Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       IX
       
       [Der Panslawismus - Der Krieg in Schleswig-Holstein]
       
       Böhmen und  Kroatien (ein  anderes losgerissenes Glied der slawi-
       schen Völkerfamilie,  mit dem  die Ungarn  so zu Werke gingen wie
       die Deutschen mit Böhmen) waren die Heimat jener Erscheinung, die
       man auf  dem europäischen  Kontinent "Panslawismus"  nennt. Weder
       Böhmen noch  Kroatien waren stark genug, um als Nation eine selb-
       ständige Existenz  zu führen.  Die eine wie die andere Nationali-
       tät, nach und nach durch die Wirkung geschichtlicher Ursachen un-
       tergraben, die  unvermeidlich zu ihrer Aufsaugung durch kraftvol-
       lere Stämme  führen, konnte  nur dann hoffen, wieder eine gewisse
       Selbständigkeit zu  erlangen, wenn sie sich mit andern slawischen
       Völkern verband.  Es gab zweiundzwanzig Millionen Polen, fünfund-
       vierzig Millionen  Russen, acht  Millionen Serben  und  Bulgaren;
       warum also nicht eine mächtige Konföderation aus den ganzen acht-
       zig Millionen  Slawen bilden  und die  Eindringlinge vom heiligen
       slawischen Boden vertreiben oder sie vernichten - den Türken, den
       Ungarn  und   vor  allen   den  verhaßten,  aber  unentbehrlichen
       "Njemez", den  Deutschen? So  wurde in  den  Studierstuben  einer
       Handvoll slawischer  Dilettanten der  Geschichtswissenschaft jene
       lächerliche, antihistorische  Bewegung aufgezogen, eine Bewegung,
       die sich kein geringeres Ziel setzte als die Unterjochung des zi-
       vilisierten Westens durch den barbarischen Osten, der Stadt durch
       das flache Land, des Handels, der Industrie und des Geisteslebens
       durch den primitiven Ackerbau slawischer Leibeigener. Aber hinter
       dieser lächerlichen Theorie stand die furchtbare Wirklichkeit des
       r a s s i s c h e n  R e i c h e s,  jenes Reiches, das mit jedem
       seiner Schritte  den Anspruch  erhebt, ganz Europa als Domäne der
       slawischen Rasse,  insbesondere des einzig kraftvollen Teils die-
       ser Rasse,  der Russen,  zu betrachten; jenes Reiches, das, trotz
       zweier Hauptstädte  wie Petersburg und Moskau, solange nicht sei-
       nen Schwerpunkt  gefunden hat,  bis nicht  die "Stadt  des Zaren"
       (Konstantinopel, auf  russisch Zarigrad  - Zarenstadt), die jedem
       russischen Bauern  als seine wahre religiöse und nationale Haupt-
       stadt gilt,
       
