Quelle: Januar 1890 - August 1895


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       Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland [428]
       
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       Geschrieben zwischen 15. und 22. November 1894.
       Nach: "Die Neue Zeit". Nr. 10. 13. Jahrgang,
       1. Band, 1894-1895.
       
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       Die bürgerlichen und reaktionären Parteien wundern sich ungemein,
       daß jetzt  plötzlich und  überall bei den Sozialisten die Bauern-
       frage auf  die Tagesordnung  kommt. Sie  sollten sich, von Rechts
       wegen, wundern,  daß dies  nicht längst  geschehn. Von Irland bis
       Sizilien, von  Andalusien bis Rußland und Bulgarien ist der Bauer
       ein sehr  wesentlicher Faktor der Bevölkerung, der Produktion und
       der politischen  Macht. Nur  zwei westeuropäische  Gebiete bilden
       eine Ausnahme. Im eigentlichen Großbritannien hat Großgrundbesitz
       und große  Agrikultur den  selbstwirtschaftenden Bauer total ver-
       drängt; im ostelbischen Preußen ist derselbe Prozeß seit Jahrhun-
       derten im  Gang, und  auch hier wird der Bauer mehr und mehr ent-
       weder "gelegt"  oder doch ökonomisch und politisch in den Hinter-
       grund gedrängt.
       Als politischer  Machtfaktor bewährt  sich der Bauer bisher meist
       nur durch  seine in der Isolierung des Landlebens begründete Apa-
       thie. Diese  Apathie der  großen Masse  der Bevölkerung  ist  die
       stärkste Stütze nicht nur der parlamentarischen Korruption in Pa-
       ris und  Rom, sondern  auch des  russischen Despotismus. Aber sie
       ist durchaus  nicht unüberwindlich. Seit dem Entstehen der Arbei-
       terbewegung ist es in Westeuropa, besonders da, wo das bäuerliche
       Parzelleneigentum vorherrscht,  den Bourgeois  nicht eben  schwer
       geworden, der  Bauernphantasie die  sozialistischen Arbeiter  als
       partageux, als  "Teiler" verdächtig  und verhaßt  zu machen,  als
       faule, gierige  Städter, die  auf das Bauerneigentum spekulieren.
       Die unklaren  sozialistischen Aspirationen  der Februarrevolution
       1848 wurden  durch die reaktionären Stimmzettel der französischen
       Bauern rasch aus dem Weg geschafft; der Bauer, der seine Ruh' ha-
       ben wollte, holte nun noch aus dem Schatz seiner Erinnerungen die
       Legende vom  Bauernkaiser Napoleon  hervor und  schuf das  Zweite
       Kaiserreich. Wir alle wissen, was diese eine
       
       #486# Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland
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       Bauerntat dem  französischen Volk  gekostet hat;  an ihren Folgen
       laboriert es noch heut.
       Seit jener  Zeit aber  hat sich manches geändert. Die Entwicklung
       der kapitalistischen  Produktionsform hat dem Kleinbetrieb in der
       Landwirtschaft den Lebensnerv abgeschnitten; er verfällt und ver-
       kommt unrettbar. Die Konkurrenz Nord- und Südamerikas und Indiens
       hat den  europäischen Markt mit wohlfeilem Getreide überschwemmt,
       so wohlfeil,  daß kein einheimischer Produzent damit konkurrieren
       kann. Großgrundbesitzer und Kleinbauer sehn beide gleichmäßig den
       Untergang vor Augen. Und da sie beide Grundbesitzer und Landleute
       sind, wirft  sich der Großgrundbesitzer zum Vorkämpfer der Inter-
       essen des  Kleinbauern auf,  und der  Kleinbauer -  im ganzen und
       großen - akzeptiert diesen Vorkämpfer.
       Inzwischen  aber  ist  im  Westen  eine  mächtige  sozialistische
       Arbeiterpartei herangewachsen.  Die dunklen  Ahnungen und Gefühle
       aus der  Zeit der Februarrevolution haben sich geklärt, ausgewei-
       tet, vertieft  zu einem allen wissenschaftlichen Ansprüchen genü-
       genden Programm mit bestimmten handgreiflichen Forderungen; diese
       Forderungen werden  vertreten im  deutschen, im französischen, im
       belgischen Parlament  von einer stets wachsenden Zahl sozialisti-
       scher Abgeordneten. Die Eroberung der politischen Macht durch die
       sozialistische Partei  ist in absehbare Nähe gerückt. Um aber die
       politische Macht  zu erobern,  muß diese  Partei vorher  von  der
       Stadt aufs  Land gehn,  muß eine  Macht werden auf dem Land. Sie,
       die vor  allen andern  Parteien voraus  hat die klare Einsicht in
       den Zusammenhang  der ökonomischen  Ursachen mit  den politischen
       Folgen, die  also auch  die Wolfsgestalt unter dem Schafspelz des
       großgrundherrlichen zudringlichen  Bauernfreunds  längst  erspäht
       hat -  darf sie  den dem  Untergang geweihten Bauern ruhig in den
       Händen seiner falschen Beschützer lassen, bis er aus einem passi-
       ven in einen aktiven Gegner der industriellen Arbeiter verwandelt
       wird? Und damit sind wir inmitten der Bauernfrage.
       
       #487#
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       I
       
       Die Landbevölkerung,  an die  wir uns  wenden können, besteht aus
       sehr verschiednen Bestandteilen, die je nach den einzelnen Gegen-
       den wieder sehr verschiedner Art sind.
       Im Westen  Deutschlands, wie  in Frankreich und Belgien, herrscht
       die kleine  Kultur von  Parzellenbauern vor,  die in der Mehrzahl
       Eigentümer, in der Minderzahl Pächter ihrer Landstücke sind.
       Im Nordwesten  - Niedersachsen  und Schleswig-Holstein  - gibt es
       vorwiegend große und Mittelbauern, die ohne Knechte und Mägde und
       selbst Taglöhner  nicht fertig  werden. Ebenso  in einem Teil von
       Bayern.
       Im ostelbischen  Preußen und Mecklenburg haben wir das Gebiet des
       großen Grundbesitzes  und der großen Kultur mit Hofgesinde, Inst-
       leuten und  Taglöhnern, dazwischen Klein- und Mittelbauern in re-
       lativ schwacher und stets abnehmender Proportion.
       In Mitteldeutschland finden sich alle diese Betriebs- und Besitz-
       formen je  nach der  Lokalität in verschiedenen Verhältnissen ge-
       mischt, ohne  bestimmtes Vorherrschen  der einen  oder andern auf
       einer größeren Fläche.
       Außerdem gibt  es Gegenden  von verschiedner  Ausdehnung, wo  das
       eigne oder  gepachtete Ackerland  zur Ernährung der Familie nicht
       ausreicht, sondern  nur als Grundlage dient für den Betrieb einer
       Hausindustrie und  dieser letzteren  die  sonst  unbegreiflichen,
       niedrigen Löhne sicherstellt, welche den Produkten, gegenüber al-
       ler fremden Konkurrenz, stetigen Absatz verschaffen.
       Welche von diesen Unterabteilungen der Landbevölkerung können für
       die sozialdemokratische  Partei gewonnen  werden? Wir untersuchen
       diese Frage  selbstredend nur  in ihren  großen Zügen; wir nehmen
       nur die  scharf ausgeprägten  Formen heraus; zur Berücksichtigung
       der Mittelstufen  und gemischten  Landbevölkerungen fehlt uns der
       Raum.
       Fangen wir an mit dem Kleinbauer. Er ist nicht nur für Westeuropa
       im
       
