Quelle: Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #205# 104 - Engels an W. Borgius - 25. Januar 1894
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       104
       
       Engels an W. Borgius
       in Breslau [245]
       
       London, 25. Januar 1894
       122, Regent's Park Road, N.W.
       Sehr geehrter Herr,
       Hier die Antwort auf Ihre Fragen!
       1. Unter den  ökonomischen Verhältnissen, die wir als bestimmende
       Basis der  Geschichte der Gesellschaft ansehen, verstehen wir die
       Art und  Weise, worin  die Menschen einer bestimmten Gesellschaft
       ihren Lebensunterhalt  produzieren und die Produkte untereinander
       austauschen  (soweit   Teilung  der  Arbeit  besteht).  Also  die
       g e s a m t e   T e c h n i k   der Produktion und des Transports
       ist da  einbegriffen. Diese Technik bestimmt nach unserer Auffas-
       sung auch  die Art  und Weise des Austausches, weiterhin der Ver-
       teilung der  Produkte und damit, nach der Auflösung der Gentilge-
       sellschaft, auch  die Einteilung  der Klassen,  damit  die  Herr-
       schafts- und  Knechtschaftsverhältnisse,  damit  Staat,  Politik,
       Recht etc.  Ferner sind  einbegriffen unter den ökonomischen Ver-
       hältnissen die    g e o g r a p h i s c h e    G r u n d l a g e,
       worauf diese  sich abspielen,  und die  tatsächlich überlieferten
       Reste früherer  ökonomischer Entwicklungsstufen, die sich forter-
       halten haben,  oft nur durch Tradition oder vis inertiae 1*), na-
       türlich auch das diese Gesellschaftsform nach außen hin umgebende
       Milieu.
       Wenn die  Technik, wie  Sie sagen, ja größtenteils vom Stande der
       Wissenschaft abhängig ist, so noch weit mehr diese vom  S t a n d
       und  d e n  B e d ü r f n i s s e n  der Technik. Hat die Gesell-
       schaft ein  technisches Bedürfnis,  so hilft das der Wissenschaft
       mehr  voran   als  zehn   Universitäten.  Die  ganze  Hydrostatik
       (Torricelli etc.)  wurde hervorgerufen  durch das  Bedürfnis  der
       Regelung der Gebirgsströme in Italien im 16. und 17. Jahrhundert.
       Von der Elektrizität wissen wir erst etwas Rationelles, seit ihre
       technische Anwendbarkeit  entdeckt. In  Deutschland hat  man sich
       aber leider  daran gewöhnt,  die Geschichte der Wissenschaften so
       zu schreiben, als wären sie vom Himmel gefallen.
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       1*) Trägheitskraft
       
       #206# 104 - Engels an W. Borgius - 25. Januar 1894
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       2. Wir sehen  die ökonomischen Bedingungen als das in letzter In-
       stanz die  geschichtliche Entwicklung  Bedingende  an.  Aber  die
       Rasse ist selbst ein ökonomischer Faktor. Nun sind hier aber zwei
       Punkte nicht zu übersehen:
       a) Die politische, rechtliche, philosophische, religiöse, litera-
       rische, künstlerische  etc. Entwicklung  beruht auf  der ökonomi-
       schen. Aber  sie alle reagieren auch aufeinander und auf die öko-
       nomische  Basis.   Es  ist   nicht,  daß   die  ökonomische  Lage
       U r s a c h e,   a l l e i n  a k t i v  ist und alles andere nur
       passive Wirkung.  Sondern es ist Wechselwirkung auf Grundlage der
       i n   l e t z t e r I n s t a n z  stets sich durchsetzenden öko-
       nomischen Notwendigkeit.  Der Staat  z.B. wirkt ein durch Schutz-
       zölle, Freihandel,  gute oder schlechte Fiskalität, und sogar die
       aus der  ökonomischen Elendslage  Deutschlands von  1648 bis 1830
       entspringende  tödliche  Ermattung  und  Impotenz  des  deutschen
       Spießbürgers, die  sich äußerte zuerst im Pietismus, dann in Sen-
       timentalität und  kriechender Fürsten- und Adelsknechtschaft, war
       nicht ohne  ökonomische Wirkung. Sie war eins der größten Hinder-
       nisse des  Wiederaufschwungs und  wurde erst erschüttert dadurch,
       daß die  Revolutions- und  Napoleonischen Kriege  das  chronische
       Elend akut  machten. Es  ist also nicht, wie man sich hier und da
       bequemerweise vorstellen will, eine automatische Wirkung der öko-
       nomischen Lage,  sondern  die  Menschen  machen  ihre  Geschichte
       selbst, aber  in einem  gegebenen, sie  bedingenden  Milieu,  auf
       Grundlage vorgefundener  tatsächlicher Verhältnisse,  unter denen
       die ökonomischen, sosehr sie auch von den übrigen politischen und
       ideologischen beeinflußt  werden mögen,  doch in  letzter Instanz
       die entscheidenden  sind und  den durchgehenden,  allein zum Ver-
       ständnis führenden roten Faden bilden.
       b) Die Menschen  machen ihre  Geschichte selbst,  aber bis  jetzt
       nicht mit Gesamtwillen nach einem Gesamtplan, selbst nicht in ei-
       ner bestimmt abgegrenzten gegebenen Gesellschaft. Ihre Bestrebun-
       gen  durchkreuzen  sich,  und  in  allen  solchen  Gesellschaften
       herrscht ebendeswegen  die  N o t w e n d i g k e i t,  deren Er-
       gänzung und  Erscheinungsform die   Z u f ä l l i g k e i t  ist.
       Die Notwendigkeit,  die hier  durch alle Zufälligkeit sich durch-
       setzt, ist  wieder schließlich  die ökonomische. Hier kommen dann
       die sogenannten großen Männer zur Behandlung. Daß ein solcher und
       grade dieser  zu dieser bestimmten Zeit in diesem gegebenen Lande
       aufsteht, ist  natürlich reiner  Zufall. Aber  streichen wir  ihn
       weg, so  ist Nachfrage  da für  Ersatz und  dieser Ersatz  findet
       sich, tant  bien que  mal 2*), aber er findet sich auf die Dauer.
       Daß Napoleon grade dieser Korse, der Militärdiktator war, den die
       durch eignen Krieg erschöpfte französische Republik nötig machte,
       das war Zufall; daß
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       2*) recht oder schlecht
       
