Quelle: Briefe Januar 1875 bis Dezember 1880
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Beilagen
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Verzeichnis der Beilagen
A. Karl Marx: Konspekt der Reichstagsdebatte über das Soziali-
stengesetz
B. Elf Briefe von Marx an Dritte, deren Inhalt unvollständig nach
Sekundärquellen wiedergegeben wird, sowie eine Mitteilung Engels'
im "Vorwärts" und ein Interview, das Marx der "Chicago Tribune"
gewährte
C. Neun Briefe von Jenny Marx, Eleanor Marx und Jenny Longuet
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A. Karl Marx
Konspekt der Reichstagsdebatte über das Sozialistengesetz
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Karl Marx
[Konspekt der Reichstagsdebatte über das Sozialistengesetz [577]]
Reichstagssitzung vom 16. und 17. Sept. 1878
Vize-Bismarck - von Stolberg sprach 4 Minuten, 7 Sekunden.
Aus dem stenographischen Bericht [578]
Reichstag. 4.Sitzung. Montag, 16.Sept. 1878.
Präsident: Forckenbeck.
{Sitzung eröffnet 11 Uhr, 30 Minuten. Schluß 3 Uhr, 40 Minuten.}
Stellvertreter des Reichskanzlers, Staatsminister Graf zu Stol-
berg-Wernigerode:
"Es wird darauf ankommen..., daß dafür gesorgt wird, daß nicht
diese Agitation u n t e r i r g e n d e i n e m S c h e i n
v o n G e s e t z l i c h k e i t künftig betrieben werden
könne."
Aus den Reden der Sitzung vom 16. Sept.
Attentat [446]
Bebel: "Meine Herren, bei Beginn der heutigen Versammlung ist von
Seiten des Vertreters des Reichskanzlers sowie vor einigen Tagen
in der Thronrede und ebenso in den Motiven zu dem uns
vorliegenden Gesetz insbesondre auf die Attentate hingewiesen
worden; alle Redner heute haben ebenfalls mehr oder weniger die
Attentate berührt, und alle haben sie die Attentate als die näch-
ste Veranlassung zu diesem Ausnahmsgesetz bezeichnet, und nichts
ist offenbarer wie dieses, daß sie die Ursache waren. - Da hätte
man, meine Herrn, billigerweise erwarten können, daß die Regie-
rung in dieser Beziehung sich klar und präzis aussprach, daß sie
nachwies, welche Entdeckungen sie gemacht, welche [belastende
Tatsachen gegen uns zutage gefördert wurden, welche e i n e n
wenn auch nur ideellen Zusammenhang der Attentäter mit der
Sozialdemokratie nachwiesen. Es ist aber bis heute nichts
dergleichen geschehen, es ist bei leeren Worten und Anschuldi-
gungen geblieben. Gleichwohl ist fortgesetzt das Stichwort: 'Die
Sozialdemokratie hat die Attentate verschuldet.' Es ist die
Anschuldigung: 'Die Sozialdemokratie ist die Partei der Kaiser-
mörder' etc. ... Wir sind schlechterdings nicht gewillt, uns ge-
fallen zu lassen, daß man heute noch
#492# Beilagen
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schweigt ... Wir haben zu allernächst das lebhafte Interesse
daran, zu wissen, was in den zahlreichen Protokollen, die wegen
der Attentate niedergeschrieben wurden, enthalten ist. Wir ver-
langen namentlich zu wissen, was in den außerordentlich zahlrei-
chen Verhören, die in den verschiednen Gegenden Deutschlands mit
Parteigenossen Von uns und Nichtparteigenossen stattgefunden ha-
ben, mit Leuten der Verschiedensten Richtung, die mit den Atten-
tätern auch in noch so ferner Beziehung gestanden haben, an das
Tageslicht gekommen ist. Wir, auf die man die Schuld und die Ver-
antwortlichkeit lenkt, verlangen endlich Klarheit. Namentlich
auch in bezug auf das letzte Attentat, das die allernächste Ver-
anlassung für die Neuwahl des Reichstags [445] und zur Vorlegung
dieses Gesetzes war ... Ich entfernte mich" {vom "Vorwärts", wo
er Erkundigungen über Dr. Nobiling einzog, dies am 2. Juni (1878)
spätabends}, "sehr zufrieden mit dem Gehörten, und kam einige Mi-
nuten später an einen Laden, wo ich zu meiner höchsten Überra-
schung eine Depesche angeschlagen fand, welche lautete:
'Berlin, 2 Uhr nachts. Bei der späteren gerichtlichen Vernehmung
hat der Attentäter Nobiling bekannt, daß er sozialistischen Ten-
denzen huldige, daß er auch wiederholt hier sozialistischen Ver-
sammlungen beigewohnt und daß er schon seit acht Tagen die Ab-
sicht gehabt habe, seine Majestät den Kaiser [zu] erschießen,
weil er es für das Staatswohl ersprießlich gehalten, das Staats-
oberhaupt zu beseitigen.'
