Quelle: Januar 1890 - August 1895


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       Zur Geschichte des Urchristentums [398]
       
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       Geschrieben zwischen 19. Juni und 16. Juli 1894.
       Nach: "Die Neue Zeit", Nr. I und 2, 13. Jahrgang,
       I. Band, 1894-1895.
       
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       I
       
       Die Geschichte  des Urchristentums bietet merkwürdige Berührungs-
       punkte mit  der modernen  Arbeiterbewegung. Wie  diese,  war  das
       Christentum im  Ursprung eine Bewegung Unterdrückter: es trat zu-
       erst auf  als Religion  der Sklaven und Freigelassenen, der Armen
       und Rechtlosen,  der von  Rom unterjochten oder zersprengten Völ-
       ker. Beide,  Christentum wie  Arbeitersozialismus, predigen  eine
       bevorstehende Erlösung  aus Knechtschaft und Elend; das Christen-
       tum setzt  diese Erlösung  in ein jenseitiges Leben nach dem Tod,
       in den  Himmel, der  Sozialismus in diese Welt, in eine Umgestal-
       tung der  Gesellschaft. Beide  werden verfolgt  und gehetzt, ihre
       Anhänger geächtet,  unter Ausnahmegesetze gestellt, die einen als
       Feinde des  Menschengeschlechts,  die  andern  als  Reichsfeinde,
       Feinde der Religion, der Familie, der gesellschaftlichen Ordnung.
       Und trotz  aller Verfolgungen,  ja sogar  direkt gefördert  durch
       sie, dringen beide siegreich, unaufhaltsam vor. Dreihundert Jahre
       nach seinem  Entstehen ist das Christentum anerkannte Staatsreli-
       gion des  römischen Weltreichs,  und in  kaum sechzig  Jahren hat
       sich der  Sozialismus eine Stellung erobert, die ihm den Sieg ab-
       solut sicherstellt.
       Wenn also  Herr Professor  Anton Menger  in seinem "Recht auf den
       vollen Arbeitsertrag"  sich wundert,  warum  bei  der  kolossalen
       Zentralisation des  Grundbesitzes unter den römischen Kaisern und
       bei den  maßlosen Leiden  der damaligen,  fast ausschließlich aus
       Sklaven bestehenden  Arbeiterklasse "auf  den Sturz des weströmi-
       schen Reichs nicht der Sozialismus gefolgt sei" [399], - so sieht
       er eben nicht, daß dieser "Sozialismus", soweit er damals möglich
       war, in  der Tat  bestand und  auch zur Herrschaft kam - im Chri-
       stentum. Nur  daß dies  Christentum, wie dies den geschichtlichen
       Vorbedingungen nach gar nicht anders sein konnte, die soziale Um-
       gestaltung nicht  in dieser Welt verwirklichen wollte, sondern im
       Jenseits,
       
       #450# Zur Geschichte des Urchristentums
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       im Himmel,  im ewigen  Leben nach dem Tod, im nahe bevorstehenden
       "Tausendjährigen Reich".
       Die Parallele  beider geschichtlichen  Erscheinungen drängt  sich
       schon im Mittelalter auf, bei den ersten Erhebungen unterdrückter
       Bauern und namentlich städtischer Plebejer. Diese Erhebungen, wie
       alle Massenbewegungen des Mittelalters, trugen notwendig eine re-
       ligiöse Maske, erschienen als Wiederherstellungen des Urchristen-
       tums aus  eingerissener Entartung  *); aber  regelmäßig verbargen
       sich hinter  der religiösen  Exaltation sehr  handfeste weltliche
       Interessen. Am großartigsten trat dies hervor in der Organisation
       der böhmischen  Taboriten unter Johann Zizka glorreichen Angeden-
       kens14011; aber  durch das ganze Mittelalter geht dieser Zug, bis
       er nach  dem deutschen Bauernkrieg allmählich einschläft, um wie-
       der zu erwachen bei den Arbeiterkommunisten nach 1830. Sowohl die
       französischen revolutionären  Kommunisten wie namentlich Weitling
       und seine  Anhänger berufen  sich aufs Urchristentum, lange bevor
       Ernest Renan  sagte: Wollt  ihr euch eine Vorstellung von den er-
       sten christlichen Gemeinden machen, so seht euch eine lokale Sek-
       tion der Internationalen Arbeiterassoziation an.
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       * Einen  eigentümlichen Gegensatz  hierzu bilden  die  religiösen
       Aufstände der  muhammedanischen Welt,  namentlich in  Afrika. Der
       Islam ist eine auf Orientalen, speziell Araber zugeschnittene Re-
       ligion, also einerseits auf handel- und gewerbetreibende Städter,
       andrerseits auf  nomadisierende Beduinen.  Darin liegt  aber  der
       Keim einer periodisch wiederkehrenden Kollision. Die Städter wer-
       den reich,  üppig, lax  in Beobachtung des "Gesetzes". Die Bedui-
       nen, arm  und aus  Armut sittenstreng,  schauen mit Neid und Gier
       auf diese  Reichtümer und Genüsse. Dann tun sie sich zusammen un-
       ter einem  Propheten, einem  Mahdi, die Abgefallnen zu züchtigen,
       die Achtung  vor dem Zeremonialgesetz und dem wahren Glauben wie-
       derherzustellen und  zum Lohn  die Schätze der Abtrünnigen einzu-
       heimsen. Nach  hundert Jahren  stehn sie  natürlich genau  da, wo
       jene Abtrünnigen  standen; eine neue Glaubensreinigung ist nötig,
       ein neuer  Mahdi steht auf, das Spiel geht von vorne an. So ist's
       geschehn von  den Eroberungszügen  der afrikanischen  Almoraviden
       und Almohaden nach Spanien bis zum letzten Mahdi von Chartum, der
       den Engländern  so erfolgreich  trotztet [400].  So oder  ähnlich
       verhielt es  sich mit den Aufständen in Persien und andern muham-
       medanischen Ländern.  Es sind alles religiös verkleidete Bewegun-
       gen, entspringend  aus ökonomischen  Ursachen;  aber,  auch  wenn
       siegreich, lassen  sie die alten ökonomischen Bedingungen unange-
       rührt fortbestehen. Es bleibt also alles beim alten, und die Kol-
       lision wird  periodisch. In  den Volkserhebungen des christlichen
       Westens dagegen dient die religiöse Verkleidung nur als Fahne und
       Maske für Angriffe auf eine veraltende ökonomische Ordnung; diese
       wird schließlich  gestürzt, eine  neue kommt  auf, die Welt kommt
       vorwärts.
       
       #451# Kapitel I
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       Der französische  Belletrist, der  auf Grundlage  einer selbst in
       der modernen  Journalistik beispiellosen Ausschlachtung der deut-
       schen Bibelkritik  den kirchengeschichtlichen Roman: "Origines du
       Christianisme" anfertigte,  wußte selbst nicht, wieviel Wahres in
       obigem Worte  lag. Ich  möchte den alten "Internationalen" sehen,
       der z.B. den sogenannten zweiten Brief Pauli an die Korinther le-
       sen kann,  ohne daß wenigstens in einer Beziehung alte Wunden bei
       ihm aufbrechen. Der ganze Brief, vom achten Kapitel an, hallt den
       ewigen, ach  so wohlbekannten  Klageton wider: les cotisations ne
       rentrent pas - die Beiträge wollen nicht einkommen! Wie viele der
       eifrigsten Propagandisten  der sechziger Jahre würden dem Verfas-
       ser dieses  Briefs, wer  er auch  sei, verständnisinnig  die Hand
       drücken und  flüstern: also  auch dir  ging's so! Auch wir können
       ein Liedchen  davon singen  - auch in unsrer Assoziation wimmelte
       es von Korinthern - diese nicht einkommenden Beiträge, die unfaß-
       bar vor  unsren Tantalusblicken  umherflatterten,  das  waren  ja
       grade die berühmten "Millionen der Internationale"!
       Eine unsrer  besten Quellen  über die  ersten Christen ist Lucian
       von Samosata,  der Voltaire  des klassischen Altertums, der gegen
       jede Art  religiösen Aberglaubens  sich gleich skeptisch verhielt
       und daher  weder heidnisch-gläubige noch politische Gründe hatte,
       die Christen  anders zu  behandeln als irgendwelche andre Religi-
       onsgenossenschaft. Im  Gegenteil, er  verspottet sie  alle  ihres
       Aberglaubens halber,  die Jupiter-Anbeter  nicht minder  als  die
       Christus-Anbeter; für  seinen flach-rationalistischen  Standpunkt
       ist die  eine Sorte Aberglauben ebenso albern wie die andre. Die-
       ser jedenfalls  unparteiische Zeuge erzählt unter anderm auch die
       Lebensgeschichte eines  Abenteurers Peregrinus,  der sich Proteus
       nannte, aus  Parium am Hellespont. Besagter Peregrinus debütierte
       in seiner  Jugend in  Armenien mit einem Ehebruch, wurde auf fri-
       scher  Tat  ertappt  und  nach  Landessitte  gelyncht.  Glücklich
       entrannt, erdrosselte  er in  Parium seinen Vater und mußte flie-
       hen.
       
