Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       #484#
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       Karl Marx
       
       Eine altersschwache Regierung -
       Die Aussichten des Koalitionsministeriums usw.
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 3677 vom 28. Januar 1853]
       London, Dienstag, 11. Januar 1853
       "Wir sind  nun beim  Beginn des   p o l i t i s c h e n    T a u-
       s e n d j ä h r i g e n   R e i c h e s   angelangt, wo kein Par-
       teihader mehr auf Erden herrscht und Talent, Erfahrung, Fleiß und
       Vaterlandsliebe allein  zur Bekleidung  eines  Amtes  berechtigen
       sollen. Wir  haben nun  ein Ministerium, das des Beifalls und des
       Beistands jeder Richtung sicher zu sein scheint. Seine Grundsätze
       gebieten allgemeine Zustimmung und Unterstützung."
       Mit diesen  Worten begrüßte  die "Times"  [131] im  ersten Taumel
       ihres Enthusiasmus  das Ministerium  Aberdeen. Man  könnte daraus
       schließen, daß  England von nun ab mit einem Ministerium beglückt
       sein werde,  das ausschließlieh  aus neuen,  jungen, vielverspre-
       chenden Kräften besteht. Die Welt wird daher nicht wenig staunen,
       wenn sie  erfährt, daß die neue Ära in der Geschichte Großbritan-
       niens von lauter ziemlich verbrauchten, hinfälligen Achtzigjähri-
       gen inauguriert  werden soll.  Aberdeen, ein Achtziger; Lansdowne
       steht mit  einem Fuß  im Grabe;  Palmerston, Russell  nähern sich
       demselben in  raschem Tempo.  Graham, der Bürokrat, hat seit Ende
       des vorigen  Jahrhunderts fast unter jeder Regierung gedient; an-
       dere Kabinettsmitglieder  waren schon  zwiefach an Altersschwäche
       und Erschöpfung gestorben und sind jetzt nur zu einem künstlichen
       Leben erweckt  worden. Kurz,  ein Dutzend  Hundertjähriger bildet
       den Grundstock,  und der Korrespondent der "Times" hat vielleicht
       durch eine  einfache Addition  das neue Tausendjährige Reich her-
       ausgerechnet.
       In diesem  Tausendjährigen Reich  soll nun,  so wird uns verspro-
       chen, nicht  nur aller Parteihader, sondern sollen sogar die Par-
       teien selbst  verschwinden. Glaubt die "Times" das wirklich? Weil
       gewisse Teile  der Aristokratie  bis jetzt  das Privileg genossen
       haben, sich  den Anstrich  nationaler oder parlamentarischer Par-
       teien zu geben, und nun eingesehen haben, daß die Farce ein
       
       #485# Eine altersschwache Regierung...
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       Ende haben  muß; weil  auf Grund  dieser Überzeugung  und infolge
       jüngst gemachter  harter Erfahrungen diese aristokratischen Kote-
       rien ihre  kleinen Plänkeleien aufgeben und sich in eine kompakte
       Masse zur  Wahrung ihrer gemeinsamen Privilegien zusammentun wol-
       len -  sollen darum  von Stund' an alle Parteien aufhören zu exi-
       stieren? Oder  ist nicht  gerade die  Tatsache,  daß  solch  eine
       "Koalition" sich  bildet, das  sicherste Anzeichen dafür, daß die
       Zeit gekommen  ist, wo  die inzwischen  faktisch herangewachsenen
       und doch teilweise nicht vertretenen wesentlichen Klassen der mo-
       dernen Gesellschaft,  die industrielle Bourgeoisie und die Arbei-
       terklasse, sich  anschicken, die Stellung der allein gültigen po-
       litischen Parteien der Nation für sich zu beanspruchen?
       Unter Lord  Derbys Regierung haben die Tories ein für allemal ih-
       ren alten Schutzzollstandpunkt verleugnet und sich zum Freihandel
       bekannt. Als  Lord Derby  den Rücktritt  seines Kabinetts  ankün-
       digte, sagte er [308]:
       
       "Mylords, ich  entsinne mich,  und auch Ihnen, Mylords, dürfte es
       erinnerlich sein, daß der edle Lord" (Aberdeen) "bei mehr als ei-
       nem Anlaß vor diesem Hause erklärte, außer der Frage des Freihan-
       dels gäbe  es   k e i n e,   in der er von der jetzigen Regierung
       i r g e n d w i e  abweiche."
       
