Quelle: Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #465# 24 - Engels an Friedrich Albert Lange - 29. Mai 1865
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       Engels an Friedrich Albert Lange
       in Duisburg
       
       7, South Gate, Manchester,
       29. März 65
       Sehr geehrter Herr!
       Ich habe  Sie sehr  um Entschuldigung  zu bitten,  daß  ich  Ihre
       freundlichen Zeilen vom 2.-4. c[ourant] so lange habe unbeantwor-
       tet liegenlassen. [503] Wollen Sie mich nur nicht ungehört verur-
       teilen. Nämlich  in den ersten Tagen war ich teils durch gehäufte
       laufende Geschäfte  sehr in  Anspruch genommen,  teils aber  auch
       durch die  viele dringende  Korrespondenz, die  einem immer  ent-
       steht, wenn  man nach  langem otium  cum (vel sine) dignitate 1*)
       auf einmal  wieder vor's  Publikum tritt und dabei solche heitere
       Abenteuer erlebt wie wir mit dem "Social-Demokrätchen" [26]. Dazu
       kam ein Wohnungswechsel, der meine Papiere momentan in einige Un-
       ordnung brachte, wobei Ihr Brief verlegt wurde; ich fand ihn erst
       vorgestern wieder und beeile mich nun, Ihnen zu antworten.
       Für Ihr  freundliches Anerbieten,  Marx und mir Ihre "Sphinx" und
       sonstige Publikationen  zuschicken zu  wollen, bin ich Ihnen sehr
       dankbar. Mein  hiesiger Buchhändler ist Herr Franz Thimm, Manche-
       ster, durch dessen Vermittlung Sie mir alles zukommen lassen kön-
       nen. Der  Buchhändlerweg nimmt bis hieher in der Regel 3-4 Wochen
       in Anspruch;  wenn Sie mir wenigstens die ersten Nr. unter einfa-
       chem offenem  Papierband per  Post zukommen lassen wollen (es ko-
       stet nicht  viel), werde  ich Ihnen  verbunden sein und Ihnen die
       Kosten mit Vergnügen erstatten. Sendungen für Marx wollen Sie mir
       nur hierher  machen, er  erhält sie innerhalb 12 Stunden nach An-
       kunft. Wie  Sie selbst mit Recht einsehen, würde es mir unmöglich
       sein, Ihnen schon jetzt wegen späterer etwaiger Mitarbeiterschaft
       irgendwelche Zusagen zu machen; lassen wir das zunächst noch eine
       offene Frage,  obwohl wir  bei Ihnen  jedenfalls nicht  riskieren
       würden, in  den Verdacht  zu geraten, als wollten wir von England
       aus irgendeinen Teil des Proletariats in Deutschland regieren.
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       1*) langer verdienter (vielleicht auch nicht verdienter) Muße
       
       #466# 24 - Engels an Friedrich Albert Lange - 29. Mai 1865
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       Inzwischen hat mir die unfreiwillige Verschleppung meiner Antwort
       Gelegenheit verschafft, Ihre Schrift über die Arbeiterfrage [129]
       zu erhalten;  ich habe sie mit vielem Interesse gelesen. Auch mir
       fiel gleich  bei der  ersten Lektüre  Darwins [504] die frappante
       Ähnlichkeit seiner  Darstellung des  Pflanzen- und Tierlebens mit
       der Malthusschen Theorie auf. Nur schloß ich anders als Sie, näm-
       lich: daß  dies die  höchste Blamage  für die moderne bürgerliche
       Entwicklung sei, daß sie es noch nicht über die ökonomischen For-
       men des  Tierreichs hinausgebracht  habe. Für  uns sind die soge-
       nannten "ökonomischen Gesetze" keine ewigen Naturgesetze, sondern
       historische, entstehende  und verschwindende Gesetze, und der Ko-
       dex der  modernen politischen  Ökonomie, soweit  die Ökonomie ihn
       richtig objektiv aufgestellt, ist uns nur die Zusammenfassung der
       Gesetze und  Bedingungen, unter denen die moderne bürgerliche Ge-
       sellschaft allein  bestehen kann,  mit einem Wort: ihre Produkti-
       ons- und  Verkehrsbedingungen abstrakt ausgedrückt und resümiert.
       Für uns  ist daher auch keins dieser Gesetze, soweit es rein bür-
       gerliche Verhältnisse  ausdrückt, älter als die moderne bürgerli-
       che Gesellschaft; diejenigen, die mehr oder weniger für alle bis-
       herige Geschichte Gültigkeit hatten, drücken eben nur solche Ver-
       hältnisse aus, die allen auf Klassenherrschaft und Klassenausbeu-
       tung beruhenden Gesellschaftszuständen gemeinsam sind. Zu den er-
       steren gehört  das sog. Ricardosche Gesetz 2*), das weder für die
       Leibeigenschaft noch  die antike Sklaverei Gültigkeit hat; zu den
       letzteren dasjenige, was an der sog. Malthusschen Theorie Haltba-
       res ist.
       Der Pfaffe  Malthus hat  diese Theorie, wie alle seine andern Ge-
       danken, direkt  seinen Vorgängern  abgestohlen; ihm  gehört davon
       nichts als die rein willkürliche Anwendung der beiden Progressio-
       nen. [505]  Die Theorie  selbst ist  in England  von den Ökonomen
       längst auf  ein rationelles Maß reduziert; die Bevölkerung drückt
       auf die Mittel - nicht der Subsistenz, sondern der Beschäftigung;
       die Menschheit  könnte sich  rascher vermehren,  als die  moderne
       bürgerliche Gesellschaft  vertragen kann. Für uns ein neuer Fund,
       diese bürgerliche  Gesellschaft für eine Schranke der Entwicklung
       zu erklären, die fallen muß.
       Sie selbst stellen die Frage auf, wie Bevölkerungszunahme und Zu-
       nahme der Subsistenzmittel in Einklang zu bringen; ich finde aber
       außer einem Satz der Vorrede keinen Versuch der Lösung. Wir gehen
       davon aus,  daß dieselben  Kräfte, welche die moderne bürgerliche
       Gesellschaft geschaffen -
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       2*) vgl. Band  23 unserer  Ausgabe, S. 660, und Karl Marx: "Theo-
       rien über den Mehrwert", Berlin 1959, Teil 2, S. 103-151
       