       #488# Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland
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       allgemeinen von  allen Bauern  der wichtigste, sondern er liefert
       uns auch  den für  die ganze  Frage kritischen Fall. Sind wir uns
       über unsre  Stellung zum  Kleinbauern klar, so haben wir alle An-
       haltspunkte zur  Bestimmung unsrer  Haltung gegenüber  den andern
       Bestandteilen des Landvolks.
       Unter Kleinbauer verstehen wir hier den Eigentümer oder Pächter -
       namentlich den  ersteren -  eines Stückchens  Land, nicht größer,
       als er  mit seiner  eignen Familie in der Regel bebauen kann, und
       nicht kleiner,  als was  die Familie  ernährt. Dieser Kleinbauer,
       wie der  kleine Handwerker,  ist also  ein Arbeiter, der sich vom
       modernen Proletarier dadurch unterscheidet, daß er noch im Besitz
       seiner Arbeitsmittel  ist; also ein Überbleibsel einer vergangnen
       Produktionsweise. Von  seinem Vorfahren,  dem leibeignen, hörigen
       oder sehr  ausnahmsweise auch  freien zins-  und  fronpflichtigen
       Bauern, unterscheidet  er sich dreifach. Erstens dadurch, daß die
       französische Revolution ihn von den feudalen Lasten und Diensten,
       die er  dem Grundherrn schuldete, befreit und in der Mehrzahl der
       Fälle, wenigstens  auf dem  linken Rheinufer,  ihm sein Bauerngut
       als freies  Eigen überantwortet  hat. -  Zweitens dadurch, daß er
       den Schutz  und die Beteiligung an der selbstverwaltenden Markge-
       nossenschaft und  damit seinen Anteil an den Nutzungen der frühe-
       ren gemeinen  Mark verloren  hat. Die  gemeine Mark ist teils vom
       ehemaligen Feudalherrn,  teils durch aufgeklärt-römischrechtlich-
       bürokratische Gesetzgebung wegeskamotiert und dem modernen Klein-
       bauern damit die Möglichkeit entzogen, sein Arbeitsvieh ohne gek-
       auftes Futter  zu ernähren. Ökonomisch wiegt aber der Verlust der
       Marknutzungen den Wegfall der Feudallasten überreichlich auf; die
       Zahl der  Bauern, die  kein  eignes  Arbeitsvieh  halten  können,
       wächst fortwährend.  - Drittens  unterscheidet der  heutige Bauer
       sich durch den Verlust der Hälfte seiner früheren produktiven Tä-
       tigkeit. Früher  erzeugte er mit seiner Familie aus selbsterzeug-
       tem Rohstoff den größten Teil der Industrieprodukte, deren er be-
       durfte; was  sonst noch  nötig, besorgten Dorfnachbarn, die Hand-
       werk neben dem Landbau betrieben und meist in Tauschartikeln oder
       Gegendiensten bezahlt  wurden. Die Familie und noch mehr das Dorf
       genügte sich  selbst, produzierte fast alles, was es brauchte. Es
       war fast reine Naturalwirtschaft, Geld wurde fast gar nicht benö-
       tigt. Die  kapitalistische Produktion  hat dem  ein Ende  gemacht
       vermittelst der Geldwirtschaft und der großen Industrie. War aber
       die Marknutzung  die eine  Grundbedingung seiner Existenz, so war
       der industrielle  Nebenbetrieb die andere. Und so sinkt der Bauer
       immer tiefer.  Steuern, Mißwachs,  Erbteilungen, Prozesse treiben
       einen Bauer  nach dem  andern zum Wucherer, die Verschuldung wird
       immer allgemeiner und für jeden einzelnen immer
       
       #489# Kapitel I
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       tiefer - kurz, unser Kleinbauer ist wie jeder Überrest einer ver-
       gangnen Produktionsweise  unrettbar dem  Untergang verfallen.  Er
       ist ein zukünftiger Proletarier.
       Als solcher  sollte er der sozialistischen Propaganda offne Ohren
       leihen. Daran  aber verhindert  ihn einstweilen  noch sein einge-
       fleischter Eigentumssinn.  Je schwerer ihm der Kampf wird um sein
       gefährdetes Fetzchen  Land, mit  desto gewaltsamerer Verzweiflung
       klammert er  sich daran  fest, um so mehr sieht er im Sozialdemo-
       kraten, der  von Überweisung des Grundeigentums an die Gesamtheit
       spricht, einen  ebenso gefährlichen Feind wie im Wucherer und Ad-
       vokaten. Wie soll die Sozialdemokratie dies Vorurteil überwinden?
       Was kann  sie dem  untergehenden  Kleinbauer  bieten,  ohne  sich
       selbst untreu zu werden?
       Hier finden  wir einen  praktischen Anhaltspunkt im Agrarprogramm
       der französischen  Sozialisten marxistischer  Richtung, das um so
       beachtenswerter ist,  weil es aus dem klassischen Land der Klein-
       bauernwirtschaft kommt.
       Auf dem Marseiller Kongreß 1892 wurde das erste Agrarprogramm der
       Partei angenommen.  [429] Es verlangt für die besitzlosen ländli-
       chen   A r b e i t e r  (also Taglöhner und Hofgesinde): Minimal-
       lohn, durch  Fachvereine und  Gemeinderäte festgesetzt; ländliche
       Gewerbegerichte, zur  Hälfte aus  Arbeitern bestehend; Verbot des
       Verkaufs von  Gemeindeland und  Verpachtung der  Staatsdomänen an
       die Gemeinden,  die dies  sämtliche eigne  und gepachtete Land an
       Assoziationen besitzloser  Landarbeiterfamilien  zur  gemeinsamen
       Bebauung, unter  Verbot der Anwendung von Lohnarbeitern und unter
       Kontrolle der  Gemeinde, vermieten  sollen; Alters- und Invalidi-
       tätspensionen, bestritten  durch eine  besondre  Steuer  auf  das
       Großgrundeigentum.
       Für die   K l e i n b a u e r n,   worunter hier noch die Pächter
       speziell berücksichtigt  werden, wird  gefordert: Anschaffung von
       landwirtschaftlichen Maschinen durch die Gemeinde, zur Vermietung
       zum Kostpreis an die Bauern; Bildung bäuerlicher Genossenschaften
       zum Ankauf  von Dünger, Drainröhren, Aussaat etc. und zum Verkauf
       der Produkte;  Aufhebung der  Steuer auf den Eigentumswechsel von
       Grundbesitz, wenn der Wert nicht über 5000 frs. beträgt; schieds-
       richterliche Kommissionen  nach irischem  Muster zur Herabsetzung
       übermäßiger Pachtpreise  und zur  Entschädigung  der  abtretenden
       Pächter und  Teilpächter (métayers)  für durch sie erwirkte Wert-
       steigerung des  Grundstücks; Abschaffung  des Art.  2102 des Code
       civil, der dem Grundeigentümer ein Pfandrecht auf die Ernte gibt,
       und Abschaffung  des Rechts der Gläubiger, die wachsende Ernte zu
       pfänden;
       
       #490# Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland
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       Feststellung eines  unpfändbaren Bestands  von Ackergerät, Ernte,
       Aussaat, Dünger,  Arbeitsvieh, kurz von allem, was dem Bauern zum
       Betrieb seines  Geschäfts unumgänglich  ist; Revision  des längst
       veralteten allgemeinen Landeskatasters und bis dahin lokale Revi-
       sion in jeder Gemeinde; endlich unentgeltlichen landwirtschaftli-
       chen Fortbildungsunterricht  und landwirtschaftliche Versuchssta-
       tionen.
       Man sieht,  die Forderungen  im Interesse der Bauern - die zugun-
       sten der  Arbeiter gehn  uns hier  einstweilen nichts  an -  sind
       nicht sehr weitgehend. Ein Teil davon ist anderwärts schon durch-
       geführt. Die  Pächter-Schiedsgerichte berufen  sich  ausdrücklich
       auf irisches  Vorbild. Die  bäuerlichen Genossenschaften  bestehn
       schon in  den Rheinlanden. Die Katasterrevision ist in ganz West-
       europa ein  stehender frommer  Wunsch aller  Liberalen und selbst
       Bürokraten. Auch  die übrigen Punkte könnten durchgeführt werden,
       ohne der  bestehenden kapitalistischen Ordnung wesentlichen Scha-
       den zu tun. Dies einfach zur Charakterisierung des Programms; ein
       Vorwurf liegt nicht darin, im Gegenteil.
       Mit diesem  Programm machte  die Partei  bei den  Bauern der ver-
       schiedensten Gegenden  Frankreichs so  gute Geschäfte,  daß - der
       Appetit kommt  ja mit  dem Essen  - man sich gedrungen fühlte, es
       noch weiter  dem Geschmack  der Bauern anzupassen. Man fühlte al-
       lerdings, daß  man sich  da auf  gefährlichen  Boden  begab.  Wie
       sollte man dem Bauer helfen können, dem Bauer nicht als zukünfti-
       gem Proletarier,  sondern als  gegenwärtigem  besitzenden  Bauer,
       ohne die  Grundprinzipien des  allgemeinen  sozialistischen  Pro-
       gramms zu  verletzen? Um  diesem Einwand zu begegnen, leitete man
       die neuen  praktischen Vorschläge ein mit einer theoretischen Mo-
       tivierung, welche  nachzuweisen sucht,  daß es im Prinzip des So-
       zialismus liegt, das kleinbäuerliche Eigentum gegen den Untergang
       durch die  kapitalistische Produktionsweise  zu schützen,  obwohl
       man selbst  vollkommen einsieht,  daß dieser Untergang unvermeid-
       lich ist.  Diese Motivierung  wie die  Forderungen selbst, die im
       September d.J. auf dem Kongreß von Nantes angenommen wurden, wol-
       len wir uns jetzt näher ansehn.
       Die Motivierung beginnt:
       