       Und Lord Aberdeen ging bei der Bestätigung dieser Behauptung noch
       weiter:
       
       "Er fühle  sich einig mit dem edlen Lord" (Derby) "in der Bekämp-
       fung der Übergriffe der Demokratie, nur könne er beim besten Wil-
       len deren Existenz nicht entdecken."
       
       Von beiden  Seiten wird zugegeben, daß es keinen Unterschied mehr
       zwischen Peeliten  und Tories  gibt. Doch  damit nicht  genug. Im
       Hinblick auf die auswärtige Politik bemerkt Lord Aberdeen:
       
       "Mögen auch  in der  Praxis kleine Abweichungen vorgekommen sein,
       im Prinzip  ist seit  30 Jahren die auswärtige Politik des Landes
       immer dieselbe gewesen."
       
       Der ganze von 1830 bis 1850 währende Streit zwischen Aberdeen und
       Palmerston, in  dem der  erstere das Bündnis mit den Nordmächten,
       der letztere  die "entente cordiale" 1*) mit Frankreich forderte,
       wobei der eine für, der andere gegen Louis-Philippe, der eine ge-
       gen, der andere für die Intervention war; all ihre Zänkereien und
       Meinungsverschiedenheiten, ja sogar ihre jüngste gemeinsame Empö-
       rung über  Lord Malmesburys "schändliche" Führung der auswärtigen
       Geschäfte - all das ist also eingestandenermaßen
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       1*) das "herzliche Einvernehmen"
       
       #486# Karl Marx
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       bloßer Humbug  gewesen. Und  doch: was  hätte sich in den politi-
       schen Verhältnissen Englands gründlicher gewandelt als seine aus-
       wärtige Politik?  Bis 1830 Bündnis mit den Nordmächten; nach 1830
       Bündnis mit Frankreich (Viererbund) [309]; nach 1848 vollständige
       Isolierung Englands vom ganzen Kontinent.
       Nachdem uns  Lord Derby zuerst versichert hat, es gäbe keine Dif-
       ferenzen zwischen  Tories und Peeliten, versichert uns Lord Aber-
       deen darüber  hinaus, daß sich auch Peeliten und Whigs, Konserva-
       tive und Liberale nicht voneinander unterscheiden. Er meint:
       
       "Das Land sei müde dieser Unterscheidungen, die keinen Sinn haben
       und durch die sich wahre Politiker in ihren Grundsätzen nicht be-
       einflussen lassen.  Eine andere  Regierung als  eine konservative
       sei unmöglich, aber es sei ebenso wahr, daß nur eine liberale Re-
       gierung in Frage käme."
       
       "Diese Termini  hätten keine allzu genaue Bedeutung. Das Land sei
       müde dieser Unterscheidungen, die keinen Sinn haben."
       Die drei  Parteien der  Aristokratie, Tories, Peeliten und Whigs,
       sind sich  also einig,  daß sie  keine wirklich  unterscheidenden
       Merkmale aufzuweisen haben. Und noch in etwas anderem stimmen sie
       überein. Disraeli hatte erklärt, daß er gewillt sei, das Freihan-
       delsprinzip zu verwirklichen. Lord Aberdeen sagt:
       
       "Das große  Ziel der  jetzigen Minister  Ihrer Majestät  und  das
       große Charakteristikum ihrer Regierung wäre die Aufrechterhaltung
       und kluge  Ausdehnung des  Freihandels. Das  sei die Mission, mit
       der sie ganz speziell betraut wären."
       
       Mit einem  Wort, die  ganze Aristokratie  ist sich einig, daß die
       Regierung zum  Vorteil und  im Interesse  der Bourgeoisie geführt
       werden muß;  gleichzeitig aber  ist sie  entschlossen, die  Bour-
       geoisie die  Dinge nicht selbst in die Hand nehmen zu lassen. Und
       zu diesem  Zweck wird  alles, was  die alte Oligarchie an Talent,
       Einfluß und  Autorität besitzt, mit einem letzten Kraftaufwand zu
       einem Ministerium verschmolzen, dessen Aufgabe darin besteht, die
       Bourgeoisie solange wie möglich vom direkten Genuß der Herrschaft
       über die Nation fernzuhalten. Die koalierte Aristokratie Englands
       beabsichtigt, bezüglich  der Bourgeoisie nach demselben Grundsatz
       zu verfahren  wie Napoleon  gegen das Volk: "Tout pour le peuple,
       rien par le peuple." 1*)
       Ernest Jones bemerkt dazu im "People's Paper" [258]:
       
       "Die offenbare  Absicht, die Bourgeoisie auszuschließen, soll al-
       lerdings einigermaßen  verschleiert werden,  und sie"  (die Mini-
       ster) "hoffen, dies am leichtesten dadurch
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       1*) "Alles für das Volk, nichts durch das Volk."
       
