Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       #526#
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       Karl Marx
       
       Das Attentat auf Franz Joseph - Der Mailänder Aufstand -
       Britische Politik - Disraelis Rede - Napoleons Testament
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 3710 vom 8. März 1853]
       London, Dienstag, 22. Februar 1853
       Der elektrische Telegraph meldet aus Stuhlweißenburg 1*):
       
       "Am 18. d.M. um ein Uhr ging der Kaiser von Österreich, Franz Jo-
       seph, auf  der Bastei in Wien spazieren, als sich ein ungarischer
       Schneidergeselle namens  Lasslo Libényi, früherer Husar aus Wien,
       plötzlich auf ihn stürzte und mit einem Dolch nach ihm stach. Der
       Stoß wurde  durch den  Adjutanten Graf O'Donnell abgewehrt. Franz
       Joseph wurde  unterhalb des  Hinterkopfes verwundet. Der 21 Jahre
       alte Ungar  wurde durch  einen Säbelhieb des Adjutanten niederge-
       streckt und sofort festgenommen."
       
       Nach anderen Versionen war die Waffe eine Muskete.
       In Ungarn ist soeben eine sehr ausgedehnte Verschwörung zum Sturz
       der österreichischen Herrschaft entdeckt worden.
       Die "Wiener  Zeitung" veröffentlicht eine Reihe von Urteilen, die
       das Kriegsgericht  über 39  Individuen fällte,  die hauptsächlich
       der Teilnahme  an der  Verschwörung mit  Kossuth und  Ruscsak aus
       Hamburg angeklagt waren.
       Unmittelbar nachdem  die revolutionäre Erhebung in Mailand unter-
       drückt war, gab Radetzky Befehl, jede Mitteilung nach Piemont und
       der Schweiz  abzufangen. Sie  werden schon  vor diesem  Brief die
       spärlichen Nachrichten  bekommen haben, die von Italien nach Eng-
       land durchsickern durften. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit nun auf
       einen charakteristischen Zug der Mailänder Ereignisse lenken.
       Obzwar Feldmarschall-Leutnant  Graf Strassoldo  in seinem  ersten
       Erlaß vom 6. d.M. unumwunden zugibt, daß das Gros der Bevölkerung
       an dem Aufstand absolut unbeteiligt war, verhängt er trotzdem den
       strengsten Belagerungszustand  über Mailand. Radetzky verdreht in
       einer späteren Proklamation,
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       1*) Székesfehérvár
       
       #527# Das Attentat auf Franz Joseph - Der Mailänder Aufstand
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       datiert Verona,  9. Februar,  die Darstellung seines Untergebenen
       und macht  sich die Rebellion zunutze, um unter falschen Vorspie-
       gelungen Geld zu erlangen. Alle Personen, die nicht notorisch der
       österreichischen Partei  angehören, belegt  er mit Geldstrafen in
       beliebiger Höhe  zugunsten der  Garnison. In  seiner Proklamation
       vom 11.  d. M.  erklärt er,  "daß die Mehrheit der Einwohner, mit
       wenigen rühmenswerten  Ausnahmen, sich der kaiserlichen Regierung
       nicht fügen wolle" [334] und instruiert alle gerichtlichen Behör-
       den, d.h. die Kriegsgerichte, das Vermögen sämtlicher Mitschuldi-
       gen zu sequestrieren. Den Ausdruck "Mitschuld" erklärt er so:
       
       "Che tale complicità consista semplicimente nella omissione della
       denuncia a cui ognuno è tenuto." 1*)
       
