Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       #548#
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       Karl Marx
       
       [Kossuth und Mazzini - Die preußische Polizei -
       Der Handelsvertrag zwischen Österreich und Preußen -
       Die "Times" und die Emigration]
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 3733 vom 4. April 1853]
       London, Freitag, 18. März 1853
       Heute wird  sich das  Parlament bis zum 4. April für die Osterfe-
       rien vertagen.
       Ich habe in einem früheren Brief berichtet, daß - einem allgemein
       als glaubwürdig  anerkannten Gerücht  zufolge -  Libényis Frau in
       Pest von  den Österreichern  ausgepeitscht wurde.  [347] Ich habe
       mich seither vergewissert, daß er niemals verheiratet war und daß
       die in der Londoner Presse zirkulierende Geschichte, er habe ver-
       sucht, seinen von den Österreichern mißhandelten Vater zu rächen,
       ebenfalls völlig  erfunden ist.  Er handelte ausschließlich unter
       dem Einfluß  politischer Motive  und  bewahrte  bis  zur  letzten
       Stunde eine feste und heroische Haltung.
       Aus englischen  Blättern werden  Sie bereits die Antwort Kossuths
       auf Mazzinis  Erklärung erfahren  haben. Ich  meinerseits bin der
       Ansicht, daß  Kossuth eine schlechte Sache nur noch verschlimmert
       hat. Die  Widersprüche in seiner ersten und in seiner letzten Er-
       klärung sind  so greifbar,  daß ich sie heute nicht nachdrücklich
       hervorzuheben brauche.  Außerdem ist die Sprache der beiden Doku-
       mente von  abstoßender Ungleichartigkeit:  das erste  ist in  den
       orientalischen Hyperbeln des Propheten, das letztere im kasuisti-
       sche^ Stil des Plädoyers eines Advokaten abgefaßt.
       Mazzinis Freunde  versichern jetzt  wie aus  einem Munde, daß der
       Mailänder Aufstand  ihm und seinen Mitgenossen durch Verhältnisse
       aufgezwungen wurde,  deren Kontrolle außerhalb seiner Macht gewe-
       sen sei. Es gehört jedoch einerseits zu dem Wesen jeder Verschwö-
       rung, daß  sie entweder  durch Verrat  oder durch Zufall zu einem
       überstürzten Ausbruch  kommen kann.  Andererseits darf  man, wenn
       man drei  Jahre lang nur nach Aktion, Aktion, Aktion! gerufen und
       das ganze revolutionäre Vokabularium
       
       #549# Kossuth und Mazzini - Die preußische Polizei
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       sich in dem einen Worte "Aufstand" erschöpft hat, nicht mit einem
       solchen Maß  von Autorität  rechnen, um in einem gegebenen Moment
       dekretieren zu  können:   d e r    A u f s t a n d    f i n d e t
       n i c h t  s t a t t.  Wie dem auch sei, die österreichische Bru-
       talität hat  aus dem  Mailänder Fehlschlag  den wirklichen Anfang
       einer nationalen  Revolution gemacht.  Hören wir zum Beispiel das
       gut informierte Organ Lord Palmerstons, die "Morning Post" [279],
       von heute:
       
       "Das Volk  von Neapel  wartet auf  eine Bewegung, die bestimmt im
       österreichischen Kaiserreich zustande kommen wird. Dann wird ganz
       Italien, vom  äußersten Piemont  bis Sizilien,  sich erheben, und
       bedauerliches Unheil  wird daraus  entstehen.  Die  italienischen
       Truppen werden sich auflösen; die sogenannten Schweizer Soldaten,
       die noch  aus der Revolution von 1848 rekrutiert sind, werden die
       italienischen  Herrscher   nicht  retten.   Italien  geht   einer
       u n m ö g l i c h e n   R e p u b l i k   entgegen. Das  wird si-
       cherlich der  nächste Akt  des Dramas  sein, das 1848 begann. Die
       Diplomatie kann die Fürsten Italiens nicht mehr retten."
       
       Aurelio Saffi,  der Mazzinis  Proklamation gegenzeichnete und der
       vor dem Ausbruch eine Tour durch Italien machte, gesteht in einem
       Brief an die "Daily News" [129], "die  o b e r e n  K l a s s e n
       seien in  apathischer Gleichgültigkeit  oder in Verzweiflung ver-
       sunken", und es sei das "Volk von Mailand", die Proletarier, die,
       
       "ohne Führung  ihren eigenen Instinkten überlassen, ihren Glauben
       an das Geschick ihres Vaterlands aufrechthielten trotz des Despo-
       tismus österreichischer  Prokonsuln und der Justizmorde der Mili-
       tärkommissionen und die sich einmütig zur Rache vorbereiteten."
       
