Quelle: Briefe Januar 1888 bis Dezember 1890


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       #462# 220 - Engels an Joseph Bloch - 21./22. September 1890
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       220
       
       Engels an Joseph Bloch
       in Königsberg
       
       London, 21. Sept. 1890
       Sehr geehrter Herr,
       Ihr Brief  vom 3. cr. wurde mir nach Folkestone nachgeschickt; da
       ich aber  das betr.  Buch 1*)  nicht dort  hatte, konnte  ich ihn
       nicht beantworten.  [463] Am  12. wieder  zu Hause  eingetroffen,
       fand ich einen solchen Haufen dringender Arbeit vor, daß ich erst
       heute dazu  komme, Ihnen  ein paar  Zeilen zu schreiben. Dies zur
       Erklärung des Aufschubs mit Bitte um gefl. Entschuldigung.
       Ad I.  Erstens ersehen Sie auf S. 19 des "Ursprungs" 2*), daß der
       Prozeß des  Heranwachsens der  Punaluafamilie als  so  allmählich
       verlaufend dargestellt  wird, daß  selbst noch in diesem Jahrhun-
       dert in  der königlichen  Familie in  Hawai Ehen  von Bruder  und
       Schwester (von  einer Mutter)  vorkamen. Und  im ganzen  Altertum
       finden wir  Beispiele von Geschwisterehen, z.B. noch bei den Pto-
       lemäern. Hier  aber ist  - zweitens  - der  Unterschied zu machen
       zwischen Geschwistern  von mütterlicher oder bloß von väterlicher
       Seite; '???????,  '?????? 3*) kommen her von ??????; Gebärmutter,
       bedeuten also  ursprünglich nur  Geschwister von Mutterseite. Und
       aus der  Periode des  Mutterrechts hat sich noch lange das Gefühl
       erhalten, daß Kinder einer Mutter, wenn auch verschiedener Väter,
       einander näherstehen, als Kinder eines Vaters, aber verschiedener
       Mütter. Die  Punaluaform der  Familie schließt  nur Ehen zwischen
       ersteren, keineswegs  aber zwischen  letzteren aus,  die nach der
       entsprechenden Vorstellung  ja   g a r   n i c h t    e i n m a l
       v e r w a n d t   sind (da  Mutterrecht  gilt).  Nun  beschränken
       sich, soviel  ich weiß, die im griechischen Altertum vorkommenden
       Fälle von  Geschwisterehen auf solche, wo die Leute entweder ver-
       schiedene Mütter haben oder doch solche, von denen dies nicht be-
       kannt, also auch nicht ausgeschlossen ist, widersprechen also dem
       Punaluagebrauch absolut nicht. Sie haben eben übersehen, daß zwi-
       schen der Punaluazeit und der griechischen Monogamie der
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       1*) Friedrich Engels: "Der Ursprung der Familie, des Privateigen-
       tums und  des Staats" - 2*) siehe Band 21 unserer Ausgabe, S. 44-
       45 - 3*) Bruder, Schwester
       