       Er hätte ebensogut ganz Mailand auf einmal unter dem Vorwand kon-
       fiszieren können,  daß die  Erhebung vom 6. nicht schon am 5. von
       den Einwohnern angezeigt worden sei. Wer also nicht zum Spion und
       Spitzel der Habsburger werden will, läuft Gefahr, die gesetzliche
       Beute der  Kroaten zu  werden. Mit einem Wort, Radetzky verkündet
       ein neues System der Massenplünderung.
       Die Mailänder  Erhebung ist  bedeutsam als  Symptom der  nahenden
       revolutionären Krise  auf dem  ganzen europäischen Kontinent. Und
       bewunderswert ist  sie als Akt des Heroismus einiger weniger Pro-
       letarier, die, nur mit Messern bewaffnet, einen Angriff gegen die
       Zitadelle einer Garnison und gegen eine Armee von 40 000 Mann der
       besten Truppen  ganz Europas  wagten, indes die Söhne Mammons in-
       mitten des Blutes und der Tränen ihrer erniedrigten und gemarter-
       ten Nation  tanzten, sangen  und tafelten. Armselig erscheint sie
       allerdings, wenn sie das Endergebnis der ewigen Verschwörung Maz-
       zinis, seiner  bombastischen Proklamationen und seiner anmaßenden
       Kapuzinaden gegen  das französische Volk bilden soll. Hoffen wir,
       daß die  révolutions improvisées  2*), wie die Franzosen sie nen-
       nen, nunmehr  zu Ende sind. Hat man je gehört, daß große Improvi-
       satoren auch  große Dichter sind? Und wie in der Poesie so in der
       Politik. Revolutionen  werden nicht  auf Befehl gemacht. Seit den
       schrecklichen Erfahrungen  von 1848  und 1849  braucht man  etwas
       mehr als  papierne Erlasse  von entfernten  Führern, um nationale
       Revolutionen  heraufzubeschwören.  Kossuth  hat  die  Gelegenheit
       benützt, um öffentlich die Insurrektion im allgemeinen und die in
       seinem Namen  veröffentlichte Proklamation  im besonderen zu ver-
       leugnen. Gleichwohl  sieht es einigermaßen verdächtig aus, daß er
       post factum 3*) für sich eine Überlegenheit
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       1*) "Eine solche Mitschuld besteht einfach schon in der Unterlas-
       sung der  Anzeige, zu  der jeder  verpflichtet ist." - 2*) impro-
       visierten Revolutionen - 3*) hinterdrein
       
       #528# Karl Marx
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       über  seinen   Freund  Mazzini  als  Politiker  beansprucht.  Der
       "Leader" [335] bemerkt hierzu:
       
       "Wir haken es für nötig, unsere Leser darauf hinzuweisen, daß die
       Angelegenheit ausschließlich  Herrn Kossuth und Herrn Mazzini an-
       geht, und daß letzterer im Augenblick nicht in England ist."
       
       Della Rocca,  ein Freund  Mazzinis, äußert sich in einem Brief an
       die "Daily  News" [129] über Kossuths und Agostinis Ableugnungen.
       Er sagt:
       
       "Es gibt  Leute, die  sie im  Verdacht haben, daß sie, ebenso be-
       reit, die  Ehren des  Gelingens für sich zu beanspruchen, wie die
       Verantwortlichkeit für das Mißlingen zurückzuweisen, erst die de-
       finitiven Nachrichten über den Erfolg oder Mißerfolg des Aufstan-
       des abwarteten."
       
       B. Szemere,  Exminister von  Ungarn, protestiert  in einem an den
       Herausgeber des "Morning Chronicle" [226] gerichteten Brief dage-
       gen, "daß  Kossuth illegitimerweise den Namen Ungarns usurpiere".
       Er sagt:
       
       "Wer sich  ein Urteil  über ihn  als Staatsmann  bilden will, der
       möge nur  die Geschichte  der letzten ungarischen Revolution auf-
       merksam lesen,  und wer  seine Geschicklichkeit  als  Verschwörer
       kennenlernen will,  der werfe nur einen Rückblick auf die vorjäh-
       rige unglückselige Hamburger Expedition."
       
       Daß die Revolution selbst dann siegt, wenn sie fehlschlägt, zeigt
       uns der  Schrecken, den die Mailänder échauffourée 1*) den konti-
       nentalen Herrschern bis ins Innerste einjagte. Man betrachte bloß
       den Brief,  den die offizielle "Frankfurter Oberpostamts-Zeitung"
       [335] veröffentlicht:
       
       "Berlin, 15.  Februar. Man ist hier tief beeindruckt von den Mai-
       länder Ereignissen.  Die telegraphische  Nachricht erreichte  den
       König am 9., just als er sich auf einem Hofball befand. Per König
       erklärte sofort,  daß die  Bewegung mit  einer tiefgehenden  Ver-
       schwörung verknüpft  sei, die  sich überallhin verzweige, und daß
       sich angesichts  dieser revolutionären Bewegungen ein enges Bünd-
       nis zwischen  Preußen und Österreich als unbedingte Notwendigkeit
       erweise... Ein  hoher Würdenträger  rief aus:  'Wir  werden  also
       vielleicht die  preußische Krone an den Ufern des Po zu verteidi-
       gen haben !'"
       