... Die Depesche, die diese Nachricht in die Welt schleuderte,
ist ausdrücklich als offizielle bezeichnet. Ich habe hier die De-
pesche in der Hand, welche der Redaktion der 'Kreuz-Zeitung' amt-
lich zugestellt worden ist, mit Noten von der Hand des Redakteurs
der 'Kreuz-Zeitung'. Es besteht über den amtlichen Charakter die-
ser Depesche nicht der geringste Zweifel. Nun ist aber durch ver-
schiedentliche glaubwürdige Nachrichten dargetan worden, daß
überhaupt kein gerichtliches Verhör mit Nobiling am Tage des At-
tentats oder in der drauffolgenden Nacht vorgenommen worden ist,
daß nichts festgestellt worden sei, was irgendwie als ernsthafter
Anhaltepunkt für die Motive des Mörders und seine politische Ge-
sinnung angesehen werden könnte. Jeder von Ihnen, meine Herrn,
weiß, wie es mit dem Wolffschen Telegraphenbüro beschaffen ist"
(Zustimmung), "jeder weiß, daß derartige Depeschen absolut nicht
passieren können, ohne amtlich approbiert zu sein. Zum Überfluß
ist dieser Depesche noch ausdrücklich das Wort 'offiziell' amt-
lich beigefügt. Es ist also meines Erachtens gar kein Zweifel,
daß diese Depesche von amtlicher Seite mit Bewußtsein und Absicht
gefälscht und als solche in die Welt geschickt worden ist."
(Hört, hört!) "Die Depesche enthält eine der infamsten Verleum-
dungen, welche je von offizieller Seite in die Welt geschleudert
worden ist, und zwar mit der Absicht, eine ganze, große Partei in
schmählichster Weise zu verdächtigen und zum Mitschuldigen eines
Verbrechens zu stempeln ... Ich frage weiter, wie es möglich war,
daß die Regierungsorgane, die gesamte
#493# Marx - Konspekt Reichstagsdebatte über Sozialistengesetz
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offiziöse und offizielle Presse, und ihnen folgte fast die ge-
samte übrige Presse, gestützt auf die bezeichnete Depesche, fort-
gesetzt wochen- und monatelang, Tag für Tag in der unerhörtesten
und verleumderischsten Weise gegen uns losschlagen durften; daß
sie Tag für Tag die grauenhaftesten und beunruhigendsten Berichte
über entdeckte Komplotte, Mitschuldige usw. in die Welt schleu-
dern konnten, ohne daß ein einziges Mal von Regierungsseite etc.
... Es ist vielmehr von Regierungsseite alles geschehen, um den
Glauben an die Richtigkeit der unwahren Behauptungen in der öf-
fentlichen Meinung weiter und weiter zu verbreiten und zu befe-
stigen; und bis zu dieser Stunde haben sich die offiziellen Ver-
treter der Regierung nicht einmal herbeigelassen, über die vor-
handnen Dunkelheiten die geringste Aufklärung zu geben..." Bebel
kommt nun (S. 39, Kolumne II) auf die Hetzereien. "Man hat offen-
bar alles aufgeboten, um Unruhen zu provozieren; man wollte uns
aufs äußerste reizen, damit wir zu Gewaltschritten irgendeiner
Art uns verleiten ließen. Man hatte augenscheinlich nicht genug
an den Attentaten. Man hätte sich in gewissen Kreisen zwei-
felsohne gefreut, wenn wir uns durch diese Hetzereien zu Gewalt-
schritten hätten verleiten lassen, um dann um so reichlicheres
und gewichtigeres Material gegen uns zum schärfsten Einschreiten
zu besitzen etc." Bebel verlangt darauf, daß endlich einmal die
Protokolle zutage gefördert werden, daß dem Reichstag und spezi-
ell der Kommission, welche diesen Gesetzentwurf zu prüfen hat,
dieselben im Druck vorgelegt werden. "Ich stelle hier eine ähn-
liche Forderung, wie sie vor ein paar Tagen bereits bei der Be-
sprechung des Unfalls des 'Großen Kurfürst' [579] mit vollem
Recht, unter Zustimmung fast aller Seiten des Hauses, in bezug
auf den erwähnten Unfall ausgesprochen worden ist und deren Be-
willigung der Marineminisier" (von Stosch), "soweit es von ihm
abhinge (!), ausdrücklich zugestanden hat." (Bebels Verlangen mit
"Sehr richtig! Sehr gut!" vom Reichstag begrüßt!!
