Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


       zurück

       
       #490#
       -----
       Karl Marx
       
       Politische Perspektiven - Handelsprosperität -
       Ein Fall von Hungerstod
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 3681 vom 2. Februar 1853]
       London, Freitag, 14. Januar 1853
       Als Lord John Russell im Auswärtigen Amt die diplomatischen Insi-
       gnien erhielt,  erklärte er,  daß er diesen Posten nur ad interim
       1*) bekleide,  weil in Kürze Earl of Clarendon das Auswärtige Amt
       übernähme. Faktisch ist Lord Russell im Auswärtigen Amt immer ein
       Auswärtiger gewesen;  er hat  sich dort durch nichts hervorgetan,
       außer durch  eine fade Kompilation, wenn ich nicht irre, über die
       Geschichte der  Verträge, die  seit dem  Frieden von Nimwegen ge-
       schlossen worden  waren - ein Werk, das sich, um bei der Wahrheit
       zu bleiben, ebenso unterhaltsam liest wie die "Tragödie", mit der
       derselbe Russell  einstmals die  Welt überraschte. Lord John wird
       man aller  Wahrscheinlichkeit nach mit dem Posten des Leaders 2*)
       im Unterhause  betrauen, mit  einem Sitz im Kabinett, wobei seine
       ganze Tätigkeit  sich voraussichtlich auf die Schaffung der neuen
       Reformbill konzentrieren  dürfte. Ist  doch die Reform des Parla-
       ments seit  langem das  spezielle Gebiet  von Russells Tätigkeit,
       nachdem er durch seine Maßnahmen im Jahre 1831 so meisterhaft die
       rotten boroughs  [315] zwischen Tories und Whigs aufzuteilen ver-
       standen hatte.
       Wortwörtlich hat  sich meine Vorhersage erfüllt, daß die drei vom
       Ministerium gekauften  Iren doch nicht genügen würden 3*), um die
       ganze "Brigade"  zur Koalition  herüberzuziehen. Die  Haltung des
       "Freeman's Journal"  [311] und  des "Tablet",  Ton und Inhalt der
       Reden und  Erklärungen von  Mr. Lucas,  Mr. Moore  und Mr. Duffy,
       endlich die  auf der letzten Versammlung der Liga zum Schutze der
       Rechte der Pächter [316] gegen Mr. Sadleir und Mr. Keogh
       -----
       1*) vorübergehend -  2*) Regierungssprechers -  3*)  siehe  vorl.
       Band, S. 487
       
