Quelle: Engels: Schriften 1839 bis 1844


       zurück

       
       #371# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       15
       
       Engels an Friedrich Graeber
       
       [Bremen, um den 23. April - 1. Mai 1839]
       Fritz Graeber.
       Ich beschäftige  mich jetzt  sehr mit  Philosophie und kritischer
       Theologie. Wenn  man 18 Jahre alt wird, Strauß, die Rationalisten
       und die  "Kirchen-Zeitung" kennenlernt, so muß man entweder alles
       ohne Gedanken  lesen oder anfangen, an seinem Wuppertaler Glauben
       zu zweifeln.  Ich begreife  nicht, wie die orthodoxen Prediger so
       orthodox sein  können, da sich doch offenbare Widersprüche in der
       Bibel finden.  Wie kann  man die  beiden Genealogien Josephs, des
       Mannes der  Maria, die  verschiedenen Angaben  bei der Einsetzung
       des Abendmahls  (dies ist  mein Blut, dies ist das neue Testament
       in meinem  Blut), bei  den Besessenen  (der 1. erzählt, der Dämon
       fuhr bloß  aus, der  2., er  fuhr in  die Säue), die Angabe, Jesu
       Mutter sei ausgezogen, ihren Sohn zu suchen, den sie für wahnsin-
       nig hielt,  obwohl sie  ihn wunderbar  empfangen  etc.,  mit  der
       Treue, der  wörtlichen Treue der Evangelisten reimen? Und nun die
       Abweichung beim  "Unser Vater",  in der  Reihenfolge  der  Wunder
       [325], die  eigentümlich tiefe  Auffassung des  Johannes, wodurch
       aber die  Form der Erzählung offenbar getrübt wird, wie da? Chri-
       sti ipsissima  verba 1*), worauf die Orthodoxen pochen, lauten in
       jedem Evangelium  anders. Vom Alten Testament gar nicht zu reden.
       Aber in  dem lieben  Barmen wird  einem das nicht gesagt, da wird
       man nach ganz andern Grundsätzen unterrichtet. Und worauf gründet
       sich die  alte Orthodoxie?  Auf nichts als auf - den Schlendrian.
       Wo fordert  die Bibel  wörtlichen Glauben  an ihre Lehre, an ihre
       Berichte? Wo  sagt ein Apostel, daß alles, was er erzählt, unmit-
       telbare Inspiration ist? Das ist kein Gefangennehmen der Vernunft
       unter den  Gehorsam Christi,  was die Orthodoxen sagen, nein, das
       ist ein  Töten des  Göttlichen im Menschen, um es durch den toten
       Buchstaben zu  ersetzen. Darum  bin ich noch ein ebenso guter Su-
       pranaturalist wie  vorher, aber  das Orthodoxe habe ich abgelegt.
       So kann  ich nun und nimmer glauben, daß ein Rationalist, der von
       ganzem Herzen das Gute soviel wie möglich zu tun sucht, ewig ver-
       dammt werden soll. Das widerspricht auch der Bibel
       -----
       1*) Christus' höchsteigene Worte
       