{Was antwortet nun die preußische Regierung auf diese nieder-
schmetternde Anklage? Sie antwortet durch den Mund des Eulenburg,
daß sie die Protokolle nicht vorlegen wird und daß überhaupt kein
Anklagematerial vorhanden ist.}
Minister des Innern Graf zu Eulenburg: "In der ersten Beziehung"
{Auskunft von den Vertretern der Bundesregierungen "über die ge-
gen den inzwischen verstorbnen Verbrecher Nobiling stattgehabte
Untersuchung"}...
1. "In der ersten Beziehung habe ich zu erklären, daß über die
Möglichkeit oder Zulässigkeit der Mitteilung der Verhandlungen
des Prozesses, welcher gegen Nobiling eingeleitet war, die preu-
ßische Justizbehörde zu befinden haben würde, wenn die Vorlegung
verlangt wird. Soviel aber, meine Herrn, kann ich Ihnen sagen,
daß eine Vernehmung Nobilings stattgefunden hat und daß er in
dieser Vernehmung, soviel mir davon bekannt geworden ist,
ausgesagt hat, daß er an sozialdemokratischen Versammlungen
teilgenommen und an den dort vorgetragnen Lehren Gefallen
gefunden habe.
#494# Beilagen
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Mehr mitzuteilen, muß ich mit Rücksicht auf den Umstand, daß die
preußische Justizbehörde über die Vorlegung der Akten zu befinden
hat, mich enthalten."
(Positives sagt Eulenburg nur: 1. daß "eine" Vernehmung stattge-
funden; er hütet sich zu sagen: eine "gerichtliche" Vernehmung.
Er sagt ebensowenig, wann die eine Vernehmung stattgefunden (wohl
nachdem infolge der durch den Kopf gejagten Kugel Teil seines Ge-
hirns ausgetreten?).} Was Eulenburg aber den Nobiling in dieser
"einen" Vernehmung sagen läßt (angenommen, Nobiling habe sich in
zurechnungsfähigem Zustand befunden}, beweist erstens: daß er
sich nicht für einen Sozialdemokraten ausgab, nicht für ein Mit-
glied der sozialdemokratischen Partei; er hat nur gesagt, daß er
einigen Meetings derselben beiwohnte wie elende Spießbürger und
"an den vorgetragenen Lehren Gefallen gefunden habe". Die Lehren
waren also nicht seine Lehren. Er verhielt sich als Neuling zu
ihnen. Zweitens: daß er sein "Attentat" in keine Verbindung mit
den Meetings und den dort vorgebrachten Lehren stellte.
Aber die Kuriosa sind noch nicht fertig: Das "soviel", was Herr
Eulenburg sagen kann, macht er selbst oder sagt er problematisch:
"daß er in dieser Vernehmung, soviel mir davon bekannt geworden
ist, ausgesagt hat". Herr Eulenburg hat also hienach das Proto-
koll niemals gesehn; er kennt es nur vom Hörensagen und kann nur
soviel sagen, "als ihm auf diesem Wege davon bekannt geworden
ist". Aber gleich darauf straft er sich selbst Lügen. Eben hat er
alles gesagt, "was ihm davon bekannt geworden ist". Aber im un-
mittelbar nachfolgenden Satz heißt es: "Mehr mitzuteilen, muß ich
mit Rücksicht auf den Umstand, daß die preußische Justizbehörde
über die Vorlegung der Akten zu befinden hat, mich enthalten." In
andern Worten: Er würde dann die Regierung kompromittieren, wenn
er "mitteilte", was er weiß.