       "Und da  geschah es"  - ich  zitiere  nach  der  Übersetzung  von
       Schott! [402]  -, "daß  er auch die wundersame Weisheit der Chri-
       stianer kennenlernte, mit deren Priestern und Schriftgelehrten er
       in Palästina  Umgang gepflogen  hatte. Und in kurzer Zeit brachte
       er es  so weit,  daß seine  Lehrer nur  Kinder gegen  ihn zu sein
       schienen. Er  ward Prophet,  Gemeindeältester,  Synagogenmeister,
       kurz, alles  in allem:  er legte  ihre Schriften  aus und schrieb
       selbst welche  in großer Zahl, so daß sie am Ende ein höheres We-
       sen in  ihm zu sehen glaubten, sich Gesetze von ihm geben ließen,
       und ihn zu ihrem Vorsteher (Bischof) ernannten... Aus dieser Ver-
       anlassung" (d.h.  als Christ)  "ward nun  einmal auch Proteus von
       der Obrigkeit  festgenommen und ins Gefängnis geworfen... Während
       er so in Banden lag, machten die Christianer, welche seine Gefan-
       genmachung ein
       
       #452# Zur Geschichte des Urchristentums
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       großes Unglück dünkte,, alle möglichen Versuche, ihn zu befreien.
       Allein es gelang nicht, und nun wurde ihm von ihnen alle mögliche
       Pflege mit  der ungewöhnlichsten  Sorgfalt erwiesen. Mit Tagesan-
       bruch schon  sah man alte Mütterchen, Witwen und junge Waisen vor
       der Tür seines Gefängnisses harren; die angeseheneren Christianer
       bestachen sogar  die Gefangenwärter und brachten ganze Nächte bei
       ihm zu;  sie trugen  daselbst ihre Mahlzeiten zusammen, lasen bei
       ihm ihre heiligen Bücher ; kurz, der liebe Peregrinus (so hieß er
       damals noch) war ihnen nichts Geringeres als ein andrer Sokrates.
       Sogar aus einigen kleinasiatischen Städten erschienen Abgeordnete
       der christianischen  Gemeinden, ihm  hülfreiche Hand  zu leisten,
       ihn zu  trösten und seine Fürsprecher vor Gericht zu sein. Es ist
       unglaublich, wie  schnell diese  Leute überall bei der Hand sind,
       wenn es  eine Angelegenheit ihrer Gemeinschaft betrifft; sie spa-
       ren alsdann  weder Mühe  noch  Kosten.  Und  so  kamen  auch  dem
       Peregrinus damals Gelder von allen Seiten zu, so daß seine Gefan-
       genschaft für  ihn Quelle  einer reichlichen  Einnahme wurde. Die
       armen Leute  haben sich  nämlich beredet,  mit Leib und Seele un-
       sterblich zu  sein und  in alle Ewigkeit zu leben; daher kommt es
       auch, daß  sie den Tod verachten und viele von ihnen sich demsel-
       ben sogar  freiwillig hingeben.  Sodann hat ihnen ihr vornehmster
       Gesetzgeber die  Meinung beigebracht,  daß sie alle untereinander
       Brüder wären, sobald sie übergegangen, d.h. die griechischen Göt-
       ter verleugnet und sich zur Anbetung jenes gekreuzigten Sophisten
       bekannt hätten und nach dessen Vorschriften lebten. Daher verach-
       ten sie  alle äußern  Güter ohne Unterschied und besitzen sie ge-
       meinschaftlich -  Lehren, die sie auf Treu und Glauben, ohne Prü-
       fung und  Beweis, angenommen  haben. Wenn nun ein geschickter Be-
       trüger an sie kommt, der die Umstände schlau zu benutzen weiß, so
       kann es  ihm in  kurzem gelingen,  ein reicher Mann zu werden und
       die einfältigen  Tröpfe ins Fäustchen auszulachen. Übrigens wurde
       Peregrinus von  dem damaligen  Präfekten von  Syrien  wieder  auf
       freien Fuß gesetzt."
       
       Nach einigen weiteren Abenteuern heißt es dann:
       
       "Nun zog unser Mann zum zweitenmal" (von Parium) "aufs Landstrei-
       chen aus,  wobei ihm statt alles Reisegeldes die Gutmütigkeit der
       Christianei genügte, welche ihm überall zur Bedeckung dienten und
       es ihm  an nichts  gebrechen ließen.  Eine Zeitlang  ward er  auf
       diese Weise  gefüttert. Als  er aber  auch gegen  die Gesetze der
       Christianer verstieß - man hatte ihn, glaube ich, etwas bei ihnen
       Verbotnes essen  sehen -,  so schlössen sie ihn aus ihrer Gemein-
       schaft aus."
       
       Welche Jugenderinnerungen  steigen mir  auf bei dieser Stelle Lu-
       cians. Da ist zuerst der "Prophet Albrecht", der von etwa 1840 an
       die Weitlingschen  Kommunistengemeinden [403] der Schweiz auf ei-
       nige Jahre im buchstäblichen Sinn des Worts unsicher machte - ein
       großer starker  Mann mit  langem Bart,  der die  Schweiz  zu  Fuß
       durchwanderte und  Zuhörer für sein geheimnisvolles neues Weltbe-
       freiungs-Evangelium aufstöberte  -, der aber im übrigen ein ziem-
       lich harmloser  Konfusionarius gewesen  zu sein  scheint und bald
       starb. Da ist sein weniger harmloser Nachfolger, der "Dr." Georg
       
       #453# Kapitel I
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       Kuhlmann aus  Holstein, der die Zeit benutzte, da Weitling im Ge-
       fängnis saß,  um  die  Gemeinden  der  französischen  Schweiz  zu
       s e i n e m   Evangelium zu  bekehren, und zeitweilig mit solchem
       Glück, daß er sogar den weitaus geistreichsten, aber auch verbum-
       meltsten unter  ihnen, August  Becker, einfing.  Dieser  Kuhlmann
       hielt ihnen  Vorlesungen, die  1845 zu Genf veröffentlicht wurden
       unter dem  Titel: "Die  Neue Welt, oder das Reich des Geistes auf
       Erden. Verkündigung".  Und in  der von  seinen  Anhängern  (wahr-
       scheinlich von August Becker) redigierten Einleitung heißt es:
       
       "Es fehlte  an einem Mann, in dessen Munde all' unsere Leiden und
       all' unser Sehnen und Hoffen, mit einem Wort edles was unsre Zeit
       im Innersten  bewegt, zur Sprache würde... Dieser Mann, den unsre
       Zeit erwartet,  er ist aufgetreten. Er ist der Dr. Georg Kuhlmann
       aus Holstein. Er ist aufgetreten mit der Lehre von der neuen Welt
       oder dem Reich des Geistes in der Wirklichkeit." [404]
       
       Ich brauche  wohl nicht  hinzuzusetzen, daß  diese Lehre  von der
       neuen Weltweiter  nichts ist als die allerordinärste Gefühlsduse-
       lei, in halbbiblische Redensarten à la Lamennais gebracht und mit
       Prophetenarroganz vorgetragen.  Was die guten Weitlingianer nicht
       verhinderte, diesen  Schwindler ebenso  auf den  Händen zu tragen
       wie jene asiatischen Christen den Peregrinus. Sie, die sonst erz-
       demokratisch und  egalitär bis  aufs äußerste  waren, derart, daß
       sie gegen  jeden  Schulmeister,  Journalisten,  überhaupt  Nicht-
       Handwerker, als gegen einen "Gelehrten", der sie ausbeuten wolle,
       einen unauslöschlichen  Verdacht hegten,  sie ließen sich von dem
       melodramatisch ausstaffierten  Kuhlmann beibringen,  daß  in  der
       "neuen Welt"  der Weiseste,  id est  Kuhlmann, die Verteilung der
       Genüsse regeln  werde und  deshalb auch schon jetzt, in der alten
       Welt, die Jünger demselben Weisesten die Genüsse scheffelweis zu-
       tragen, sich  selbst aber  mit den  Brosamen begnügen müßten. Und
       Peregrinus-Kuhlmann lebte  herrlich und in Freuden auf Kosten der
       Gemeinden -  solange es  währte. Sehr  lange währte  es  freilich
       nicht; wachsendes  Murren der  Zweifler und Ungläubigen, drohende
       Verfolgungen der  Waadtländer Regierung  machten dem  "Reich  des
       Geistes" in Lausanne ein Ende - Kuhlmann verschwand.
       Jedem, der die europäische Arbeiterbewegung in ihren Anfängen aus
       Erfahrung gekannt hat, werden ähnliche Beispiele zu Dutzenden ins
       Gedächtnis kommen.  Heutzutage sind  solche extreme Fälle, wenig-
       stens in  den größern  Zentren, unmöglich geworden, aber in abge-
       legnem Gegenden,  wo die  Bewegung neues Terrain erobert, kann so
       ein kleiner  Peregrinus noch auf zeitweiligen beschränkten Erfolg
       rechnen. Und wie sich an die Arbeiterpartei in allen Ländern alle
       Elemente herandrängen, die von der offiziellen
       
       #454# Zur Geschichte des Urchristentums
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       Welt nichts zu erwarten oder bei ihr ausgespielt haben - Impfgeg-
       ner,  Mäßigkeitsleute,  Vegetarianer,  Antivivisektionisten,  Na-
       turärzte, freigemeindliche Prediger [405], denen die Gemeinde aus
       dem Leim  gegangen, Verfasser  neuer Weltentstehungstheorien, er-
       folglose oder  verunglückte Erfinder, Dulder wirklicher oder ver-
       meintlicher  Ungerechtigkeiten,   die  von   der  Bürokratie  als
       "unnütze Querulanten"  bezeichnet  werden,  ehrliche  Narren  und
       unehrliche Betrüger  -, so ging es den ersten Christen auch. Alle
       die Elemente,  die der  Auflösungsprozeß der  alten Welt  freige-
       setzt, d.h.  an die Luft gesetzt hatte, kamen nacheinander in den
       Anziehungskreis des  Christentums als  des einzigen Elements, das
       diesem Auflösungsprozeß  widerstand -  weil es  eben sein eigenes
       notwendiges Produkt  war - und das daher blieb und wuchs, während
       die andern  Elemente nur Eintagsfliegen waren. Keine Schwärmerei,
       Narrheit oder  Schwindelei, die  nicht an  die jungen Christenge-
       meinden sich herangedrängt, die nicht wenigstens an einzelnen Or-
       ten zeitweilig  offne Ohren  und willige Gläubige gefunden hätte.
       Und wie  unsre ersten kommunistischen Arbeitergemeinden, so waren
       auch die ersten Christen für Dinge, die in ihren Kram paßten, von
       einer beispiellosen  Leichtgläubigkeit, so  daß wir  nicht einmal
       sicher sind,  daß nicht  aus "der  großen  Zahl  Schriften",  die
       Peregrinus für  die Christenheit  verfaßte, das  eine oder  andre
       Fragment sich in unser Neues Testament verirrt hat.
       
