s e l n,
       w e n n   i h r  w o l l t,  sie reißen sich danach, zu jeder Be-
       dingung zurückzukommen,  denn sie sind am Verhungern.' Die Arbei-
       ter sehen  das  ein  und  sind  geschlagen.  Oh,  du  Manchester-
       liberaler, du  Pharisäer der Politik! Jene Arbeiter hören hier zu
       - habe  ich dich  jetzt entlarvt? Aber das Unheil hört auch damit
       noch nicht auf. Aus ihren eigenen Berufen verdrängt, suchen diese
       Männer Beschäftigung  in anderen, wo sie wiederum das Überangebot
       steigern und die Löhne herunterdrücken. Die schlechtbezahlten Be-
       rufe von  heute sind die gutbezahlten von gestern; die gutbezahl-
       ten von  heute werden  die schlechtbezahlten  von morgen sein. So
       wird die  Kaufkraft der arbeitenden Klassen Tag um Tag verringert
       und mit  ihr der  Handel im  eignen Lande zugrunde gerichtet. Ihr
       werdet
       
       #349# Die Chartisten
       -----
       es merken  in euerm Laden! Eure Kunden werden ärmer, eure Profite
       kleiner; aber  die Zahl der Paupers wächst und mit ihr eure Steu-
       ern und  Armenabgaben. Eure Einnahmen fallen, eure Ausgaben stei-
       gen, ihr bekommt weniger und zahlt mehr. Wie gefällt euch das Sy-
       stem? Auf  euch wälzen der reiche Fabrikant und der Grundherr die
       Last der  Steuern und die Armenabgaben. Männer des Mittelstandes!
       Für die Reichen seid ihr die Maschine, die die Steuern zahlt. Die
       Reichen schaffen jene Armut, die ihren Reichtum schafft, und euch
       zwingen sie,  für die  Armut zu  zahlen, die  sie geschaffen. Der
       Grundherr entschlüpft  kraft seines  Privilegs, der Fabrikant da-
       durch, daß  er sich  an den Löhnen seiner Arbeiter schadlos hält,
       und auf euch fällt das alles zurück. Wie gefällt euch das System?
       Nun, es  ist das  System, das die Herren zu meiner Linken vertre-
       ten. Was  dagegen schlage ich euch vor? Ich habe das Unrecht auf-
       gezeigt: das  ist schon  etwas. Aber ich will mehr tun. Ich stehe
       hier vor euch, um euch zu zeigen, was Recht ist, und um es zu be-
       weisen." (Lauter Beifall.)
       
       Darauf entwickelte  Ernest Jones seine eigenen Ansichten über po-
       litische und ökonomische Reformen und fuhr dann fort:
       
       "Wähler und  Nichtwähler, ich  habe euch  nun einige der sozialen
       und politischen  Maßnahmen dargelegt, für deren unmittelbare Ein-
       führung ich  heute eintrete,  wie ich  es auch  schon 1847  getan
       habe. Dafür  aber, daß ich  e u r e  Freiheiten erweitern wollte,
       wurde meine  Freiheit beschnitten." ("Hört, hört!") "Weil ich den
       Tempel der Freiheit für euch alle errichten wollte, warf man mich
       wie einen  gemeinen Verbrecher  in die  Kerkerzelle. Und  hier zu
       meiner  Linken   sitzt  einer   meiner  obersten  Kerkermeister."
       (Lautes, fortgesetztes, nach links gerichtetes Murren.) "Weil ich
       der Wahrheit meine Stimme lieh, wurde ich zum Schweigen verdammt.
       Zwei Jahre  und eine Woche lang sperrte er mich ins Gefängnis, in
       Einzelhaft und  mit Schweigegebot.  Man gab  mir weder Tinte noch
       Feder noch Papier, sondern Werg zum Zupfen. - Ja" (er wandte sich
       Sir Charles Wood zu), "zwei Jahre und eine Woche lang triumphier-
       ten Sie,  heute bin  ich dran!  Den Engel der Rache rufe ich, der
       lebendig ist  im Herzen  eines jeden Engländers, der hier vor uns
       steht!" (Ungeheurer  Beifallssturm.) "Horchen Sie! Im Atem dieser
       gewaltigen Menge  vernehmen  Sie  das  Rauschen  seiner  Flügel!"
       (Neuer, lang  anhaltender Beifall.)  "Sie meinen  vielleicht, das
       sei keine  öffentliche Angelegenheit.  Das  stimmt  aber  nicht."
       ("Hört, hört!")  "Es gehört vor die Öffentlichkeit, denn wer kein
       Mitleid kennt  für das Weib des Gefangenen, der hat es auch nicht
       für das Weib des Arbeiters. Wer kein Mitgefühl kennt für die Kin-
       der des Gefangenen, der hat es auch nicht mit den Kindern des Ar-
       beitssklaven." ("Hört,  hört!" und Beifall.) "Seine Vergangenheit
       beweist es;  seine heutigen  Versprechungen widerlegen  es nicht.
       Wer stimmte  für die  irische Zwangsbill, für Knebelgesetze gegen
       die irische Presse und für die Einmischung in deren Angelegenhei-
       ten? Der  Whig! Dort  sitzt er! Jagt ihn davon! Wer stimmte fünf-
       zehnmal gegen  den Antrag  Humes für  die Erweiterung  des  Wahl-
       rechts; gegen  Locke Kings  Vorschlag für  die ländlichen Wahlbe-
       zirke; gegen  Ewarts Vorschlag, die Legislaturperioden zu verkür-
       zen; gegen  Berkeleys Antrag, die geheime Abstimmung einzuführen?
       Der Whig!  Dort sitzt  er! Jagt  ihn davon! Wer stimmte gegen die
       Freilassung von  Frost, Williams  und Jones? Der Whig! Dort sitzt
       er! Jagt ihn davon! Wer stimmte
       