Nebenbei bemerkt: Wenn nur ein Verhör stattgefunden hat, wissen
wir auch "wann", nämlich am Tag, wo Nobiling mit Kugeln im Kopf
und Säbelhieb im Kopf verhaftet wurde, nämlich am Tag, am Tag wo
das berüchtigte Telegramm losgelassen worden, 2 Uhr nachts, 2.
Juni. Später aber suchte die Regierung die ultramontane Partei
für den Nobiling verantwortlich zu machen. Das Verhör hatte also
keineswegs irgendwelchen Zusammenhang des Nobilingschen Attentats
mit der Sozialdemokratie ergeben.
Aber Eulenburg ist noch nicht fertig mit seinen Geständnissen. Er
muß "ausdrücklich darauf hinweisen, daß ich im Mai von dieser
Stelle aus bereits gesagt habe, die Behauptung ginge nicht dahin,
daß diese Taten direkt von der Sozialdemokratie angestiftet wor-
den seien; ich bin auch jetzt nicht in der Lage, diese Behauptung
aufzustellen oder überhaupt in dieser Richtung Neues beizufügen".
Bravo! Eulenburg gesteht rundheraus, daß die ganze seit dem At-
tentat von Hödel bis zum Meeting des Reichstags stattgefundne
schmähliche Polizei- und Untersuchungshatz kein Atom eines Tatbe-
stands für die von der Regierung beliebte "Theorie" der Attentate
geliefert hat!
#495# Marx - Konspekt Reichstagsdebatte über Sozialistengesetz
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Die Eulenburg und Konsorten, die solche zarte "Rücksicht" haben
auf die Befugnisse der "preußischen Justizbehörde", daß sie an
ihr ein präsumptives Hindernis finden, dem Reichstag die
"Protokolle" vorzulegen, nachdem Hödel geköpft und Nobiling ge-
storben, also die Untersuchung ein für allemal abgeschlossen ist,
genieren sich nicht beim Beginn der Untersuchung gegen Nobiling,
am Tag seines Attentats selbst, durch ein tendenziös gefärbtes
"Telegramm" über das angebliche erste Verhör Nobilings das Deli-
rium tremens des deutschen Philisters hervorrufen und darauf ein
Lügengebäude durch ihre Presse aufbauen zu lassen! Welche Achtung
vor der Justizbehörde und namentlich auch vor den von der Regie-
rung Mit-Angeschuldigten!
Nachdem Herr Eulenburg so erklärt, daß kein Tatbestand für die
Anklage der Sozialdemokratie auf Grund dieser Attentate vorliegt
- und er daher auch die Vorlage der Protokolle verweigert, welche
diesen ekligen Umstand in groteskem Licht beleuchten wird, fährt
er damit fort, daß die Gesetzvorlage in der Tat nur auf einer
"Theorie" beruht, der Regierungstheorie, "daß die Lehren der So-
zialdemokratie in der Art und Weise, wie sie in einer leiden-
schaftlichen Agitation verbreitet werden, wohl geeignet wären, in
verwilderten Gemütern dergleichen traurige Früchte zur Zeitigung
zu bringen, wie wir sie zu unsrem tiefsten Bedauern haben erfah-
ren müssen". {Die traurigen Früchte wie Sefeloge, Tschech,
Schneider, Becker, Kullmann, Cohen (alias Blind?). "Und an dieser
Behauptung, meine Herren, glaube ich in Übereinstimmung mit der
gesamten deutschen Presse" {i.e., soweit sie reptilisiert [162]
ist, i.e., mit alleiniger Ausnahme der unabhängigen Blätter aller
Richtungen}, "mit alleiniger Ausnahme der sozialdemokratischen,
auch heute noch zu sein." (Wieder reine Lügen!)
{Die Versammlungen, denen Nobiling beiwohnte, fanden wie alle un-
ter polizeilicher Aufsicht eines Polizisten statt; also nichts
Verfängliches dran; die Lehren, die er hörte, können sich nur auf
die an der Tagesordnung befindlichen Gegenstände bezogen haben.)
Nach diesen tatsächlichen falschen Aufstellungen über die
"gesamte deutsche Presse" ist Herr Eulenburg "sicher, in dieser
Richtung einem Widerspruch nicht zu begegnen".