       #455# II
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       Die deutsche Bibelkritik, bis jetzt die einzige wissenschaftliche
       Grundlage unsrer  Kenntnis der Geschichte des Urchristentums, ist
       in doppelter Richtung verlaufen.
       Die eine  Richtung ist  die der    T ü b i n g e r    S c h u l e
       [406], zu  der im  weitern Sinn  auch D.F. Strauß zu rechnen ist.
       Sie geht  in  der  kritischen  Untersuchung  so  weit,  wie  eine
       t h e o l o g i s c h e   Schule gehn  kann. Sie gibt zu, daß die
       vier Evangelien  keine Berichte  von Augenzeugen, sondern spätere
       Überarbeitungen verlorner  Schriften, und daß von den dem Apostel
       Paulus zugeschriebnen  Briefen höchstens  vier echt sind usw. Sie
       streicht alle Wunder und alle Widersprüche als unzulässig aus der
       Geschichtserzählung aus;  von dem übrigen aber sucht sie "zu ret-
       ten, was  noch zu retten ist", und dabei kommt dann ihr Charakter
       als der einer Schule von Theologen sehr zum Vorschein. Sie hat es
       damit möglich  gemacht, daß  Renan, der großenteils auf ihr fußt,
       durch Anwendung  derselben Methode  noch viel mehr "gerettet" hat
       und uns  außer vielen  mehr als  zweifelhaften neutestamentlichen
       Erzählungen auch  noch eine  Menge sonstiger Märtyrerlegenden als
       historisch beglaubigt  aufnötigen will.  Jedenfalls aber kann al-
       les, was  die Tübinger Schule im Neuen Testament als ungeschicht-
       lich oder  untergeschoben verwirft, als endgültig für die Wissen-
       schaft beseitigt gelten.
       Die andere  Richtung ist  vertreten nur  durch einen Mann - Bruno
       Bauer. [407] Sein großes Verdienst besteht nicht nur in der rück-
       sichtslosen Kritik  der Evangelien und apostolischen Briefe, son-
       dern auch  darin, daß  er zum erstenmal Ernst gemacht hat mit der
       Untersuchung, nicht nur der jüdischen und griechisch-alexandrini-
       schen, sondern  auch der  rein griechischen  und griechisch-römi-
       schen Elemente, die dem Christentum erst die Laufbahn zur Weltre-
       ligion eröffnet  haben. Die Sage von dem aus dem Judentum fix und
       fertig erstandnen  Christentum, das  von Palästina aus mit in der
       Hauptsache feststehender  Dogmatik und  Ethik die  Welt eroberte,
       ist
       
       #456# Zur Geschichte des Urchristentums
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       seit Bruno  Bauer unmöglich  geworden; nur  in den  theologischen
       Fakultäten kann  sie noch fortvegetieren und bei Leuten, die "dem
       Volk die  Religion erhalten" wollen selbst auf Kosten der Wissen-
       schaft. Der  gewaltige Anteil, den die philonische Schule Alexan-
       driens und  die griechisch-römische  Vulgärphilosophie - platoni-
       sche und  namentlich stoische  [408] -  an dem Christentum haben,
       das unter  Konstantin Staatsreligion  wurde, ist noch lange nicht
       im einzelnen festgestellt, aber sein Dasein ist erwiesen, und das
       ist vorwiegend  Bruno Bauers  Werk; er hat den Grund des Beweises
       gelegt, daß das Christentum nicht von außen, von Judäa in die rö-
       misch-griechische Welt  importiert und  ihr  aufgenötigt  worden,
       sondern daß  es, wenigstens  in seiner  Weltreligionsgestalt, das
       eigenste Produkt dieser Welt ist. Natürlich schoß Bauer, wie alle
       gegen eingewurzelte Vorurteile ankämpfenden Leute, bei dieser Ar-
       beit weit übers Ziel hinaus. Um den Einfluß Philos und namentlich
       Senecas auf das werdende Christentum auch literarisch zu fixieren
       und die  neutestamentlichen Schriftsteller förmlich als Plagiato-
       ren jener  Philosophen darzustellen,  muß er  die Entstehung  der
       neuen Religion  um ein halbes Jahrhundert später setzen, die ent-
       gegenstehenden Berichte  der römischen Geschichtschreiber verwer-
       fen und überhaupt mit der Geschichtsdarstellung sich starke Frei-
       heiten erlauben.  Das Christentum  als solches  entsteht nach ihm
       erst unter  den flavischen Kaisern, die neutestamentliche Litera-
       tur erst  unter Hadrian,  Antonin und Marcus Aurelius. Damit ver-
       schwindet bei  Bauer denn  auch jeder historische Hintergrund für
       die neutestamentlichen  Erzählungen von Jesus und seinen Jüngern;
       sie lösen sich auf in Sagen, worin die inneren Entwicklungsphasen
       und Gemütskämpfe  der ersten Gemeinden auf mehr oder weniger fin-
       gierte Personen  übertragen sind.  Nicht Galiläa  und  Jerusalem,
       sondern Alexandria und Rom sind nach Bauer die Geburtsstätten der
       neuen Religion.
       Wenn also  die Tübinger Schule uns in dem von ihr unangefochtenen
       Residuum der  neutestamentlichen Geschichte und Literatur das äu-
       ßerste Maximum dessen bot, was die Wissenschaft sich heute selbst
       noch als streitig gefallen lassen kann, so bietet uns Bruno Bauer
       das Maximum dessen, was sie darin anfechten kann. Zwischen diesen
       Grenzen liegt  die tatsächliche Wahrheit. Ob diese mit den heuti-
       gen Mitteln  sich bestimmen  läßt, scheint sehr zweifelhaft. Neue
       Funde namentlich  in Rom,  im Orient, vor allem in Ägypten werden
       viel mehr dazu beitragen als alle Kritik.
       Nun aber  haben wir  im Neuen Testament ein einziges Buch, dessen
       Abfassungszeit sich  bis auf  wenige Monate feststellen läßt, das
       zwischen Juni  67 und  Januar oder  April 68 geschrieben sein muß
       [409]; ein Buch, das also der allerersten christlichen Zeit ange-
       hört und uns deren Vorstellungen mit der
       
       #457# Kapitel II
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       naivsten Treue  und in  entsprechend idiomatischer Sprache wider-
       spiegelt, und  das daher,  meiner Ansicht nach, für die Feststel-
       lung dessen,  was das  Urchristentum wirklich war, weit wichtiger
       ist als das ganze übrige, in seiner jetzigen Fassung weit spätere
       Neue Testament.  Dies Buch  ist die sogenannte Offenbarung Johan-
       nis, und da dies scheinbar dunkelste Buch der ganzen Bibel zudem,
       dank der  deutschen Kritik,  heute das  allerverständlichste  und
       durchsichtigste ist, so will ich meinen Lesern darüber berichten.
       Man braucht  nur einen  Blick in  dies Buch zu werfen, um sich zu
       überzeugen, wie  exaltiert nicht  nur der  Verfasser war, sondern
       auch  das  "umgebende  Mittel",  worin  er  sich  bewegte.  Unsre
       "Offenbarung" ist nicht die einzige ihrer Art und ihrer Zeit. Vom
       Jahr 164 vor unsrer Zeitrechnung, wo die erste uns erhaltene, das
       sog. Buch Daniel, geschrieben wurde, bis zu etwa 250 unsrer Zeit-
       rechnung, dem  ungefähren  Datum  des  Commodianischen  "Carmen",
       zählt Renan  nicht weniger  als fünfzehn  uns erhaltne klassische
       "Apokalypsen" auf,  ungerechnet die  späteren Nachahmungen.  (Ich
       zitiere Renan  deshalb, weil sein Buch auch außerhalb Fachkreisen
       am bekanntesten  und am  leichtesten zugänglich ist.) Es war eine
       Zeit, wo  selbst in  Rom und Griechenland, noch weit mehr aber in
       Kleinasien, Syrien  und Ägypten  eine absolut kritiklose Mischung
       des krassesten  Aberglaubens der verschiedensten Völker unbesehen
       akzeptiert und  durch frommen Betrug und direkten Scharlatanismus
       ergänzt wurde;  wo Wunder,  Verzückungen, Visionen,  Geisterkram,
       Erforschung der  Zukunft, Goldmacherei,  Kabbala [410] und andrer
       verborgner Zauberkram die erste Rolle spielten. Das war die Atmo-
       sphäre, worin  das Urchristentum  entstand, und  zwar unter einer
       Klasse von Leuten, die mehr als jede andre für diese übernatürli-
       chen Phantastereien  offne Ohren  hatte. Haben doch die christli-
       chen Gnostiker  [411] Ägyptens  während des  zweiten Jahrhunderts
       der christlichen  Zeitrechnung, wie u.a. die Leydenschen Papyrus-
       schriften beweisen,  stark in Alchimie mitgemacht und alchimisti-
       sche Vorstellungen  in ihre  Lehren aufgenommen. Und die chaldäi-
       schen und  jüdischen mathematici  1*), die  nach Tacitus zweimal,
       unter Claudius  und nochmals  unter Vitellius, aus Rom vertrieben
       wurden wegen  Zauberei [412], sie trieben keine andren Geometrie-
       künste, als die wir im Kernpunkt der Offenbarung Johannis wieder-
       finden werden.
       Dazu kommt  noch ein Zweites. Alle Apokalypsen schreiben sich das
       Recht zu, ihre Leser zu täuschen. Nicht nur sind sie in der Regel
       von ganz  andern - meist weit spätem - Leuten geschrieben als von
       ihren angeblichen  Verfassern, z.B. das Buch Daniel, das Buch He-
       noch, die Apokalypsen des
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       1*) kabbalistischen Weissagungsrechner
       