       #467# 24 - Engels an Friedrich Albert Lange - 29. Mai 1865
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       die Dampfmaschine,  die moderne  Maschinerie, die Kolonisation in
       Masse, die Eisenbahnen und Dampfschiffe, der Welthandel - und die
       jetzt bereits  durch die  permanenten Handelskrisen an ihrer Zer-
       rüttung und  schließlich Vernichtung arbeiten - daß diese Produk-
       tions- und  Verkehrsmittelauch hinreichend sein werden, in kurzer
       Zeit das  Verhältnis umzukehren  und die  Produktionskraft  jedes
       einzelnen so  zu steigern,  daß er eben für die Konsumtion von 2,
       3, 4,  5, 6  Individuen produziert, daß von der städtischen Indu-
       strie Leute genug entbehrlich werden, um dem Ackerbau ganz andere
       Kräfte wie  bisher zuzuwenden,  daß die Wissenschaft auch auf den
       Ackerbau endlich im großen und mit derselben Konsequenz angewandt
       werde wie auf die Industrie, daß die Ausbeutung der für uns uner-
       schöpflichen von der Natur selbst gedüngten Gebiete Südosteuropas
       und West-Amerikas  auf einem  ganz anders großartigen Maßstab be-
       trieben werde  wie bisher.  Sind diese  Gebiete erst  alle  umge-
       pflügt, und  es tritt dann Mangel ein, wird es Zeit sein, caveant
       consules 3*) zu sagen.
       Es wird  zu wenig  produziert, daran  liegt die ganze Sache. Aber
       weshalb wird  zu wenig produziert? Nicht weil die Grenze der Pro-
       duktion -  selbst für  heute und mit heutigen Mitteln - erschöpft
       wäre. Nein,  sondern deshalb,  weil die Grenze der Produktion be-
       stimmt wird  nicht durch die Anzahl der hungrigen Mägen, vielmehr
       durch die  Anzahl der  kaufenden zahlungsfähigen  Geldbeutel. Die
       bürgerliche Gesellschaft will nicht, kann nicht wollen, mehr pro-
       duzieren. Die  geldlosen Mägen,  die Arbeit, die nicht mit Profit
       verwandt werden  kann, die  also nicht kaufen kann, die verfallen
       der Sterblichkeitsziffer.  Lassen Sie durch einen plötzlichen in-
       dustriellen Aufschwung,  wie sie fortwährend vorkommen, diese Ar-
       beit mit  Profit verwendbar  werden, so bekommt sie Geld zum Kau-
       fen, und  die Subsistenzmittel haben sich noch immer gefunden. Es
       ist der  ewige circulus  vitiosus 4*),  in  dem  sich  die  ganze
       Ökonomie herumdreht.  Man supponiert die Gesamtheit der bürgerli-
       chen Zustände  und beweist dann, daß jeder einzelne Teil ein not-
       wendiger Teil davon ist, - ergo ein "ewiges Gesetz".
       Sehr amüsiert  hat mich  Ihre Schilderung der Schulzeschen Genos-
       sen- schaften  [506]. Alles das ist in seiner Art auch hier dage-
       wesen, jetzt  indes doch  ziemlich vorbei. Den Leuten in Deutsch-
       land muß der Proletarierstolz noch kommen.
       Unerwähnt kann ich eine Bemerkung über den alten Hegel nicht las-
       sen, dem Sie die tiefere mathematisch naturwissenschaftliche Bil-
       dung absprechen. Hegel wußte soviel Mathematik, daß keiner seiner
       Schüler
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       3*) aufgepaßt, Ihr Herren - 4*) Zirkelschluß
       
       #468# 24 - Engels an Friedrich Albert Lange - 29. Mai 1865
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       imstande war,  die zahlreichen mathematischen Manuskripte in sei-
       nem Nachlaß  herauszugeben. Der  einzige Mann, der meines Wissens
       Mathematik und Philosophie genug versteht, um dies zu können, ist
       Marx. Den  Unsinn im  Detail der  Naturphilosophie gebe ich Ihnen
       natürlich gern  zu, indes  steht seine  wahre Naturphilosophie im
       zweiten Teil  der "Logik",  in der Lehre vom Wesen, dem eigentli-
       chen Kern  der ganzen Doktrin. Die moderne naturwissenschaftliche
       Lehre von  der Wechselwirkung der Naturkräfte (Grove "Correlation
       of forces",  zuerst 1838 glaub" ich) ist aber doch nur ein andrer
       Ausdruck oder  vielmehr der  positive Beweis  der Hegelschen Ent-
       wicklung über  Ursache, Wirkung,  Wechselwirkung, Kraft  usw. Ich
       bin natürlich  kein Hegelianer  mehr, habe  aber doch  immer noch
       eine große  Pietät und  Anhänglichkeit an  den  alten  kolossalen
       Kerl.
       Hochachtungsvoll
       Friedrich Engels
       Nach einer Abschrift von unbekannter Hand.
       

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