Quelle: Briefe Januar 1888 bis Dezember 1890


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       #488# 236 - Engels an Conrad Schmidt - 27. Oktober 1890
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       236
       
       Engels an Conrad Schmidt
       in Berlin [484]
       
       London, 27. Okt. 1890
       Lieber Schmidt,
       Ich benutze  die erste freie Stunde dazu, Ihnen zu antworten. Ich
       glaube, Sie  werden sehr gut tun, den Züricher Posten anzunehmen.
       [485] Ökonomisch  können Sie  da immer manches lernen, besonders,
       wenn Sie  im Auge  behalten, daß  Zürich immer doch nur ein Geld-
       und Spekulationsmarkt  dritten Rangs  ist und daher die sich dort
       geltend machenden  Eindrücke durch  doppelte und  dreifache Rück-
       spiegelung abgeschwächt  resp. absichtlich  gefälscht sind.  Aber
       Sie lernen  das Getriebe  praktisch kennen und sind genötigt, die
       Börsenberichte erster  Hand aus  London, New York, Paris, Berlin,
       Wien zu  verfolgen, und da tut sich Ihnen der Weltmarkt - in sei-
       nem Reflex als Geld- und Effektenmarkt - auf. Es ist mit den öko-
       nomischen, politischen  und andern Reflexen ganz wie mit denen im
       menschlichen Auge,  sie gehn  durch eine  Sammellinse und stellen
       sich daher verkehrt, auf dem Kopf, dar. Nur daß der Nervenapparat
       fehlt, der  sie für  die Vorstellung  wieder auf die Füße stellt.
       Der Geldmarktsmensch  sieht die  Bewegung der  Industrie und  des
       Weltmarkts eben  nur in  der umkehrenden Widerspieglung des Geld-
       und Effektenmarkts,  und da wird für ihn die Wirkung zur Ursache.
       Das habe ich schon in den 40er Jahren in Manchester gesehn [314]:
       Für den  Gang der  Industrie und ihre periodischen Maxima und Mi-
       nima waren  die Londoner Börsenberichte absolut unbrauchbar, weil
       die Herren  alles aus Geldmarktskrisen, die doch meist selbst nur
       Symptome waren,  erklären wollten. Damals handelte es sich darum,
       die Entstehung  der Industriekrisen aus temporärer Überproduktion
       wegzudemonstrieren, und  die Sache hatte also obendrein noch eine
       tendenzielle, zur  Verdrehung auffordernde  Seite.  Dieser  Punkt
       fällt jetzt - wenigstens ein für allemal für uns - weg, und zudem
       ist es  ja Tatsache,  daß der  Geldmarkt auch seine eignen Krisen
       haben kann,  bei denen direkte Industriestörungen nur eine unter-
       geordnete Rolle  oder selbst gar keine spielen, und hier ist noch
       manches, auch  besonders historisch  für die  letzten  20  Jahre,
       festzustellen und zu untersuchen.
       