       #458# Zur Geschichte des Urchristentums
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       Esra, Baruch, Juda etc., die Sibyllinischen Bücher [413], sondern
       sie prophezeien  auch, ihrem  Hauptinhalt nach, lauter Dinge, die
       längst geschehen  und dem wirklichen Verfasser vollkommen bekannt
       sind. So  läßt der  Verfasser des  Buchs Daniel im Jahr 164, kurz
       vor dem Tod des Antiochus Epiphanes, den angeblich zur Zeit Nebu-
       kadnezars lebenden  Daniel den  Aufgang und Niedergang der persi-
       schen und  makedonischen und  den Anfang  der römischen Weltherr-
       schaft vorhersagen,  um auf  diesen Beweis seiner Prophetenpotenz
       hin den  Leser empfänglich  zu machen für die Schlußprophezeiung,
       daß das  Volk Israel  alle Leiden überstehn und endlich siegreich
       sein wird.  Wäre also  die Offenbarung Johannis wirklich das Werk
       des angeblichen  Verfassers, so wäre sie die einzige Ausnahme un-
       ter der ganzen apokalyptischen Literatur.
       Der Johannes,  der sich  als Verfasser angibt, war jedenfalls ein
       unter den  kleinasiatischen Christen sehr angesehener Mann. Dafür
       bürgt der  Ton der  Sendschreiben an die sieben Gemeinden. Mögli-
       cherweise also  der Apostel Johannes, dessen historische Existenz
       allerdings nicht  durchaus beglaubigt, aber doch sehr wahrschein-
       lich ist.  Und sollte dieser Apostel wirklich der Verfasser sein,
       dann um  so besser  für unsern  Standpunkt. Es wäre die beste Be-
       glaubigung dafür, daß das Christentum dieses Buchs das wirkliche,
       echte Urchristentum  ist. Nebenbei  sei nur noch bemerkt, daß die
       Offenbarung erwiesenermaßen  nicht von  demselben Verfasser  her-
       rührt wie  das Evangelium  oder die drei Briefe, die auch dem Jo-
       hannes zugeschrieben werden.
       Die Offenbarung  besteht aus einer Reihe von Visionen. In der er-
       sten erscheint  Christus, als  Hoherpriester gekleidet,  wandelnd
       zwischen sieben  Leuchtern, die  die sieben asiatischen Gemeinden
       darstellen, und  diktiert dem  "Johannes" Briefe  an  die  sieben
       "Engel" dieser  Gemeinden. Gleich hier im Anfang tritt der Unter-
       schied   d i e s e s  Christentums und der vom Nicänischen Konzil
       [414] formulierten  konstantinischen Weltreligion  schlagend her-
       vor. Die Dreieinigkeit ist nicht nur unbekannt, sie ist hier eine
       Unmöglichkeit. Statt  des späteren,   e i n e n  heiligen Geistes
       haben wir  hier die  von den Rabbinern aus Jesaia 11,2 herauskon-
       struierten   "s i e b e n  Geister Gottes". Christus ist der Sohn
       Gottes, der  Erste und  der Letzte, das Alpha und das Omega, aber
       durchaus nicht selbst Gott oder Gott gleich, sondern im Gegenteil
       "der Anfang  der   K r e a t u r  Gottes", also eine von Ewigkeit
       existierende, aber  untergeordnete Emanation  Gottes, ähnlich wie
       die erwähnten  sieben Geister.  Kap. 15,3  singen die Märtyrer im
       Himmel "das  Lied Mosis des Knechtes Gottes und das Lied des Lam-
       mes" zur  Verherrlichung Gottes.  Hier  erscheint  also  Christus
       nicht nur als Gott untergeordnet,
       
       #459# Kapitel II
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       sondern sogar  in gewisser Beziehung mit Moses auf dieselbe Stufe
       gestellt. Christus  ist in Jerusalem gekreuzigt (11,8), aber auf-
       erstanden (1, 5 [und] 18), er ist "das Lamm", das geopfert worden
       für die  Sünden der  Welt und  mit dessen Blut die Gläubigen Gott
       erkauft sind  aus allerlei  Volk und  Zungen. Hier finden wir die
       Grundvorstellung, die  es dem  Urchristentum möglich machte, sich
       zur Weltreligion fortzuentwickeln. Allen damaligen Religionen der
       Semiten und  Europäer war  die Ansicht gemeinsam, die durch Hand-
       lungen der  Menschen beleidigten  Götter könnten durch Opfer ver-
       söhnt werden;  die erste  revolutionäre (der  philonischen Schule
       entlehnte) Grundvorstellung im Christentum war die, daß durch das
       eine große,  freiwillige Opfer  eines Mittlers  aller Zeiten  und
       Menschen Sünden  ein für  allemal gesühnt seien - für die Gläubi-
       gen. Hiermit  fiel die Notwendigkeit aller ferneren Opfer weg und
       damit die  Grundlage einer  Menge religiöser Zeremonien; Freiheit
       von Zeremonien,  die den  Umgang mit  Andersgläubigen  erschweren
       oder verbieten,  war aber erste Bedingung einer Weltreligion. Und
       trotzdem saß  die Gewohnheit des Opferns so tief in den Volkssit-
       ten, daß  der Katholizismus - der so viel Heidnisches wieder auf-
       nahm -  es für  angemessen fand, dieser Tatsache durch Einführung
       wenigstens des  symbolischen Meßopfers  sich anzubequemen.  - Vom
       Dogma von  der Erbsünde dagegen findet sich in unsrem Buche nicht
       eine Spur.
       Das bezeichnendste in diesen Sendschreiben wie im ganzen Buch ist
       aber, daß  es dem  Verfasser nie  und nirgends einfällt, sich und
       seine Glaubensgenossen anders zu bezeichnen denn als - Juden. Den
       Sektierern in Smyrna und Philadelphia, gegen die er eifert, wirft
       er vor:  "sie sagen,  sie seien Juden, und sind es nicht, sondern
       sind des Satans Schule"; von denen in Pergamus heißt es: sie hal-
       ten an der Lehre Balaams, welcher lehrete durch den Balak ein Är-
       gernis aufrichten   v o r   d e n   K i n d e r n  I s r a e l s,
       zu essen  der Götzen  Opfer und  Hurerei zu treiben. Wir haben es
       hier also nicht mit bewußten Christen zu tun, sondern mit Leuten,
       die sich  für Juden  ausgeben; ihr  Judentum ist  allerdings eine
       neue Entwicklungsstufe  des früheren,  aber eben deshalb auch das
       einzig wahre.  Daher kommen  bei dem  Erscheinen der Heiligen vor
       dem Thron Gottes zuerst 144 000 Juden, je 12 000 von jedem Stamm,
       und erst dann die unzählige Masse der zu diesem erneuerten Juden-
       tum bekehrten  Heiden. So wenig wußte unser Verfasser im 69. Jahr
       der christlichen  Zeitrechnung, daß  er eine  ganz neue Phase der
       religiösen Entwicklung  vertrat, die  eins  der  revolutionärsten
       Elemente  in  der  Geschichte  des  menschlichen  Geistes  werden
       sollte.
       Wir sehen  also, das  damalige, sich  selbst noch unbewußte Chri-
       stentum war  himmelweit verschieden  von der späteren, dogmatisch
       fixierten Weltreligion
       
       #460# Zur Geschichte des Urchristentums
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       des Nicänischen  Konzils; das  eine ist  in der  andern gar nicht
       wiederzuerkennen. Weder  die Dogmatik noch die Ethik des späteren
       Christentums existiert  hier; dafür aber ein Gefühl, daß man sich
       im Kampf  gegen eine  ganze Welt  befindet und diesen Kampf sieg-
       reich bestehn  wird; eine  Kampfeslust und  eine Siegesgewißheit,
       die dem heutigen Christen total abhanden gekommen und die in uns-
       rer Zeit  sich nur findet am andern Gesellschaftspol, bei den So-
       zialisten.
       In der  Tat, der  Kampf gegen  eine anfangs übermächtige Welt und
       der gleichzeitige Kampf der Neuerer untereinander, ist beiden ge-
       meinsam, den Urchristen wie den Sozialisten. Beide große Bewegun-
       gen sind nicht von Führern und Propheten gemacht - obwohl Prophe-
       ten genug  bei beiden vorkommen -, sie sind Massenbewegungen. Und
       Massenbewegungen sind  im Anfang  notwendig konfus;  konfus, weil
       alles Massendenken  sich zuerst  in Widersprüchen,  Unklarheiten,
       Zusammenhangslosigkeiten bewegt,  konfus aber auch eben wegen der
       Rolle, die  die Propheten  anfangs noch darin spielen. Die Konfu-
       sion zeigt  sich in  der Bildung zahlreicher Sekten, die sich un-
       tereinander mit mindestens ebenderselben Heftigkeit bekämpfen wie
       den gemeinsamen  Feind draußen.  So war's  im  Urchristentum,  so
       war's in  den ersten Zeiten der sozialistischen Bewegung, so sehr
       das auch  die wohlmeinenden  Biedermänner betrübte, die Einigkeit
       predigten, wo keine Einigkeit möglich war.
       War denn die Internationale zusammengehalten durch ein einheitli-
       ches Dogma? Im Gegenteil. Da waren Kommunisten französischer Tra-
       dition von  vor 1848,  diese selbst wieder verschiedner Schattie-
       rung; Kommunisten  Weitlingscher Schule und andre des regenerier-
       ten Bundes der Kommunisten; Proudhonisten, in Frankreich und Bel-
       gien vorherrschend;  Blanquisten;  die  deutsche  Arbeiterpartei;
       endlich bakunistische  Anarchisten, die  einen Augenblick in Spa-
       nien und  Italien die  Oberhand hatten  - und  das waren  nur die
       Hauptgruppen. Von  der Stiftung  der Internationale an hat es ein
       volles Vierteljahrhundert  gebraucht, bis  die Scheidung  von den
       Anarchisten endgültig  und überall vollzogen und eine Einheit we-
       nigstens für die allgemeinsten ökonomischen Gesichtspunkte herge-
       stellt werden konnte. Und das mit unsern Verkehrsmitteln, mit den
       Eisenbahnen, den  Telegraphen, den  industriellen  Riesenstädten,
       der Presse, den organisierten Volksversammlungen.
       Bei den ersten Christen dieselbe Spaltung in zahllose Sekten, die
       grade das Mittel war, die Diskussion und eben dadurch die spätere
       Einheit zu  erzwingen. Schon in diesem unserm unzweifelhaft älte-
       sten christlichen  Dokument finden  wir sie,  und unser Verfasser
       eifert gegen sie mit derselben
       