Dem Bebel gegenüber muß er "daran erinnern, welche Stellung die
sozialdemokratische Presse diesen Ereignissen gegenüber eingenom-
men hat", um zu beweisen, "daß die Sozialdemokratie den Mord, un-
ter welcher Gestalt er auch auftrete", nicht, wie sie behaupte,
"verabscheue".
Beweis: 1. "Es wurde zunächst in den Organen der Sozialdemokratie
der Versuch gemacht, den Nachweis zu führen, daß die Attentate
bestellte Arbeit gewesen seien." (Crownprince.)
{Klagen der "Norddeutschen Allgemeinen [Zeitung]" über den
gesetzlichen Charakter der deutschen sozialdemokratischen Agita-
tion.}
2. "Als man einsah, daß auf diesem Weg nicht fortzukommen sei...,
ging man dazu über, die Unzurechnungsfähigkeit der beiden Verbre-
cher
#496# Beilagen
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zu behaupten, sie als isolierte Idioten und ihre Taten als Er-
scheinungen darzustellen, wie sie zu allen Zeiten hin und wieder
vorgekommen seien" {ist dem nicht so?} "und für die niemand an-
ders verantwortlich zu machen sei." {(Beweist Liebe zum "Mord".)
(Geschah von vielen nicht sozialdemokratischen Journalen.)}
Herr Eulenburg, statt die "Protokolle" vorzulegen, von denen er
nach seiner früheren Aussage nichts weiß - oder, was er weiß, aus
Rücksicht auf die "preußische Justizbehörde" sich auszuplaudern
"enthalten" muß - verlangt jetzt, daß man auf Grund dieser vor-
enthaltnen "Protokolle" ihm glauben muß folgendes: "Meine Herren,
die Untersuchung, die geführt worden ist, hat nicht den gering-
sten Anhaltspunkt dafür ergeben, daß die beiden Männer irgendwie
nicht imstande gewesen seien, die Folgen und die Bedeutung ihrer
Taten nicht zu überlegen. Im Gegenteil, alles, was sich hat fest-
stellen lassen, ist das, daß mit vollkommner Zurechnungsfähigkeit
und im letzten Fall mit einer boshaften abgefeimten Prämeditie-
rung" {also bei dem geköpften Hödel nicht?} "gehandelt worden
ist, wie sie wohl selten vorgekommen ist."
3. "Es ist in vielen Organen der Sozialdemokratie dazu übergegan-
gen, diese Taten zu entschuldigen, die Täter zu exkulpieren. Man
hat nicht sie, sondern die Gesellschaft" {die Regierung hat sie
exkulpiert, indem sie nicht sie, sondern "die Lehren der Sozial-
demokratie" und die Agitatoren der Arbeiterklasse - also einen
Teil der Gesellschaft und ihrer "Lehren" - verantwortlich ge-
macht} "verantwortlich gemacht für die Verbrechen" {man exkul-
pierte also nicht die Taten, sonst hätte man sie nicht als - Ver-
brechen" betrachtet und die "Schuld"frage gar nicht diskutiert},
"welche begangen worden waren." (Zitiert - Vorwärts", bezog sich
auf Hödel, mit vollem Recht.)
Nach allem diesem Larifari:
4. "Parallel damit, meine Herren, gingen die Äußerungen über die
frevelhaften Taten, die in Rußland gegen hohe Beamte versucht,
beziehungsweise vollführt sind. In Beziehung auf das Attentat der
Vera Sassulitsch" {der Petersburger Tag und die Presse der ganzen
Welt!} "und den Mord des Generals von Mesenzow" [580] {darüber
später bei Bismarck} "haben Sie in einem hier erscheinenden Blatt
die Frage gelesen: 'Nun, was blieb jenen denn übrig? Wie anders
konnten sie sich helfen?'"
5. "Endlich hat die Sozialdemokratie im Ausland ausdrücklich und
mit direkten Worten ihre Sympathie mit diesen Taten ausgespro-
chen. Der Kongreß der Juraföderation, welcher im Juli dieses Jah-
res in Freiburg getagt hat, hat ausdrücklich erklärt, die Akte
Hödels und Nobilings wären revolutionäre Akte, die seine volle
Sympathie hätten etc." [581]
Aber ist die deutsche Sozialdemokratie "verantwortlich" für die
Äußerungen und movements 1*) einer ihr feindlichen Clique, die
Meuchelmorde
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1*) Taten
#497# Marx - Konspekt Reichstagsdebatte über Sozialistengesetz
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und der[artiges] 2*) bisher in Italien, Schweiz, Spanien {auch
Rußland: Netschajew} nur gegen Glieder "der Richtung Marx" ver-
übt?