       "In Erwägung, daß nach dem Wortlaut des allgemeinen Programms der
       Partei die  Produzenten frei  sein können  nur soweit sie sich im
       Besitz der Produktionsmittel befinden;
       in Erwägung,  daß zwar auf dem Gebiet der Industrie diese Produk-
       tionsmittel bereits  bis zu dem Grad kapitalistisch zentralisiert
       sind, daß  sie den Produzenten nur in gemeinschaftlicher oder ge-
       sellschaftlicher Form  zurückgegeben werden können; da+ dies aber
       - wenigstens im heutigen Frankreich - auf dem Gebiet des Landbaus
       keineswegs
       
       #491# Kapitel I
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       der Fall  ist, das Produktionsmittel, nämlich der Boden, vielmehr
       noch in sehr vielen Orten sich als Einzelbesitz in den Händen der
       einzelnen Produzenten befindet;
       in Erwägung, daß, wenn dieser durch das Parzelleneigentum charak-
       terisierte Zustand unrettbar dem Untergang geweiht ist (est fata-
       lement appelé  à disparaître), dennoch der Sozialismus diesen Un-
       tergang nicht  zu beschleunigen  hat, da  ja seine  Aufgabe nicht
       darin besteht,  das Eigentum  von der Arbeit zu scheiden, sondern
       im Gegenteil in denselben Händen diese beiden Faktoren aller Pro-
       duktion zu  vereinigen, Faktoren, deren Trennung die Knechtschaft
       und das  Elend der  zu Proletariern  herabgedrückten Arbeiter zur
       Folge hat;
       in Erwägung,  daß, wenn es einerseits die Pflicht des Sozialismus
       ist, die  Ackerbauproletarier wieder  in den  Besitz - in gemein-
       schaftlicher oder gesellschaftlicher Form - der großen Domänen zu
       setzen, nach  Enteignung der  jetzigen müßigen Eigentümer dersel-
       ben, es  andrerseits seine  nicht weniger  gebieterische  Pflicht
       ist, die  selbstarbeitenden Bauern  im Besitz ihrer Landstückchen
       zu erhalten  gegenüber dem  Fiskus, dem Wucher und den Eingriffen
       der neuerstandnen großen Grundherren;
       in Erwägung, daß es angemessen ist, diesen Schutz auszudehnen auf
       die Produzenten,  die unter  dem Namen  Pächter oder  Teilpächter
       (métayers) fremdes  Land bebauen und die, wenn sie Taglöhner aus-
       beuten, dazu  gewissermaßen gezwungen  sind durch  die  an  ihnen
       selbst verübte Ausbeutung -
       hat die  Arbeiterpartei -  die, im  Gegensatz zu den Anarchisten,
       für die Umgestaltung der gesellschaftlichen Ordnung nicht auf die
       Steigerung und  Ausbreitung des  Elends rechnet,  sondern die Be-
       freiung der  Arbeit und  der Gesellschaft  überhaupt nur erwartet
       von der Organisation und den gemeinsamen Anstrengungen der Arbei-
       ter sowohl  des Landes wie der Städte, von ihrer Besitzergreifung
       der Regierung  und der  Gesetzgebung - das folgende Agrarprogramm
       angenommen, um  dadurch alle  Elemente der ländlichen Produktion,
       alle Tätigkeiten, die unter verschiedenen Rechtstiteln den natio-
       nalen Grund  und Boden  verwerten, zusammenzubringen in demselben
       Kampf gegen den gemeinsamen Feind: die Feudalität des Grundbesit-
       zes." [430]
       
       Sehen wir uns nun diese "Erwägungen" etwas näher an.
       Zunächst muß  der Satz des französischen Programms, daß die Frei-
       heit der  Produzenten den  Besitz der  Produktionsmittel  voraus-
       setzt, ergänzt  werden durch die gleich darauf folgenden: daß der
       Besitz der Produktionsmittel nur in zwei Formen möglich ist: ent-
       weder als  Einzelbesitz, welche  Form nie  und nirgends allgemein
       für die  Produzenten bestanden hat und täglich mehr durch den in-
       dustriellen Fortschritt unmöglich gemacht wird; oder aber als Ge-
       meinbesitz, eine  Form, deren  materielle und intellektuelle Vor-
       aussetzungen schon  durch die  Entwicklung  der  kapitalistischen
       Gesellschaft  selbst   hergestellt  worden  sind;  daß  also  die
       g e m e i n s c h a f t l i c h e  Besitzergreifung der Produkti-
       onsmittel zu  erkämpfen ist  mit allen dem Proletariat zur Verfü-
       gung stehenden Mitteln.
       
       #492# Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland
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       Der Gemeinbesitz  der Produktionsmittel wird also hier als einzi-
       ges zu  erstrebendes Hauptziel aufgestellt. Nicht nur für die In-
       dustrie, wo  der Boden  schon vorbereitet ist, sondern allgemein,
       also auch  für die Agrikultur. Der Einzelbesitz hat nach dem Pro-
       gramm nie  und nirgends  allgemein für alle Produzenten gegolten;
       ebendeshalb, und  weil der  industrielle Fortschritt  ihn ohnehin
       beseitigt, hat  der Sozialismus  kein Interesse  an  seiner  Auf-
       rechterhaltung, wohl  aber an seiner Beseitigung; denn da, wo und
       soweit er  besteht, macht er den Gemeinbesitz unmöglich. Wenn wir
       uns einmal auf das Programm berufen, dann auch auf das ganze Pro-
       gramm, das  den in  Nantes zitierten  Satz sehr bedeutend modifi-
       ziert, indem  es die darin ausgesprochene allgemeingeschichtliche
       Wahrheit erst  in die  Bedingungen faßt,  unter denen  allein sie
       heute in Westeuropa und Nordamerika eine Wahrheit bleiben kann.
       Der Besitz  der Produktionsmittel durch die einzelnen Produzenten
       verleiht heutzutage  diesen Produzenten  keine wirkliche Freiheit
       mehr. Das  Handwerk in  den Städten  ist schon ruiniert, in Groß-
       städten wie London ist es sogar schon total verschwunden, ersetzt
       durch Großindustrie,  Schwitzsystem 1*)  und elende Pfuscher, die
       vom Bankerott  leben. Der selbstwirtschaftende Kleinbauer ist we-
       der im  sichern Besitz  seines Stückchens Land, noch ist er frei.
       Er wie  sein Haus, sein Hof, seine paar Felder gehören dem Wuche-
       rer; seine  Existenz ist unsicherer als die des Proletariers, der
       wenigstens dann  und wann ruhige Tage erlebt, was dem gepeinigten
       Schuldsklaven nie vorkommt. Streicht den Artikel 2102 des Bürger-
       lichen Gesetzbuchs,  sichert dem  Bauern durchs  Gesetz einen un-
       pfändbaren Bestand  an Ackergerät,  Vieh etc.; gegen eine Zwangs-
       lage, worin  er sein  Vieh "freiwillig"  selbst verkaufen,  wo er
       sich mit  Leib und  Seele dem  Wucherer verschreiben muß und froh
       ist, sich  eine Galgenfrist  zu erkaufen, könnt ihr ihn nicht si-
       chern. Euer Versuch, den Kleinbauern in seinem Eigentum zu schüt-
       zen, schützt nicht seine Freiheit, sondern nur die besondere Form
       seiner Knechtschaft; sie verlängert eine Lage, worin er weder le-
       ben noch  sterben kann;  die Berufung auf den ersten Absatz eures
       Programms ist also hier keineswegs am Platz.
       Die Motivierung  sagt, im  heutigen Frankreich  befinde sich  das
       Produktionsmittel, nämlich  der Boden,  noch an sehr vielen Orten
       als Einzelbesitz  in den  Händen der  einzelnen Produzenten;  die
       Aufgabe des  Sozialismus aber sei nicht, das Eigentum von der Ar-
       beit zu scheiden, sondern im
       -----
       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 576/577
       