       #491# Politische Perspektiven - Handelsprosperität...
       -----
       angenommene Resolution  sind genügende  Anzeichen dafür,  daß die
       Regierung Aberdeens  nur auf einen ganz kleinen Teil der irischen
       Truppe zählen darf.
       Lord Aberdeen,  der Regierungschef,  wird bekanntlich im Oberhaus
       sitzen. Nun  hat Herr  Bright jüngst in Manchester bei einem Ban-
       kett zu Ehren Ingersolls, des neuen amerikanischen Gesandten, die
       Gelegenheit ergriffen, zu erläutern, wieso restlose Auflösung des
       Oberhauses die  conditio sine  qua non  1*) für den "Fortschritt"
       der industriellen  Bourgeoisie sei. Diese erste offizielle Erklä-
       rung der  Manchesterschule [244] seit der Bildung des Koalitions-
       ministeriums wird sicher einiges dazu beitragen, um Lord Aberdeen
       auf die  Spur zu  bringen, wo jene Demokratie existiert, die Lord
       Derby so sehr fürchtet. 2*)
       So ist  also der  Parteikrieg, den  ein sanguinischer Mitarbeiter
       der "Times"  [131] als  auf immer  erloschen erklärte  3*), schon
       wieder entbrannt,  obwohl das Tausendjährige Reich mit einer Ver-
       tagung des Parlaments bis zum 10. Februar eingeleitet worden war.
       Mit lautem  Geschrei ist zu Beginn des neuen Jahres die Fortdauer
       und Zunahme  der Prosperität  in Handel  und Industrie einstimmig
       verkündet worden,  und zur Bekräftigung dienten die Berichte über
       die Staatseinnahmen  bis zum 5. d.M., die Tabellen des Handelsmi-
       nisteriums für  den laufenden  Monat und  für die elf Monate, die
       mit dem 5. Dezember 1852 abschließen, ferner die Berichte der Fa-
       brikinspektoren und endlich die zu Beginn jedes Jahres herauskom-
       menden Handelszirkulare, die einen allgemeinen Überblick über die
       Handelsgeschäfte des verflossenen Jahres geben.
       Die Berichte  über die  Staatseinnahmen zeigen  eine Zunahme  von
       978 926 Pfd. St. für das ganze Jahr, während die Zunahme im letz-
       ten Vierteljahr  702 776 Pfd. St. beträgt. Bis auf die  Z ö l l e
       weist dieses Jahr jeder Posten eine Zunahme auf. Die Gesamtsumme,
       die der Staatskasse zufloß, betrug 50 468 193 Pfund Sterling.
       Die  A k z i s e,  nach der man glaubt, den Volkswohlstand bemes-
       sen zu können, brachte
       in dem  Jahre, das  mit dem 5. Januar 1852 abschließt, 13 093 170
       Pfd. St.
       in dem Jahre, das mit dem 5. Januar 1853 abschließt, 13 356 981
       Pfd. St.
       Die   S t e m p e l s t e u e r,  die die Zunahme der kommerziel-
       len Tätigkeit widerspiegelt, brachte
       in den Jahren 1851-1852  5 933 549 Pfd. St.
       in den Jahren 1852-1853  6 287 261  "   "
       -----
       1*) die unerläßliche  Bedingung -  2*) siehe vorl. Band, S. 485 -
       3*) siehe vorl. Band, S. 484
       
       #492# Karl Marx
       -----
       Die   V e r m ö g e n s s t e u e r,   die die Zunahme des Reich-
       tums der oberen Klassen anzeigt, betrug
       in den Jahren 1851-1852  5 304 923 Pfd. St.
       in den Jahren 1852-1853  5 509 637  "   "
       Das Handelsministerium gibt für die mit dem 5. Dezember abschlie-
       ßende Monats-und Elfmonatsperiode folgende Ziffern:
       Wert der exportierten Waren in Pfd. St.  1852     1851     1850
       für den Monat bis 5. Dez.             6102694  5138216  5362319
       für die elf Monate bis 5. Dez.       65349798 63314272 60400525
       Demzufolge zeigt  sich also eine Mehreinnahme von fast einer Mil-
       lion im  Monat und von mehr als zwei Millionen in elf Monaten. Da
       uns aber  Ziffern über  den Wert  der Importe gänzlich fehlen, so
       wissen wir  nicht, ob  die Exportzunahme  auf gleicher Höhe steht
       wie die  Zunahme der Importe oder ob sie von ihr noch übertroffen
       wird.
       Was nun  die Berichte der Fabrikinspektoren betrifft, so schreibt
       Leonard Horner,  Fabrikinspektor für  den Lancashire-Distrikt  in
       seinem eben veröffentlichten Bericht über das am 31. Oktober 1852
       endigende Halbjahr [317]:
       