       #207# 104 - Engels an W. Borgius - 25. Januar 1894
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       aber in  Ermangelung eines  Napoleon ein andrer die Stelle ausge-
       füllt hätte, das ist bewiesen dadurch, daß der Mann sich jedesmal
       gefunden, sobald  er nötig  war: Cäsar,  Augustus, Cromwell  etc.
       Wenn Marx die materialistische Geschichtsauffassung entdeckte, so
       beweisen Thierry,  Mignet, Guizot,  die sämtlichen englischen Ge-
       schichtsschreiber bis  1850, daß darauf angestrebt wurde, und die
       Entdeckung derselben  Auffassung durch  Morgan beweist,  daß  die
       Zeit für sie reif war und sie eben entdeckt werden  m u ß t e.
       So mit  allem andern  Zufälligen und  scheinbar Zufälligen in der
       Geschichte. Je weiter das Gebiet, das wir grade untersuchen, sich
       vom Ökonomischen  entfernt und sich dem reinen abstrakt Ideologi-
       schen nähert, desto mehr werden wir finden, daß es in seiner Ent-
       wicklung Zufälligkeiten aufweist, desto mehr im Zickzack verläuft
       seine Kurve.  Zeichnen Sie aber die Durchschnittsachse der Kurve,
       so werden  Sie finden, daß, je länger die betrachtete Periode und
       je größer das so behandelte Gebiet ist, daß diese Achse der Achse
       der ökonomischen Entwicklung um so mehr annähernd parallel läuft.
       Das größte Hindernis zum richtigen Verständnis ist in Deutschland
       die unverantwortliche  Vernachlässigung in der Literatur der öko-
       nomischen Geschichte.  Es ist  so schwer,  nicht nur sich die auf
       der  Schule  eingepaukten  Geschichtsvorstellungen  abzugewöhnen,
       sondern noch  mehr, das Material zusammenzutrommeln, das dazu nö-
       tig ist.  Wer z.B. hat nur den alten G. v. Gülich gelesen, der in
       seiner trocknen  Materialsammlung doch  soviel Stoff  enthält zur
       Aufklärung unzähliger politischer Tatsachen!
       Übrigens sollte  Ihnen doch,  glaube ich, das schöne Exempel, das
       Marx im  "18. Brumaire" gegeben hat, schon über Ihre Fragen ziem-
       liche Auskunft geben, grade weil es ein praktisches Beispiel ist.
       Auch glaube  ich im "Anti-Dühring" I, Kap. 9-11 und II, 2-4 sowie
       III,  1  oder  Einleitung  und  dann  im  letzten  Abschnitt  des
       "Feuerbach" die meisten Punkte bereits berührt zu haben.
       Ich bitte,  in obigem die Worte nicht auf die Goldwaage zu legen,
       sondern den  Zusammenhang im Auge zu behalten; ich bedaure, nicht
       die Zeit zu haben, Ihnen so exakt ausgearbeitet zu schreiben, wie
       ich es für die Öffentlichkeit müßte.
       Herrn ...,  3*) bitte  ich meine  Empfehlung zu machen und ihm in
       meinem Namen  zu danken  für die  Zusendung der ... 3*), die mich
       sehr erheitert hat.
       Hochachtend ergebenst F. Engels
       
       Nach: "Der sozialistische Akademiker",
       Nr. 20, Berlin 1895.
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       3*) so in der gedruckten Vorlage
       

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