       #461# Kapitel II
       -----
       unversöhnlichen Heftigkeit wie gegen die große sündige Welt drau-
       ßen. Da  sind zuerst  die Nikolaiten  in Ephesus und in Pergamus;
       diejenigen, die da sagen, sie seien Juden, aber sind die Synagoge
       des Satans,  in Smyrna  und Philadelphia;  die Anhänger der Lehre
       des als  Bileam bezeichneten  falschen Propheten in Pergamus; die
       so da  sagen, sie  seien Apostel  und sind  es nicht, in Ephesus;
       endlich die  Anhänger der falschen Prophetin, die als Jesabel be-
       zeichnet wird,  in Thyatira.  Näheres über  diese Sekten erfahren
       wir nicht,  nur von  den Nachfolgern  des Bileam  und der Jesabel
       wird gesagt,  sie äßen  Götzenopfer und  trieben Hurerei. Man hat
       nun versucht,  alle diese  fünf Sekten  als Paulinische Christen,
       und alle  diese Sendschreiben als gegen Paulus, den falschen Apo-
       stel, den  angeblichen Bileam und "Nikolaus" gerichtet zu fassen.
       Die diesbezüglichen,  sehr wenig  stichhaltigen Argumente  findet
       man zusammengestellt  bei Renan, "Saint-Paul", Paris 1869, S. 303
       bis 305,  367-370. Sie laufen alle darauf hinaus, die Sendschrei-
       ben zu erklären durch die Apostelgeschichte und die sog. Paulini-
       schen Briefe, Schriften, die wenigstens in ihrer jetzigen Fassung
       um mindestens 60 Jahre jünger sind als die Offenbarung, und deren
       diesbezügliche tatsächliche  Angaben also nicht nur äußerst zwei-
       felhaft, sondern  auch einander  total widersprechend  sind. Ent-
       scheidend aber  ist, daß  es  unserm  Verfasser  nicht  einfallen
       konnte, eine  und dieselbe  Sekte mit fünf verschiedenen Bezeich-
       nungen zu  belegen, ja sogar für Ephesus allein mit zwei (falsche
       Apostel und  Nikolaiten) und  für  Pergamus  ebenfalls  mit  zwei
       (Bileamiten und  Nikolaiten), und  zwar jedesmal ausdrücklich als
       zwei verschiedene  Sekten. Wobei die Wahrscheinlichkeit nicht ge-
       leugnet werden  soll, daß sich unter diesen Sekten ebenfalls Ele-
       mente befanden, die man heute als paulinisch bezeichnen würde.
       In den beiden Fällen, wo Näheres angegeben ist, läuft die Anklage
       hinaus auf  das Essen  von Götzenopfern  und Hurerei,  die beiden
       Punkte, worüber die Juden - die alten sowohl wie die christlichen
       - in  ewigem Streit  lagen mit den übergetretenen Heiden. Fleisch
       von heidnischen  Opfern wurde nicht nur bei Festmahlzeiten aufge-
       tragen, wo die Zurückweisung des Dargebrachten unanständig schei-
       nen, ja  gefährlich werden  konnte, sondern auch auf öffentlichen
       Märkten verkauft,  wo ihm nicht immer anzusehn war, ob es koscher
       oder nicht.  Unter Hurerei  verstanden dieselben  Juden nicht nur
       außerehelichen geschlechtlichen  Umgang, sondern  auch die Ehe in
       nach jüdischem  Gesetz verbotnen  Verwandtschaftsgraden oder auch
       zwischen Juden und Heiden; und dies ist der Sinn, der dem Wort in
       der Stelle  Apostelgeschichte 15,20  und 29  gewöhnlich beigelegt
       wird. Unser  Johannes aber  hat eigne Ansichten auch über den den
       orthodoxen Juden erlaubten
       
       #462# Zur Geschichte des Urchristentums
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       Geschlechtsverkehr. Er  sagt 14,4 von den 144 000 himmlischen Ju-
       den: "Diese  sind es,  die mit  Weibern nicht befleckt sind, denn
       sie sind Jungfrauen." Und in der Tat, in dem Himmel unsres Johan-
       nes gibt es keine einzige Frau. Er gehört also der auch in andern
       urchristlichen Schriften  oft auftretenden  Richtung an,  die den
       Geschlechtsverkehr überhaupt  für sündhaft  ansieht. Und wenn wir
       dann noch  bedenken, daß er Rom die große Hure nennt, mit welcher
       gehuret haben die Könige der Erde und sind trunken worden von dem
       Wein ihrer  Hurerei, und  ihre Kaufleute  sind reich geworden von
       ihrer großen  Wollust, so  können wir  unmöglich das  Wort in den
       Sendschreiben in  dem engen  Sinn nehmen,  den  die  theologische
       Apologetik ihm  beilegen möchte,  um dadurch eine Bestätigung für
       andre neutestamentliche  Stellen herauszuklauben.  Im  Gegenteil.
       Diese Stellen der Sendschreiben weisen offenbar hin auf die allen
       tieferregten Zeiten gemeinsame Erscheinung, daß, wie an allen an-
       dern Schranken, auch an den überlieferten Banden des Geschlechts-
       verkehrs gerüttelt wird. Auch in den ersten christlichen Jahrhun-
       derten tritt,  neben der Askese, die das Fleisch abtötet, oft ge-
       nug die Tendenz auf, die christliche Freiheit auf mehr oder weni-
       ger schrankenlosen  Umgang zwischen  Mann und  Weib  auszudehnen.
       Ebenso ging's  in der  modernen sozialistischen  Bewegung.  Welch
       greuliches Entsetzen rief nicht in der damaligen "frommen Kinder-
       stube"'3471 Deutschland in den dreißiger Jahren die saint-simoni-
       stische réhabilitation  de la  chair hervor, die man verdeutschte
       als "Wiedereinsetzung  des Fleisches"!  Und am greulichsten waren
       entsetzt jene damals herrschenden vornehmen Stände (Klassen gab's
       damals noch nicht bei uns), die in Berlin ebensowenig wie auf ih-
       ren Landgütern  leben konnten,  ohne stets wiederholte Wiederein-
       setzung ihres Fleisches! Ja, hätten die guten Leute erst den Fou-
       rier gekannt, der dem Fleisch noch ganz andre Sprünge in Aussicht
       stellt! Mit der Überwindung des Utopismus haben diese Extravagan-
       zen einer rationelleren und in Wirklichkeit weit radikaleren Auf-
       fassung Platz  gemacht, und  seitdem Deutschland  aus der frommen
       Kinderstube Heines sich zum Zentralgebiet der sozialistischen Be-
       wegung entwickelt  hat, lacht  man über  die heuchlerische Entrü-
       stung der vornehmen frommen Welt.
       Das ist  der ganze dogmatische Inhalt der Sendschreiben. Im übri-
       gen feuern sie die Genossen auf zu eifriger Propaganda, zu kühnem
       und stolzem Bekennen ihres Glaubens angesichts der Gegner, zu un-
       ablässigem Kampf  gegen die  Feinde draußen und drinnen - und so-
       weit dies  geht, hätten sie ebensogut geschrieben sein können von
       einem prophetisch  angehauchten Enthusiasten  aus der Internatio-
       nale.
       
       #463#
       -----
       III
       
       Die Sendschreiben  sind nur  die Einleitung  zu dem  eigentlichen
       Thema der  Mitteilung unsres  Johannes an die sieben kleinasiati-
       schen Gemeinden und durch sie an die übrige Reformjudenschaft des
       Jahres 69, aus der sich dann später die Christenheit entwickelte.
       Und hiermit treten wir in das innerste Allerheiligste des Urchri-
       stentums.
       Aus was  für Leuten rekrutierten sich die ersten Christen? Haupt-
       sächlich aus  den "Mühseligen und Beladenen", den Angehörigen der
       untersten Volksschichten, wie es einem revolutionären Element ge-
       ziemt. Und woraus bestanden diese? In den Städten aus herunterge-
       kommenen Freien - Leuten aus allerlei Volk, ähnlich den mean whi-
       tes 1*)  der südlichen  Sklavenstaaten und den europäischen Bumm-
       lern und  Abenteurern der  kolonialen und chinesischen Seestädte,
       ferner aus  Freigelassenen und besonders aus Sklaven; auf den La-
       tifundien Italiens,  Siziliens, Afrikas aus Sklaven, in den Land-
       distrikten der Provinzen aus mehr und mehr der Schuldknechtschaft
       verfallenden Kleinbauern.  Einen gemeinsamen Weg zur Emanzipation
       aller dieser  Elemente gab es absolut nicht. Für sie alle lag das
       Paradies als  verlorenes hinter ihnen; für den verkommenen Freien
       die ehemalige  Polis, Stadt und Staat zugleich, deren freier Bür-
       ger seine  Vorfahren dereinst  gewesen; für  den kriegsgefangenen
       Sklaven die  Zeit der Freiheit vor der Unterjochung und Gefangen-
       schaft; für  den Kleinbauern  die vernichtete  Gentilgesellschaft
       und Bodengemeinschaft. Alles das hatte die gleichmachende eiserne
       Faust des  erobernden Römers  niedergeworfen. Die  größte gesell-
       schaftliche Gruppe,  wozu das Altertum es gebracht hatte, war der
       Stamm und  der Bund  verwandter Stämme;  bei  Barbaren  nach  Ge-
       schlechtsverbänden organisiert, bei den städtegründenden Griechen
       und Italern  in der einen oder mehrere verwandte Stämme umfassen-
       den Polis.
       -----
       1*) armen Weißen
       