{Vorher schon hatte Herr Eulenburg mit Bezug auf dieselben Anar-
chisten gesagt, man habe die Ansicht, daß "die Attentate be-
stellte Arbeit gewesen", aufgeben müssen, "als sogar Organe der
Sozialdemokratie - ich werde hernach eine Probe davon geben - im
Ausland erklärten, daß sie überzeugt seien, es wäre derartiges
nicht der Fall"; er vergißt, die "Probe" zu geben.}
Folgt nun der schöne Passus über die "Richtung Marx" und die
"Richtung der sog. Anarchisten" (p. 50, Kolumne I). Sie sind ver-
schieden, aber "es ist nicht zu leugnen, daß diese Verbindungen
alle in einem gewissen" (welchem? feindlichen) "Zusammenhang zu-
einander stehn", wie dieser gewisse Zusammenhang in der Tat zwi-
schen allen Erscheinungen einer und derselben Epoche besteht.
Will man diesen "Zusammenhang" zu einem cas pendable 3*) machen,
so muß man vor allem seinen bestimmten Charakter nachweisen und
sich nicht mit einer Phrase begnügen, die auf alles und jedes
paßt im Universum, wo alles mit allem in einem "gewissen" Zusam-
menhang steht. Die "Richtung Marx" hat nachgewiesen, daß ein be-
stimmter "Zusammenhang" zwischen den Lehren und Taten der
"Anarchisten" und denen der europäischen "Polizei" besteht. Als
in der Veröffentlichung "L'Alliance" 4*) etc. dieser Zusammenhang
im Detail enthüllt wurde, schwieg die ganze Reptilien- und gutge-
sinnte Presse. Diese "Enthüllungen" paßten ihr nicht in ihren
"Zusammenhang". (Mordattentate hat diese Clique bisher nur auf
die Mitglieder der Richtung "Marx" verübt.)
Nach diesem faux fuyant 5*) knüpft Herr Eulenburg durch ein
unscheinbares "und" einen Satz an, der diesen "Zusammenhang"
nachzuweisen sucht durch einen falschen locus communis 6*), der
dazu noch in besonders "kritischer" Form ausgesprochen:
"...und", fährt er fort, "und es ist eine Erfahrung in solchen
Bewegungen, die auf dem Gesetz der Schwere beruht" {eine Bewegung
kann auf dem Gesetz der Schwere beruhn, z.B. die Bewegung des
Falls, aber die Erfahrung beruht prima facie 7*) auf dem Phänomen
des Falls), "daß die extremen Richtungen" {z.B. im Christentum
die Selbstverstümmelung) "allmählich die Oberhand gewinnen und
die gemäßigteren sich ihnen gegenüber nicht aufrechterhalten kön-
nen." Erstens ist es ein falscher locus communis, daß in histori-
schen Bewegungen die sog. extremen Richtungen der zeitgemäßen Be-
wegung die Oberhand gewinnen, Luther contra Thomas Münzer, die
Puritaner contra Levellers, die Jakobiner contra Hebertisten. Die
Geschichte beweist grade das Gegenteil. Zweitens aber: Die
"Anarchisten"richtung
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2*) in der Handschrift schwer zu entziffern - 3*) todeswürdigen
Verbrechen - 4*) Karl Marx und Friedrich Engels: "Ein Komplott
gegen die Internationale Arbeiter-Association" - 5*) Nach dieser
Ausflucht - 6*) Gemeinplatz - 7*) auf den ersten Blick
#498# Beilagen
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ist kein "Extrem" der deutschen Sozialdemokratie, was Eulenburg
beweisen soll, statt dessen unterstellt. Dort handelt es sich um
die wirkliche historische Bewegung der Arbeiterklasse; die andre
ist ein Phantombild der jeunesse sans issue 8*), die Geschichte
machen wollen, und zeigt nur, wie die Ideen des französischen So-
zialismus in den hommes déclassés 9*) der höheren Klassen sich
karikieren. Demgemäß ist der Anarchismus faktisch überall unter-
legen und vegetiert nur, wo es noch keine wirkliche Arbeiterbewe-
gung gibt. Dies die Tatsache.
