Quelle: September 1864 - Juli 1870


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       #235#
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       Friedrich Engels
       
       [Rezension des Ersten Bandes "Das Kapital"
       für das "Demokratische Wochenblatt" [169]]
       
       ["Demokratisches Wochenblatt" Nr. 12 vom 21. März 1868]
       
       "Das Kapital" von Marx *)
       
       I
       
       Solange es  Kapitalisten und  Arbeiter in der Welt gibt, ist kein
       Buch erschienen, welches für die Arbeiter von solcher Wichtigkeit
       wäre, wie das vorliegende. Das Verhältnis von Kapital und Arbeit,
       die Angel,  um die sich unser ganzes heutiges Gesellschaftssystem
       dreht, ist  hier zum  ersten Mal wissenschaftlich entwickelt, und
       das mit  einer Gründlichkeit und Schärfe, wie sie nur einem Deut-
       schen möglich  war. Wertvoll wie die Schriften eines Owen, Saint-
       Simon, Fourier sind und bleiben werden - erst einem Deutschen war
       es vorbehalten,  die Höhe zu erklimmen, von der aus das ganze Ge-
       biet der  modernen sozialen  Verhältnisse klar  und übersichtlich
       daliegt, wie die niederen Berglandschaften vor dem Zuschauer, der
       auf der höchsten Kuppe steht.
       Die bisherige  politische Ökonomie  lehrt uns, daß die Arbeit die
       Quelle alles  Reichtums und  das Maß aller Werte ist, so daß zwei
       Gegenstände, deren  Erzeugung dieselbe  Arbeitszeit gekostet hat,
       auch denselben Wert besitzen und, da durchschnittlich nur gleiche
       Werte unter  sich austauschbar  sind, auch  gegeneinander  ausge-
       tauscht werden  müssen. Gleichzeitig lehrt sie aber, daß eine Art
       aufgespeicherter Arbeit  existiert, welche sie Kapital nennt; daß
       dies Kapital durch die in ihm enthaltenen Hülfsquellen
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       *) Das Kapital.  Kritik der politischen Oekonomie. Von Karl Marx.
       Erster Band:  Der Produktionsprozeß  des  Kapitals.  Hamburg,  O.
       Meißner, 1867.
       
       #236# Friedrich Engels
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       die Produktivität der lebendigen Arbeit ins Hundert- und Tausend-
       fache steigert  und dafür  eine  gewisse  Vergütung  in  Anspruch
       nimmt, welche  man Profit oder Gewinn nennt. Wie wir alle wissen,
       stellt sich dies in der Wirklichkeit so, daß die Profite der auf-
       gespeicherten, toten  Arbeit immer  massenhafter, die  Kapitalien
       der Kapitalisten  immer kolossaler  werden, während  der Lohn der
       lebendigen Arbeit immer geringer, die Masse der bloß von Arbeits-
       lohn lebenden  Arbeiter immer zahlreicher und ärmer wird. Wie ist
       dieser Widerspruch  zu lösen? Wie kann ein Profit für den Kapita-
       listen übrigbleiben, wenn der Arbeiter den vollen Wert der Arbeit
       ersetzt erhält, den er seinem Produkt zusetzt? Und da nur gleiche
       Werte ausgetauscht werden, so sollte dies doch der Fall sein. An-
       dererseits, wie  können gleiche  Werte ausgetauscht  werden,  wie
       kann der Arbeiter den vollen Wert seines Produkts erhalten, wenn,
       wie von  vielen Ökonomen  zugegeben wird, dieses Produkt zwischen
       ihm und  dem Kapitalisten  geteilt wird?  Die bisherige  Ökonomie
       steht vor  diesem Widerspruch  ratlos da,  schreibt oder stottert
       verlegene, nichtssagende  Redensarten. Selbst  die bisherigen so-
       zialistischen Kritiker  der Ökonomie sind nicht imstande gewesen,
       mehr zu  tun, als  den Widerspruch  hervorzuheben; gelöst hat ihn
       keiner, bis  Marx jetzt endlich den Entstehungsprozeß dieses Pro-
       fits bis auf seine Geburtsstätte verfolgt und damit alles klarge-
       macht hat.
       Bei der  Entwickelung des  Kapitals geht  Marx von der einfachen,
       notorisch vorliegenden Tatsache aus, daß die Kapitalisten ihr Ka-
       pital durch Austausch verwerten: Sie kaufen Ware für ihr Geld und
       verkaufen sie  nachher für mehr Geld, als sie ihnen gekostet hat.
       Zum Beispiel  ein Kapitalist  kauft Baumwolle  für 1000 Taler und
       verkauft sie  wieder zu  1100 Taler,  "verdient" also  100 Taler.
       Diesen Überschuß  von 100  Talern über  das ursprüngliche Kapital
       nennt Marx   M e h r w e r t.   Woraus  entsteht dieser Mehrwert?
       Nach der  Annahme der  Ökonomen werden  nur gleiche  Werte ausge-
       tauscht, und  dies ist auf dem Gebiet der abstrakten Theorie auch
       richtig. Der  Einkauf von  Baumwolle und  ihr Wiederverkauf  kann
       also ebensowenig einen Mehrwert liefern wie der Austausch von ei-
       nem Silbertaler  gegen dreißig  Silbergroschen und der Wiederein-
       tausch der  Scheidemünze gegen  den Silbertaler,  wobei man nicht
       reicher und  nicht ärmer wird. Der Mehrwert kann aber ebensowenig
       daraus entstehen,  daß die  Verkäufer die  Waren über  ihren Wert
       verkaufen oder die Käufer sie unter ihrem Wert kaufen, weil jeder
       der Reihe nach bald Käufer, bald Verkäufer ist und sich dies also
       wieder ausgliche.  Ebensowenig kann es daher kommen, daß die Käu-
       fer und Verkäufer sich gegenseitig übervorteilen, denn dies würde
       keinen
       