       #464# Zur Geschichte des Urchristentums
       -----
       Philipp und  Alexander gaben der hellenischen Halbinsel die poli-
       tische Einheit, aber eine griechische Nation kam darum doch nicht
       zustande. Nationen  wurden erst  möglich durch  den Untergang der
       römischen Weltherrschaft.  Diese machte den kleinen Verbänden ein
       für allemal  ein Ende;  Militärgewalt, römische  Gerichtsbarkeit,
       Steuereintreibungsapparat lösten  die überlieferte innere Organi-
       sation vollends  auf. Zum Verlust der Unabhängigkeit und eigenar-
       tigen Organisation  kam die  gewaltsame Beraubung durch die Mili-
       tär- und  Zivilbehörden, die  den Unterjochten  erst ihre Schätze
       wegnahmen und  sie ihnen  dann zu  Wucherzinsen wieder liehen, um
       damit neue Erpressungen zahlen zu können. Der Steuerdruck und das
       dadurch hervorgerufne Bedürfnis nach Geld in Gegenden reiner oder
       vorherrschender Naturalwirtschaft warf die Bauern immer tiefer in
       die Schuldknechtschaft  von Wucherern,  erzeugte große Vermögens-
       unterschiede,  bereicherte   die  Reichen,   verarmte  die  Armen
       vollends. Und  aller Widerstand der einzelnen kleinen Stämme oder
       Städte gegen  die riesige römische Weltmacht war hoffnungslos. Wo
       blieb  da   ein  Ausweg,   eine  Rettung   für  die  Versklavten.
       Unterdrückten und Verarmten, ein Ausweg, gemeinsam für alle diese
       verschiednen  Menschengruppen   mit  einander  fremden  oder  gar
       entgegengesetzten Interessen? Und doch mußte ein solcher gefunden
       werden, sollte eine einzige große revolutionäre Bewegung sie alle
       umfassen.
       Dieser Ausweg fand sich. Aber nicht in dieser Welt. Wie die Dinge
       lagen, konnte  er nur ein religiöser Ausweg sein. Und da erschloß
       sich eine andre Welt. Die Fortexistenz der Seele nach dem Tod des
       Leibes war  allmählich überall  in der römischen Welt anerkannter
       Glaubensartikel geworden.  Auch eine Art Belohnung und Bestrafung
       der verstorbnen  Seele für  die auf  Erden  begangnen  Handlungen
       wurde mehr  und mehr  allgemein angenommen. Mit der Belohnung sah
       es allerdings  ziemlich windig  aus; das Altertum war viel zu na-
       turwüchsig-materialistisch, um  nicht auf  das irdische Leben un-
       endlich höheren  Wert zu  legen als auf das im Schattenreich; bei
       den Griechen  galt das  Fortleben nach  dem Tod  vielmehr als ein
       Pech. Da  kam das Christentum, machte Ernst mit der Belohnung und
       Bestrafung im  Jenseits, schuf  Himmel und  Hölle, und der Ausweg
       war gefunden,  der die  Mühseligen und  Beladnen aus diesem irdi-
       schen Jammertal hinüberführte ins ewige Paradies. Und in der Tat,
       nur mit  der Aussicht  auf eine  jenseitige Belohnung war es mög-
       lich, die  stoisch-philonische Weltentsagung und Askese zum ethi-
       schen Grundprinzip  einer neuen,  die  unterdrückten  Volksmassen
       hinreißenden Weltreligion zu erheben.
       Dies himmlische  Paradies öffnet  sich aber  den Gläubigen  nicht
       ohne weiteres  mit dem  Tode. Wir werden sehn, daß das Reich Got-
       tes, dessen
       
       #465# Kapitel III
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       Hauptstadt das neue Jerusalem ist, erst nach heftigen Kämpfen mit
       den Mächten der Hölle erobert und eröffnet wird. Aber in der Vor-
       stellung der ersten Christen standen diese Kämpfe nahe bevor. Un-
       ser Johannes bezeichnet sein Buch gleich anfangs als die Offenba-
       rung dessen,  "was   i n   d e r    K ü r z e   geschehen  soll";
       gleich darauf,  Vers 3,  preist er "selig den, der liest und hört
       die Worte der Weissagung, denn die  Z e i t  i s t  n a h e"; der
       Gemeinde zu  Philadelphia läßt  Christus schreiben:  "Siehe,  ich
       komme   b a l d."  Und im letzten Kapitel sagt der Engel, er habe
       Johannes gezeigt,  "was   b a l d   geschehen muß",  und befiehlt
       ihm: "Versiegle  nicht die  Worte der  Weissagung in diesem Buch,
       denn die  Zeit ist   n a h e",   und Christus selbst sagt zweimal
       Vers 12  und Vers  20: "ich komme  b a l d".  Der weitere Verlauf
       wird uns zeigen, wie bald dies Kommen erwartet wurde.
       Die apokalyptischen  Visionen, die  uns der  Verfasser jetzt vor-
       führt, sind  durchweg, und  meist wörtlich, früheren Mustern ent-
       lehnt. Teils  den klassischen Propheten des Alten Testaments, be-
       sonders Ezechiel,  teils den späteren, nach dem Vorbild des Buchs
       Daniel verfaßten jüdischen Apokalypsen, namentlich dem damals we-
       nigstens schon  zum Teil geschriebnen Buch Henoch. Die Kritik hat
       aufs allereinzelste  nachgewiesen,  woher  unser  Johannes  jedes
       Bild, jedes  drohende Vorzeichen, jede auf die ungläubige Mensch-
       heit ausgegoßne  Plage, kurz  das gesamte  Material seines  Buchs
       entlehnt hat; so daß er nicht nur eine ganz besondre Geistesarmut
       an den  Tag legt,  sondern auch selbst den Beweis liefert, daß er
       seine angeblichen  Verzückungen und  Gesichte nicht einmal in der
       Einbildung so erlebt hat, wie er sie beschreibt.
       Der Gang  dieser Geistererscheinungen  ist kurz wie folgt. Zuerst
       sieht Johannes Gott auf seinem Thron, ein Buch mit sieben Siegeln
       in der  Hand und vor ihm das geschlachtete, aber wieder lebendige
       Lamm (Christus),  das würdig  befunden wird, die Siegel zu lösen.
       Bei ihrer  Lösung erfolgen  allerlei drohende Wunderzeichen. Beim
       fünften sieht Johannes unter dem Altar Gottes die Seelen der Mär-
       tyrer Christi,  die erwürget  wurden um  des Worts Gottes willen,
       und sie  schrien laut:  Herr, wie  lange richtest  du und rächest
       nicht unser  Blut an  denen, die  auf der Erde wohnen? worauf man
       ihnen ein  weißes Kleid  gibt und  sie vertröstet, noch zu warten
       eine kleine  Zeit, es müßten noch mehr Märtyrer getötet werden. -
       Hier ist  also noch  keine Rede von der "Religion der Liebe", von
       dem: Liebet  eure Feinde, segnet die euch fluchen usw., hier wird
       unverhohlene Rache  gepredigt, Rache,  gesunde ehrliche  Rache an
       den Verfolgern  der Christen. Und so im ganzen Buch. Je näher die
       Krisis rückt,  je dichter die Plagen und Strafgerichte vom Himmel
       herunterregnen, mit desto größrer Freude meldet unser Johannes,
       
       #466# Zur Geschichte des Urchristentums
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       daß die  große Masse  der Menschen noch immer nicht Buße tun will
       für ihre Sünden, daß noch neue Geißeln Gottes auf sie herabsausen
       müssen, daß  Christus sie regieren muß mit eiserner Rute und tre-
       ten die  Kelter des  Weins des  grimmigen Zorns  des allmächtigen
       Gottes, aber  daß die  Gottlosen doch  verstockt bleiben in ihren
       Herzen. Es  ist das naturgemäße, von aller Scheinheiligkeit freie
       Gefühl, daß  man im Kampf steht, und daß - à la guerre comme à la
       guerre 1*).  - Beim  siebenten Siegel erscheinen sieben Engel mit
       Posaunen; jedesmal,  wenn einer  in die  Posaune stößt,  geschehn
       neue Schreckzeichen.  Nach dem siebenten Posaunenstoß treten sie-
       ben neue  Engel auf  die Bühne  mit den sieben Schalen des Zornes
       Gottes, die  über die  Erde ausgeschüttet  werden; abermals  neue
       Plagen und  Strafgerichte, in  der Hauptsache  meist die  mühsame
       Wiederholung des schon mehrmals Dagewesenen. Dann kommt das Weib,
       Babylon die  große Hure,  sitzend in  scharlachnem Kleid über den
       Wassern, trunken vom Blut der Heiligen und Märtyrer Jesu, das ist
       die große  Stadt auf sieben Hügeln, die da herrscht über alle Kö-
       nige der  Erde. Sie  sitzt auf  einem Tier  mit sieben Köpfen und
       zehn Hörnern.  Die sieben  Köpfe repräsentieren die sieben Hügel,
       aber auch  sieben "Könige".  Von diesen Königen sind fünf vergan-
       gen, einer  ist, der siebente kommt noch, und nach ihm kommt wie-
       der einer  aus den  ersten fünf,  der zum Tod verwundet war, aber
       wieder geheilt worden. Dieser wird 42 Monate oder 3 1/2 Jahr (die
       Hälfte der  Jahreswoche von  sieben Jahren)  über die  Erde herr-
       schen, die Gläubigen bis auf den Tod verfolgen und die Gottlosig-
       keit zur  Herrschaft bringen.  Dann aber  erfolgt der  große Ent-
       scheidungskampf, die  Heiligen und  Märtyrer werden gerächt durch
       Zerstörung der großen Hure Babylon und aller ihrer Anhänger, d.h.
       der großen Masse der Menschen; der Teufel wird in den Abgrund ge-
       stürzt und  dort eingeschlossen  auf tausend Jahre, während denen
       Christus mit  den vom  Tode auferstandenen  Märtyrern  das  Reich
       führt. Nach  tausend Jahren  aber wird der Teufel wieder los, und
       es gibt  eine neue  große Geisterschlacht, worin er endgültig be-
       siegt wird. Dann folgt die zweite Auferstehung, wo auch die übri-
       gen Toten  erwachen und  vor dem Richterstuhl Gottes (nicht Chri-
       sti, wohl  zu merken)  erscheinen, und  die Gläubigen  eingehn in
       einen neuen  Himmel, eine  neue Erde, und ein neues Jerusalem zum
       ewigen Leben.
       Wie diese ganze Zurüstung mit ausschließlich jüdisch-vorchristli-
       chem Material aufgebaut ist, so bietet sie auch fast nur rein jü-
       dische Vorstellungen. Seit es anfing, dem Volk Israel schlecht zu
       gehn in dieser Welt, von
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       1*) Krieg eben Krieg ist
       
       #467# Kapitel III
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       der assyrischen und babylonischen Zinsbarkeit, von der Zerstörung
       der beiden  Reiche Israel  und Juda  an  bis  zur  seleucidischen
       Knechtschaft, also  von Jesaia  bis Daniel,  wird jedesmal in der
       Trübsal ein Retter prophezeit. Bei Daniel 12, 1-3 findet sich so-
       gar  schon  eine  Prophezeiung  vom  Herabsteigen  Michaels,  des
       Schutzengels der Juden, der sie aus großer Trübsal erretten wird;
       viele Toten werden auferstehn, es gibt eine Art jüngstes Gericht,
       und die  Lehrer, die  das Volk  zur Gerechtigkeit  weisen, werden
       leuchten wie  die Sterne ewiglich. Christlich ist nur die scharfe
       Betonung des nahe bevorstehenden Reichs Christi und der Herrlich-
       keit der auferstandnen Gläubigen, namentlich der Märtyrer.
       Die Deutung  dieser Weissagung,  soweit  sie  sich  auf  damalige
       Zeitereignisse bezieht,  verdanken wir  der deutschen Kritik, be-
       sonders Ewald,  Lücke und  Ferdinand Benary.  Durch Renan ist sie
       auch nichttheologischen  Kreisen  zugänglich  geworden.  Daß  die
       große Hure  Babylon die  Siebenhügelstadt Rom bedeutet, haben wir
       schon gesehn. Von dem Tier, worauf sie sitzt, heißt es 17, 9-11:
       
       "Die sieben  Häupter" (des Tiers) "sind sieben Berge, auf welchen
       das Weib  sitzt, und sieben Könige. Fünf sind gefallen, und einer
       ist, und  der andre  ist noch  nicht gekommen, und wenn er kommt,
       muß er  eine kleine  Zeit bleiben. Und das Tier, das gewesen ist,
       und nicht  ist, das  ist der  achte, und  ist von den sieben, und
       fährt in die Verdammnis."
       