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       Sprung aus  dem Matriarchat  ins Patriarchat liegt, der die Sache
       bedeutend ändert.
       Nach Wachsmuths  "Hellenischen] Alterthümern"  ist im  heroischen
       Zeitalter bei  den Griechen  "von Bedenken über zu nahe Verwandt-
       schaft der  Ehegatten, abgerechnet  das Verhältnis von Eltern und
       Kindern, keine  Spur" (III,  p. 157).  "Ehe  mit  der  leiblichen
       Schwester war  in Kreta  nicht anstößig"  (ib. p. 170). Letzteres
       nach Strabo,  X. Buch,  ich kann  aber die  Stelle augenblicklich
       nicht finden  wegen mangelnder Kapiteleinteilung. - Unter leibli-
       cher Schwester  verstehe ich  bis zum  Gegenbeweis Schwestern von
       Vaterseite.
       Ad II qualifiziere ich Ihren ersten Hauptsatz so: Nach materiali-
       stischer Geschichtsauffassung  ist das in letzter Instanz bestim-
       mende Moment  in der  Geschichte die  Produktion und Reproduktion
       des wirklichen Lebens. Mehr hat weder Marx noch ich je behauptet.
       Wenn nun  jemand das  dahin verdreht,  das ökonomische Moment sei
       das einzig  bestimmende, so  verwandelt er  jenen  Satz  in  eine
       nichtssagende, abstrakte,  absurde Phrase.  Die ökonomische  Lage
       ist die  Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus - po-
       litische Formen  des Klassenkampfs  und seine Resultate - Verfas-
       sungen, nach  gewonnener Schlacht durch die siegende Klasse fest-
       gestellt usw.  - Rechtsformen, und nun gar die Reflexe aller die-
       ser wirklichen  Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, ju-
       ristische, philosophische  Theorien, religiöse  Anschauungen  und
       deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwir-
       kung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen
       in vielen  Fällen vorwiegend  deren Form. Es ist eine Wechselwir-
       kung aller  dieser Momente,  worin schließlich durch alle die un-
       endliche Menge  von Zufälligkeiten (d.h. von Dingen und Ereignis-
       sen, deren innerer Zusammenhang untereinander so entfernt oder so
       unnachweisbar ist,  daß wir  ihn als  nicht vorhanden betrachten,
       vernachlässigen können)  als Notwendiges die ökonomische Bewegung
       sich durchsetzt.  Sonst wäre  die Anwendung  der Theorie auf eine
       beliebige Geschichtsperiode ja leichter als die Lösung einer ein-
       fachen Gleichung ersten Grades.
       Wir machen  unsere Geschichte selbst, aber erstens unter sehr be-
       stimmten Voraussetzungen  und Bedingungen. Darunter sind die öko-
       nomischen die  schließlich entscheidenden.  Aber auch die politi-
       schen usw.,  ja selbst  die in  den Köpfen  der Menschen spukende
       Tradition, spielen eine Rolle, wenn auch nicht die entscheidende.
       Der preußische  Staat ist  auch durch historische, in letzter In-
       stanz ökonomische Ursachen entstanden und fortentwickelt. Es wird
       sich aber  kaum ohne  Pedanterie behaupten  lassen, daß unter den
       vielen Kleinstaaten Norddeutschlands gerade Brandenburg durch
       