       #237# Rezension des "Kapitals" für d. "Demokratische Wochenblatt"
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       neuen oder  Mehrwert schaffen, sondern nur das vorhandene Kapital
       anders zwischen  den Kapitalisten verteilen. Trotzdem daß der Ka-
       pitalist die  Waren zu  ihrem Wert  kauft und  zu ihrem Wert ver-
       kauft, zieht  er mehr  Wert heraus,  als er  hineinwarf. Wie geht
       dies zu?
       Der Kapitalist  findet unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen
       Verhältnissen auf  dem Warenmarkt   e i n e  W a r e,  welche die
       eigentümliche Beschaffenheit  hat, daß   i h r  V e r b r a u c h
       e i n e   Q u e l l e   v o n   n e u e m   W e r t,   S c h ö p-
       f u n g   n e u e n   W e r t e s   i s t,   und diese Ware ist -
       d i e  A r b e i t s k r a f t.
       Was ist  der Wert  der Arbeitskraft? Der Wert jeder Ware wird ge-
       messen durch  die zu  ihrer Herstellung erforderliche Arbeit. Die
       Arbeitskraft existiert  in der  Gestalt des lebendigen Arbeiters,
       der zu seiner Existenz sowie zur Erhaltung seiner Familie, welche
       die Fortdauer der Arbeitskraft auch nach seinem Tode sichert, ei-
       ner bestimmten  Summe von  Lebensmitteln bedarf.  Die zur Hervor-
       bringung dieser  Lebensmittel nötige  Arbeitszeit stellt also den
       Wert der  Arbeitskraft dar.  Der Kapitalist zahlt ihn wöchentlich
       und kauft  dafür den Gebrauch der Wochenarbeit des Arbeiters. So-
       weit werden die Herren Ökonomen so ziemlich mit uns über den Wert
       der Arbeitskraft einverstanden sein.
       Der Kapitalist stellt seinen Arbeiter nun an die Arbeit. In einer
       bestimmten Zeit  wird der Arbeiter soviel Arbeit geliefert haben,
       als in  seinem Wochenlohn repräsentiert war. Gesetzt, der Wochen-
       lohn eines  Arbeiters repräsentiere  drei Arbeitstage, so hat der
       Arbeiter, der  montags anfängt, am Mittwochabend dem Kapitalisten
       den   v o l l e n  W e r t  d e s  g e z a h l t e n  L o h n e s
       e r s e t z t.   Hört er  dann aber  auf zu arbeiten? Keineswegs.
       Der Kapitalist  hat seine  Wochenarbeit gekauft, und der Arbeiter
       muß  die  drei  letzten  Wochentage  auch  noch  arbeiten.  Diese
       M e h r a r b e i t  des Arbeiters, über die zur Ersetzung seines
       Lohnes nötige  Zeit hinaus, ist die  Q u e l l e  d e s  M e h r-
       w e r t s,   des Profits,  der stets  wachsenden Anschwellung des
       Kapitals.
       Man sage  nicht, es sei eine willkürliche Annahme, daß der Arbei-
       ter in  drei Tagen den Lohn wieder herausarbeite, den er erhalten
       hat, und  die übrigen  drei Tage für den Kapitalisten arbeite. Ob
       er gerade  drei Tage  braucht, um den Lohn zu ersetzen, oder zwei
       oder vier,  ist allerdings  hier ganz  gleichgültig und  wechselt
       auch nach den Umständen; aber die Hauptsache ist die, daß der Ka-
       pitalist neben  der Arbeit, die er bezahlt, auch noch Arbeit her-
       ausschlägt, die  er  n i c h t  b e z a h l t,  und das ist keine
       willkürliche Annahme, denn an dem Tage, wo der Kapitalist auf die
       Dauer nur  noch soviel  Arbeit aus dem Arbeiter herausbekäme, wie
       er ihm  im Lohn bezahlt, an dem Tage würde er seine Werkstatt zu-
       schließen, da ihm eben sein ganzer Profit in die Brüche ginge.
       
