Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       #358#
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       Karl Marx
       
       Die Wahlresultate [243]
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 3558 vom 11. September 1852]
       London, Freitag, 27. August 1852
       Ich will nun das Resultat der letzten allgemeinen Wahlen betrach-
       ten. Wenn  wir Whigs,  Freihändler und Peeliten unter dem Begriff
       Opposition zusammenfassen  und so insgesamt den Tories gegenüber-
       stellen, so  sehen wir,  daß das  neue Parlament rein statistisch
       den großen  Antagonismus zwischen  S t a d t  und  L a n d  deut-
       lich zum  Ausdruck bringt,  auf den  wir schon früher hingewiesen
       1*).
       In  E n g l a n d  wurden in den städtischen Wahlbezirken 104 Mi-
       nisterielle und  215 Oppositionelle, in den ländlichen jedoch 109
       Ministerielle und  nur 32 Oppositionelle gewählt. Von den ländli-
       chen Bezirken,  dem Bollwerk der Tories, müssen die reichsten und
       einflußreichsten abgezogen  werden: West-Riding in Yorkshire, das
       südliche Lancashire,  Middlesex, das  östliche Surrey und andere,
       auf die  von insgesamt zehn Millionen ländlicher Bevölkerung vier
       Millionen entfallen,  abgesehen von  den Städten  dieser Bezirke,
       die Abgeordnete ins Parlament entsenden.
       In  W a l e s  ist das Resultat der Wahlen in den Städten dem auf
       dem Lande  direkt entgegengesetzt:  die Städte wählten 10 Opposi-
       tionelle und 3 Ministerielle, das Land 11 Ministerielle und 3 Op-
       positionelle.
       In   S c h o t t l a n d   tritt der  Unterschied am klarsten zu-
       tage. Den  von den  Städten gewählten  25  Oppositionellen  steht
       nicht ein  Ministerieller gegenüber.  Das Land entsandte 14 Mini-
       sterielle und 13 Oppositionelle.
       In   I r l a n d   ist das  Verhältnis ein  andres als im übrigen
       Großbritannien. In  Irland ist  die nationale Partei am stärksten
       auf dem Lande, wo die Bevölkerung unmittelbarer unter dem Einfluß
       des katholischen Klerus steht,
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 336-341
       
       #359# Die Wahlresultate
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       während in  den Städten des Nordens englische und protestantische
       Elemente überwiegen. Der eigentliche Sitz der Opposition ist dort
       also auf  dem Lande,  wenn dies  auch bei  dem jetzigen Wahlmodus
       nicht so auffällig in Erscheinung treten kann. In Irland entsand-
       ten die  Städte 14  Ministerielle und 25 Oppositionelle, das Land
       24 Ministerielle und 35 Oppositionelle ins Parlament.
       Fragt man  mich nun,  welche Partei  eigentlich  bei  den  Wahlen
       siegte, so  lautet die  Antwort, daß  sie eigentlich allesamt die
       Tories besiegten,  denn die Tories sind trotz Bestechung und Ein-
       schüchterung, trotz  der Unterstützung  durch die  Regierung ganz
       offensichtlich in der Minorität. Die zuverlässigsten Angaben mel-
       den 290 Ministerielle, 337 Liberale bzw. vereinte Oppositionelle,
       27 zweifelhafte  Resultate. Selbst wenn man nun diese zweifelhaf-
       ten 27 noch zu den Ministeriellen hinzuzählt, verbleibt den Libe-
       ralen immer  noch eine  Mehrheit von  20. Dabei hatten die Tories
       mit einer Majorität von mindestens 336 gerechnet. Aber selbst ab-
       gesehen von  der numerischen  Minorität erlitten  die Tories eine
       Niederlage schon  deshalb, weil  ihre führenden  Männer gezwungen
       waren, ihre eigenen protektionistischen Grundsätze zu verleugnen.
       Von 290 Anhängern Derbys sprachen sich 20 gegen jeglichen Schutz-
       zoll aus  und von  den übrigen  270 viele, sogar Disraeli selber,
       gegen die Getreidezölle.
       Lord Derby  hatte in  seinen Parlamentserklärungen versichert, er
       werde nur  dann eine  andere Handelspolitik  einschlagen, wenn er
       sich auf eine große Majorität stützen könne. So wenig war er dar-
       auf gefaßt,  sich in  der Minorität zu befinden. Entspricht daher
       das Wahlresultat  bei weitem  nicht den sanguinischen Erwartungen
       der Tories, so ist es doch wiederum weit günstiger für sie ausge-
       fallen, als die Opposition je erwartet hat.
       Keine Partei  hat eine  so ernste  Niederlage  erlitten  wie  die
       Whigs, und  zwar gerade  dort, wo  die eigentliche  Stärke dieser
       Partei liegt  - in  ihren alten  Ministern. Die  Masse der  Whigs
       teilt einerseits  die Meinungen der Freihändler, andererseits die
       der Peeliten.  Wirklich bestimmend  für das  Leben der englischen
       Whigpartei ist aber ihr offizielles Haupt. Nun ist zwar das Haupt
       des letzten  Whigministeriums, Lord John Russell, in der Londoner
       City wiedergewählt worden; aber bei der Wahl in der City im Jahre
       1847 erhielt  Mr. Masterman  (Tory) 415  Stimmen weniger als Lord
       Russell. 1852  bekam er 819 Stimmen mehr als Lord Russell und hat
       überhaupt die  größte Stimmenzahl.  Elf Mitglieder der alten Whi-
       gregierung sind  von ihrem  Sitz im Parlament verjagt worden, und
       zwar: Sir W.G. Craig, Lord des Schatzamtes; R.M. Bellew, Lord des
       Schatzamtes; Sir D. Dundas, Generaladvokat von Schottland; Sir G.
       Grey, Innenminister;  J. Hatchell, Kronanwalt für Irland; J. Cor-
       newall Lewis, Sekretär des Schatzamtes; Lord C.E. Paget, Sekretär
       des General-Feldzeugmeisters;  J. Parker,  Sekretär der Admirali-
       tät;
       
