Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       VI
       
       [Der Berliner Aufstand]
       
       Der zweite Brennpunkt der revolutionären Bewegung war Berlin. Und
       nach dem,  was wir  in unseren früheren Artikeln dargelegt haben,
       wird es  nicht überraschen,  daß diese  Bewegung dort  keineswegs
       jene einmütige Unterstützung fast aller Klassen fand, von der sie
       in Wien  begleitet war. In Preußen war die Bourgeoisie bereits in
       wirkliche Kämpfe mit der Regierung verwickelt gewesen; das Ergeb-
       nis des  "Vereinigten Landtags" war ein offener Bruch, eine Bour-
       geoisrevolution war  im Anzug, und diese Revolution hätte, wenig-
       stens zu  Anfang, genauso  einmütig sein  können wie die in Wien,
       wenn es nicht die Pariser Februarrevolution gegeben hätte. Dieses
       Ereignis überstürzte  die ganze Entwicklung, obwohl es sich unter
       einem völlig  anderen Banner  vollzog als  jenes, unter  dem  die
       preußische Bourgeoisie sich zur Kampfansage an ihre Regierung an-
       schickte. Durch  die Februarrevolution wurde in Frankreich gerade
       die Regierungsform  vernichtet, die die preußische Bourgeoisie in
       ihrem eigenen  Lande eben errichten wollte. Die Februarrevolution
       kündigte sich an als eine Revolution der Arbeiterklasse gegen die
       Bourgeoisie; sie  proklamierte den  Sturz der bürgerlichen Regie-
       rung und die Emanzipation des Arbeiters. Nun hatte aber die preu-
       ßische Bourgeoisie  in letzter  Zeit gerade  genug an Unruhen der
       Arbeiterklasse im eigenen Lande gehabt. Nachdem der erste Schreck
       über die  schlesischen Unruhen  überstanden war,  hatte sie sogar
       versucht, diese  Bewegung in  eine Richtung  zu lenken,  die  ihr
       selbst zum  Vorteil war; aber ein heilsamer Schrecken vor dem re-
       volutionären Sozialismus  und Kommunismus  war ihr geblieben; und
       als sie  daher an  der Spitze  der Regierung in Paris Männer sah,
       die sie  als die gefährlichsten Feinde von Eigentum, Ordnung, Re-
       ligion, Familie  und der sonstigen Penaten 1*) des modernen Bour-
       geois betrachtete, kühlte sich ihre eigene revolutionäre Glut so-
       fort erheblich ab. Sie wußte, daß es den Augenblick zu
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       1*) Hausgötter
       
       #40# Friedrich Engels
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       nutzen galt und daß sie ohne die Unterstützung der Arbeitermassen
       unterliegen werde; und dennoch ließ ihr Mut sie im Stich. Deshalb
       stellte sie  sich bei  den ersten  vereinzelten Erhebungen in der
       Provinz auf  Seiten der Regierung, bemühte sich, das Volk in Ber-
       lin ruhig  zu halten,  das sich  fünf Tage lang in dichten Massen
       vor dem königlichen Schlosse drängte, um die Neuigkeiten zu erör-
       tern und  Änderungen in  der Regierung zu verlangen ; und als der
       König schließlich,  auf die Nachricht vom Sturze Metternichs hin,
       einige geringe Zugeständnisse machte, betrachtete die Bourgeoisie
       die Revolution  für beendet und beeilte sich, Seiner Majestät für
       die Erfüllung  aller Wünsche  seines Volkes  zu danken. Aber dann
       folgten der  Angriff des  Militärs auf die Menge, die Barrikaden,
       der Kampf und die Niederlage des Königtums. Jetzt bekam alles ein
       anderes Gesicht.  Gerade die  Arbeiterklasse, die die Bourgeoisie
       im Hintergrunde  zu halten  bestrebt gewesen,  war in den Vorder-
       grund  gedrängt  worden,  sie  hatte  gekämpft  und  gesiegt  und
       gelangte mit  einem Schlag  zum  Bewußtsein  der  eigenen  Kraft.
       Beschränkungen des  Wahlrechts, der  Pressefreiheit, des  Rechts,
       Geschworener zu  sein, des Versammlungsrechts-Beschränkungen, die
       der Bourgeoisie  sehr angenehm gewesen wären, weil sie nur solche
       Klassen betrafen,  die unter  ihr standen  -  waren  jetzt  nicht
       länger möglich.  Es drohte  die  Gefahr  einer  Wiederholung  der
       Pariser  Szenen   der  "Anarchie".   Angesichts   dieser   Gefahr
       verschwanden  alle   früheren  Zwistigkeiten.   Dem   siegreichen
       Arbeiter  gegenüber,  mochte  er  auch  noch  gar  keine  eigenen
       Forderungen aufgestellt  haben, verbanden  sich die  Freunde  mit
       ihren  langjährigen   Feinden,  und   das  Bündnis  zwischen  der
       Bourgeoisie und  den Anhängern  des gestürzten Systems wurde noch
       auf  den  Barrikaden  von  Berlin  geschlossen.  Die  notwendigen
       Zugeständnisse,  aber   nicht  mehr  als  unvermeidlich,  sollten
       gemacht, ein  Ministerium  aus  den  Führern  der  Opposition  im
       Vereinigten Landtag  gebildet werden, und zum Dank für seine Ver-
       dienste um  die Rettung  der Krone  sollte ihm der Beistand aller
       Stützen des  alten Regimes,  des Feudaladels, der Bürokratie, des
       Heeres zuteil  werden. Das waren die Bedingungen, unter denen die
       Herren Camphausen und Hansemann die Kabinettsbildung übernahmen.
       So groß  war die  Furcht der neuen Minister vor den erregten Mas-
       sen, daß in ihren Augen jedes Mittel recht war, wenn es nur dahin
       zielte, die  erschütterten Grundlagen  der Autorität zu festigen.
       Diese armen betrogenen Wichte glaubten, jede Gefahr einer Wieder-
       aufrichtung des  alten Systems sei vorüber, und daher setzten sie
       den ganzen alten Staatsapparat in Bewegung, um die "Ordnung" wie-
       derherzustellen. Nicht  ein einziger Bürokrat oder Offizier wurde
       entlassen, nicht  die leiseste  Änderung im  alten bürokratischen
       Verwaltungssystem vorgenommen.  Diese trefflichen konstitutionel-
       len verantwortlichen
       