       "In meinem Distrikt hat sich im letzten Jahre in den Woll-, Kamm-
       garn- und Seidenfabriken wenig geändert, und auch die Flachsspin-
       nereien sind  seit 1.  November 1851  unverändert geblieben. Eine
       starke Zunahme  ist jedoch  bei den Baumwollfabriken zu verzeich-
       nen. Wenn  man die  augenblicklich stillstehenden  in  Abrechnung
       bringt (von  denen wohl viele, insbesondere jene, deren Maschinen
       nicht entfernt  wurden, bald  wieder arbeiten werden), so sind in
       den letzten  zwei Jahren  129 neue  Fabriken mit  insgesamt  4023
       Pferdekräften in  Betrieb gesetzt worden. In 53 bereits bestehen-
       den Fabriken  sind die Pferdekräfte um 2090 erhöht worden, so daß
       die Zunahme  6113 Pferdekräfte beträgt, was einer Einstellung von
       mindestens 24  000 zusätzlichen Arbeitern entsprechen dürfte. Das
       ist aber  nicht alles.  Es werden  noch fortwährend neue Fabriken
       errichtet. In dem nicht sehr umfangreichen Bezirk, der die Städte
       Ashton, Stalybridge,  Oldham und Lees umfaßt, werden momentan elf
       gebaut, die  auf insgesamt 620 Pferdekräfte geschätzt werden. Die
       Maschinenbauer sollen  mit Aufträgen überhäuft sein; und ein sehr
       intelligenter, gut  beobachtender Fabrikbesitzer  sagte mir  neu-
       lich, daß  viele von  den jetzt im Bau begriffenen Fabriken wahr-
       scheinlich nicht vor dem Jahr 1854 arbeiten könnten, da es unmög-
       lich wäre,  Maschinen für sie zu beschaffen. Aber diese meine ei-
       genen Angaben  sowie die  meiner Kollegen lassen, obwohl sie eine
       große Steigerung anzeigen, keineswegs die ganze Zunahme erkennen.
       Denn es  gibt eine große und sehr reiche Quelle des Wachstums der
       Produktion, über  die nur  sehr schwer Berichte zu erlangen sind.
       Ich meine  die modernen  Verbesserungen der Dampfmaschinen, durch
       die alte und selbst neue Maschinen eine Arbeitsleistung erzielen,
       die die  ihrer nominalen  Pferdekräfte entsprechende  weit  über-
       steigt und deren Höhe man vordem für unmöglich gehalten hätte."
       
       #493# Politische Perspektiven - Handelsprosperität...
       -----
       Horner zitiert  dann einen  Brief des hervorragenden Zivilingeni-
       eurs Nasmyth  aus Birmingham.  Nasmyth erklärt,  wie sehr man die
       Leistung steigern kann, wenn man die Maschinen schneller arbeiten
       läßt und  sie mit  dem Woolfschen  Hochdruck-Doppelzylinder  ver-
       sieht, durch  den dieselben  Maschinen wenigstens  um 50  Prozent
       mehr Arbeit leisten, als sie es vor dieser Verbesserung taten.
       Aus einer  Zusammenfassung der  Berichte  sämtlicher  Inspektoren
       geht hervor,  daß in dem am 31. Oktober 1852 endigenden Jahre die
       Summe aller neuen in Betrieb befindlichen Fabriken 229 betrug mit
       einer Dampfkraft  von insgesamt 4771 Pferdekräften und einer Was-
       serkraft von  586 Pferdekräften, daß ferner die schon bestehenden
       Fabriken um  69 mit  einer Dampfkraft  von 1532 Pferdekräften und
       einer Wasserkraft  von 28  Pferdekräften zunahmen  und so die Ge-
       samtsumme auf 6917 Pferdekräfte brachten.
       Die jährlichen  Handelszirkulare atmen denselben enthusiastischen
       Geist wie die "Times", als sie seinerzeit das politische Tausend-
       jährige Reich  verkündete; sie  haben im Vergleich mit ihr aller-
       dings den Vorteil, daß sie sich auf Tatsachen und nicht auf bloße
       Erwartungen stützen, wenigstens soweit es sich um das verflossene
       Jahr handelt.
       Die Landwirtschaft  braucht sich  nicht zu  beschweren. Zu Beginn
       des Jahres war der wöchentliche Durchschnittspreis des Weizens 37
       sh. 2 d.; Ende des Jahres erreichte er 45 sh. 11 d. Mit dem stei-
       genden Weizenpreis  steigt der  Preis für  Vieh, für Fleisch, für
       Butter und für Käse.
       Im August  1851 begann  ein beispiellos starkes Fallen der Preise
       von Kolonialwaren, namentlich Zucker und Kaffee, das bis zum Jah-
       resende noch  nicht zum  Abschluß gekommen war, denn die Panik in
       Mincing Lane  1*) erreichte ihren  Höhepunkt erst  im Januar  des
       vergangenen Jahres.  Jetzt verzeichnen  die Jahreshandelsberichte
       eine  bedeutende   Steigerung  in   den   Preisen   der   meisten
       ausländischen  Produkte,   besonders  der   Kolonialprodukte  wie
       Zucker, Kaffee usw.
       Die Bewegung in Rohmaterialien ersehen wir aus folgendem:
       