       #372# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       selbst. Denn  es steht  geschrieben, daß  um der  Erbsünde willen
       keiner verdammt  ist, sondern um seiner eignen Sünde willen; wenn
       nun einer der Erbsünde aus aller Kraft widersteht und tut, was er
       kann, so  sind doch  seine wirklichen Sünden nur notwendige Folge
       der Erbsünde, also können ihn die nicht verdammen.
       Den 24.  April.  Ha,  ha,  ha!  Weißt  Du,  wer  den  Aufsatz  im
       "Telegraphen" gemacht  hat? Schreiber  dieses ist  der  Verfasser
       1*), aber  ich rate Dir, nichts davon zu sagen, ich käm in hölli-
       sche Schwulitäten.  Kohl, Ball und Hermann kenne ich fast nur aus
       Rezensionen W.  Blanks und Strückers, die ich fast wörtlich abge-
       schrieben habe;  daß Kohl aber kohlt und Hermann ein schwachmati-
       scher Pietist  ist, weiß  ich aus eigner Anhörung. Der D. ist der
       Kontorjüngling Dürholt  bei Wittensteins in Unterbarmen. Übrigens
       tu ich mir was drauf zugut, daß ich darin nichts gesagt habe, was
       ich nicht  beweisen kann.  Eins nur  ärgert  mich:  daß  ich  den
       S t i e r  nicht bedeutend genug dargestellt, er ist als Theologe
       nicht zu  verachten. Bewunderst  Du aber nicht meine Kenntnis der
       Charaktere, besonders  Krummachers, Dörings (was über dessen Pre-
       digt gesagt,  hat mir P. Jonghaus erzählt) und der Literatur? Die
       Bemerkungen über  Freiligrath müssen  wohl gut  sein, sonst hätte
       sie Gutzkow  gestrichen. Der  Stil ist  übrigens hundeschlecht. -
       Der Aufsatz  scheint übrigens  Sensation gemacht  zu haben  - ich
       verpflichte Euch fünf auf Euer Ehrenwort, niemandem zu sagen, daß
       ich der  Verfasser bin.  Kapiert? Was  das Schimpfen betrifft, so
       habe ich  das meistens auf Dich und Wilhelm gehäuft, weil ich die
       Briefe an  Euch grade  vor mir liegen hatte, als mich die Lust zu
       schimpfen überkam.  Besonders soll  F. Plümacher  nicht erfahren,
       daß ich  den Aufsatz  gemacht habe. Was der Ball übrigens für ein
       Kerl ist!  Karfreitag soll er predigen, hat keine Lust zu studie-
       ren und  lernt deshalb  eine Predigt  auswendig, die  er im "Men-
       schenfreund" findet,  und hält sie. Krummacher ist in der Kirche,
       ihm kommt die Predigt bekannt vor, und endlich fällt ihm ein, daß
       er selbst  die Predigt Karfreitag 1832 gehalten hat. Andre Leute,
       die die  Predigt gelesen  haben, erkennen sie auch, Ball wird zur
       Rede gestellt und muß bekennen. Signum est, Ballum non tantum ab-
       horrere a  Kr[ummachero], ut  Tu quidem dixisti. 2*) Für die aus-
       führliche Rezension  des "Faust"  bin ich Dir sehr verbunden. Die
       Bearbeitung des  Stücks ist  wohl die  elende Raupachsche, dieser
       Hundsfott mischt  sich in alles und verdirbt nicht nur den Schil-
       ler, indem er dessen Bilder und Gedanken in seinen Trägödien
       -----
       1*) Siehe Band  1 unserer  Ausgabe, S.  413-432 -  2*) Es ist ein
       Zeichen dafür,  daß Ball dem Kru[mmacher] nicht so abgeneigt ist,
       wie Du zwar gesagt hast.
       
       #373# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       abdrischt, sondern  auch den  Goethe dadurch,  daß  er  ihn  mal-
       trätiert. Daß  meine Poemata einen reißenden Abgang haben werden,
       ist zu  bezweifeln, aber  daß sie  einen scheißenden Abgang haben
       werden, ist  eher  möglich,  denn  sie  gehen  in  Makulatur  und
       Arschwische über.  Dein Rotgeschriebenes  konnte ich nicht lesen,
       werde also  weder 5  Silbergroschen noch  Zigarren  schicken.  Du
       wirst dieses  Mal entweder  die Kanzone oder ein Stück der begon-
       nenen, aber  unvollendeten Komödie bekommen. Jetzt muß ich gleich
       in die Singstunde gehen, adieu.
       Den 27. April.
       Fragmente einer Tragikomödie:
       Der gehörnte Siegfried
       
       I
       
       Palast des Königs Sieghard
       Ratsversammlung.
       