       #350# Karl Marx
       -----
       gegen die Untersuchung der Kolonialgreuel und zugunsten Wards und
       Torringtons, der  Tyrannen über  die Ionischen Inseln und Ceylon?
       Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Wer stimmte dagegen, die
       zwölftausend Pfund  Sterling Gehalt  des Herzogs von Cambridge zu
       kürzen? Wer  gegen alle  Abstreichungen beim  Heer und in der Ma-
       rine, wer  gegen die  Abschaffung der  Fenstersteuer? Wer stimmte
       achtundvierzigmal gegen  jedweden Vorschlag, die Steuern herabzu-
       setzen, und  auch gegen  die Kürzung  seines eigenen Gehalts? Der
       Whig! Dort  sitzt er!  Jagt ihn  davon! Wer stimmte gegen die Ab-
       schaffung der Zeitungssteuer, der Annoncensteuer, der Besteuerung
       des Wissens? Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Wer stimmte
       für einen Haufen neuer Bischofssitze und Pfründe? Für den Zuschuß
       an Maynooth  und gegen  dessen Reduktion? [256] Wer gegen die Be-
       freiung der  Dissenters [247]  von der  Kirchensteuer? Der  Whig!
       Dort sitzt  er! Jagt ihn davon! Wer stimmte gegen jegliche Unter-
       suchung der  Nahrungsmittelverfälschungen? Der  Whig! Dort  sitzt
       er! Jagt  ihn davon!  Wer gegen  das Herabsetzen der Zuckersteuer
       und gegen das Abschaffen der Malzsteuer? Der Whig! Dort sitzt er!
       Jagt ihn  davon! Wer stimmte gegen die Verkürzung der Nachtarbeit
       der Bäcker, gegen eine Enquête über die Lage der Maschinenwirker,
       gegen die Gesundheitsinspektion der Arbeitshäuser, gegen das Ver-
       bot der Arbeit kleiner Kinder vor 6 Uhr morgens, gegen die Unter-
       stützung armer schwangerer Frauen aus der Gemeindekasse und gegen
       die Zehnstundenbill?  Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Im
       Namen Gottes  und der  Menschlichkeit, jagt ihn davon! Männer von
       Halifax! Männer Englands! Die beiden Systeme stehen vor euch! Ur-
       teilt nunmehr  und wählt!"  (Man kann  den Enthusiasmus nicht be-
       schreiben, den  diese Rede,  besondersam Schlüsse, hervorrief. In
       atemloser Spannung  hörte die  Menge zu,  und bei jeder Pause er-
       dröhnte voller  Abscheu für  die Vertreter  des Systems der Whigs
       und der  Klassenherrschaft ihre Stimme wie der Donnerschlag einer
       zurückflutenden Meereswoge.  Es war  eine Szene, die lange in der
       Erinnerung fortleben  wird. Als  es zum Handzeichen kam, stimmten
       nur ganz  vereinzelte, meist eingeschüchterte oder bezahlte Indi-
       viduen, für  Sir Charles  Wood; für  Ernest Jones hoben fast alle
       Anwesenden unter unbeschreiblichem Jubel und begeisterten Zurufen
       beide Hände empor.)
       Der Bürgermeister  stellte fest,  daß Ernest  Jones und Henry Ed-
       wards durch  das Handzeichen  gewählt seien. Sir Charles Wood und
       Herr Crossley verlangten darauf die Abstimmung durch die Stimmbe-
       rechtigten.
       
       Und es kam, wie Jones vorausgesagt hatte: Er war mit 20 000 Stim-
       men nominiert  worden, aber  gewählt wurden  der Whig Sir Charles
       Wood und der Manchestermann Crossley mit 500 Stimmen.
       Karl Marx
       
       Aus dem Englischen.
       

       zurück