       #360# Karl Marx
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       Sir W.  Somerville, Staatssekretär  für Irland;  Admiral Stewart,
       Lord der Admiralität, und zu diesen kommt noch Mr. Bernal, bishe-
       riger Vorsitzender der Ausschüsse [261]. Kurz, seit dem Erlaß der
       Reformbill [251] sind die Whigs noch nie so aufs Haupt geschlagen
       worden.
       Die Peeliten,  die schon  im vorigen  Parlament in  sehr geringer
       Zahl vertreten  waren, sind auf eine noch bedeutungslosere Gruppe
       zusammengeschrumpft, und  einige ihrer  wichtigsten Männer  haben
       ihre Sitze  verloren -  so z.B. Cardwell, Ewart (beide für Liver-
       pool), Greene  (für Lanark),  Lord Mahon (für Hertford), Roundell
       Palmer (für  Plymouth) etc. Die größte Sensation erregte die Nie-
       derlage Cardwells, und zwar nicht nur in Anbetracht der Bedeutung
       der von  ihm vertretenen Stadt, sondern auch wegen seiner persön-
       lichen Beziehungen  zu  dem  verstorbenen  Sir  R.  Peel,  dessen
       literarischer Testamentsvollstrecker er, zusammen mit Lord Mahon,
       ist. Cardwell  unterlag, weil er die Abschaffung der Navigations-
       akte [262]  unterstützte und  nicht in  den Ruf  "No Popery!" 1*)
       einstimmte. In  Liverpool  beeinflußten  aber  die  Anhänger  der
       Staatskirche und der Regierung die Wahlen ganz außerordentlich.
       
       "Diese sehr  geschäftige und  sehr aufs  Geldmachen erpichte  Ge-
       meinde", bemerkte  ein freihändlerisches  Blatt bei diesem Anlaß,
       "hat wenig Zeit, religiöse Gefühle zu pflegen; sie muß sich daher
       auf den  Klerus verlassen  und wird  so zum  Werkzeug  in  dessen
       Hand." [263]
       