       #238# Friedrich Engels
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       Hier haben  wir die  Lösung aller jener Widersprüche. Die Entste-
       hung des  Mehrwerts (wovon  der Profit des Kapitalisten einen be-
       deutenden Teil  bildet) ist nun ganz klar und natürlich. Der Wert
       der Arbeitskraft wird gezahlt, aber dieser Wert ist weit geringer
       als derjenige,  welchen der  Kapitalist aus der Arbeitskraft her-
       auszuschlagen versteht,  und die Differenz, die  u n b e z a h l-
       t e   A r b e i t,   macht gerade  den Anteil  des  Kapitalisten,
       oder, genauer gesprochen, der Kapitalistenklasse aus. Denn selbst
       der Profit, den im obigen Beispiel der Baumwollhändler aus seiner
       Baumwolle herausschlug,  muß, wenn  die Baumwollpreise  nicht ge-
       stiegen waren,  aus unbezahlter  Arbeit bestehen. Der Händler muß
       an einen  Baumwollfabrikanten verkauft haben, der außer jenen 100
       Talern noch  einen Gewinn  für sich  aus seinem  Fabrikat heraus-
       schlagen kann,  der also  die eingesteckte  unbezahlte Arbeit mit
       ihm teilt.  Diese unbezahlte Arbeit ist es überhaupt, welche alle
       nichtarbeitenden Mitglieder  der  Gesellschaft  erhält.  Aus  ihr
       werden die  Staats- und Gemeindesteuern, soweit sie die Kapitali-
       stenklasse treffen,  die Grundrenten  der Grundbesitzer  usw. ge-
       zahlt. Auf  ihr beruht der ganze bestehende gesellschaftliche Zu-
       stand.
       Andererseits wäre es abgeschmackt, anzunehmen, daß die unbezahlte
       Arbeit erst  entstanden sei unter gegenwärtigen Verhältnissen, wo
       die Produktion  von Kapitalisten einerseits und von Lohnarbeitern
       andererseits  betrieben  wird.  Im  Gegenteil.  Die  unterdrückte
       Klasse hat zu allen Zeiten unbezahlte Arbeit leisten müssen. Wäh-
       rend der  ganzen langen  Zeit, wo  die Sklaverei  die herrschende
       Form der Arbeitsorganisation war, haben die Sklaven weit mehr ar-
       beiten müssen,  als ihnen  in der  Form von Lebensmitteln ersetzt
       wurde. Unter  der Herrschaft  der Leibeigenschaft und bis zur Ab-
       schaffung der  bäuerlichen Fronarbeiter  war dasselbe  der  Fall;
       hier tritt  sogar der  Unterschied handgreiflich  zutage zwischen
       der Zeit,  die der  Bauer arbeitet für seinen eignen Lebensunter-
       halt und der Mehrarbeit für den Gutsherrn, weil eben die letztere
       von der ersteren getrennt vollzogen wird. Die Form ist jetzt ver-
       ändert, aber  die Sache  ist geblieben, und solange "ein Teil der
       Gesellschaft das  Monopol der  Produktionsmittel besitzt, muß der
       Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung nötigen
       Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmit-
       tel für  die Eigner  der Produktionsmittel zu produzieren" (Marx,
       S. 202) 1*).
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       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 249
       