       #54# Friedrich Engels
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       tatsächlich die  Residenz seines Kaisers geworden ist; jenes Rei-
       ches, das  bei jedem  Krieg, den es im Lauf der letzten 150 Jahre
       begonnen, nie  Gebiete verloren,  sondern immer gewonnen hat. Und
       man weiß  in Mitteleuropa  recht gut,  durch welche  Intrigen die
       russische Politik das neu in Mode gekommene System des Panslawis-
       mus gefördert,  ein System, wie es passender für seine Zwecke gar
       nicht erfunden werden konnte. Die böhmischen und kroatischen Pan-
       slawisten arbeiteten  also im  direkten Interesse  Rußlands,  die
       einen bewußt,  die andern,  ohne es  zu wissen; sie verrieten die
       Sache der  Revolution für den Schemen einer Nationalität, die be-
       stenfalls das  Schicksal der polnischen Nationalität unter russi-
       scher Herrschaft  geteilt hätte.  Zur Ehre der Polen muß indessen
       gesagt werden,  daß sie  niemals ernstlich in die panslawistische
       Falle gingen, und wenn einige wenige Aristokraten wütende Pansla-
       wisten wurden,  so wußten  sie, daß sie unter dem russischen Joch
       weniger zu  verlieren hatten als durch eine Revolte ihrer eigenen
       hörigen Bauern.
       Die Böhmen  und Kroaten beriefen nun einen allgemeinen Slawenkon-
       greß nach  Prag [34] zur Vorbereitung einer allumfassenden slawi-
       schen Allianz.  Dieser Kongreß hätte auch ohne das Eingreifen des
       österreichischen Militärs einen entschiedenen Mißerfolg erlitten.
       Die einzelnen  slawischen Sprachen unterscheiden sich voneinander
       ebenso stark wie das Englische, das Deutsche und das Schwedische,
       und als die Verhandlungen eröffnet wurden, fehlte es an einer ge-
       meinsamen slawischen Sprache, in der sich die Redner verständigen
       konnten. Man  versuchte es  mit dem Französischen, aber die Mehr-
       zahl kam  auch damit nicht zurecht, und so waren die armen slawi-
       schen Enthusiasten,  deren einziges gemeinsames Empfinden der ge-
       meinsame Haß gegen die Deutschen war, schließlich gezwungen, sich
       der verhaßten deutschen Sprache zu bedienen, weil sie die einzige
       war, die  alle verstanden! Gerade damals versammelte sich aber in
       Prag noch  ein anderer  Slawenkongreß in  der Gestalt galizischer
       Ulanen, kroatischer und slowakischer Grenadiere, böhmischer Kano-
       niere und Kürassiere, und dieser reale, bewaffnete slawische Kon-
       greß unter  dem Kommando  von Windischgrätz  jagte in weniger als
       vierundzwanzig Stunden  die Begründer einer imaginären slawischen
       Oberherrschaft zur Stadt hinaus und zerstreute sie in alle Winde.
       Die böhmischen,  mährischen, dalmatinischen und ein Teil der pol-
       nischen Abgeordneten  (die Aristokratie) im österreichischen ver-
       fassunggebenden Reichstag führten in dieser Versammlung einen sy-
       stematischen Kampf  gegen das deutsche Element. Die Deutschen und
       ein Teil  der Polen  (der verarmte Adel) waren in der Versammlung
       die Hauptvertreter des revolutionären Fortschritts; die Masse der
       slawischen Abgeordneten, die gegen sie auftraten,
       
       #55# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       begnügten sich  jedoch nicht  damit, auf diese Weise deutlich die
       reaktionäre Tendenz  ihrer ganzen Bewegung zu zeigen, sondern wa-
       ren tief genug gesunken, um mit der gleichen österreichischen Re-
       gierung, die ihre Versammlung in Prag auseinanderjagte, zu intri-
       gieren und zu konspirieren. Auch sie erhielten für dieses schmäh-
       liche Verhalten ihren Lohn; nachdem sie sich während des Oktober-
       aufstands 1848,  der ihnen  schließlich die Mehrheit im Reichstag
       verschaffte, auf die Seite der Regierung gestellt, wurde der nun-
       mehr fast  ausschließlich slawische Reichstag ebenso durch öster-
       reichische Soldaten  auseinandergetrieben wie der Prager Kongreß,
       und den Panslawisten wurde mit dem Kerker gedroht, falls sie sich
       nochmals rühren sollten. Und sie haben nur das eine erreicht, daß
       die slawische  Nationalität jetzt  überall durch die österreichi-
       sche Zentralisation untergraben wird, ein Ergebnis, das sie ihrem
       eigenen Fanatismus und ihrer eigenen Blindheit zu danken haben.
       Wären die  Grenzen zwischen Ungarn und Deutschland irgendwie pro-
       blematisch gewesen,  so wäre  bestimmt auch  dort ein Streit ent-
       standen. Aber  zum Glück  gab es  dazu keinen Vorwand, und da die
       Interessen der  beiden Nationen  eng miteinander verknüpft waren,
       kämpften sie  gegen die gleichen Feinde, nämlich die österreichi-
       sche Regierung  und den  panslawistischen Fanatismus.  Ihr  gutes
       Einvernehmen wurde  nicht einen  Augenblick getrübt. Dagegen ver-
       wickelte die Revolution in Italien wenigstens einen Teil Deutsch-
       lands in  einen für  beide Seiten mörderischen Krieg, und als Be-
       weis dafür,  wie weit es dem Metternichschen System gelungen war,
       die Entwicklung des politischen Denkens allgemein hintanzuhalten,
       muß hier festgestellt werden, daß im Verlauf der ersten sechs Mo-
       nate des  Jahres 1848  die gleichen  Männer, die  in Wien auf die
       Barrikaden gestiegen,  voll Begeisterung zu der Armee eilten, die
       gegen die  italienischen Patrioten  kämpfte.  Diese  bedauerliche
       Ideenverwirrung war indessen nicht von langer Dauer.
       Endlich gab  es noch  den Krieg  mit Dänemark wegen Schleswig und
       Holstein. Diese  Länder, der  Nationalität, Sprache  und  Neigung
       nach unzweifelhaft  deutsch, sind auch aus militärischen, mariti-
       men und kommerziellen Gründen für Deutschland notwendig. Ihre Be-
       wohner haben  während der  letzten drei  Jahre einen harten Kampf
       gegen das  Eindringen der  Dänen geführt.  Überdies war  nach den
       Staatsverträgen das  Recht auf  ihrer Seite.  Die  Märzrevolution
       brachte sie  in offene  Kollision mit  den Dänen, und Deutschland
       unterstützte sie.  Aber während  in Polen,  in Italien, in Böhmen
       und später  in Ungarn die militärischen Operationen mit dem größ-
       ten Nachdruck  betrieben wurden,  ließ man  die Truppen in diesem
       Krieg, dem  einzigen, der  populär, dem  einzigen, der wenigstens
       zum Teil  revolutionär war,  geflissentlich nutzlos  hin und  her
       marschieren und nahm die Einmischung auswärtiger
       
