Quelle: Briefe Januar 1875 bis Dezember 1880


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       #394# 174 -  Marx/Engels an Bebel, Liebk., Bracke - 17./18.9.1879
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       174
       
       Marx/Engels an  August Bebel,  Wilhelm Liebknecht, Wilhelm Bracke
       u.a.
       in Leipzig
       (Zirkularbrief) [507]
       (Entwurf)
       
       [London, 17./18. September 18791
       Lieber Bebel,
       Die Beantwortung  Ihres Briefs vom 20. Aug. [508[ hat sich verzö-
       gert, einerseits  durch  die  verlängerte  Abwesenheit  von  Marx
       [183], dann  durch einige  Zwischenfälle: erst  die  Ankunft  des
       Richterschen "Jahrbuchs"  [182], dann  die  von  H[irsch]  selbst
       [184].
       Ich muß schließen, daß Liebkn[echt] Ihnen meinen letzten Brief an
       ihn nicht  vorgelegt hat,  obgleich ich ihm dies gradezu auftrug.
       Andernfalls würden  Sie mir  sicher nicht dieselben Gründe vorge-
       führt haben,  die Liebknecht  geltend gemacht  und auf die ich in
       jenem Brief bereits  g e a n t w o r t e t.  1*)
       Gehn wir nun die einzelnen Punkte durch, auf die es hier ankommt.
       
       I. Die Verhandlungen mit C. Hirsch
       Liebknecht fragt  bei Hirsch  an, ob  dieser die Redaktion des in
       Zürich neuzugründenden Parteiorgans [177] übernehmen will. Hirsch
       wünscht Auskunft über die Fundierung des Blatts: welche Fonds zur
       Verfügung stehn  und wer  sie liefert. Ersteres, um zu wissen, ob
       das Blatt  nicht schon  nach ein  paar Monaten erlöschen muß. Das
       andre, um  sich zu vergewissern, wer den Knopf auf dem Beutel und
       damit die schließliche Herrschaft über die Haltung des Blatts be-
       hält. Liebknechts Antwort an Hirsch: "alles in Ordnung, wirst von
       Zürich das  Weitere erfahren"  (Liebknecht an H[irsch], 28. Juli)
       kommt nicht  an. Von  Zürich aber  kommt ein  Brief Bernsteins an
       Hirsch (24.  Juli), worin  B[ernstein] mitteilt, daß "man mit der
       Inszenierung und   B e a u f s i c h t i g u n g   (des  Blattes)
       u n s   beauftragt  hat".  Es  habe  eine  Besprechung  "zwischen
       Vier[eck] und   u n s"   stattgefunden, worin man fand, "daß Ihre
       Stellung durch die Differenzen, welche Sie als 'Laternen'-Mann
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       1*) Siehe vorl. Band S. 92
       
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        mit  einzelnen Genossen  gehabt, etwas  erschwert werden  würde,
       doch halte   i c h  dies Bedenken für nicht sehr gewichtig". Über
       die Fundierung kein Wort.
       Hirsch antwortet umgehend 26. Juli mit der Frage nach der materi-
       ellen Situation  des Blatts.  Welche Genossen haben sich zur Dec-
       kung des Defizits verpflichtet? Bis zu welchem Betrag und für wie
       lange Zeit?  - Die Gehaltsfrage des Redakteurs spielt hierbei ab-
       solut keine  Rolle, Hirsch  will lediglich wissen, ob "die Mittel
       gesichert sind, das Blatt mindestens ein Jahr lang zu sichern".
       Bernstein antwortet  31. Juli:  Ein etwaiges  Defizit wird  durch
       freiwillige Beiträge  gedeckt, deren   e i n i g e  (!) schon ge-
       zeichnet sind.  Auf Hirschs  Bemerkungen über die Haltung, die er
       dem Blatt  zu geben  denke, worüber unten, erfolgen mißbilligende
       Bemerkungen  und    V o r s c h r i f t e n:    "Darauf  muß  die
       A u f s i c h t s k o m m i s s i o n   um so  mehr bestehn,  als
       sie selbst  wiederum unter  Kontrolle steht,  d.h. verantwortlich
       ist. Über diese Punkte müßten Sie sich also mit der Aufsichtskom-
       mission verständigen."  Umgehende, womöglich  telegraphische Ant-
       wort erwünscht.
       Also statt  aller Antwort  auf seine  berechtigten Fragen  erhält
       Hirsch die  Nachricht, daß  er unter  einer in  Zürich  sitzenden
       A u f s i c h t s k o m m i s s i o n  redigieren soll, deren An-
       sichten von den seinigen sehr wesentlich abweichen und deren Mit-
       glieder ihm nicht einmal genannt werden!
       Hirsch, mit  vollem Recht  entrüstet über diese Behandlung, zieht
       es vor,  sich mit  den Leipzigern zu verständigen. Sein Brief vom
       2. Aug.  an Liebk[necht]  muß Ihnen  bekannt  sein,  da  H[irsch]
       a u s d r ü c k l i c h   Mitteilung an  Sie und  Viereck  v e r-
       l a n g t e.   Hirsch will  sogar sich  einer Züricher Aufsichts-
       kommission insoweit  unterwerfen, als  diese der  Redaktion  soll
       schriftliche  Bemerkungen   machen  und   die  Entscheidung   der
       Leipziger Kontrollkommission anrufen dürfen.
       Liebkn[echt]   inzwischen    schreibt   28.   Juli   an   Hirsch:
       "N a t ü r l i c h   ist das  Unternehmen fundiert,  da die ganze
       Partei +  (inklusive)  Höchberg  dahintersteht.  Um  die  Details
       kümmre ich mich aber nicht."
       Auch der  nächste Brief L[iebknecht]s enthält über die Fundierung
       wieder nichts,  dagegen die  Versicherung, daß die Züricher  Kom-
       mission keine  Redaktionskommission  sei,  sondern  nur  mit  der
       V e r w a l t u n g   und dem  Finanziellen betraut.  Noch am 14.
       Aug. schreibt  L[iebknecht] dasselbe  an mich  und verlangt,  wir
       sollen H[irsch]  zureden, daß er annimmt. Sie selbst sind noch am
       20. Aug. so wenig vom wahren Sachverhalt in Kenntnis gesetzt, daß
       Sie mir schreiben: "Er (Höchberg) hat bei der Redaktion des Blat-
       tes nicht  mehr Stimme als  j e d e r  a n d r e  b e k a n n t e
       P a r t e i g e n o s s e."
       
