Quelle: Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #447# 30 - Marx an Carl Wilhelm Leske - 1. August 1846
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       30
       
       Marx an Carl Wilhelm Leske
       in Darmstadt
       (Entwurf)
       
       [Brüssel] 1. August [1846]
       Geehrter Herr!
       Auf Ihr  Schreiben, worin Sie mir Ihre Bedenken wegen des Verlags
       auseinandersetzten [364],  erhielten Sie   u m g e h e n d   Ant-
       wort. Was  Ihre Frage wegen der "Wissenschaftlichkeit" anbelangt,
       antwortete ich  Ihnen: Das  Buch sei wissenschaftlich, aber nicht
       wissenschaftlich im Sinne der preußischen Regierung etc. Wenn Sie
       sich Ihres  ersten Briefes noch erinnern wollen, so schrieben Sie
       sehr geängstigt  wegen der  preußischen] Verwarnung und der Poli-
       zeiuntersuchung, die  eben bei Ihnen stattfand. Ich schrieb Ihnen
       zugleich, daß  ich mich nach einer andern Verlagsbuchhandlung um-
       sehn würde.
       Ich  e r h i e l t  noch einen zweiten Brief von Ihnen, worin Sie
       einerseits den Verlag aufkündigten, andrerseits der Zurückzahlung
       des Vorschusses  unter der Form einer Anweisung auf den respekti-
       ven neuen Verleger beistimmten.
       Sie erhielten  darauf keine  weitere Antwort,  weil ich  Ihnen in
       kurzer Zeit  eine  p o s i t i v e  Antwort, d.h. die Ankündigung
       eines andern Verlegers geben zu können glaubte. Wie sich das ver-
       zögerte, werden  Sie sogleich  erfahren. Daß  ich Ihren Vorschlag
       wegen der  Zurückzahlung des  V o r s c h u s s e s  als  s i c h
       v o n   s e l b s t  v e r s t e h e n d  akzeptierte, können Sie
       daraus ersehn, daß ich an dem einzigen Ort, wo ich Schritte wegen
       des Verlags tat, zugleich erklären ließ, die 1500 fr. seien Ihnen
       bei Übernahme  des Manuskripts  zurückzuzahlen. Der   B e w e i s
       hiervon kann   j e d e r z e i t   beigebracht  werden.  Übrigens
       sind noch  E n g e l s  und  H e ß  Zeugen.
       Andrerseits werden  Sie sich  erinnern, daß  in Paris  wie in dem
       schriftlichen Kontrakt [365] nichts über die mehr oder minder re-
       volutionäre Form meiner Schrift verabredet war, daß ich im Gegen-
       teil damals  sogar beide  Bände zugleich  herausgeben  zu  müssen
       meinte, weil  das Erscheinen  des  e r s t e n  Bandes das Verbot
       oder die Konfiskation des zweiten nach sich ziehn würde. Heinrich
       Bürgers aus  Köln war  zugegen und  kann dies bezeugen.  J u r i-
       s t i s c h   gesprochen  waren  Sie  also  nicht    b e r e c h-
       t i g t,   neue Bedingungen zu machen oder den Verlag abzulehnen,
       wie ich meinerseits von  j u r i s t i s c h e m
       