       #56# Friedrich Engels
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       Diplomatie hin,  was nach  manchem heldenmütigen Gefecht zu einem
       höchst kläglichen Ende führte. Die deutschen Regierungen übten an
       der schleswigholsteinischen  revolutionären Armee bei jeder Gele-
       genheit Verrat  und ließen  sie, wenn  sie verstreut oder geteilt
       war, absichtlich  von den  Dänen zersprengen.  Mit den  deutschen
       Freiwilligenkorps verfuhr man in gleicher Weise.
       Aber während so der deutsche Name auf allen Seiten nichts als Haß
       erntete, rieben  sich die deutschen konstitutionellen und libera-
       len Regierungen  vergnügt die  Hände. Es  war ihnen gelungen, die
       Bewegung in  Polen und  Böhmen niederzuwerfen. Überall hatten sie
       die alten  nationalen Gegensätze  zu neuem  Leben erweckt, die so
       lange einem guten Einvernehmen und gemeinsamen Vorgehen von Deut-
       schen, Polen  und Italienern  im Wege  gestanden. Sie  hatten das
       Volk an  Bürgerkrieg und  militärische Unterdrückung gewöhnt. Die
       preußische Armee  hatte in Polen, die österreichische in Prag ihr
       Selbstvertrauen wiedergefunden;  und während die von Patriotismus
       überströmende  revolutionäre,   aber  kurzsichtige   Jugend  (die
       "patriotische Überkraft"  1*), wie  Heine es  nannte  [35])  nach
       Schleswig und in die Lombardei gelenkt wurde, damit sie unter den
       Kartätschen des  Feindes verblutete, gab man der regulären Armee,
       dem wirklichen  Werkzeug in  der Hand  sowohl Preußens  wie  auch
       Österreichs, durch  Siege über  das Ausland Gelegenheit, sich bei
       der Öffentlichkeit wieder in Gunst zu setzen. Wir wiederholen je-
       doch: Kaum  hatten diese  Armeen, von den Liberalen neu gestärkt,
       um gegen  die fortgeschrittenere Partei eingesetzt zu werden, ihr
       Selbstvertrauen und ihre Disziplin einigermaßen wiedererlangt, da
       wendeten sie  sich gegen  die Liberalen und verhalfen den Männern
       des alten  Systems wieder zur Macht. Als Radetzky in seinem Lager
       jenseits der Etsch die ersten Befehle der "verantwortlichen Mini-
       ster" in Wien erhielt, rief er aus: "Wer sind diese Minister? Sie
       sind nicht  die österreichische  Regierung. Österreich  existiert
       jetzt nur  mehr in  meinem Lager;  ich und  meine Armee, wir sind
       Österreich; wenn  wir erst die Italiener geschlagen haben, werden
       wir das  Reich für  den Kaiser  zurückerobern!" Und  der alte Ra-
       detzky hatte  recht - nur die schwach-köpfìgen "verantwortlichen"
       Minister in Wien achteten nicht auf ihn.
       London, Februar 1852
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       1*) In der "N.-Y.D.T." deutsch
       

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