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       Endlich erhält  Hirsch einen Brief von V[iereck], 11. Aug., worin
       zugegeben  wird,   daß  "die   3  in   Zürich  Domizilierten  als
       R e d a k t i o n s k o m m i s s i o n  die Gründung des Blattes
       in Angriff  nehmen und unter Zustimmung der 3 Leipziger einen Re-
       dakteur auswählen  sollten ...   s o v i e l    m i r    e r i n-
       n e r l i c h,   war in  den mitgeteilten  Beschlüssen auch  aus-
       gesprochen, daß  das zu  2 erwähnte  (Züricher)  Gründungskomitee
       s o w o h l  d i e  p o l i t i s c h e  wie die finanzielle Ver-
       antwortlichkeit der  Partei gegenüber  übernehmen sollten...  Aus
       diesem Sachverhalt  scheint sich nun für mich zu ergeben, daß ...
       ohne Mitwirkung  der 3 in Zürich Domizilierten und von der Partei
       mit der  Begründung Beauftragten  an eine Übernahme der Redaktion
       nicht gedacht werden kann."
       Hier hatte  nun Hirsch endlich wenigstens  e t w a s  Bestimmtes,
       wenn auch  nur über die Stellung des Redakteurs zu den Zürichern.
       Sie sind  eine  R e d a k t i o n s k o m m i s s i o n;  sie ha-
       ben auch  die  p o l i t i s c h e  Verantwortlichkeit; ohne ihre
       Mitwirkung kann  keine Redaktion  übernommen werden. Kurz, Hirsch
       wird einfach  darauf hingewiesen, sich mit den 3 Leuten in Zürich
       zu verständigen, deren Namen ihm noch immer nicht angegeben sind.
       Damit aber die Konfusion vollständig werde, schreibt Liebkn[echt]
       eine Nachschrift  unter den  Brief Vierecks: "Soeben war S[inger]
       aus B[erlin] hier und  b e r i c h t e t e:  Die Aufsichtskommis-
       sion in  Zürich ist    n i c h t,    wie  V[iereck]  meint,  eine
       R e d a k t i o n s k o m m i s s i o n,     sondern   wesentlich
       Verwaltungskommission, die der Partei, d.i. uns gegenüber für das
       Blatt finanziell verantwortlich ist; natürlich haben die Mitglie-
       der auch  das Recht und die Pflicht, sich mit Dir über die Redak-
       tion zu  besprechen (ein  Recht und  eine Pflicht,  die beiläufig
       j e d e r  Parteigenosse hat); Dich  u n t e r  K u r a t e l  zu
       stellen, sind sie  n i c h t  befugt."
       Die drei  Züricher  und  ein  Leipziger  Ausschußmitglied  -  das
       e i n z i g e,   das bei  den Verhandlungen zugegen gewesen - be-
       stehn darauf, daß H[irsch] unter amtlicher Direktion der Züricher
       stehn soll,  ein zweites Leipziger Mitglied leugnet dies gradezu.
       Und da  soll Hirsch  sich entscheiden,  ehe die Herren unter sich
       einig sind? Daß Hirsch berechtigt war, Kenntnis zu nehmen von den
       gefaßten Beschlüssen,  die die  Bedingungen enthielten,  denen zu
       unterwerfen ihm  zugemutet wurde,  daran wurde  um so weniger ge-
       dacht, als  es den  Leipzigern nicht  einmal einzufallen  schien,
       s e l b s t   von jenen Beschlüssen authentische Kenntnis zu neh-
       men. Wie war sonst obiger Widerspruch möglich?
       Wenn die  Leipziger nicht  einig werden können über die den Züri-
       chern übertragnen  Befugnisse, so sind die Züricher darüber voll-
       ständig im klaren.
       Schramm an Hirsch, 14. Aug.: "Hätten Sie nun nicht seinerzeit ge-
       schrieben, Sie  würden im  gleichen Falle"  (wie  der  Kaysersche
       [191]) "wieder
       
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       ebenso vorgehn  und damit  eine gleiche  Schreibweise in Aussicht
       gestellt, dann  würden wir  kein Wort  darüber verlieren. So aber
       müssen wir  uns, dieser Ihrer Erklärung gegenüber, das Recht vor-
       behalten, über  Aufnahme von  Artikeln in das neue Blatt ein ent-
       scheidendes Votum abzugeben."
       Der Brief an Bernstein, in dem Hirsch dies gesagt haben soll, ist
       vom 26.  Juli,   l a n g e  nach der Konferenz in Zürich, auf der
       die Vollmachten  der 3  Züricher festgestellt  worden waren.  Man
       schwelgt aber in Zürich schon so sehr im Gefühl seiner bürokrati-
       schen Machtvollkommenheit,  daß man  auf  diesen  späteren  Brief
       Hirschs bereits  die neue Befugnis beansprucht, über die Aufnahme
       der Artikel  zu  e n t s c h e i d e n.  Die Redaktionskommission
       ist bereits eine Zensurkommission.
       Erst als  Höchberg nach  Paris kam,  erfuhr Hirsch  von  ihm  die
       N a m e n  der Mitglieder der beiden Kommissionen.
       Wenn also  die Unterhandlungen mit Hirsch sich zerschlugen, woran
       lag es?
       1. an der hartnäckigen Weigerung sowohl der Leipziger wie der Zü-
       richer, ihm  irgend etwas  Tatsächliches mitzuteilen über die fi-
       nanziellen Grundlagen  und damit  über die Möglichkeit, das Blatt
       am Leben zu erhalten, wenn auch nur für ein Jahr. Die gezeichnete
       Summe hat  er erst  von mir  hier (nach Ihrer Mitteilung an mich)
       erfahren. Es war also kaum möglich, aus den früher gemachten Mit-
       teilungen (die  Partei + H[öchberg]) einen andern Schluß zu ziehn
       als den,  daß das Blatt entweder schon jetzt vorwiegend von Höch-
       berg fundiert  sei oder  doch bald ganz von seinen Zuschüssen ab-
       hängen werde. Und diese letztere Möglichkeit ist auch jetzt lange
       nicht ausgeschlossen.  Die Summe  von - wenn ich recht lese - 800
       Mark ist  g e n a u  dieselbe (40 Pfd. St.), die der hiesige Ver-
       ein [482]  der "Freiheit"  im   e r s t e n  H a l b j a h r  hat
       zusetzen müssen.
       2. die wiederholte,  seitdem als total unrichtig erwiesene Versi-
       cherung Liebkn[echt]s,  die Züricher  hätten  die  Redaktion  gar
       nicht amtlich  zu kontrollieren und die daraus erwachsene Komödie
       der Irrungen;
       3. die endlich erlangte Gewißheit, daß die Züricher die Redaktion
       nicht nur  zu kontrollieren,  sondern selbst zu zensieren hätten,
       und daß ihm, Hirsch, dabei nur die Rolle des Strohmanns zufalle.
       Daß er  daraufhin ablehnte, darin können wir ihm nur recht geben.
       Die Leipziger Kommission, wie wir hören von H[öch]b[er]g 2*), ist
       noch durch  2 nicht  am Ort wohnende Mitglieder verstärkt worden,
       kann also nur dann rasch einschreiten, wenn die 3 Leipziger einig
       sind. Dadurch wird der
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       2*) mit Bleistift zugefügt: von Hbg.
       