       Sieghard:
       So seid Ihr Treuen versammelt wieder,
       Als Unsres Reiches starke Glieder
       Um Unsern hohen Königsthron
       Ihr alle - doch es fehlt Unser Sohn!
       Der streift wohl wieder fern im Wald,
       wird nie verständig, ist schon so alt,
       Statt hier in Unsrem Rat zu sitzen,
       Wo Wir vom Morgen zum Abend schwitzen,
       Statt hier der Greise Wort zu hören,
       Soll ihn der Vögel Geschrei belehren;
       Statt hier der Weisheit nachzujagen,
       Will er sich mit den Bären schlagen;
       Und spricht er mit Unsrer Majestät,
       Verlangt er Krieg nur früh und spät.
       Wir hätten ihm längst schon nachgegeben,
       Hätt' Uns Gott in seiner Weisheit eben
       Nicht solche Erkenntnis zugeteilt,
       Daß Unser Verstand sich nicht übereilt.
       Wie sollte ganz verderben das Land,
       
       #374# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       Hätte seinen Willen solch ein Fant!
       
       Ein Rat:
       Eure Majestät spricht, wie immerdar,
       Gar weise und trifft die Sach' aufs Haar.
       Jeden noch, mit meines Königs Verlaub,
       Sag ich, was ich in meiner Einfalt glaub.
       Des Menschen Weis' ist mannigfalt.
       Der Knab' ist achtzehn Jahr erst alt,
       Ihm steht der Sinn nach Jagd und Streit,
       Die Weisheit kommt auch mit der Zeit.
       Denn Jugendmut rennt frei hinaus,
       Die Weisheit bleibet still zu Haus;
       Der Jugendmut wird endlich zahm,
       Und seine stolze Kraft wird lahm,
       Dann kehrt zur Weisheit er zurück,
       Und find't daheim bei ihr sein Glück.
       Drum laßt den Jungen bald ausreiten,
       Mit Drachen und mit Riesen streiten;
       Gar rasch ereilt ihn das Alter doch,
       Das und das Leben, diese lehren Ihm
       beide wohl die Weisheit noch,
       Dann wird er gern ihren Worten hören.
       
       Siegfried: (tritt ein):
        O Wald, muß ich dich lassen
        Mit deinen Bäumen frisch?
        In dir ist besser prassen
        Als an des Königs Tisch;
        Wo wohnt das Wild mit Freuden,
        Als in dem Waldestal?
        Das grüne Laubdach neiden
        Die goldnen Hall'n zumal.
       Ich seh's, Herr Vater,
       Ihr wollt schelten,
       Daß ich so lang umhergeschweift;
       Muß ich es immer denn entgelten,
       Wenn mir zu schnell der Eber läuft?
       Nicht jagen soll ich, auch nicht streiten,
       So gebt ein Roß mir und ein Schwert;
       Dann mag ich in die Fremde reiten,
       Wie ich's so oft von Euch begehrt!
       
       #375# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       Sieghard:
       Steht Dir der Sinn noch stets danach?
       Wann willst Du endlich weise werden?
       Solang Dein Übermut so jach,
       Wirst Du Dich nimmer klug gebärden.
       Und weil es doch das beste Mittel,
       Den Willen Dir zu geben frei,
       So geh, ein derber Riesenknittel
       Weckt Dich schon aus der Träumerei.
       Nimm Schwert und Roß Dir, zieh hinaus,
       Kehr bald und klüger in Unser Haus.
       
       Siegfried:
       Habt Ihr's gehört? Ein Schwert, ein Roß!
       Was frag' ich da nach Helm und Brünne?
       Was frag' ich nach der Knappen Troß?
       Allein mit meinem kühnen Sinne!
       Der wilde Bergstrom gießt sich brausend
       Allein durch Waldesschlucht voran,
       Die Fichten stürzen vor ihm sausend,
       So wühlt er selbst sich eine Bahn,
       Und wie der Bergstrom will ich sein,
       Die Bahn mir brechend ganz allein.
       
       Rat:
       Nicht gräm' sich drob Eu'r Majestät,
       Wenn der junge Held von hinnen geht;
       Der Bergstrom auch kommt einst zu Tal,
       Dann kracht nicht mehr der Bäume Fall,
       Dann fließt er durch die Ebne still,
       Macht fruchtbar rings die Lande,
       Der Wellen Wüten wird ein Spiel,
       Endlich verrinnend im Sande.
       