       #239# Rezension des "Kapitals" für d. "Demokratische Wochenblatt"
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       ["Demokratisches Wochenblatt" Nr. 13 vom 28.März 1868]
       
       II
       
       Im vorigen Artikel sahen wir, daß jeder Arbeiter, der vom Kapita-
       listen beschäftigt wird, zweifache Arbeit verrichtet. Während ei-
       nes Teils  seiner Arbeitszeit ersetzt er den ihm vom Kapitalisten
       vorgeschossenen Lohn,  und diesen  Teil der Arbeit nennt Marx die
       n o t w e n d i g e   A r b e i t.  Nachher aber hat er noch wei-
       ter  fortzuarbeiten   und  produziert  während  dieser  Zeit  den
       M e h r w e r t  für den Kapitalisten, wovon der Profit einen be-
       deutenden Teil ausmacht. Dieser Teil der Arbeit heißt die Mehrar-
       beit.
       Wir nehmen  an, der  Arbeiter arbeite drei Tage der Woche zur Er-
       setzung seines  Lohns und  drei Tage  zur Produktion von Mehrwert
       für den Kapitalisten. Anders ausgedrückt heißt dies, er arbeitet,
       bei täglich zwölfstündiger Arbeit, sechs Stunden täglich für sei-
       nen Lohn  und sechs  Stunden zur  Erzeugung von Mehrwert. Aus der
       Woche kann  man nur  sechs, selbst  mit Hinzuziehung des Sonntags
       nur sieben  Tage schlagen, aber aus jedem einzelnen Tage kann man
       sechs, acht, zehn, zwölf, fünfzehn und selbst mehr Arbeitsstunden
       schlagen. Der  Arbeiter hat  dem Kapitalisten  für seinen Taglohn
       einen Arbeitstag  verkauft. Aber,   w a s   i s t   e i n    A r-
       b e i t s t a g?  Acht Stunden oder achtzehn?
       Der Kapitalist  hat ein  Interesse daran,  daß der  Arbeitstag so
       lang wie  möglich gemacht  werde. Je  länger er  ist, desto  mehr
       Mehrwert erzeugt  er. Der  Arbeiter hat  das richtige Gefühl, daß
       jede Stunde  Arbeit, die  er über  die Ersetzung des Arbeitslohns
       hinaus arbeitet, ihm unrechtmäßig entzogen wird; er hat an seinem
       eignen Körper  durchzumachen, was es heißt, überlange Zeit zu ar-
       beiten. Der Kapitalist kämpft für seinen Profit, der Arbeiter für
       seine Gesundheit,  für ein  paar Stunden täglicher Ruhe, um außer
       Arbeiten, Schlafen  und Essen sich auch noch sonst als Mensch be-
       tätigen zu  können. Beiläufig  bemerkt, hängt  es gar  nicht  vom
       guten Willen der einzelnen Kapitalisten ab, ob sie sich in diesen
       Kampf einlassen  wollen oder  nicht, da die Konkurrenz selbst den
       p h i l a n t h r o p i s c h s t e n   unter ihnen  zwingt, sich
       seinen Kollegen  anzuschließen und so lange Arbeitszeit zur Regel
       zu machen wie diese.
       Der Kampf  um die  Feststellung des Arbeitstags dauert vom ersten
       geschichtlichen Auftreten  freier Arbeiter  bis auf  den heutigen
       Tag. In  verschiedenen Gewerben herrschen verschiedene herkömmli-
       che Arbeitstage;  aber in der Wirklichkeit werden sie selten ein-
       gehalten. Nur  da, wo  das Gesetz  den Arbeitstag  feststellt und
       seine Einhaltung überwacht, nur da kann
       