       Hiernach ist  das Tier die römische Weltherrschaft, repräsentiert
       nacheinander durch sieben Kaiser, von denen einer tödlich verwun-
       det wurde  und nicht mehr herrscht, aber geheilt wird und wieder-
       kommt, um  als achter das Reich der Lästerung und des Trotzes wi-
       der Gott zur Vollendung zu bringen. Es wird ihm gegeben
       
       "zu streiten  mit den  Heiligen und  sie zu überwinden, und alle,
       die auf  Erden wohnen  und deren  Namen nicht geschrieben sind in
       dem lebendigen  Buch des  Lamms, beten  das Tier  an;  alle,  die
       Großen und Kleinen, die Reichen und die Armen, die Freien und die
       Knechte, müssen das Malzeichen des Tiers an der rechten Hand oder
       der Stirn tragen, daß niemand kaufen oder verkaufen kann, er habe
       denn das Malzeichen oder den Namen des Tiers oder die Zahl seines
       Namens. Hier  ist Weisheit.  Wer Verstand  hat, der  überlege die
       Zahl des  Tiers, denn  es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl
       ist 666." (13, 7-18.)
       
       Wir konstatieren bloß, daß hier also der Boykott als eine von der
       römischen Weltmacht  gegen die Christen anzuwendende Maßregel er-
       wähnt wird  - also handgreiflich eine Erfindung des Teufels ist -
       und gehn  über zu  der Frage, wer dieser römische Kaiser ist, der
       früher schon einmal
       
       #468# Zur Geschichte des Urchristentums
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       geherrscht hat,  auf den  Tod verwundet und beseitigt wurde, aber
       als achter der Reihe wiederkommt und den Antichrist spielen wird.
       Von Augustus als dem ersten an haben wir 2.Tiberius, 3. Caligula,
       4. Claudius,  5. Nero,  6. Galba.  "Fünf sind gefallen, und einer
       ist." Also  Nero ist  schon gefallen,  Galba ist. Galba herrschte
       vom 9.  Juni 68  bis zum  15. Januar  69. Aber gleich nach seiner
       Thronbesteigung erhoben  sich die  Legionen am Rhein unter Vitel-
       lius, während  in andern  Provinzen andre  Feldherrn  Militärauf-
       stände vorbereiteten.  In Rom  selbst empörten sich die Prätoria-
       ner, erschlugen Galba und machten Otho zum Kaiser.
       Hieraus geht  hervor, daß unsre Offenbarung unter Galba geschrie-
       ben wurde.  Wahrscheinlich gegen  das Ende seiner Regierung. Oder
       spätestens während  der drei  Monate (bis 15. April 69) der Herr-
       schaft Othos,  "des Siebenten". Wer aber ist der achte, der gewe-
       sen ist und nicht ist? Das lehrt uns die Zahl 666.
       Unter den Semiten - Chaldäern und Juden - war damals eine Zauber-
       kunst im  Schwang, die auf der doppelten Bedeutung der Buchstaben
       beruhte. Seit  ungefähr 300 Jahren vor unsrer Zeitrechnung wurden
       die hebräischen  Buchstaben auch als Zahlzeichen gebraucht a = 1,
       b =  2, g = 3, d = 4 usw. Die kabbalistischen Wahrsager nun zähl-
       ten die Zahlenwerte der Buchstaben eines Namens als Quersumme zu-
       sammen und  suchten daraus zu prophezeien, z.B. durch Bildung von
       Worten  oder   Wortverbindungen  von   gleichem  Zahlenwert,  die
       Schlüsse auf  die Zukunft des Namensträgers zuließen. Ebenso wur-
       den geheime  Worte in  dieser Zahlensprache  ausgedrückt und der-
       gleichen mehr. Man nannte diese Kunst mit einem griechischen Wort
       gematriah, Geometrie;  die Chaldäer,  die dies geschäftsmäßig be-
       trieben, und  von Tacitus als mathematici bezeichnet werden, wur-
       den unter  Claudius und  später nochmals unter Vitellius, vermut-
       lich wegen "groben Unfugs", aus Rom vertrieben.
       Vermittelst eben  dieser Mathematik ist auch unsere Zahl 666 ent-
       standen. Hinter ihr birgt sich der Name eines der ersten fünf rö-
       mischen Kaiser.  Außer der  Zahl 666  kannte aber  Irenäus [415],
       Ende des  zweiten Jahrhunderts, eine Variante 616, die jedenfalls
       entstanden war  zu einer Zeit, wo das Rätsel der Zahl noch vielen
       bekannt war.  Entspricht die  zu liefernde  Lösung beiden  Zahlen
       gleichmäßig, so ist die Probe darauf gemacht.
       Ferdinand Benary  in Berlin  hat diese Lösung geliefert. Der Name
       ist Nero.  Die Zahl  ist begründet auf ??? ????, Neron Kesar, die
       durch Talmud und palmyrenische Inschriften beglaubigte hebräische
       Schreibung des  griechischen Nerôn  Kaisar, Kaiser  Nero, welches
       die Aufschrift der in der östlichen Reichshälfte geschlagenen ne-
       ronischen Münzen war. Nämlich
       
       #469# Kapitel III
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       n (nun) = 50, r (resch) = 200, w (waw) für o = 6, n (nun) = 50, k
       (koph) =  100, s  (samech) = 60 und r (resch) = 200, Summa = 666.
       Nehmen wir  aber als  Grundlage die  lateinische Schreibung  Nero
       Caesar, so  fällt  das  zweite  nun  =  50  weg,  und  wir  haben
       666-50=616, die Variante des Irenäus.
       In der Tat war zur Zeit Galbas das ganze Römische Reich in plötz-
       liche Verwirrung geraten. Galba selbst war an der Spitze der spa-
       nischen und  gallischen Legionen  auf Rom  marschiert, um Nero zu
       stürzen; dieser  floh und  ließ sich von einem Freigelassenen tö-
       ten. Aber  gegen Galba konspirierten nicht nur die Prätorianer in
       Rom, sondern  auch die Oberbefehlshaber in den Provinzen; überall
       meldeten sich neue Thronprätendenten und bereiteten sich vor, mit
       ihren Legionen  auf die  Hauptstadt loszurücken. Das Reich schien
       dem innern  Krieg preisgegeben, sein Zerfall schien bevorstehend.
       Und zu alledem verbreitete sich das Gerücht, namentlich im Osten,
       Nero sei  nicht tot, nur verwundet, sei zu den Parthern entflohen
       und werde  mit Heeresmacht heranziehn über den Euphrat, eine neue
       und blutigere  Schreckensherrschaft zu eröffnen. Achaja und Asien
       besonders wurden  durch solche  Berichte geängstigt. Und grade um
       die Zeit,  wo die  Offenbarung geschrieben  sein muß, tauchte ein
       falscher Nero  auf, der sich mit ziemlich zahlreichem Anhang nahe
       bei Patmos  und Kleinasien,  auf der  Insel Kythnos  im Ägäischen
       Meer (dem heutigen Thermia), festsetzte, bis er, noch unter Otho,
       getötet wurde.  Was Wunder, daß sich da unter den Christen, gegen
       die Nero die erste große Verfolgung eingeleitet, die Ansicht ver-
       breitete, er  komme wieder  als Antichrist, und seine Wiederkunft
       und der mit ihr notwendig verknüpfte verschärfte Versuch zur blu-
       tigen Ausrottung  der neuen Sekte sei das Vorzeichen und Vorspiel
       der Wiederkunft Christi, des großen siegreichen Kampfes gegen die
       Mächte der  Hölle, des "in der Kürze" zu errichtenden Tausendjäh-
       rigen Reichs, dessen sichre Erwartung die Märtyrer freudig in den
       Tod gehn ließ?
       Die christliche  und christlich  beeinflußte Literatur der ersten
       beiden Jahrhunderte  weist Anzeichen genug auf, daß das Geheimnis
       der Zahl 666 damals vielen bekannt war. Irenaus allerdings kannte
       es nicht  mehr, er  dagegen wie  viele andre bis Ende des dritten
       Jahrhunderts wissen  auch, daß  mit dem  Tier der  Apokalypse der
       wiederkehrende Nero gemeint war. Dann geht auch diese Spur verlo-
       ren und  unsre Schrift verfällt der phantastischen Deutung recht-
       gläubiger Zukunftsspäher;  ich selbst  habe noch  als  Kind  alte
       Leute gekannt, die den Untergang der Welt und das jüngste Gericht
       nach dem  alten Johann Albrecht Bengel auf das Jahr 1836 erwarte-
       ten. Die  Prophezeiung ist  eingetroffen, und  aufs Jahr. Nur daß
       das jüngste Gericht
       