       Siegfried:
       Was soll ich länger weilen
       Hier in dem alten Schloß?
       Da hängt ein Schwert am Pfeiler,
       Und draußen wiehert ein Roß;
       
       #376# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       Komm her von deiner Säule,
       Du altes, blankes Schwert,
       Daß ich von hinnen eile -
       Lebt wohl, mein Vater wert! (Ab.)
       
       II
       
       Schmiede im Wald
       
       Siegfried tritt ein.
       Der Meister tritt ein.
       
       Meister:
       Ihr seid hier in der großen Schmiede,
       Wo man die schönen Novellen macht,
       Die in Almanachen, samt manchem Liede
       Entfalten ihre hehre Pracht.
       Journale werden hier gehämmert,
       Kritik und Poesie vereinend,
       Vom Morgen, bis der Abend dämmert,
       Seht Ihr die Glut der Esse scheinend.
       Doch geht - genießt erst Speis und Wein -
       Lehrbursch, führ den Herrn da hinein.
       (Siegfried mit dem Lehrburschen ab.)
       
       Meister:
       Wohlan zur Arbeit, ihr Gesellen,
       Ich steh' Euch wirkend stets zur Seite;
       Schlagt auf dem Amboß die Novellen,
       Daß sie recht gehen in die Breite!
       Durchglüht die Lieder in der Essen,
       Daß sie das Feu'r recht in sich fressen;
       Werft alles dann auf einen Kloß,
       Des Publikums Magen ist gar groß.
       Und habt Ihr nicht des Eisens genug,
       Dafür weiß Rat der Meister klug;
       Drei Helden von Scott, 3 Frau'n von Goethen,
       Ein Ritter von Fouqué, grimm und stählern,
       Mehr sind wahrhaftig nicht vonnöten
       Zu den Novellen von zwölf Erzählern!
       
       #377# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       Für Lieder sind Uhlands Poesien
       Ein ganzes Floskelmagazin.
       Drum schwingt den Hammer mit aller Kraft,
       Der Beste ist, wer das meiste schafft!
       
       Siegfried: (kommt wieder):
       Dank Meister, für den guten Wein,
       Ich trank zwölf Maß davon hinein.
       
       Meister:
       (Verfluchter Kerl!) Mich freut es sehr,
       Daß Euch mein Rheinwein hat gefallen;
       Behebt's Euch nun, so tretet her,
       Ich mach' Euch bekannt mit den Arbeitern allen.
       Hier dieser ist der Allerbeste,
       Macht liederliche und ehrenfeste
       Erzählungen, wie ich's verlange,
       Läßt sich loben vom großen Wolfgange
       Menzel, der in Stuttgart sitzt,
       Sein Name ist: Herr von Tromlitz.
        Der andre hier ist fast so gut,
       Ist auch von adeligem Blut,
       Das ist von Wachsmann das große C,
       Einen Beßren ich hier nirgend seh;
       Kein Almanach kann existieren,
       In dem man ihn nicht tut verspüren,
       Der wirft Novellen zu Dutzenden
       Ins Angesicht dem Publikum, dem stutzenden,
       Arbeitet im Schweiß seines Angesichts,
       Und was am meisten sagen will,
       Für Poesie tat er noch nichts,
       Für Geschmacksentnervung unendlich viel.
       Denn Geschmack, vor dem bin ich sehr bang,
       Nur der bringt uns den Untergang.
       Da ist ein Dritter, Robert Heller,
       Sein Stil ist poliert wie 1 zinnerner Teller,
       Für Silber hält's das Publikum,
       Wir lassen es gerne also dumm.
       Zwar macht er nicht soviel wie die beiden
       