       #240# Friedrich Engels
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       man wirklich  sagen, daß  ein Normalarbeitstag  besteht. Und dies
       ist bis jetzt fast nur der Fall in den Fabrikdistrikten Englands.
       Hier ist der zehnstündige Arbeitstag (10V2 Stunden an fünf Tagen,
       7 1/2 am  Samstag) für  alle Frauen  und für Knaben von 13 bis 18
       Jahren festgestellt,  und da  die Männer nicht ohne jene arbeiten
       können, so  fallen auch  sie unter  den zehnstündigen Arbeitstag.
       Dies Gesetz  haben die englischen Fabrikarbeiter durch jahrelange
       Ausdauer, durch den zähesten, hartnäckigsten Kampf mit den Fabri-
       kanten, durch die Preßfreiheit, das Koalitions- und Versammlungs-
       recht sowie  durch geschickte  Benutzung der  Spaltungen  in  der
       herrschenden Klasse  selbst erobert. Es ist das Palladium der Ar-
       beiter Englands  geworden, es  ist nach  und nach auf alle großen
       Industriezweige und  im  vorigen  Jahre  fast    a u f    a l l e
       G e w e r b e   ausgedehnt worden,  wenigstens auf alle, in denen
       Frauen und  Kinder beschäftigt werden. Über die Geschichte dieser
       gesetzlichen Regelung des Arbeitstags in England enthält das vor-
       liegende Werk  ein höchst  ausführliches  Material.  Der  nächste
       "Norddeutsche Reichstag" wird auch eine Gewerbeordnung zu beraten
       haben und  damit die Regelung der Fabrikarbeit. Wir erwarten, daß
       keiner der Abgeordneten, die von deutschen Arbeitern durchgesetzt
       worden sind, an die Beratung dieses Gesetzes geht, ohne sich vor-
       her mit  dem Manschen  Buch vollkommen vertraut gemacht zu haben.
       E s   i s t   d a   v i e l e s   d u r c h z u s e t z e n.  Die
       Spaltungen in den herrschenden Klassen sind den Arbeitern günsti-
       ger, als  sie je  in England waren, weil  d a s  a l l g e m e i-
       n e     S t i m m r e c h t     d i e     h e r r s c h e n d e n
       K l a s s e n   z w i n g t,   u m  d i e  G u n s t  d e r  A r-
       b e i t e r  z u  b u h l e n.  Vier oder fünf Vertreter des Pro-
       letariats sind  unter diesen Umständen  e i n e  M a c h t,  wenn
       sie ihre  Stellung zu  benutzen wissen, wenn sie vor allen Dingen
       wissen, um  was es sich handelt, was die Bürger nicht wissen. Und
       dazu gibt ihnen Marx' Buch alles Material fertig an die Hand.
       Wir übergehen eine Reihe weiterer sehr schöner Untersuchungen von
       mehr theoretischem  Interesse und kommen nur noch auf das Schluß-
       kapitel, das  von der  Akkumulation oder  Anhäufung des  Kapitals
       handelt. Hier  wird zuerst nachgewiesen, daß die kapitalistische,
       d.h. durch  Kapitalisten einerseits und Lohnarbeiter andererseits
       bewirkte Produktionsmethode nicht nur dem Kapitalisten sein Kapi-
       tal stets  neu produziert,  sondern daß sie auch gleichzeitig die
       Armut der  Arbeiter immer wieder produziert; so daß dafür gesorgt
       ist, daß  stets aufs neue auf der einen Seite Kapitalisten beste-
       hen, welche  die Eigentümer aller Lebensmittel, aller Rohprodukte
       und aller  Arbeitsinstrumente sind,  und auf der ändern Seite die
       große Masse der Arbeiter, welche gezwungen ist, ihre Arbeitskraft
       diesen Kapitalisten  für ein  Quantum Lebensmittel  zu verkaufen,
       das im besten Falle eben hinreicht,
       
