Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       VIII
       
       [Polen, Tschechen und Deutsche [32]]
       
       Aus den  Darlegungen in  den bisherigen Artikeln ist bereits klar
       ersichtlich, daß  es in Deutschland, wenn der Revolution vom März
       1848 nicht  eine neue  folgte, unvermeidlich  wieder zu den alten
       Zuständen kommen  mußte. Die  geschichtliche Erscheinung, auf die
       wir einiges  Licht zu werfen versuchen, ist jedoch so komplizier-
       ter Natur, daß die späteren Ereignisse ohne Berücksichtigung des-
       sen, was man die auswärtigen Beziehungen der deutschen Revolution
       nennen kann,  nicht völlig  verständlich sind.  Und diese auswär-
       tigen Beziehungen waren ebenso verwickelter Natur wie die inneren
       Angelegenheiten.
       Die ganze  östliche Hälfte  Deutschlands bis  zur Elbe, zur Saale
       und zum Böhmerwald ist bekanntlich im Verlauf der letzten tausend
       Jahre den slawischen Stämmen, die dort eingedrungen waren, wieder
       abgerungen worden.  Der größere  Teil  dieser  Gebiete  wurde  so
       gründlich germanisiert,  daß die slawische Nationalität und Spra-
       che dort  seit mehreren  Jahrhunderten völlig  verschwunden sind;
       und wenn  man von einigen ganz isolierten Resten absieht, die al-
       les  in   allem  nicht   einmal  hunderttausend  Seelen  umfassen
       (Kassuben in Pommern, Wenden oder Sorben in der Lausitz), so sind
       ihre Bewohner in jeder Beziehung Deutsche. Anders verhält es sich
       aber längs  der ganzen  Grenze des  ehemaligen Polens  und in den
       Ländern tschechischer  Sprache, in  Böhmen und  Mähren. Hier sind
       die beiden  Nationalitäten in  jedem Bezirk  gemischt, wobei  die
       Städte in der Regel mehr oder weniger deutsch sind; auf dem plat-
       ten Lande herrscht das slawische Element vor, aber auch dort wird
       es infolge  des ständigen  Vordringens des  deutschen  Einflusses
       allmählich zersetzt und zurückgedrängt.
       Dieser Stand  der Dinge findet in folgendem seine Erklärung. Seit
       der Zeit  Karls des Großen haben sich die Deutschen mit der größ-
       ten Ausdauer  und Beharrlichkeit  um die  Eroberung, Kolonisation
       oder zum  mindesten Zivilisierung  des östlichen  Europas bemüht.
       Die Eroberungen  des Feudaladels  zwischen Elbe  und Oder und die
       feudalen Kolonien der kriegerischen Ritterorden
       