       "Der Wollhandel  war", laut  Bericht der  Firma Hughes  & Ronald,
       "das ganze  Jahr über  höchst  befriedigend...  Die  einheimische
       Nachfrage nach Wolle war ungewöhnlich groß... Der Export an Woll-
       und Kammgarnwaren stand so hoch, daß er sogar den des Jahres 1851
       übertraf, dessen  Höhe bisher  unerreicht geblieben... Die Preise
       tendierten ständig  aufwärts, doch erst im letzten Monat sind sie
       entschieden in  die Höhe  gegangen, so daß sie zur Zeit im Durch-
       schnitt um  15 bis  20 Prozent  über denen  des Vorjahres notiert
       werden."
       -----
       1*) Londoner Zentrum des Großhandels mit Kolonialwaren
       
       #494# Karl Marx
       -----
       "Der Holzhandel",  sagt die  Firma Churchill & Sim, "hat im Jahre
       1852 reichlich  an der  Prosperität des  Landes teilgehabt... Die
       Einfuhr nach London übertraf 1200 Schiffsladungen, ähnlich wie im
       Jahre 1851.  Beide  Jahre  überstiegen  die  vorhergehenden,  die
       durchschnittlich etwa 800 Ladungen aufgewiesen hatten, um 50 Pro-
       zent. Während  die Menge  zugehauenen Nutzholzes dem Durchschnitt
       mehrerer Jahre  gleichkommt, hat  sich 1852  die  Verwendung  von
       Brettern, Latten,  gesägtem Holz  etc.  ungeheuer  vermehrt:  sie
       stieg von durchschnittlich 4 900 000 Stück auf 6 800 000 im Jahre
       1852."
       
       Über Leder äußert sich die Firma Powell und Co:
       
       "Das eben  abgelaufene Jahr war zweifellos ein sehr günstiges für
       die Lederfabrikanten in fast allen Branchen. Rohmaterialien stan-
       den zu  Beginn des Jahres sehr niedrig im Preis, und es sind Ver-
       hältnisse eingetreten,  die den  Wert des  Leders in höherem Maße
       steigerten, als dies seit einigen Jahren der Fall gewesen."
       
       Die Eisenindustrie  steht in besonderer Blüte, denn das Eisen ist
       von 5  Pfd. St.  pro Tonne  auf 10 Pfd. 10 sh., ja sogar kürzlich
       auf 12  Pfd. St.  gestiegen und könnte möglicherweise 15 Pfd. St.
       erreichen, und immer mehr Hochöfen werden in Betrieb gesetzt.
       Über die Schiffahrt berichten Offor & Gamman:
       
       "Im eben  abgeschlossenen Jahre  war die britische Schiffahrt au-
       ßerordentlich lebhaft; die Ursache lag in dem durch die australi-
       schen Goldfunde verursachten Aufschwung der Geschäfte... Die Zahl
       der Ladungen hat allgemein zugenommen. "
       
       Die gleiche  Bewegung setzt  sich auf  dem Gebiet  des Schiffbaus
       durch. So  berichten Tonge, Currie& Co. aus Liverpool über diesen
       Geschäftszweig:
       
