Quelle: Briefe Januar 1860 bis September 1864


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       #257# 147 - Marx an Engels - 30. Juli 1862
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       147
       
       Marx an Engels
       in Manchester
       
       [London] 30. Juli [1862]
       Lieber Engels,
       Aus den  einliegenden Wischen  siehst Du  teilweise, wie  ich bin
       bothered 1*).  Der landlord  2*) hat  sich bisher  beschwichtigen
       lassen, hat 25 £ zu bekommen. Der Klaviermann, der Ratenzahlungen
       für das  Klavier bekommt, sollte schon am letzten Juni 6 £ erhal-
       ten, und  ist ein sehr grober Lümmel. Steuerzettel für 6 £ liegen
       mir im  Haus. Den  Schuldreck von ungefähr 10 £ habe ich glückli-
       cherweise bezahlt, da ich alles tue, um den Kindern direkte Demü-
       tigungen zu  ersparen. Dem  Metzger habe  ich 6  £ abgezahlt (und
       dies  war   meine  Gesamteinnahme   eines  Vierteljahrs  von  der
       "Presse"!), aber  der Kerl  tritt mich  wieder, nicht zu sprechen
       von Bäcker,  teagrocer, greengrocer  3*) und wie all das Teufels-
       zeug heißt.
       Der jüdische  Nigger Lassalle,  der glücklicherweise  Ende dieser
       Woche abreist,  hat glücklich wieder 5000 Taler in einer falschen
       Spekulation verloren.  Der Kerl  würde eher das Geld in den Dreck
       werfen, als es einem "Freunde" pumpen, selbst wenn ihm Zinsen und
       Kapital garantiert würden. Dabei geht er von der Ansicht aus, daß
       er als  jüdischer Baron  oder baronisierter (wahrscheinlich durch
       die Gräfin  4*)) Jude  leben muß. Denk Dir, daß der Kerl, der die
       Geschichte mit  Amerika usw.  weiß, also  die Krise kennt, in der
       ich mich  befinde, die  Frechheit hatte,  mich zu  fragen, ob ich
       eine meiner  Töchter als "Gesellschafterin" der Hatzfeldt überge-
       ben wolle  und ob  er mir  selbst die Protektion Gerstenbergs (!)
       verschaffen solle! Der Kerl hat mir Zeit gekostet und, meinte das
       Vieh, da ich ja jetzt doch "kein Geschäft" habe, sondern nur eine
       "theoretische Arbeit"  mache, könne  ich ebensogut meine Zeit mit
       ihm totschlagen!  Um gewisse  dehors 5*)  dem Burschen  gegenüber
       aufrechtzuhalten, hatte meine Frau alles nicht Niet- und Nagelfe-
       ste ins Pfandhaus zu bringen!
       Wäre ich  nicht in  dieser scheußlichen Position und ärgerte mich
       nicht
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       1*) geplagt -  2*) Hauswirt  -  3*) Teehändler,  Gemüsehändler  -
       4*) Sophie von  Hatzfeldt - 5*) einen gewissen gesellschaftlichen
       Anstand
       