Herr Eulenburg beweist nur, wie gefährlich, wenn die "Polizei"
sich aufs "Philosophieren" legt.
Sieh den Satz, der darauf folgt (Kolumne I, p. 51), wo Eulenburg
quasi re bene gesta 10*) spricht.
Er will nun das Gemeinschädliche "der Lehre und Ziele der Sozial-
demokratie" beweisen! Aber wie? Durch 3 Zitate.
Doch vorher noch die glänzende Übergangsphrase:
"Und wenn Sie diese Lehren und Ziele der Sozialdemokratie etwas
näher ins Auge fassen, dann ist nicht, wie vorhin gesagt worden
ist, die friedliche Entwicklung das Ziel, sondern die friedliche
Entwicklung ist nur eine Etappe, welche zu den letzten Zielen
führen soll, die auf keinem andern Weg als auf dem Weg der Gewalt
erreicht werden können." {Etwa wie der "Nationalverein" [582]
eine "Etappe" war, um zu der gewaltsamen Verpreußung Deutschlands
zu führen, so denkt sich Herr Eulenburg [mit] "Blut und Eisen"
die Sache.}
Nimmt man den ersten Teil des Satzes, so spricht er nur eine
Tautologie aus oder eine Dummheit: Hat die Entwicklung ein
"Ziel", "letzte Ziele", so sind diese "Ziele" ihre "Ziele" und
nicht der Charakter der Entwicklung "friedlich" oder
"unfriedlich". Was Eulenburg in der Tat sagen will, ist: Die
friedliche Entwicklung zum Ziele hin ist nur eine Etappe, welche
zur gewaltsamen Entwicklung des Ziels führen soll, und zwar liegt
diese spätere Verwandlung der "friedlichen" in die "gewaltsame"
Entwicklung nach Herrn Eulenburg in der Natur des angestrebten
Ziels selbst. Das Ziel im gegebnen Fall ist die Emanzipation der
Arbeiterklasse und die darin enthaltne Umwälzung (Umwandlung) der
Gesellschaft. "Friedlich" kann eine historische Entwicklung nur
so lange bleiben, als ihr keine gewaltsamen Hindernisse seitens
der jedesmaligen gesellschaftlichen Machthaber in den Weg treten.
Gewinnt z.B. in England oder in [den] Vereinigten Staaten die Ar-
beiterklasse die Majorität im Parlament oder Kongreß, so könnte
sie auf gesetzlichem Weg die ihrer Entwicklung im Weg stehenden
Gesetze und Einrichtungen beseitigen, und zwar auch nur, soweit
die gesellschaftliche Entwicklung dies erfordre. Dennoch könnte
die "friedliche" Bewegung m eine "gewaltsame" umschlagen durch
Auflehnung
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8*) Jugend ohne Ausweg - 9*) Deklassierten - 10*) gleichsam als
wäre alles gut vollbracht
#499# Marx - Konspekt Reichstagsdebatte über Sozialistengesetz
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der im alten Zustand Interessierten; werden sie (wie der Amerika-
nische Bürgerkrieg und [die] Französische Revolution) durch Ge-
walt niedergeschlagen, so als Rebellen gegen die "gesetzliche"
Gewalt.
Was aber Eulenburg predigt, ist gewaltsame Reaktion seitens der
Machthaber gegen die in "friedlicher Etappe" befindliche Entwick-
lung, und zwar um spätere "gewaltsame" Konflikte (seitens der
aufstrebenden Gesellschaftsklasse) zu verhindern; Feldgeschrei
der gewaltsamen Kontrerevolution gegen die faktisch "friedliche"
Entwicklung; in der Tat versucht die Regierung, eine ihr mißlie-
bige, aber gesetzlich unangreifbare Entwicklung gewaltsam nieder-
zuschlagen. Dies die notwendige Einleitung gewaltsamer Revolutio-
nen. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu.