       "Nie vorher konnten wir über Jahresverkäufe an Schiffen in diesem
       Hafen so  Günstiges berichten, sowohl was die Höhe der verkauften
       Tonnage als  auch die dafür erzielten Preise betrifft. In den Ko-
       lonien gebaute  Schiffe erzielten  um  ganze  17  Prozent  höhere
       Preise, und  die Tendenz  ist immer noch steigend. Der Bestand an
       unverkauften Schiffen  ist auf  48 Segler  gegenüber 76  im Jahre
       1852 und  81 im Jahre 1851 zurückgegangen, wobei nicht mit unmit-
       telbaren Lieferungen  gerechnet wird... Die Zahl der im Laufe des
       Jahres nach Liverpool gelieferten und von dort verkauften Schiffe
       beträgt 120 mit 50000 Tonnen. Die Zahl der in diesem Jahre in un-
       serem Hafen von Stapel gelassenen und in Bau befindlichen Schiffe
       beträgt 39 mit schätzungsweise 15 000 Tonnen, gegenüber 23 Schif-
       fen mit  9200 Tonnen im Jahre 1851. Die Zahl der im Bau befindli-
       chen oder fertiggestellten Dampfer beträgt 13 mit 4050 Tonnen ...
       Höchst bemerkenswert für unser Geschäft ist die ständig steigende
       Vorliebe, deren  sich aus  Eisen  konstruierte  Segelschiffe  er-
       freuen; sowohl  hier als  am Clyde,  in Newcastle  und andernorts
       sind die Schiffbauer in noch nie dagewesenem Umfang mit deren Bau
       beschäftigt."
       
       Über das Kapitel  E i s e n b a h n e n  schreiben Woods & Stubb:
       
       #495# Politische Perspektiven - Handelsprosperität...
       -----
       "Die Ergebnisse  übertreffen die  sanguinischsten Erwartungen und
       sind bei weitem höher als alle früheren Berechnungen. Der Bericht
       der letzten Woche weist gegen 1851 eine Erweiterung der Schienen-
       wege um  348 Meilen  oder 5 1/2 Prozent auf und eine Erhöhung des
       Transportumsatzes um 41 426 Pfd. St. oder 14 Prozent.
       
       Du Fay  & Co. endlich schildern in ihrem Bericht (Manchester) den
       Geschäftsverkehr mit  Indien und China im Monat Dezember als sehr
       ausgedehnt. Der  bereits erwähnte Geldüberfluß habe die Unterneh-
       mungen nach  fremden Märkten  begünstigt und es den Interessenten
       ermöglicht, die  zu Beginn  des Jahres  in Industrieprodukten und
       Kolonialwaren erlittenen Verluste zu ersetzen.
       
       "Im Augenblick  werden Spekulanten  und Kapitalisten  durch  neue
       Land-, Bergbau- und andere Projekte herbeigelockt."
       
       Die Prosperität  der  Industriebezirke  im  allgemeinen  und  der
       Baumwollbezirke im  besonderen ging  schon aus  den Berichten der
       Fabrikinspektoren hervor. John Wrigley & Sohn (Liverpool) berich-
       ten über die Baumwollfabrikation:
       
       "Als Kriterium  für die allgemeine Prosperität des Landes ist der
       Fortschritt der  Baumwollindustrie im  abgelaufenen Jahre  höchst
       erfreulich: Es  ist dabei  manche auffallende Tatsache zutage ge-
       treten, darunter  keine, die  soviel Aufmerksamkeit  verdient wie
       die unglaubliche  Leichtigkeit, mit  der die  noch nie  erreichte
       Ernte von  mehr als 3 000 000 Ballen, das Produkt der Vereinigten
       Staaten Amerikas,  abgesetzt worden ist... Schon werden in vielen
       Bezirken Vorbereitungen  zu einer weiteren Ausdehnung der Produk-
       tionsmöglichkeiten getroffen,  und wir dürfen erwarten, daß näch-
       stes Jahr eine, noch größere Quantität Baumwolle insgesamt verar-
       beitet werden wird als je zuvor."
       