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       Wo Teilung der Arbeit auf gesellschaftlichem Maßstab, da ist auch
       Verselbständigung der  Teilarbeiten gegeneinander. Die Produktion
       ist das  in letzter  Instanz Entscheidende. Sowie aber der Handel
       mit den  Produkten sich  gegenüber der eigtl. Produktion verselb-
       ständigt, folgt  er einer eignen Bewegung, die zwar im ganzen und
       großen von der der Produktion beherrscht wird, aber, im einzelnen
       und innerhalb dieser allgemeinen Abhängigkeit, doch wieder eignen
       Gesetzen folgt, die in der Natur dieses neuen Faktors liegen, die
       ihre eignen Phasen hat und ihrerseits wieder auf die Bewegung der
       Produktion zurückschlägt.  Die Entdeckung  Amerikas war dem Gold-
       hunger geschuldet,  der die  Portugiesen vorher schon nach Afrika
       getrieben (cf.  Soetbeers "Edelmetall-Produktion"),  weil die  im
       14. und 15. Jahrhundert so gewaltig ausgedehnte europäische Indu-
       strie und  der ihr  entsprechende Handel mehr Tauschmittel erfor-
       derten, die  Deutschland - das große Silberland 1450-1550 - nicht
       liefern konnte.  Die Eroberung Indiens durch Portugiesen, Hollän-
       der, Engländer  1500-1800 hatte zum Zweck den  I m p o r t  v o n
       Indien, an Export dorthin dachte kein Mensch. Und doch, welch ko-
       lossaler Rückschlag dieser rein durch Handelsinteressen bedingten
       Entdeckungen und Eroberungen auf die Industrie - erst die Bedürf-
       nisse für  den   E x p o r t   n a c h  jenen Ländern schufen und
       entwickelten die große Industrie.
       So ist  es auch  mit dem Geldmarkt. Sowie sich der Geldhandel vom
       Warenhandel trennt, hat er eine - unter gewissen durch Produktion
       und Warenhandel  gesetzten Bedingungen und innerhalb dieser Gren-
       zen -  eigne Entwicklung,  besondre, durch  seine eigne Natur be-
       stimmte Gesetze  und aparte  Phasen. Kommt nun noch dazu, daß der
       Geldhandel sich  in dieser weitern Entwicklung zum Effektenhandel
       erweitert, daß  diese Effekten nicht nur Staatspapiere sind, son-
       dern Industrie-  und Verkehrsaktien  dazukommen,  der  Geldhandel
       also eine  direkte Herrschaft  über einen Teil der ihn, im ganzen
       und großen,  beherrschenden Produktion  sich erobert, so wird die
       Reaktion des Geldhandels auf die Produktion noch stärker und ver-
       wickelter. Die Geldhändler sind Eigentümer der Eisenbahnen, Berg-
       werke, Eisenwerke  etc. Diese Produktionsmittel bekommen ein dop-
       peltes Angesicht:  Ihr Betrieb  hat sich zu richten bald nach den
       Interessen der  unmittelbaren Produktion, bald aber auch nach den
       Bedürfnissen der  Aktionäre, soweit  sie  Geldhändler  sind.  Das
       schlagendste Beispiel  davon: die nordamerikanischen Eisenbahnen,
       deren Betrieb ganz von den - der speziellen Bahn und ihren Inter-
       essen qua 1*) Verkehrsmittel total fremden -
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       1*) als
       
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       momentanen Börsenoperationen eines Jay Gould, Vanderbilt etc. ab-
       hängt. Und  selbst hier  in  England  haben  wir  jahrzehntelange
       Kämpfe der  verschiednen Bahngesellschaften  um die  Grenzgebiete
       zwischen je  zweien gesehn  - Kämpfe,  wo enormes Geld verpulvert
       wurde, nicht  im Interesse  der Produktion und des Verkehrs, son-
       dern einzig  geschuldet einer  Rivalität, die meist nur den Zweck
       hatte, Börsenoperationen  der die  Aktien besitzenden Geldhändler
       zu ermöglichen.
       In diesen  paar Andeutungen  meiner Auffassung  des Verhältnisses
       von Produktion  zu Warenhandel  und von beiden zu Geldhandel habe
       ich im  Grunde auch schon geantwortet auf Ihre Fragen über histo-
       rischen  Materialismus   überhaupt.  Die   Sache  faßt   sich  am
       leichtesten vom  Standpunkt der  Teilung der  Arbeit. Die Gesell-
       schaft erzeugt  gewisse gemeinsame  Funktionen, deren  sie  nicht
       entraten kann.  Die hierzu  ernannten Leute  bilden  einen  neuen
       Zweig der  Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft. Sie er-
       halten damit besondre Interessen auch gegenüber ihren Mandataren,
       sie verselbständigen  sich ihnen  gegenüber, und  - der Staat ist
       da. Und  nun geht es ähnlich wie beim Warenhandel und später beim
       Geldhandel: Die  neue selbständige  Macht hat  zwar im ganzen und
       großen der Bewegung der Produktion zu folgen, reagiert aber auch,
       kraft der ihr innewohnenden, d.h. ihr einmal übertragnen und all-
       mählich weiterentwickelten  relativen  Selbständigkeit,  wiederum
       auf die  Bedingungen und den Gang der Produktion. Es ist Wechsel-
       wirkung zweier  ungleicher Kräfte,  der ökonomischen Bewegung auf
       der einen,  der nach  möglichster Selbständigkeit strebenden und,
       weil einmal  eingesetzten, auch  mit einer Eigenbewegung begabten
       neuen politischen  Macht; die  ökonomische Bewegung setzt sich im
       ganzen und  großen durch,  aber sie muß auch Rückwirkung erleiden
       von der durch sie selbst eingesetzten und mit relativer Selbstän-
       digkeit begabten  politischen Bewegung,  der Bewegung  einerseits
       der Staatsmacht,  andrerseits der  mit ihr gleichzeitig erzeugten
       Opposition. Wie  im Geldmarkt  sich die  Bewegung des  Industrie-
       markts im  ganzen und  großen, und unter oben angedeuteten Vorbe-
       halten, widerspiegelt,  und natürlich  vermehrt, so spiegelt sich
       im Kampf  zwischen Regierung  und Opposition der Kampf der vorher
       schon bestehenden  und kämpfenden  Klassen wider,  aber ebenfalls
       verkehrt, nicht mehr direkt, sondern indirekt, nicht als Klassen-
       kampf, sondern  als Kampf  um politische  Prinzipien, und so ver-
       kehrt, daß es Jahrtausend gebraucht hat, bis wir wieder dahinter-
       kamen.
       Die Rückwirkung  der Staatsmacht  auf die ökonomische Entwicklung
       kann dreierlei  Art sein: Sie kann in derselben Richtung vorgehn,
       dann geht's rascher, sie kann dagegen angehn, dann geht sie heut-
       zutage auf die
       