       #50# Friedrich Engels
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       in Preußen  und Livland legten nur das Fundament für ein weit um-
       fassenderes, wirksameres System der Germanisierung durch das kom-
       merzielle und  industrielle Bürgertum,  das in Deutschland wie im
       übrigen Westeuropa seit dem 15. Jahrhundert zu sozialer und poli-
       tischer Bedeutung aufstieg. Die Slawen, namentlich die Westslawen
       (Polen und  Tschechen), sind  im wesentlichen ein Volk von Acker-
       bauern; Handel  und Industrie standen bei ihnen niemals in beson-
       derem Ansehen.  Daraus ergab  sich, daß mit dem Anwachsen der Be-
       völkerung und  dem Entstehen  von Städten  in diesen Gegenden die
       Herstellung aller Industrieartikel in die Hände deutscher Einwan-
       derer fiel  und daß  der Austausch  dieser Waren  gegen landwirt-
       schaftliche Erzeugnisse  das ausschließliche  Monopol  der  Juden
       wurde, die,  wenn sie überhaupt zu einer Nationalität gehören, in
       diesen Ländern  sicher eher  Deutsche als  Slawen sind.  Das war,
       wenn auch  im geringeren Grade, im ganzen Osten Europas der Fall.
       Der Handwerker,  der kleine  Krämer, der  kleine Fabrikant ist in
       Petersburg, in Budapest, in Jassy 1*)und selbst in Konstantinopel
       bis auf  den heutigen  Tag ein Deutscher, während der Geldverlei-
       her, der  Schankwirt, der  Hausierer - eine sehr wichtige Persön-
       lichkeit in jenen dünn bevölkerten Gebieten - in den allermeisten
       Fällen ein  Jude ist,  dessen Muttersprache ein schauderhaft ver-
       dorbenes Deutsch ist. Die Bedeutung des deutschen Elements in den
       slawischen Grenzgebieten,  die mit  dem Wachstum  der Städte, des
       Handels und  der Industrie  zunahm, steigerte  sich noch,  als es
       sich zeigte, daß fast alles, was zur geistigen Kultur gehört, aus
       Deutschland eingeführt  werden mußte; nach dem deutschen Kaufmann
       und Handwerker  begann  der  deutsche  Geistliche,  der  deutsche
       Schulmeister, der  deutsche Gelehrte  sich auf  slawischem  Boden
       niederzulassen. Schließlich  kamen der  eherne Schritt erobernder
       Armeen und  der behutsame,  wohlüberlegte  Griff  der  Diplomatie
       nicht immer nach der langsam, aber sicher fortschreitenden Entna-
       tionalisierung, die  die soziale  Entwicklung mit  sich  brachte,
       sondern sie  gingen ihr oftmals voraus. So wurden große Teile von
       Westpreußen und  Posen seit  der ersten  Teilung Polens  germani-
       siert, indem  man Land  aus Staatsdomänen  an deutsche Kolonisten
       verkaufte oder  verlieh, deutsche Kapitalisten bei der Errichtung
       von Fabriken usw. in jenen Landstrichen unterstützte und sehr oft
       auch äußerst  despotische Maßnahmen gegen die polnischen Bewohner
       des Landes ergriff.
       Auf diese  Weise hat  sich die  Grenzlinie zwischen der deutschen
       und der  polnischen Nationalität  in den  letzten siebzig  Jahren
       völlig verschoben. Da mit der Revolution von 1848 die unterdrück-
       ten Nationen sofort den Anspruch
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       1*) Jasi
       
       #51# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       auf selbständige Existenz und auf das Recht erhoben, ihre eigenen
       Angelegenheiten selbst  zu regeln, war es ganz natürlich, daß die
       Polen ohne weiteres die Wiederherstellung ihres Staates innerhalb
       der Grenzen  der alten  polnischen Republik  vor 1772  forderten.
       Zwar war  diese Grenze  als Trennungslinie zwischen der deutschen
       und polnischen Nationalität schon zu jener Zeit überholt und ent-
       sprach ihr  mit fortschreitender  Germanisierung von Jahr zu Jahr
       immer weniger;  aber nun  hatten die Deutschen eine solche Begei-
       sterung für  die Wiederherstellung  Polens an den Tag gelegt, daß
       sie erwarten mußten, man werde als ersten Beweis für die Echtheit
       ihrer Sympathien den Verzicht auf  i h r e n  Anteil an der Beute
       verlangen. Andrerseits mußte man sich fragen, sollten ganze Land-
       striche, hauptsächlich von Deutschen bewohnt, sollten große, völ-
       lig deutsche Städte einem Volk überlassen werden, das bisher noch
       nicht bewiesen  hatte, daß es fähig sei, sich über einen auf bäu-
       erlicher Leibeigenschaft  beruhenden Feudalzustand hinaus zu ent-
       wickeln? Die  Frage war verwickelt genug. Die einzig mögliche Lö-
       sung lag  in einem Kriege mit Rußland. Dadurch wäre die Frage der
       Abgrenzung zwischen  den verschiedenen  revolutionierten Nationen
       untereinander zu einer sekundären geworden gegenüber der Aufgabe,
       erst eine gesicherte Grenze gegen den gemeinsamen Feind zu schaf-
       fen. Hätten  die Polen  ausgedehnte Gebiete im Osten erhalten, so
       hätten sie  über den  Westen eher  ein vernünftiges Wort mit sich
       reden lassen,  und Riga  und Mitau  1*) wären  ihnen  schließlich
       ebenso wichtig  erschienen wie  Danzig und  Elbing. Die  radikale
       Partei in  Deutschland, die  einen Krieg mit Rußland im Interesse
       der Bewegung  auf dem  Kontinent für notwendig hielt und glaubte,
       daß die  nationale Wiederherstellung auch nur eines Teils von Po-
       len unbedingt  zu einem  solchen Krieg führen würde, unterstützte
       daher die  Polen; die regierende liberale Bourgeoispartei dagegen
       sah klar  voraus, daß ein nationaler Krieg gegen Rußland zu ihrem
       Sturze führen  mußte, da er Männer von größerer Tatkraft und Ent-
       schiedenheit ans  Ruder bringen würde, heuchelte deshalb Enthusi-
       asmus für  die Erweiterung  des Bereichs der deutschen Nation und
       erklärte Preußisch-Polen, den Hauptsitz der polnischen revolutio-
       nären Bewegung,  zum  integrierenden  Bestandteil  des  kommenden
       deutschen Reiches.  Die den Polen in der Erregung der ersten Tage
       gegebenen Versprechungen wurden schmählich gebrochen. Die mit Zu-
       stimmung der Regierung aufgestellten polnischen Streitkräfte wur-
       den zerstreut  und durch  preußische Artillerie niederkartätscht,
       und bereits  im April  1848, binnen sechs Wochen nach der Revolu-
       tion in  Berlin, war  die polnische Bewegung niedergeschlagen und
       die alte nationale Feindschaft zwischen Polen und Deutschen
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       1*) Jelgava
       