       #241# Rezension des "Kapitals" für d. "Demokratische Wochenblatt"
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       sie in  arbeitsfähigem Zustande  zu erhalten  und ein  neues  Ge-
       schlecht arbeitsfähiger  Proletarier heranzuziehen.  Das  Kapital
       aber reproduziert  sich nicht  bloß: es wird fortwährend vermehrt
       und vergrößert  - damit seine Macht über die eigentumslose Klasse
       von Arbeitern.  Und wie  es selbst in stets größerem Maßstabe re-
       produziert wird, so reproduziert die moderne kapitalistische Pro-
       duktionsweise ebenfalls  in stets  größerem  Maßstabe,  in  stets
       wachsender Zahl  die Klasse  besitzloser Arbeiter. "Die Akkumula-
       tion des  Kapitals reproduziert  das Kapitalverhältnis auf erwei-
       terter Stufenleiter,  mehr Kapitalisten oder größere Kapitalisten
       auf diesem  Pol, mehr Lohnarbeiter auf jenem...  A k k u m u l a-
       t i o n   d e s   K a p i t a l s   i s t   a l s o  V e r m e h-
       r u n g   d e s  P r o l e t a r i a t s."  (p. 600.) 1*) Da aber
       durch den  Fortschritt der Maschinerie, durch verbesserten Acker-
       bau etc.  stets weniger Arbeiter benötigt werden, um ein gleiches
       Quantum Produkte  hervorzubringen, da diese Vervollkommnung, d.h.
       diese Uberzähligmachung  von Arbeitern  rascher wächst als selbst
       das wachsende Kapital, was wird aus dieser stets zunehmenden Zahl
       von Arbeitern?  Sie bilden eine industrielle Reservearmee, welche
       während schlechter  oder mittelmäßiger Geschäftszeiten  u n t e r
       dem Wert  ihrer Arbeit  bezahlt und unregelmäßig beschäftigt wird
       oder der öffentlichen Armenpflege anheimfällt, die aber der Kapi-
       talistenklasse zu Zeiten besonders lebhaften Geschäfts unentbehr-
       lich ist,  wie dies in England handgreiflich vorliegt, - die aber
       u n t e r   a l l e n   U m s t ä n d e n  dazu dient, die Wider-
       standskraft der  regelmäßig beschäftigten Arbeiter zu brechen und
       ihre Löhne  niedrig zu  halten. "Je  größer der gesellschaftliche
       Reichtum.... desto  größer die relative Surpluspopulation" (über-
       zählige Bevölkerung)  "oder industrielle  Reservearmee. Je größer
       aber diese  Reservearmee im  Verhältnis zur  aktiven" (regelmäßig
       beschäftigten) "Arbeiterarmee,  desto massenhafter  die  konsoli-
       dierte" (ständige) "Surpluspopulation oder die Arbeiterschichten,
       deren Elend im umgekehrten Verhältnis steht zu ihrer Arbeitsqual.
       Je größer  endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die
       industrielle Reservearmee,  desto größer der offizielle Pauperis-
       mus.   D i e s  i s t  d a s  a b s o l u t e ,  a l l g e m e i-
       n e   G e s e t z   d e r   k a p i t a l i s t i s c h e n  A k-
       k u m u l a t i o n."  (p. 631.) 2*)
       Dies sind,  streng wissenschaftlich  nachgewiesen - und die offi-
       ziellen Ökonomen  hüten sich wohl, auch nur den Versuch einer Wi-
       derlegung zu  machen -, einige der Hauptgesetze des modernen, ka-
       pitalistischen gesellschaftlichen  Systems. Aber  ist damit alles
       gesagt? Keineswegs.  Ebenso scharf  wie Marx die schlimmen Seiten
       der kapitalistischen  Produktion hervorhebt, ebenso klar weist er
       nach, daß diese gesellschaftliche Form notwendig
       -----
       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe. S. 642 - 2*) ebenda, S. 674
       
       #242# Friedrich Engels
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       war, um  die Produktivkräfte  der Gesellschaft auf einen Höhegrad
       zu entwickeln,  der eine  gleiche menschenwürdige Entwicklung für
       a l l e  Glieder der Gesellschaft möglich machen wird. Dazu waren
       alle früheren  Gesellschaftsformen zu  arm. Erst die kapitalisti-
       sche Produktion schafft die Reichtümer und die Produktionskräfte,
       welche dazu nötig sind, aber sie schafft auch gleichzeitig in den
       massenhaften und unterdrückten Arbeitern die Gesellschaftsklasse,
       die mehr und mehr gezwungen wird, die Benutzung dieser Reichtümer
       und Produktivkräfte  für die ganze Gesellschaft - statt wie heute
       für eine monopolistische Klasse - in Anspruch zu nehmen.
       Geschrieben zwischen dem 2. und 13. März 1868.
       

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