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       Dauer in jedem großen Volk kaputt, oder sie kann der ökonomischen
       Entwicklung bestimmte Richtungen abschneiden und andre vorschrei-
       ben - dieser Fall reduziert sich schließlich auf einen der beiden
       vorhergehenden. Es  ist aber  klar, daß  in den Fällen II und III
       die politische  Macht der ökonomischen Entwicklung großen Schaden
       tun und Kraft- und Stoffvergeudung in Massen erzeugen kann.
       Dazu nun noch der Fall der Eroberung und brutalen Vernichtung von
       ökonomischen Hülfsquellen,  woran  unter  Umständen  früher  eine
       ganze ökonomische  Lokal- und  Nationalentwicklung  zugrund  gehn
       konnte. Dieser  Fall hat  heute meist entgegengesetzte Wirkungen,
       wenigstens bei den großen Völkern: Der Geschlagne gewinnt auf die
       Dauer ökonomisch,  politisch und  moralisch manchmal mehr als der
       Sieger.
       Mit dem  Jus ist  es ähnlich: Sowie die neue Arbeitsteilung nötig
       wird, die Berufsjuristen schafft, ist wieder ein neues, selbstän-
       diges Gebiet eröffnet, das bei aller seiner allgemeinen Abhängig-
       keit von  der Produktion  und dem  Handel doch auch eine besondre
       Reaktionsfähigkeit gegen diese Gebiete besitzt. In einem modernen
       Staat muß  das Recht  nicht nur der allgemeinen ökonomischen Lage
       entsprechen, ihr  Ausdruck sein,  sondern auch ein in sich zusam-
       menhängender Ausdruck,  der sich  nicht durch innere Widersprüche
       selbst ins  Gesicht schlägt. Und um das fertigzubringen, geht die
       Treue der  Abspiegelung der  ökonomischen Verhältnisse  mehr  und
       mehr in  die Brüche. Und dies um so mehr, je seltner es vorkommt,
       daß ein Gesetzbuch der schroffe, ungemilderte, unverfälschte Aus-
       druck der  Herrschaft einer  Klasse ist: Das wäre ja selbst schon
       gegen den  "Rechtsbegriff". Der  reine, konsequente Rechtsbegriff
       der revolutionären  Bourgeoisie von  1792-96 ist ja schon im Code
       Napoléon [401]  nach vielen Seiten gefälscht, und soweit er darin
       verkörpert, muß  er  täglich  allerhand  Abschwächungen  erfahren
       durch die steigende Macht des Proletariats. Was den Code Napoléon
       nicht hindert,  das Gesetzbuch zu sein, das allen neuen Kodifika-
       tionen in  allen Weltteilen  zugrunde liegt.  So besteht der Gang
       der "Rechtsentwicklung"  großenteils nur  darin, daß erst die aus
       unmittelbarer Übersetzung  ökonomischer Verhältnisse  in juristi-
       sche Grundsätze  sich ergebenden  Widersprüche zu  beseitigen und
       ein harmonisches  Rechtssystem herzustellen gesucht wird und dann
       der Einfluß und Zwang der ökonomischen Weiterentwicklung dies Sy-
       stem immer wieder durchbricht und in neue Widersprüche verwickelt
       (ich spreche hier zunächst nur vom Zivilrecht).
       Die Widerspiegelung  ökonomischer Verhältnisse  als Rechtsprinzi-
       pien ist  notwendig ebenfalls  eine auf  den Kopf  stellende: Sie
       geht vor,  ohne daß  sie den Handelnden zum Bewußtsein kommt, der
       Jurist bildet sich ein, mit
       
