Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       [Der Wiener Märzaufstand]
       
       Am 24.  Februar 1848  wurde Louis-Philippe  aus Paris verjagt und
       die französische Republik ausgerufen. Am folgenden 13. März brach
       das Volk  von Wien die Macht des Fürsten Metternich und zwang ihn
       zu schimpflicher Flucht aus dem Lande. Am 18. März griff das Volk
       von Berlin  zu den  Waffen und  erlebte nach  einem  erbitterten,
       achtzehnstündigen Kampf die Genugtuung, daß der König vor ihm ka-
       pitulierte. Um  dieselbe Zeit kam es auch in den Hauptstädten der
       kleineren Staaten  Deutschlands zu mehr oder minder heftigen Aus-
       brüchen, und  zwar überall  mit dem  gleichen Ergebnis.  Wenn das
       deutsche Volk  seine erste  Revolution auch  nicht  bis  zu  Ende
       durchgeführt hat,  so hat  es die  revolutionäre Bahn doch wenig-
       stens wirklich betreten.
       Auf die Einzelheiten der verschiedenen Erhebungen können wir hier
       nicht eingehen;  was wir klarzulegen haben, ist ihr Charakter und
       die Stellung, die die verschiedenen Klassen der Bevölkerung ihnen
       gegenüber einnahmen.
       Die Revolution in Wien wurde von einer, man kann sagen, fast ein-
       mütigen Bevölkerung  gemacht. Die  Bourgeoisie - mit Ausnahme der
       Bankiers und der Börsenspekulanten -, das Kleinbürgertum, die ge-
       samte Arbeiterschaft erhoben sich gleichzeitig wie ein Mann gegen
       eine Regierung, die von allen verabscheut, eine Regierung, die so
       allgemein verhaßt  war, daß die kleine Minderheit von Adligen und
       Geldfürsten, die  sie unterstützt  hatte, gleich  beim ersten An-
       sturm von der Bildfläche verschwand. Die Bourgeoisie war von Met-
       ternich in  einer derartigen  politischen  Unwissenheit  gehalten
       worden, daß die Nachrichten aus Paris über die Herrschaft von An-
       archie, Sozialismus und Terror und über bevorstehende Kämpfe zwi-
       schen der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse völlig unver-
       ständlich für  sie blieben.  In ihrer  politischen Unschuld  ver-
       möchte sie aus diesen Nachrichten entweder überhaupt nicht schlau
       zu werden,  oder sie hielt sie für teuflische Erfindungen Metter-
       nichs,
       
       #36# Friedrich Engels
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       um sie  durch Angst zum Gehorsam zu bringen. Zudem hatte sie noch
       niemals gesehen,  daß die Arbeiter als Klasse handelten oder sich
       für ihre eigenen, besonderen Klasseninteressen erhoben. Auf Grund
       ihrer bisherigen  Erfahrungen konnte  sie sich  nicht vorstellen,
       daß es zwischen Klassen, die eben in so herzlicher Eintracht eine
       allen verhaßte  Regierung gestürzt  hatten, zu Differenzen kommen
       könnte. Sie sah, daß das arbeitende Volk mit ihr in allen Punkten
       einig war: in der Frage einer Verfassung, der Schwurgerichte, der
       Pressefreiheit usw.  Sie war  daher, zum  mindesten im März 1848,
       mit Leib  und Seele bei der Bewegung, und die Bewegung ihrerseits
       erhob die  Bourgeoisie - wenigstens in der Theorie - sogleich zur
       herrschenden Klasse im Staat.
       Aber es  ist das  Schicksal aller  Revolutionen, daß dies Bündnis
       verschiedener Klassen,  das bis zu einem gewissen Grade immer die
       notwendige Voraussetzung  jeder Revolution  ist, nicht von langer
       Dauer sein kann. Kaum ist der Sieg über den gemeinsamen Feind er-
       rungen, da  beginnen die  Sieger sich  in verschiedene  Lager  zu
       scheiden und  die Waffen  gegeneinander zu kehren. Gerade die ra-
       sche, heftige Entwicklung des Klassenantagonismus macht in alten,
       komplizierten gesellschaftlichen  Organismen, die  Revolution  zu
       einer so  mächtigen Triebkraft des sozialen und politischen Fort-
       schritts; gerade  das unaufhörliche, schnelle Emporschießen neuer
       Parteien, die nacheinander an der Macht sind, läßt eine Nation in
       Zeiten so  heftiger Erschütterungen  in fünf Jahren weiter voran-
       kommen als unter normalen Verhältnissen in einem Jahrhundert.
       Die Revolution  in Wien  machte die  Bourgeoisie theoretisch  zur
       herrschenden Klasse;  das heißt,  die der  Regierung abgerungenen
       Zugeständnisse hätten,  einmal in  der Praxis  angewandt und eine
       Zeitlang aufrechterhalten,  die Herrschaft  der Bourgeoisie unbe-
       dingt sichergestellt.  Aber in  Wirklichkeit war  die  Herrschaft
       dieser Klasse  keineswegs fest begründet. Durch die Schaffung ei-
       ner Nationalgarde,  die der  Bourgeoisie und  dem  Kleinbürgertum
       Waffen in die Hand gab, erlangte diese Klasse zwar Macht und Ein-
       fluß; durch  die Einsetzung eines "Sicherheitsausschusses", einer
       Art revolutionärer,  niemandem verantwortlicher Regierung, in der
       die Bourgeoisie das entscheidende Wort hatte, gelangte sie an die
       Spitze der  Macht. Aber  gleichzeitig wurde auch ein Teil der Ar-
       beiter bewaffnet;  sie und die Studenten hatten die Hauptlast des
       Kampfes getragen,  soweit es einen Kampf überhaupt gegeben hatte;
       und die Studenten, an die 4000 Mann stark, gut bewaffnet und weit
       besser diszipliniert  als die  Nationalgarde, bildeten  den Kern,
       die eigentliche  Stärke der  revolutionären Streitmacht,  und sie
       waren keineswegs gewillt, bloß Werkzeug in den Händen des Sicher-
       heitsausschusses zu sein. Wenn sie ihn auch anerkannten
       