       #470# Zur Geschichte des Urchristentums
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       nicht die  sündige Welt,  sondern die frommen Offenbarungsdolmet-
       scher selbst  traf. Denn  im selben  Jahr 1836 lieferte F. Benary
       den Schlüssel zur Zahl 666, und machte damit all der Weissagungs-
       rechnerei, dieser neuen gematriah, ein Ende mit Schrecken.
       Von dem  Himmelreich, das  den Gläubigen  vorbehalten, kann unser
       Johannes nur  eine sehr  äußerliche Beschreibung  geben. Das neue
       Jerusalem ist  allerdings nach  damaligen Begriffen ziemlich groß
       angelegt, ein Quadrat von 12 000 Stadien = 2227 Kilometer Seiten-
       länge, also ein Flächenraum von etwa fünf Millionen [Quadratkilo-
       meter, mehr  als die  Hälfte der Vereinigten Staaten von Amerika,
       und gebaut  von lauter  Gold und Edelstein. Dort wohnt Gott unter
       den Seinigen,  leuchtet ihnen statt der Sonne, und es gibt keinen
       Tod und  kein Leid  und  keine  Schmerzen  mehr;  ein  Strom  des
       lebendigen Wassers durchfließt die Stadt, an dessen Ufern wachsen
       Bäume des  Lebens mit  zwölferlei Früchten,  die alle  Monate neu
       reifen; die  Blätter aber "dienen zur Gesundheit der Heiden" (wie
       Renan meint,  als eine Art Medizinaltee, "L'Antéchrist", p. 542).
       Hier leben die Heiligen ewiglich.
       Solcher Art  war das Christentum beschaffen in Kleinasien, seinem
       Hauptsitz um  das Jahr 68, soweit wir es kennen. Keine Spur einer
       Dreieinigkeit -  dagegen der  alte einige  und unteilbare Jehovah
       des späteren Judentums, wo er sich vom jüdischen Nationalgott zum
       alleinigen höchsten  Gott Himmels  und der  Erden  aufgeschwungen
       hat, wo  er die  Herrschaft über alle Völker beansprucht, den Be-
       kehrten Gnade  verspricht, die Widerspenstigen erbarmungslos nie-
       derschmettert, getreu  dem antiken parcere subjectis ac debellare
       superbos 1*).  Demgemäß sitzt  auch dieser Gott selbst zu Gericht
       am jüngsten  Tag und nicht, wie in den späteren Schilderungen der
       Evangelien und Briefe, Christus. Der persischen, dem späteren Ju-
       dentum geläufigen  Emanationslehre entsprechend ist Christus, das
       Lamm, von  Ewigkeit her  von ihm  ausgegangen, ebenso, aber schon
       auf niedrer  Rangstufe, die "sieben Geister Gottes", die dem Miß-
       verständnis einer  poetischen Stelle  (Jesaia 11,  2) ihr  Dasein
       verdanken. Sie alle sind nicht Gott oder Gott gleich, sondern ihm
       Untertan. Das  Lamm bringt  sich selbst zum Sühnopfer dar für die
       Sünden der  Welt und  erfährt dafür  im Himmel eine ausdrückliche
       Rangerhöhung; denn  dieser sein freiwilliger Opfertod wird ihm im
       ganzen Buch  als eine außerordentliche Tat angerechnet, nicht als
       etwas, das  aus seinem  innersten Wesen mit Notwendigkeit hervor-
       geht. Es versteht sich, daß der ganze himmlische Hofstaat von Äl-
       testen, Cherubim, Engeln
       -----
       1*) die Unterworfenen schonen und die Übermütigen besiegen
       
       #471# Kapitel III
       -----
       und Heiligen  nicht fehlt.  Der Monotheismus, um eine Religion zu
       werden, hat  von jeher  dem Polytheismus Konzessionen machen müs-
       sen, von der Zendauesta [416] an. Bei den Juden dauert der Abfall
       zu den  heidnischen sinnlichen  Göttern chronisch  fort, bis nach
       dem Exil der himmlische Hofstaat nach persischem Muster [417] die
       Religion der  Volksphantasie etwas  mehr anpaßt.  Und selbst  das
       Christentum, auch  nachdem es  an die Stelle des ewig sich selbst
       gleichen, starren Judengottes den in sich differenzierten, myste-
       riösen dreieinigen  Gott gesetzt,  konnte bei den Volksmassen nur
       durch den  Kultus der  Heiligen den  Kultus der alten Götter ver-
       drängen; wie  denn nach Fallmerayer der Jupiterdienst auf dem Pe-
       loponnes, in  der Maina,  in Arkadien erst um das neunte Jahrhun-
       dert ausgestorben  ist ("Geschichte  der Halbinsel  Morea", I, p.
       227). Erst  die moderne bürgerliche Periode und ihr Protestantis-
       mus beseitigen  die Heiligen  wieder und machen endlich Ernst mit
       dem differenzierten Monotheismus.
       Ebensowenig kennt  unsre Schrift  die Lehre  von der Erbsünde und
       der Rechtfertigung  durch den Glauben. Der Glaube dieser kampfes-
       freudigen ersten Gemeinden ist ganz andrer Art als der der spätem
       siegreichen Kirche:  neben dem Sühnopfer des Lammes sind die nahe
       Wiederkunft Christi  und das in der Kürze anbrechende Tausendjäh-
       rige Reich sein wesentlichster Inhalt, und das, worin er sich al-
       lein bewährt, ist tätige Propaganda, unablässiger Kampf gegen den
       äußern und  innern Feind,  stolzfreudiges Bekennen des revolutio-
       nären Standpunkts  vor den  heidnischen  Richtern,  siegsgewisser
       Märtyrertod.
       Wir sahen,  daß der  Verfasser noch  gar nicht weiß, daß er etwas
       andres ist  als ein Jude. Demgemäß ist auch von der Taufe im gan-
       zen Buch nirgends die Rede, wie denn vieles darauf hindeutet, daß
       die Taufe  eine Institution der zweiten christlichen Periode ist.
       Die 144 000  gläubigen Juden  werden "versiegelt", nicht getauft.
       Von den  Heiligen im Himmel und den Gläubigen auf Erden heißt es,
       sie hätten ihre Sünden abgewaschen, ihre weißen Kleider gewaschen
       und helle  gemacht im  Blut des  Lammes, vom Taufwasser ist nicht
       die Rede. Auch die beiden Propheten, die dem Erscheinen des Anti-
       christ Kap.  11 vorhergehn, taufen nicht, und nach 19, 10 ist das
       Zeugnis Jesu  nicht die  Taufe, sondern der Geist der Weissagung.
       Bei allen diesen Gelegenheiten war es natürlich, die Taufe zu er-
       wähnen, falls  sie damals  schon Geltung  hatte; wir  dürfen also
       fast mit  absoluter Sicherheit schließen, daß unser Verfasser sie
       nicht kannte,  daß sie erst aufkam, als die Christen sich von den
       Juden endgültig schieden.
       Ebensowenig weiß  der Verfasser  vom zweiten  späteren Sakrament,
       dem Abendmahl.  Wenn im lutherischen Text Christus jedem im Glau-
       ben ausharrenden
       
       #472# Zur Geschichte des Urchristentums
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       Thyatiraner verspricht, er werde bei ihm einkehren und das Abend-
       mahl mit  ihm halten,  so gibt  dies einen  falschen  Schein.  Im
       Griechischen steht  deipnêsô, ich werde zu Abend essen (mit ihm),
       und die  englische Bibel  gibt dies  ganz richtig: I shall  s u p
       with him. Vom Abendmahl selbst als bloßem Gedächtnismahl ist hier
       absolut nicht die Rede.
       Daß unser  Buch mit  seinem so eigentümlich beglaubigten Datum 68
       oder 69  das älteste der ganzen christlichen Literatur ist, daran
       kann kein Zweifel sein. Kein andres ist in einer so barbarischen,
       von Hebraismen, unmöglichen Konstruktionen und grammatischen Feh-
       lern wimmelnden  Sprache geschrieben. So heißt es Kap. 1, 4 wört-
       lich:
       
       "Gnade sei  mit euch  und Friede  von der Seiende und der war und
       der Kommende."
       
       Daß die  Evangelien und die Apostelgeschichte späte Überarbeitun-
       gen von  jetzt verlornen Schriften sind, deren schwacher histori-
       scher Kern  unter der  sagenhaften Überwucherung heute nicht mehr
       zu erkennen ist; daß selbst die paar angeblich "echten" apostoli-
       schen Briefe  von Bruno Bauer entweder als spätere Schriften oder
       im besten  Fall als  durch Zusätze  und Einschiebungen veränderte
       Bearbeitungen älterer  Werke unbekannter Verfasser sind 1*), wird
       nur noch  von Theologen von Profession oder andern interessierten
       Geschichtschreibern geleugnet.  Um so  wichtiger ist  es, daß wir
       hier ein Buch haben, dessen Abfassungszeit fast bis auf den Monat
       feststeht, ein  Buch, das uns das Christentum in seiner unentwic-
       keltsten Form vorführt, in der Form, worin es sich zu der in Dog-
       matik und  Mythologie vollständig  ausgearbeiteten Staatsreligion
       des vierten  Jahrhunderts etwa  verhält, wie die noch schwankende
       Mythologie der  Germanen des  Tacitus zu  der durch  den  Einfluß
       christlicher und  antiker Elemente  ausgebildeten Götterlehre der
       "Edda" [418].  Der Keim der Weltreligion ist da, aber dieser Keim
       schließt noch die tausend Entwicklungsmöglichkeiten unterschieds-
       los ein,  die in  den zahllosen  späteren  Sekten  sich  verwirk-
       lichten. Und gerade darum ist uns dies älteste Stück aus dem Wer-
       deprozeß des Christentums besonders wertvoll, weil es uns in sei-
       ner Reinheit  dasjenige gibt,  was das  Judentum -  unter starkem
       alexandrinischen Einfluß - zum Christentum beigetragen hat. Alles
       Spätere ist  westliche, griechisch-römische  Zutat. Nur durch die
       Vermittlung der  monotheistischen jüdischen  Religion konnte  der
       gebildete Monotheismus der späteren griechischen
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       1*) In der  von der  Zeitschrift "Le  Devenir social"  veröffent-
       lichten autorisierten Übersetzung lautet dieser Salzteil: daß die
       drei oder  vier apostolischen Briefe, die von der Tübinger Schule
       noch als  echt angesehen  werden, nicht  mehr als Schriften einer
       späteren Epoche  sind, wie  Bruno  Bauer  in  seiner  gründlichen
       Analyse nachwies
       
       
       #473# Kapitel III
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       Vulgärphilosophie die  religiöse Form überkommen, worin allein er
       die Massen ergreifen konnte. Aber einmal diese Vermittlung gefun-
       den, konnte  er Weltreligion  werden nur  in der griechisch-römi-
       schen Welt und durch Fortentwicklung in und Verschmelzung mit dem
       durch sie eroberten Gedankenstoff.
       

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