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       wirkliche Schwerpunkt  vollends nach  Zürich verlegt, und mit den
       dortigen würde  Hirsch ebensowenig  wie irgendein andrer wirklich
       revolutionär und  proletarisch gesinnter  Redakteur auf die Dauer
       haben arbeiten können. Darüber später.
       
       II. Die beabsichtigte Haltung des Blattes
       Gleich am  24. Juli benachrichtigt Bernstein den Hirsch, die Dif-
       ferenzen, die  er als  "Laternen"-Mann mit einzelnen Genossen ge-
       habt, würden seine Stellung erschweren.
       Hirsch antwortet,  die Haltung des Blattes werde seines Erachtens
       im allgemeinen  dieselbe sein  müssen wie die der "Laterne", d.h.
       eine solche,  die  in  der  Schweiz  Prozesse  vermeidet  und  in
       Deutschland nicht unnötig erschreckt. Er fragt, wer jene Genossen
       seien und  fährt fort:  "Ich kenne  nur einen, und ich verspreche
       Ihnen, daß  ich  diesen  im  gleichen  Fall    d i s z i p l i n-
       w i d r i g e n   B e n e h m e n s   genau wieder  so  behandeln
       werde."
       Darauf antwortet  Bernstein  im  Gefühl  seiner  neuen  amtlichen
       Zensorwürde: "Was nun die Haltung des Blatts betrifft, so ist die
       Ansicht der Aufsichtskommission allerdings die, daß die 'Laterne'
       nicht als Vorbild gelten soll, das Blatt soll unsrer Ansicht nach
       weniger in  politischem Radikalismus aufgehn, als prinzipiell so-
       zialistisch gehalten  sein. Fälle  wie die  Attacke gegen Kayser,
       die von allen Genossen ohne Ausnahme (!) gemißbilligt wurde, müs-
       sen unter allen Umständen vermieden werden."
       Und so  weiter, und so weiter. Liebknecht nennt den Angriff gegen
       Kayser "einen  Bock", und Schramm hält ihn für so gefährlich, daß
       er daraufhin die Zensur über Hirsch verhängt.
       Hirsch schreibt nochmals an Höchberg, ein Fall wie der Kaysersche
       "kann nicht  vorkommen, wenn  ein  offizielles  Parteiorgan  exi-
       stiert, dessen klare Darlegungen und wohlmeinende Winke ein Abge-
       ordneter nicht so dreist in den Wind schlagen  k a n n".
       Auch Viereck  schreibt, dem  neuen Blatt  sei  "leidenschaftslose
       Haltung und  tunlichstes Ignorieren aller vorgekommenen Differen-
       zen ...  vorgeschrieben", es  solle keine "vergrößerte 'Laterne'"
       sein, und  Bernstein "könnte  man höchstens  vorwerfen, daß er zu
       gemäßigter Richtung  ist, wenn  das in  einer Zeit,  wo wir  doch
       nicht mit voller Flagge segeln können, ein Vorwurf ist".
       Was ist nun dieser Fall Kayser [180], dies unverzeihliche Verbre-
       chen, das  Hirsch begangen  haben soll? Kayser spricht und stimmt
       im Reichstag, der einzige unter den sozialdemokratischen Abgeord-
       neten, für  Schutzzölle. Hirsch klagt ihn an, die Parteidisziplin
       verletzt zu haben, indem K[ayser]
       
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       1. für indirekte Steuern stimmt, deren Abschaffung das Parteipro-
       gramm ausdrücklich verlangt;
       2. dem Bismarck Geld bewilligt und damit die erste Grundregel al-
       ler unsrer Parteitaktik verletzt: Dieser Regierung keinen Heller.
       In beiden  Punkten hat Hirsch unleugbar recht. Und nachdem Kayser
       einerseits das  Parteiprogramm, auf das ja die Abgeordneten durch
       Kongreßbeschluß sozusagen  vereidigt worden,  und andrerseits die
       unabweisbarste, allererste  Grundregel der Parteitaktik mit Füßen
       getreten, Bismarck   z u m  D a n k  f ü r  d a s  S o z i a l i-
       s t e n g e s e t z   [151]  G e l d  votiert, hatte Hirsch eben-
       falls, unsrer  Ansicht nach,  vollkommen recht,  so derb  auf ihn
       loszuschlagen, wie er tat.
       Wir haben  nie begreifen können, wieso man sich in Deutschland so
       gewaltig über diesen Angriff auf Kayser hat erbosen können. Jetzt
       erzählt  mir   Höchberg  3*),  die  "Fraktion"  habe  Kayser  die
       E r l a u b n i s   zu seinem  Auftreten erteilt, und durch diese
       Erlaubnis halte man K[ayser] für gedeckt.
       Wenn sich  das so  verhält, so ist das doch etwas stark. Zunächst
       konnte Hirsch von diesem geheimen Beschluß ebensowenig etwas wis-
       sen wie die übrige Welt. 4*) Sodann wird die Blamage für die Par-
       tei, die  früher auf  K[ayser] allein  abgewälzt  werden  konnte,
       durch diese  Geschichte nur noch größer, und ebenso das Verdienst
       Hirschs, offen  und vor aller Welt diese abgeschmackten Redensar-
       ten und  noch abgeschmacktere  Abstimmung Kaysers  bloßgelegt und
       damit die Parteiehre gerettet zu haben. Oder ist die deutsche So-
       zialdemokratie in der Tat von der parlamentarischen Krankheit an-
       gesteckt und  glaubt, mit  der Volkswahl  werde der heilige Geist
       über die Gewählten ausgegossen, die Fraktionssitzungen in unfehl-
       bare Konzilien,  Fraktionsbeschlüsse in  unantastbare Dogmen ver-
       wandelt?
       Ein Bock  ist allerdings  geschossen, nicht aber von Hirsch, son-
       dern von  den Abgeordneten,  die den  Kayser mit  ihrem  Beschluß
       deckten. Und  wenn diejenigen,  die vor allem auf Aufrechthaltung
       der Parteidisziplin zu achten berufen sind, diese Parteidisziplin
       selbst durch  einen solchen  Beschluß so eklatant brechen, so ist
       das um  so schlimmer.  Noch schlimmer  aber, wenn man sich bis zu
       dem Glauben  versteigt, nicht Kayser durch seine Rede und Abstim-
       mung, und die andern Abgeordneten durch ihren Beschluß hätten
       -----
       3*) siehe vorl. Band, S. 392 - 4*) in der Handschrift gestrichen:
       Gesetzt auch,  zwei oder  drei andre sozialdemokratische Abgeord-
       nete (denn  mehr  waren  schwerlich  da)  hätten  sich  verleiten
       lassen, dem  K[ayser] zu  erlauben, seine  Abgeschmacktheiten vor
       aller Welt  herzusagen und  Bismarck Geld zu bewilligen; so waren
       sie verpflichtet,  die Verantwortlichkeit  dafür  öffentlich  auf
       sich zu nehmen und abzuwarten, was Hirsch dann sagen würde.
       