       Dazu kommt,  daß die  Wähler von Liverpool nicht wie die von Man-
       chester einfach  "Männer" sind,  sondern "Gentlemen", und für die
       alte orthodoxe  Richtung ist es bezeichnend, daß es für sie einen
       Gentleman ohne Religion nicht gibt.
       Die Freihändler  endlich haben auch einige ihrer bekanntesten Na-
       men in  diesem Wahlkampf  eingebüßt -  so in  Bradford den Oberst
       Thompson (alias  Old Mother  Goose 2*)),  einen der  altbekannten
       Verkünder des  Freihandels in  Wort und  Schrift; in  Oldham W.J.
       Fox, einen  ihrer berühmtesten  Agitatoren und witzigsten Redner.
       In Manchester,  der Hochburg  der Partei,  schlugen selbst Bright
       und Gibson  ihre  Whigopponenten  nur  mit  einer  ganz  geringen
       Majorität. Natürlich  kann  unter  dem  jetzigen  Wahlsystem  die
       Manchesterschule  [244]   nicht   mit   einer   parlamentarischen
       Majorität rechnen, und sie tut es auch nicht. Sie hatte sich aber
       jahrelang damit  gebrüstet, daß,  wenn nur die Whigs entfernt und
       die Tories  wieder im  Amte wären,  sie eine  kolossale Agitation
       entfalten und  Wunder was  für heroische Taten vollbringen würde.
       Statt  dessen  sahen  wir  sie  in  diesem  Wahlkampf  aufs  neue
       bescheiden Hand in
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       1*) "Keine Papstwirtschaft!"  - 2*) Gänsemütterchen  (alte sagen-
       hafte Märchenerzählerin)
       
       #361# Die Wahlresultate
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       Hand mit  den Whigs gehen, und das allein ist gleichbedeutend mit
       einer moralischen Niederlage.
       Hat nun  auch keine der offiziellen Parteien einen Sieg errungen,
       sind sie  sogar statt  dessen alle  reihum geschlagen  worden, so
       kann sich  die britische  Nation doch damit trösten, daß eine be-
       stimmte Profession - wenn auch keine bestimmte Partei - im Parla-
       ment imposanter  denn je  vertreten ist.  Das sind  die  J u r i-
       s t e n.   Im Unterhaus  sitzen ihrer  über 100,  und eine solche
       Zahl von Rechtskonsulenten besagt vielleicht nichts Gutes für die
       Zukunft: weder  für eine Partei, daß sie ihre Ziele im Parlament,
       noch für  ein Parlament, daß es die Anerkennung seiner Beschlüsse
       durch die Nation durchsetzen werde.
       Diese Zahlenverhältnisse  lassen keinen Zweifel bestehen, daß die
       gesamte Opposition  den Tories gegenüber über eine negative Majo-
       rität verfügt.  Durch gemeinsames  Vorgehen kann sie schon in den
       allerersten Tagen nach dem Zusammentritt des Parlaments das Mini-
       sterium über den Haufen werfen. Dabei ist sie selber unfähig, aus
       ihren Reihen eine stabile Regierung zu bilden. Auflösung und all-
       gemeine Wahlen  wären von  neuem notwendig; Neuwahlen aber würden
       ihrerseits nur wieder eine weitere Auflösung erforderlich machen.
       Um aus  diesem Teufelskreis  herauszukommen, ist  eine Reform des
       Parlaments nötig. Veraltete Parteien und ein neues Parlament wer-
       den sich  aber lieber  sogar eine  Toryregierung gefallen lassen,
       als daß sie sich zu einer so heroischen Tat aufraffen.
       Betrachtet man  jede Partei  für sich  allein, so sind die Tories
       immer noch  die stärkste  Fraktion im Parlament, wenn sie auch im
       Vergleich zur  vereinten Opposition eine Minorität sind. Außerdem
       sind sie hinter den Bollwerken der Ämter verschanzt, haben hinter
       sich eine  gutdisziplinierte, kompakte,  ziemlich homogene  Armee
       und wissen  nur zu  gut, daß ihr Spiel für immer ausgespielt ist,
       wenn sie  diesmal verlieren. Ihnen gegenüber steht eine Koalition
       von vier  Armeen, jede unter einem anderen Führer, jede ein labi-
       les Konglomerat  zusammengewürfelter Fraktionen,  gespalten durch
       heterogene Interessen,  Grundsätze, Überlieferungen  und  Leiden-
       schaften, allesamt im Aufruhr gegen eine bedingungslose parlamen-
       tarische Disziplin,  jede eifersüchtig  darauf bedacht,  ihre An-
       sprüche gegen alle anderen zu wahren.
       Die Zahl der Vertreter der verschiedenen oppositionellen Parteien
       im   P a r l a m e n t   entspricht selbstverständlich keineswegs
       der Zahl  ihrer Anhänger  im   g a n z e n  L a n d e.  So bilden
       die Whigs  im Parlament  noch die  Hauptmasse der Opposition, den
       Kern, um  den sich  die anderen Gruppen ordnen. Das ist um so ge-
       fährlicher, als  diese Partei,  die sich  einbildet, immer an der
       Spitze der Staatsverwaltung stehen zu müssen, weit mehr daran in-
       teressiert ist,  ihren Verbündeten  die Unterstützung im Kampf um
       deren Ansprüche zu
       