       #493# Kapitel I
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       Gegenteil, diese  beiden Faktoren  aller Produktion  in denselben
       Händen zu  vereinigen. - Wie bereits angedeutet, ist letzteres in
       dieser Allgemeinheit  keineswegs  die  Aufgabe  des  Sozialismus;
       seine Aufgabe  ist vielmehr  nur die Übertragung der Produktions-
       mittel an  die Produzenten  als  G e m e i n b e s i t z.  Sobald
       wir dies  aus den  Augen lassen,  führt uns obiger Satz direkt in
       die Irre,  nämlich dahin,  daß der  Sozialismus berufen  sei, das
       jetzige Scheineigentum  des kleinen  Bauern an  seinen Feldern in
       wirkliches zu  verwandeln, also  den kleinen Pächter in einen Ei-
       gentümer und  den verschuldeten  in einen schuldenfreien Eigentü-
       mer. Der Sozialismus hat allerdings ein Interesse daran, daß die-
       ser falsche  Schein des  bäuerlichen Eigentums  verschwinde; aber
       nicht auf diese Art.
       Jedenfalls sind  wir nun so weit, daß die Motivierung es schlank-
       weg für  die Pflicht  des Sozialismus erklären kann, und zwar für
       seine gebieterische Pflicht,
       
       "die selbstarbeitenden  Bauern im  Besitz ihrer  Landstückchen zu
       erhalten gegenüber  dem Fiskus, dem Wucher und den Eingriffen der
       neuerstandenen großen Grundherren".
       
       Die Motivierung  überträgt hiermit dem Sozialismus die gebieteri-
       sche Pflicht,  etwas durchzuführen, was sie im vorigen Absatz für
       unmöglich erklärt  hat. Sie  gibt ihm  auf, das Parzelleneigentum
       der Bauern zu "erhalten", trotzdem sie selbst sagt, dies Eigentum
       sei "unrettbar dem Untergang geweiht". Der Fiskus, der Wucher und
       die neuerstandnen großen Grundherren, was sind sie anders als nur
       die Instrumente, durch welche die kapitalistische Produktion die-
       sen unvermeidlichen Untergang vollzieht? Mit welchen Mitteln "der
       Sozialismus" den  Bauer gegen  diese Dreieinigkeit schützen soll,
       werden wir weiter unten sehn.
       Aber nicht  nur der  Kleinbauer soll in seinem Eigentum geschützt
       werden. Es ist ebenfalls
       
       "angemessen, diesen  Schutz auszudehnen  auf die Produzenten, die
       unter dem  Namen Pächter oder Teilpächter (métayers) fremdes Land
       bebauen und die, wenn sie Taglöhner ausbeuten, dazu gewissermaßen
       gezwungen sind durch die an ihnen selbst verübte Ausbeutung".
       
       Hier kommen  wir schon  auf ein  ganz absonderliches  Gebiet. Der
       Sozialismus richtet  sich ganz  speziell gegen die Ausbeutung der
       Lohnarbeit. Und  hier wird  es für  die gebieterische Pflicht des
       Sozialismus erklärt, die französischen Pächter dabei zu schützen,
       wenn sie  "Taglöhner  a u s b e u t e n"  - so heißt es wörtlich!
       Und zwar, weil sie gewissermaßen dazu gezwungen werden "durch die
       an ihnen selbst verübte Ausbeutung"!
       
       #494# Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland
       -----
       Wie leicht und angenehm es sich doch abwärtsrutscht, ist man erst
       einmal auf der schiefen Ebene! Wenn nun der Groß- und Mittelbauer
       Deutschlands kommt und bittet die französischen Sozialisten, sich
       beim deutschen  Parteivorstand zu verwenden, daß die deutsche so-
       zialdemokratische Partei  ihn schütze  in der  Ausbeutung  seiner
       Knechte und  Mägde, und sich dabei beruft auf die durch Wucherer,
       Steuereinnehmer,  Getreidespekulanten  und  Viehhändler  "an  ihm
       selbst verübte  Ausbeutung" -  was werden  sie antworten? Und wer
       steht ihnen  dafür, daß nicht auch unsre agrarischen Großgrundbe-
       sitzer ihnen  den Grafen  Kanitz schicken  (der ja auch einen dem
       ihrigen ähnlichen  Antrag auf Verstaatlichung der Getreideeinfuhr
       gestellt) und ebenfalls um sozialistischen Schutz bitten für ihre
       Ausbeutung der  Landarbeiter, unter  Berufung auf  die "an  ihnen
       selbst verübte  Ausbeutung" durch Börse, Zins- und Getreidewuche-
       rer?
       Sagen wir  hier gleich,  daß unsre französischen Freunde es lange
       nicht so  böse meinen,  wie es den Anschein hat. Der obige Absatz
       soll nämlich nur einen ganz speziellen Fall treffen, nämlich die-
       sen: Im  Norden Frankreichs,  wie in  unsern Zuckerrübengebieten,
       wird den Bauern Land mit der Verpflichtung zum Rübenbau unter äu-
       ßerst lästigen Bedingungen vermietet; sie müssen die Rüben an die
       bestimmte Fabrik zu dem von dieser festgesetzten Preis verkaufen,
       müssen bestimmten  Samen kaufen, ein festgesetztes Quantum vorge-
       schriebner Düngung  verwenden und  werden obendrein  noch bei der
       Ablieferung schmählich geprellt. Das alles kennen wir in Deutsch-
       land ja  auch. Wollte  man aber  einmal diese  Sorte Bauern unter
       seinen Schutz  nehmen, so  mußte man dies direkt und ausdrücklich
       sagen. Wie  der Satz  dasteht, in  seiner unbegrenzten Allgemein-
       heit, ist  er eine direkte Verletzung nicht nur des französischen
       Programms, sondern  des Grundprinzips  des Sozialismus überhaupt,
       und seine Verfasser werden sich nicht beklagen können, wenn diese
       nachlässige Redaktion  von den  verschiedensten Seiten gegen ihre
       Absicht ausgebeutet wird.
       Derselben Mißdeutung  fähig sind die Schlußworte der Motivierung,
       wonach die sozialistische Arbeiterpartei die Aufgabe hat,
       
       "alle Elemente  der ländlichen  Produktion, alle Tätigkeiten, die
       unter verschiednen  Rechtstiteln den  nationalen Grund  und Boden
       verwerten, zusammenzubringen in demselben Kampf gegen den gemein-
       samen Feind: die Feudalität des Grundbesitzes".
       
       Ich leugne gradezu, daß die sozialistische Arbeiterpartei irgend-
       eines Landes  die Aufgabe  hat, außer  den  Landproletariern  und
       Kleinbauern auch die Mittel- und Großbauern, oder gar die Pächter
       großer Güter, die kapitalistischen Viehzüchter und die andern ka-
       pitalistischen Verwerter des
       
       #495# Kapitel I
       -----
       nationalen Grund und Bodens in ihren Schoß aufzunehmen. Ihnen al-
       len mag  die Feudalität  des Grundbesitzes  als gemeinsamer Feind
       erscheinen. Wir  mögen in gewissen Fragen mit ihnen zusammengehn,
       für bestimmte Zwecke eine Zeitlang an ihrer Seite kämpfen können.
       Aber in  unsrer Partei  können wir  zwar Individuen aus jeder Ge-
       sellschaftsklasse, aber  durchaus keine  kapitalistischen,  keine
       mittelbürgerlichen oder  mittelbäuerlichen Interessengruppen  ge-
       brauchen. Auch  hier ist es nicht so schlimm gemeint, wie es aus-
       sieht; an  alles das  haben die  Verfasser offenbar gar nicht ge-
       dacht; leider  aber ist der Generalisationsdrang mit ihnen durch-
       gegangen, und  es darf  sie nicht wundern, wenn man sie eben beim
       Wort nimmt.
       Nach der  Motivierung kommen nun die neubeschlossenen Zusätze zum
       Programm selbst. Sie verraten dieselbe Flüchtigkeit der Redaktion
       wie jene.
       Der Artikel,  wonach die  Gemeinden landwirtschaftliche Maschinen
       anschaffen und  sie zu  den Selbstkosten  an die Bauern vermieten
       sollen, wird  geändert dahin, daß die Gemeinden erstens Staatszu-
       schüsse für  diesen Zweck erhalten und zweitens die Maschinen den
       Kleinbauern gratis  zur Verfügung  stellen sollen.  Diese weitere
       Konzession wird  den Kleinbauern,  deren Felder und Betriebsweise
       nur wenig Maschinengebrauch zulassen, sicher auf keinen besonders
       grünen Zweig helfen.
       Ferner:
       
       "Ersatz aller  bestehenden indirekten  und direkten Steuern durch
       eine einzige  progressive Steuer  auf alle Einkommen von mehr als
       3000 Franken."
       