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       die Parteidisziplin verletzt, sondern Hirsch, indem er trotz die-
       ses ihm noch dazu unbekannten Beschlusses den Kayser angriff.
       Es ist  übrigens sicher,  daß die  Partei in  der Schutzzollfrage
       dieselbe unklare  und unentschiedne  Haltung eingenommen  hat wie
       bisher in  fast allen  praktisch gewordenen  ökonomischen Fragen,
       z.B. bei den Reichseisenbahnen 5*). Das kommt daher, daß die Par-
       teiorgane, namentlich  das "Vorwärts",  statt diese Fragen gründ-
       lich zu  diskutieren, sich  mit Vorliebe auf die Konstruktion der
       zukünftigen Gesellschaftsordnung  gelegt haben.  Als die  Schutz-
       zollfrage   n a c h   dem Sozialistengesetz  plötzlich  praktisch
       wurde, gingen die Ansichten in den verschiedensten Schattierungen
       auseinander, und es war nicht ein einziger am Platz, der zur Bil-
       dung eines  klaren und  richtigen Urteils die Vorbedingung besaß:
       Kenntnis der Verhältnisse der deutschen Industrie und ihrer Stel-
       lung auf  dem Weltmarkt.  Bei den Wählern konnten dann hie und da
       schutzzöllnerische Strömungen auch nicht ausbleiben, diese wollte
       man doch  auch berücksichtigen.  Der einzige Weg, aus dieser Ver-
       wirrung herauszukommen,  indem man  die Frage rein politisch auf-
       faßte (wie  in der  "Laterne" geschah),  wurde nicht  entschieden
       eingeschlagen. So  konnte es nicht fehlen, daß die Partei in die-
       ser Debatte  zum erstenmal  zaudernd, unsicher und unklar auftrat
       und schließlich durch und mit Kayser sich gründlich blamierte.
       Der Angriff  auf Kayser wird nun zum Anlaß genommen, um Hirsch in
       allen Tonarten  vorzupredigen, das  neue Blatt  solle die Exzesse
       der "Laterne"  keineswegs nachahmen, solle weniger in politischem
       Radikalismus aufgehn,  als prinzipiell  sozialistisch und leiden-
       schaftslos gehalten  werden. Und  zwar von  Viereck nicht weniger
       als von  Bernstein, der  jenem grade deshalb, weil er zu gemäßigt
       ist, als der rechte Mann erscheint, weil man doch jetzt nicht mit
       voller Flagge segeln kann.
       Aber warum geht man denn überhaupt ins Ausland, als um mit voller
       Flagge zu  segeln? Im  Ausland steht  dem nichts entgegen. In der
       Schweiz existieren die deutschen Preß-, Vereins- und Strafgesetze
       nicht. Man  kann dort  also nicht nur diejenigen Dinge sagen, die
       man zu  Hause schon vor dem Sozialistengesetz wegen der gewöhnli-
       chen  deutschen   Gesetze  nicht   sagen  konnte,  man  ist  auch
       v e r p f l i c h t e t  dazu. Denn hier steht man nicht bloß vor
       Deutschland, sondern  vor Europa, und hat die Pflicht, soweit die
       S c h w e i z e r   Gesetze erlauben,  Europa gegenüber  die Wege
       und Ziele  der deutschen  Partei unverhohlen darzulegen. Wer sich
       in der  Schweiz an   d e u t s c h e   Gesetze binden wollte, be-
       wiese eben nur, daß er dieser deutschen
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       5*) siehe vorl. Band, S. 328/329
       
       #401# 174 -  Marx/Engels an Bebel, Liebk., Bracke - 17./18.9.1879
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       Gesetze würdig ist und in der Tat nichts zu sagen hat, als was in
       Deutschland vor dem Ausnahmsgesetz zu sagen erlaubt war. Auch auf
       die Möglichkeit, der Redaktion die Rückkehr nach Deutschland tem-
       porär abzuschneiden,  darf keine  Rücksicht genommen  werden. Wer
       nicht bereit ist, das zu riskieren, gehört nicht auf einen so ex-
       ponierten Ehrenposten.
       Noch mehr. Die deutsche Partei ist mit dem Ausnahmsgesetz in Bann
       und Acht getan worden, grade  w e i l  sie die einzige ernsthafte
       Oppositionspartei in Deutschland war. Wenn sie in einem auswärti-
       gen Organ  Bismarck ihren  Dank damit  abstattet, daß  sie  diese
       Rolle der einzigen ernsthaften Oppositionspartei aufgibt, daß sie
       hübsch zahm auftritt, den Fußtritt mit leidenschaftsloser Haltung
       hinnimmt, so beweist sie nur, daß sie des Fußtritts wert war. Von
       allen deutschen Emigrationsblättern, die seit 1830 im Ausland er-
       schienen, ist  die "Laterne"  sicher eins  der gemäßigtsten. Wenn
       aber die  "Laterne" schon zu frech war - dann kann das neue Organ
       die Partei  vor den  Gesinnungsgenossen der nichtdeutschen Länder
       nur kompromittieren.
       