       #41# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       Minister setzten  sogar jene  Beamten wieder in ihre Stellen ein,
       die das  Volk in der ersten Hitze des revolutionären Eifers wegen
       früherer bürokratisch  anmaßender Handlungen  davongejagt. Nichts
       wurde in  Preußen geändert  außer der Person der Minister; selbst
       der Beamtenstab der verschiedenen Ministerien blieb unangetastet,
       und der  ganzen Meute  der konstitutionellen Postenjäger, die den
       Chor der frischgebackenen Staatslenker gebildet und auf ihren An-
       teil an Macht und Würden gerechnet, wurde bedeutet zu warten, bis
       die Wiederherstellung gefestigter Zustände Veränderungen im Beam-
       tenpersonal gestatte, die im Augenblick nicht ungefährlich seien.
       Der König,  der nach dem Aufstand vom 18. März völlig zusammenge-
       brochen war, kam sehr bald dahinter, daß er für diese "liberalen"
       Minister ebenso  notwendig war wie sie für ihn. Der Thron war vom
       Aufstand verschont  geblieben; der  Thron  verblieb  als  einzige
       Schranke gegen  die "Anarchie"; die liberale Bourgeoisie und ihre
       Führer, die jetzt in der Regierung saßen, hatten daher alle Ursa-
       che, das  beste Einvernehmen  mit der  Krone zu wahren. Der König
       und seine nächste Umgebung, die reaktionäre Kamarilla, hatten das
       bald entdeckt und nutzten diesen Umstand, um das Vorgehen des Mi-
       nisteriums selbst bei jenen winzigen Reformen zu hemmen, zu denen
       es zeitweise einen Anlauf nahm.
       Die erste  Sorge  des  Ministeriums  ging  dahin,  den  jüngsten,
       gewaltsam  erzwungenen   Veränderungen  eine   Art   gesetzlichen
       Anstrichs zu  geben. Ohne Rücksicht auf den Widerspruch im ganzen
       Volke wurde der Vereinigte Landtag einberufen, um als das gesetz-
       und verfassungsmäßige  Organ des  Volkes ein neues Wahlgesetz für
       die Wahl einer Versammlung zu beschließen, die mit der Krone eine
       neue Verfassung  vereinbaren sollte.  Die Wahlen sollten indirekt
       sein, dergestalt, daß die Masse der Wähler eine Anzahl Wahlmänner
       wählte, die  dann ihrerseits  die Abgeordneten  zu wählen hätten.
       Trotz aller  Opposition fand dieses indirekte Wahlsystem Annahme.
       Der Vereinigte  Landtag wurde  dann um  eine Anleihe von fünfund-
       zwanzig Millionen Taler angegangen, die gegen den Widerspruch der
       Volkspartei gleichfalls bewilligt wurde.
       Dank diesem  Vorgehen des Ministeriums nahm die Volkspartei, oder
       wie sie sich jetzt nannte, die demokratische Partei, einen außer-
       ordentlich raschen  Aufschwung. Diese  Partei, die  unter Führung
       der Klasse  der Handwerker  und Kleinhändler  stand und zu Beginn
       der Revolution auch die große Mehrheit der Arbeiter um ihr Banner
       scharte, forderte das allgemeine und direkte Wahlrecht nach fran-
       zösischem Muster, eine einzige gesetzgebende Versammlung und völ-
       lige, offene  Anerkennung der  Revolution vom 18. März als Grund-
       lage
       