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       aprioristischen Sätzen zu operieren, während es doch nur ökonomi-
       sche Reflexe  sind -  so steht  alles auf dem Kopf. Und daß diese
       Umkehrung, die,  solange sie nicht erkannt ist, das konstituiert,
       was wir ideologische Anschauung nennen, ihrerseits wieder auf die
       ökonomische Basis  zurückwirkt und sie innerhalb gewisser Grenzen
       modifizieren kann,  scheint mir selbstverständlich. Die Grundlage
       des Erbrechts,  gleiche Entwicklungsstufe  der Familie  vorausge-
       setzt, ist eine ökonomische. Trotzdem wird es schwer nachzuweisen
       sein, daß z.B. in England die absolute Testierfreiheit, in Frank-
       reich deren  starke Beschränkung in allen Einzelheiten nur ökono-
       mische Ursachen  haben. Aber  in sehr  bedeutender  Weise  wirken
       beide zurück auf die Ökonomie, dadurch, daß sie die Vermögensver-
       teilung beeinflussen.
       Was nun  die noch höher in der Luft schwebenden ideologischen Ge-
       biete angeht,  Religion, Philosophie  etc., so  haben diese einen
       vorgeschichtlichen, von  der geschichtlichen Periode vorgefundnen
       und übernommnen  Bestand von - was wir heute Blödsinn nennen wür-
       den. Diesen  verschiednen falschen  Vorstellungen von  der Natur,
       von der Beschaffenheit des Menschen selbst, von Geistern, Zauber-
       kräften etc. liegt meist nur negativ Ökonomisches zum Grunde; die
       niedrige ökonomische  Entwicklung der  vorgeschichtlichen Periode
       hat zur  Ergänzung, aber  auch  stellenweise  zur  Bedingung  und
       selbst Ursache,  die falschen  Vorstellungen von  der Natur.  Und
       wenn auch das ökonomische Bedürfnis die Haupttriebfeder der fort-
       schreitenden Naturerkenntnis  war und immer mehr geworden ist, so
       wäre es  doch pedantisch,  wollte man für all diesen urzuständli-
       chen Blödsinn  ökonomische Ursachen  suchen. Die  Geschichte  der
       Wissenschaften ist  die Geschichte  der allmählichen  Beseitigung
       dieses Blödsinns,  resp. seiner Ersetzung durch neuen, aber immer
       weniger absurden  Blödsinn. Die Leute, die dies besorgen, gehören
       wieder besondern  Sphären der  Teilung der  Arbeit an  und kommen
       sich vor, als bearbeiteten sie ein unabhängiges Gebiet. Und inso-
       fern sie  eine selbständige  Gruppe innerhalb der gesellschaftli-
       chen Arbeitsteilung  bilden, insofern  haben  ihre  Produktionen,
       inkl. ihrer  Irrtümer, einen  rückwirkenden Einfluß auf die ganze
       gesellschaftliche Entwicklung,  selbst auf  die ökonomische. Aber
       bei alledem stehn sie selbst wieder unter dem beherrschenden Ein-
       fluß der  ökonomischen Entwicklung.  Z.B. in der Philosophie läßt
       sich dies  am leichtesten für die bürgerliche Periode nachweisen.
       Hobbes war  der erste  moderne Materialist (im Sinn des 18. Jahr-
       hunderts), aber Absolutist zur Zeit, wo die absolute Monarchie in
       ganz Europa ihre Blütezeit hatte und in England den Kampf mit dem
       Volk aufnahm.  Locke war  in Religion  wie Politik  der Sohn  des
       Klassenkompromisses von 1688 [480].
       