       III. Das Manifest der drei Züricher
       Inzwischen ist  uns das  Höchbergsche "Jahrbuch"  zugekommen  und
       enthält einen  Artikel: "Rückblicke  auf die sozialistische Bewe-
       gung in  Deutschland", der,  wie Höchberg selbst mir gesagt, ver-
       faßt ist  grade von den drei Mitgliedern der Züricher Kommission.
       Hier haben  wir ihre  authentische Kritik der bisherigen Bewegung
       und damit  ihr authentisches  Programm für  die Haltung des neuen
       Organs, soweit diese von ihnen abhängt.
       Gleich von vornherein heißt es:
       "Die Bewegung, welche Lassalle als eine eminent politische ansah,
       zu welcher  er nicht nur die Arbeiter, sondern alle ehrlichen De-
       mokraten aufrief,   a n  d e r e n  S p i t z e  die unabhängigen
       Vertreter der  Wissenschaft und   a l l e    v o n    w a h r e r
       M e n s c h e n l i e b e   e r f ü l l t e n  Männer marschieren
       sollten, verflachte  sich unter dem Präsidium J.B. v. Schweitzers
       zu einem   e i n s e i t i g e n    I n t e r e s s e n k a m p f
       d e r  I n d u s t r i e a r b e i t e r."
       Ich untersuche  nicht, ob  und wieweit dies geschichtlich sich so
       verhält. Der spezielle Vorwurf, der Schweitzer hier gemacht wird,
       besteht darin,  daß Schweitzer  den Lassalleanismus, der hier als
       eine bürgerlich  demokratisch-philanthropische Bewegung aufgefaßt
       wird, zu  einem einseitigen Interessenkampf der Industriearbeiter
       v e r f l a c h t  habe,  v e r f l a c h t,  indem er 6*) ihren
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       6*) die letzten fünf Zeilen stehen anstelle des folgenden, in der
       Handschrift gestrichenen  Passus: Schweitzer war ein großer Lump,
       aber ein talentvoller Kopf. <Sein Verdienst
       
       #402# 174 -  Marx/Engels an Bebel, Liebk., Bracke - 17./18.9.1879
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       Charakter als  Klassenkampf der Industriearbeiter gegen die Bour-
       geoisie   v e r t i e f t e.   Ferner wird  ihm vorgeworfen seine
       "Zurückweisung der  bürgerlichen Demokratie".  Was denn  hat  die
       bürgerliche Demokratie  in  der  sozialdemokratischen  Partei  zu
       schaffen? Wenn  sie aus "ehrlichen Männern" besteht, kann sie gar
       nicht eintreten  wollen und wenn sie dennoch eintreten will, dann
       doch nur, um zu stänkern.
       Die Lassallesche  Partei "zog  vor, sich  in   e i n s e i t i g-
       s t e r   Weise als   A r b e i t e r p a r t e i   zu gerieren".
       Die Herren,  die das  schreiben,  sind  selbst  Mitglieder  einer
       Partei,  die  sich  in  einseitigster  Weise  als  Arbeiterpartei
       geriert, sie bekleiden jetzt Amt und Würden in ihr. Es liegt hier
       eine  absolute   Unverträglichkeit  vor.   Meinen  sie,  was  sie
       schreiben, so müssen sie aus der Partei austreten, mindestens Amt
       und Würden  niederlegen. Tun  sie es  nicht, so gestehn sie damit
       ein, daß  sie ihre amtliche Stellung zu benutzen gedenken, um den
       proletarischen Charakter der Partei zu bekämpfen. Die Partei also
       verrät sich selbst, wenn sie sie in Amt und Würden läßt.
       Die sozialdemokratische Partei soll also nach Ansicht dieser Her-
       ren  k e i n e  einseitige Arbeiterpartei sein, sondern eine all-
       seitige Partei "aller von wahrer Menschenliebe erfüllten Männer".
       Vor allem  soll sie  dies beweisen', indem sie die rohen Proleta-
       rierleidenschaften ablegt  und sich  "zur Bildung eines guten Ge-
       schmacks" und  "zur Erlernung  des guten  Tons" (S. 85) unter die
       Leitung von  gebildeten philanthropischen  Bourgeois stellt. Dann
       wird auch das "verlumpte Auftreten" mancher Führer einem wohlehr-
       baren "bürgerlichen  Auftreten" weichen.  (Als ob  das  äußerlich
       verlumpte Auftreten  der hier  Gemeinten nicht noch das Geringste
       wäre, das  man ihnen  vorwerfen  kann!)  Dann  auch  werden  sich
       "z a h l r e i c h e    A n h ä n g e r    aus  den  Kreisen  der
       g e b i l d e t e n   und  b e s i t z e n d e n  Klassen einfin-
       den.  D i e s e  aber müssen
       -----
       bestand grade  darin, daß  er den ursprünglichen engen Lassallea-
       nismus mit  seiner beschränkten  Staatshülfe-Panacee durchbrach.>
       Was er auch aus korrupten Motiven verschuldet hat und wie sehr er
       auch zur Erhaltung seiner Herrschaft an der Lassalleschen Panacee
       von der  Staatshülfe festhielt, so hat er doch das Verdienst, den
       ursprünglichen engen  Lassalleanismus durchbrochen,  den ökonomi-
       schen Gesichtskreis  der Partei  erweitert und damit ihr späteres
       Aufgehn in  die deutsche Gesamtpartei [221] vorbereitet zu haben.
       Der Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie, dieser An-
       gelpunkt alles revolutionären Sozialismus, war schon von Lassalle
       gepredigt worden.  Wenn Schweitzer diesen Punkt noch schärfer be-
       tonte, so war das in der Sache selbst jedenfalls ein Fortschritt,
       wie sehr er auch sich daraus einen Vorwand geschmiedet haben mag,
       seiner Diktatur  gefährliche Personen zu verdächtigen. Ganz rich-
       tig ist, daß er den Lassalleanismus zu einem einseitigen Interes-
       senkampf der  Industriearbeiter machte. Aber nur darum einseitig,
       weil er  aus Gründen  politischer Korruption  von dem Interessen-
       kampf der Landarbeiter gegen den großen Grundbesitz nichts wissen
       wollte. Nicht  das ist  es, was  ihm hier  vorgeworfen wird,  die
       "Verflachung" besteht darin, daß er
       