       #42# Friedrich Engels
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       des neuen  Regierungssystems. Ihr  gemäßigter Flügel  wollte sich
       mit einer auf diese Weise "demokratisierten" Monarchie zufrieden-
       geben, der fortgeschrittenere forderte als Endziel die Errichtung
       der Republik.  Beide waren sich darin einig, daß sie die Deutsche
       Nationalversammlung in  Frankfurt als  höchste Gewalt  des Landes
       anerkannten, während  die Konstitutionalisten und Reaktionäre vor
       der Souveränität  dieser Körperschaft, die sie als eine durch und
       durch revolutionäre hinstellten, einen heftigen Abscheu zur Schau
       trugen.
       Die selbständige  Bewegung der Arbeiterklasse hatte durch die Re-
       volution eine zeitweise Unterbrechung erfahren. Die unmittelbaren
       Bedürfnisse und  Umstände der Bewegung gestatteten es nicht, auch
       nur eine  der besonderen Forderungen der proletarischen Partei in
       den Vordergrund zu stellen. In der Tat, solange der Boden für ein
       selbständiges Vorgehen  der Arbeiter  nicht geebnet,  solange das
       allgemeine, direkte  Wahlrecht nicht eingeführt war, solange noch
       die 36  größeren  und  kleineren  Staaten  bestanden,  durch  die
       Deutschland in zahllose Gebietsfetzen zerrissen wurde - was blieb
       da der  proletarischen Partei anders übrig, als die für sie hoch-
       wichtige Bewegung  in Paris aufmerksam zu verfolgen und gemeinsam
       mit dem  Kleinbürgertum um jene Rechte zu kämpfen, die ihr später
       ermöglichen würden, ihre eigene Schlacht zu schlagen?
       Es gab  somit nur  drei Punkte,  in denen  sich die proletarische
       Partei in  ihrem politischen  Auftreten von der Partei der Klasse
       der Kleinbürger  oder, richtiger ausgedrückt, von der sogenannten
       demokratischen Partei  wesentlich unterschied:  erstens, die ver-
       schiedene Beurteilung  der Vorgänge  in Frankreich, insofern näm-
       lich die  Demokraten die Partei der äußersten Linken in Paris an-
       griffen, während  die proletarischen Revolutionäre sie verteidig-
       ten; zweitens, das Eintreten für die Notwendigkeit der Errichtung
       der einen, unteilbaren deutschen Republik, während selbst die Al-
       lerradikalsten unter  den Demokraten  nur nach  einer föderativen
       Republik zu seufzen wagten; und drittens, jene bei jeder Gelegen-
       heit bewiesene  revolutionäre Kühnheit  und  Aktionsbereitschaft,
       die einer von Kleinbürgern geführten und hauptsächlich aus Klein-
       bürgern zusammengesetzten Partei immer fehlen wird.
       Der proletarischen,  der wirklich revolutionären Partei gelang es
       nur sehr allmählich, die Masse der Arbeiter dem Einfluß der Demo-
       kraten zu entziehen, deren Anhängsel sie zu Beginn der Revolution
       bildeten. Aber  die Unentschlossenheit, Schwäche und Feigheit der
       demokratischen Führer taten zu gegebener Zeit das ihrige, und man
       kann heute sagen: eines der wichtigsten Ergebnisse der Erschütte-
       rungen der  letzten Jahre  besteht darin,  daß sich die Arbeiter-
       klasse überall,  wo sie  in  einigermaßen  beträchtlichen  Massen
       konzentriert
       
       #43# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       ist, völlig  von jenem  demokratischen Einfluß  frei gemacht hat,
       der sie  in den  Jahren 1848 und 1849 zu einer endlosen Reihe von
       Fehlern und  Mißgeschicken geführt  hat. Doch  wir greifen besser
       nicht vor;  die Ereignisse  dieser beiden Jahre werden uns reich-
       lich Gelegenheit  geben, die demokratischen Herrschaften am Werke
       zu sehen.
       Die Bauernschaft  hatte in Preußen, genau wie in Österreich - nur
       weniger energisch,  da hier  der Feudalismus alles in allem nicht
       ganz so  schwer auf  ihr lastete  -, die Revolution dazu benutzt,
       sich mit  einem Schlag aller feudalen Fesseln zu entledigen. Hier
       aber wandte  sich die Bourgeoisie, aus den oben angeführten Grün-
       den, sofort  gegen die  Bauernschaft, ihren  ältesten, unentbehr-
       lichsten Verbündeten.  Die Demokraten,  denen die sogenannten An-
       griffe auf  das Privateigentum  den gleichen  Schrecken einjagten
       wie der  Bourgeoisie, ließen  sie ebenfalls  im Stich; so kam es,
       daß nach einer Emanzipation von drei Monaten, nach blutigen Kämp-
       fen und militärischen Exekutionen, insbesondere in Schlesien, der
       Feudalismus durch  die gestern  noch antifeudale Bourgeoisie wie-
       derhergestellt wurde.  Damit hat  sie sich  selbst aufs schärfste
       verurteilt. Niemals im Lauf der Geschichte hat eine Partei an ih-
       rem besten  Bundesgenossen, ja an sich selbst, einen solchen Ver-
       rat verübt,  und was dieser Bourgeoispartei an erniedrigenden De-
       mütigungen noch  bevorstehen mag,  sie hat  sie schon durch diese
       eine Tat vollauf verdient.
       London, Oktober 1851
       

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