       Eine ähnliche  Forderung findet  sich seit  Jahren in  fast jedem
       sozialdemokratischen Programm. Daß sie aber speziell im Interesse
       der Kleinbauern  aufgestellt wird,  ist neu  und beweist nur, wie
       wenig man  ihre Tragweite berechnet hat. Nehmen wir England. Dort
       beträgt das  Staatsbudget 90 Millionen Pfund Sterling. Davon wer-
       den aufgebracht  durch die  Einkommensteuer 13 1/2 bis 14 Millio-
       nen, die  übrigen 76  Millionen zum kleineren Teil durch Besteue-
       rung von  Geschäften (Post,  Telegraphen, Stempel),  zum  weitaus
       größten Teil  aber durch Auflagen auf die Massenkonsumtion, durch
       stets wiederholtes Abzwacken, in kleinen, unmerklichen, aber sich
       zu vielen Millionen aufsummierenden Beträgen, vom Einkommen aller
       Einwohner, vornehmlich aber der ärmeren. Und es ist in der heuti-
       gen Gesellschaft  kaum möglich,  die  Staatsausgaben  auf  andere
       Weise zu  decken. Gesetzt, man legte in England alle 90 Millionen
       den Einkommen  von 120  Pfd. St.  = 3000 frs. und darüber in pro-
       gressiver direkter  Steuer auf.  Die durchschnittliche  jährliche
       Akkumulation, die  jährliche Vermehrung  des gesamten  nationalen
       Reichtums, betrug 1865-1875 nach Giffen
       
       #496# Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland
       -----
       240 Mill.  Pfd. St.  Sagen wir,  sie sei  jetzt gleich  300 Mill,
       jährlich; eine Steuerlast von 90 Mill, würde fast ein Drittel der
       gesamten Akkumulation verzehren. Mit anderen Worten, keine Regie-
       rung kann  so etwas unternehmen außer einer sozialistischen; wenn
       die Sozialisten am Ruder sind, werden sie Dinge durchzuführen ha-
       ben, bei denen jene Steuerreform nur als eine momentane, ganz un-
       bedeutende Abschlagszahlung  figuriert und  wobei den Kleinbauern
       ganz andre Perspektiven eröffnet werden.
       Man scheint auch einzusehn, daß die Bauern auf diese Steuerreform
       etwas lange  warten müßten,  und stellt ihnen daher "einstweilen"
       (en attendant) in Aussicht:
       
       "Abschaffung der  Grundsteuer für  alle selbstarbeitenden  Bauern
       und Verminderung dieser Steuer für alle mit Hypotheken belasteten
       Grundstücke."
       
       Die letzte  Hälfte dieser Forderung kann sich nur auf  g r ö ß e-
       r e   Bauerngüter beziehen,  als die  die Familie  selbst bewirt-
       schaften kann, sie ist also wiederum eine Begünstigung derjenigen
       Bauern, welche "Taglöhner ausbeuten".
       Ferner:
       
       "Freiheit der  Jagd und  des Fischfangs ohne andre Beschränkungen
       als bedingt  sind durch  die Schonung  des Wild- und Fischstandes
       und der wachsenden Ernten."
       
       Dies klingt  sehr populär,  aber der Nachsatz hebt den Vordersatz
       auf. Wieviel  Hasen, Rebhühner,  Hechte und  Karpfen kommen  denn
       schon jetzt in der gesamten Dorfflur auf jede Bauernfamilie? Etwa
       mehr, als  daß man  jedem Bauern  e i n e n  Jagdtag und Fischtag
       im Jahr freigeben könnte?
       
       "Herabsetzung des gesetzlichen und konventionellen Zinsfußes" -
       
       also erneuerte  Wuchergesetze, erneuerter  Versuch, eine Polizei-
       maßregel durchzuführen,  die seit  zweitausend Jahren  stets  und
       überall gescheitert  ist. Kommt der Kleinbauer in die Lage, wo es
       für ihn  das kleinere  Übel ist,  zum Wucherer zu gehn, so findet
       der Wucherer  immer die Mittel, ihn auszusaugen, ohne dem Wucher-
       gesetz zu  verfallen. Diese  Maßregel könnte  höchstens  zur  Be-
       schwichtigung des  Kleinbauern dienen,  Vorteil  bringt  sie  ihm
       nicht; im  Gegenteil, sie  erschwert ihm  den Kredit  grade dann,
       wenn er ihn am nötigsten hat.
       
       "Kostenfreie ärztliche  Behandlung und Lieferung der Arzneien zum
       Kostenpreis" -
       
       dies ist  jedenfalls keine  spezielle  Bauernschutzmaßregel;  das
       deutsche Programm  geht weiter und verlangt auch kostenfreie Arz-
       nei.
       
       #497# Kapitel I
       -----
       "Entschädigung der  Familien einberufener Reservisten während der
       Dienstzeit" -
       
       besteht bereits,  wenn auch  in höchst unzureichender Gestalt, in
       Deutschland und Österreich und ist ebenfalls keine spezielle Bau-
       ernforderung.
       
       "Herabsetzung der  Transporttarife für Dünger und landwirtschaft-
       liche Maschinen und Produkte" -
       
       ist in  Deutschland im wesentlichen durchgeführt, und zwar haupt-
       sächlich im Interesse der - Großgrundbesitzer.
       
       "Sofortige Vorbereitungsarbeiten  zu einem  Plan für  öffentliche
       Arbeiten zur  Verbesserung des  Bodens und  Hebung der  landwirt-
       schaftlichen Produktion" -
       
       läßt alles  im weiten  Feld der  Unbestimmtheit und  der  schönen
       Versprechungen und  liegt ebenfalls  im Interesse  vor allem  des
       Großgrundbesitzes.
       Kurz, nach  all dem  gewaltigen theoretischen Anlauf der Motivie-
       rung geben  uns die  praktischen Vorschläge  des neuen  Agrarpro-
       gramms erst  recht keinen  Aufschluß, wie die französische Arbei-
       terpartei es  fertigbringen will, die Kleinbauern im Besitz eines
       Parzelleneigentums zu erhalten, das nach ihrer eignen Aussage un-
       rettbar dem Untergang geweiht ist.
       
       #498#
       -----
       II
       
       In einem  Punkt  haben  unsre  französischen  Genossen  unbedingt
       recht:   g e g e n   den Kleinbauer  ist in Frankreich keine dau-
       ernde Umwälzung möglich. Nur scheint mir, daß, um dem Bauern bei-
       zukommen, sie den Hebel nicht am richtigen Punkt angesetzt haben.
       Sie gehn,  wie es  scheint, darauf  aus, den Kleinbauer von heute
       auf morgen,  womöglich schon  für die  nächste allgemeine Wahl zu
       gewinnen. Das  können sie  nur zu erreichen hoffen durch sehr ge-
       wagte allgemeine  Zusicherungen, zu  deren Verteidigung sie genö-
       tigt sind, noch weit gewagtere theoretische Erwägungen vom Stapel
       zu lassen. Sieht man dann näher zu, so findet man, daß die allge-
       meinen Zusicherungen sich selbst widersprechen (Zusage, einen Zu-
       stand erhalten zu wollen, den man selbst für unrettbar dem Unter-
       gang geweiht  erklärt) und  daß die  einzelnen Maßregeln entweder
       ganz wirkungslos sind (Wuchergesetze) oder aber allgemeine Arbei-
       terforderungen oder  solche, die  auch dem Großgrundbesitz zugute
       kommen, oder  endlich solche,  deren Tragweite  im Interesse  des
       Kleinbauern keineswegs  sehr bedeutend  ist; so  daß  der  direkt
       praktische Teil  des Programms  von selbst  den ersten verfehlten
       Anlauf berichtigt und die gefährlich aussehenden großen Worte der
       Motivierung auf ein tatsächlich unschuldiges Maß reduziert.
       Sagen wir es grade heraus: Bei den aus seiner ganzen ökonomischen
       Lage, seiner  Erziehung, seiner  isolierten Lebensweise entsprin-
       genden und durch die bürgerliche Presse und die Großgrundbesitzer
       genährten Vorurteilen  können wir  die Masse  der Kleinbauern von
       heute auf  morgen nur gewinnen, wenn wir ihnen etwas versprechen,
       wovon wir selbst wissen, daß wir es nicht halten können. Wir müs-
       sen ihnen eben versprechen, ihren Besitz nicht nur gegen alle an-
       stürmenden ökonomischen Mächte unter allen Umständen zu schützen,
       sondern auch  ihn von  den ihn schon jetzt bedrückenden Lasten zu
       befreien: den Pächter in einen freien Eigentümer
       