       #403# 174 -  Marx/Engels an Bebel, Liebk., Bracke - 17./18.9.1879
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       erst  gewonnen   werden,  wenn   die  ...   betriebne   Agitation
       g r e i f b a r e   E r f o l g e   erreichen soll". Der deutsche
       Sozialismus hat  "zuviel Wert  auf die Gewinnung der  M a s s e n
       gelegt und  dabei versäumt,  in den sog. oberen Schichten der Ge-
       sellschaft energische (!) Propaganda zu machen". Denn "noch fehlt
       es der Partei an Männern, welche dieselbe im Reichstag zu vertre-
       ten geeignet sind". Es ist aber "wünschenswert und notwendig, die
       Mandate Männern anzuvertrauen, die Gelegenheit und Zeit genug ge-
       habt haben,  sich mit  den einschlagenden Materien gründlich ver-
       traut zu  machen. Der  einfache Arbeiter und Kleinmeister ... hat
       dazu nur  in seltnen  Ausnahmsfällen die nötige Muße." Wählt also
       Bourgeois!
       Kurz: die Arbeiterklasse aus sich selbst ist unfähig, sich zu be-
       freien. Dazu  muß sie unter die Leitung "gebildeter und besitzen-
       der" Bourgeois  treten, die  allein "Gelegenheit und Zeit haben",
       sich mit  dem vertraut  zu machen,  was den Arbeitern frommt. Und
       zweitens ist die Bourgeoisie beileibe nicht zu bekämpfen, sondern
       durch energische Propaganda - zu  g e w i n n e n.
       Wenn man aber die oberen Schichten der Gesellschaft oder nur ihre
       wohlmeinenden Elemente  gewinnen will,  so darf  man sie beileibe
       nicht erschrecken. Und da glauben die drei Züricher, eine beruhi-
       gende Entdeckung gemacht zu haben:
       "Die Partei  zeigt grade jetzt unter dem Druck des Sozialistenge-
       setzes, daß  sie   n i c h t   g e w i l l t  i s t,  den Weg der
       gewaltsamen, blutigen  Revolution zu  gehn, sondern  entschlossen
       ist..., den Weg der Gesetzlichkeit, d.h. der  R e f o r m  zu be-
       schreiten." Also  wenn die 5-600 000 sozialdemokratischen Wähler,
       1/10 bis  1/8 der  gesamten Wählerschaft, dazu zerstreut über das
       ganze weite  Land, so  vernünftig sind,  nicht mit dem Kopf gegen
       die Wand  zu rennen,  und einer  gegen zehn eine "blutige Revolu-
       tion" zu  versuchen, so  beweist das,  daß sie sich auch für alle
       Zukunft  v e r b i e t e n,  ein gewaltiges auswärtiges Ereignis,
       eine dadurch  hervorgerufne plötzliche  revolutionäre Aufwallung,
       ja einen in daraus entstandner Kollision erfochtnen  S i e g  des
       Volks zu  benutzen! Wenn  Berlin wieder einmal so ungebildet sein
       sollte, einen 18. März zu machen [509], so müssen die Sozialdemo-
       kraten, statt  als "barrikadensüchtige  Lumpe" (S.  88) am  Kampf
       teilzunehmen, vielmehr  den "Weg der Gesetzlichkeit beschreiten",
       abwiegeln, die  Barrikaden wegräumen und nötigenfalls 7*) mit dem
       herrlichen Kriegsheer  gegen die einseitigen, rohen, ungebildeten
       Massen marschieren.  Oder wenn  die Herren  behaupten, das hätten
       sie nicht so gemeint, was haben sie dann gemeint?
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       7*) in der Handschrift: nötigenfalls und
       
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       Es kommt noch besser.
       "Je ruhiger,  sachlicher, überlegter  sie" (die  Partei) "also in
       ihrer Kritik  der bestehenden  Zustände und  in ihren Vorschlägen
       zur Abänderung  derselben auftritt, um so weniger kann der jetzt"
       (bei Einführung  des  Sozialistengesetzes)  "gelungene  Schachzug
       wiederholt werden,  mit dem  die bewußte  Reaktion das  Bürgertum
       durch die  Furcht vor  dem roten  Gespenst ins  Bockshorn  gejagt
       hat." (S. 88.)
       Um der  Bourgeoisie die  letzte Spur  von Angst zu benehmen, soll
       ihr klar  und bündig bewiesen werden, daß das rote Gespenst wirk-
       lich nur  ein Gespenst ist, nicht existiert. Was aber ist das Ge-
       heimnis des roten Gespensts, wenn nicht die Angst der Bourgeoisie
       vor dem unausbleiblichen Kampf auf Tod und Leben zwischen ihr und
       dem Proletariat? Die Angst vor der unabwendbaren Entscheidung des
       modernen Klassenkampfs?  Man schaffe den Klassenkampf ab, und die
       Bourgeoisie und  "alle unabhängigen  8*) Menschen"  werden  "sich
       nicht scheuen,  mit den  Proletariern Hand  in Hand zu gehn"! Und
       wer dann geprellt, wären eben die Proletarier.
       Möge also die Partei durch de- und wehmütiges Auftreten beweisen,
       daß sie die "Ungehörigkeiten und Ausschreitungen" ein für allemal
       abgelegt hat, die den Anlaß zum Sozialistengesetz gaben. Wenn sie
       freiwillig verspricht,  sich nur  innerhalb der Schranken des So-
       zialistengesetzes bewegen  zu wollen,  werden  Bismarck  und  die
       Bourgeois dies  dann überflüssige Gesetz aufzuheben doch wohl die
       Güte haben!
       "Man verstehe  uns wohl",  wir wollen  nicht "ein Aufgeben unsrer
       Partei und  unsres Programms,  wir meinen aber, daß wir auf Jahre
       hinaus genug  zu tun  haben, wenn  wir unsre  ganze Kraft,  unsre
       ganze Energie  auf Erreichung  gewisser naheliegender  9*)  Ziele
       richten, welche unter allen Umständen errungen sein müssen, bevor
       an eine  Realisierung  der  weitergehenden  Bestrebungen  gedacht
       werden  kann."   Dann  werden  auch  Bourgeois,  Kleinbürger  und
       Arbeiter sich  massenweise an  uns anschließen,  die "jetzt durch
       die weitgehenden Forderungen... abgeschreckt werden".
       Das Programm  soll  nicht    a u f g e g e b e n,    sondern  nur
       a u f g e s c h o b e n   werden -  bis auf unbestimmte Zeit. Man
       nimmt es  an, aber eigentlich nicht für sich selbst und für seine
       Lebzeiten, sondern  posthum, als  Erbstück für Kinder und Kindes-
       kinder. Inzwischen wendet man seine "ganze Kraft und Energie" auf
       allerhand Kleinkram  und Herumflickerei  an der  kapitalistischen
       Gesellschaftsordnung, damit  es doch aussieht, als geschehe etwas
       und gleichzeitig  die Bourgeoisie nicht erschreckt werde. Da lobe
       ich mir doch den Kommunisten
       -----
       8*) in der Handschrift: unabhängige - 9*) in der Handschrift: na-
       heliegenden
       