       #448# 30 - Marx an Carl Wilhelm Leske - 1. August 1846
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       Standpunkt aus  weder zur Zurückzahlung des Vorschusses, noch zum
       Eingehn auf  Ihre neuen  Vorschläge, noch  zu einer  Modifikation
       meiner Arbeit  verpflichtet bin.  Daß ich  aber keinen Augenblick
       daran denken  könnte, mich  j u r i s t i s c h  zu Ihnen zu ver-
       halten, namentlich,  da Sie kontraktlich ebensowenig verpflichtet
       waren, mir  einen Vorschuß  zu zahlen,  und den  ich vielmehr als
       r e i n   f r e u n d s c h a f t l i c h   betrachten mußte  und
       betrachtet habe, bedarf wohl  k e i n e r  A u s e i n a n d e r-
       s e t z u n g.   Sooft ich  bisher   B u c h h ä n d l e r  (z.B.
       Wigand und  Fröbel  bei  Gelegenheit  der  "Deutsch-Französischen
       Jahrbücher" und  andre Verlagsunternehmer, wie Sie sogleich hören
       werden)  von   ihren  kontraktlich  eingegangnen  und  juristisch
       erzwingbaren Verpflichtungen  ohne weiteres  trotz großer pekuni-
       ärer Verluste  absolviert habe,  sowenig ist  es mir  j e m a l s
       eingefallen, irgendeinen  Buchhändler um einen Pfennig zu benach-
       teiligen, selbst  wo ich  es   j u r i s t i s c h  konnte. Warum
       ich  g r a d e  b e i  I h n e n  eine Ausnahme hätte machen sol-
       len, der Sie mir eine besondere Gefälligkeit erwiesen hatten, ist
       absolut nicht abzusehen.
       Was nun  die Verzögerung  der Antwort betrifft, folgendes: Einige
       Kapitalisten in  Deutschland hatten den Verlag mehrerer Schriften
       von mir,  Engels und Heß akzeptiert. [366] Es war hier sogar Aus-
       sicht auf  einen förmlichen  ausgedehnten Verlag gegeben, der von
       allen polizeilichen  Rücksichten frei  sein sollte.  Durch  einen
       Freund der  Herren 1*) war mir außerdem der Verlag meiner "Kritik
       der Ökonomie"  etc. so gut wie zugesichert. Derselbe Freund hielt
       sich in  Brüssel bis Mai auf, um das Manuskript des ersten Bandes
       der unter  meiner Redaktion  und unter  der Mitarbeit  von Engels
       etc. herausgegebnen  Publikation 2*)  sicher über  die Grenze  zu
       bringen. Von  Deutschland aus  sollte er dann auch definitiv über
       die Annahme  oder Nichtannahme  der "Nationalökonomie" schreiben.
       Es kamen  keine oder  unbestimmte Nachrichten,  und nachdem schon
       der größte Teil des Manuskripts des zweiten Bandes jener Publika-
       tion nach Deutschland versandt war, schrieben jene Herren endlich
       vor sehr  kurzer Zeit,  daß es  wegen  anderweitigen  Engagements
       ihres Kapitals  mit der ganzen Geschichte  n i c h t s  sei. Eine
       entscheidende Antwort  an Sie  wurde so  verzögert. Nachdem alles
       sich entschieden hatte, verabredete ich mit dem sich hier aufhal-
       tenden Herrn  Pirscher aus  Darmstadt, daß er einen Brief von mir
       Ihnen überbringen sollte.
       Ich hatte wegen jener mit den deutschen Kapitalisten verabredeten
       Publikation die  Bearbeitung der "Ökonomie" ausgesetzt. Es schien
       mir nämlich sehr wichtig, eine polemische Schrift gegen die deut-
       sche Philosophie
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       1*) Joseph Weydemeyer - 2*) "Die deutsche Ideologie"
       
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       und gegen  den seitherigen   d e u t s c h e n   S o z i a l i s-
       m u s   meiner positiven  Entwicklung    v o r h e r z u s c h i-
       c k e n.   Es ist  dies notwendig, um das Publikum auf den Stand-
       punkt meiner  Ökonomie, welche schnurstracks der bisherigen deut-
       schen Wissenschaft  sich gegenüberstellt,  vorzubereiten. Es  ist
       dies übrigens  dieselbe polemische  Schrift, wovon  ich Ihnen be-
       reits in  einem meiner  Briefe geschrieben hatte, daß sie vor der
       Publikation der "Ökonomie" beendigt sein müsse. Soweit hiervon.
       Auf Ihr jetziges Schreiben antworte ich Ihnen wie folgt:
       I. Im Fall  Sie die  Schrift nicht  verlegen, erkläre  ich es als
       s i c h   v o n   s e l b s t   v e r s t e h e n d,  daß Sie den
       Vorschuß   i n   d e r   v o n   I h n e n  a n g e g e b e n e n
       W e i s e  zurückerhalten.
       Nur versteht es sich ebensosehr von selbst, daß, erhielte ich von
       einem andern  Verleger weniger  als  das  mit  Ihnen  verabredete
       H o n o r a r,   Sie so gut an dem Verlust teilnehmen wie ich, da
       durch Sie,  nicht durch mich, der Rekurs an einen andern Verleger
       veranlaßt ist.
       II. Aussicht auf den Verlag meines Buchs ist eröffnet. Vorgestern
       erhielt ich einen Brief aus Deutschland, worin man mir ankündigt,
       daß  man  einen    A k t i e n v e r l a g    für  kommunistische
       Schriften gründen  will, der  mit meiner  Schrift gern debütieren
       wird. Ich  betrachte die  Sache aber  noch als so unbestimmt, daß
       ich mich  nötigenfalls  noch  an  andre  Buchhändler  adressieren
       werde.
       III. Da das  fast beendigte  Manuskript des  ersten Bands  meiner
       Schrift schon  so lange Zeit hier liegt, werde ich es nicht druc-
       ken lassen,  ohne es noch einmal sachlich und stilistisch umzuar-
       beiten. Es  versteht sich, daß ein Schriftsteller, der fortarbei-
       tet, nach  6 Monaten  nicht mehr  w ö r t l i c h  drucken lassen
       kann, was er vor 6 Monaten geschrieben hat.
       Kömmt hinzu,  daß die  "Physiokraten" in 2 Foliobänden erst  E n-
       d e   J u l i  erschienen und erst in einigen Tagen hier ankommen
       werden, obgleich  ihr Erscheinen schon während meines Aufenthalts
       zu Paris  angekündigt war.  Sie müssen  jetzt vollständig berück-
       sichtigt werden.
       Das Buch  wird jetzt so umgeschrieben werden, daß es selbst unter
       I h r e r   Firma erscheinen  kann. Es stünde Ihnen übrigens nach
       Ansicht des  Manuskripts frei,  es unter fremder Firma erscheinen
       zu lassen.
       IV. Was  die Zeit  betrifft, folgendes: Ich bin wegen meiner sehr
       angegriffnen Gesundheit  genötigt, während des Augusts in Ostende
       Seebäder zu  nehmen, außerdem  mit der Herausgabe der 2 Bände der
       obenerwähnten Publikation  beschäftigt. Während  des Augusts kann
       daher nicht viel geschehn.
       