       Die Partei Mazzinis ist ein gutes Stück weitergekommen, indem sie
       endlich zur  Überzeugung gelangt ist, selbst bei nationalen Erhe-
       bungen gegen fremden Despotismus gäbe es solch ein Ding wie Klas-
       senunterschiede, und es seien nicht die oberen Klassen, von denen
       man in  unserer Zeit  revolutionäre  Bewegungen  erwarten  dürfe.
       Vielleicht werden sie noch einen Schritt weitergehen und zur Ein-
       sicht gelangen,  daß sie  sich ernstlich mit der materiellen Lage
       des italienischen  Landvolkes beschäftigen  müssen, wenn  sie ein
       Echo auf  ihren Ruf "Dio e popolo" 1*) erwecken wollen. Ich beab-
       sichtige, später  einmal die materiellen Verhältnisse ausführlich
       darzulegen, in  denen der  bei weitem größere Teil der ländlichen
       Bewohner Italiens sich befindet und durch die sie bis jetzt, wenn
       auch nicht  reaktionär, doch zumindest gleichgültig gegen den na-
       tionalen Kampf ihres Landes gemacht worden sind.
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       1*) "Für Gott und Volk"
       
       #550# Karl Marx
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       Zweitausend Exemplare einer Flugschrift, die ich vor einiger Zeit
       in Basel  unter dem  Titel "Enthüllungen über den Kölner Kommuni-
       sten-Prozeß" 1*)  veröffentlichte, sind  an der  badischen Grenze
       beschlagnahmt und  auf Verlangen  der preußischen  Regierung ver-
       brannt worden. Gemäß dem neuen Pressegesetz, das die Kontinental-
       mächte dem  Schweizer Bund  auferlegt haben, werden der Verleger,
       Herr Schabelitz,  sein Sohn 2*) und der Drucker von der badischen
       Regierung verfolgt, die auch schon eine Anzahl noch im Besitz des
       Verlegers vorgefundener  Exemplare konfisziert hat. Dies wird der
       erste derartige  Prozeß in  der Schweiz  sein, und  die Sache ist
       auch schon  zu einer  Streitfrage zwischen  den Radikalen und der
       konservativen Partei  geworden. Wie  ängstlich die preußische Re-
       gierung bemüht  ist, ihre  Infamien während  des Kölner Prozesses
       vor der  Öffentlichkeit zu verheimlichen, können Sie aus der Tat-
       sache entnehmen,  daß der Minister für Auswärtige Angelegenheiten
       Fahndebriefe 3*)  erlassen hat, wonach die Flugschrift überall zu
       konfiszieren ist,  daß er es aber noch nicht einmal wagt, sie bei
       ihrem Titel  zu nennen. Um das Publikum irrezuführen, gibt er ihr
       den Namen  "Eine kommunistische Theorie", während sie nichts ent-
       hält als Enthüllungen über preußische Staatsschliche.
       Der einzige  "Fortschritt" des offiziellen Deutschlands seit 1848
       ist der Abschluß des österreichisch-preußischen Handelsvertrags -
       et encore! 4*) Der Vertrag ist von so vielen clausulae 5*) einge-
       hegt, hinter  so vielen Ausnahmebestimmungen verschanzt und über-
       läßt so viele Hauptfragen der späteren Bearbeitung durch noch un-
       geborene Kommissionen,  während er  die Tarife  faktisch so wenig
       senkt, daß er bloß dem Traumbild einer wirklichen Handelsvereini-
       gung Deutschlands gleichkommt und, praktisch gesprochen, ganz un-
       bedeutend ist.  Der hervorstechendste  Zug in dem Vertrag ist der
       Sieg, den Österreich wieder über Preußen errungen hat. Diese per-
       fide, diese  niedrige, diese feige, diese schwankende Scheinmacht
       hat sich  wieder einmal ihrer brutaleren, ihre Ziele offener ver-
       folgenden Rivalin  unterworfen. Österreich  hat nicht nur Preußen
       einen mit äußerstem Widerwillen angenommenen Vertrag aufgenötigt,
       sondern Preußen  wurde auch  zur Erneuerung  des  alten  Zollver-
       eins161 mit  dem alten Tarif gezwungen oder doch zu dein Verspre-
       chen, zwölf  Jahre lang seine Handelspolitik nicht zu ändern ohne
       einstimmige Einwilligung der kleineren Zollvereins-Staaten, d. h.
       ohne die  Erlaubnis Österreichs  (denn die  süddeutschen  Staaten
       sind nicht  nur politisch,  sondern auch kommerziell die Vasallen
       Österreichs oder die Gegner Preußens). Seit
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       1*) Siehe vorl.  Band, S. 405-470 - 2*) Jakob Schabelitz - 3*) in
       der "N.-Y.D.T."  deutsch -  4*) und damit  ist's auch  nicht weit
       her! - 5*) Klauseln
       