       Auf viele andere Industriezweige trifft ähnliches zu.
       
       "Wir verweisen  auf Glasgow",  sagen Mac  Neir,  Greenhow  Irving
       (Manchester), "mit  seiner Eisen- und Baumwollindustrie, auf Hud-
       dersfield, Leeds, Halifax, Bradford, Nottingham, Leicester, Shef-
       field, Birmingham, Wolverhampton usw. mit ihren verschiedenen In-
       dustrien - sie alle scheinen sich der höchsten Prosperität zu er-
       freuen."
       
       Ausnahmen von  dieser allgemeinen  Prosperität bilden  allem  die
       Seidenfabrikation und  die Wollkämmereien  in Yorkshire.  Und die
       allgemeine Geschäftslage  läßt sich  in den Worten eines Handels-
       zirkulars aus Manchester 1*) so zusammenfassen:
       
       "Wir fürchten  die Überspekulation viel mehr als die Flauheit und
       den Geldmangel."
       -----
       1*) Bericht der Firma Du Fay
       
       #496# Karl Marx
       -----
       Mitten in  dieser allgemeinen  Prosperität hat  ein Schritt,  den
       jüngst die  Bank von  England unternahm, allgemeine Bestürzung in
       der kaufmännischen  Welt hervorgerufen.  Am 22.  April 1852 hatte
       sie den  Diskontsatz auf zwei Prozent herabgesetzt. Am Morgen des
       6. Januar  1853 gab sie bekannt, daß der Diskontsatz von zwei auf
       zweieinhalb Prozent  erhöht würde,  also eine  Erhöhung der Bela-
       stung um  25 Prozent.  Man hat versucht, diese Erhöhung durch die
       hohen Verbindlichkeiten  zu erklären,  die kürzlich  einige große
       Unternehmer von  Eisenbahnbauten eingegangen  waren und  die  be-
       kanntlich auf sehr hohe Beträge lautende Wechsel in Umlauf haben.
       Die "London  Sun" [318]  und andere  wiederum wollten wissen, daß
       die Bank  von England  aus der  allgemeinen Prosperität ebenfalls
       Nutzen ziehen  wolle, indem  sie den  Diskont erhöht. Der Schritt
       wurde im  allgemeinen als "nicht gerechtfertigt" verworfen. Damit
       man ihn richtig einschätzen kann, lasse ich hier die Feststellun-
       gen des "Economist" [109] folgen:
       
                        Bank von England
       1852       Barrengold   Sicherheiten  Diskontsatz (Mindestrate)
                  Pfd. St.     Pfd. St.
       
       22. April  19 587 670   23 782 000    herabgesetzt auf 2%
       24. Juli   22 065 349   24 013 728              2%
       18. Dez.   21 165 224   26 765 724              2%
       24. Dez.   20 794 190   27 545 640              2%
       
       1853
        1. Jan.   20 527 662   29 284 447;             2%, aber am
                                             6. Jan. auf 2 1/2 % erhöht.
       
       Es ist also eine Million Gold mehr in der Bank als im April 1852,
       als der Zinsfuß auf zwei Prozent herabgesetzt worden war; aber es
       besteht ein  großer Unterschied  zwischen den  zwei Perioden hin-
       sichtlich der Bewegung des Goldes: sie hat sich aus einer Flut in
       eine Ebbe  verwandelt. Der  Abfluß ist besonders stark, da er die
       ganze Goldeinfuhr  aus Amerika  und Australien  vom letzten Monat
       überwiegt. Außerdem  betrugen die  Sicherheiten im  April 1852 um
       5 1/2 Millionen  weniger als jetzt. Folglich war im April das An-
       gebot an  Leihkapital größer als die Nachfrage, während jetzt das
       Gegenteil der Fall ist.
       Die Abwanderung  des Barrengoldes war begleitet von einem merkli-
       chen Sinken des ausländischen Wechselkurses, ein Umstand, der zum
       Teil zu
       