       #52# Friedrich Engels
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       zu neuem  Leben erweckt.  Dieser ungeheure,  unschätzbare  Dienst
       wurde dem russischen Selbstherrscher von den liberalen Kaufleuten
       auf dem  Ministersessel, Camphausen und Hansemann, erwiesen. Dazu
       kommt noch,  daß diese  Polenkampagne der  erste Schritt  war, um
       jene preußische  Armee zu  reorganisieren und  ihr das Selbstver-
       trauen wiederzugeben,  die später  die liberale Partei zum Teufel
       jagte und  die Bewegung  zu Boden schlug, an deren Zustandekommen
       die Herren Camphausen und Hansemann so viel Mühe gewendet. "Womit
       sie gesündigt,  damit sollen  sie geplagt  werden." Das  war  das
       Schicksal aller  Emporkömmlinge von 1848 und 1849, von Ledru-Rol-
       lin bis Changarnier und von Camphausen bis hinunter zu Haynau.
       Die Nationalitätenfrage  rief noch einen weiteren Kampf in Böhmen
       hervor. Dieses  Land, bewohnt  von zwei  Millionen Deutschen  und
       drei Millionen  Slawen tschechischer Zunge, schaute auf große hi-
       storische Ereignisse  zurück, die fast alle mit der früheren Vor-
       herrschaft der Tschechen zusammenhingen. Seit den Hussitenkriegen
       [33] im  fünfzehnten Jahrhundert ist aber die Kraft dieses Zweigs
       der slawischen Völkerfamilie gebrochen. Die Gebiete tschechischer
       Sprache waren  auseinandergerissen, ein  Teil bildete  das König-
       reich Böhmen, ein anderer das Fürstentum Mähren; ein dritter, das
       karpatische Bergland  der Slowaken, gehörte zu Ungarn. Die Mähren
       und Slowaken  hatten längst  jede Spur  nationalen Empfindens und
       nationaler Lebenskraft  verloren, obgleich sie ihre Sprache größ-
       tenteils bewahrten. Böhmen war auf drei Seiten von rein deutschen
       Gebieten umgeben.  In Böhmen  selbst hatte  das deutsche  Element
       große Fortschritte  gemacht; sogar  in der  Hauptstadt, in  Prag,
       hielten sich die beiden Nationalitäten so ziemlich die Waage, und
       allenthalben befanden  sich Kapital,  Handel, Industrie  und gei-
       stige Kultur  in den  Händen der  Deutschen. Der  Hauptkämpe  der
       tschechischen Nationalität, Professor Palacký, ist selbst nur ein
       übergeschnappter deutscher  Gelehrter, der  bis auf  den heutigen
       Tag die  tschechische Sprache  nicht korrekt und ohne fremden Ak-
       zent sprechen  kann. Aber wie das häufig der Fall ist, machte die
       im Absterben  begriffene tschechische Nationalität - im Absterben
       nach allen  bekannten Tatsachen  ihrer Geschichte  in den letzten
       vierhundert Jahren  -1848 eine  letzte Anstrengung,  ihre frühere
       Lebenskraft wiederzuerlangen,  eine Anstrengung, deren Scheitern,
       unabhängig von  allen revolutionären Erwägungen, beweisen sollte,
       daß Böhmen künftig nur mehr als Bestandteil Deutschlands existie-
       ren könne,  wenn auch  ein Teil seiner Bewohner noch auf Jahrhun-
       derte hinaus  fortfahren mag, eine nichtdeutsche Sprache zu spre-
       chen.
       London, Februar 1852
       

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