       So groß war der Schrecken im ersten Augenblick, daß ohne jede an-
       dere Ursache  als diesen  "tiefen Eindruck" etwa 20 Bewohner Ber-
       lins verhaftet  wurden. Die  "Neue Preußische Zeitung" [191], das
       ultraroyalistische Blatt,  wurde konfisziert, weil sie das angeb-
       lich von  Kossuth herrührende  Dokument veröffentlicht  hatte. Am
       13. legte  der Minister von Westphalen dem Herrenhaus einen eili-
       gen Gesetzentwurf  vor, der  die Regierung ermächtigen soll, alle
       Broschüren und Zeitungen zu konfiszieren, die außerhalb Preußens
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       1*) kühne, aber unbesonnene Tat
       
       #529# Britische Politik - Disraelis Rede
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       erscheinen. In  Wien sind  Verhaftungen und  Haussuchungen an der
       Tagesordnung. Zwischen Rußland, Preußen und Österreich fanden so-
       fort Verhandlungen  darüber statt,  daß bei der englischen Regie-
       rung ein  gemeinsamer, die  politischen Flüchtlinge  betreffender
       Protest einzulegen  sei. So  schwach, so  machtlos sind die soge-
       nannten "Mächte".  Bei dem  leisesten Anzeichen  eines revolutio-
       nären Erdbebens  fühlen sie  schon die  Throne Europas  in  ihren
       Grundfesten wanken.  Inmitten ihrer Armeen, ihrer Verliese, ihrer
       Galgen zittern sie vor dem, was sie "umstürzlerische Versuche ei-
       niger weniger bezahlter Bösewichte" nennen.
       "Die Ruhe  ist wiederhergestellt." Jawohl, jene schreckliche, un-
       heilvolle Ruhe zwischen dem ersten Aufbrausen des Sturmes und dem
       nächsten dröhnenden Donnerschlag.
       Von dem  bewegten Kontinent will ich nun nach dem stillen England
       zurückkehren. Fast scheint es, als beherrsche der Geist des klei-
       nen Finality-John  [249] die  ganze offizielle Welt, als wäre die
       ganze Nation so gelähmt wie die Männer an ihrer Spitze. Sogar die
       "Times" [131] ruft verzweifelt aus:
       
       "Es mag die Stille vor dem Sturme, es mag der Rauch sein, der dem
       Feuer vorausgeht" -
       
       im Augenblick herrscht schläfrige Ruhe.
       
       Die Parlamentsgeschäfte  sind wieder aufgenommen worden, doch war
       bis jetzt  die dreimalige Verbeugung von Lord Aberdeen das einzig
       Dramatische daran  und die  einzige hervorstechende  Handlung des
       Koalitionsministeriums. Der Eindruck, den Lord Johns Programm auf
       seine Feinde  machte, geht am besten aus den Bekenntnissen seiner
       Freunde hervor. So sagt die "Times":
       
       "Lord John  Russell hat eine Rede gehalten, die noch weniger feu-
       rig war als die einleitenden Bemerkungen, die ein Auktionator dem
       Verkauf alter  Möbel, beschädigter  Waren oder Ladeneinrichtungen
       vorausschicken würde... Lord John Russell ruft herzlich wenig En-
       thusiasmus hervor."
       
       Bekanntlich ist die neue Reformbill zurückgestellt worden 1*) un-
       ter dem  Druck dringenderer  praktischer Reformen, die die unmit-
       telbarere Aufmerksamkeit  der Gesetzgeber in Anspruch nehmen. Nun
       ist schon  an einem  Beispiel gezeigt  worden, wie es mit der Be-
       schaffenheit von  Reformen aussehen  muß, wenn das Instrument für
       die Reform, d.h. das Parlament, selbst unreformiert bleibt.
       Am 14.  Februar legte  Lord Cranworth sein Programm für Rechtsre-
       formen dem Hause der Lords vor. Der größte Teil seiner langwieri-
       gen, langweiligen  und nichtssagenden Rede bestand in der Aufzäh-
       lung der vielen Dinge, die
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 524
       
       #530# Karl Marx
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       man von  ihm erwarte,  die er aber zu erledigen nicht bereit sei.
       Er entschuldigte  sich, er sitze erst sieben Wochen auf dem Woll-
       sack [336]. Hierzu bemerkt die "Times":
       
       "Lord Cranworth  ist seit  63 Jahren  auf dieser Welt und seit 37
       Jahren Advokat."
       