       #499# Kapitel II
       -----
       zu verwandeln,  dem der  Hypothek  erliegenden  Eigentümer  seine
       Schulden zu  bezahlen. Könnten  wir das,  so wären wir wieder da,
       von wo  aus der  heutige Zustand sich mit Notwendigkeit von neuem
       entwickelt. Wir  hätten den  Bauern nicht befreit, wir hätten ihm
       eine Galgenfrist verschafft.
       Es ist aber nicht unser Interesse, den Bauer von heute auf morgen
       zu gewinnen,  damit er uns, wenn wir das Versprechen nicht halten
       können, von  morgen auf übermorgen wieder abfällt. Wir können den
       Bauer, der  uns zumutet, ihm sein Parzelleneigentum zu verewigen,
       nicht als  Parteigenossen brauchen,  ebensowenig wie  den kleinen
       Handwerksmeister, der  sich als  Meister  verewigen  will.  Diese
       Leute gehören  zu den Antisemiten. Mögen sie zu diesen gehn, sich
       von diesen die Rettung ihres kleinen Betriebs versprechen lassen;
       haben sie dort erfahren, was es mit diesen glänzenden Phrasen auf
       sich hat  und welche  Melodien die  Geigen spielen, von denen der
       antisemitische Himmel  voll hängt, dann werden sie in stets wach-
       sendem Maß  einsehn, daß wir, die wir weniger versprechen und die
       Rettung in  einer ganz  andern Richtung  suchen, daß wir doch die
       sicherern Leute  sind. Hätten  die Franzosen,  wie wir, eine lär-
       mende antisemitische  Demagogie, sie hätten den Fehler von Nantes
       schwerlich gemacht.
       Was ist denn unsre Stellung zur Kleinbauernschaft? Und wie werden
       wir mit  ihr verfahren  müssen am Tag, wo uns die Staatsmacht zu-
       fällt?
       Erstens ist  der Satz des französischen Programms unbedingt rich-
       tig: daß  wir den  unvermeidlichen Untergang des Kleinbauern vor-
       aussehn, aber  keineswegs berufen  sind, ihn durch Eingriffe uns-
       rerseits zu beschleunigen.
       Und zweitens ist es ebenso handgreiflich, daß, wenn wir im Besitz
       der Staatsmacht  sind, wir  nicht daran denken können, die Klein-
       bauern gewaltsam  zu expropriieren  (einerlei, ob  mit oder  ohne
       Entschädigung), wie  wir dies  mit den  Großgrundbesitzern zu tun
       genötigt sind.  Unsre Aufgabe  gegenüber dem  Kleinbauer  besteht
       zunächst darin,  seinen Privatbetrieb  und Privatbesitz  in einen
       genossenschaftlichen  überzuleiten,  nicht  mit  Gewalt,  sondern
       durch Beispiel  und Darbietung  von gesellschaftlicher  Hilfe  zu
       diesem Zweck.  Und da  haben wir  allerdings Mittel genug, um dem
       Kleinbauer Vorteile  in Aussicht  zu stellen, die ihm schon jetzt
       einleuchten müssen.
       Schon vor  fast zwanzig  Jahren haben  die dänischen Sozialisten,
       die in  ihrem Land  nur eine eigentliche Stadt - Kopenhagen - be-
       sitzen, also außerhalb dieser fast nur auf Bauernpropaganda ange-
       wiesen sind,  derartige Pläne  entworfen. Die  Bauern eines Dorfs
       oder Kirchspiels  - es  gibt in  Dänemark viel große Einzelhöfe -
       sollten ihr  Land zu  einem großen Gut zusammenwerfen, es für ge-
       meinsame Rechnung bebauen und den Ertrag
       
       #500# Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland
       -----
       nach Verhältnis  der eingeschlossenen Bodenstücke, Geldvorschüsse
       und Arbeitsleistungen  teilen. In Dänemark spielt der Kleinbesitz
       nur eine  Nebenrolle. Wenden wir aber die Idee auf ein Parzellen-
       gebiet an, so werden wir finden, daß beim Zusammenwerfen der Par-
       zellen und  Großkultur ihrer Gesamtfläche ein Teil der bisher be-
       schäftigten Arbeitskräfte  überflüssig wird; in dieser Arbeitser-
       sparnis liegt  ja gerade  einer der Hauptvorteile der Großkultur.
       Für diese  Arbeitskräfte kann  Beschäftigung gefunden  werden auf
       zwei Wegen.  Entweder man  stellt der Bauerngenossenschaftweitere
       Landstrecken zur  Verfügung aus  benachbarten großen Gütern; oder
       aber man verschafft ihnen die Mittel und Gelegenheit zu industri-
       eller Nebenarbeit, möglichst und vorwiegend für eigenen Gebrauch.
       In beiden  Fällen stellt  man sie in eine ökonomisch bessere Lage
       und sichert gleichzeitig der allgemein-gesellschaftlichen Leitung
       den nötigen  Einfluß, um  die Bauerngenossenschaft  allmählich in
       eine höhere Form überzuführen und die Rechte und Pflichten sowohl
       der Genossenschaft  im ganzen  wie ihrer einzelnen Mitglieder mit
       denen der  übrigen Zweige  der großen Gemeinschaft auszugleichen.
       Wie das  im einzelnen  in jedem Spezialfall auszuführen, wird von
       den Umständen  des Falls  und von  den Umständen  abhängen, unter
       denen wir Besitz von der öffentlichen Gewalt ergreifen. So werden
       wir möglicherweise  imstande sein,  diesen Genossenschaften  noch
       weitere Vorteile  zu bieten:  Übernahme  ihrer  Gesamthypotheken-
       schuld durch  die Nationalbank  unter  starker  Zinsherabsetzung,
       Vorschüsse aus  öffentlichen Mitteln  zur Einrichtung des Großbe-
       triebs (Vorschüsse  nicht notwendig  oder vorzugsweise  in  Geld,
       sondern in  den nötigen  Produkten selbst: Maschinen, Kunstdünger
       etc.) und noch andere Vorteile.
       Die Hauptsache  bei alledem  ist und  bleibt die,  den Bauern be-
       greiflich zu machen, daß wir ihnen ihren Haus- und Feldbesitz nur
       retten, nur  erhalten können durch Verwandlung in genossenschaft-
       lichen Besitz  und Betrieb. Es ist ja grade die durch den Einzel-
       besitz bedingte  Einzelwirtschaft, die  die Bauern  dem Untergang
       zutreibt. Beharren  sie auf  dem Einzelbetrieb, so werden sie un-
       vermeidlich von Haus und Hof verjagt, ihre veraltete Produktions-
       weise durch  den kapitalistischen Großbetrieb verdrängt. So liegt
       die Sache;  und da  kommen wir und bieten den Bauern die Möglich-
       keit, den  Großbetrieb selbst einzuführen, nicht für kapitalisti-
       sche, sondern für ihre eigne gemeinsame Rechnung. Daß dies in ih-
       rem eignen Interesse, daß es ihr einziges Rettungsmittel ist, das
       sollte den Bauern nicht begreiflich zu machen sein?
       Wir können  nun und  nimmermehr den Parzellenbauern die Erhaltung
       des Einzeleigentums  und des  Einzelbetriebs gegen  die Übermacht
       der kapitalistischen
       