Herr Eulenburg beweist nun die Gewaltlehren der Sozialdemokratie
durch 3 Zitate:
1. Marx sagt in seiner Schrift über das Kapital: "Unsere Zwecke
etc." {Aber "unsere" Zwecke ist gesagt im Namen nicht der deut-
schen Sozialdemokratie, sondern der kommunistischen Partei.} Die
Stelle steht nicht im "Kapital", das 1867 erschienen, sondern im
"Kommunistischen Manifest", welches "1847" erschienen [war], 11*)
also 20 Jahre vor der wirklichen Formation der "deutschen Sozi-
aldemokratie". [583]
2. Und an einer andern Stelle, welche in der Schrift des Herrn
Bebel, "Unsere Ziele", zitiert wird, heißt es als ein Ausspruch
von Marx: {Er selbst, der aus dem "Kapital" eine Stelle zitiert,
die nicht drin steht, zitiert natürlich eine Stelle, die drin
steht, als einen anderswo zitierten Ausspruch (vergleiche Stelle
im "Kapital", 2. Ausgabe).} Aber die Stelle bei Bebel lautet:
"So sehen wir also, wie in den verschiedenen Geschichtsperioden
die Gewalt ihre Rolle spielt, und wohl nicht mit Unrecht ruft K.
Marx (in seinem Buch 'Das Kapital', wo er den Entwicklungsgang
der kapitalistischen Produktion schildert): 'Die Gewalt ist der
Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen
schwanger geht. Sie ist selbst eine ökonomische Potenz.'"
3. Zitat aus Bebel: "Unsere Ziele" (Kolumne I, p. 51), zitiert
nämlich: "Der Verlauf dieser Entwicklung hängt von der Intensität
(Kraft) ab, mit der die beteiligten Kreise die Bewegung erfassen;
er hängt von dem Widerstand ab, den die Bewegung an ihren Gegnern
findet. Das eine ist sicher: Je heftiger der Widerstand, um so
gewaltiger die Herbeiführung des neuen Zustandes. Mit Sprengen
von Rosenwasser wird die Frage auf keinen Fall gelöst." {Dies zi-
tiert Eulenburg aus Bebel, "Unsere Ziele". Es steht p. 16, sieh
die angestrichne Stelle 16 und ditto 15; vgl. ditto die angestri-
chene Stelle p. 43.) Wieder "verfälscht", weil außer dem Zusam-
menhang zitiert.
Nach diesen gewaltigen Leistungen siehe den kindischen und in
sich selbst zerfallenden Blödsinn, den er kohlt über Bismarcksche
"Fühlungen" mit den "Führern der Sozialdemokratie" (p. 51, Ko-
lumne II) [584].
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11*) in der Handschrift schwer zu entziffern
#500# Beilagen
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In derselben Sitzung:
Nach Stolberg spricht Reichensperger. Seine Hauptangst: daß das
Gesetz, welches alles der Polizei unterwirft, auch auf andre der
Regierung mißliebige Parteien anwendbar; dazu ewiges katholisches
Gequäke. (Sieh die angestrichnen Stellen p. 30-35.)
Nach Reichensperger spricht von Helldorf-Bedra. Das naivste:
"Meine Herren, das gegenwärtige Gesetz charakterisiert sich als
ein Präventivgesetz im eminentesten Sinne des Wortes; es bringt
keine Strafbestimmungen, sondern es gibt nur die Befugnis zu Po-
lizeiverboten und knüpft Strafen an die Übertretungen dieser äu-
ßerlich erkennbaren Verbote" (p. 36, Kolumne I). {Es erlaubt nur
der Polizei, alles zu verbieten, und straft keine Übertretung ir-
gendeines Gesetzes, sondern "Übertretung" der Polizeiukase. Eine
sehr gelungene Manier, Strafgesetze überflüssig zu machen.}
Die "Gefahr", gesteht Herr von Helldorf, liegt in den Wahlsiegen-
der Sozialdemokraten, die nicht einmal durch die Attentathetze
beeinträchtigt! Dafür muß gezüchtigt werden. Anwendung des allge-
meinen Wahlrechts in einer der Regierung mißliebigen Weise! (36,
Kolumne II.)
Der Bursche gibt jedoch Reichensperger darin recht, daß die "Be-
schwerdeinstanz", die "Bundesratkommission", Blödsinn. "Es han-
delt sich einfach um die Entscheidung einer polizeilichen Frage,
und eine solche Instanz mit Rechtsgarantien zu umgeben - ent-
schieden falsch"; gegen Mißbrauch hilft "Vertrauen in politisch
hochgestellte Beamte" (37, I und II). Verlangt "Korrektur unseres
Wahlrechts" (38, I).
Geschrieben Ende September 1878.
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