       #37# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       erkannten, ja  sogar seine  begeisterten  Verteidiger  waren,  so
       stellten sie  doch eine  Art selbständiger,  ziemlich turbulenter
       Truppe dar,  die in  der "Aula"  ihre eigenen Beratungen abhielt,
       eine Mittelstellung  zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse ein-
       nahm, durch  ständige Unruhe  dafür sorgte,  daß die  Dinge nicht
       wieder in  den alten, gemächlichen Trott des Alltags zurückfielen
       und oftmals dem Sicherheitsausschuß ihre Beschlüsse aufzwang. Die
       Arbeiter wiederum,  die fast sämtlich Lohn und Brot verloren hat-
       ten, mußten  auf Staatskosten  mit öffentlichen Arbeiten beschäf-
       tigt werden,  und die Mittel für diesen Zweck hatte natürlich der
       Geldbeutel der  Steuerzahler oder die Kasse der Stadt Wien aufzu-
       bringen. Das  alles mußte für die Wiener Geschäftsleute recht un-
       angenehm werden.  Die Fabriken der Stadt, auf den Bedarf der rei-
       chen aristokratischen Hofhaltungen eines großen Landes berechnet,
       waren durch  die Revolution,  infolge der Flucht der Aristokratie
       und des  Hofes, naturgemäß völlig lahmgelegt; der Handel lag dar-
       nieder, und  die Unruhe,  die Erregung, die von den Studenten und
       Arbeitern unausgesetzt  geschürt wurde,  war gewiß  nicht das ge-
       eignete Mittel,  um "das  Vertrauen wiederherzustellen",  wie die
       Redensart lautete.  So entwickelte  sich sehr  bald ein  ziemlich
       kühles Verhältnis  zwischen der  Bourgeoisie auf  der einen,  den
       turbulenten Studenten  und Arbeitern  auf der  andern Seite;  und
       wenn diese  Kühle sich  längere Zeit nicht zu offener Feindschaft
       aus wuchs, so nur darum, weil das Ministerium, und namentlich der
       Hof, in  ihrer Ungeduld,  die alten  Zustände wiederherzustellen,
       immer wieder  den Argwohn  und die stürmische Regsamkeit der ent-
       schiedeneren revolutionären  Gruppen rechtfertigten und sogar vor
       den Augen  der Bourgeoisie  immer wieder  das Schreckgespenst des
       alten Metternichschen  Despotismus heraufbeschworen. So kam es am
       15. und  dann wieder am 26. Mai zu neuen Erhebungen aller Klassen
       in Wien,  weil die Regierung versucht hatte, einige der neuerrun-
       genen Freiheiten  anzutasten oder  zu untergraben,  und bei jeder
       dieser Gelegenheiten wurde das Bündnis zwischen der Nationalgarde
       - d.h.  der bewaffneten  Bourgeoisie -, den Studenten und den Ar-
       beitern nochmals für einige Zeit gefestigt.
       Was die  anderen Klassen  der Bevölkerung anbelangt, so waren die
       Aristokratie und  die großen Geldleute verschwunden, und die Bau-
       ernschaft war  allenthalben emsig  am Werke,  den Feudalismus mit
       Haut und Haar auszurotten. Mit Rücksicht auf den Krieg in Italien
       [28] und auf die Sorgen, die Wien und Ungarn dem Hofe bereiteten,
       ließ man  die Bauern  frei gewähren,  und daher  gelang ihnen das
       Werk ihrer  Befreiung in  Österreich besser  als  in  irgendeinem
       andern Teile Deutschlands. Der österreichische Reichstag brauchte
       kurz darauf  nur die Schritte zu bestätigen, die die Bauernschaft
       praktisch bereits  unternommen, und was die Regierung des Fürsten
       Schwarzenberg sonst
       
       #38# Friedrich Engels
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       auch wiederherzustellen  imstande sein  mag, so wird es doch nie-
       mals in  ihrer Macht  stehen, die feudale Knechtschaft der Bauern
       wieder einzuführen.  Und wenn  Österreich  augenblicklich  wieder
       verhältnismäßig ruhig,  ja sogar stark ist, so hauptsächlich des-
       halb, weil  die große  Mehrheit des Volkes, die Bauern, durch die
       Revolution wirklich  etwas gewonnen  hat und  weil, was immer die
       wiederhergestellte Regierung  auch  sonst  beseitigt  hat,  diese
       handgreiflichen materiellen  Vorteile, die  die Bauern  errangen,
       bisher unangetastet geblieben sind.
       London, Oktober 1851
       

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