       #378# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       Und hascht auch wohl nach Charakteristik,
       Doch hat er jetzt - er kann sie nicht leiden,
       Aufs Maul gegeben eins der Mystik.
       Ihr wißt, die 4 Evangelisten
       Waren nur dumme Pietisten,
       Die hat er ein wenig vorgenommen;
       Sie entkleidet des Ehrwürd'gen und Frommen,
       Präpariert zum Teetischgenuß -
       Lest seine Schwestern des Lazarus [326].
       Auch weiß er gar anmutig zu kosen,
       Mehr findet Ihr in seinen Klatschrosen [327].
        Hier ist die unterhaltende Gelehrsamkeit:
       der haarspaltende Friedrich Nork, der größte Poet,
       Der je gelebt, seit die Welt steht.
       Der dichtet und lügt die schönsten Sachen,
       Beweist Euch aus des Orients Sprachen,
       Daß Ihr ein Esel, Elias die Sonne,
       Denn der Orient ist aller Sprachen Bronne.
       Doch Verstand - den findet bei ihm Ihr nie,
       Noch tüchtiges Wissen und Etymologie.
        Hier ist der wackre Herloßsohn,
       Der wohl verdiente einen Thron,
       Ein Novellist und Lyriker,
       Des Unsinns Panegyriker,
       Besonders seinen Kometenstern [328]
       Lesen die Dummen gar zu gern.
        Jetzt kommen, unter Winklers Leitung,
       Die Herren von der "Abend-Zeitung";
       Thuringus, Faber, von Großcreutz,
       Schon in den Namen welch ein Reiz!
       Doch was soll ich sie alle loben?
       Das Publikum, welches etwas verschroben,
       Hat sie schon längst in den Himmel geschoben,
       Bis zu den Sternen sie erhoben.
       Noch einige sind grade abwesend,
       Im Walde dürres Brennholz lesend;
       Vom Lehrlingsschwarm gar nichts zu sagen,
       Die noch zu schwach auf den Amboß schlagen,
       
       #379# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       Doch hoff' ich, werden alle gut,
       Haben sie nur einen Tropfen Novellistenblut.
       
       Siegfried:
       Doch sagt mir, Meister, wie Ihr nur heißt?
       
       Meister:
       Ich fühl den sächsischen Literaturgeist
       Verkörpert in meiner Wenigkeit.
       Doch wollt Ihr sehn, was ich vermag,
       Seht meiner Arme Sehnigkeit,
       Und meinen kräftigen Hammerschlag.
       Ich glaub', Ihr hämmertet auch nicht schlecht;
       Wollt Ihr beitreten meinen Gesellen?
       
       Siegfried:
       Topp, Meister, 's wär mir eben recht,
       Dien' Euch wie ein andrer Schmiedeknecht.
       
       Meister:
       Ich geb Euch zur Lehr bei Theodor Hellen.
       Hämmert zur Probe die 2 Novellen.
       
       Siegfried:
       Ha, wenn mit meinen Fäusten
       Die Eichen ich zerbrach,
       Und wenn vor meinem dreisten
       Angriff der Bär erlag,
       Könnt ich zur Erde ringen
       Den Stier in seiner Brunst,
       Wie sollt' ich den Hammer nicht schwingen
       Zur edlen Schmiedekunst?
       Lehrlingswerk will ich treiben
       Nicht einen Augenblick;
       Gesell will ich nicht bleiben,
       Hier ist mein Meisterstück!
       Gebt mir die Eisenstangen,
       Ein Hieb - sie sind entzwei!
       Zu Staub sie all' zersprangen,
       Das Schmieden ist vorbei!
       
       #380# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       Theodor Hell:
       Gemach! gemach, was soll das heißen?
       Gleich schlag ich Euch, wie Ihr das Eisen!
       
       Siegfried:
       Was hast Du noch zu schwatzen?
       Was tust Du so entrüstet?
       Da liegst Du schon am Boden,
       Steh auf, wenn's Dich gelüstet!
       
       Theodor Hell:
       Ach Hülfe, Hülfe!
       
       Meister:
       Junger Gesell,
       Was schlagt Ihr mir die andern Knechte?
       Marsch, schert Euch flugs mir von der Stell',
       Sonst zieh ich Euch über die Ohren das Fell!
       
       Siegfried:
       Du wärst mir dazu wahrlich der Rechte!
       (Wirft ihn nieder.)
       
       Meister:
       O weh, o weh! etc.
       