       #497# Politische Perspektiven - Handelsprosperität...
       -----
       erklären ist  durch das erhebliche Steigen der Preise der meisten
       Importartikel, zum  Teil durch  große Spekulationen  in Importen.
       Hierzu kommen  noch die Auswirkungen des ungünstigen Herbstes und
       Winters auf  die Landwirtschaft,  daraus die Zweifel und Befürch-
       tungen wegen  der nächsten Ernte und daraus wiederum die riesigen
       Spekulationen in  ausländischem Getreide  und Mehl. Endlich haben
       sich englische  Kapitalisten sehr  stark bei der Gründung von Ei-
       senbahn- und  anderen Gesellschaften in Frankreich, Spanien, Ita-
       lien, Schweden, Norwegen, Dänemark, Deutschland und Belgien enga-
       giert und  beteiligen sich  kräftig an dem allgemeinen Schwindel,
       der sich  jetzt an der Pariser Börse abspielt. Wechsel auf London
       werden daher  auf allen  europäischen Märkten viel mehr angeboten
       als je zuvor, woraus sich das fortgesetzte Fallen des Wechselkur-
       ses ergibt. Am 24Juli notierte 1 Pfund Sterling in Paris 25 Fran-
       ken 30 Centimes. Am 1. Januar war es auf 25 Franken gefallen, und
       einige Transaktionen wurden sogar unter 25 Franken abgeschlossen.
       Soweit die  Nachfrage nach  Kapital  im  Verhältnis  zum  Angebot
       gewachsen ist, erscheint die letzte Maßnahme der Bank von England
       vollkommen gerechtfertigt.  Soweit sie  aber der  Spekulation und
       der Abwanderung  des Kapitals Einhalt gebieten soll, wage ich die
       Prophezeiung, daß sie keinerlei Einfluß haben wird.
       Nachdem uns  die Leser  nun so geduldig bei der langen Aufzählung
       aller Beweise  der wachsenden  Prosperität Englands gefolgt sind,
       bitte ich  sie, noch  einem armen  Nadelmacher, Henry Morgan, auf
       seinem Wege  zu folgen,  als er  von London  nach Birmingham wan-
       derte, um  Arbeit zu suchen. Um nicht der Übertreibung bezichtigt
       zu werden,  lasse ich  den wörtlichen Bericht aus dem Northampton
       Journal 1*) folgen:
       
       "Todesfall infolge äußerster Not.
       Cosgrove. Als  am Montag  morgen gegen neun Uhr zwei Landarbeiter
       in einer  niedrigen Scheune  Zuflucht vor  dem Regen suchten, die
       von Mr. T. Slade aus dem Kirchspiel Cosgrove benutzt wird, hörten
       sie lautes  Stöhnen. Sie suchten und fanden einen Mann, der gänz-
       lich erschöpft  in einer Kornvorratsgrube lag. Sie redeten ihn an
       und boten  ihm hilfsbereit von ihrem Frühstück an, erhielten aber
       keine Antwort. Als sie ihn anfaßten, fühlte er sich fast kalt an.
       Sie holten  Mr. Slade, der in der Nähe war und den Mann bald dar-
       auf in der Obhut eines jungen Burschen auf einem Wagen, auf Stroh
       gebettet  und   zugedeckt,  ins   Armenhaus  von   Yardley-Gobion
       schickte, das  ungefähr eine Meile weit entfernt ist. Dort langte
       er kurz vor ein Uhr an, starb aber eine Viertelstunde später. Die
       ausgehungerte, in  Lumpen gekleidete,  verschmutzte arme  Kreatur
       bot einen furchtbaren Anblick dar. Der Unglückliche hatte
       -----
       1*) "Northampton Mercury"
       