       #551# Kossuth und Mazzini - Die preußische Polizei
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       der Restaurierung  der Macht  von "Gottes Gnaden" ist Preußen von
       Erniedrigung zu Erniedrigung gesunken. Ihr König, "zu seiner Zeit
       ein weiser  Mann", scheint  zu denken,  sein Volk finde Trost und
       Entschädigung für  den teuflischen Despotismus daheim in der Her-
       abwürdigung, die seine Regierung von außen her erdulden muß.
       Die Flüchtlingsfrage  ist  noch  nicht  geregelt.  Die  offiziöse
       "Oesterreichische  Correspondent"  widerspricht  der  Behauptung,
       Österreich habe  jetzt an  die englische Regierung eine neue Note
       gerichtet, da  "kürzlich eingetretene  Ereignisse gezeigt hätten,
       daß Lord  Palmerston wieder  zu Einfluß  gelangt sei und die kai-
       serliche Regierung  sich einer  sicheren Verletzung  ihrer  Würde
       nicht aussetzen könne". Ich schrieb schon über die Erklärung Pal-
       merstons im Unterhaus. 1*) Aus englischen Blättern kennen Sie die
       austro-phile Erklärung Aberdeens im Oberhaus, derzufolge die eng-
       lische Regierung  sich zum  Spion und  Generalstaatsanwalt Öster-
       reichs hergeben  wolle. Palmerstons  Blatt läßt sich nun über die
       Bemerkungen von Palmerstons Kollegen folgendermaßen aus:
       
       "Selbst unter  den einschränkenden Bedingungen, die Lord Aberdeen
       machen zu wollen scheint, können wir nicht behaupten, daß wir mit
       Zuversicht einen Erfolg erwarten... Wage keiner, einer britischen
       Regierung vorzuschlagen,  sie solle sich zum Werkzeug fremder Po-
       litik hergeben und in eine politische Menschenfalle verwandeln."
       
       Sie sehen,  welch gutes Einvernehmen im Rate des Methusalem-Mini-
       steriums 2*)  zwischen "seniler Verblödung und liberaler Energie"
       herrscht. Die ganze Londoner Presse schrie auf vor Empörung gegen
       Aberdeen und  das Oberhaus, mit einer schmählichen Ausnahme - der
       "Times" [131].
       Sie werden  sich erinnern,  daß die  "Times"  damit  begann,  die
       Flüchtlinge anzuprangern  und die  fremden Mächte  zu  ermuntern,
       ihre Ausweisung  zu verlangen.  Als sie  sich  dann  vergewissert
       hatte, daß  die Minister  sich bei  einer  Wiedereinbringung  der
       Alien Bill [348] eine schmachvolle Abfuhr im Unterhaus holen wür-
       den, floß  sie plötzlich über von schwungvoll abgefaßten Schilde-
       rungen der  Opfer, die  sie *- o je! - bereit wäre, der Erhaltung
       des Asylrechts  zu bringen. Endlich, nach der liebenswürdigen Un-
       terhaltung ihrer  Lordschaften im  Oberhause, machte sie sich zur
       Entschädigung für  ihre frühere  hochtrabende  Bürgertugend  Luft
       durch folgenden  ärgerlichen Ausbruch in ihrem Leitartikel vom 5.
       März:
       
       "Viele Kabinettsmitglieder  sind des Glaubens, daß wir in unserem
       Lande in  einer wahren Menagerie von Flüchtlingen schwelgen, ver-
       wegenen Gesellen aus allen Ländern,
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 546 - 2*) siehe vorl. Band, S. 484
       