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       Die englischen  Deisten [487] und ihre konsequenteren Fortsetzer,
       die französischen Materialisten, waren die echten Philosophen der
       Bourgeoisie - die Franzosen sogar der bürgerlichen Revolution. In
       der deutschen  Philosophie von  Kant bis  Hegel geht der deutsche
       Spießbürger durch - bald positiv, bald negativ. Aber als bestimm-
       tes Gebiet  der Arbeitsteilung  hat die  Philosophie jeder Epoche
       ein bestimmtes  Gedankenmaterial zur  Voraussetzung, das  ihr von
       ihren Vorgängern  überliefert worden  und wovon  sie ausgeht. Und
       daher kommt  es, daß  ökonomisch zurückgebliebne  Länder  in  der
       Philosophie doch  die erste Violine spielen können: Frankreich im
       18. Jh.  gegenüber England,  auf dessen Philosophie die Franzosen
       fußten,  später   Deutschland  gegenüber  beiden.  Aber  auch  in
       Frankreich wie in Deutschland war die Philosophie, wie die allge-
       meine Literaturblüte jener Zeit, auch Resultat eines ökonomischen
       Aufschwungs. Die  schließliche Suprematie  der ökonomischen  Ent-
       wicklung auch  über diese Gebiete steht mir fest, aber sie findet
       statt innerhalb  der durch  das  einzelne  Gebiet  selbst  vorge-
       schriebnen Bedingungen:  in der Philosophie z.B. durch Einwirkung
       ökonomischer Einflüsse  (die meist  wieder erst  in ihrer politi-
       schen usw.  Verkleidung wirken)  auf das vorhandne philosophische
       Material, das die Vorgänger geliefert haben. Die Ökonomie schafft
       hier nichts  a novo  2*), sie bestimmt aber die Art der Abändrung
       und Fortbildung  des vorgefundnen  Gedankenstoffs, und  auch  das
       meist  indirekt,   indem  es   die   politischen,   juristischen,
       moralischen Reflexe  sind, die die größte direkte Wirkung auf die
       Philosophie üben.
       Über die Religion habe ich das Nötigste im letzten Abschnitt über
       Feuerbach 3*) gesagt.
       Wenn also  Barth meint,  wir leugneten  alle und jede Rückwirkung
       der politischen  usw. Reflexe der ökonomischen Bewegung auf diese
       Bewegung selbst,  so kämpft  er einfach gegen Windmühlen. Er soll
       sich doch nur den "18. Brumaire" von Marx ansehn, wo es sich doch
       fast nur  um die  besondre Rolle  handelt,  die  die  politischen
       Kämpfe und  Ereignisse spielen,  natürlich innerhalb ihrer allge-
       meinen  Abhängigkeit   von  ökonomischen  Bedingungen.  Oder  das
       "Kapital", den  Abschnitt z.B.  über den  Arbeitstag, wo  die Ge-
       setzgebung, die  doch ein  politischer Akt  ist, so einschneidend
       wirkt. Oder  den Abschnitt  über die  Geschichte der  Bourgeoisie
       (24. Kapitel).  4*) Oder warum kämpfen wir denn um die politische
       Diktatur des  Proletariats, wenn  die politische Macht ökonomisch
       ohnmächtig ist?  Die Gewalt  (d.h. die Staatsmacht) ist auch eine
       ökonomische Potenz!
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       2*) neu -  3*) "Ludwig Feuerbach  und der Ausgang der klassischen
       deutschen Philosophie"  -4*) siehe Band  23 unserer  Ausgabe,  S.
       245-320 und 741-791
       