       #498# Karl Marx
       -----
       als Vagabund  offenbar am  Donnerstag, dem 2., vom Armenvorsteher
       in Stoney-Stratford eine Anweisung auf Quartier für eine Nacht in
       Yardley House  bekommen und  war dort aufgenommen worden, nachdem
       er den  mehr als  drei Meilen  langen Weg  nach  Yardley  zu  Fuß
       zurückgelegt hatte.  Er bekam  zu essen, aß mit gutem Appetit und
       bat, noch  einen Tag  und eine  Nacht bleiben  zu dürfen, was ihm
       auch gewährt  wurde. Sonnabend  früh machte  er sich  nach  einem
       Frühstück (wahrscheinlich  seine letzte  Mahlzeit auf Erden), auf
       den Weg  zurück nach  Stratford. Da er sehr schwach war und wunde
       Füße hatte  - die eine Ferse war vereitert - suchte er vermutlich
       das erste  Obdach auf,  das sich ihm darbot. Dies war ein offener
       Schuppen, der  zu den  Außenwerken eines Gutshofs gehört und etwa
       eine Viertelmeile  von der Chaussee entfernt liegt. Dort fand man
       ihn Montag,  den 6.,  mittags im Stroh, und da man keinen Fremden
       auf dem  Grundstück dulden wollte, so wurde ihm bedeutet, er möge
       sich entfernen.  Er bat,  noch ein Weilchen bleiben zu dürfen und
       ging gegen  vier Uhr  weg, um  wiederum, bei  Einbruch der Nacht,
       Schutz und  Ruhe in nächster Nähe zu suchen, eben in dieser nied-
       rigen Scheune, deren Strohdach teilweise fehlte, deren Tür offen-
       stand und die allen Wettern ausgesetzt war. Dort kroch er dann in
       eine  Kornvorratsgrube,   wo  er   ohne  jegliche   Nahrung  noch
       s i e b e n   T a g e   liegenblieb, bis  man ihn,  wie oben  be-
       schrieben, am  Morgen des  13. auffand. Dieser Unglückliche hatte
       angegeben, er  heiße Henry  Morgan und sei Nadelmacher von Beruf.
       Er muß zwischen 30 und 40 Jahre alt und ein Mann von guter Statur
       gewesen sein."
       
       Man kann  sich kaum  einen grauenerregenderen Fall ausdenken. Ein
       stattlicher, kräftig  gebauter Mann im besten Alter - sein langer
       Leidensweg von  London nach  Stoney-Stratford - sein jammervolles
       Flehen um Hilfe bei der "Zivilisation" ringsum - sein sieben Tage
       langes Hungern  - die  Brutalität, mit  der ihn seine Mitmenschen
       seinem Schicksal  überlassen -  sein Suchen  nach Obdach  - seine
       Vertreibung von  einem Schlupfwinkel zum andern - die alles über-
       bietende Unmenschlichkeit dieses Kerls Slade und der geduldig er-
       littene, elendigliche  Tod des  erschöpften Menschen  - das alles
       fügt sich  zu einem  Bild, das  wahrlich zu denken und zu staunen
       gibt.
       Zweifellos verletzte er das Eigentumsrecht, als er in der Scheuer
       und im einsamen Schuppen Obdach suchte!
       Man erzähle diesen Fall von Hungerstod, inmitten der Ära blühend-
       ster Prosperität,  einem feisten  Londoner aus  der City,  und er
       wird in den Worten des "London Economist" vom 8.Januar antworten:
       
       "Es ist ein Genuß zu sehen, wie unter dem Freihandel alle Klassen
       blühen und  gedeihen. Ihre Kräfte werden durch die Aussichten auf
       Erfolg geweckt;  sie alle verbessern ihre Produktion, und die Ge-
       samtheit sowie   d e r   E i n z e l n e   haben ihren Nutzen da-
       von."
       
       Karl Marx
       
       Aus dem Englischen.
       

       zurück