       Als echter  Whig zieht er aus den verhältnismäßig großen Erfolgen
       der bisherigen  kleinen Rechtsreformen  den Schluß,  daß es gegen
       alle Bescheidenheit  verstieße, in derselben Weise mit den Refor-
       men fortzufahren.  Als echter  Aristokrat scheut er davor zurück,
       sich mit  dem Kirchenrecht  zu befassen,  "denn das  verstieße zu
       sehr gegen alte begründete Interessen". Worin begründete Interes-
       sen? In  der öffentlichen  Macht? Nur  zwei Maßnahmen von einiger
       Wichtigkeit hat  Lord Cranworth  vorbereitet: Erstens  "eine Bill
       zur  Erleichterung  des  Besitzwechsels  von  Ländereien",  deren
       hauptsächliches Merkmal  darin besteht,  daß sie  diesen  Wechsel
       durch Erhöhung  der Unkosten  nur noch erschwert, die technischen
       Hindernisse vermehrt,  ohne die Langwierigkeit des Besitzwechsels
       abzukürzen oder  dessen Kompliziertheit zu vereinfachen. Zweitens
       einen Vorschlag  zur Bildung einer Kommission, die die vom Parla-
       ment geschaffenen  Gesetze systematisch  ordnen soll,  und  deren
       Verdienst sich  wohl darauf beschränken wird, einen Index für die
       40 Quartbände  Parlamentsbeschlüsse zusammenzustellen. Lord Cran-
       worth kann  sein Vorgehen den verbohrtesten Gegnern der Rechtsre-
       form gegenüber mit derselben Entschuldigung verteidigen wie jenes
       arme Mädchen, das zu ihrem Beichtvater sagte, es sei ja wahr, daß
       sie ein  Kind gehabt hätte, aber es sei doch nur ein ganz kleines
       gewesen.
       Die einzige  interessante Debatte  im Unterhause  knüpfte sich am
       18. d.M.  an Disraelis Interpellation der Minister wegen Englands
       Beziehungen zu Frankreich. Disraeli begann mit Poitiers und Agin-
       court [337]  und endete  mit den Wahlreden in Carlisle und in der
       Tuchhalle von  Halifax. Der Zweck der Übung war, Sir James Graham
       und Sir Charles Wood anzuprangern, weil sie sich abfällige Bemer-
       kungen über  die Person  Napoleons III.  erlaubt hatten. Disraeli
       hätte den  völligen Zusammenbruch  der  alten  Tory-Partei  nicht
       sinnfälliger darstellen  können, als  daß er  sich zum Apologeten
       der Bonapartes  aufwarf, diesen  Erbfeinden gerade  jener politi-
       schen Klasse,  deren erster  Vertreter er  selbst ist.  Er  hätte
       seine oppositionelle  Laufbahn in keiner ungeeigneteren Weise er-
       öffnen können,  als durch die Rechtfertigung des jetzigen Regimes
       in Frankreich.  Eine kurze Analyse wird die Schwäche dieses Teils
       seiner Rede dartun.
       Als er die Ursachen des Unbehagens erklären wollte, das im Publi-
       kum wegen  der augenblicklichen  Beziehungen zwischen England und
       Frankreich
       