       #552# Karl Marx
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       die zu  jedem Verbrechen fähig sind... Glauben etwa diese auslän-
       dischen Schriftsteller, die auf die Anwesenheit ihrer eigenen ge-
       ächteten Landsleute hinweisen, das Schicksal eines Verbannten sei
       in unserem Lande ein beneidenswertes? Wir wollen sie darüber auf-
       klären.    D i e    u n s e l i g e n    W e s e n    d i e s e r
       K l a s s e   leben zum  größten Teil in schmutziger Armut,  e s-
       s e n   d a s   S a l z   d e r   F r e m d e,  sofern sie es be-
       kommen können,  und versinken langsam in den trüben Wellen dieser
       ungeheuren Großstadt...   I h r e   S t r a f e    i s t    d a s
       E x i l   i n   s e i n e r    g r ö ß t e n    B i t t e r n i s
       u n d  h ä r t e s t e n  F o r m."
       
       Im letzten Punkt hat die "Times" recht: England ist ein reizendes
       Land, wenn  man nicht dort leben muß. Im "Himmel des Mars" begeg-
       net Dante  seinem Vorfahren  Cacciaguida di Elisei, der ihm seine
       bevorstehende Verbannung aus Florenz mit den Worten prophezeit:
       
       Tu proverai si come sa di sale
       Lo pane altrui, e com'è duro calle
       Lo scendere e'l salir per l'altrui scale.
       
       Erfahren wirst du, wie gesalzen schmecket
       Das fremde Brot und wie so herb der Pfad ist,
       Den man auf fremden Stiegen auf- und absteigt.
       
       Glücklicher Dante, warst du auch eines der "unseligen Wesen jener
       Klasse politischer  Flüchtlinge", so  konnten dich  deine  Feinde
       doch nicht  mit der  Misere eines Leitartikels der "Times" bedro-
       hen!  Glücklicher   noch   die   "Times",   die   dadurch   einem
       "reservierten Platz" in seinem "Inferno" entging!
       Aber wenn auch die Flüchtlinge das Salz der Fremde essen, wie die
       "Times" sagt,  und gar  befremdende Preise dafür zahlen - was die
       "Times" vergißt  -, mästet sich die "Times" selbst nicht geradezu
       am Fleisch  und Blut dieser Fremdlinge? Wie viele Leitartikel und
       wie viele  Pfunde haben ihre anonymen Pythien gemacht aus franzö-
       sischen Revolutionen, deutschen Aufständen, italienischen Unruhen
       und ungarischen  Kriegen, aus  französischen "Füsilladen", öster-
       reichischen Galgen, aus konfiszierten Köpfen und geköpftem Eigen-
       tum!  Wie   unglücklich  wärst  du,  o  "Times",  gäbe  es  keine
       "verwegenen Gesellen"  auf dem  Kontinent, müßtest du Tag für Tag
       auf deine  alten Jahre dein Leben fristen von solch grobem Futter
       wie Smithfield  Market 1*)  oder Londons verrußter Luft, von son-
       stigem Dreck,  verwegenen Droschkenkutschern,  den sechs  Themse-
       brücken, der  Bestattung innerhalb  oder außerhalb der Stadtgren-
       zen, verpesteten  Kirchhöfen, schmutzigem Trinkwasser, Eisenbahn-
       unfällen, unbrauchbaren Pint- und Quartflaschen 2*)
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       1*) Hauptmarkthalle in  London -  2*) englische Hohlmaße,  ca 0,5
       bzw 1,0 l.
       
       #553# Kossuth und Mazzini - Die preußische Polizei
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       und anderen  interessanten Dingen,  die dein  ständiges  Inventar
       bilden, wenn  auf dem  Kontinent nichts  los ist. Die "Times" hat
       sich nicht  geändert seit  jenen Tagen, als sie die englische Re-
       gierung aufforderte, Napoleon I. zu  e r m o r d e n.
       
       "Bedenkt man  denn auch",  schrieb sie  am 8.  Juli 1815, "welche
       Wirkung es  notwendig auf die Unzufriedenen in allen Teilen Euro-
       pas haben muß, daß sie wissen, dieser Mensch lebt immer noch? Sie
       werden denken,  und mit Recht denken, daß die verbündeten Souver-
       äne sich  fürchten, das  Leben eines  Mannes anzutasten,  der  so
       viele Bewunderer und Anhänger hat."
       