       #501# Kapitel II
       -----
       Produktion versprechen. Wir können ihnen nur versprechen, daß wir
       nicht wider  ihren Willen gewaltsam in ihre Eigentumsverhältnisse
       eingreifen werden.  Wir können  ferner dafür  eintreten, daß  der
       Kampf der  Kapitalisten und Großgrundbesitzer gegen die Kleinbau-
       ern schon heute mit möglichst wenig unrechtlichen Mitteln geführt
       und direkter  Raub oder  Prellerei, wie  sie nur  zu häufig  vor-
       kommen, möglichst  verhindert wird.  Das wird  nur  ausnahmsweise
       gelingen. In  der entwickelten  kapitalistischen Produktionsweise
       weiß kein  Mensch, wo  die Ehrlichkeit  aufhört und die Prellerei
       anfängt. Aber es wird immer einen bedeutenden Unterschied machen,
       ob die  öffentliche  Gewalt  auf  Seite  des  Prellers  oder  des
       Geprellten steht.  Und wir  stehn ja  entschieden auf  Seite  des
       Kleinbauern; wir  werden alles  nur irgend Zulässige tun, um sein
       Los erträglicher  zu machen,  um ihm  den Übergang  zur Genossen-
       schaft zu  erleichtern, falls  er sich dazu entschließt, ja sogar
       um ihm,  falls er  diesen Entschluß  noch nicht fassen kann, eine
       verlängerte Bedenkzeit  auf seiner  Parzelle zu  ermöglichen. Wir
       tun dies nicht nur, weil wir den selbstarbeitenden Kleinbauer als
       virtuell zu  uns gehörend  betrachten, sondern  auch aus direktem
       Parteiinteresse. Je  größer die  Anzahl der Bauern ist, denen wir
       den wirklichen  Absturz ins  Proletariat ersparen,  die wir schon
       als Bauern  für uns  gewinnen können,  desto rascher und leichter
       vollzieht sich  die gesellschaftliche  Umgestaltung. Es  kann uns
       nicht dienen, wenn wir mit dieser Umgestaltung warten müßten, bis
       die kapitalistische  Produktion sich überall bis auf ihre letzten
       Konsequenzen entwickelt  hat, bis auch der letzte Kleinhandwerker
       und der  letzte Kleinbauer  dem kapitalistischen  Großbetrieb zum
       Opfer gefallen sind. Die materiellen Opfer, die in diesem Sinn im
       Interesse der  Bauern aus  öffentlichen Mitteln  zu bringen sind,
       können vom  Standpunkt der  kapitalistischen Ökonomie aus nur als
       weggeworfenes Geld  erscheinen, aber  sie sind trotzdem eine vor-
       treffliche Anlage,  denn sie  ersparen vielleicht  den zehnfachen
       Betrag bei den Kosten der gesellschaftlichen Reorganisation über-
       haupt. In diesem Sinn können wir also sehr liberal mit den Bauern
       verfahren. Auf  einzelnes einzugehn, bestimmte Vorschläge in die-
       ser Richtung zu machen, ist hier nicht der Ort; es kann sich hier
       nur um die allgemeinen Grundzüge handeln.
       Hiernach also  können wir  nicht nur der Partei, sondern auch den
       Kleinbauern selbst  keinen schlimmeren  Dienst erweisen als durch
       Zusagen, die auch nur den Schein erwecken, wir beabsichtigten die
       dauernde Erhaltung  des Parzelleneigentums.  Das hieße den Bauern
       direkt den  Weg zu ihrer Befreiung versperren und die Partei her-
       abwürdigen auf das Niveau des Radau-Antisemitismus. Im Gegenteil.
       Es ist die Pflicht unsrer Partei, den Bauern immer und immer wie-
       der die absolute Rettungslosigkeit ihrer Lage,
       
       #502# Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland
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       solange der  Kapitalismus herrscht,  klarzumachen,  die  absolute
       Unmöglichkeit, ihnen  ihr Parzelleneigentum als solches zu erhal-
       ten, die  absolute Gewißheit, daß die kapitalistische Großproduk-
       tion über  ihren machtlosen  veralteten  Kleinbetrieb  hinweggehn
       wird wie  ein Eisenbahnzug  über eine Schubkarre. Tun wir das, so
       handeln wir  im Sinne  der unvermeidlichen  ökonomischen Entwick-
       lung, und diese wird den Kleinbauern schon offne Köpfe machen für
       unsere Worte.
       Im übrigen  kann ich  diesen Gegenstand nicht verlassen, ohne die
       Überzeugung auszusprechen,  daß auch  die Verfasser des Programms
       von Nantes  im wesentlichen  mit mir  derselben Ansicht sind. Sie
       sind viel  zu einsichtig,  um nicht zu wissen, daß auch das jetzt
       im Parzelleneigentum  befindliche Landgebiet bestimmt ist, in Ge-
       meinbesitz überzugehn.  Sie selbst geben zu, daß das Parzellenei-
       gentum berufen  ist zu  verschwinden. Das  von Lafargue  verfaßte
       Referat des  Nationalrats auf  dem Kongreß  von Nantes  bestätigt
       denn auch diese Ansicht vollauf. Es ist deutsch veröffentlicht im
       Berliner "Sozialdemokrat"  vom 18.0ktober  d.J. Das Widerspruchs-
       volle in  der Ausdrucksweise  des  Programms  von  Nantes  verrät
       schon, daß  das, was die Verfasser wirklich sagen, nicht das ist,
       was sie  zu sagen  beabsichtigen. Werden sie nicht verstanden und
       ihre Aussage  gemißbraucht, wie  das in  der Tat  schon geschehen
       ist, so  ist das  allerdings ihre eigne Schuld. Jedenfalls werden
       sie ihr Programm näher erklären und wird der nächste französische
       Kongreß es gründlich revidieren müssen.
       Kommen wir  nun zu  den größren  Bauern. Hier findet sich infolge
       hauptsächlich von  Erbteilungen, aber  auch von  Verschuldung und
       Zwangsverkäufen von Land, eine ganze Musterkarte von Zwischenstu-
       fen vom  Parzellenbauer bis  zum Großbauer,  der seine volle alte
       Hufe und selbst darüber besitzt. Wo der Mittelbauer unter Parzel-
       lenbauern wohnt,  wird er  in seinen  Interessen und Anschauungen
       sich von  diesen nicht wesentlich unterscheiden; muß ihm doch die
       eigne Erfahrung  sagen, wie  viele seinesgleichen schon zu Klein-
       bauern herabgesunken  sind. Wo  aber Mittel-  und Großbauern vor-
       herrschen und  der Wirtschaftsbetrieb  allgemein  die  Hilfe  von
       Knechten und  Mägden erfordert,  da steht  die Sache ganz anders.
       Eine Arbeiterpartei hat natürlich in erster Linie für die Lohnar-
       beiter einzutreten, also für die Knechte, Mägde und Taglöhner; es
       verbietet sich ihr damit von selbst, den Bauern irgendwelche Ver-
       sprechungen zu machen, die die Fortdauer der Lohnknechtschaft der
       Arbeiter einschließen.  Solange aber  die Groß-  und Mittelbauern
       als solche  fortbestehn, solange  können  sie  ohne  Lohnarbeiter
       nicht auskommen.  Ist es also von unsrer Seite eine einfache Tor-
       heit,  den   Parzellenbauern  ihre   dauernde  Fortexistenz   als
       Parzellenbauern
       