       #531# Britische Politik - Disraelis Rede
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       empfunden wird,  mußte er  notgedrungen zugeben,  daß gerade  die
       großen Rüstungen  daran Schuld  trügen, die  unter seiner eigenen
       Verwaltung begonnen  worden waren.  Er versuchte trotz alledem zu
       beweisen, daß  die Vermehrung und Vervollständigung der Verteidi-
       gungsmittel Großbritanniens ausschließlich in den großen Verände-
       rungen begründet  seien, die durch die moderne Anwendung der Wis-
       senschaft auf  die Kriegskunst verursacht wären. Maßgebende Auto-
       ritäten, meinte  er, hätten längst die Notwendigkeit solcher Maß-
       nahmen erkannt. 1840, zur Zeit als Thiers Minister war, hätte die
       englische Regierung  unter Sir  Robert Peel  einige Anstrengungen
       gemacht, um  wenigstens die  nationale Verteidigung  in ein neues
       System zu  bringen. Jedoch  vergebens! Wiederum beim Ausbruch der
       achtundvierziger Revolutionen  auf dem  Kontinent hätte  sich der
       damaligen Regierung  eine Gelegenheit  geboten,  die  öffentliche
       Meinung in  die von ihr gewünschte Richtung zu lenken, soweit die
       Landesverteidigung in  Frage kam.  Aber wieder ohne Resultat. Die
       Frage der  nationalen Verteidigung sei nicht spruchreif geworden,
       ehe nicht er und seine Kollegen an die Spitze der Regierung beru-
       fen worden seien. Die von ihnen angenommenen Maßnahmen waren fol-
       gende:
       1. Eine Miliz wurde eingeführt.
       2. Die Artillerie wurde wirksam ausgebaut.
       3. Es wurden Vorkehrungen getroffen, um die Arsenale im Lande und
       einige wichtige Punkte an der Küste gründlich zu befestigen.
       4. Ein Antrag  wurde gestellt,  die Marine  um 5000  Matrosen und
       1500 Seesoldaten zu verstärken.
       5. Es wurden  Anordnungen getroffen, die alte Seemacht in Gestalt
       einer Kanalflotte  wiederherzustellen ;  sie sollte aus 15 bis 20
       Linienschiffen (Seglern)  und aus  einer entsprechenden  Zahl von
       Fregatten und kleineren Schiffen bestehen.
       Nun geht  aus allen diesen Behauptungen klar hervor, daß Disraeli
       gerade das  Gegenteil von dem begründete, was er beweisen wollte.
       Die Regierung  war nicht  imstande, die  Rüstungen zu verstärken,
       als die  syrische und  die tahitische  Frage die entente cordiale
       1*) mit  Louis-Philippe bedrohten [338]; und sie war dazu ebenso-
       wenig imstande,  als die Revolution sich auf dem ganzen Kontinent
       ausbreitete und die britischen Interessen an der Wurzel selbst zu
       bedrohen schien.  Warum, frage  ich, hat  sie es  jetzt fertigge-
       bracht und  warum gerade unter Mr. Disraelis Regierung? Eben weil
       jetzt Napoleon  III. zu  größeren Befürchtungen  für Englands Si-
       cherheit Anlaß  gibt, als je seit 1815 bestanden. Und weiter, wie
       Mr. Cobden ganz richtig bemerkte:
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       1*) das herzliche Einvernehmen
       
       #532# Karl Marx
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       "Die beantragte Verstärkung der Seemacht sei keine Vermehrung der
       Zahl der Dampfschiffe, sondern eine Verstärkung der Mannschaften,
       und der  Übergang vom Gebrauch von Segelschiffen zu Dampfschiffen
       bedinge gar  nicht die Notwendigkeit einer größeren Zahl von See-
       leuten, sondern gerade das Gegenteil."
       
       Disraeli sagte:
       
       "Zweitens fürchte  man einen drohenden Bruch mit Frankreich, weil
       dort eine militärische Regierung bestehe. Wenn aber Armeen erobe-
       rungslustig seien, so läge dies daran, daß ihre Position im eige-
       nen Lande  eine unsichere  sei. Frankreich  werde jetzt durch die
       Armee regiert,  nicht etwa  wegen des militärischen Ehrgeizes der
       Truppen, sondern wegen der Unruhe der Bürger."
       