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       Die Umarbeitung  des ersten  Bandes wird  zum Druck  fertig  sein
       E n d e  N o v e m b e r.  Der 2te Band, der mehr historisch ist,
       kann rasch folgen.
       V. Ich  habe Ihnen  schon in einem frühern Brief geschrieben, daß
       teils durch das in England neuhinzugekommene Material[3671, teils
       durch die  bei der  Bearbeitung sich herausstellenden Bedürfnisse
       das Manuskript  sich um  mehr als 20 Druckbogen über die verabre-
       dete Bogenzahl vermehren wird.
       Da einmal  der Kontrakt  abgeschlossen war, war ich entschlossen,
       wie Sie sich aus einem frühern Brief erinnern werden, für die un-
       gefähr um  1/3 vermehrte  Bogenzahl mit  dem   v e r a b r e d e-
       t e n   Honorar vorliebzunehmen.  Es hätte  dem  Buch  geschadet,
       hätte ich das hinzugekommene Material getrennt herausgegeben. Ich
       nähme keinen  Augenblick Anstand,  den kommerziellen  Nachteil im
       Interesse der  Schrift zu  tragen. Ich  wollte weder den Kontrakt
       brechen, noch der Wirkung des Buchs selbst schaden.
       Da aber,  nach Ihrem  frühern Schreiben,  die Wiederaufnahme  des
       Kontrakts mir  anheimgestellt ist, so müßte ich die eine neue Be-
       dingung hinzufügen,  daß die über die verabredete Bogenzahl zuge-
       fügten Druckbogen  mir nach  demselben Maßstab  honoriert werden.
       Ich glaube,  daß diese Forderung um so billiger ist, als mein Ge-
       winn an  der Schrift  durch die eigens für sie unternommene Reise
       und Aufenthalt  in England,  wie durch  das Anschaffen einer sehr
       teuern und zahlreichen Literatur ohnehin sehr gering ist.
       Schließlich, wenn  es zu  irgendwie räsonablen  Bedingungen  sein
       kann, wünsche  ich, daß die Schrift in Ihrem Verlag erscheint, da
       Sie durchaus liberal und freundschaftlich sich gegen mich gezeigt
       haben.
       Wenn es  darauf ankäme,  könnte ich Ihnen durch mir zahlreich aus
       Deutschland und  Frankreich zugegangnen  Briefe beweisen, daß man
       diese Schrift mit großer Spannung im Publikum erwartet.
       Ihr ergebner Dr. Marx
       Ich bitte,  mir   u m g e h e n d   zu schreiben  [368] unter der
       Adresse: à  Mr. Lannoy.  Au Bois Sauvage, Plaine St.Gudule N. 12,
       Bruxelles.
       

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