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       Aber das Buch [488] zu kritisieren hab' ich jetzt keine Zeit. Der
       III. Band  5*) muß  zuerst heraus,  und übrigens  glaube ich, daß
       auch z.B. Bernstein ganz gut das abmachen könnte.
       Was den  Herren allen  fehlt, ist  Dialektik. Sie  sehn stets nur
       hier Ursache,  dort Wirkung. Daß dies eine hohle Abstraktion ist,
       daß in der wirklichen Welt solche metaphysische polare Gegensätze
       nur in Krisen existieren, daß der ganze große Verlauf aber in der
       Form der Wechselwirkung - wenn auch sehr ungleicher Kräfte, wovon
       die ökonomische  Bewegung weitaus  die stärkste, ursprünglichste,
       entscheidendste -  vor sich geht, daß hier nichts absolut und al-
       les relativ ist, das sehn sie nun einmal nicht, für sie hat Hegel
       nicht existiert.
       Was den Parteikrakeel angeht, so haben die Herren von der Opposi-
       tion mich  mit Gewalt hineingezerrt, und da blieb mir keine Wahl.
       Die Art,  wie Herr Ernst mich behandelt hat, ist absolut unquali-
       fizierbar, wenn  ich ihn  nicht einen  Schuljungen  nennen  soll.
       [421] Daß  der Mann krank ist und schreiben muß, um zu leben, tut
       mir leid.  Aber wer  eine so  starke Phantasie  hat, daß er nicht
       eine Zeile  lesen kann, ohne das Gegenteil des Gesagten herauszu-
       lesen, der  kann seine Phantasie auf andern Gebieten anwenden als
       auf dem  nicht phantastischen  des Sozialismus.  Er soll  Romane,
       Dramen, Kunstkritiken  und dergleichen  schreiben, da  schadet er
       nur der Bourgeoisbildung und nützt uns damit. Vielleicht kommt er
       dann auch so weit zur Reife, daß er imstande ist, auch auf unserm
       Feld etwas zu leisten. Aber das muß ich sagen: Solch ein Wust un-
       reifen Zeugs und absoluten Blödsinns, wie diese Opposition zutage
       gefördert, ist  mir noch  nie und nirgends vorgekommen. Und diese
       grünen Jungen,  die nichts  sehn als  ihren maßlosen Eigendünkel,
       wollen die  Parteitaktik vorschreiben!  Aus einer einzigen Bebel-
       schen Korrespondenz  in der  Wiener "Arb[eiter-]Z[ei]t[un]g" habe
       ich mehr  gelernt als  aus dem  ganzen Wust dieser Leute. Und die
       bilden sich ein, mehr wert zu sein als dieser klare Kopf, der die
       Verhältnisse so wunderbar richtig auffaßt und so handgreiflich in
       zwei Worten  schildert! Es  sind alles mißratne Belletristen, und
       selbst der wohlgeratne Belletrist ist schon ein schlimmes Tier.
       Wenn die  "Volks-Trib[üne]" unterginge,  sollte mir das leid tun.
       Unter Ihrer  Redaktion hat  sich gezeigt, daß ein solches Wochen-
       blatt mehr  theoretischen als  aktuellen Inhalts schon etwas lei-
       sten könnte  - und  ich weiß ja, welche Sorte Mitarbeiter Sie ha-
       ben! Aber  freilich, neben der "Neuen Zeit", seitdem die wöchent-
       lich geworden, wird's vielleicht fraglich, ob sie haltbar.
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       5*) des "Kapital"
       
       #495# 236 - Engels an Conrad Schmidt - 27. Oktober 1890
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       Jedenfalls werden Sie sich freuen, die Leiden und Freuden der Re-
       daktion ablegen  zu können  und Zeit für andre als rein journali-
       stische Arbeiten  zu finden.  Und auch in Berlin wird die nächste
       Zeit noch  durch allerhand  Nachklänge des  letzten Krakeels  be-
       herrscht sein,  und dabei kommt nichts heraus für den, der mitten
       drinsteht.
       Der Abdruck  der Stelle meines Briefs hat nichts geschadet [489],
       aber so  etwas geschieht  doch besser  nicht. In Briefen schreibt
       man aus  dem Kopf  und rasch, ohne Nachschlagen etc., und da kann
       denn immer  ein Ausdruck  mit unterlaufen, an den sich dann einer
       von jenen,  bei uns  am Rhein als Korinthenscheißer bezeichneten,
       Leuten hängt und Gott weiß was für Blödsinn daraus ableitet.
       Besten Dank für Ihre antizipierten Glückwünsche zu meinem 70. Ge-
       burtstag, zu  dem es immer noch einen Monat Zeit hat. Es geht mir
       soweit noch  recht wohl, nur daß ich meine Augen noch immer scho-
       nen muß und bei Gaslicht nicht schreiben darf. Wollen hoffen, daß
       es so bleibt.
       Jetzt muß ich aber schließen.
       Mit herzlichen Grüßen
       Ihr F. Engels
       

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