       Mr. Disraeli  scheint ganz zu übersehen, daß es sich gerade darum
       handelt, wie  lange sich  die Armee im eigenen Lande sicher fühlt
       und wie  lange die  gesamte Nation  Rücksicht nehmen wird auf die
       egoistischen Befürchtungen  einer kleinen  Klasse von Bürgern und
       sich dem  tatsächlichen Terror  eines  Militärdespotismus  beugen
       wird, der schließlich nur das Instrument exklusiver Klasseninter-
       essen ist. Die dritte Ursache sah Disraeli in
       
       "dem beträchtlichen Vorurteil, das in diesem Lande gegen den jet-
       zigen Herrscher Frankreichs vorhanden ist... Man sei der Meinung,
       daß er  bei seinem Regierungsantritt mit dem aufgeräumt habe, was
       hier als  parlamentarische Konstitution  geschätzt werde, und daß
       er die Pressefreiheit beschränkt habe."
       
       Disraeli weiß  diesen Vorurteilen  allerdings wenig  genug entge-
       genzuhalten. Er  meint, "es  sei äußerst schwierig, sich über die
       französische Politik eine Meinung zu bilden".
       Der einfache  gesunde Menschenverstand sagt dem englischen Volke,
       obwohl es  nicht so tief in die Mysterien der französischen Poli-
       tik eingeweiht  ist wie  Mr. Disraeli, daß der gewissenlose Aben-
       teurer, den weder ein Parlament noch die Presse kontrolliert, ge-
       rade dazu  angetan wäre, gleich einem Piraten England zu überfal-
       len, nachdem er seinen eigenen Staatsschatz durch Extravaganz und
       Verschwendung erschöpft hat.
       Mr. Disraeli  gibt dann einige Beispiele dafür, wie sehr die har-
       monische Übereinstimmung  der letzten Regierung mit Bonaparte zur
       Erhaltung des  Friedens beigetragen  habe -  so der drohende Kon-
       flikt Frankreichs mit der Schweiz, die Erschließung der südameri-
       kanischen Flüsse,  der Konflikt  zwischen Preußen  und Neuchâtel,
       die Dreimächte-Erklärung, in der sich die Vereinigten Staaten un-
       ter Druck  dem Verzicht  auf Kuba anschlössen, die gemeinsame Ak-
       tion in  der Levante  über das  Tansimat in Ägypten, die Revision
       des griechischen  Erbfolgevertrages, das harmonische Zusammenwir-
       ken bezüglich  der Regentschaft von Tunis [339] usw. Das erinnert
       mich daran, wie
       
       #533# Britische Politik - Disraelis Rede - Napoleons Testament
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       ein gewisses  Mitglied der  französischen Ordnungspartei in einer
       Rede Ende  November 1851 das harmonische Einverständnis Napoleons
       mit der Majorität der Nationalversammlung rühmte, das ihr die Er-
       ledigung der  Wahlrechts-, Koalitions- und Pressefragen so leicht
       gemacht habe.  Zwei Tage später war dann der coup d'état 1*) aus-
       geführt.
       So schwach  und widerspruchsvoll  dieser Teil  der Rede Disraelis
       gewesen, so glänzend war der Abschluß, der in einem Angriff gegen
       das Koalitionsministerium bestand.
       