       #487# Eine altersschwache Regierung...
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       durch zu  bewerkstelligen, daß  sie bestimmte  untergeordnete und
       einflußlose Stellen an aristokratische Liberale vergeben, wie Sir
       William Molesworth, Bernai Osborne und andere. Sie sollen aber ja
       nicht glauben,  daß dieser  Liberalismus der  Stutzer von Mayfair
       1*) die  gestrengen Herren der Manchesterschule [244] befriedigt.
       Die sind  aufs ganze aus, und das heißt aufs Geschäft. Die wollen
       Pfunde, Schillinge  und Pence,  wollen Stellen  und Ämter, wollen
       die gigantischen  Einkünfte des größten Reiches der Welt, das mit
       allen seinen  Ressourcen einzig und allein ihrem Klasseninteresse
       untertan sein soll."
       
       In  der   Tat,  ein   Blick  auf  die  "Daily  News"  [129],  den
       "Advertiser" [194]  und insbesondere  auf die  "Manchester Times"
       [310], das  spezielle Organ  Brights, genügt,  um jeden  davon zu
       überzeugen, daß  die Männer der Manchesterschule mit der proviso-
       risch versprochenen  Unterstützung  der  Koalitionsregierung  nur
       dieselbe Politik  zu verfolgen  beabsichtigen, die  die Whigs und
       Peeliten dem jüngsten Kabinett Derby gegenüber eingeschlagen hat-
       ten: d.h.,  sie wollen es auf einen ehrlichen Versuch mit den Mi-
       nistern ankommen lassen. Was solch ein "ehrlicher Versuch" bedeu-
       ten mag,  das zu  erfahren hat Disraeli erst kürzlich Gelegenheit
       gehabt.
       Da für  die Niederlage  des Tory-Kabinetts  die "irische Brigade"
       entscheidend gewesen  war, hat  das neue Koalitionsministerium es
       selbstverständlich für  nötig gehalten,  Schritte zu unternehmen,
       um sich  die Hilfe  dieser Fraktion  im Parlament zu sichern. Der
       Unterhändler der Brigade, Mr. Sadleir, war durch den Posten eines
       Lords der  Schatzkammer rasch  geködert. Mr.  Keogh wurde das Amt
       des irischen Generalprokurators angeboten, und Mr. Monsell erhält
       eine Anstellung  beim Feldzeugamt.  "Indem man diese drei gekauft
       hat", meint  der "Morning-Herald"  [275], "glaubt man die Brigade
       gewonnen zu  haben." Es  steht jedoch  sehr dahin,  ob diese drei
       Gekauften genügen,  um die Anhängerschaft der gesamten Brigade zu
       sichern.  Wir  lesen  denn  auch  schon  im  irischen  "Freeman's
       Journal" [311]:
       
       "Jetzt ist  der kritische  Augenblick im  Kampf um die Religions-
       freiheit und  die Rechte  der Pächter  gekommen. Der  Erfolg oder
       Mißerfolg dieser Bestrebungen hängt nun nicht mehr von irgendwel-
       chen Ministern,  sondern von  der irischen Fraktion ab. Das Mini-
       sterium Derby  wurde mit 19 Stimmen gestürzt. Wären zehn Mann auf
       die andere  Seite spaziert, so wäre die Sache anders ausgefallen.
       Wenn es zwischen den Parteien so aussieht, sind die irischen Mit-
       glieder allmächtig."
       