       Sie ist  noch genau  das Blatt, das den Kreuzzug gegen die Verei-
       nigten Staaten von Amerika predigte:
       
       "Keinen Frieden  mit Amerika,  ehe nicht mit  d i e s e m  v e r-
       d e r b l i c h e n   B e i s p i e l   e i n e r    e r f o l g-
       r e i c h e n    d e m o k r a t i s c h e n    R e b e l l i o n
       a u f g e r ä u m t  w o r d e n  i s t."
       
       Im Redaktionsstab  der "Times"  finden  sich  keine  "verwegenen"
       kontinentalen Gesellen.  Ganz im  Gegenteil. Da  ist zum Beispiel
       ein armes  Männlein, ein Preuße, namens Otto von Wenckstern, vor-
       mals Herausgeber  einer kleinen  deutschen Zeitung, der später in
       der Schweiz  verarmte und verdreckte und genötigt war, an die Ta-
       schen Freiligraths und anderer Flüchtlinge zu appellieren, bis er
       schließlich in  die Dienste  des preußischen Gesandten in London,
       des weitberühmten  Bunsen, trat  und gleichzeitig  seinen  festen
       Platz fand  im Stab des Orakels von Printing House Square 1*). Es
       gibt noch mehr solche zahme kontinentale Gesellen in der "Times"-
       Redaktion, die  das Bindeglied zwischen der kontinentalen Polizei
       und dem führenden Presseorgan Englands bilden.
       Die Pressefreiheit  in England  zeigt sich in folgendem Beispiel:
       Auf dem  Polizeirevier von  Bow Street  in London erschien Mr. E.
       Truelove, wohnhaft  Am Strand, auf Veranlasssung der Beauftragten
       für innere Steuerangelegenheiten. Die Informationen gegen ihn be-
       sagten, er habe eine Zeitung "The Potteries Free Press" verkauft,
       die, entgegen dem Gesetz aus dem sechsten und siebten Regierungs-
       jahr Wilhelms IV., Kapitel 76, auf nicht ordnungsmäßig gestempel-
       tem Papier  gedruckt war.  Vier Nummern  dieses Blattes  waren in
       Stoke-on-Trent erschienen.  Als nomineller Besitzer fungiert Col-
       let Dobson  Collet, Sekretär  der  G e s e l l s c h a f t  z u r
       A b s c h a f f u n g     d e r    B e s t e u e r u n g    d e s
       W i s s e n s,   die das Blatt herausgab, in "Übereinstimmung mit
       der Praxis  des Stempelamts, das die Veröffentlichung von Berich-
       ten über  laufende Ereignisse und von Kommentaren dazu ohne Stem-
       pelsteuer im 'Athenäum',
       -----
       1*) Sitz der Redaktion der "Times"
       
       #554# Karl Marx
       -----
       'Builder', 'Punch',  in der  'Racing Times' usw.[349] gestattet".
       Sie wollte damit, wie sie offen zugab, eine Belangung seitens der
       Regierung provozieren,  damit ein  Geschwornengericht entscheide,
       welcher Art  von Nachrichten  das Recht  auf Befreiung vom Penny-
       Stempel  zusteht.   Der  Richter,   Mr.  Henry,  hat  sich  seine
       Entscheidung noch  vorbehalten. Viel  wird übrigens von ihr nicht
       abhängen, denn  die fragliche  Zeitung erscheint  nicht,  um  dem
       Stempelgesetz Trotz zu bieten, sondern nur, um sich eine noch un-
       klare Zweideutigkeit im Wortlaut des Gesetzes nutzbar zu machen.
       Die heutigen englischen Blätter bringen eine Depesche vom 6. März
       aus Konstantinopel, die die Ersetzung Fuad-Effendis, Minister des
       Äußern, durch Rifaat-Pascha meldet. Es war der russische außeror-
       dentliche Gesandte Fürst Menschikow, der der Pforte diese Konzes-
       sion abpreßte. Bis jetzt ist die Angelegenheit der Heiligen Stät-
       ten zwischen Rußland, Frankreich und der Pforte noch nicht beige-
       legt [350];  L[ouis]-Napoleon, höchlichst gereizt über die Intri-
       gen Rußlands  und Österreichs,  die seine Krönung durch den Papst
       hintertrieben, gedenkt,  sich auf  Kosten der  Türken schadlos zu
       halten. In  meinem nächsten Brief will ich auf diese ewig wieder-
       kehrende Orientfrage  zurückkommen, auf  diese pons asini 1*) der
       europäischen Diplomatie.
       Karl Marx
       
       Aus dem Englischen.
       -----
       1*) Eselsbrücke
       

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