       "Es gibt  noch einen anderen Grund", so schloß er, "der mich dazu
       zwingt, diese  Untersuchung im  jetzigen Moment zu betreiben, und
       das ist die augenblickliche Lage der Parteien in diesem Hause. Es
       ist dies  eine ganz  eigentümliche Situation. Wir haben im Augen-
       blick ein konservatives Ministerium, und wir haben eine konserva-
       tive Opposition."  (Beifall.) "Die große liberale Partei kann ich
       überhaupt nicht entdecken." (Beifall.) "Wo sind die Whigs mit ih-
       ren großen  Traditionen? Keiner meldet sich." (Erneuter Beifall.)
       "Wo, frage  ich, sind  die jugendlichen  Kräfte des Radikalismus?
       Seine überschäumenden  Erwartungen, seine hochgespannten Hoffnun-
       gen? Ich  fürchte, wenn  er erst aus den glühenden Träumen seiner
       jugendlichen Unerfahrenheit  erwacht, so wird er in demselben Mo-
       ment schon  entdecken, daß  er  verbraucht  und  verworfen  ist."
       (Beifall.) "Und zwar verbraucht ohne Gewissensbisse und verworfen
       ohne großen  Aufwand an Anstand." (Beifall.) "Wo sind die Radika-
       len? Ist  ein Mann  im Hause,  der sich  radikal  nennt?"  (Hört,
       hört!) "Nein,  nicht ein  einziger. Er  würde sich  fürchten, man
       könnte zupacken und einen konservativen Minister aus ihm machen."
       (Schallendes Gelächter.)  "Nun, wie  konnte eine solche Situation
       zustande kommen? Wo sind die treibenden Kräfte, die diese unheil-
       schwangere politische  Kalamität hervorgerufen haben? Ich glaube,
       ich muß  mich an  jenes unerschöpfliche  Arsenal von  politischen
       Kunstgriffen  wenden,   an  den   Ersten  Lord  der  Admiralität"
       (Graham), "um  den jetzigen  Stand der  Dinge zu  erklären. Viel-
       leicht erinnert sich das Haus, daß vor etwa zwei Jahren der Erste
       Lord der  Admiralität  uns  eines  seiner  politischen  Glaubens-
       bekenntnisse vorsetzte,  von denen  seine Reden  überfließen.  Er
       sagte: 'Der Stand, auf dem ich stehe, ist der Fortschritt.' Schon
       damals', mein  Herr, dachte  ich mir,  der  Fortschritt  sei  ein
       merkwürdig Ding,  um darauf  zu stehen."  (Laute  Heiterkeit  und
       Beifall.) "Damals vermutete ich eine schludrige Redewendung. Aber
       für diesen  Verdacht eines  Augenblicks bitte  ich um Verzeihung.
       Ich stelle  fest, daß  es sich  um  ein  wohldurchdachtes  System
       handelt, das  jetzt in  Aktion tritt.  Denn jetzt  haben wir  ein
       Ministerium des  Fortschritts, und alles steht still." (Beifall.)
       "Das Wort  Reform hört man nicht mehr, wir haben kein Ministerium
       der Reform  mehr; wir  haben ein Ministerium des Fortschritts, in
       dem  jedes   Mitglied  entschlossen  ist,  nichts  zu  tun.  Alle
       schwierigen Fragen sind in der Schwebe. Alle Fragen, über die man
       sich nicht einigen kann, sind offene Fragen."
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       1*) Staatsstreich
       
       #534# Karl Marx
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       Disraelis Gegner hatten ihm nicht viel entgegenzuhalten, mit Aus-
       nahme des  "unerschöpflichen Arsenals  von politischen Kunstgrif-
       fen" des Sir James Graham, der wenigstens seine Würde wahrte, in-
       dem er  die beleidigenden  Ausdrücke gegen  Louis-Napoleon, deren
       man ihn anklagte, nicht völlig zurückzog.
       Lord John  Russell klagte Disraeli an, die auswärtige Politik des
       Landes zu einer Parteifrage zu machen. Er versicherte die Opposi-
       tion,
       
       "das Land  würde glücklich  sein, nach  dem Hader und den Kämpfen
       des vergangenen  Jahres  wenigstens  eine  kurze  Spanne  ruhigen
       friedlichen Fortschritts  zu genießen und von den großen erschüt-
       ternden Parteikämpfen verschont zu sein". [332]
       Das  Resultat   der  Debatten   wird  darin   bestehen,  daß  die
       Flottenvoranschläge vom  Hause bewilligt werden, aber zur Beruhi-
       gung Napoleons  nicht aus kriegerischen Motiven, sondern von wis-
       senschaftlichen Gesichtspunkten  aus. Suaviter  in modo, fortiter
       in re.  1*) Am  letzten Donnerstag morgen erschien der Sachwalter
       der Königin  vor Sir  J. Dodson im Prerogative Court 2*) und for-
       derte im Namen des Ministers des Auswärtigen, daß die Registratur
       das Originaltestament  und Kodizill  Napoleon Bonapartes  3*) der
       französischen Regierung ausliefere. Diesem Verlangen wurde statt-
       gegeben. Sollte  Louis Bonaparte  darangehen, dieses Testament zu
       öffnen und  zu versuchen,  dessen  Bestimmungen  auszuführen,  so
       könnte es  sich leicht  als eine moderne Büchse der Pandora [340]
       erweisen.
       Karl Marx
       
       Aus dem Englischen.
       -----
       1*) Mild in  der Form, radikal in der Sache. - 2*) Gericht in Te-
       stamentssachen, das  dem Erzbischof  von Canterbury  untersteht -
       3*) Napoleon I.
       

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