       #258# 147 - Marx an Engels - 30. Juli 1862
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       das Klopfen des Parvenu auf den Geldsack, so hätte er mich könig-
       lich amüsiert.  Seit dem  Jahr, wo  ich ihn sah, ist er ganz ver-
       rückt geworden.  Der Aufenthalt  in Zürich  (mit Rüstow,  Herwegh
       etc.) und  die spätere  Reise in  Italien, dann sein "Herr Julian
       Schmidt" [286]  etc. haben ihm den Kopf vollends verdreht. Er ist
       nun ausgemacht nicht nur der größte Gelehrte, tiefste Denker, ge-
       nialste Forscher  usw., sondern  außerdem Don Juan und revolutio-
       närer Kardinal  Richelieu. Dabei  das fortwährende  Geschwätz mit
       der  falschüberschnappenden   Stimme,  die   unästhetisch  demon-
       strativen Bewegungen, der belehrende Ton!
       Als tiefes  Geheimnis teilte  er mir  und meiner Frau mit, daß er
       Garibaldi den Rat gab, nicht Rom zum Ziel des Angriffs zu machen,
       sondern er  solle nach  Neapel, dort sich zum Diktator (ohne Ver-
       letzung Viktor  Emanuels) aufwerfen,  die Volksarmee aufrufen zum
       Feldzug gegen  Östreich. Lassalle  ließ ihn  300 000 Mann aus dem
       Boden stampfen,  und die  piemontesische Armee schloß sich natür-
       lich an. Und dann - nach einem von Herrn Rüstow, wie er sagt, ge-
       billigten Plan  - sollte  ein detachiertes Korps nach der adriai-
       schen Küste  (Dalmatien) gehn  oder vielmehr  schiffen und Ungarn
       insurieren, während  die Hauptarmee  unter Garibaldi ohne Berück-
       sichtigung des  Quadrilaterals [292]  von Padua nach Wien zog, wo
       die Bevölkerung  sofort revoltierte. Alles vollendet in 6 Wochen.
       Als Hebel  der Aktion:  Lassalles politischer  Einfluß oder seine
       Feder in  Berlin. Und  Rüstow an der Spitze eines Korps von deut-
       schen Freischärlern  angeschlossen an  Garibaldi. Bonaparte  aber
       war paralysiert durch diesen Lassalleschen coup d'éclat 6*).
       Er war  jetzt auch  bei Mazzini,  und "auch  dieser" billigte und
       "bewunderte" seinen Plan.
       Er stellte sich diesen Leuten vor als "Repräsentant der deutschen
       revolutionären  Arbeiterklasse"   und  unterstellte   bei   ihnen
       (wörtlich!) die  Kenntnis, daß  er (Itzig) durch seine "Broschüre
       über den  italienischen Krieg Preußens Intervention verhinderte",
       und in  fact 7*)  "die Geschichte  der letzten  3 Jahre" geleitet
       hat. L[assalle]  war sehr  wütend über mich und Frau, daß wir uns
       über  seine   Pläne  lustig   machten,  ihn   als   "aufgeklärten
       Bonapartisten" hänselten  usw. Er  schrie, tobte,  sprang und hat
       sich endlich  gründlich überzeugt,  daß ich zu "abstrakt" bin, um
       Politik zu verstehn.
       As to  America 8*),  so ist das, sagt er, ganz uninteressant. Die
       Yankees haben  keine "Ideen". Die "individuelle Freiheit" ist nur
       eine "negative Idee" etc. und was dieses alten verkommenen Speku-
       lationskehrichts mehr ist.
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       6*) Gewaltstreich - 7*) in der Tat - 8*) Was Amerika betrifft
       
       #259# 147 - Marx an Engels - 30. Juli 1862
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       Wie gesagt, unter andern Umständen (und wenn er mich nicht im Ar-
       beiten gestört) hätte der Kerl mich königlich amüsiert.
       Dabei das wüste Fressen und die geile Brunst dieses "Idealisten".
       Es ist  mir jetzt völlig klar, daß er, wie auch seine Kopfbildung
       und sein  Haarwuchs beweist,  - von den Negern abstammt, die sich
       dem Zug  des Moses aus Ägypten anschlössen (wenn nicht seine Mut-
       ter oder  Großmutter von  väterlicher Seite sich mit einem nigger
       kreuzten). Nun, diese Verbindung von Judentum und Germanentum mit
       der negerhaften Grundsubstanz müssen ein sonderbares Produkt her-
       vorbringen. Die Zudringlichkeit des Burschen ist auch niggerhaft.
       Wenn Herr  Rüstow übrigens  den Zug  von Padua nach Wien erfunden
       hat, so scheint der mir auch einen Sparren zuviel zu haben.
       Salut.
       Dein K. M.
       Eine der  großen Entdeckungen unsres nigger - die er aber nur den
       "vertrautesten Freunden"  noch mitteilt  - ist,  daß die Pelasger
       von den  Semiten abstammen.  Hauptbeweis: Im  Buch der  Makkabäer
       [293] schicken  die Juden  Gesandte nach  Griechenland um  Hülfe,
       sich berufend auf Stammverwandtschaft. Ferner hat man eine etrus-
       kische Inschrift  in Perugia gefunden, und Hofrat Stücker in Ber-
       lin und  ein Italiener  haben sie gleichzeitig entziffert und die
       etruskischen Buchstaben unabhängig voneinander in hebräische auf-
       gelöst.
       Damit wir ihm nicht mehr mit "Blue Books" [75] kommen, hat er für
       20 £ blue books (unter Buchers Leitung) gekauft.
       Er hat  Bucher zum Sozialismus bekehrt, wie er behauptet. Der Bu-
       cher ist nun ein ganz feines, wenn auch verzwicktes Männchen, und
       jedenfalls kann  ich nicht  glauben, daß er Lassalles "auswärtige
       Politik" akzeptiert  hat. Bucher  ist das "Setzerweib" im "Julian
       Schmidt". [286]
       Wärst Du  nur ein  paar Tage hergekommen, Du hättest für ein Jahr
       Stoff zum  Lachen eingelegt.  Darum wollte  ich Dich so gern hier
       haben. Solche Gelegenheit kommt nicht jeden Tag.
       

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