       Am Schluß  meines letzten  Briefes sprach ich meine Ansicht dahin
       aus, daß es keine andere Alternative gäbe als eine Tory-Regierung
       oder eine
       
       1*) vornehmes Londoner Viertel
       
       #488# Karl Marx
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       Parlamentsreform. Es  wird Ihre Leser interessieren, Lord Aberde-
       ens Meinung über dieselbe Frage zu erfahren. Er sagt:
       
       "Die Verbesserung  der Lage des Volkes könne nicht eine Verbesse-
       rung des  Repräsentativsystems ausschließen"  (sic!),  "denn  die
       Vorgänge bei  der letzten Wahl seien unzweifelhaft solcherart ge-
       wesen, daß  niemand dieses  System besonders ins Herz geschlossen
       haben dürfte."
       
       Und bei  den Wahlen, die infolge ihrer Amtsannahme notwendig wur-
       den [312],  erklärten Lord Aberdeens Kollegen einstimmig, daß Re-
       formen des  Repräsentativsystems nötig seien. Sie gaben ihren Zu-
       hörern allerdings  jedesmal zu  verstehen, daß derartige Reformen
       "mäßige Und  vernünftige sein  müßten und nicht übereilt, sondern
       wohlüberlegt und  vorsichtig ausgeführt  werden müßten".  Also je
       mehr sich  das jetzige  Repräsentativsystem als verrottet erweist
       und erkannt  wird, desto mehr ist zu wünschen, daß es weder rasch
       noch gründlich geändert wird.
       Anläßlich der letzten Wiederwahl der Minister wurde zum erstenmal
       eine neue  Erfindung probiert,  die es  Politikern gestattet, der
       Öffentlichkeit gegenüber ihre Prinzipien unter allen Umständen zu
       wahren, ob sie nun  i m  Amt sind oder  d r a u ß e n.  Diese Er-
       findung besteht  darin,  mit  dem  Begriff  der    "o f f e n e n
       F r a g e"   in einer bisher noch nicht dagewesenen Weise zu ope-
       rieren. Osborne und Villiers hatten sich früher verpflichtet, für
       die geheime  Abstimmung einzutreten. Jetzt erklären sie diese Ab-
       stimmung zur  offenen Frage.  Molesworth  hatte  Kolonialreformen
       versprochen -  offene Frage.  Keogh, Sadleir und andere waren für
       das Pächterrecht eingetreten - offene Frage. Mit einem Wort, alle
       Punkte, die sie bis jetzt in ihrer Eigenschaft als Mitglieder des
       Parlaments stets  als bereits festgelegt behandelt hatten, werden
       jetzt, wo sie Minister sind, für sie fraglich.
       Zum Schluß  muß ich  noch ein  anderes Kuriosum erwähnen, das aus
       der Koalition von Peeliten, Whigs, Radikalen und Iren hervorgeht.
       Jeder ihrer Notabilitäten ist just aus jenem Ressort herausgewor-
       fen worden, für das nur er angeblich als begabt oder qualifiziert
       gegolten, und  ist auf  einen Posten  gestellt worden, für den er
       sich erstaunlich  schlecht eignet. Palmerston, der berühmte Mini-
       ster des  Äußern, wurde  ins Ministerium  des Innern berufen, aus
       dem man Russell, obgleich er auf diesem Posten alt geworden, ent-
       fernt hat,  um ihn  mit den  auswärtigen Angelegenheiten  zu  be-
       trauen. Gladstone, der Escobar des Puseyismus [313], wird Schatz-
       kanzler. Molesworth,  der einen  gewissen Ruf  als Nachahmer oder
       Anhänger von Mr. Wakefields verrückter systematischer Kolonisati-
       onstheorie [314]  erlangte, wird  für die  öffentlichen  Arbeiten
       verantwortlich gemacht. Sir Charles Wood, der als Schatzkanzler
       
       #489# Eine altersschwache Regierung...
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       sich des  Privilegiums erfreute,  entweder über  ein Defizit oder
       über einen  Überschuß zu stolpern, wird Präsident der Kontrollbe-
       hörde für indische Angelegenheiten. Monsell, der kaum eine Flinte
       von einer  Büchse zu  unterscheiden vermag,  ist zum Sekretär des
       Feldzeugamts ernannt  worden. Die einzige Persönlichkeit, die auf
       den richtigen  Platz gestellt  wurde, ist jener Sir James Graham,
       der in  seiner Eigenschaft  als Erster Lord der Admiralität schon
       bei früheren Anlässen sehr viel Ansehen dadurch gewann, daß er in
       der britischen Marine den Wurmfraß einführte.
       Karl Marx
       
       Aus dem Englischen.
       

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