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       Miquel, der  seine unerschütterliche Überzeugung von dem in eini-
       gen hundert Jahren unvermeidlichen Sturz der kapitalistischen Ge-
       sellschaft dadurch  bewährt, daß  er tüchtig  drauflosschwindelt,
       sein Redliches  zum Krach  von 1873  [366] beiträgt und damit für
       den Zusammenbruch der bestehenden Ordnung  w i r k l i c h  etwas
       tut.
       Ein  andres   Vergehen  gegen   den  guten  Ton  waren  auch  die
       "übertriebnen Angriffe  auf die  Gründer", die ja "nur Kinder der
       Zeit" waren; "das Schimpfen auf Strousberg und dgl. Leute... wäre
       daher besser unterblieben". Leider sind alle Menschen "nur Kinder
       der Zeit",  und wenn  dies hinlänglicher Entschuldigungsgrund, so
       darf man  niemand mehr  angreifen, alle Polemik, aller Kampf uns-
       rerseits hört  auf; wir nehmen alle Fußtritte unsrer Gegner ruhig
       hin, weil  wir, die  Weisen, ja  wissen, daß jene "nur Kinder der
       Zeit" sind  und nicht  anders handeln  können, als sie tun. Statt
       ihnen die  Fußtritte mit  Zinsen zurückzuzahlen,  sollten wir die
       Armen vielmehr bedauern.
       Ebenso hatte  die Parteinahme  für die Kommune immerhin den Nach-
       teil, "daß  uns sonst  zugeneigte Leute  zurückgestoßen und über-
       haupt der  H a ß  d e r  B o u r g e o i s i e  gegen uns vergrö-
       ßert wurde". Und ferner ist die Partei "nicht ganz ohne Schuld an
       dem Zustandekommen  des Oktobergesetzes,  denn sie hat den  H a ß
       d e r  B o u r g e o i s i e  in unnötiger Weise vermehrt".
       Da haben  Sie das  Programm der drei Zensoren von Zürich. Es läßt
       an Deutlichkeit  nichts zu  wünschen übrig. Am allerwenigsten für
       uns, da  wir diese  sämtlichen Redensarten von 1848 her noch sehr
       gut kennen.  Es sind  die Repräsentanten des Kleinbürgertums, die
       sich anmelden,  voll Angst,  das Proletariat, durch seine revolu-
       tionäre Lage  gedrängt, möge  "zu weit  gehn". Statt entschiedner
       politischer Opposition - allgemeine Vermittlung; statt des Kampfs
       gegen Regierung  und Bourgeoisie  - der  Versuch, sie zu gewinnen
       und zu überreden; statt trotzigen Widerstands gegen Mißhandlungen
       von oben  - demütige  Unterwerfung und das Zugeständnis, man habe
       die Strafe verdient. Alle historisch notwendigen Konflikte werden
       umgedeutet in  Mißverständnisse und  alle Diskussion beendigt mit
       der Beteuerung:  in der  Hauptsache sind  wir ja  alle einig. Die
       Leute, die 1848 als bürgerliche Demokraten auftraten, können sich
       jetzt ebensogut Sozialdemokraten nennen. Wie jenen die demokrati-
       sche Republik,  so liegt  diesen der  Sturz der  kapitalistischen
       Ordnung in unerreichbarer Ferne, hat also absolut keine Bedeutung
       für die  politische Praxis  der Gegenwart;  man kann  vermitteln,
       kompromissein, philanthropisieren nach Herzenslust. Ebenso geht's
       mit dem  Klassenkampf zwischen  Proletariat und  Bourgeoisie. Auf
       dem Papier  erkennt man  ihn an,  weil man  ihn doch  nicht  mehr
       wegleugnen
       
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       kann, in  der Praxis  aber wird  er vertuscht,  verwaschen, abge-
       schwächt. Die  sozialdemokratische Partei   s o l l  keine Arbei-
       terpartei sein, sie soll nicht den Haß der Bourgeoisie oder über-
       haupt jemandes auf sich laden; sie soll vor allem unter der Bour-
       geoisie energische  Propaganda machen; statt auf weitgehende, die
       Bourgeois abschreckende  und doch in unsrer Generation unerreich-
       bare Ziele Gewicht zu legen, soll sie lieber ihre ganze Kraft und
       Energie auf diejenigen kleinbürgerlichen Flickreformen verwenden,
       die der alten Gesellschaftsordnung neue Stützen verleihen und da-
       durch die  endliche Katastrophe vielleicht in einen allmählichen,
       stückweisen und  möglichst friedfertigen Auflösungsprozeß verwan-
       deln könnten. Es sind dieselben Leute, die unter dem Schein rast-
       loser Geschäftigkeit nicht nur selbst nichts tun, sondern auch zu
       hindern suchen,  daß überhaupt  etwas geschieht  als - schwatzen;
       dieselben Leute, deren Furcht vor jeder Tat 1848 und 49 die Bewe-
       gung bei  jedem Schritt  hemmte und endlich zu Fall brachte; die-
       selben Leute,  die nie Reaktion sehn und dann ganz erstaunt sind,
       sich endlich  in einer  Sackgasse zu  finden, wo weder Widerstand
       noch Flucht  möglich ist;  dieselben Leute, die die Geschichte in
       ihren engen  Spießbürgerhorizont bannen  wollen und  über die die
       Geschichte jedesmal zur Tagesordnung übergeht.
       Was ihren  sozialistischen Gehalt  angeht, so  ist dieser bereits
       hinreichend kritisiert im "Manifest" 10*), Kapitel: "Der deutsche
       oder wahre  Sozialismus".  Wo  der  Klassenkampf  als  unliebsame
       "rohe" Erscheinung  auf die  Seite geschoben  wird, da bleibt als
       Basis des  Sozialismus nichts als "wahre Menschenliebe" und leere
       Redensarten von "Gerechtigkeit".
       Es ist  eine im  Gang der  Entwicklung begründete, unvermeidliche
       Erscheinung, daß  auch Leute  aus der  bisher herrschenden Klasse
       sich dem  kämpfenden Proletariat anschließen und ihm Bildungsele-
       mente zuführen. Das haben wir schon im "Manifest" klar ausgespro-
       chen. 11*) Es ist aber hierbei zweierlei zu bemerken:
       E r s t e n s  müssen diese Leute, um der proletarischen Bewegung
       zu nutzen,  auch wirkliche  Bildungselemente mitbringen. Dies ist
       aber bei der großen Mehrzahl der deutschen bürgerlichen Konverti-
       ten nicht  der Fall.  Weder die  "Zukunft" noch die "Neue Gesell-
       schaft" haben  irgend etwas  gebracht, wodurch  die  Bewegung  um
       einen Schritt  weitergekommen wäre.  An wirklichem, tatsächlichem
       oder theoretischem  Bildungsstoff ist  da absoluter Mangel. Statt
       dessen Versuche, die sozialistischen, oberflächlich angeeigneten
       -----
       10*) Karl Marx/Friedrich  Engels: "Manifest  der  Kommunistischen
       Partei" - 11*) siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 471/472
       