       #464# 220 - Engels an Joseph Bloch - 21./22. September 1890
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       ökonomische Notwendigkeit  und nicht  auch durch  andere  Momente
       (vor allen  seine Verwickelung, durch den Besitz von Preußen, mit
       Polen und dadurch mit internationalen politischen Verhältnissen -
       die ja  auch bei  der Bildung der österreichischen Hausmacht ent-
       scheidend sind)  dazu bestimmt  war, die  Großmacht zu werden, in
       der sich  der ökonomische,  sprachliche und  seit der Reformation
       auch religiöse  Unterschied des Nordens vom Süden verkörperte. Es
       wird schwerlich  gelingen, die  Existenz jedes  deutschen  Klein-
       staates der  Vergangenheit und  Gegenwart oder  den Ursprung  der
       hochdeutschen Lautverschiebung,  die die geographische, durch die
       Gebirge von  den Sudeten  bis zum Taunus gebildete Scheidewand zu
       einem förmlichen  Riß durch Deutschland erweiterte, ökonomisch zu
       erklären, ohne sich lächerlich zu machen.
       Zweitens aber  macht sich  die Geschichte so, daß das Endresultat
       stets aus  den Konflikten  vieler Einzelwillen  hervorgeht, wovon
       jeder wieder durch eine Menge besonderer Lebensbedingungen zu dem
       gemacht wird,  was er ist; es sind also unzählige einander durch-
       kreuzende Kräfte, eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogram-
       men, daraus  eine Resultante - das geschichtliche Ergebnis - her-
       vorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als Ganzes, be-
       wußtlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann. Denn
       was jeder  einzelne will,  wird von  jedem andern verhindert, und
       was herauskommt,  ist etwas,  das keiner gewollt hat. So verläuft
       die bisherige  Geschichte nach  Art eines  Naturprozesses und ist
       auch wesentlich  denselben  Bewegungsgesetzen  unterworfen.  Aber
       daraus, daß die einzelnen Willen - von denen jeder das will, wozu
       ihn Körperkonstitution und äußere, in letzter Instanz ökonomische
       Umstände (entweder  seine eignen  persönlichen oder allgemein-ge-
       sellschaftliche) treiben  - nicht  das erreichen, was sie wollen,
       sondern zu einem Gesamtdurchschnitt, einer gemeinsamen Resultante
       verschmelzen, daraus  darf doch nicht geschlossen werden, daß sie
       = 0  zu setzen sind. Im Gegenteil, jeder trägt zur Resultante bei
       und ist insofern in ihr einbegriffen.
       Des weiteren  möchte ich  Sie bitten, diese Theorie in den Origi-
       nalquellen und  nicht aus zweiter Hand zu studieren, es ist wirk-
       lich viel leichter. Marx hat kaum etwas geschrieben, wo sie nicht
       eine Rolle  spielt. Besonders  aber ist  "Der 18. Brumaire des L.
       Bonaparte" ein  ganz ausgezeichnetes  Beispiel  ihrer  Anwendung.
       Ebenso sind  im "Kapital"  viele Hinweise. Dann darf ich Sie auch
       wohl verweisen auf meine Schriften: "Herrn E. Dühring's Umwälzung
       der Wissenschaft"  und "L.  Feuerbach und der Ausgang der klassi-
       schen deutschen Philosophie", wo ich die ausführlichste Darlegung
       des historischen  Materialismus gegeben  habe, die meines Wissens
       existiert.
       
       #465# 220 - Engels an Joseph Bloch - 21./22. September 1890
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       Daß von  den Jüngeren  zuweilen mehr  Gewicht auf die ökonomische
       Seite gelegt  wird, als ihr zukommt, haben Marx und ich teilweise
       selbst verschulden müssen. Wir hatten, den Gegnern gegenüber, das
       von diesen  geleugnete Hauptprinzip  zu betonen, und da war nicht
       immer Zeit,  Ort und  Gelegenheit, die übrigen an der Wechselwir-
       kung beteiligten  Momente zu  ihrem Recht  kommen zu lassen. Aber
       sowie es  zur Darstellung eines historischen Abschnitts, also zur
       praktischen Anwendung  kam, änderte  sich die  Sache, und  da war
       kein Irrtum  möglich. Es  ist aber  leider nur zu häufig, daß man
       glaubt, eine neue Theorie vollkommen verstanden zu haben und ohne
       weiteres handhaben  zu können, sobald man die Hauptsätze sich an-
       geeignet hat,  und das  auch nicht immer richtig. Und diesen Vor-
       wurf kann ich manchem der neueren "Marxisten" nicht ersparen, und
       es ist da dann auch wunderbares Zeug geleistet worden.
       Ad I  habe ich gestern (ich schreibe dies am 22. Sept.) noch fol-
       gende entscheidende, meine obige Darstellung vollauf bestätigende
       Stelle gefunden  bei Schoemann, "Griech[ische] Alterthümer", Ber-
       lin 1855,  I, p. 52: "Daß aber Ehen zwischen Halbgeschwistern Von
       Verschiedenen Müttern  im späteren  Griechenland nicht  als Blut-
       schande galten, ist bekannt."
       Ich hoffe, die entsetzlichen Einschachtelungen, die mir der Kürze
       halber in  die Feder geflossen sind, werden Sie nicht zu sehr ab-
       schrecken, und bleibe
       Ihr ergebener F. Engels
       
       Nach: "Der sozialistische Akademiker".
       1. Jg., Nr. 19. Berlin, 1. Oktober 1895.
       

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