       #362# Karl Marx
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       entziehn, als den gemeinsamen Feind zu schlagen. Die zweite oppo-
       sitionelle Fraktion,  die der  Peeliten, zählt  38 Mitglieder und
       wird von  Sir J.  Graham, S. Herbert und Gladstone geführt, wobei
       Graham auf  ein Bündnis  mit den Manchestermännern spekuliert. Er
       selbst strebt  zu sehr danach, Premierminister zu werden, um auch
       nur die geringste Neigung zu verspüren, den Whigs wieder zu ihrem
       alten Regierungsmonopol  zu verhelfen.  Andererseits teilen viele
       Peeliten die  konservativen Ansichten der Tories, während die Li-
       beralen nur  in handelspolitischen  Fragen fest  mit ihrer Unter-
       stützung rechnen können.
       
       "In vielen  anderen Fragen",  schreibt ein liberales Blatt, "wird
       es den  Ministern ein  leichtes sein, ihre Maßnahmen so zu formu-
       lieren, daß sie sich eine große Majorität der Peeliten zu sichern
       vermögen." [264]
       
       Die Freihändler  par excellence  1*) sind mit angeblich 113 Abge-
       ordneten stärker  vertreten als  im letzten  Parlament. Der Kampf
       mit den  Tories wird sie mehr vorantreiben, als den Whigs bei de-
       ren vorsichtiger Politik ratsam erscheinen dürfte.
       Die etwa  63 Mann  starke irische Brigade endlich, die seit König
       Dans 2*)  Tod nicht  gerade unter der Last ihrer Lorbeeren wankt,
       ist aber  numerisch sehr  wohl in  der Lage,  das Zünglein an der
       Waage zu  sein; mit  der britischen  Oppositionspartei teilt  sie
       nichts außer  den Haß  gegen Derby.  Im britischen Parlament ver-
       tritt sie  Irland gegen England. Keine Partei im Parlament könnte
       mit Sicherheit  in einer längeren Kampagne auf ihre Unterstützung
       zählen.
       Fassen wir  in wenigen Worten das Ergebnis dieser Untersuchung so
       zusammen :  daß den  Tories zwar  eine negative Majorität, jedoch
       keine Partei  gegenübersteht, die an ihrer Stelle das Staatsruder
       ergreifen könnte;  daß ihr Sturz notwendig eine Reform des Parla-
       ments nach  sich zöge; daß sie über eine kompakte, homogene, dis-
       ziplinierte Armee  von Anhängern verfügen und die wichtigsten Re-
       gierungsämter innehaben;  daß die  Opposition ein Konglomerat von
       vier verschiedenen Gruppierungen ist und daß Koalitionsheere sich
       immer schlecht  schlagen und  immer schwerfällig  operieren;  daß
       selbst die  negative Majorität  nur 20 bis 30 Stimmen beträgt und
       ein  Viertel   des  Parlaments,  173  Mitglieder,  neu  sind  und
       ängstlich allem aus dem Wege gehen werden, was ihre teuer erkauf-
       ten Sitze gefährden könnte. So kommen wir notgedrungen zu dem Re-
       sultat, daß die Tories stark genug sein werden, zwar nicht, um zu
       siegen, aber doch, um die Dinge zu einer Krise zu treiben.
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       1*) reinsten Wassers - 2*) Daniel O'Connell
       
       #363# Die Wahlresultate
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       Und dazu scheinen sie entschlossen zu sein. Die Furcht vor dieser
       Krise, die  ganz England,  wie es sich in Amt und Würden dem Auge
       darbietet revolutionieren würde, spricht aus jeder Zeile der Lon-
       doner Tages-  und Wochen-Presse.  Die "Times" [131], der "Morning
       Chronicle" [226],  die "Daily  News" [129],  der Spectator",  der
       "Examiner"   sie alle erheben ein lautes Geschrei, weil sie alle
       von Furcht  erfüllt sind.  Am liebsten  würden sie die Tones rein
       durch scharfe Kritik aus der Regierung hinausargumentieren und so
       die Krise  verhindern. Der Konflikt wird aber über sie hereinbre-
       chen trotz  aller scharten Kritik und trotz aller sittlichen Ent-
       rüstung.
       Karl Marx
       
       Aus dem Englischen.
       

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