       #503# Kapitel II
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       in Aussicht  zu stellen,  so grenzte  es schon  direkt an Verrat,
       wollten wir den Groß- und Mittelbauern dasselbe versprechen.
       Wir haben  hier wieder  die Parallele  mit  den  Handwerkern  der
       Städte. Sie  sind zwar schon mehr dem Ruin verfallen als die Bau-
       ern, aber es gibt doch auch noch welche, die neben Lehrlingen Ge-
       sellen beschäftigen  oder bei denen Lehrlinge Gesellenarbeit tun.
       Diejenigen dieser Handwerksmeister, die als solche sich verewigen
       wollen, mögen zu den Antisemiten gehn, bis sie sich überzeugt ha-
       ben, daß  ihnen auch  dort nicht  geholfen wird. Die übrigen, die
       die  Unvermeidlichkeit   des  Untergangs  ihrer  Produktionsweise
       eingesehn, kommen  zu uns,  sind aber auch bereit, in der Zukunft
       das Schicksal  zu teilen,  das allen andern Arbeitern bevorsteht.
       Nicht anders  mit den Groß- und Mittelbauern. Ihre Knechte, Mägde
       und Tag-löhner  interessieren uns selbstredend mehr als sie. Wol-
       len diese  Bauern die  Garantie der  Fortdauer ihres Betriebs, so
       können wir ihnen das absolut nicht bieten. Ihr Platz ist dann bei
       den Antisemiten,  Bauernbündlern und  dergleichen  Parteien,  die
       sich ein Vergnügen daraus machen, alles zu versprechen und nichts
       zu halten.  Wir haben  die ökonomische  Gewißheit, daß  auch  der
       Groß- und Mittelbauer vor der Konkurrenz des kapitalistischen Be-
       triebs und  der wohlfeilen überseeischen Kornproduktion unfehlbar
       erliegen muß,  wie die  wachsende Verschuldung  und  der  überall
       sichtbare Verfall  auch dieser  Bauern beweist.  Wir können gegen
       diesen Verfall  nichts tun,  als auch hier die Zusammenlegung der
       Güter zu  genossenschaftlichen Betrieben empfehlen, bei denen die
       Ausbeutung der Lohnarbeit mehr und mehr beseitigt und die allmäh-
       liche Verwandlung  in gleichberechtigte  und  gleichverpflichtete
       Zweige der  großen nationalen Produktionsgenossenschaft eingelei-
       tet werden kann. Sehen diese Bauern die Unvermeidlichkeit des Un-
       tergangs ihrer jetzigen Produktionsweise ein, ziehen sie die not-
       wendigen Konsequenzen  daraus, so  kommen sie zu uns, und es wird
       unsres Amtes sein, auch ihnen den Übergang in die veränderte Pro-
       duktionsweise nach Kräften zu erleichtern. Andernfalls müssen wir
       sie ihrem  Schicksal überlassen und uns an ihre Lohnarbeiter wen-
       den, bei denen wir schon Anklang finden werden. Von einer gewalt-
       samen Expropriation  werden wir  auch hier wahrscheinlich absehen
       und im  übrigen darauf  rechnen können,  daß die ökonomische Ent-
       wicklung auch  diese härteren Schädel der Vernunft zugänglich ma-
       chen wird.
       Ganz einfach liegt die Sache nur beim Großgrundbesitz. Hier haben
       wir unverhüllten  kapitalistischen Betrieb,  und da  gelten keine
       Skrupel irgendwelcher Art. Wir haben hier Landproletarier in Mas-
       sen vor  uns, und  unsre Aufgabe ist klar. Sobald unsre Partei im
       Besitz der Staatsmacht ist,
       
       #504# Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland
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       hat sie  die Großgrundbesitzer einfach zu expropriieren, ganz wie
       die industriellen  Fabrikanten. Ob  diese Expropriation  mit oder
       ohne Entschädigung erfolgt, wird großenteils nicht von uns abhän-
       gen, sondern von den Umständen, unter denen wir in den Besitz der
       Macht kommen,  und namentlich  auch von  der Haltung  der  Herren
       Großgrundbesitzer selbst. Eine Entschädigung sehen wir keineswegs
       unter allen  Umständen als unzulässig an; Marx hat mir - wie oft!
       - als seine Ansicht ausgesprochen, wir kämen am wohlfeilsten weg,
       wenn wir  die ganze  Bande auskaufen  könnten. Doch  das geht uns
       hier nichts  an. Die so der Gesamtheit zurückgegebenen großen Gü-
       ter hätten  wir den sie schon jetzt bebauenden, in Genossenschaf-
       ten zu  organisierenden Landarbeitern  zur Benutzung  unter  Kon-
       trolle der  Gesamtheit zu  überlassen. Unter welchen Modalitäten,
       darüber läßt  sich jetzt  noch nichts feststellen. Jedenfalls ist
       die Verwandlung  des kapitalistischen Betriebs in gesellschaftli-
       chen hier  schon vollständig  vorbereitet  und  kann  über  Nacht
       vollzogen werden,  ganz wie z. B. bei Herrn Krupps oder Herrn von
       Stumms Fabrik.  Und das  Beispiel dieser Ackerbaugenossenschaften
       würde auch  die letzten etwa noch widerstrebenden Parzellenbauern
       und wohl  auch manche  Großbauern von den Vorteilen des genossen-
       schaftlichen Großbetriebs überzeugen.
       Hier also können wir den Landproletariern eine Aussicht eröffnen,
       ebenso glänzend  wie die, welche dem Industriearbeiter winkt. Und
       hiermit die  Landarbeiter des  ostelbischen Preußens  zu erobern,
       kann für  uns nur  eine Frage  der Zeit,  und zwar der kürzesten,
       sein. Haben  wir aber  die ostelbischen Landarbeiter, so weht so-
       fort in ganz Deutschland ein anderer Wind. Die tatsächliche halbe
       Leibeigenschaft der ostelbischen Landarbeiter ist die Hauptgrund-
       lage der  preußischen Junkerherrschaft  und damit  der spezifisch
       preußischen Oberherrschaft  in  Deutschland.  Es  sind  die  ost-
       elbischen, mehr  und mehr der Verschuldung, Verarmung, dem Schma-
       rotzertum auf  Staats- und Privatkosten verfallenden und ebendes-
       halb um  so gewaltsamer sich an ihre Herrschaft ankrallenden Jun-
       ker, die  den spezifisch preußischen Charakter der Bürokratie wie
       des Offizierskorps der Armee geschaffen haben und erhalten; deren
       Hochmut, Beschränktheit  und Arroganz  das Deutsche Reich preußi-
       scher Nation  im Inland - bei aller Einsicht in seine augenblick-
       liche Unvermeidlichkeit  als derzeit  einzig erlangbare  Form der
       nationalen Einheit - so verhaßt und im Ausland, trotz aller glän-
       zenden Siege,  so wenig respektiert gemacht haben. Die Macht die-
       ser Junker beruht darauf, daß sie in dem geschlossenen Gebiet der
       sieben altpreußischen  Provinzen -  also etwa  einem Drittel  des
       ganzen Reichsgebiets  - über  den Grundbesitz  verfügen, der hier
       die gesellschaftliche und politische
       
       #505# Kapitel II
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       Macht mit sich führt, und nicht nur über den Grundbesitz, sondern
       vermittelst der  Rübenzuckerfabriken und  Schnapsbrennereien auch
       über die bedeutendsten Industrien dieses Gebiets. Weder die Groß-
       grundbesitzer des übrigen Deutschlands noch die Großindustriellen
       sind in  einer ähnlich günstigen Lage; über ein geschlossenes Kö-
       nigreich verfügen  weder diese  noch jene.  Beide sind über weite
       Strecken zerstreut  und miteinander wie mit andern sie umgebenden
       gesellschaftlichen Elementen in Konkurrenz um die ökonomische und
       politische Vormacht.  Aber diese  Machtstellung  der  preußischen
       Junker verliert  mehr und  mehr ihre  ökonomische Unterlage.  Die
       Verschuldung und Auspowerung greift auch hier trotz aller Staats-
       hilfe (und  seit Friedrich  II. gehört diese in jedes regelrechte
       Junkerbudget) unaufhaltsam  um sich;  nur die  durch Gesetzgebung
       und Gewohnheit  sanktionierte tatsächliche  halbe Leibeigenschaft
       und hierdurch ermöglichte grenzenlose Ausbeutung der Landarbeiter
       hält die  versinkende Junkerschaft  noch eben  über Wasser. Werft
       den Samen  der Sozialdemokratie  unter diese Arbeiter, gebt ihnen
       den Mut  und den Zusammenhalt, auf ihren Rechten zu bestehen, und
       es ist  aus mit  der Junkerherrlichkeit.  Die  große  reaktionäre
       Macht, die  für Deutschland  dasselbe barbarische, erobernde Ele-
       ment repräsentiert  wie der  russische Zarismus  für ganz Europa,
       sinkt  in   sich  zusammen   wie  eine   angestochne  Blase.  Die
       "Kernregimenter" der preußischen Armee werden sozialdemokratisch,
       und damit  vollzieht sich  eine Machtverschiebung, die eine ganze
       Umwälzung in ihrem Schöße trägt. Darum aber ist die Gewinnung der
       ostelbischen Landproletarier von weitaus größerer Wichtigkeit als
       die der  westdeutschen Kleinbauern oder gar der süddeutschen Mit-
       telbauern. Hier,  im ostelbischen  Preußen, liegt unser entschei-
       dendes Schlachtfeld,  und deshalb wird Regierung und Junkerschaft
       alles aufbieten, uns hier den Zugang zu verschließen. Und wenn es
       - wie  man uns droht - zu neuen Gewaltmaßregeln kommen sollte zur
       Verhinderung der Ausbreitung unserer Partei, so wird dies gesche-
       hen vor  allem, um  das ostelbische  Landproletariat vor  unserer
       Propaganda zu  schützen. Uns  kann's gleich  sein. Wir erobern es
       doch.
                                   ---
       

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