       #407# 174 -  Marx/Engels an Bebel, Liebk., Bracke - 17./18.9.1879
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       Gedanken in Einklang zu bringen mit den verschiedensten theoreti-
       schen Standpunkten,  die die  Herren  von  der  Universität  oder
       sonstwoher mitgebracht  und von  denen einer noch verworrener war
       als der  andre, dank  dem Verwesungsprozeß, in dem sich die Reste
       der deutschen  Philosophie heute befinden. Statt die neue Wissen-
       schaft vorerst  selbst gründlich zu studieren, stutzte sich jeder
       sie vielmehr  nach dem  mitgebrachten Standpunkt  zurecht, machte
       sich kurzerhand eine eigne Privatwissenschaft und trat gleich mit
       der Prätension  auf, sie  lehren zu  wollen. Daher  gibt es unter
       diesen Herren ungefähr soviel Standpunkte wie Köpfe; statt in ir-
       gend etwas Klarheit zu bringen, haben sie nur eine arge Konfusion
       angerichtet - glücklicherweise fast nur unter sich selbst. Solche
       Bildungselemente, deren  erstes Prinzip  ist, zu  lehren, was sie
       nicht gelernt haben, kann die Partei gut entbehren.
       Z w e i t e n s.   Wenn solche  Leute aus andern Klassen sich der
       proletarischen Bewegung  anschließen, so ist die erste Forderung,
       daß sie keine Reste von bürgerlichen, kleinbürgerlichen etc. Vor-
       urteilen mitbringen,  sondern sich die proletarische Anschauungs-
       weise unumwunden  aneignen. Jene  Herren aber,  wie nachgewiesen,
       stecken über  und über  voll bürgerlicher  und  kleinbürgerlicher
       Vorstellungen. In einem so kleinbürgerlichen Land wie Deutschland
       haben diese  Vorstellungen sicher  ihre  Berechtigung.  Aber  nur
       a u ß e r h a l b   der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Wenn
       die Herren sich als sozialdemokratische Kleinbürgerpartei konsti-
       tuieren, so  sind sie  in ihrem vollen Recht; man könnte dann mit
       ihnen verhandeln,  je nach  Umständen Kartell schließen etc. Aber
       in einer  Arbeiterpartei sind  sie ein  fälschendes Element. Sind
       Gründe da,  sie vorderhand  darin zu  dulden, so besteht die Ver-
       pflichtung, sie   n u r  zu dulden, ihnen keinen Einfluß auf Par-
       teileitung zu  gestatten, sich  bewußt zu  bleiben, daß der Bruch
       mit ihnen  nur eine  Frage der Zeit ist. Diese Zeit scheint übri-
       gens gekommen.  Wie die Partei die Verfasser dieses Artikels noch
       länger in  ihrer Mitte  dulden kann, erscheint uns unbegreiflich.
       Gerät aber solchen Leuten gar die Parteileitung mehr oder weniger
       in die  Hand, so  wird die  Partei einfach  entmannt, und mit der
       proletarischen Schneid ist's am End.
       Was uns  betrifft, so  steht uns nach unsrer ganzen Vergangenheit
       nur ein Weg offen. Wir haben seit fast 40 Jahren den Klassenkampf
       als nächste  treibende Macht  der Geschichte,  und  speziell  den
       Klassenkampf zwischen  Bourgeoisie und Proletariat als den großen
       Hebel der  modernen sozialen  Umwälzung hervorgehoben; wir können
       also unmöglich  mit Leuten  zusammengehn, die diesen Klassenkampf
       aus der Bewegung streichen wollen. Wir haben bei Gründung der In-
       ternationalen ausdrücklich den Schlachtruf
       
       #408# 174 -  Marx/Engels an Bebel, Liebk., Bracke - 17./18.9.1879
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       formuliert: Die  Befreiung der  Arbeiterklasse muß  das Werk  der
       Arbeiterklasse selbst  sein. Wir  können also  nicht zusammengehn
       mit Leuten,  die es  offen aussprechen, daß die Arbeiter zu unge-
       bildet sind,  sich selbst zu befreien und erst von oben herab be-
       freit werden müssen durch philanthropische Groß- und Kleinbürger.
       Wird das  neue Parteiorgan  eine Haltung annehmen, die den Gesin-
       nungen jener Herren entspricht, bürgerlich ist und nicht proleta-
       risch, so  bleibt uns nichts übrig, so leid es uns tun würde, als
       uns öffentlich  dagegen zu erklären und die Solidarität zu lösen,
       mit der wir bisher die deutsche Partei dem Ausland gegenüber ver-
       treten haben. Doch  d a h i n  kommt's hoffentlich nicht.
       Dieser Brief ist bestimmt zur Mitteilung an alle 5 Mitglieder der
       Kommission in Deutschland 12*) sowie an Bracke...
       Der Mitteilung an die Züricher steht ebenfalls unsrerseits nichts
       im Wege.
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       12*) August Bebel,  Wilhelm Liebknecht,  Friedrich Wilhelm Fritz-
       sche, Bruno Geiser und Wilhelm Hasenclever
       

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