       Siegfried wird  in den Wald geschickt, erschlägt den Drachen und,
       zurückgekehrt, den  Meister, jagt  die Gesellen  auseinander  und
       geht weg.
       
       III
       
       Im Walde
       
       Siegfried:
       Jetzt hör ich wieder, wie in den Hagen
       Zwei Männer aufeinander schlagen.
       Da kommen sie her - 's ist wahrlich zum Lachen.
       Da wird keiner den andern verstummen machen!
       Dachte, es kämen zwei Riesen mit Kraft,
       Die stärksten Fichten ihr Lanzenschaft,
       
       #381# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       Da kommen zwei dürre Professoren,
       Werfen sich Bücher an die Ohren.
       (Leo und Michelet kommen.)
       
       Leo:
       Komm an, Du Hund von Hegeling!
       
       Michelet:
       Pietist, bist mir wahrlich zu gering!
       
       Leo:
       Da hast Du die Bibel an den Kopf!
       
       Michelet:
       Und Du den Hegel, verhallerter Tropf!
       
       Leo:
       Ich werf Dir den Hegel, Du Läst'rer, zurück!
       
       Michelet:
       Und ich Dir die Bibel ins Genick!
       
       Leo:
       Was willst Du noch? Du bist ja längst tot?
       
       Michelet:
       Das bist Du, burschikoser Zelot!
       
       Siegfried:
       Was ist von Eurem Streit der Grund?
       
       Leo:
       Der Hegeling, der lästerliche Mund,
       Will die Bibel in Verachtung bringen,
       Da muß man wohl auf ihn eindringen!
       
       Michelet:
       Das lügt der ungehobelte Flegel,
       Er will nicht respektieren den Hegel!
       
       #382# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       Siegfried:
       Aber Ihr werft Euch ja gegenseitig
       Mit den Büchern, um die Ihr streitig?
       
       Leo:
       'S ist einerlei, er ist kein Christ.
       
       Michelet:
       So gut und besser, wie Du einer bist,
       Er schwatzt von Dingen, die er nicht versteht.
       
       Siegfried:
       Was wollt Ihr denn? Eurer Wege geht!
       Wer hat den Streit denn angefangen?
       
       Leo:
       Das tat ich, ich rühm es ohne Bangen.
       Ich habe für Gott und mit Gott gestritten.
       
       Siegfried:
       Da hast Du auf lahmem Pferde geritten.
       Der wird das Christentum nicht töten,
       Du wirst es nicht retten aus den Nöten,
       Laß ihn doch auf seine Art gewähren,
       Steht es Dir doch frei, was andres zu lehren!
       Und laß nicht unsern Herrgott entgelten
       Dein blindes Toben, Dein tolles Schelten!
       Nun geh Du hierhin, Du dahin,
       Und schlagt Euch das Streiten aus dem Sinn!
       (Leo und M[ichelet] zu verschiedenen Seiten ab.)
       
       Siegfried:
       Solche Wut hab' ich nie gesehen,
       Und sind doch friedliche, gelehrte Männer,
       Wie sie so toll aufeinander gehn,
       Der edlen Wissenschaften Kenner! -
       Jetzt aber plagt mich der Hunger wieder,
       Ich will drum gehn ins Tal hernieder,
       
       #383# 15 - Engels an Friedrich Graeber - 23. April - 1. Mai 1839
       -----
       Ob ich wohl find' ein Haus oder Schloß,
       Wo ich labe meine Glieder,
       Sonst schafft mir Beute wohl mein Geschoß.
       
                                    ---
       
       So weit.  Die Stücke  der Handlung habe ich ausgelassen, bloß die
       Einleitung und  die Satirika  abgeschrieben. Dies ist das letzte,
       jetzt sollte der König von Bayern 1*) hergenommen werden, aber da
       stockt's. Die  Abrundung und  Verwicklung fehlt dem Ding. - Bitte
       Wurm, die  Gedichte an  den "Musenalmanach"  zu besorgen, ich muß
       jetzt schließen, die Post geht ab.
       Dein Friedr. Engels
       
       Den 1. Mai 39.
       -----
       1*) Ludwig I.
       

       zurück